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 Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten

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Roux
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BeitragThema: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Fr Jun 21, 2013 8:00 am

1. Ke Kinohi

The Beginning - Der Anfang


Man sollte meinen, dass sich Samantha Haynes freute im Paradies zu sein. Nicht im Sprichwörtlichen. Einem auf Erden. Mitten im Pazifik. Sie neigte sich zu dem Fenster hin und ihr Blick glitt über die Inseln, aufgereiht wie grüne Perlen auf einem unsichtbaren Faden, kilometerweit unter dem Flugzeug. Der Anblick war wunderschön, ja. Aber der Grund, der sie hierher geführt hatte war alles andere als erfreulich. Und so war da ein bitterer Zug um ihre vollen Lippen, der während der nächsten Stunde nicht wich. Nicht als man ihr ein Willkommens-Lei um den Hals legte, sie freundlich auf Hawaii begrüsste und ihr einen erfreulichen Aufenthalt wünschte. Auch nicht, als sie einen ersten Blick auf die atemberaubende Küstenlinie werfen konnte, während sie das Taxi zu dem Polizeipräsidium von Honolulu fuhr. Erst als sie dem Hauptkommissar die Hand schüttelte, in diese Mandelaugen des eingeborenen Mannes in den Mittfünfzigern blickte, die zufrieden über ihren legeren Aufzug glitten, tauchte ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht auf. Sie war ihrem Ziel einen Schritt näher. Oder zumindest hoffte sie das.
"Doctor Haynes. Es ist eine Freude Sie endlich persönlich kennenzulernen. Der Gouverneur spricht in den höchsten Tönen von Ihnen!"
"Die Freude ist ganz meinerseits, Captain Nuali. Ich hoffe sehr, dass ich den Ansprüchen genügen kann."
Nuali nickte wohlwollend, legte seine Hand flüchtig auf ihre Schulter und deutete auf sein Büro, wo sie sich Augenblicke später niederliessen. Es war ziemlich vollgestellt, aber das grosse Fenster hinter dem Schreibtisch liess so viel Sonnenlicht ein, dass keine Bedrückung aufkommen konnte. Sam erspähte ein Familienfoto der Nualis; eine rundliche, strahlende Frau, zwei Mädchen im Teenageralter und ein Golden Retriever, die den Hauptkommissar umrahmten. Sie hoffte für ihn, dass alles genau so glücklich war wie es aussah.
"Ich nehme an, dass Sie sich noch diese Woche mit Gouverneur Denning treffen werden?", fragte der Mann, nachdem er sich erkundigt hatte ob sie eine Erfrischung wollte und sie höflich verneint hatte.
"Exakt. Telefonate sind zwar schön und gut, aber es gibt nichts über eine persönliche Unterredung, finden Sie nicht?"
"Sie haben vollkommen Recht. Nun, kommen wir zum Wesentlichen. Ihre Arbeit für die Polizei von Baltimore ist herausragend." Nuali blätterte durch eine dicke Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. "Allein im letzten halben Jahr sind durch Ihre Hilfe mehr als 20 Kriminelle festgenommen worden. Ich denke, dass es das war, was den Gouverneur von Ihnen überzeugt hat?"
Samantha lächelte milde und erwiderte den forschenden Blick ohne zu Blinzeln. Der Hauptkommissar deutete indirekt an, dass er sich nicht sicher war, ob tatsächlich nur ihre Fähigkeiten als Profilerin dazu geführt hatten, dass man sie ihm unterstellt hatte. Er wusste, dass sie den Gouverneur auch privat kannte und wollte wissen, ob es nichts mehr als eine Gefälligkeit unter Freunden war, die sie hierher gebracht hatte.
"Nun, der Gouverneur ist ein alter Freund der Familie, aber sie kennen ihn bestimmt genau so gut wie ich; wenn es um seine Arbeit geht, dann ist er die Objektivität in Person."
"In der Tat", erwiderte der ältere Herr mit einem Funkeln in den Augen. Sie schien den Test vorerst bestanden zu haben. Doch etwas sagte Sam, dass er sich mit seiner endgültigen Meinung vorerst noch zurückhielt.
Aber egal was Captain Nuali von ihr hielt; wenn Denning wollte, dass sie blieb, dann würde sie bleiben. Er war der Gouverneur und die Macht auf diesen Inseln lag bei ihm. Und sie gedachte zu bleiben. Jedenfalls so lange, wie es nötig war um das zu tun wofür sie diesen Job angenommen hatte. Nicht wegen der Arbeit selbst. Nein, wahrlich nicht. Ihre Anstellung bei der Polizei von Baltimore war perfekt gewesen, da gab es nichts daran auszusetzen. Sie wäre auch jetzt noch dort, wäre da nicht ihr Verlobter gewesen. Richard Dale war der Mann, mit dem sie mittlerweile hätte verheiratet sein sollen. Das Problem war nur, dass er verschwunden war. Seit über vier Monaten hatte ihn niemand mehr gesehen oder etwas von ihm gehört. Die Hinweise hatten Samantha nach O'ahu geführt. Jener Insel auf der sie sich nun befand. Obwohl sie in der Theorie hier war, um eine Stelle als Profilerin für das Polizeidepartement von Honolulu anzutreten, so war der eigentliche Grund für ihren Aufenthalt die persönliche Mission ihren Verlobten zu finden.
Ihr Gesichtsausdruck liess nichts von ihrer inneren Verfassung vermuten; höflich und reserviert beantwortete sie alle Fragen, die ihr Captain Nuali stellte. Ja, sie war sich bewusst, dass es hier weniger Fälle gab als auf dem Festland. Ja, sie war bereit sich einzuarbeiten und anzupassen wenn es um die Unterschiede ging. Nein, sie hatte nichts dagegen, dass ihr jemand zur Seite gestellt wurde, um sie anfangs zu begleiten. Und ja, sie wollte sehr gerne das Büro sehen, das man ihr zugeteilt hatte. Tatsächlich entpuppte sich dieses als ein kleiner Raum, der freundlich und hell war. Selbst eine Topfpflanze stand in einer der Ecken und die beiden Regale, die den Schreibtisch säumten waren leer und schienen nur darauf zu warten von ihr gefüllt zu werden.
"Auf eine produktive Zusammenarbeit!"
"Vielen Dank, Captain. Ich werde Sie nicht enttäuschen!"
"Dann erwarte ich Sie morgen pünktlich um acht."
"Ich werde da sein."


Das Sheraton Waikiki Hotel war eigentlich nicht in ihrer Preisklasse und selbst wenn es das gewesen wäre, hätte sich Sam nicht in solch einem Prunkresort eingemietet. Zu viel Luxus war ihr schon immer suspekt gewesen. Aber der Gouverneur hatte ihr dieses Hotelzimmer zur Verfügung gestellt, damit sie so lange darin unterkam, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hatte. Alle Versuche dieses Angebot abzulehnen waren fehlgeschlagen. Denning stand ihr in Sachen Sturheit in nichts nach. So kam Samantha also in der Lobby des Sheraton an und erhielt prompt ein weiteres Lei um den Hals gehängt. Blumen waren ja schön und gut, doch sie bevorzugte es diese zu geniessen während sie sich noch in der Erde befanden. Aber sie war sich auch bewusst, dass es unhöflich gewesen wäre ungnädig zu reagieren, also lächelte sie die atemberaubend schöne Hotelangestellte an und bedankte sich mit einem Mahalo. Neben Aloha das einzige Wort welches sie in Hawaiianisch beherrschte. Vorerst. Sprachbegabt wie sie war würde sich dies vermutlich schnell ändern.
Kaum eine Stunde später sass sie auf dem Bett in ihrem hellen, freundlich eingerichteten Zimmer mit Blick auf die Ko'olau Bergkette, geduscht, umgezogen und eingerichtet - und kam sich unendlich verloren vor. Was tat sie hier eigentlich? Weit weg von ihrem zu Hause und allen Menschen, die sie kannte und liebte. Abwesend drehte sie an dem Verlobungsring an ihrem Finger herum und dachte an Richard. Eigentlich hätte sie mit ihm hier sein sollen. Es kam ihr vor, als wäre es bereits Jahre her, dass er ihr vorgeschwärmt hatte, wie schön die Inseln waren und ihr versprochen hatte sie eines Tages hierhin zu bringen.
Die vier Monate seiner Abwesenheit kamen ihr wie eine Ewigkeit vor. Seit ihr klar geworden war, dass er verschwunden war, hatte sich ihr Leben komplett verändert. Auf den Kopf gestellt. Die Tage waren eine endlose, verschwommene Aneinanderkettung von Ohnmacht und bangem Warten gewesen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass sich das ändern würde, sobald sie einmal dazu kam etwas Sinnvolles zu tun. Die Suche selbst in die Hand zu nehmen. Denn, dass Harvey Banks nichts ausrichten würde, das war ihr in dem Moment klar geworden, als sie erfahren hatte, dass ausgerechnet er die Ermittlungen im Fall ihres verschwundenen Verlobten bekommen hatte. Banks, der ihr grollte seit vor etwas mehr als zwei Jahren einer seiner Schreibtischwälzer durch sie aufgelöst wurde und er für einige Tage die Zielscheibe von spöttischen Bemerkungen geworden war. Was mittlerweile alle anderen im Polizeihauptquartier von Baltimore längst vergessen hatten, war etwas, das er ihr immer noch vorhielt. Man brauchte kein Profiler zu sein, um das zu sehen. Am Ende hatte Banks sogar den handfesten Beweis, dass sich Richard auf eine Reise nach Hawaii vorbereitet hatte, mit einem süffisanten Lächeln als Hirngespinst ihrerseits abgetan.
Selbst ihr Vorgesetzter, dem sie vertraut hatte, den sie als Freund angesehen hatte, war ihr nicht behilflich gewesen. Ihre emotionale Verstrickung würde ihre Urteilskraft trüben und sie sollte die Ermittlungen doch einem erfahrenen Beamten überlassen, der schon unzählige Fälle in dieser Art gelöst hätte. Dies war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Der Moment in dem Sam beschlossen hatte die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Hier war sie also. Das Jobangebot, welches Denning immer wieder neu unterbreitet hatte, war plötzlich einer Offenbarung gleichgekommen. Jedes Mal wenn sie sich in den letzten Monaten bei ihm gemeldet hatte - weil es ihr Stiefvater so gewollt hätte, weil sie so etwas wie einen Onkel in Samuel Denning sah - hatte sie der Gouverneur dazu aufgefordert nach Hawaii zu kommen, für ihn zu arbeiten. Erst in den letzten Wochen war ihr klar geworden, was für eine Chance das war. Es war ihre Gelegenheit sich abzusetzen und doch an der Quelle zu bleiben, indem sie immer noch für die Polizei arbeitete. Nahezu perfekt. Aber wieso fühlte sie sich dann immer noch so hilflos?
Sam gab sich einen Ruck und versuchte die Trübsal von sich zu schieben. Jetzt war nicht die Zeit zum Jammern. Es war an ihr Richard zu finden und dies würde nicht geschehen indem sie über der Vergangenheit brütete, sondern indem sie etwas tat. Einen Hinweis hatte sie und diesem würde sie noch heute folgen. Denn wer wusste schon wie sehr sie ab morgen mit der neuen Arbeit würde eingebunden sein?


Der Kalani'ana'ole Highway war kein Ort von dem man erwartete, dass sich nur ein paar Meter daneben wunderschöne, idyllische Häuser befanden. Aber die Adresse, die sie auf ihrem Handy gespeichert hatte gehörte genau zu einem Selbigen. Wenn man erst dem schmalen Pfad zur Veranda des weiss gestrichenen Hauses gefolgt war, dann liess nur noch das entfernte Rauschen des Verkehrs vermuten, dass sich das Grundstück nicht mitten in einem riesenhaften Garten befand.
Sams Herz klopfte, als sie den Fuss auf die Veranda setzte und schliesslich vor der Tür zu stehen kam. Die Klingel schrillte durch das ganze Haus, doch nach einer Weile gespannten Wartens, wurde klar, dass niemand zugegen war. Was auch nicht weiter verwunderlich war, denn sie hatte sich nicht angekündigt. Der Besuch war einer spontanen Entscheidung erwachsen und so hatte sie damit rechnen müssen niemanden vorzufinden. Nichtsdestotrotz war die Enttäuschung gross. Nur der Himmel wusste, wann sie wieder dazu kommen würde hier herauszufahren.
Gerade hatte sie ihre Handtasche geschultert, bereit sich unverrichteter Dinge wieder auf den Weg in ihr Hotel zu machen, als eine Stimme hinter ihr ertönte:
"Kann ich Ihnen helfen?"
Sam wirbelte herum und erblickte einen dunkelhaarigen Mann in Badehosen, der ein furchtbar farbiges Surfbrett unter den Arm geklemmt hatte und dem Wasser, welches an ihm herunterlief nach zu urteilen, gerade den Wellen entstiegen war. Für einen Moment blieb ihr Blick an dem gestählten, sonnengebräunten Oberkörper hängen, der reichlich ablenkend war, dann räusperte sie sich und rief zurück:
"Ja, ich suche einen Steven McGarrett..."
Der Mann beschleunigte seinen Schritt und kam einige Herzschläge später vor ihr auf der Veranda zu stehen, wo sich eine Pfütze zu seinen Füssen zu bilden begann. Er lächelte sie freundlich an, obwohl da eine kleine, skeptische Falte zwischen seinen Augenbrauen erschienen war. "Sie haben ihn gefunden." Er reichte ihr die Hand und schüttelte diese kräftig. "Nennen Sie mich Steve."
"Samantha Haynes. Oder Sam, wenn Sie wollen. Sehr erfreut." Sie hielt inne und erwiderte seinen Blick nicht minder neugierig. Er war äusserst attraktiv. Mit seinen eindringlichen, dunkelblauen Augen, der geraden Nase und dem Schatten eines Bartes auf den Wangen, welcher zu dem allgemeinen Bild von gestählter Männlichkeit beitrug. "Ich ... es tut mir Leid, wenn es unpassend ist - wenn Sie möchten, kann ich ein anderes Mal wieder kommen..."
"Nein, gar nicht. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?" Er lehnte das Brett an den Zaun der Veranda und strich sich durch das nasse Haar, sodass es ihm wirr vom Kopf abstand. Wie erwartet stand ihm auch das. Sein Blick war offen und erwartungsvoll auf Sam gerichtet, die plötzlich nicht wirklich wusste, wie sie ihr Anliegen darbringen sollte. Oder um genau zu sein ... was ihr Anliegen überhaupt genau war.
"Es ist ... ziemlich kompliziert", hob sie etwas unsicher an. Musste er sie so eindringlich ansehen? "Es geht um jemanden, den Sie kennen. Ich weiss nicht ob sie sich noch an ihn erinnern. Er heisst Richard Dale." Seinen Namen auszusprechen war furchtbar. Aber noch schlimmer war es das Aufleuchten auf McGarretts Gesicht zu sehen, als er diesen vernahm.
"Richie! Natürlich erinnere ich mich an Crusher! Wir haben schliesslich die Höllenwoche zusammen überstanden." Er schien sich ehrlich zu freuen. Ob nun über die Erinnerungen oder etwas anderes, das vermochte Sam nicht zu sagen. Dazu war sie viel zu aufgewühlt. Und seine nächste Frage verstärkte dieses Gefühl noch zusätzlich. "Sie kennen ihn also auch?"
"Er ist mein Verlobter", gab sie mit einem Lächeln zurück, von dem sie hoffte, dass es nicht  allzu gequält aussah.
Steve stutzte für einen Augenblick, dann lachte er laut auf. "Seine Verlobte! Das ist ja ... wo ist er denn, der gewiefte Kerl?" Und er sah sich tatsächlich um, als erwartete er, dass Richard hinter einem der Büsche hervorsprang und "Überraschung!" rief. Doch als er seinen Blick wieder auf Sam richtete und den Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, erstarb das Lächeln auf seinen markanten Zügen. Seine Hand legte sich auf ihren Oberarm. "Wo ist er?", fragte er wieder, doch dieses Mal klang es besorgt und beinahe behutsam.
Sam schluckte und antwortete: "Das weiss niemand."
Er nickte mit einem ernsten Gesichtsausdruck und verstärkte den Griff an ihrem Arm. "Bitte, komm herein." Sein Ton hatte sich vollkommen verändert. Vertraulich und bestätigend zugleich. Jener Ton, den Mitglieder der Strafverfolgung aufsetzten, wenn sie mit den Angehörigen von Opfern sprachen. Er machte Sam nervös und am liebsten hätte sie seine Hand von sich geschoben. Aber sie bedankte sich stattdessen und liess sich über die Türschwelle führen.
"Setz dich doch schon mal ... ich gehe mich rasch umziehen." Und mit diesen Worten rauschte er eine Treppe hinauf, die zu dem zweiten Stock führte.
Sam war zu erschlagen, um sich genau in dem Wohnzimmer umzusehen, aber alles in allem machte dieses einen heimeligen Eindruck. Sie stand unschlüssig vor dem Eingang und wandte sich schliesslich nach links. Gleich vor ihr war ein Spiegel, der zu einer Garderobe gehörte und ihr Blick huschte kurz über ihre Erscheinung. Das lange, schwarze Haar war wegen der feuchten Meeresluft noch welliger als sonst, hatte sich an der einen oder anderen Stelle zu schwungvollen Locken gekraust, die ihr herzförmiges Gesicht umrahmten. Ihre leicht schräggestellten Augen schossen einen skeptischen Blick auf das Sommerkleid ab, welches knapp über ihren Knien endete und von einem dunkelblauen Ton war. Sie war eindeutig sehr blass, oder wirkte unter all diesen sonnengebräunten Menschen, die sie heute gesehen hatte jedenfalls so. Ob sich ihr englischer Teint jemals an die Sonne Hawaiis gewöhnen würde, blieb abzuwarten. Sie war nicht nur in dieser Hinsicht durch und durch eine Britin.
Mit einem Seufzen wandte sie sich von dem Spiegel ab und widmete sich dem Sofa zu ihrer Linken. An welchem Ort Steve wohl zu sitzen pflegte? Meist setzte man sich als Gast ja genau auf die Stelle, die man hätte meiden sollen. Also liess sie die Ecke des Sofas aus, von der man den gesamten Raum am besten einsehen konnte und liess sich gleich daneben auf das weiche Polster nieder. Erst jetzt glitt ihr Blick über die charmant altmodischen Möbel, den Durchgang in der entfernten Ecke, hinter dem sie einen Teil einer sonnigen Küche erkennen konnte und blieb schliesslich bei dem deplatziert modern aussehenden Fernseher vor dem Sofa, auf dem sie sass, hängen. Das schien die einzige Veränderung zu sein, die er dem Interieur zugefügt hatte. Vermutlich war er einfach zu selten zu Hause oder die Dinge sollten so bleiben, wie sie waren, weil sie einen sentimentalen Wert hatten. Sam tippte auf eine Mischung aus beidem.
Gerade als sie zu diesem Schluss gekommen war, kam Steve wieder die Treppe hinunter gepoltert. Er war noch immer barfuss und in seinen Shorts, doch jetzt hatte er sich ein blaues T-Shirt übergestreift und ein Frotteetuch über die Schultern gelegt. "Tee?", fragte er im Vorbeigehen und hielt auf die Küche zu.
"Ja, bitte."
"Kommt sofort!"
Sam konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und entschied, dass sie diesen Mann mochte. Wenn jemand aufgewühlt war, dann machte er also Tee? Eine gute Strategie.
Während sie auf seine Rückkehr wartete, ging sie in Gedanken nochmals alles durch, was sie über ihn hatte in Erfahrung bringen können. Er war ein dekoriertes Mitglied der U.S. Navy und ehemaliger Navy SEAL - genau wie Richard. Dieser hatte manchmal von seinem Freund gesprochen, der ihm während der unerbittlichen Ausbildung beigestanden hatte - der Grund warum sie überhaupt auf McGarrett gekommen war. Doch wie auch Richard war Steve mittlerweile nicht mehr bei der Navy. Heute leitete er eine spezielle Einsatztruppe, die sich Five-0 nannte. Dies war auch die zweite Verbindung, die sie mit dem Mann teilte, denn sein Team unterstand niemand anderem als dem Gouverneur. Ganz wie sie selbst. Ihre Recherche hatte ergeben, dass die Methoden der Five-0 genau so unorthodox, wie erfolgreich waren. Das kam bestimmt davon, dass sie von einem SEAL geleitet wurde.
Diese Männer teilten für gewöhnlich jenen Hauch von Unerbittlichkeit im Angesicht einer schwierigen Aufgabe. Jedenfalls hatte sie Richard oft genug dabei beobachten können, wie er einen Schalter umgelegt und sich in sein Kämpfer-Ich verwandelt hatte. Aus ihrer geschulten Warte der Psychologin hatte das Sam stets beunruhigt. Dass in jedem Menschen mehrere Persönlichkeiten steckten war an und für sich nichts neues, aber der Grad der Veränderung war ihr immer suspekt vorgekommen. Aber das war nichts, was man dem Mann an seiner Seite sagen konnte. "Schatz, du machst mir Angst wenn du in den Kampf-Modus wechselst. Meinst du nicht auch, dass es krankhafte Züge hat, was die Ausbildung mit dir angestellt hat?" Nein. Einen SEAL als Partner zu haben hiess diese Seite zu akzeptieren.
Man hätte meinen können, dass Tee servieren unmännlich war, aber McGarrett schien prädestiniert alles auf eine raue Art und Weise zu machen. Es war zwar nicht gerade als unelegant zu bezeichnen, aber ein Teil von ihr wunderte sich schon, dass sie gleich darauf beide eine Tasse in der Hand hatten, ohne dass sich die Hälfte des Getränks über den Couchtisch verteilt oder die Zuckerdose zu Boden gekullert war.
Eine Weile beschieden sie sich damit an ihrem Tee zu nippen und sich anzulächeln, wenn ihre Blicke sich trafen, aber schliesslich war es Steve, der das Schweigen unterbrach: "Wie lange ist Richard schon verschwunden?" Er stellte die Tasse ab, neigte sich in ihre Richtung und stützte die Unterarme auf seinen Knien ab. Es war zu erwarten gewesen, dass er niemand war, der um den heissen Brei herumredete.
"Vier Monate und fünf Tage."
"Was wurde bereits unternommen?"
"Nicht genug."
Die Beiden sahen einander für einige Herzschläge schweigend und ernst an, ehe McGarrett nickte. Sam brauchte nicht mehr zu sagen, dass sie auf eigene Faust hier war. Sie wusste, dass er erahnen konnte, was vor sich ging.
Aber während sie sich an ihre Tasse klammerte, weil es sich so etwas leichter über dieses Thema sprechen liess, erklärte sie ihm die Sachlage. Dass Richard ein erfolgreicher Unternehmer in der Sicherheitsbranche und deshalb viel auf Reisen war, dass er von einem Tag auf den anderen verschwunden war, sie ihn als vermisst gemeldet hatte und seitdem nicht viel passiert war. Dass sie schliesslich einen Hinweis gefunden hatte, der auf eine Reise nach Hawaii gedeutet hat und der leitende Ermittler diesen als unwichtig abgetan hatte. Während dieser ganzen Erklärung vermied sie es geschickt sich selbst als Angestellte der Polizei zu offenbaren. Aus ihrem Mund klang das alles nach einer normalen Bürgerin, die um ihren Verlobten besorgt war.
"Und wie hast du mich gefunden?", fragte Steve, dessen Gesichtsausdruck mit jedem weiteren Wort, welches von ihr gekommen war, mehr verfinstert hatte.
"Über das Internet. Richard hat oft von dir gesprochen und ich wusste, dass du von hier bist. Ich kam hierher und habe gehofft, dass du wieder in Hawaii lebst." Eine abgespeckte Version der Wahrheit, aber nichtsdestotrotz stimmte das so ungefähr. Nur dass sie die Polizeidatenbank genutzt hatte, um ihn aufzufinden und vor allem um einen Hintergrundcheck über seine Person durchzuführen. Sams Blick verschwamm in der Ferne und sie sprach aus, was ihr seit der Begegnung auf der Veranda im Kopf herumgegeisterte: "Ich schätze ein Teil von mir hat gehofft, dass er sich bei dir gemeldet hat oder sogar hier untergekommen ist..." Es war eine absurde Hoffnung gewesen, aber so funktionierte der menschliche Verstand nun einmal. Man hielt sich an Dingen fest, egal wie schwach und unwahrscheinlich sie waren. In dem Moment auf der Veranda, als er gefragt hatte ob sie Richard auch kannte, war diese Hoffnung gestorben. Und womit sollte sie sie nun ersetzen?
"Es tut mir Leid, Sam, aber ich habe seit Jahren nichts mehr von ihm gehört." Plötzlich legte sich seine schwere Hand auf ihr Knie und sie blickte zu ihm auf. "Aber ich werde dir helfen ihn zu finden. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht." Und er nickte ihr auf eine versichernde Art und Weise zu, bohrte diese blauen Augen in die ihren.
"Danke." Wieso zum Kuckuck hatte sie plötzlich das Gefühl den Tränen nahe zu sein? Herrgott, das fehlte ja jetzt noch. Dass sie sich hier in Tränen auflöste und den Mann heillos überforderte. Sie gab sich einen Ruck und entschied sich zu verschwinden. Nüchtern betrachtet hatte dieser Besuch nichts gebracht. Ausser ein paar Komplikationen vielleicht? Was wenn Steve herausfand, dass sie bei dem HPD angestellt war und einen ziemlichen Brocken der Geschichte ausgelassen hatte? Was wenn er sich verplapperte oder an den falschen Stellen die falschen Fragen stellte, sodass jemand auf die Idee kam sich zu fragen warum sie diese Stelle wirklich angenommen hatte? Aber sie war jetzt nicht dazu fähig sich darum zu kümmern. Sie brauchte Ruhe und ein paar Stunden Schlaf, um sich von den neuen Eindrücken und dem Flug zu erholen. Also richtete sie sich mit einem Ruck auf und erntete einen perplexen Blick von Steve, ehe es ihr dieser nachtat und sich ebenfalls aufrichtete.
"Es tut mir leid, aber ich muss gehen. Danke für ... alles. Und entschuldige bitte die Störung."
"Ich ... ähm ... ja, keine Ursache", gab er zurück, während er verfolgte wie Sam ihre Tasche schulterte. Und als sie die Tür bereits erreicht hatte, rief er plötzlich: "Halt! Warte!"
Sam wandte sich ihm zu und presste die Lippen aufeinander. Hatte er womöglich eine Schwachstelle in ihrer Geschichte entdeckt?
"Wo kann ich dich erreichen? Falls ich etwas herausfinde." Er schloss zu ihr auf und sah sie erwartungsvoll an.
"Ich wohne ihm Sheraton. Also..."
Steve nickte und schenkte ihr ein Lächeln. "Alles klar. Ich hoffe du geniesst den Aloha Spirit ... trotz allem. Und wenn du etwas brauchst..." Er beugte sich über das Schränkchen neben dem Eingang und zog eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche. "Ich bin selten zu Hause. Meine Handynummer ist der beste Weg mich zu erreichen."
"Mahalo", erwiderte Sam mit einem Nicken und kleinen Lächeln, was ihm wiederum ein Grinsen entlockte. Dann öffnete er die Tür, um sie herauszulassen.


Die nächsten Tage vergingen in einem Wirbel von neuen Eindrücken. Ihr neuer Partner, die unbekannten Abläufe einer fremden Polizeistation und vor allem diese hawaiianische Art und Weise alles zu machen – Sam hatte viel zu lernen. Ihr persönliches Ziel Richard zu finden hielt sie nicht davon ab sich vollständig in die ihr anvertrauten Aufgaben zu knien. Sie machte grundsätzlich nichts mit halbem Herzen. Obwohl sie in manchen Momenten Baltimore vermisste, so war sie im Grunde zufrieden. Dieses Gefühl war an diesem Tag besonders ausgeprägt.
Sie sass mit ihrem Partner Germain La Roche in einem zivilen Fahrzeug und fuhr ihrem ersten richtigen Feldeinsatz entgegen. Nun, eigentlich konnte man das nicht so nennen, denn sie trug keine Waffe und war im Grunde nur eine Beraterin - aber dennoch. Sie waren unterwegs. Der Afroamerikaner sass am Steuer und fuhr gerade so schnell, dass es nicht als halsbrecherisch bezeichnet werden konnte.
„Haben wir keine Sirene?“, fragte sie und versuchte den Ton von Unbehagen aus ihrer Stimme zu verbannen.
„Die würde uns nur aufhalten.“
Sam hob die Augenbraue, fragte aber nicht weiter nach. Der Mann neben ihr sollte sich besser ohne Ablenkungen auf die Strasse konzentrieren können. Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu und lächelte in sich hinein. Er war der gesetzte, loyale Typ Polizist. Ursprünglich aus New Orleans, hatte es ihn aus Gründen, die sie nach kaum einem Monat der Zusammenarbeit mit ihm noch nicht kannte, nach Hawaii verschlagen. Mittlerweile war er zum Inspector im Morddezernat der Honolulu PD befördert worden und Sam hoffte inständig, dass er es nicht als Strafe ansah, dass sie ihm zur Seite gestellt worden war, nachdem sein vorheriger Partner in Rente gegangen war. Aber bisher waren sie sehr gut miteinander ausgekommen. Er war nicht der Typ, der ihre Einsichten bei Seite wischte, nur weil sie neu war. Und sie war offen und anpassungsfähig genug, um sich seinem Ermittlungsstil zu unterwerfen. Vorerst jedenfalls. Noch hatte sie sich nicht wirklich beweisen können, weil sie bisher nur mit zwei ziemlich klaren Fällen zu tun gehabt hatten, die auch ein einfacher Verkehrspolizist hätte auflösen können. Captain Nuali hatte Recht behalten; O’ahu war kein Ort, der von Mordfällen wimmelte.
Offenbar war heute eine Ausnahme. Eine Streife hatte sie angefordert, weil allem Anschein nach eine Leiche gefunden worden war. Einige Schilder und Namen von Restaurants und Läden verrieten Sam, dass sie sich gerade in Waikiki befanden – die Geografie der Insel war ihr immer noch ein Rätsel. Doch es ging immer weiter, an den Hotels und Bars vorbei, bis sie schliesslich in einem Gebiet gelandet waren, dass sie noch vom ersten Fall her kannte. Kahala. Das noble Wohnviertel Honolulus, wo sich die Villen der Superreichen aneinander reihten. Gerade in ihrer ersten Woche hatte es hier einen Fall von versuchtem Mord gegeben, der sich schnell aufgelöst hatte. Die frustrierte Frau eines Geschäftsmannes hatte offenbar genug von dem Selbigen gehabt und sich kurzerhand seine Waffe aus der Nachttischschublade gegriffen. Der Mann hatte überlebt, aber nur gerade so. Der Fall war Sam noch sehr präsent, vor allem weil es ihr als Frischling natürlich zugefallen war den Papierkram zu erledigen. Eine gute Übung wie ihr La Roche mit einem Grinsen versichert hatte. Natürlich war es nichts dergleichen, aber sie tat was er von ihr verlangte und das ohne zu murren, denn sie war sich sicher, dass er ihr nichts aufdrückte, was nicht auch irgendwie Sinn machte. Ausserdem war der Papierkram schliesslich und endlich etwas, was einfach erledigt werden musste.
Als der SUV zu stehen kam, war das vor dem gelben, im starken Inselwind flatternden Band, welches einen Tatort abgrenzte und gerade von einem Officer in Uniform gespannt wurde. Die Leiche lag offenbar im Garten hinter dem lächerlich teuer aussehenden Haus, denn die Beiden wurden sofort von einem weiteren Polizisten nach hinten geführt. Der Garten war minimalistisch bepflanzt. Sam zählte vier einsame Büsche die den Rasen zierten. Dieser sah aus, als hätte man ihn mit einem Lineal getrimmt. Das Wasser im riesenhaften Swimmingpool glitzerte in der Morgensonne.
„Sie wurde vor einer Stunde von dem Besitzer des Hauses gefunden, Inspector“, begann der junge Mann zu erklären und schien Sams Anwesenheit nicht einmal richtig registriert zu haben. Warum hätte heute auch anders sein sollen… Lag es daran, dass sie eine Frau oder keine Eingeborene war? Was es auch war, Sam wischte ihren Unmut bei Seite und konzentrierte sich stattdessen auf die Sachlage, welche ihnen gerade dargelegt wurde. „Der Mann behauptet sie noch nie im Leben gesehen zu haben. Wir haben sie natürlich nicht bewegt…“
Etwas an der Haltung des Officers sagte Sam, dass er die Leiche, die mitten auf dem Rasen lag, lieber nicht noch einmal sehen wollte, als La Roche in die Hocke ging und die weisse Plane anhob. Er zuckte merklich zusammen, dann wandte er sich an Sam. „Das solltest du dir ansehen…“
Es war wie erwartet kein schöner Anblick. Die Frau war ungefähr Mitte Zwanzig, brünett und attraktiv. Oder zumindest musste sie das gewesen sein, bevor man sie gefoltert hatte. Das Gesicht war bläulich angelaufen, die Lippen standen offen und der einzige Trost am Ganzen war, dass zumindest ihre Augen geschlossen waren. Ihr vollkommen nackter Körper war bedeckt von runden, münzgrossen Verbrennungen, die, nachdem Samantha die Plane vollständig von ihr entfernt hatte, überall aufzufinden waren. Die Foltermale konzentrierten sich jedoch vor allem auf den Torso. Hand- und Fussgelenke zeugten davon, dass sie über längere Zeit gefesselt worden war und die dunklen Male an ihrem schlanken Hals liessen vermuten, dass sie schlussendlich erwürgt worden war. Man hatte sie achtlos mitten auf dem Rasen neben dem Swimmingpool abgelegt, die Glieder irgendwie abgewinkelt, wie eine Puppe, die niemand mehr wollte.
„Sadistische Folter. Aber bevor ich eine Theorie aufstellen kann, muss ein Obduktionsbericht vorliegen.“ Sam warf die Plane wieder zurück über die Leiche und registrierte aus den Augenwinkeln, wie sich die Schultern des jungen Officers wieder senkten, als hätte er bisher den Atem angehalten.
La Roche nickte ernst. Dann wandte er sich an den Mann: „Hat man sie bereits identifiziert?“
„Negativ. Man hat nichts auf ihr gefunden, dass sie identifizieren konnte. Aber die Gegend muss noch abgesucht werden.“
Ihr Partner wandte sich in ihre Richtung und wollte gerade etwas sagen, als sich sein Blick in die Ferne auf etwas hinter Sam richtete und augenblicklich verfinsterte. „Was wollen denn die Hampelmänner hier?“
Perplex wandte sich Samantha um. Da war eine Gruppe von vier, die sich ihnen näherte. Die Marken an ihren Gürteln schimmerten in der Sonne und sie hatten einen Hauch von Überlegenheit an sich. Zumindest drei von ihnen, die Frau und zwei der Männer. Der dritte Mann, kleingewachsen und asiatisch, hatte einen blauen Overall und führte eine Kiste mit sich, die ihn verdächtig nach Gerichtsmediziner aussehen liess. Dieser hatte keine Marke und auch nichts Überlegenes an sich. Sein Blick hing an der weissen Plane und er steuerte direkt auf diese zu, während die anderen drei auf La Roche zuhielten.
„Meine Herren. Die Dame“, sagte dieser tonlos. „Inspector La Roche. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Was haben wir hier, Inspector?“, fragte der blonde der Drei, während er die Augen gegen die schräg einfallende Morgensonne abschirmte.
„Eine unbekannte Leiche. Darf ich fragen was sie hierher führt?“
„Der Gouverneur.“ Die tiefe Stimme ertönte hinter Sam und La Roche, liess beide herumfahren.
Sams Herzschlag setzte für einen Moment aus, als sie erkannte, dass die Stimme zu niemand anderem als Steve McGarrett gehörte. Verflucht!
Sein eindeutig überraschter Blick blieb für einen Moment an ihr hängen, eine seiner Augenbrauen wanderte um einen Hauch nach oben, doch dann wurde er von La Roche angesprochen und wandte sich stattdessen an ihn.
„McGarrett. Dann ist das nun wohl ein Fall für die Five-0?“
„In der Tat, Inspector La Roche. Aber wir zählen auf ihre Unterstützung. Wie immer.“ Steve war knapp und geschäftlich. Ganz anders, als sie ihn erlebt hatte. Selbst seine Haltung hatte etwas von einem Mann, der es gewohnt war irgendwo aufzutauchen und sogleich alles zu übernehmen.
Sam konnte es dem armen La Roche nicht verdenken, dass er reichlich genervt klang, als er echote: „Ja, wie immer.“
„Wollen Sie uns nicht vorstellen?“, fragte Steve schliesslich, nachdem er den Inspektor für einen Moment ungerührt angesehen hatte. Sein Blick ruhte nun wieder auf Sam und da war ein Funkeln in seinen Augen, von dem sie nicht sagen konnte ob es ärgerlicher oder amüsierter Natur war.
„Doctor Samantha Haynes. Sie arbeitet seit kurzem als Profilerin für das Morddezernat und ist meine neue Partnerin. Sie hat Neely ersetzt. Sam, das ist Lieutenant Commander Steve McGarrett, er leitet die Five-0.“
Steve nickte langsam, dann reichte er ihr die Hand. „Sehr erfreut, Doctor.“
„Ebenfalls, Commander.“
Sie ernteten einen fragenden Blick von La Roche, der bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Sam und Steve beachteten ihn nicht. Die Nasenflügel ihres Gegenübers hatten sich gebläht und da war ein Hauch von einem grimmigen Grinsen auf seinen Zügen. Sam erwiderte den Blick ungerührt, so lange bis Steve in Richtung seines Teams nickte.
Eine kurze Vorstellungsrunde, begleitet von um einiges wärmeren Handschlägen und einem besonders herzlichen Lächeln von dem blonden Detective Williams, folgte auf die angespannte Begegnung mit Steve. Vor allem versuchte ihr dieses Mal niemand die Hand zu brechen. Sam merkte sich die Namen und verband sie mit den Gesichtern, die vor ihr waren. Der sympathische Kelly und die schöne Kalakaua. Beide schienen Eingeborene zu sein, die - wie so viele auf Hawaii - asiatische Vorfahren hatten. Und die blonde Tolle, die zu Williams gehörte, war sowieso kaum zu verwechseln. Sein Akzent liess vermuten, dass er vom Festland kam. Sie lächelte ihnen allen herzlich entgegen und kam nicht umhin sie zu mögen, auch wenn sie sie überhaupt nicht kannte und La Roche vermutlich entsetzt ausgerufen hätte, wenn er gewusst hätte, was in seiner Partnerin vorging.
„Nun, Doctor Haynes. Was sagen Sie als Profilerin zu der Leiche?“, fragte Williams sogleich und schloss die Lücke zwischen ihnen, indem er auf sie zutrat. Er sah sie erwartungsvoll an, nachdem sein Blick wie schon zuvor über ihre Erscheinung in Jeans und ärmelloser Bluse geglitten war. Es hätte kaum offensichtlicher sein können, dass ihm ihre professionelle Meinung nicht annähernd so wichtig war, wie es hätte aussehen sollen.
Sam unterdrückte ein Lächeln und wandte sich dem Mann im Overall zu, der neben der Unbekannten kniete. „Mich würde interessieren was Sie darüber denken, Mr … ?“
Der Angesprochene reagierte nicht. Seine Finger, die in blauen Latexhandschuhen steckten, glitten gerade über die Würgemale am Hals des Opfers. Erst als Williams ungeduldig „Max!“ rief, wandte sich der Asiate um und blickte zu ihr auf. Der Blonde übernahm die erneute Vorstellung und es stellte sich heraus, dass Sam  gerade einem Doctor Max Bergman gegenüberstand. Sie wiederholte ihre Frage höflich.
„Das Opfer ist offensichtlich gefoltert worden. Die Verbrennungen deuten auf Elektroschocks hin. Sie war mindestens über mehrere Tage gefesselt und gefoltert worden, denn einige Verletzungen waren bereits dabei gewesen zu verheilen. Die Todesursache ist sehr wahrscheinlich Strangulation“, ratterte der Gerichtsmediziner herunter.
„Zeitpunkt?“, wollte McGarrett wissen.
„Der kaum eingetretenen Starre nach zu urteilen etwa zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens.“
„Ein seltsamer Ort eine Leiche abzuladen, nicht?“ Es war Officer Kalakaua, die dies bemerkt hatte.
Sam nahm die Gelegenheit wahr, um ihre Gedanken dazu mitzuteilen. „Die ganze Art der Ablage hat viel Aussagekraft an sich. Es war riskant in dieser Nachbarschaft unbemerkt eine Leiche abzulegen, auch wenn es mitten in der Nacht geschah. Ausserdem hat er dafür gesorgt, dass sie selbst hier noch erniedrigt wird; nackt und in dieser achtlosen Position hingelegt. Das ist eindeutig ein organisierter, gewissenloser Täter, der eine Nachricht übermitteln will.“
„Keine gute Kombination“, merkte Steve auf. „Und was für eine Nachricht soll das sein?“ Nun, da sie über den Fall sprachen, war die Angespanntheit von vorhin in den Hintergrund gerückt. Der ernste Gesichtsausdruck, den er zur Schau stellte, galt eindeutig den offenen Fragen, die die Leiche aufwarf.
Sam sah ihn ebenso ernst an. „Seht her was ich machen kann.“ Dann wandte sie sich an den
jungen Officer, der noch immer bei ihnen herumstand. „Wie heisst der Mann, der sie gefunden hat?“
„Ein Gewisser Alan Fields. Ihm gehört das Haus.“ Und als sie danach fragte, stellte sich heraus, dass dieser ein Architekt war.
„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich der Täter diesen Garten nur zufällig ausgesucht hat. Mr. Fields könnte entweder das direkte Ziel sein oder stellvertretend für diese Gesellschaftsschicht stehen, die die Kahala Nachbarschaft bevölkert.“
„Wir sollten also definitiv mit ihm sprechen“, sagte Steve und nickte Sam zu.
Ohne einen Blick zurück, setzten sich die Beiden in Bewegung und gingen in Richtung des Hintereingangs, von dem Steve vorhin erschienen war.
„Wir warten dann einfach hier, ja?“, rief ihnen Williams mit unüberhörbarem Sarkasmus hinterher.
„Tut euch keinen Zwang an“, kam es von Steve zurück, der sich nicht einmal umsah.
Sam hielt jedoch inne und sah einigermassen Betreten zu La Roche. Dieser hob eine Augenbraue, dann winkte er sie weg, als wollte er sagen: Wenn es unbedingt sein muss…
Das Interieur des Hauses war schlicht - um es nicht halb leer zu nennen - und war der Inbegriff von modern nüchterner Einrichtungsart. Sam fragte sich kurz ob der Mann das Haus selbst entworfen hatte. Aber was sie viel eher beschäftigte war diese Anspannung zwischen ihr und Steve. Sie sahen einander nicht an und gerade waren sie sich stillschweigend einig, dass der Fall hier Vorrang hatte. Aber es war klar, dass sie sich früher oder später den Fragen stellen musste, mit denen Steve bestimmt aufkommen würde. Er war definitiv niemand, der so etwas auf sich sitzen liess. Und wenn sie recht darüber nachdachte, dann wäre es ihr, wenn es umgekehrt gewesen wäre, genau so ergangen.
Sie entdeckten den Besitzer des Hauses auf dem Sofa in der entfernten Ecke des Wohnzimmers. Er war der einzige in Jogginghosen und derjenige, der angespannt beobachtete wie die Polizisten durch sein Haus eilten. Er war blond und athletisch, wenig älter als 40.
„Mr. Fields?“ Der Mann sah zu McGarrett auf, dann nickte er. Steve stellte sich und Sam vor, dann kam er sofort zum Punkt. „Wann haben Sie die Leiche entdeckt?“
„Das war gegen acht. Ich gehe um diese Zeit immer Joggen. Heute habe ich den Hinterausgang genommen, weil ich noch einen Blick auf den Pool werfen wollte – Sie wissen schon … um zu sehen ob er gereinigt werden muss oder nicht…“
Offensichtlich wusste Steve genau so wenig wie sie, wie das war, wenn man den hauseigenen Pool und dessen Grad der Verschmutzung begutachten musste. Steve sah ohnehin so aus, als könnte er es nicht nachvollziehen, dass jemand, der auf einer Insel lebte einen Ersatz für das Meer vor der Haustüre brauchte. Jedenfalls deutete Sam den skeptisch, ablehnenden Blick mit dem dieser Mr. Fields bedachte so und dachte daran zurück, wie Steve ein Surfbrett unter dem Arm gehabt hatte, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war.
„Jedenfalls lag sie da. Einfach so! Mitten auf dem Rasen! Ein Glück, dass Caroline nicht hier ist…“ Der Blick des Mannes schweifte in die Ferne. Vermutlich malte er sich aus, wie diese Caroline reagiert hätte, wenn sie die Leiche gesehen hätte.
„Kennen Sie die Frau?“
„Was? Nein, natürlich nicht!“
McGarrett verschränkte die Arme und sagte in einem ablehnenden Ton: „Nun, so selbstverständlich ist das nicht. Schliesslich hat man sie in Ihrem Garten aufgefunden.“
Der Mann schien sich eindeutig von Steve in die Ecke gedrängt zu fühlen. „Hören Sie mal! Ich bin ein unbescholtener Bürger der Staaten. Ich weiss nichts von Leichen und … dergleichen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diese Sache so schnell als möglich aufklären würden und ich mein Haus wieder zurück kriege!“
Bevor Steve etwas Patziges erwidern konnte, schaltete sich Sam ein: „Haben Sie in letzter Zeit jemanden in der Nähe beobachtet, der nicht hierher gehört? Einen Wagen, der lange geparkt war oder jemand, der hier herumgelungert ist?“
„Nein.“
„Und was ist mit etwaigen Drohungen? Seltsamen Anrufen? Vandalismus?“
„Nein! Worauf wollen Sie hinaus? Dass mir jemand eins Auswischen will indem er mir eine Leiche in den Garten legt?“ Fields schien zunehmend irritiert von ihnen Beiden.
„Im Moment können wir nichts ausschliessen“, sagte Steve trocken. Sehr gut. Polizei Einmaleins, Punkt 6: Erwidere etwas Schwammiges, wenn dir eine Gegenfrage gestellt wird.
Der Mann schüttelte den Kopf und schloss für einen Moment die Augen. „Hören Sie. Meine Frau ist schwanger und gerade bei ihrer Schwester zu Besuch. Wenn sie in drei Tagen zurück kommt, möchte ich sie von all dem abschirmen. Gibt es irgendeine Möglichkeit, wie ich das Ganze beschleunigen kann?“
„Ja. Sie können unsere Fragen wahrheitsgetreu beantworten und kooperieren, Sir. Aber die Ermittlung wird so lange dauern, wie sie dauern wird. Verstehen Sie?“ Steve war zwar nicht mehr so grantig wie vorhin, aber noch immer unerbittlich. Etwas Anderes wäre auch ziemlich verwunderlich gewesen.
Das schien auch dem Befragten klar zu werden, denn als er „Okay!“ sagte, hatte es etwas von einem Mann an sich, der sich geschlagen gibt.
„Dann nochmals: Haben Sie irgendeine Ahnung wer die Frau ist? Oder warum man sie ausgerechnet in Ihren Garten gelegt hat?“
Nein. Ich schwöre, ich habe die Frau noch nie gesehen und ich weiss nicht warum man das getan hat. Ich habe nichts Verdächtiges gesehen und ich gehe Problemen mit Freuden aus dem Weg.“ Die blauen Augen des Mannes waren beinahe flehentlich geweitet und sein Blick schweifte von McGarrett zu Sam und wieder zurück.
„Vielen Dank, Sir. Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, dann melden Sie sich bitte umgehend bei der Polizei.“ Sam nickte dem Mann freundlich lächelnd zu. Er sah so aus, als hätte er für einen Tag genug durchgemacht und es war offensichtlich, dass sie von ihm nichts mehr erfahren würden.
Steve folgte ihr, doch nur widerwillig, wie es aussah. Denn als sie sich von dem Sofa entfernten, warf er dem Mann noch einen letzten skeptischen Blick zu, bevor sie wieder aus dem Hintereingang heraustraten und vor dem Pool stehen blieben.
„Glaubst du ihm?“, wollte er schliesslich wissen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja. Er scheint wirklich keinen Schimmer zu haben, weshalb man die Leiche bei ihm abgelegt hat.“
„Und wieso will er uns dann so schnell wie möglich loswerden?“
„Nun, aus eben jenem Grund, den er uns genannt hat; weil er seine schwangere Frau beschützen will.“ Und auf Steves skeptisches Anheben der Augenbraue hin ergänzte sie: „Oder er mag es nicht, wenn die Polizei sein Grundstück schwärmt und die Nachbarn alles mitkriegen?“
„Oder er hat etwas zu verbergen.“
„Ich denke, du magst ihn einfach nicht.“
„Ach so! Ich mag ihn einfach nicht. Was ist das? Dein Profiler-Instinkt?“, fragte er spöttisch, obwohl es nicht klarer sein konnte, dass er eigentlich verärgert war und es nichts mit Mr. Fields zu tun hatte.
„Wenn du wütend auf mich bist, dann kannst du das auch einfach sagen.“ Sam tat es ihm nach und verschränkte die Arme, dann beschied sie sich damit ihn ernst und abwartend anzusehen. Sie würde bestimmt nicht vor ihm kuschen. Weder unterstand sie ihm, noch war sie ihm Rechenschaft schuldig.
„Wieso sollte ich? Es ist ja nicht so, als hättest du mir etwas verheimlicht...“ Steves raue Stimme klang ziemlich bedrohlich und der Blick hätte eine Lunte zünden können.
„Ich gebe zu, dass es vielleicht nicht die feine englische Art war dir nicht zu sagen, dass ich für die Polizei arbeite – aber ich kenne dich gar nicht. Wieso sollte ich alles vor dir ausbreiten?“ Sam klang ruhiger, als sie wirklich war. Derart von ihm angefunkelt zu werden machte sie nervös. Ausserdem missfiel ihr die Tatsache, dass sie zu ihm aufblicken musste, wenn er so nahe vor ihr stand.
„Weil du mich um meine Hilfe gebeten hast.“
„Das habe ich nicht!“
„Du bist bei mir aufgetaucht, hast mir die Geschichte erzählt und zugegeben, dass du gehofft hast ihn bei mir zu finden – das wäre ungefähr meine Definition von um Hilfe bitten.“
„Nun, meine ist es nicht. Ich wollte etwas herausfinden und das habe ich getan. Du hast mir deine Hilfe freiwillig angeboten und ich bin dankbar dafür, aber ich habe dich nicht darum gebeten.“
„Und was hast du herausgefunden?“, fragte er angriffslustig.
Sam liess die Arme sinken. „Dass du nichts von ihm gehört hast. Und dass du ein loyaler Freund bist.“ Sie fühlte sich plötzlich müde und hatte genug. Von allem. Dabei hatte dieser Tag so gut angefangen… Sie strich mit den Fingern über ihre Schläfe. „Hör zu. Es tut mir Leid, dass ich nicht ganz ehrlich zu dir war. Aber wir sollten wirklich zurück zu unseren Leuten. Die Arbeit wartet.“
Steve sah tatsächlich betreten aus. Als er nickte, tat er das langsam und biss sich dabei auf die Innenseite seiner Wange. „Du hast Recht. Aber bevor wir gehen … das Angebot steht trotzdem noch. Ich helfe dir wo ich kann Richard zu finden. Okay?“
„Ja. Okay. Danke, Steve.“ Sie rang sich ein Lächeln ab, dann wandte sie sich um.
Die anderen Mitglieder der Five-0 waren nicht mehr neben der Leiche zu sehen, aber Germain stand noch dort und sprach am Telefon mit jemandem. Sam hoffte, dass er ihr Gespräch mit McGarrett nicht aus der Ferne beobachtet hatte. Obwohl er nichts gehört hätte, so waren Cops doch verflucht gut darin die Körpersprache anderer zu lesen. Die Ihrigen hatten bestimmt geradezu nach persönlicher Verstrickung geschrien…

***

„Was hat die Befragung ergeben?“
„Nichts. Er behauptet die Frau nicht zu kennen und nicht zu wissen, weshalb man sie in seinen Garten gelegt hat.“
„Und du bist deswegen schon die ganze Fahrt über so grantig?“, fragte Danno und blickte seinen Partner von der Seite an.
Wie immer war es Steve, der den Camaro fuhr. „Ich bin nicht grantig“, erwiderte er tonlos.
„Ja, schon klar…“ Für einen Moment herrschte Schweigen während sie den Highway entlang rauschten, dann hob Danny wieder an zu sprechen. „Nein, wirklich … was ist los mit dir?“
„Ich sagte doch, dass nichts ist! Würdest du es bitte sein lassen?“
„Dann ist also doch was? Sonst gäbe es ja wohl nichts sein zu lassen…“
Steve mahlte mit dem Kiefer und schwieg. Doch der ununterbrochene Blick mit dem er von der Seite angestarrt wurde, liess ihn schliesslich zu dem Blonden herübersehen. „Was willst du hören, Danny?“
„Ich will wissen weshalb du so verflucht ärgerlich bist! Ist dir etwa die heisse Profilerin zu Kopf gestiegen?“ Und als er sah wie Steve die Nasenflügel blähte, deutete er triumphierend auf ihn und machte „Hah!“
Steve zog eine genervte Grimasse und blickte stur auf die Strasse.
„Was ist passiert? Hast du sie auf einen Teller Shrimps eingeladen und sie hat dich abgewiesen? Wir wissen ja, dass dein Ego sehr zart besaitet ist…“
Schweigen.
„Hat sie dich bei der Befragung ausgestochen? Die besseren Fragen gestellt?“
Auch das brachte keine Reaktion hervor. Jedenfalls keine Verbale.
„Ich weiss! Der Typ hat sie eingeladen und sie hat angenommen!“ Danny klatschte in die Hände und neigte sich dem Fahrer entgegen, um jede Reaktion auf dessen stoppelbärtigem Gesicht einzufangen.
„Wirst du jemals damit aufhören?“
„Du kennst die Antwort.“
Steve schüttelte resigniert den Kopf, dann trat er auf die Bremse, sodass sie vor dem Hauptquartier der Five-0 zu stehen kamen. Er wandte sich im Sitz um, nachdem er den Motor abgestellt hatte und sah Danny finster an. „Vor einigen Wochen stand sie auf meiner Veranda, als ich vom Surfen zurückgekommen bin.“
„Wer stand da?“
„Na, die Profilerin, Einstein!“
„Ach so… Dann hatte ich also Recht! Fahr fort!“ Und er lehnte sich in dem Sitz zurück, verschränkte die Finger vor dem Bauch, als bereitete er sich darauf vor eine spannende Geschichte zu hören.
Steve schüttelte abermals den Kopf, dann tat er wie geheissen: „Jedenfalls wollte sie meine Hilfe, um ihren Verlobten zu finden…“
„Ihren Verlobten? Ach verflucht! Wir sind zu spät, Kumpel…“
„Halt die Klappe! Jedenfalls ist ihr Verlobter ein alter Freund. Ein SEAL, der mit mir ausgebildet wurde.“
„Ein Insiderjob also?“ Danny schien alles furchtbar witzig zu finden.
„Der Mann ist seit vier Monaten verschwunden!“, grollte Steve.
Das brachte den Blonden zum Stutzen. Er schien erst jetzt eins und eins zusammenzuzählen. „Du sagst ihr Liebster in ein SEAL und seit vier Monaten verschwunden? Und nun ist sie in Hawaii um was … um ihn zu finden? Mit deiner Hilfe?“
Steve zuckte mit den Schultern und neigte den Kopf zur Seite.
Danny verengte verständnislos die Augen. „Und bist erst jetzt aufgebracht weil der Typ verschwunden ist? Obwohl sie dir das schon vor Wochen erzählt hat?“
„Ich bin nicht aufgebracht!“ Und als ein skeptisches Heben der Augenbraue zurückkam, verwarf McGarrett die Hände und sagte: „Na gut! Ich bin aufgebracht. Aber nicht wegen Richard.“
„Ich komme nicht mehr mit… Weshalb sonst? Weil ein geheimer SEAL-Kodex verbietet sich an die Verlobte eines Kameraden ranzumachen?“
„Du kannst wohl niemals ernst sein…“
„Man nennt es Überlebensstrategie. Ich habe viel mit dir zu tun – ich brauche das.“
Wieder schüttelte Steve den Kopf, dann öffnete er energisch die Autotür und stieg aus. Erst als er mit Danny den gepflasterten Weg zum Eingang des Hauptquartiers entlangging, erklärte er diesem was ihn ärgerlich stimmte. „Sie hat mir die ganze Geschichte von Richards Verschwinden erzählt, aber mit keinem Wort erwähnt, dass sie eine Stelle bei dem HPD angetreten hat. Und dann steht sie heute einfach so über unserer Leiche und La Roche lässt die Bombe platzen… Das hätte doch selbst dich grantig gemacht, oder?“
„Mich ärgert eher die Tatsache, dass sie vergeben ist…“ Als er einen finsteren Blick geerntet hatte, beeilte sich Danny jedoch zu sagen: „Ja ja, das ist schon ein ziemlicher Brocken, den sie dir da verschweigen hat… Aber sie wird ihre Gründe gehabt haben. Vielleicht ist sie zu lange um deinen Kumpel herum gewesen … diese ganze SEAL Heimlichtuerei hat wohl abgefärbt…“
„Sehr witzig, Danny. Wirklich witzig.“
„Und was gedenkst du jetzt zu tun?“
„Wir müssen herausfinden wer unsere Jane Doe ist.“
„Hallo? Ich spreche von Haynes!“
„Keine Ahnung. Ich helfe ihr wo ich kann. Richard ist ein guter Mann. Wir müssen ihn finden…“

***

Wie Sam so auf dem Bauch in ihrem Hotelbett lag, die Füsse in der Luft und an den Knöcheln überkreuzt, den Laptop vor sich und das Kinn auf eine Hand aufgestützt, hätte man meinen können, dass sie dabei war etwas Unverfängliches zu tun. Mails checken. Die Klatschspalte lesen. Ihren Blog aktualisieren. Aber auf dem Bildschirm prangte anstatt einer Rezeptseite, das blau-weisse Logo der Bank of Hawaii. Ein paar Tastenschläge später tauchte eine Kontoübersicht auf, die Sam mit leicht zusammengekniffenen Augen absuchte. Da. Da war er wieder. Zum siebten Mal erspähte sie diesen einen Namen: Winston Nakumotu. Ein weiterer fünfstelliger Betrag, der innerhalb eines Jahres auf Richards Konto gegangen war. Ein Konto von dem sie nichts gewusst und erst gestern entdeckt hatte. Wieso hatte Richard eines auf Hawaii eröffnet? Und das vor nicht einmal einem Jahr?
Sam setzte sich auf und nahm den Laptop auf ihren Schoss. Kurzerhand hatte sie sich in die Polizeidatenbank eingeloggt. Winston Nakumotu, so stellte sich rasch heraus, besass eine Investmentgesellschaft mit Sitz in Honolulu. Richard hatte also bei ihm investiert? Aber was sollte das mit den Auszahlungen alle zwei Monate? Und dann noch in diesen Dimensionen? Natürlich, Richard war vermögend gewesen, aber doch nicht so… Sie erinnerte sich lebhaft an seine zwei-Zimmer-Wohnung; teuer eingerichtet und in einer noblen Gegend, aber bei weitem nicht so exklusiv, wie er es sich hätte leisten können, wenn er dieses Geld zur Verfügung gehabt hätte. Hatte er es gleich wieder irgendwo anders investiert? Jemandem gegeben? Hatte er Schulden? Sam schwirrte der Kopf. Es wollte einfach keinen Sinn ergeben.
Neben dem Geld machte sie vor allem die Tatsache stutzig, dass Richard solche handfesten Verbindungen zu Hawaii hatte. Der Hinweis, der sie hierher gebracht hatte, war eine Liste von Appartements in Honolulu gewesen, die Richard geführt hatte. Einige durchgestrichen, andere mit einem Stern markiert, die er augenscheinlich über Wochen immer wieder aktualisiert hatte. Wenn er sich nach einer festen Bleibe umgesehen hatte, dann hatte er vielleicht vor seine Geschäfte dorthin zu verlagern – das war zumindest Sams Theorie gewesen, die sie schliesslich dazu gebracht hatte ihre Zelte in Baltimore abzubrechen. Denn dort waren alle Spuren kalt gewesen und die einzige einigermassen warme, war diejenige, die auf die Insel im Pazifik gedeutet hatte. Selbst wenn ihre Nachfragen ergeben hatten, dass er keine dieser Wohnungen auch tatsächlich gemietet hatte.
Aber wie es schien war Richards Verbindung mit Hawaii um einiges verworrener, als sie gedacht hatte. In ihrer Vorstellung – auch wenn ein Teil von ihr selbst wusste, wie verklärt das war - hatte sie sich manchmal ausgemalt, dass ihr Verlobter eine Art Überraschung geplant hatte. Sowas wie ein feierliches Präsentieren eines Schlüssels, mit der Eröffnung, dass sie nun nach Hawaii ziehen würden. Etwas wofür sie ihm den Hals umgedreht hätte, aber nichtsdestotrotz etwas, was einen romantischen Hauch an sich hatte. Und typisch Richard gewesen wäre…
Aber bevor sie sich noch verrückt machte, wollte sie diesem Nakumotu auf den Zahn fühlen. Vielleicht war dies endlich eine Spur, die nicht noch mehr Fragen aufwerfen würde.


Es war Sommer auf Hawaii. Eine Gelegenheit die leichte Kleidung aus dem Schrank zu holen. Aber Sams Grund mehr Haut zu zeigen als sonst lag ganz woanders. In ihren modischen Hotpants aus verwaschenem, ausgefranstem Jeansstoff und dem trägerlosen, sonnig gelben Top, unterstrichen von den Sandalen mit Keilabsatz, sah sie wie die perfekte Touristin aus, die nichts anderes tun wollte, als sich am Waikiki Beach von den Männern begaffen zu lassen. Aber Sam hatte es heute auf einen bestimmten Mann abgesehen.
Doch dieser liess auf sich warten. Die Sekretärin hatte sie gebeten in einem der Ledersessel der exklusiv eingerichteten Empfangshalle von Nakumotu Trusts zu warten, nachdem ihr Blick ziemlich bitter über Samanthas Erscheinung geglitten war. So sass sie also vor einem Glastisch, der einige Hochglanz Yachtmagazine und ein kunstvolles Blumengesteck im Angebot hatte und sah sich scheinbar gelangweilt in dem Raum um, der sich in einem Hochhaus voller Büros im Geschäftszentrum Honolulus befand. In Wahrheit ging die Nervosität mit ihr durch, während sie sich fragte ob und wie oft Richard schon hier gesessen hatte. In Gedanken ging sie den Plan gerade nochmals durch, den sie sich zurechtgelegt hatte, als die Tür links neben dem Empfangstresen aufging und ein Mann über die Türschwelle trat. Mit einem neugierigen Seitenblick auf Sam verliess er den Teil des Stockwerks, der zu Nakumotu Trusts gehörte, über die Glastür irgendwo hinter ihr. Das war also ein Kunde gewesen und nicht der Mann der Stunde. Sams Fuss zuckte, doch als sie sich darauf besann, unterdrückte sie diese Anwandlung gleich wieder. Schliesslich, endlich, ertönte ein Ton, die Sekretärin murmelte etwas in das Telefon und sah anschliessend zu ihr auf.
„Mr. Nakumotu empfängt Sie nun.“ Sie sprach so, als hätte ihr jemand befohlen während dem Reden die Zähne aufeinander zu beissen.
Sam nickte ihr mit einem süsslichen Lächeln entgegen, während sie an dem Tresen vorbeistöckelte und öffnete die Tür. Die Einrichtung des Büros setzte das Thema von auf Hochglanz poliertem Holz und Glas fort, ganz wie es sich für ein Unternehmen in dieser Branche gehörte. Schliesslich überliess man seinen Besitz keinem Fondmanager, der an einem billigen Schreibtisch sass und keinen massgeschneiderten Anzug trug.
Mr. Nakumotu entsprach diesem Bild nahezu perfekt. Sein Blick fiel auf Sam, die über die Schwelle trat und er sprang von seinem Sessel auf. Als sie sich wieder in Richtung des Zimmers gewandt hatte, nachdem die Tür hinter ihr geschlossen war, stand er schon vor ihr und lächelte sie charmant an. Sein asiatisches Erbe war verwaschen, aber noch an den Augen zu erkennen. Er war hochgeschossen, gepflegt und auf eine geschniegelte Art und Weise attraktiv. Ausserdem hatte er eindeutig diesen Hauch von Alpha-Mann an sich, wie er sie so selbstsicher musterte, ihre dargereichte Hand mit seinen beiden umfasste und sagte:
„Sie müssen Mrs. Ward sein! Herzlich willkommen! Ich bin Winston und ich werde Ihnen genau das geben, wofür Sie hergekommen sind und mehr!“
Wirst du das, du Schleimbeutel? Er war ihr sofort dermassen unsympathisch, dass sie ihre Hand am liebsten aus seinem Klammergriff gerissen hätte. Aber Sam lächelte ihm so dümmlich wie möglich entgegen und sagte: „Miss Ward! Und ich hoffe doch sehr, dass Sie das werden … Winston.“
Er konnte sich ein zufriedenes Grinsen offenbar nicht verkneifen, was die Kontrolle über ihre Gesichtszüge stark forderte. Sam folgte ihm zum anderen Ende des Raumes, wo er ihr einen Sessel anbot und sich wieder hinter seinen Schreibtisch setzte. Mit einem geübten Handgriff knöpfte er seine Anzugjacke wieder auf, verschränkte die Finger auf dem Pult und bedachte sie mit einem neuerlichen, sehr zahnigen Lächeln.
„Also, Miss Ward. Was führt Sie zu mir? Was kann ich für Sie tun?“
Sam wischte sich geziert eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht, überschlug die Beine und lächelte ihn an. „Ich habe geerbt und man sagte mir, dass ich das Geld investieren soll…“
„Es tut mir Leid um ihren Verlust“, erwiderte er betont ernst.
„Wie? Oh, das? Ach nein, wissen Sie, es war eine Tante, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe! Da war dieser Streit und … ach, Sie wissen bestimmt wie das so mit grossen Familien ist!“ Sie winkte kichernd ab und bewunderte sich innerlich selbst ob dieser Nummer, die sie gerade so mühelos abzog.
„Ja, in der Tat…“
Sam sah ihm an, dass er nur mit halbem Ohr zuhörte. Ein anderer Sinn war gerade um einiges aktiver. Sehr gut … glotz nur weiter, du Idiot! „Jedenfalls sagte man mir, dass Sie das ausgezeichnet im Griff haben … mit diesem Aufkaufen und Verwalten und was noch alles. Ich muss zugeben, dass ich davon nur sehr wenig Ahnung habe…“ Wieder ein Kichern.
Nakumotu nickte und lächelte. Vermutlich überlegte er sich gerade wie er den entscheidenden Biss ansetzen sollte. „Das ist vollkommen verständlich. Eine junge Frau wie Sie hat wahrlich besseres zu tun, als sich mit derlei Dingen herumzuplagen. Ich werde das natürlich mit Freuden für Sie übernehmen.“ Er hielt einen Moment inne, in dem er an seinem Manschettenknopf spielte und ihr einen eindringlichen Blick zuwarf. „Ich kann Ihnen diese Details gerne bei einem weiteren Termin erklären. Es gibt da dieses Restaurant auf dem Dach eines Hochhauses in der Nähe … sie machen ausgezeichneten Hummer. Den besten in der Stadt!“
Das war dermassen unelegant, dass es Sam für einen Moment die Sprache verschlug. „Oh, ich liebe Hummer!“, würgte sie hervor.
„Das trifft sich ja ausgezeichnet! Wir machen dann am Ende einen Termin aus. Aber zuerst wollte ich Sie fragen wer mich Ihnen eigentlich empfohlen hat?“
„Das war ein guter Freund. Sein Name ist Richard Dale.“ Ihr breites Lächeln flackerte nicht, aber das Herz klopfte so laut, dass sie meinte ihre Brust müsste zerspringen.
Winstons Gesicht sackte für einen flüchtigen Augenblick zusammen, dann kehrte das Grinsen zurück an Ort und Stelle. Plötzlich sah er sie ganz anders an. Die Verzückung hatte einer ganz anderen Art des Abschätzens Platz gemacht. „Der Name sagt mir so auf Anhieb nichts.“
Guter Schauspieler, was? „Ach, wie Schade! Er hat mir gesagt, ich soll Ihnen einen Gruss ausrichten…“
„Ich fühle mich geehrt…“ Er liess den Satz langsam ausklingen, während er sie immer noch unverwandt beobachtete. Täuschte Sie sich oder ratterte es gerade mächtig hinter dieser hohen Stirne? Da war ausserdem ein Funkeln in diesen dunklen Augen, welches Sam nicht gefiel. „Wie dem auch sei, Miss Ward. Ich schlage vor, dass Sie das Ganze noch einmal überdenken – schliesslich ist so eine Investition eine wichtige Sache, die gut überlegt sein will – und ich trage meiner Sekretärin auf, dass sie sich mit Ihnen in den nächsten Tagen in Verbindung setzt, um einen neuen Termin auszumachen.“
Der Hummer war dem Fischer wohl gerade aus dem Netz geschlüpft. „Wie Sie meinen, Winston! Sie kennen sich schliesslich viel besser aus als ich.“
„Ach, ich glaube Sie sind viel schlauer, als Sie wissen…“ Das war alles andere als kryptisch. Er hatte sie offensichtlich durchschaut. Oder meinte das zumindest.
„Dankeschön! Dann werde ich mich mal wieder auf den Weg machen. Mahalo für alles!“ Sam stand auf, liess die Sonnenbrille, die bisher auf ihrem Kopf gewesen war, auf die Nase sinken und ging zur Tür. Das Gentlemangehabe war wohl verpufft, denn sie musste diese selbst aufmachen.
Nakumotu hatte etwas von einer Sphinx an sich, wie er so hinter seinem Schreibtisch sass und mit einem süffisanten Lächeln sagte: „Keine Ursache. Kommen Sie gut nach Hause…“
Sams Nackenhaare stellten sich auf. Sie winkte ihm der Form halber noch albern zu und sah dann zu, dass sie aus diesem vermaledeiten Büro verschwand.


Was hatten ihre Aktionen eigentlich so an sich, dass sie immer in einem Fiasko endeten? Zuerst das mit McGarrett und nun das hier? Und dafür hatte sie ihren freien Tag geopfert! Selbst als sie die Tür ihres Hotelzimmers mit einem befriedigend lauten Klicken hinter sich geschlossen hatte, wurde sie dieses ungemütliche Gefühl nicht los, dass sie verfolgt wurde. Aber das war natürlich absurd. Nur weil dieser Blödmann „Kommen Sie gut nach Hause…“ gesagt hatte, musste das noch gar nichts heissen. Sie war eindeutig dabei sich in etwas hineinzusteigern.
Betont ruhig zog sie sich um, legte den seidenen Kimono an, den ihr Richard zu Weihnachten geschenkt hatte und trat auf ihren Balkon heraus. Mittlerweile waren die Wolken, die schon den ganzen Tag über dem Tal gehangen waren, in Richtung Küste gezogen und starker Wind war aufgekommen, der nach Regen roch. Er zerrte an ihrem Haar, an dem Hausmantel, der knapp über den Knien endete und half dabei ihre Gedanken zu klären. Während ihr Blick auf den grünen Bergen ruhte, fasste sie zusammen was sie bisher erfahren hatte. Richard hatte sich Wohnungen in und um Honolulu angesehen und dabei offensichtlich eine oder mehrere Voraussetzungen gehabt. Welche das waren wusste sie nicht. Auch nicht ob er schlussendlich eine gefunden hatte, die diesen entsprochen hatte. Vor knapp einem Jahr hatte er zudem ein Konto bei der Bank of Hawaii eröffnet, auf dem in regelmässigen Abständen beträchtliche Summen von diesem Nakumotu eingegangen waren. Und schliesslich, hatte Nakumotu äusserst suspekt reagiert, als sie Richards Namen fallen gelassen hatte.
Was sagte dessen Verhalten eigentlich aus? Dass er nicht mit Richard in Verbindung gebracht werden wollte? Aber hiess das, dass der Geschäftsmann wusste wo ihr Verlobter war? Oder was mit ihm geschehen war? Dieser schreckliche Gedanke, mit dem sie seit Monaten Fangen spielte, kam wieder einmal auf und schnürte ihr die Luft ab. Was wenn ihm etwas Schlimmes widerfahren war? War sie etwa gerade dabei einen Toten zu suchen? Ein trockenes Schluchzen bahnte sich den Weg durch ihre Brust, aber bevor sie in ihren Emotionen versinken konnte, riss sie das Klingeln des Telefons heraus.
Sie eilte zum Nachttisch und hielt sich den Hörer ans Ohr, während sie mit der anderen Hand über ihr Gesicht strich. Auf ihr ersticktes „Hallo?“ kam zunächst keine Antwort. Erst als sie es ein zweites Mal wiederholte, erklang eine unbekannte, männliche Stimme.
„Geh nach Hause, Sam.“
„Wie bitte? Wer ist da?“
„Es ist ein gut gemeinter Rat. Geh zurück nach Baltimore und hör auf Fragen zu stellen. Was du gerade machst ist ungesund. Verstehst du?“ Die Stimme war aalglatt und unheimlicher als jedes raue Flüstern oder computerverzerrte Dröhnen, welches man sich vorstellen konnte.
„Wer zum Teufel ist da?“
Ein Klicken ertönte, dann das Hörzeichen einer freien Leitung.
Sam starrte den Hörer einige Herzschläge lang an, dann legte sie diesen zurück auf das Gerät auf ihrem Nachttisch und registrierte dabei am Rande, dass ihre Hände haltlos zitterten.

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Zuletzt von Roux am Fr Jun 21, 2013 5:31 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Fr Jun 21, 2013 8:32 am

2. Ike Maka

Identity - Identität


Sam stand nach dem alarmierenden Anruf noch eine Weile erstarrt vor dem Nachttisch. Schliesslich kehrte die Kontrolle über ihre Glieder langsam wieder zurück. Sie schlang die Arme um sich, als ein Schaudern über ihren Rücken lief. Was hatte sie angerichtet? Nakumotu musste gepetzt haben. Aber bei wem? Und woher kannte sie diese Person? Er hatte sie Sam genannt und Baltimore erwähnt. Sie widerstand der Versuchung zur Tür zu eilen um nachzusehen ob diese auch wirklich verschlossen war. Die Angst, die noch irgendwo im Hintergrund lauerte, würde dadurch vollständig von ihr Besitz ergreifen und sie wusste nicht, was sie dann getan hätte. Schreiend im Kreis herumrennen vermutlich. Oder den nächsten Flug zurück aufs Festland nehmen.
Plötzlich erklang das Klingeln des Telefons wieder, doch dieses Mal war es ihr Handy. Sam fuhr haltlos zusammen. Sie starrte das Ding an, als wäre es ein gefährliches Raubtier, welches ihr die Hand abbeissen würde, wenn sie diese danach ausstreckte. Sie tat es schliesslich trotzdem. Ihr Herz pochte schmerzhaft und das „Hallo?“ war noch missratener, als jenes zuvor. Kaum hörbar und furchtbar zittrig.
„Sam? Alles in Ordnung?“
Es war McGarretts Stimme und sie klang in Samanthas Ohren wie der reinste Engelsgesang. Jemand den sie kannte. Jemand der ihr freundlich gesinnt war. Gott sei Dank!
„Ja. Ja, alles ist…“ Sie räusperte sich und beendete den Satz so fest wie möglich. „…in bester Ordnung!“
Steve klang hörbar misstrauisch, als er sich erkundigte wie es ihr ging. Sie antwortete unverfänglich und setzte sich auf die Bettkante. Aber so sehr sie sich auch Mühe gab, ihre Stimme wollte ihr einfach nicht richtig gehorchen. Vielleicht lag es daran, dass ihr das Herz in der Kehle hämmerte und sie nur flach atmen konnte. Akute Belastungssituation, sagte die professionelle Stimme in ihr, die alles aus der Ferne zu beobachten und analysieren schien.
„Ich stehe gerade vor dem HPD … aber man sagte mir, dass du heute einen freien Tag genommen hast.“ Er klang immer noch misstrauisch. Nach einer kurzen Pause, in der er vielleicht erwartet hätte, dass sie sich erklärte und nichts von ihr kam, fuhr er fort. „Es ist so; ich habe etwas herausgefunden und wollte mich mit dir treffen.“
„Etwas herausgefunden?“, echote sie dümmlich.
„Über Richard.“
Ihr ohnehin schon malträtiertes Herz machte einen Satz. „Oh.“
„Wo bist du?“
„In meinem Hotelzimmer.“
Eine kurze Pause. „Kann ich vorbeikommen?“
Sam merkte, dass ihre Wahrnehmung der Realität ständig um einige Momente nachhinkte und dass es auch Steve aufgefallen sein musste, aber sie konnte nichts dagegen tun. „Ja. Zimmer 309.“
„Kann ich dir etwas bringen?“ Klang er besorgt?
„Nein, danke. Alles ist in Ordnung.“
„Gut. Ich bin in 20 Minuten bei dir.“
„Bis dann.“ Und sie legte auf.
Einen Moment verharrte sie so, dann beugte sie sich vor und steckte den Kopf zwischen die Knie. Ihr war plötzlich schlecht und sie hatte während des Telefonats zu schwitzen begonnen. Was du gerade machst ist ungesund. Die Stimme hallte in ihrem Kopf wieder. Das war nicht die erste Morddrohung, die man an sie gerichtet hatte, aber es war auf jeden Fall die erste, die nicht von jemandem kam, der schon hinter Gittern sass. Was sollte sie jetzt tun? Aber sie konnte nicht klar denken. Ihre körperlichen Empfindungen waren gerade überpräsent und erstickten jede rationale Anwandlung im Keim. Ungesund. Was war das überhaupt für eine blöde Formulierung! Als sie sich dabei ertappte, wie sich ihr ein hysterisches Lachen aufzwingen wollte, richtete sie sich mit einem Ruck wieder auf. „Beruhige dich!“, befahl sie sich selbst. „Alles kommt in Ordnung.“
Und ihr fiel ein, dass Steve auf dem Weg zu ihr war. Dass sie bald ein freundliches Gesicht sehen würde. Der Gedanke half ihr etwas. Sie musste nur irgendwie die Zeit bis zu seiner Ankunft überbrücken ohne durchzudrehen. Genau. Eins nach dem anderen. Also beschied sie sich damit auf dem Bett zu sitzen und bewusst zu atmen. Jedes Mal wenn ihr Gedankenstrom wieder in Richtung des Telefonates schweifte, zwang sie sich stattdessen an Steves Stimme zu denken. An irgendetwas musste sie sich schliesslich festhalten.
Obwohl sie das Klopfen erwartete, erschreckte es sie, als es dann tatsächlich erklang. Sam sprang auf und eilte zur Tür. Der Blick durch den Spion offenbarte, dass es sich um den angekündigten Besucher handelte. Kein als Kellner verkleideter Killer. Sie registrierte, was sie gerade dabei war zu denken und schüttelte resolut den Kopf. Dann atmete sie bewusst aus, bevor sie die Tür öffnete.
„Hi!“ Sie strahlte dem grossgewachsenen Mann so fröhlich wie sie konnte entgegen.
Er erwiderte den Gruss, aber lächelte nicht. Sein Blick glitt über ihr Gesicht und eine kleine Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. Bevor er sie noch genauer mustern konnte, trat Sam zur Seite und bat ihn herein.
Was hatten diese Männer nur an sich; genau wie es Richard immer zu tun pflegte, schien Steves Blick den Raum zu scannen, als suchte er diesen nach Fluchtwegen oder Verstecken ab. Dann wandte er sich zu ihr um.
„Was ist los mit dir?“, fragte er ohne Umschweife.
„Was? Nichts!“
Er starrte sie ungerührt an. Mit einem Blick unter dem sie sich am liebsten ungemütlich gewunden hätte.
„Alles in Ordnung!“ Wieso wiederholte sie das ständig, wenn es doch nicht weniger der Wahrheit entsprechen konnte? „Ich hatte einfach einen … seltsamen Tag. Das ist alles.“
Steve schien nicht überzeugt, aber die Intensität des bohrenden Blickes nahm deutlich ab. Als sie ihn fragte, ob er etwas trinken wollte, verneinte er. Dann setzte er sich auf die Bettkannte. Sam stand mitten im Zimmer und sah ihn an. Er sah gut aus. In dem hellblauen T-Shirt und den schwarzen Cargo Hosen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie lediglich in dem locker gebundenen Kimono vor ihm stand und ihre Hand flog zu den Säumen an ihrer Brust, um diese zusammenzuraffen. Herrgott, er musste auch denken! Tatsächlich sah er sie gerade fragend an.
„Willst du mich gar nicht fragen was ich herausgefunden habe?“
Es fühlte sich an, als würde sie aus allen Wolken fallen. „Ähm, ja. Natürlich! Was hast du herausgefunden?“
Bevor er anfing zu sprechen, bedachte er sie mit einem weiteren, äusserst misstrauischen Blick. „Richard scheint hier einiges an Geld investiert zu haben. Ich habe Verbindungen zu einer lokalen Investmentfirma gefunden, die … – Was ist los mit dir?“
Sam schloss die Augen und versuchte zu atmen. Plötzlich spürte sie einen starken Griff an ihren Oberarmen und fuhr zusammen, obwohl sie im nächsten Moment realisierte, dass es nur Steve war, der an sie herangetreten war und ihre Arme erfasst hatte.
„Hey … hey … beruhige dich!“ Steves besorgter Blick glitt forschend über ihr Gesicht. Nach einigen Augenblicken bugsierte er sie zu dem Bett und zwang sie mit sanfter Gewalt in eine sitzende Position. Dann ging er vor ihr in die Hocke und sagte: „Du erzählst mir jetzt was passiert ist.“ Sein Ton war sanft, aber trotzdem bestimmt.
„Nakumotu.“
„Was?“ Die Überraschung war deutlich auf seinem Gesicht zu sehen, welches vor ihrem schwebte. „Du weisst von ihm?“
„Allerdings. Ich habe Richards Konto gefunden und gesehen, dass er Geld von ihm bekommen hat. Also bin ich heute zu ihm gegangen.“
„Bitte was? Du bist zu wem gegangen?“ Alle Sanftheit war verflogen und machte einem ungläubig ärgerlichen Ton Platz.
„Zu Nakumotu. Ich habe einen Termin ausgemacht und mich als dumme Erbin ausgegeben, der man seine Firma empfohlen hat. Er hat angebissen, aber sobald ich Richards Namen fallen gelassen habe, hat er mich abgewimmelt. Er weiss eindeutig etwas.“
Steve sah so aus, als hielt er sich gerade nur mit Mühe zurück. Wovon war nicht ganz klar. Vielleicht davon sie anzuschreien. Oder ihr eine zu pfeffern.
„Sag es ruhig…“, murmelte sie kraftlos und sah über seine Schulter hinweg ins Leere.
„Was denn?“
„Dass es dumm war.“
„Es war leichtsinnig.“ Steve fing ihren Blick ein und sah sie eindringlich an. „Wieso hast du mich nicht angerufen?“
Seine Augen waren so gross. Und so blau. Sam blinzelte ihnen stumm und reglos entgegen. Das Beste wusste er ja noch gar nicht… Sie rückte wohl besser so schnell wie möglich damit heraus und brachte es hinter sich.
„Kaum war ich wieder hier, hat das Telefon geklingelt“, sprach sie weiter und ignorierte seine Frage. „Irgendjemand meinte ich sollte von hier verschwinden und aufhören herumzuschnüffeln. Er wusste wie ich hiess und dass ich aus Baltimore bin.“
„Willst du mir sagen, dass dir jemand gedroht hat?“, donnerte er.
Sam nickte stumm und sah in sein aufgebrachtes Gesicht.
„Was hat er genau gesagt?“
Es war nicht schwer die Worte wiederzugeben. Sie hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie wollte Steve noch erklären wie sich die Stimme angehört hatte; so kontrolliert und präzise wie ein Skalpell. Aber stattdessen verschlug es ihr wieder den Atem, weil sie sich plötzlich unendlich hilflos fühlte, als ihr die Bedeutung dieses Anrufes wieder klar wurde. Die, wer auch immer sie waren, wussten nicht nur wer sie war, sondern auch wo sie war…
Das schien auch Steve zu dämmern, denn sein Blick glitt irgendwohin in die Ferne und sie konnte zusehen, wie er schnell und scharf nachdachte. Schliesslich sah er sie wieder an und legte seine Hände auf ihre nackten Knie. Sam wäre beinahe zurückgezuckt; etwas an seiner Berührung fühlte sich befremdlich an. Aber sie hatte keine Zeit das zu ergründen. Seine nächsten Worte lenkten sie ab.
„Du wirst jetzt packen und mit zu mir kommen.“
„Wie bitte?“
„Packen. Jetzt.“ Und mit einem bestätigenden Nicken tätschelte er ihr Bein und richtete sich auf.
„Ich kann doch jetzt nicht einfach packen und gehen!“ Sie fühlte sich überfordert und verwirrt. Die Aussicht etwas zu tun war beängstigend. Am liebsten hätte sie Steve weggeschickt und sich unter der Bettdecke verkrochen, um nie mehr darunter hervorzukommen. Irgendwo schrillte eine Alarmglocke, aber sie entsprang ihrem vernünftigen Ich und dieses hatte gerade nichts zu melden. Ihre Augen folgten Steve, der sein Handy aus der Hosentasche zog, eine Nummer wählte und es sich an das Ohr hielt. Als er sah, dass sie noch immer auf dem Bett sass, hob er fragend die Augenbrauen und neigte den Kopf zur Seite.
„Kono, warte einen Moment…“, sprach er ins Telefon, ohne den Blick von ihr abzuwenden, dann liess er dieses sinken. „Sam. Die wissen wo du wohnst. Du bist hier nicht sicher. Verstehst du das?“
Sam nickte. Wieso sprach er mit ihr, als wäre sie ein begriffsstutziges Kind? Weil du dich so verhältst, dumme Gans!
„Bis wir wissen was vor sich geht, musst du an einem sicheren Ort bleiben. Für den Moment ist das bei mir. Bis wir eine Lösung gefunden haben. Okay? Gut. Dann los!“ Und mit einem letzten Nicken hob er das Telefon wieder ans Ohr. „Kono, bist du noch da? … Nein, alles in Ordnung. Ich will, dass du die Anruferlisten von Nakumotu checkst. Private wie auch Geschäftliche. Ja… Danke. Bis Morgen.“
Sam hatte abwesend zugehört, während sie mehr oder weniger kopflos den Koffer aus dem Schrank geholt und angefangen hatte den Teil ihrer Habe, die auf dem Schreibtisch standen, zu packen. Steve stand in der Mitte des Zimmers und strahlte Energie und Enthusiasmus aus, was sie furchtbar nervös machte. Konnte er sich nicht setzen? Oder noch besser draussen warten?
„Kann ich dir helfen?“, merkte er auch schon auf.
Da. Die Ungeduld in Person. Kaum auszuhalten!
„Raff meine Kleider zusammen. Dort auf dem Stuhl…“ Gab es überhaupt jemanden auf dieser weiten Welt, der seine Sachen in den Schrank räumte? Hotelaufenthalte hiessen aus dem Koffer zu leben. „Ich räume das Bad.“
Jetzt wo er eine Aufgabe hatte, schien er schon zufriedener. Es war seltsam ihn zu sehen, wie er mit ihren Klamotten hantierte; als wären diese aus Porzellan. Aber sie hielt sich nur kurz damit auf einem Mann beim Packen zuzusehen. Ihr Teil musste auch noch gemacht werden. Im Bad vermied sie es in den Spiegel zu sehen. Wer wusste schon, wer zurückblicken würde… Ein verschrecktes Etwas, das von lauter Menschen umgeben war, die hundert Mal gewiefter und kompetenter waren als sie es war. Während sie ihre Pflegeprodukte zusammenklaubte, versuchte sie an nichts anderes, als die Aufgabe aus dem Hotel zu verschwinden zu denken. Doch das war viel verlangt. Am Ende schweifte ihr Blick doch noch zum Spiegel und sie schreckte beinahe zurück; sie war sehr blass, selbst für ihre Verhältnisse, und ihre grauen Augen sahen riesig aus.
Ohne sich zu vergewissern, dass sie auch alles hatte, ging sie aus dem Bad heraus und erblickte Steve, der neben dem beinahe vollständig gepackten Koffer stand. Sie liess die Tuben und Fläschchen hinein kullern und sah sich nach ihren Schuhen um. Die durften auf keinen Fall zurückbleiben! Sie hatte ja noch den zweiten Koffer irgendwo. Wo war der bloss abgeblieben? Ach ja, im anderen Schrank neben dem Eingang. Dort wo auch die Schuhe waren. Herrgott, sie war wirklich völlig kopflos! Das schien auch Steve aufgefallen zu sein, denn nachdem sie den zweiten, kleineren Koffer auch auf das Bett gelegt und befüllt hatte, hob sie an beide zu schliessen und er meldete sich plötzlich zu Wort.
„Willst du dich nicht noch … ähm … umziehen?“, hob Steve vorsichtig an. Er trat von einem Bein aufs andere und sah dann zur Decke.
Sam blickte an sich herunter und erblickte ihren BH, der unverblümt unter dem Hausmantel hervor lugte. Na toll… Sie hätte sich in den Hintern beissen können. Mit einem Räuspern raffte sie die Enden des widerspenstigen Dings zusammen, während sie mit der anderen Hand ein Top und ihre Lieblingsjeans aus dem Koffer zerrte. Erst im Badezimmer konnte sie das genervte Schnauben von sich geben, welches sich ihr seit seinem Hinweis aufgedrängt hatte. Anständig bekleidet trat sie kurz darauf wieder in das Zimmer und ertappte Steve dabei, wie er nervös seinen Gürtel zurechtrückte, als sich ihre Blicke trafen.
„Bereit?“, fragte er unnötig laut und enthusiastisch.
Nein! „Ja.“


Es fühlte sich unendlich befremdlich an mit einem Koffer über die Türschwelle von Steves Haus zu treten. Anstatt den Rest des Gepäcks, welches er trug, neben dem Eingang abzustellen, begann er die Treppe damit zu erklimmen. Oben angekommen hielt er inne, drehte sich um und bückte sich schliesslich, um nach ihr zu sehen.
„Kommst du?“
„Ich dachte…“, begann Sam unschlüssig und deutete auf das Sofa.
„Stell dich nicht an. Rauf mit dir!“
Sie entschied, dass dies nicht der Moment war dem Mann, der ihr Asyl gewährte, zu erklären, dass sie es nicht schätzte von ihm herumkommandiert zu werden. Also machte sie sich daran die Treppe ebenfalls zu erklimmen. Der obere Stock schien drei Schlafzimmer zu beherbergen. Steve steuerte nach links und nacheinander betraten sie den grossen Raum. Das King Size Bett dominierte alles, daneben gingen die Schränke richtiggehend unter. Zur Rechten befanden sich zwei Türen. Sam nahm an, dass sich dahinter ein Bad und ein begehbarer Kleiderschrank befanden. Auch hier war die Einrichtung altmodisch; Steve hatte wohl kein Bedürfnis verspürt etwas daran zu verändern.
Das Bett war ungemacht und aus irgendeinem Grund war Sam erleichtert, als sie entdeckte, dass offenbar nur eine Person darin zu schlafen pflegte. Aber schliesslich hätte er sie kaum zu sich eingeladen, wenn er eine Freundin gehabt hätte. Zumindest nicht wenn er auch nur einen Hauch einer Ahnung hatte, was Frauen anbelangte. Das wäre auch noch schöner gewesen, wenn sie sich mit den Eifersuchtsanfällen einer Fremden hätte herumplagen müssen!
„Ich habe keinen Schrank frei für dich, aber du kannst dich so einrichten wie es dir beliebt.“ Er fasste mit einer ausschweifenden Geste den ganzen Raum ein und lächelte ihr dann entgegen.
„Danke. Aber das wird ohnehin nicht nötig sein … es ist ja nur für eine Weile.“ Beinahe hätte sie „für ein paar Tage“ gesagt, sich dann aber darauf besonnen, dass selbst das zu lange war. Das Ganze Arrangement war ihr ohnehin unangenehm genug. Sie würde sich ganz bestimmt nicht in seinem Schlafzimmer ausbreiten.
Steve schien ihre Gedanken erraten zu haben. „Ich weiss, dass es befremdlich sein muss. Aber du hast wirklich nichts zu befürchten.“
„Befürchten? Ich befürchte gar nichts.“
Er grinste wissend. „Wenn du es sagst… Jedenfalls werde ich unten auf dem Sofa schlafen. Wenn du etwas brauchst werde ich da sein und dich ansonsten in Ruhe lassen.“
Worauf wollte er da eigentlich hinaus? Sah sie dermassen prüde aus?
„Das ist … sehr nett von dir. Ich danke dir für alles.“ Sie schürzte die Lippen. „Und du hast die Erlaubnis mit mir zu sprechen, wenn du willst.“
Einen Moment lang sahen sie einander an, dann grinsten sie sich simultan entgegen. Sam war froh, dass die seltsam angespannte Stimmung damit verflog.
„Na da bin ich aber erleichtert! Ich lasse dich mal alleine, damit du dich einrichten kannst. Wenn du möchtest, kannst du danach nach unten kommen. Durch die Tür im Esszimmer kommst du in den Garten hinter dem Haus. Wir können uns ein Bier genehmigen…“
„Sehr gerne.“
Einige Minuten später war es auch schon so weit. Sam hatte ohnehin nicht wirklich gewusst, was sie dort oben tun sollte, ausser das übergrosse T-Shirt in dem sie schlief auf das Bett zu legen und ihre Toilettenartikel in das Bad zu stellen - und sich dabei unendlich befangen zu fühlen, nicht zu vergessen.
Steve sass auf dem entfernten Ende des Rasens hinter dem Haus, obwohl da zwei Gartenstühle in der Nähe der Veranda standen. Es war offensichtlich weshalb er diese links liegen gelassen hatte; zu seinen Füssen erstreckte sich eine schmaler Streifen Sand an welchen die Wellen brandeten. Er hatte tatsächlich das Meer hinter dem Haus. Das war wohl der Inbegriff des Wortes paradiesisch…
„Was für ein Luxus!“, rief Sam aus und liess sich neben ihm auf den Boden sinken. Ihre Flip Flops landeten unweit von seinen auf den Boden und sie tat es ihm nach und vergrub die Zehen im Sand.
„Ja, es ist wirklich schön, dass das Meer so nahe ist. Manchmal vergesse ich, dass es nicht selbstverständlich ist… Longboard?“
Sam stutze, dann sah sie die Bierflasche in seiner Hand auf der der Name Longboard prangte. Gleich darauf hatte er diese geöffnet und ihr das Pale Ale gereicht. Es hatte eine fruchtige Note und obwohl sie eigentlich die schweren, bitteren Biersorten ihrer Heimat bevorzugte - für ein echtes Newkie Brown hätte sie gut und gerne morden können - so fand sie doch, dass es ausgezeichnet zu diesem tropischen Klima passte, welches hier vorherrschte. Mittlerweile hatten zwar die Abendstunden eingesetzt, aber es war noch immer heiss. Da kam so eine süffige, leichte Erfrischung gerade recht.
„Das ist wirklich gut!“, kommentierte sie nach einem zweiten, längeren Zug von der Flasche.
„Du klingst überrascht … ist das etwa dein erstes Longboard?“
„Jaaah… Wieso?“
„Weil das eine Schande ist! Wie lange bist du schon auf Hawaii? Jetzt willst du mir vielleicht noch erzählen, dass du noch kein Shave Ice hattest…“ Und als er den Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, schüttelt er in gespieltem Entsetzen den Kopf. „Das werden wir gleich morgen ändern. Und Danno behauptet immer, ich wüsste nicht was Spass heisst…“
„Nun, ich weiss schon was Spass heisst! Aber ich war … beschäftigt.“
Und mit diesem letzten Wort verpuffte die unbeschwerte Stimmung plötzlich.
„Es tut mir Leid“, sagte er mit einem Seitenblick auf ihr Profil.
„Was für einen Grund hättest du dazu?“
„Naja, es ist nachvollziehbar, dass du anderes im Kopf hast … ich habe es einfach vergessen.“
„Für einen Moment habe ich das auch“, gab Sam zurück und lächelte ihn sanft an. Was sie eigentlich damit sagen wollte, wusste sie selbst nicht.
Eine keineswegs unbehagliche Stille kam zwischen ihnen auf. Sie nippten an ihrem Bier, betrachteten den Wellengang vor ihnen und lauschten auf das Rauschen der Brandung. Es war beruhigend, wenn nicht gar therapeutisch. Sam fühlte, dass die drängenden Probleme, die ihre heutigen Entscheidungen verursacht hatten, lauernd um die Ecke darauf warteten beachtet zu werden, aber für den Moment durfte sie diese schöne Stimmung geniessen und zur Ruhe kommen.
Irgendwann kam ein lockeres Gespräch zwischen ihnen auf. Sie streiften alle möglichen Dinge, aber blieben bei unverfänglichen Themen, wie der Liebe zur Natur, dem Essen auf Hawaii oder amüsanten Anekdoten aus ihrer beider Kindheit. Steve gab sich Mühe sie abzulenken und obwohl Sam durchschaute was er tat, so hiess das nicht, dass es nicht funktionierte. Er war ein humorvoller Mann, der auch Tiefgang hatte, wenn es angebracht war. Sie ertappte sich dabei es einfach zu geniessen ihm zuzuhören, dieser tiefen Stimme zu lauschen, die etwas Raues an sich hatte und besonders verlockend klang, wenn er sein herzhaftes Lachen von sich gab. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass er im Gegenzug ziemlich oft Körperkontakt herstellte, so harmlos dieser auch war. Immer wieder berührte er ihren Arm, wenn er einen Punkt in seinen Ausführungen unterstreichen oder eine Pointe einleiten wollte. Manchmal stiess er sie scherzhaft mit dem Ellbogen an, oder legte seine Hand auf ihre Schulter während sie gemeinsam über etwas lachten.
So drängend es vielleicht gewesen wäre, sich an diesem Punkt zu fragen, was sie mit der unleugbaren Anziehung zwischen ihnen machen sollten; Sam hatte jetzt wirklich keinen Kopf dafür. Seit Monaten hatte sie sich auf die eine oder andere Weise zurückhalten und ihre Gefühle unterdrücken müssen. Wenigstens ein unbeschwerter Abend – war das so viel verlangt? Sie würde ja nicht gleich über Steve herfallen. Seine Gesellschaft zu geniessen war ja wohl nicht verboten. Und überhaupt? Vor wem rechtfertigte sie sich da gerade? Ach ja, vor dem schlimmsten Kritiker überhaupt: sich selbst.
Schliesslich zog die Abenddämmerung auf und ging langsam in die Nacht über. Das wundervolle Spiel der Farben am Horizont war atemberaubend. Sam kam sich vor, als sässe sie mitten in einer Postkarte. Konnte ein Ort tatsächlich dermassen schön sein? Als sie diese Frage laut aussprach, lachte Steve auf.
„Wart’s ab! Du hast ja noch nichts gesehen. Ein Sonnenuntergang auf dem Diamond Head… Die Nordküste! Hier im Süden ist es ja nicht schlecht, aber dort ist das echte Hawaii. Die anderen Inseln natürlich… Du hast noch viel zu entdecken. Und morgen fangen wir mit dem Shave Ice an, wie es sich gehört.“ Er beugte sich ihr vertraulich entgegen und lächelte sie an, dann schien ihm etwas bewusst zu werden und er zog sich ruckartig zurück. „Wenn du willst natürlich“, fügte er in einem veränderten, leicht angespannten Ton hinzu.
„Ich möchte sehr gerne, dass du mir deine Heimat zeigst“, sagte Sam sanft und berührte seine Hand, die auf dem Rasen ruhte. Es war ihr ein Anliegen ihm die Befangenheit zu nehmen. Sie wusste alles zu schätzen, was er für sie getan hatte. Seine Hilfe, obwohl er sie im Grunde nicht kannte, die Gastfreundschaft und der Wunsch sie seinem zu Hause näher zu bringen. Aber wie sollte sie es sagen? „Mahalo nui loa.“
Steve sah auf ihre beiden Hände herab, dann in ihr Gesicht, welches nur schwach von der Lampe der Veranda hinter ihnen beleuchtet war. „He mea iki.“
Einige Herzschläge lang sahen sie einander unverwandt in die Augen. Dann zog Sam ihre Hand zurück und blickte wieder nach vorne zu den Wellen. Etwas an Steve war gefährlich und ihr wurde bewusst, dass die Gefahr zunahm, je länger sie in seiner Nähe war. Für heute war das definitiv zu viel gewesen. Sie wartete noch einige Minuten ab, damit es nicht allzu offensichtlich war, dann kündigte sie an, dass sie sich zu Bett begeben würde. Vermutlich war es noch nicht einmal 22 Uhr, aber das war ihr einerlei. Sie wünschten sich gegenseitig eine gute Nacht und Sam liess den dunkelhaarigen Mann alleine am Strand zurück.

***
Das Sofa war doch das letzte Mal nicht so unbequem gewesen! Steve traktierte sein Kissen mit der Faust und bettete sich wieder um, obwohl er schon im Voraus wusste, dass es eine verlorene Schlacht war. Vielleicht war es hier im Erdgeschoss auch wärmer als oben, spekulierte er und schob zugleich die dünne Decke von seinem Körper. So lag er also hellwach da und starrte an die Decke. Ob Sam wohl schon schlief? Bei dem was sie heute durchgemacht hatte vermutlich nicht. Sie schien jemand zu sein, die sich ganz nach Frauen- und Psychologenmanier über alles zu viele Gedanken machte. Woher sie auf die hirnrissige Idee gekommen war Nakumotu im Alleingang zu konfrontieren, war ihm ein Rätsel. Er schwankte zwischen Bewunderung über ihren Mut und Ärger über die Leichtsinnigkeit der Aktion hin und her. Sie hatte unglaubliches Glück gehabt. Vermutlich hätte er ja nicht einmal von dem Drohanruf erfahren, wenn er nicht kurz darauf bei ihr aufgetaucht wäre. Es war offensichtlich gewesen, dass etwas nicht mit ihr gestimmt hatte. Er kannte sie zwar nicht wirklich, aber dass sie nicht sich selbst gewesen war, hätte auch ein Blinder erkannt. Vorhin, als sie am Strand gesessen waren, hatte sich ihr wahres Selbst dann gezeigt. Sie war witzig und klug – eine Mischung, die Steve an Frauen besonders anziehend fand.
Und nun lag sie irgendwo über ihm. In seinem Bett. Eine Vorstellung, die er einigermassen befremdlich fand. Nicht weil nie eine Frau in diesem Bett lag – wahrlich nicht – aber weil er sich bei diesen Gelegenheiten auch in dem selbigen befand. Aber dieser Gedanke setzte eine Flut von Bildern in Gang, die Steve nach einigen Herzschlägen resolut aufhalten musste. Es war völlig absurd darüber nachzudenken. Sie war verlobt und er war erwachsen. Selbst wenn da nicht auch noch ein ehemaliger Kamerad involviert gewesen wäre, es war ausgeschlossen. Ja, sie war wunderschön und anziehend, aber das waren viele andere Frauen auch. Punkt.
Es schien als hätte sein Unterbewusstsein genau darauf gewartet. Auf einen Riegel, der ihm vorgeschoben wurde, damit es Ruhe geben konnte. Nachdem sich Steve auf diese Weise selbst zurechtgebogen hatte, schloss er die Augen und wartete auf den Schlaf, der sich dann tatsächlich langsam anzubahnen begann.
„Steve?“
Er riss die Augen auf und erblickte lange, nackte Beine direkt vor sich. Seine Hand, die blindlings nach der Waffe in der Nachttischschublade hatte greifen wollen, erstarrte mitten in der Bewegung. Einmal weil er sich daran erinnerte, dass diese unter seinem Kissen lag, aber auch wegen der Aussicht, die sich ihm bot. Als er nach oben sah, erkannte er Samantha, die über ihm stand. Das lange Haar offen und auf eine unverschämt sexy Art und Weise zerzaust, die im Dämmerlicht schimmernde Alabasterhaut und dann dieses T-Shirt, welches nicht mal die Hälfte ihrer Oberschenkel bedeckte.
„Was ist passiert?“, raunte er und richtete den Oberkörper auf.
„Nichts, nichts. Entspann dich…“
Selbst ihr Flüstern gehörte verboten, so verführerisch wie es sich gerade über seine Ohren legte. Steve stiess die Luft aus und liess sich zurück auf sein Kissen sinken.
„Es tut mir so leid, dass ich dich geweckt habe! Du sahst nicht so aus, als wärst du schon eingeschlafen…“ Sie biss sich auf die Unterlippe und schaute betreten drein. „Ich gehe wieder nach oben.“
Der Gedanke, dass sie schon länger dagestanden und ihn beim Schlafen beobachtet hatte, war beunruhigend. Wie leise war sie gewesen? Oder war er dabei nachzulassen? Bevor sie sich entfernen konnte, meldete er sich rasch zu Wort. „Warte. Was ist los? Kannst du nicht schlafen?“
Sie nickte.
„Setz dich.“ Er strich sich über das Gesicht, dann sah er zu wie sie sich in den Einsitzer sinken liess, der schräg neben seinem Kopf an die Couch grenzte. Er zwang seinen Blick weg von ihren Beinen und sah zu ihrem Gesicht auf, nur um sie dabei zu ertappen wie sie seinen nackten Oberkörper anstarrte. Okay, das wurde langsam kompliziert…
Sam schien etwas Ähnliches zu denken, denn wenn ihn nicht alles täuschte, verdrehte sie die Augen gen Decke.
„Alles in Ordnung bei dir?“, fragte er ins Blaue, damit die Stille ein Ende nahm.
„Wie? Oh, ja. Ich kann nur nicht schlafen, wenn ich in einem fremden Bett bin.“ Sie hielt einen Moment inne. „Und nun halte ich dich auch noch davon ab…“
„Keine Sorge. Ich kann sehr lange ohne auskommen. Ex-SEAL lässt grüssen…“
Sam nickte lächelnd. „Ich weiss, dass ihr das könnt. Aber deswegen braucht ihr ihn trotzdem, nicht?“
Er betrachtete ihr Gesicht, schwach von dem Licht der Verandalampe beleuchtet, die durch das Fenster hinter der Couch schien und versuchte sie sich an Richards Seite vorzustellen. Irgendwie wollte es ihm nicht gelingen. Der andere Mann war das genaue Gegenteil von ihm gewesen; blond und sehnig, schmal wie ein Pfeil. Steve hatte sich oft gewundert woher Richard die Kraft genommen hatte die kräftezehrenden Aufgaben zu meistern, die Muskelkraft erfordert hatten. Zumindest bis er ein paar Tage später begriffen hatte, dass es nicht so sehr auf das Körperliche, als auf die mentale Einstellung ankam. Crusher war ein zäher Geselle gewesen und er hatte seinen Spitznamen nicht bekommen weil er irgendetwas, sondern seine eigene Angst gebrochen hatte. Steve fragte sich ob Sam von dieser Geschichte wusste.
„Wie habt ihr euch kennen gelernt?“, fragte er schliesslich und bettete den Kopf auf seinen angewinkelten Arm.
Das Weiss ihrer Zähne blitzte auf, dann zog sie die Beine an den Bauch und umfing diese. „Für Gewöhnlich glaubt mir niemand diese Geschichte…“
„Ich bin ganz Ohr.“
"Eines schönen Abends sass ich mit meiner Cousine in unserem Lieblingsrestaurant - Stavros' - und wir plauderten einfach vor uns hin, lachten, assen ... wie man das eben so macht. Irgendwo hinter Amanda sass da dieses Paar. Der Mann war dabei mit dem Gesicht zu mir ausgerichtet und so kam ich nicht umhin zu bemerken, dass er mich ständig anstarrte. Ich versuchte ihn so gut es ging zu ignorieren, aber irgendwann fiel es selbst seinem Herzblatt auf, dass er nicht wirklich bei der Sache war. Jedenfalls ist sie dann plötzlich heraus gestürmt, nachdem sie ihm ein Mistkerl! an den Kopf geworfen hatte. Ich grinste also in meine Serviette, als er auch schon an unserem Tisch stand und deklamierte, wie froh er sei, dass sein langweiliges Date weg sei und er sich jetzt mir widmen könne..."
Steve grinste vor sich hin und dachte bei sich, dass das perfekt zu dem Bild des Mannes passte, den er gekannt hatte. "Sehr elegant..."
"Ja, wirklich", sagte Sam mit einem deutlichen Lächeln in der Stimme. "Jedenfalls habe ich ihn höflich aber bestimmt gebeten uns in Ruhe zu lassen, was er sehr gefasst und galant aufgenommen hat. Aber nächste Woche war er schon wieder da und die darauf auch ... er hat irgendwie herausgefunden, dass das unser Ritual war. Als ich schliesslich schon zu überlegen begann, ob ich mir einen neuen Lieblingsgriechen suchen soll, wurde es mir zu bunt. Ich stimmte auf ein Mittagessen mit ihm ein. Und obwohl ich entschlossen war ihn nicht zu mögen, kamen da noch ein, zwei Dinner dazu und ... naja, du weisst ja wie das so ist..."
"Wo die Liebe hinfällt?"
"Genau", sagte sie, klang plötzlich ziemlich erstickt. Sie spielte an der Lehne ihres Sitzes herum und schien tief in Gedanken versunken.
Das war wohl nichts gewesen. Anstatt sie aufzumuntern, hatte seine Frage nur dazu geführt, dass sie noch aufgewühlter war als zuvor. Steve überlegte, was er als nächstes aufbringen sollte. Oder war es doch besser lieber die Klappe zu halten? Sie nahm ihm diese Entscheidung ab.
"Denkst du, dass ihm etwas Schlimmes passiert ist?", fragte sie leise und sah ihn über ihre Knie hinweg so hilflos an, dass er unvermittelt an ein aufgeschrecktes Reh denken musste.
Etwas in seiner Brust wurde weich. Er setzte sich auf und streckte die Hand aus. "Komm her."
Sam erhob sich und liess sich gleich darauf neben ihm auf die Couch sinken. Ohne nachzudenken schlang er seinen Arm um ihre Schultern und lehnte sich zurück, damit sie den Kopf an seine Brust betten konnte. Wider Erwarten war da nichts Befangenes zwischen ihnen. Sie brauchte Trost und er wollte ihr diesen geben. Ihre Hand ruhte auf seinem Brustbein, während er sein Kinn an ihren Scheitel gebettet hatte und so sassen sie einfach da. Es gab nichts zu reden. Sie wusste, dass ihr seine Hilfe sicher war und sie beide wussten, dass es nichts nützte zu spekulieren. Wohin sie die Suche nach Richard führen sollte war unklar, aber dass er gefunden werden musste umso mehr.

***

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Zuletzt von Roux am Fr Jun 21, 2013 5:33 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Fr Jun 21, 2013 8:40 am

***

Ein nerv tötender Ton durchbrach die idyllische Stille, die gerade noch lediglich vom Geräusch der Brandung und dem morgendlichen Vogelgezwitscher untermalt worden war. Sam schreckte zusammen, hob den Kopf und sah sich für einen Moment verwirrt in der ungewohnten Umgebung um. Ach ja, das McGarrett Wohnzimmer... Was? Wohnzimmer? Eine Regung unter ihr liess sie nach rechts Blicken - wobei sie am Rande feststellte, dass ihr Nacken furchtbar schmerzte - und fuhr haltlos zusammen. Sie lag praktisch auf Steve, der wiederum auf dem Rücken auf dem Sofa ausgestreckt war und immer noch seinen linken Arm um sie geschlungen hatte. Er sah sie flüchtig und schlaftrunken an, dann streckte er seine freie Hand aus, um nach dem klingelnden Handy auf dem Couchtisch zu greifen. Sam sprang wie von der Tarantel gestochen auf, wobei ihr nichts anderes übrig blieb als sich von seiner nackten Brust abzustossen, auf der sie offenbar geschlafen hatte. Konnte das denn wahr sein? Sie waren gestern tatsächlich aneinander gekuschelt eingeschlafen! Befangen fuhr sie sich durch das zerzauste Haar, während sie auf dem äussersten Ende des Sofas zu seinen Füssen sass und dem kurzen Telefongespräch lauschte. Auf seiner Seite hörte sich das wie folgt an:
"McGarrett! ... Sir? ... Und Captain Nuali weiss davon? ... Verstanden! ... Ja, ich bin auf dem Weg." Noch während er sprach, erhob er sich von der Couch, um vor Sam zu stehen zu kommen. Ihr Gesicht war dadurch plötzlich auf der Höhe seines durchtrainierten Bauches. Waren das die Säume von einem Rückentattoo, die sie da auf seiner Hüfte sah? Himmel! Musste das sein? Mehr oder weniger unelegant schweifte sie zur Seite und erhob sich von dem Sofa, mit dem unbestimmten Ziel sich nach oben ins Schlafzimmer zu flüchten. Doch Steve hielt sie auf, indem er sich ihr in den Weg stellte.
"Der Obduktionsbericht unserer Jane Doe liegt vor. Und Max hat sie identifiziert; es ist eine Touristin, die vor ein paar Tagen als vermisst gemeldet wurde." Er war definitiv wieder sein geschäftliches Selbst, als er ihr die Sachlage erklärte. Nichts deutete darauf hin, dass sie die letzten Stunden auf seiner Brust geschlafen hatte. Oder dass sie gerade spärlich bekleidet vor einander standen.
"Das ist...", hob sie an, obwohl sie gar nicht wusste, was sie überhaupt sagen sollte.
"Schlecht", ergänzte Steve. "Das war der Gouverneur." Er hielt sein Handy in die Höhe und in diesem Augenblick ertönte der Klingelton des Ihrigen durch die Decke, unterbrach Steve in seiner Erklärung, die er gerade hatte fortführen wollen.
Sam liess ihn zurück, hastete die Treppe hinauf in das Schlafzimmer, wo ihr Telefon noch immer lag und nahm den Anruf entgegen.
"Samantha! Bist du schon auf dem Weg zur Arbeit?" Es war Dennings tiefe Stimme. Wieso rief er denn nun auch noch sie an? Der Fall war an die Five-0 gegangen, nachdem sie Anfang der Woche die Leiche entdeckt hatten.
"Nein, noch nicht."
"Sehr gut. Steve McGarrett wird dich abholen und in sein Hauptquartier bringen. Warte auf ihn."
"Wie bitte?"
"Dieser Fall ... mit der Leiche im Garten des Architekten. Sie wurde gerade identifiziert; es ist eine Touristin. Die Sache könnte sehr viel Staub aufwirbeln. Ich will dass du deinen schlauen Kopf mit McGarretts Team zusammensteckst, damit wir den Kerl so schnell wie möglich kriegen."
"Aber La Roche..."
"Weiss es bereits. Nuali wird dich an die Five-0 ausleihen, so lange wie es nötig ist um den Mörder zu fassen." Samuel klang ungewohnt angespannt und sprach sehr hastig, als wäre er bereits wieder auf dem Sprung.
"Okay. Dann helfe ich Ste- ... Commander McGarrett wo ich kann."
"Sehr gut! Pass auf dich auf, Samantha!" Und er legte auf.
Als sie sich langsam umdrehte, völlig perplex von den sich überschlagenden Ereignissen, erblickte sie Steve, der in der Türschwelle stand und sie angrinste. "Willkommen bei der Five-0!"


Kaum waren sie durch die Glastür getreten, rief Steve auch schon aus: "Leute, begrüsst unsere Verstärkung! Ihr kennt Doctor Haynes ja schon."
Drei Köpfe drehten sich in ihre Richtung. Sam war froh, dass auf keinem der Gesichter Unmut oder Missbilligung zu sehen war. Alle lächelten ihr entgegen, auch wenn sie ziemlich überrascht aussahen.
"Bitte, nennt mich Sam", sagte sie und schüttelte den Dreien die Hand, als sie sich alle um den Tischcomputer versammelt hatten. Nun bekam sie auch deren Vornamen nochmals zu hören.
Steve erklärte die Lage; dass Sam mit ihnen zusammenarbeiten würde, so lange bis der Fall der ermordeten Touristin aufgeklärt war und der Gouverneur verlangte, dass sie sich alle besonders viel Mühe gaben.
"Wie schön wenn sich der Stress der bevorstehenden Wahlen auch auf unsere Arbeit auswirkt, nicht?", meinte Danny mit einem breiten, sarkastischen Grinsen.
"Das und das schlechte Bild, wenn Touristen während ihres Urlaubs auf Hawaii ermordet werden..." Kono streckte den Arm aus und rief mit ein paar kurzen Handgriffen eine Identitätskarte auf dem Display des Tischcomputers auf. Mit einem Wischen tauchte diese auf einem der drei Bildschirme auf, die an der Wand gegenüber dem Tischcomputer angebracht waren.
So sah das Hauptquartier einer speziellen Einsatztruppe also aus, wenn die Ressourcen scheinbar unerschöpflich waren und der Gouverneur alles absegnete? Bei dem HPD konnte man froh sein wenn man ein Bündel neuer Bleistifte bekommen konnte. Egal wohin man sich wandte, da schwirrte dieses eine Wort in allen Räumen der Polizeistation herum: Sparmassnahmen. Sam wollte gar nicht wissen was La Roche zu diesem Überfluss an Technik und Werkzeugen des Metiers gesagt hätte. Wenn sie sich nur seinen Blick bei ihrer Rückkehr von ihrem Ausflug bei der Five-0 ausmalte, fühlte sie das Unbehagen aufkommen.
"Carly Webster, 24, Krankenschwester aus Chicago. Sie war im Kalani Hotel in Haleiwa eingemietet. Vor fünf Tagen wurde sie von Freunden als vermisst gemeldet."
"An der Nordküste?", fragte Steve und sah Kono perplex an. "Wie ist ihre Leiche in Honolulu gelandet?"
Sam setzte das Puzzlestück an seinen Ort: "Das ist nochmals eine Bestätigung dafür, dass der Täter den Ablageort sorgfältig ausgesucht hat. Egal ob sie noch lebte oder nicht, es war sehr riskant sie über die ganze Insel zu transportieren. Ausser er hat sie in Honolulu aufgegriffen, natürlich..."
"Was ist mit ihrer Familie?" Danny sah zu Kono.
"Ihr Vater ist auf dem Weg hierher. Sein Flieger landet in drei Stunden. Er wird sofort hierher kommen." Sie hielt einen Moment inne, dann sah sie in die Runde. "Jemand muss ihn zur Identifikation der Leiche begleiten..."
Alle sahen ziemlich betreten aus, aber Sam fiel auf, dass sich Danny bei dieser Aussicht besonders angespannt hatte. Das und seine Frage nach einer Familie liess sie vermuten, dass er selbst Vater war.
"Ich kann das übernehmen, wenn ihr wollt", sagte Sam nach einigen Augenblicken, doch Steve winkte gleich darauf ab.
"Nicht nötig. Ich tue es."
"Was ist mit der Befragung? Ich würde gerne dabei sei..."
Steve nickte und sah dann zu Danny, der die Geste wiederholte.
"Dankeschön." Dann wandte sie sich an Kono, die ihr gegenüber stand. "Es hiess der Obduktionsbericht liegt vor. Kann ich vielleicht einen Blick darauf werfen?"
"Klar." Die junge Frau schritt zu einem Tisch hinter ihr, um Sam gleich darauf eine Akte zu reichen. Die Britin bedankte sich und legte diese vor sich ab. Sie würde den Bericht später in Ruhe durchlesen.
Steve schien etwas Ähnliches zu denken, denn sein Blick schweifte von der Akte zu Sam und dann in Richtung eines der Büros. "Du kannst dich in das Büro neben dem von Kono einrichten - es ist praktisch unbenutzt." Und als Sam nickte, schenkte er ihr ein flüchtiges Lächeln, sah dann sein Team an und klatschte in die Hände. "Kono und Chin. Ihr verfolgt alle Schritte, die Carly seit ihrer Ankunft auf Hawaii unternommen hat; Kartenbelege, Telefonate, Kontoauszüge. Danny und ich kümmern uns um die Befragung der Leute im Kalani Hotel und sehen zu, ob wir jemanden finden können, der etwas Verdächtiges beobachtet hat. Und du Sam..."
"Ich erstelle aufgrund des Berichtes ein vorläufiges Profil. Bis ihr zurück seid, sollte es stehen."
"Sehr gut! Also dann Leute, an die Arbeit!"


Es war wie erwartet befremdlich in diesem grossen, modernen Büro zu sitzen, das so gar nichts gemein hatte mit dem, welches sie bei dem HPD bekommen hatte. Selbiges war nicht schlecht, aber dieses hier, dominiert von Glasfronten und holzgetäfelten Wänden, schien irgendwie unwirklich. Doch Sam hielt sich nicht lange dabei auf, denn es galt den Bericht von Dr. Bergman zu sichten. Dieser las sich wie ein Schauermärchen. Eines aus dem Buch, von welchem sie während all ihrer Jahre, die sie bei der Polizei verbracht hatte, bereits viele Kapitel zu sehen bekommen hatte. Nichtsdestotrotz war noch immer ein Teil von ihr entsetzt und aufgebracht, jedes Mal wenn ein neuer Fall bewies was für dunkle Abgründe in einem Menschen lauern konnten. Sam hatte sich geschworen, dass der Tag an dem sie das Schicksal eines Opfers nicht mehr berühren konnte, auch ihr letzter in diesem Beruf sein würde. Es war ein ständiger Drahtseilakt genug emotionalen Abstand zu dem Fall zu halten, damit man professionell bleiben konnte und gleichzeitig genug menschlich zu bleiben, um sich nicht eines traurigen Tages in ein Stück Felsen zu verwandeln.
Während Sams graue Augen rasch über die Zeilen der ersten Seite des Berichtes glitten, wurde klar, wie viel Carly hatte durchmachen müssen. Sie war dehydriert und ohne Magen- oder Darminhalt gewesen, was darauf hindeutete, dass sie mindestens 48 Stunden nichts mehr zu sich genommen hatte. Ihre Hand- und Fussgelenke bewiesen, dass sie während dieser Zeit gefesselt gewesen war, wobei die Spuren an den Händen sehr viel ausgeprägter waren. Sam schloss daraus, dass sie in einer aufrechten Position an eine Wand oder dergleichen gefesselt gewesen war und die Handgelenke ihr Gewicht hatten tragen müssen, jedes Mal wenn sie bewusstlos geworden war. Darauf deutete auch der Zustand ihrer Schultergelenke hin.
Die Elektroschocks waren bei dem Ganzen ein Kapitel für sich. Sam fragte sich wie sie das so lange ausgehalten hatte, denn dass die Prozedur über mehrere Tage gegangen war, bewiesen die älteren Verbrennungen, die angefangen hatten zu heilen. Dr. Bergman hatte die Art der Vorgehensweise als "systematisch" bezeichnet und Dauer der Folter auf 3 bis 4 Tage eingegrenzt. Es passte zu dem Zeitfenster, welches Carlys Verschwinden vorgab. Es schien so, als wäre ihr nur etwas erspart geblieben; offenbar hatte man sie nicht sexuell missbraucht. Das war jedoch nur ein sehr schwacher Trost. Denn nachdem der Mörder mit seiner Folter zu einem Ende gekommen war, hatte er sie mit blossen Händen erwürgt. Sie hatte keinerlei Abdrücke am Hals aufzuweisen, die auf ein Hilfsmittel hindeuteten.
Sam fuhr sich seufzend über das Gesicht, dann blätterte sie weiter. Es folgten die Bestandsaufnahmen aller inneren Organe, deren Relevanz für den Fall bereits in der Zusammenfassung auf der ersten Seite aufgelistet war. Nichtsdestotrotz überflog Sam auch diesen Teil des Berichtes, fand aber wie erwartet nichts was auf den Mörder oder sein Vorgehen hinwies. Carly war eine gesunde, junge Frau in der Blüte ihres Lebens gewesen. Mit einem weiteren Seufzen schloss sie die Akte und begann sich Notizen zu machen. Sie hatte Steve versprochen, dass ein Profil auf ihn warten würde, wenn er von der Nordküste zurück war.
Tatsächlich kamen Danny und er in diesem Moment wieder ins Gebäude marschiert, als Sam drei Stunden später mit einem wohlverdienten Kaffee den Weg zurück in den zweiten Stock angetreten hatte. So trafen sie alle drei zur selben Zeit wieder im Hauptquartier ein, wo sie sich auch gleich mit Kono und Chin zu dem Briefing um den Tischcomputer versammelten.
Wie sich herausstellte hatte Dannys und Steves Trip zur Nordküste nicht viel hervorgebracht. Niemand hatte etwas Verdächtiges gesehen oder jemanden mit Carly beobachtet, die allem Anschein nach wie jedes Jahr einen ganz normalen Surfurlaub genossen hatte, bis sie ein paar neu gewonnene Freunde vom Ali'i Beach Park vermisst hatten.
Kono und Chin hatten ebenso wenig vorzuweisen. Carly hatte sich laut ihrem elektronischen Fingerabdruck nur in und um Haleiwa aufgehalten und keinen Ausflug nach Honolulu gemacht. Jedenfalls keinen welcher sich nachverfolgen liess.
"Sam, sag mir, dass du etwas mehr hast!", sagte Steve mit einem eindringlichen Blick.
Diese räusperte sich und begann ihre Einschätzung: "Wir suchen nach einem weissen Mann zwischen 30 und 40. Sadist. Körperlich in guter Verfassung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er eine Ausbildung im technischen Bereich hat. Mechaniker, vielleicht sogar Elektriker. Der fehlende sexuelle Übergriff deutet entweder auf Impotenz hin oder es geht bei dem Mord nicht um seine sexuelle Befriedigung, sondern um Rache oder ein Statement. Das ist schwer zu sagen. Und das hier ist definitiv nicht sein erstes Mal."
"Wie kommst du darauf?", fragte Danny.
"Nun, zum einen hat er Carly über eine sehr lange Zeit gefoltert. Jemanden über vier bis fünf Tage mit Elektroschocks zu traktieren und ihn dabei nicht nach ein paar Mal schon umzubringen erfordert Geschick. Und diese Art von kalkuliertem Geschick kommt nur mit Erfahrung. Er wusste was er tat. Er kennt sich mit der technischen Materie aus, aber auch mit dem Körper und dessen Belastungsgrenzen. Zum anderen hat er keinerlei Spuren hinterlassen, weder auf der Leiche noch am Ablageort. Er ist organisiert und hat sich gut im Griff, was auch auf einen erfahrenen, älteren Täter hinweist."
"Nun, ich habe die Datenbanken schon nach ähnlichen Fällen durchsucht und die Suche hat nichts ergeben." Chin zuckte mit den Schultern. "Wieso ist nichts aufgetaucht?"
"Vielleicht waren die Kriterien zu eng. Wonach hast du gesucht?"
"Weibliche Mordopfer die stranguliert und mit Elektroschocks gefoltert wurden."
"Was ist mit Entführungsopfern und Elektroschocks? Oder nur die Schocks ohne das Würgen."
Chin nickte und begann auf dem Tischcomputer zu tippen. Für eine Weile herrschte Schweigen, während alle darauf warteten, dass Chin die Suche startete. Schliesslich richtete er sich wieder auf und sagte: "Jetzt heisst es nur noch warten."
"Gut. Dann widmen wir uns dem Vater. Er müsste mittlerweile gelandet sein, oder?" Mit einem Stirnrunzeln sah Steve auf seine Armbanduhr, dann zu Kono, die nur bekräftigend nickte.
Als wäre dies sein Stichwort gewesen, tauchte ein Mann vor der doppelflügeligen Glastür auf, der unsicher durch die Scheibe spähte, als wüsste er nicht, was er hier eigentlich zu suchen hatte oder ob er hier richtig war. Sam fing Steves Blick ein und nickte dann in Richtung des Eingangs, worauf er sich umdrehte und den Mann hinein winkte.
Sie straffte sich innerlich und folgte Steve, um Mr. Webster zu begrüssen. Das bevorstehende Gespräch würde nicht leicht werden. Den Mann an dem schlimmsten Tag seines Lebens mit Fragen zu traktieren war zwar nötig, aber etwas worauf sie auch hätte verzichten können. Manchmal war ihr Beruf wirklich furchtbar.


"Was macht die Insel?"
"Schwebt auf dem Wasser?"
"Ich sehe, dass dir Hawaii deinen Sarkasmus nicht austreiben konnte." In Dees Stimme schwang ein deutliches  Lachen mit. Sie hielt einen Moment inne. "Wie geht es dir, Liebes?"
"Gut. Ich bin beschäftigt."
"Also hast du noch nichts herausgefunden?"
Unwillkürlich sah Sam über ihre Schulter, als bestünde die Gefahr, dass jemand hinter ihr stand und lauschte. "Nein, Dee. Und wie ich schon sagte: nicht am Telefon!"
"Ja, ja. Entschuldige! Ich mach mir einfach Sorgen um dich. Hier hattest du wenigstens uns, aber dort drüben bist du alleine. Und du stellst unglaublichen Mist an, wenn man dich alleine lässt!"
Wenn sie wüsste... Gerade war Sam sehr froh, dass ihre Cousine den ertappten Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht sehen konnte. "Du musst dir keine Sorgen machen. Ich bin hier gut aufgehoben."
"Bei Fremden?", fragte diese ironisch.
"Nein. Nun ... doch. Ach, es ist kompliziert. Ich erzähle dir ein anderes Mal davon, ja?"
"Gut, ich rufe dich heute Abend in deinem Hotel an."
"Ähm, ja ... wegen dem Hotel." Wie schnell konnte sie eine plausibel klingende Lüge aus dem Ärmel schütteln? Sam holte Luft, wollte gerade etwas von einem Wechsel in ein anderes Hotel erzählen, als ihr klar wurde, was sie dabei war zu tun. Es war Amanda. Nicht irgendjemand. Sie war wie eine Schwester und sie konnte sie nicht anlügen. "Ich bin nicht mehr im Sheraton", sagte sie schliesslich matt.
"Hast du etwa schon eine Wohnung gefunden?"
"Nein, Dee. Es ist kompliziert."
"Was geht denn bei dir vor, dass alles so furchtbar kompliziert ist?" Amanda klang nun noch besorgter, als sie sowieso schon das ganze Gespräch über geklungen hatte. "Oder ist das schon wieder was, was du mir am Telefon nicht erzählen darfst?"
"Es tut mir leid, aber das kann ich wirklich nicht. Aber sei unbesorgt. Wenn ich sage, dass ich in guten Händen bin, dann meine ich das auch so." Ihr Blick schweifte durch die Glasfront zur Mitte des Hauptquartiers hin, wo Steve und Kono über den Tischcomputer gebeugt dastanden und miteinander sprachen, und lächelte unwillkürlich. "Ausserdem bin ich ein grosses Mädchen."
"Versprich mir einfach, dass du keinen Blödsinn anstellst! Versuch geduldig und besonnen zu sein. Bitte?"
"Schön zu wissen, dass du solch eine hohe Meinung von meinem Charakter hast", gab sie in einem Versuch dem Gespräch eine lockere Note zu verleihen von sich - und scheiterte kläglich.
"Sam, bitte! Ich meine es ernst. Ich kenne dich. Du bist ein Magnet für Schwierigkeiten."
"Nett", erwiderte diese geknickt. "Aber ja: ich verspreche, dass ich versuche mich zurückzuhalten."
"Ach, du wirst es versuchen?" Dee seufzte. "Na gut, wenigstens etwas."
Eine Bewegung am Rande ihres Gesichtsfeldes fing Sams Blick ein; Steve stand vor der Bürotür und winkte sie in seine Richtung, dann führte er die Hand zum Mund, als mimte er jemanden, der gerade etwas isst. Sie nickte ihm zu, dann deutete sie auf das Handy an ihrem Ohr. "Dee, ich muss los. Zeit für das Mittagessen. Danke für den Anruf! Und richte Dave einen lieben Gruss von mir aus!"
"Mach ich. Pass auf dich auf!" Und sie legte auf.
Mit einem Seufzen blickte Sam auf den Display und fühlte eine seltsame Mischung von Sehnsucht nach ihrer besten Freundin und schlechtem Gewissen in sich aufkommen, weil sie ihr nicht alles erzählen konnte. Aber vielleicht war es ganz gut so. Dee hätte ihr den Hals umgedreht, wenn sie alles gewusst hätte.
Aber jetzt galt es sich den Essensplänen zu widmen, die Steve ausgeheckt hatte. Sie schulterte ihre Handtasche und gesellte sich zu ihm in den Gang. "Was steht an?"
"Shrimps!"
"Fantastisch! Worauf warten wir?"
Wie sich herausstellte war dies ein etabliertes Ritual für das Team. Wann immer möglich fuhren sie an die Kahanamoku Lagoon an der Strandpromenade Waikikis hinaus, um dort Shrimps bei Kamekona zu essen. Kamekona war ein Einheimischer von beeindruckendem Körperumfang und mochte auf den ersten Blick einschüchternd wirken. Doch nachdem Sam einen Blick auf das breite Grinsen geworfen hatte und sich sein kahlrasierter, kugelrunder Kopf in ihre Richtung wandte, um sie mit einem wohlwollenden Ausdruck aus den funkelnden Augen zu mustern, wurde ihr klar, dass er nichts anderes, als ein grossgeratener Teddy war. Einer der zudem gut kochen konnte, wenn sie die Düfte, die aus dem gelben, zu einem Imbisswagen umgebauten Lastwagen waberten, richtig deutete.
"Wieso erfahre ich erst jetzt von dem Zuwachs bei der Five-0?", verlangte er zu wissen, nachdem sie sich alle an einen der Picknicktische gesetzt hatten und er auf die Runde herabsah. "Und was für einer noch dazu! Kamekona; stets für die schöne Lady zu Diensten!"
Sam lächelte ob seinem schweren Akzent, dem knuddeligen Lispeln, dem T-Shirt auf dem ein Hybrid zwischen einem Shrimp und seinem Kopf prangte und dem heftigen Wackeln mit den Augenbrauen. Er war einfach goldig. "Danke, Kamekona. Ich bin Sam und ich habe gehört, dass deine Knoblauchshrimps die Besten auf der Insel sind."
"Du hast dir gerade eine Gratisportion davon verdient", erwiderte er strahlend, dann sah er zu Steve. "Ich applaudiere deinem Geschmack, grosser Kahuna! Die Neue gefällt mir. Wo hast du sie gefunden?"
Der Angesprochene begann zu grinsen, dann sagte er: "Danke, Kamekona. Aber ich war es nicht, der sie gefunden hat. Sam hat mich gefunden, um genau zu sein."
"Hat sie das?", lachte Chin amüsiert auf und richtete seinen Blick wie alle anderen Anwesenden auf Sam, die dem Drang unruhig auf ihrem Sitz herumzurutschen widerstand und ihnen stattdessen betont breit entgegen grinste.
"Niemand hat hier irgendwen gefunden. Der Gouverneur hat uns zusammengebracht. Und das auch nur so lange bis wir einen Fall gelöst haben. Danach kehre ich wieder zum HPD zurück“, erklärte sie Kamekona während sie zu ihm aufsah und registrierte wie das Lächeln langsam von seinen Zügen verschwand. "Aber keine Sorge; ich werde auch danach noch hierher kommen, um mir den Bauch vollzuschlagen - ob mit den Vieren hier oder nicht. Das heisst ... wenn mir diese Gratisportion gefallen sollte, die du vor einer Ewigkeit erwähnt hast."
Das Grinsen kehrte augenblicklich zurück. "Kommt sofort! Kamekona ist kein Mann, der eine Herausforderung nicht erkennt, wenn sie ihm an den Kopf geworfen wird!"
Diese Aussage entlockte dem Tisch ein simultanes, erwartungsvolles Aufheulen, welches schliesslich in lautes Gelächter überging. Sam war erleichtert, dass die Aufmerksam von ihr abgekehrt war. Was hatte sich Steve bei dieser Bemerkung auch gedacht? Sollten denn alle erfahren, dass sie ihn wegen ihrer persönlichen Mission aufgesucht hatte? Dass sie über die Arbeit hinaus eine Verbindung zueinander hatten? Dann fiel ihr ein, dass sie keine Ahnung hatte, ob Steve seinem Team nicht schon längst davon erzählt hatte. Der familiäre Umgang zwischen ihnen war nicht zu übersehen. Sam nahm sich vor bei dem nächsten Gespräch unter vier Augen vorsichtig danach zu fragen. Nicht, dass sie hier am Ende noch in der Einbildung herumlief, ihr Geheimnis sei gut gehütet, während in Wirklichkeit alle davon wussten. Eine ziemlich beunruhigende Vorstellung.
Die Knoblauchshrimps lenkten sie für den Moment jedoch ganz gut von ihren Sorgen ab. Sie waren wirklich so köstlich, wie es Danny, der ihr gegenüber sass, behauptet hatte. Als sie ihm dies nach ein paar Bissen zugestanden hatte, nickte er zufrieden.
"Ich wusste, dass sie dir gefallen würden. Du siehst nach einer Frau aus, die weiss was gut ist."
Sam lachte auf. "Ach ja? Und du hast das wie genau gemerkt?"
"Das wird mein Geheimnis bleiben...", erwiderte er gespielt mysteriös und erntete nicht nur einen Lacher von Sams Seite.
"Aufgepasst! Auftritt Danno, der Frauenversteher!", rief Steve und breitete theatralisch die Arme aus.
"Danno?" Sam sah nach links zu Kono und hob fragend die Augenbraue.
Die junge Frau lehnte sich zur Seite und ihr entgegen, dann sagte sie leise: "So nennt ihn seine kleine Tochter Grace. Und Steve natürlich. Er hat sich das Recht dazu sozusagen einfach genommen..." Sie zwinkerte Sam zu und nahm sich dann einen weiteren Bissen von ihren süsssauren Shrimps.
"Ah, ich verstehe. Männerliebe..."
"Ja, du hast es erfasst!"
Die beiden Frauen grinsten sich entgegen und warfen dann den besagten Männern einen Blick zu. Diese waren gerade dabei sich zu zanken. Etwas sagte Sam, dass das nicht selten vorkam.
"Ich sage nur, dass du nicht der Typ bist, der es so mit Feinfühligkeit hat, Steve. Du bist eher der, der die Tür eintritt und ... ah ... dann einfach da ist. Wenn du verstehst was ich meine."
"Was für ein Blödsinn! Das stimmt doch einfach nicht. Ich kann sehr einfühlsam sein, wenn ich will. In den meisten Fällen sehe ich nur nicht ein wozu ich das sein sollte."
"Und das, mein Freund, ist exakt das, was man unsensibel nennt." Er wandte sich an Sam. "Hilf mir! Sag ihm, dass er ungefähr die Einfühlsamkeit dieses Tisches hier hat, an dem wir sitzen!"
"Oh nein, ich weiss, wann ich mich raushalten muss. Ihr zwei Hübschen klärt das mal schön unter einander. Aber ich kann euch einen guten Paartherapeuten empfehlen, wenn ihr wollt..."
Chin prustete in seinen gebratenen Reis, dann sagte er: "Unsere Profilerin ist gut; sie hat euch schon nach einem halben Tag durchschaut!"
"Danke Chin, aber die Beiden sind ziemlich offensichtlich..."
Steve beugte sich vor und funkelte Sam an: "Du vergisst wohl, dass ich der Boss dieser Truppe bin. Willst du gefeuert werden?"
"Nur der Gouverneur kann mich feuern. Willst du dich mit ihm anlegen?" Sie wackelte ihm mit den Augenbrauen entgegen und grinste ihn frech an.
"Diese Runde geht an dich." Er lehnte sich wieder zurück. "Aber das wird ein Nachspiel haben..."
"Sie sieht nicht so aus, als hätte sie Angst vor dir, Boss. Du lässt nach!", sagte Kono und deutete mit ihren Essstäbchen auf ihn.
Das allgemeine Gelächter liess seine Selbstbeherrschung schliesslich bröckeln; der gespielt finstere Ausdruck auf seinen Zügen wich einem ehrlichen, strahlenden Lächeln, welches Sams Augen magisch anzog. Relative Stille kehrte über dem Tisch ein, als sich alle wieder ihrem Essen widmeten, aber sie konnte sich nicht davon abhalten den Blick immer wieder auf Steve zu richten. Wie er die Augen gegen die pralle Sonne zusammenkniff, das Spiel der Muskeln an seinem Kiefer, während er kaute, selbst die Art und Weise wie er sein Mittagessen mit der Plastikgabel traktierte; sein Anblick war irgendwie hypnotisch.
Das plötzliche Gefühl beobachtet zu werden liess Sam wieder nach vorne sehen, wo ihr Dannys Blick entgegen knallte. Wenn sie nicht alles täuschte, dann war da ein kleines, wissendes Lächeln, welches um seine Mundwinkel spielte. Sie grinste ihm entgegen, dann beugte sie sich über ihren Teller, um eine lange Weile danach nicht mehr davon aufzusehen, während sie sich selbst innerlich verfluchte.


Zurück im Hauptquartier wurde klar, dass die Suche nichts Handfestes ergeben hatte - ausser einer sehr langen Liste von ungeklärten Morden und Entführungen, die es in mühsamer Arbeit zu sichten galt. Sam nahm sich während des ganzen Nachmittages dessen an, konnte sich aber nur schwer konzentrieren. Das aufwühlende Gespräch mit dem Vater des Opfers schwirrte ihr noch im Kopf herum und die Tatsache, dass die Befragung nichts Brauchbares hervorgebracht hatte, machte das Ganze noch schlimmer. Der arme Mann hatte nichts gewusst, was ihnen weitergeholfen hätte und sein Schmerz hatte den Mord an Carly noch grausamer erscheinen lassen. Das Telefonat mit Dee trug auch noch zu ihrer aufgewühlten Stimmung bei. Von ihrer Situation im Allgemeinen ganz zu schweigen. Noch immer hing diese düstere Wolke über ihr, die der Drohanruf heraufbeschworen hatte. Doch sie liess nicht zu, dass ihre Gedanken in diese Richtung schweiften. Stattdessen kamen diese anderen Dinge hoch, die sie heute erlebt hatte. Dinge, mit denen sie umgehen konnte, die zwar unangenehm waren, aber die die Angst in Schach hielten.
Mit einem tiefen Seufzen klappte sie den Laptop zu, brachte den scheinbar unendlichen Strom von Tatortfotos zum Versiegen und bettete das Gesicht in ihren Händen. Sie fühlte sich ausgelaugt und angespannt zugleich, und wenn sie noch eine weitere ungelöste Akte durchsehen musste, würde sie den Laptop durch die Glasfront des Büros pfeffern. Also hob sie den Kopf nach einer Weile wieder, zog ihr Notizbuch zu sich und konzentrierte sich stattdessen auf die klaffenden, schwarzen Löcher in diesem Fall. Über einem Rätsel brüten, das konnte sie gut.
Etwas störte sie an dem Fall besonders. Der Ablageort. Das sah so sehr nach einer Nachricht aus, dass ihr einfach nicht in den Kopf wollte, wo die restlichen Morde des Täters abgeblieben waren. Dass dies nicht sein Erster war stand für sie fest. Ihre Erfahrung, und mehr noch, ihr beinahe untrügliches Bauchgefühl sagten ihr dies. Wie hatte er sich also zu diesem Modus Operandi hochgearbeitet, ohne jemandem aufgefallen zu sein? Und noch wichtiger: wieso hatte er sich jetzt plötzlich dazu entschieden mit einem Knall auf sich aufmerksam zu machen? Sam hatte ein ungutes Gefühl. An diesem ganzen Fall stimmte einfach etwas nicht.
Die nächsten Minuten flossen im Gegensatz zu den vorherigen unbemerkt an ihr vorbei. Kritzelnd, tief in Gedanken versunken, ging der Nachmittag in den Abend über, während sie mit Theorien herum jonglierte, eine haarsträubender als die andere. Selbst die Möglichkeit, dass die Leiche nur in der Kahala Nachbarschaft abgelegt worden war, um die Five-0 in die Ermittlungen einzubringen, kam ihr in den Sinn. Aber das war so absurd, dass sie die entsprechenden Worte stirnrunzelnd wieder durchstrich. Sie sah nur kurz auf, als ein Klopfen zu ihrer Rechten erklang; Chin winkte ihr zum Abschied und sie erwiderte die Geste lächelnd. Dann richtete sie den Blick wieder auf ihren Tisch.
Vielleicht ging sie das alles ganz falsch an... Was war mit dem Opfer selbst? Vielleicht ging es gar nicht um das Drumherum und jemand hatte es nur wie einen speziellen Mord aussehen lassen wollen, während es in Wahrheit eigentlich nur um die junge Frau ging. Ein geschickt getarnter Mord aus Leidenschaft? Es war dringend vonnöten Carlys Hintergrund genauer zu überprüfen. Ebenso den, des Besitzers von dem Garten in dem sie gefunden worden war. Am Ende bestand vielleicht doch noch eine Verbindung zwischen den Beiden, so unwahrscheinlich dies auf den ersten Blick auch wirken mochte. Es war immer das Beste nichts von vornherein auszuschliessen, auch wenn Sams Gefühl ihr sagte, dass dies nicht der richtige Ansatz war.
Einige Zeit später strich sie sich mit der Hand über den Nacken, schloss die Augen und merkte erst jetzt wie verspannt sie eigentlich war. Bei der Art und Weise wie sie die letzte Nacht verbracht hatte, war das aber auch kein Wunder. Sie überging die Tatsache, dass es ihr rückblickend nur noch halb so peinlich war, dass sie mit Steve zusammen auf dem Sofa geschlafen hatte, wie es ihr heute Morgen noch gewesen war. Ihre Gedanken schweiften stattdessen zurück zu dem Gespräch, welches sie in der Nacht mit ihm geführt hatte. So scherzhaft seine Bemerkung während des Mittagessens auch gewesen war, er hatte recht; er konnte wirklich sehr einfühlsam sein, wenn er dies wollte. Seine gesetzte, kraftvolle Anwesenheit hatte sie getröstet und zur Ruhe kommen lassen, wenn auch nur für eine Weile. Etwas, was sie seit langer Zeit nicht mehr verspürt hatte. Die Unwissenheit und Rastlosigkeit, die sie so lange im Klammergriff gehabt hatten, waren mit einer kleinen zwischenmenschlichen Geste weggewischt worden.
Nun, da sie in Ruhe darüber nachdenken konnte, wurde ihr bewusst, dass es ihr in einer gewissen Weise besser ging, als vor ihrer Ankunft auf O'ahu. Sicher, die Dinge hatten sich verkompliziert, aber plötzlich war sie nicht mehr alleine. Sie war sich sicher, dass sie sich auf Steve verlassen konnte und dass er alles tun würde, was in seiner Macht stand um ihr zu helfen. Das war so viel mehr Unterstützung, als sie in den ganzen letzten Monaten erfahren hatte, dass es ihr beinahe unwirklich vorkam. Bisher hatte sie immer alleine kämpfen müssen, war die Einzige gewesen, die sich dafür eingesetzt hatte, dass Richard gefunden wurde. Sicher, Dee und der Rest ihrer Familie war für sie da gewesen, aber hatten nichts ausrichten können. Steve war die erste Person, die auf ihrer Seite war und ihr bei der Suche auch tatsächlich helfen konnte.
Und wenn man vom Teufel sprach... Ein erneutes Klopfen liess sie aufblicken. Da stand er vor ihrer Tür, trat ein, nachdem sie ihm zugenickt hatte und stellte sich vor ihren Schreibtisch.
"Alles okay bei dir?", fragte er. Seine Augen schweiften über ihr Gesicht, als suchte er nach einem Anzeichen für was auch immer.
"Ja. Ich bin nur müde. Und bei dir?"
"Ebenso. Auch wenn ich nicht gerade behaupten kann, dass ich mit dem Vorankommen der Ermittlungen zufrieden bin..."
"Ja, bisher scheinen wir ja im Kreis herumzurennen... Ich kann dir leider auch noch nichts bieten." Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern und schob die Augenbrauen zusammen.
Steve winkte ab. "Du hilfst uns sehr. Ich bin froh um deine Unterstützung." Dann schenkte er ihr ein breites Lächeln.
Sie sahen einander für einige Herzschläge lang stumm an. Sam war zwar erleichtert über seine Worte, aber sie konnte sich trotzdem dieses Gefühls nicht erwehren, dass sie im Grunde nichts anderes als ein Eindringling war. Man hatte sie dem Team aufgezwungen und sie wusste nicht, wie sie an deren Stelle reagiert hätte.
Steve schien erkannt zu haben, dass etwas in ihr vorging, denn er sagte eindringlich: "Egal worüber du dir gerade Sorgen machst; hör auf damit." Und bevor sie etwas erwidern konnte, klatschte er in die Hände. "Schnapp dir deine Tasche und komm mit!"
"Wohin denn?", fragte sie perplex, schob das Notizbuch in ihre Handtasche und schulterte diese.
"Ich lade dich auf ein Shave Ice ein, wie ich es dir gestern versprochen habe."
Nur kurz darauf sassen die Beiden auch schon in Steves schwarzem SUV und fuhren denselben Weg Richtung Waikiki entlang, den sie mittags schon hinter sich gebracht hatten. Sam kurbelte die Scheibe herunter und genoss den Fahrtwind auf ihrem Gesicht, auch wenn dieser abgasgeschwängert war und immer wieder wegblieb, wenn sie der Verkehr Honolulus dazu zwang zum Stillstand zu kommen. Die kurze Fahrt von kaum einer Viertelstunde verging grösstenteils in einträchtigem Schweigen. Das war eines der Dinge, die sie im Umgang mit Steve mochte; sie hatte nie das Gefühl angestrengt ein Gespräch führen zu müssen, wenn es gerade nichts zu sagen gab.
Schliesslich kamen sie vor einem Lokal zu stehen auf dem der Name Coconut Cafe prangte. Sam stieg aus und besah sich neugierig die kleine Fensterfront des roten Gebäudes. Als sich Steve zu ihr auf den Bürgersteig gesellte, sah sie ihn gespielt misstrauisch an und sagte: "Ich sehe Kamekonas Kopf nirgendwo..." Etwas sagte ihr, dass dieser überall prangen würde, wenn dies sein Lokal gewesen wäre. Und dass er eines hatte, war ihr heute Mittag stolz vom Besitzer selbst eröffnet worden.
"Weil das nicht sein Laden ist", gab Steve grinsend zurück. "Er darf es niemals erfahren, aber hier verkaufen sie das beste Shave Ice der Insel. Also pssst!"
Sam schüttelte lachend den Kopf. "Du bringst mich schon am ersten Tag in Schwierigkeiten! Also komm, ich will endlich wissen was das für ein Brimborium mit diesem Shave Ice ist."
"Brimborium sagt sie", grummelte Steve, packte sie am Ellbogen und schob sie in den Laden hinein, wo sie auch schon begrüsst wurden, als gehörten sie zur Familie.
Dem kurzen Gespräch mit dem rundlichen Mann hinter der Theke entnahm sie, dass Steve schon als kleiner Junge hierhergekommen war. Dieser wandte sich nach der überschwänglichen Begrüssung an sie, ergriff ihren Unterarm, beugte sich zu ihr und erklärte ernst: "Also: Eiscreme in der Mitte und rundherum das Shave Ice, das mit dem Sirup deiner Wahl getränkt wird. Und wenn du es ganz authentisch willst, dann kommen noch Bohnen obenauf, aber ich mag die nicht besonders."
Sam widerstand dem Drang "Bohnen?" zu echoen und nickte ebenso ernst. Hier ging es wohl um mehr, als nur ein einfaches Dessert. "Was nimmst du für gewöhnlich?"
"Immer das Gleiche", merkte der Mann hinter dem Tresen auf. "Kokosnusseis mit Mango- und Erdbeersirup."
"Dann nehme ich dasselbe!"
"Gutes Mädchen", sagte Steve und kramte seine Brieftasche hervor.
Sam beobachtete fasziniert wie der Mann eine Maschine anwarf, die ziemlich laut und gross war und an deren Unterseite die weissen Eisspäne heraus- und in einen farbigen Plastikbehälter fielen, den er darunter hielt. Als nächstes kam die Kugel Kokosnusseis hinein, dann noch mehr von den Spänen, bis sich Sam sicher war, dass gleich alles auf den Boden kullern würde. Aber der Mann war geschickt und drückte das Eis immer wieder an, bis es die Eiscreme von allen Seiten bedeckte und zu einer mehr als faustgrossen Kugel geworden war. Schliesslich griff er nach den Flaschen mit dem Sirup, woraufhin eine Hälfte rot und die andere orange eingefärbt wurde. Ein letztes Andrücken schien die Prozedur zu beenden.
Sam nahm das Ding dankend entgegen und fragte sich insgeheim wie zum Kuckuck sie das essen sollte und wozu sie nicht nur einen Löffel, sondern auch noch einen Strohhalm bekommen hatte. Dies wurde jedoch schnell aufgeklärt, denn Steves Instruktionen folgten auf dem Fuss:
"Der Trick ist es die Seiten mit dem Löffel abzutragen. Man isst es niemals von oben. Und ab und an musst du mit dem Strohhalm das Geschmolzene aus dem Boden des Bechers trinken. Aber das Wichtigste ist das regelmässige Abtragen. Nicht vergessen! Du willst keine eingebrochene Kugel, sonst bist du als Touristin enttarnt."
"Verstanden!", gab sie ganz nach Soldatenmanier zurück und erntete ein Grinsen.
Mit viel Aufhebens verabschiedeten sie sich von dem Besitzer des Cafés und traten schliesslich wieder auf die Strasse. Steve schlug vor zum Kuhio Strandpark herunterzugehen, woraufhin sie sich im Schlendertempo in Bewegung setzten. Das Shave Ice war wirklich köstlich und Sam entdeckte zum zweiten Mal an diesem Tag, dass die Essensempfehlungen der Five-0 nicht ohne waren. Sie tat brav wie geheissen und arbeitete sich von den Seiten nach innen, wobei die Früchtearomen in ihrem Mund explodierten. Als sie schliesslich auf das Kokosnusseis stiess, stellte sich heraus, dass das Erlebnis sogar noch köstlicher werden konnte. "Das ist wirklich fantastisch!", quittierte sie mit vollem Mund und schob gleich noch einen Löffelvoll hinterher.
"Danno hatte recht was deinen Geschmack betrifft!"
"Hast du etwa daran gezweifelt?"
Sie lächelten sich an. Als Steve wieder auf den Becher in seiner Hand sah und das Eiswasser aus dem Boden schlürfte, besah ihn Sam mit einem abschätzenden Blick von der Seite. Schliesslich sprach sie ihre Frage laut aus: "Bist du früher mit deiner Familie im Coconut Cafe gewesen?" Sie war sich nicht sicher ob es angebracht war ihn danach zu fragen, aber die Neugierde war zu gross.
Steve nickte seinem Shave Ice lächelnd entgegen. "Als Junge hat mich meine Mutter immer nach dem Kanupaddeln hierher gebracht ... als krönenden Abschluss sozusagen. Ich hatte immer diese Kombination und Mom nahm jedes Mal Zitrone und Ananas. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen..." Er hielt für einen Moment inne und es war deutlich zu sehen, dass er in Gedanken versunken war. "Schon komisch wie einen solch kleine Dinge in die Vergangenheit versetzen können. Mehr als ein Fotoalbum oder dergleichen."
"So funktioniert unser Gehirn. Wir sind sehr sinnesbetonte Wesen, das kann auch diese ganze moderne Technik nicht verändern."
Steve sah sie mit einem halben Lächeln an und hob eine Augenbraue. "Und was sagt dir meine nostalgische Liebe zu Shave Ice?"
"Dass du ein ganz normaler Mensch bist?" Sam gab die Geste zurück, dann fügte sie hinzu: "Ach so! Du denkst ich analysiere dich?"
"Etwa nicht?"
"Nein. Aber du hast mir mit dieser Frage gerade etwas Interessantes zu analysieren gegeben, danke. Was würdest du sagen woher deine Angst vor der Ergründung deiner Psyche herrührt?" Sam liess den langen Löffel in ihrer Hand vor seiner Nase kreisen und setzte einen wissenden Gesichtsausdruck auf, der ihm prompt und wie beabsichtigt ein Lachen entlockte.
"Ich werde mich in Acht nehmen müssen was ich in Zukunft sage, was?"
"Zittern sollst du!"
"Na das kann ja heiter werden..."
Nach einigem Gelächter kehrte jedoch der Ernst in ihr Gespräch zurück. Sam erfuhr schliesslich, dass Steves Mutter zwar noch lebte, der Kontakt wohl aber durch eine Art von langjähriger Funkstille nicht besonders rege war und sie nicht in Hawaii lebte. Es war klar, dass mehr dahinter steckte, aber Sam stellte keine Fragen. Dass ihr Steve überhaupt etwas in diese Richtung erzählte, war an sich schon genug. Er schloss mit der Bemerkung, dass das Ganze ziemlich kompliziert sei, er ihr aber eines Tages vielleicht davon erzählen werde. Sam nickte und fühlte sich unwillkürlich an das Telefonat mit Dee erinnert, wo sie es selbst gewesen war, die etwas in diese Richtung geäussert hatte.
Mittlerweile hatten sie den Park erreicht, der wie ganz Waikiki von Touristen wimmelte. Die Beiden störten sich jedoch nicht daran; ihre Shave Ices löffelnd, nebeneinander her schlendernd und in ihr Gespräch vertieft, welches sich um ihrer beider Kindheit drehte, ging der Trubel um sie herum an ihnen vorbei.
Steve hatte offenbar die ersten Jahre seines Lebens auf dem Festland verbracht und war als kleiner Junge mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester nach Hawaii gezogen. Obwohl Sam den Eindruck hatte, dass er die Inseln durch und durch liebte, war da ein schmerzlicher Unterton in seiner Stimme, als er von der ersten Zeit in der Fremde erzählte – etwas das Sam nur allzu gut nachvollziehen konnte. Doch bevor sie auf ihre Entwurzelung zu sprechen kamen, erfuhr sie, dass die Bezeichnung Five-0 eigentlich ursprünglich den McGarretts gegolten hatte, dass Steves Vater die Familie mit diesem Namen bedacht hatte, um ihnen ein Gefühl von Zusammenhalt zu geben und dieser in Anlehnung an Hawaii selbst entstanden war, der der fünfzigste Staat der USA war. Das war eine dermassen herzanrührende Anekdote, dass sich Sam dabei ertappte Steves Profil anzustarren, während sie sich vorstellte, wie er wohl als kleiner Junge ausgesehen hatte.
Erst als er sich an sie wandte und nach ihrem zu Hause fragte, kam sie zur Besinnung, räusperte sich und begann ihre Schilderung: „Ich komme eigentlich aus Leeds. Meine Eltern haben sich aber getrennt als ich zwölf war und Mom hat mich geschnappt und ist zu ihrer Schwester gezogen, die der Liebe wegen nach Amerika gegangen war. Es war wirklich hart; ich hasste Baltimore und ich vermisste England und meinen Vater so sehr, dass ich Gefühl hatte zu ersticken. Aber ich hatte plötzlich eine viel grössere Familie weil Tante Jean vier Kinder hat und von der Seite ihres Mannes noch mehr Verwandte hinzugefügt hatte. Mit der Zeit wurde es besser und dass ich meine zweite Heimatstadt mittlerweile mag, habe ich vor allem meiner Cousine Amanda zu verdanken…“
„Wieder eine Gemeinsamkeit“, sagte Steve lächelnd.
„Und die anderen wären?“
„Dir sind die Parallelen unserer Charakterzüge noch nicht aufgefallen?“
„Doch, doch. Mir war nur nicht bewusst, dass du es auch schon bemerkt hast…“
Sie tauschten ein Lächeln aus und obwohl es eine unverfängliche Geste war, spürte Sam wieder diese Vertrautheit zwischen ihm und ihr, die eigentlich nicht sein durfte. Es war ihr unerklärlich woher dieses Gefühl herrührte, Steve so gut zu kennen, als hätte sie schon Monate mit ihm verbracht. Die vergangene Nacht hatte zwar die Barrieren der Zurückhaltung zwischen ihnen eingerissen, sodass sie nicht mehr wie Fremde miteinander umgingen, aber da war mehr. Sam nahm die Augen von ihm und entschied, dass es völlig unsinnig war sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ausserdem war es doch eine gute Sache. Sie verstanden sich und das würde ihren gemeinsamen Zielen zuträglich sein, ihnen die Zusammenarbeit erleichtern und wenn sie am Ende als Freunde aus dieser ganzen Sache hervorgingen, dann hatte sich alles mehr als zur Genüge gelohnt.
Während sie sich das Ganze derart schön zurechtlegte, ignorierte sie die kleine, aber fiese Stimme, die ihr „Lügnerin!“ entgegen schmetterte; nein, sie fühlte sich nicht auf einer mehr als nur freundschaftlichen Ebene von Steve angezogen und nein, sie war nicht dabei sich in ihn zu vergucken. Was für ein blöder Gedanke! Richard war der Mann ihres Lebens, derjenige den sie heiraten wollte. Deswegen war sie überhaupt erst hier. Und Punkt.
Beide schraken aus ihren Gedanken auf, als das Klingeln von Steves Handy plötzlich ertönte. Noch bevor er aufgelegt hatte, war Sam klar, dass dies kein gewöhnlicher Anruf war. Dann, als er sich mit diesem gewissen ernsten Gesichtsausdruck an sie wandte, während er das Telefon wieder in seine Hosentasche gleiten liess, wurde dies bestätigt.
„Das war Denning. Wir haben eine zweite Leiche in Kahala.“
„Verdammt!“, stiess Sam aus. „Dann lass uns gehen!“
Sie joggten gleichzeitig los, brachten den Weg zu Steves Auto so viel schneller hinter sich als den Hinweg und brausten, kaum waren die Türen zugefallen, los. Das Tempo welches Steve dabei anschlug war beängstigend und Sam krallte sich in den Griff zu ihrer Rechten, spannte ihren ganzen Körper an. Während der folgenden turbulenten Minuten ertappte sie sich immer wieder dabei mit dem rechten Fuss aufzutreten, als hätte sie und nicht er, das Gaspedal im Griff. Als sie schliesslich in der betreffenden Strasse einbogen, die durch das Polizeiaufgebot deutlich als die solche erkennbar war, und abrupt zu stehen kamen, stiess sie ein Dankesgebet gen Himmel aus. Es war auch nicht nur die Dringlichkeit des Fundes, die sie dazu trieb, das Auto so schnell als möglich verlassen zu wollen.
Chin eilte ihnen bereits entgegen, als sie sich unter dem Band der Absperrung duckten, bedeutete ihnen, dass sie ihm folgen sollten, was sie auch in zügigen Schritten taten. Diese Villa war sogar noch beeindruckender als die Erste; die asiatisch angehauchte Gartenanlage war riesig, umrahmte das weissgetünchte, niedrige aber dafür umso weitschweifendere Haus ein. Wieder führte sie der Weg zum hinteren Teil des Grundstückes und abgesehen von der anders aussehenden Umgebung, empfing sie ein nur allzu bekanntes Bild.
Kono stand über der Leiche der jungen Frau, während Dr. Bergman bereits an ihrer Seite kniete. Ein Officer des HPD war gerade dabei einen Scheinwerfer in der Nähe aufzustellen, denn die Dämmerung war bereits dabei aufzuziehen und verschlechterte die Sichtverhältnisse. Nichtsdestotrotz war die Handschrift deutlich zu erkennen; von der Attraktivität der Brünetten in den Mittzwanzigern, über die Würgemale an dem Hals, bis hin zu den Brandmalen auf ihrem nackten Körper.
Obwohl es völlig unnötig war das laut auszusprechen, was alle Versammelten gerade dachten, tat es Steve trotzdem: „Wir sind also hinter einem Serienmörder her…“

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Zuletzt von Roux am Fr Jun 21, 2013 5:34 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Fr Jun 21, 2013 8:47 am

3. Popilikia

Misfortune - Unglück


Es war befremdlich Samuel Denning einen offiziellen, geschäftlichen Besuch abzustatten. Schliesslich kannte sie ihn seit ihrer Kindheit, weil er ein guter Freund ihres Stiefvaters gewesen war. Selbst nach Bens Tod vor fünf Jahren und Samuels Weggang nach Hawaii, war der Kontakt bestehen geblieben. Irgendwie sah sie den Mann als einen Onkel an und selbst wenn sie wusste, dass er nun der Gouverneur war, so schien diese Tatsache immer weit weg und beinahe unwirklich zu sein. Seit ihrer Ankunft auf O’ahu hatte sie sich zwei Mal mit ihm getroffen, dies jedoch in einer völlig privaten Manier zum Abendessen. Aber hier sass sie nun in der Empfangshalle, an diesem regnerischen Morgen nach dem Fund der zweiten Leiche, und kam nicht umhin eine Spur von Nervosität zu verspüren, weil sie nicht genau wusste wie sie mit Gouverneur Denning umzugehen hatte, wo sie sich doch gewohnt war Onkel Samuel vor sich zu haben.
Die Sekretärin und sie blickten beide auf, als die Tür zu seinem Büro aufging. Der dunkelhäutige Mann trat über die Schwelle und ging lächelnd auf Sam zu, die sich in dem Moment von ihrem Sessel erhoben hatte, als sie ihn erblickt hatte. Sie schloss wie immer die Arme um ihn und drückte ihre Wange gegen die seine, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste. Als sie sich schliesslich voneinander gelöst hatten, sahen sie sich einen Moment lächelnd an, dann legte er die Hand auf ihren Rücken und führte sie in sein Büro.
Es war geschmackvoll eingerichtet und durch das grosse Fenster gegenüber dem auf Hochglanz polierten Schreibtisch fiel, trotz den regenschweren Wolken, die den Himmel verdunkelten, eine Menge an Licht ein. Hinter Samuels Stuhl prangte die amerikanische Flagge, ebenso wie ein Bild des Präsidenten. Sams Blick hing für einen Moment daran und wieder wurde ihr bewusst, wie unwirklich das alles war; den guten, alten Samuel in seinem Büro zu sehen, zu realisieren, dass er ein wirklich hohes Tier war und mehr Entscheidungsgewalt hatte, als sie sich erträumen konnte.
„Wie geht es dir?“, fragte er mit seiner tiefen, brummenden Stimme nachdem er sich hinter den Schreibtisch gesetzt und den Knopf seines Anzuges geöffnet hatte.
Sam liess sich auf einen der ledernen Sessel vor dem Pult sinken. „Gut. Sehr gut. Und dir?“
„Ebenso.“ Er lächelte sie warm an, dann fuhr er nach einem Räuspern etwas ernster fort: „Es tut mir wirklich leid dich hier wie eine Untergebene aufzubieten, aber die Lage ist äusserst schwierig…“
„Ich verstehe vollkommen, du musst dich nicht entschuldigen. Du hast meine Unterstützung und Hilfe auf sicher.“
„Danke, Sam. Ich weiss das sehr zu schätzen. Ebenso deine Flexibilität und dass du so unkompliziert bist. Wie ich höre hast du dich schon ganz gut in die Five-0 eingelebt?“
Wo hatte er denn das gehört? Und wer sprach schon nach einem Tag von Einleben? Sie nickte halbherzig und Samuel schien zu erkennen, was in ihr vorging, denn er sagte:
„Ich habe mit McGarrett gesprochen. Er ist sehr zufrieden mit dir.“
Aha. Daher wehte der Wind. „Er übertreibt … ich konnte an einem einzigen Tag noch nicht wirklich etwas ausrichten. Das vorläufige Profil ist – …“
In diesem Moment ertönte ein Klopfen an der Tür und Sam wandte den Kopf automatisch in Richtung des Geräusches zur Seite, liess den angefangenen Satz in der Luft hängen. Nach einem gebieterischen „Herein!“ von Samuels Seite öffnete sich diese und eine Frau trat ein, die eine lederne Mappe unter den Arm geklemmt hatte und formell in einen grauen Hosenanzug gekleidet war. Ihr schwarzes Haar war in einem eleganten Dutt hochgesteckt und die Mandelaugen, ebenso wie ihr dunkler Teint zeugten davon, dass sie eine Einheimische war. Sam schätzte sie auf Anfang Vierzig und schloss aus ihrem energischen Gang und ihrer ganzen, leicht steifen Haltung, dass dies keine Frau war mit der man spassen konnte.
„Sam, das ist Janet Hailawa, meine Beraterin in öffentlichen Angelegenheiten. Mrs. Hailawa, das ist Doctor Haynes.“
Sam erhob sich von ihrem Sessel und schüttelte der Frau die Hand, wobei sie sich vorkam, als würde ihr ein Wettbewerb aufgezwungen werden, in welchem festgestellt werden musste wer von ihnen beiden stärker zudrücken konnte. Sie war sich nicht sicher wer denn nun gewonnen hatte, als sie schliesslich voneinander abliessen und sich auf eine Geste des Gouverneurs hin setzten, um den Blick auf ihn zu richten.
Gerade als sich Sam fragte, was diese Frau hier verloren hatte, erklärte Samuel, dass es darum ging herauszufinden ob und wie viel die Öffentlichkeit von dem Fall erfahren sollte. Er hatte sie offenbar beide zu sich gerufen, um ihre Meinung zu hören und schliesslich aufgrund dessen eine Entscheidung zu fällen. Nach dieser knappen Erklärung wandte er sich an Sam:
„Du wolltest gerade etwas über das Profil sagen?“
„Ja, das wollte ich … es ist wie gesagt nur ein Vorläufiges. Aber es verheisst nichts Gutes, fürchte ich. Unser Mann wird erst aufhören zu morden, wenn er hinter Gittern sitzt.“
Samuel nickte mit einem äusserst ernsten Ausdruck auf dem Gesicht. „Was sollte ich deiner Meinung nach tun?“
„Die Bevölkerung muss es wissen. Es wird dabei helfen, dass sich Frauen mehr in Acht nehmen. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie er genau vorgeht, kann es nur gut sein, wenn alle vorgewarnt sind.“
„Das wage ich zu bezweifeln“, merkte Hailawa auf. Ihre Stimme war genau so trocken wie ihr ganzes Auftreten. „Eine öffentliche Stellungnahme wird die Menschen nur beunruhigen und wir wissen alle, dass eine Massenpanik nichts Erstrebenswertes ist.“
Sam versuchte ihre Gesichtszüge neutral zu arrangieren, als sie sich direkt an die Frau neben sich wandte: „Es wird so oder so irgendwann durchsickern … das ganze HPD weiss von der Sache. Wenn sich herausstellt, dass der Gouverneur wusste, dass ein Serienkiller sein Unwesen auf O’ahu treibt und nichts gesagt hat, wird das viel schlimmer sein.“
Die Beraterin sah Sam von der Seite an und stellte einen abweisenden Gesichtsausdruck zur Schau. „Wir wissen noch nicht mit Sicherheit ob dies ein Serienkiller ist. Ich denke nicht, dass es angebracht ist mit vorschnellen Theorien aufzukommen.“
Wie bitte? „Ich stelle keine vorschnellen Theorien auf. Ich analysiere die Fakten und ziehe einen professionellen Schluss daraus.“ Sam fühlte sich normalerweise nicht so schnell angegriffen, aber etwas an dem naserümpfenden Ton dieser Hailawa ging ihr tierisch auf die Nerven und so war ihre Antwort nicht minder abweisend.
„Sie sagten gerade selbst, dass es ein vorläufiges Profil ist. Das klingt mir nicht nach handfesten Beweisen.“
„Dann sind zwei Leichen also nicht Beweis genug? Und dass beide Frauen auf exakt dieselbe Weise gefoltert und schliesslich kaltblütig ermordet worden sind auch nicht, nehme ich mal an?“
Samuel hob die Hände und griff ruhig aber bestimmt ein, indem er sagte: „Beschränken wir uns doch einfach auf unsere jeweiligen Kompetenzbereiche…“
Als er Sams Blick auffing schien er ihr bedeuten zu wollen, dass er auf ihre Meinung vertraute, denn er nickte einmal leicht mit dem Kopf, dann deutete er in ihre Richtung, um sie zum weitersprechen zu bewegen.
Diese atmete durch und besann sich darauf, dass sie nicht die Beraterin sondern Samuel zu überzeugen hatte. Also liess sie die Frau links liegen und sprach nur noch zu ihm. „Es ist ein und derselbe Mann, der hinter beiden Morden steckt. Der Typ hat das vorher schon gemacht und er wird nicht damit aufhören. Wir sind gerade noch dabei ungelöste Fälle mit seinem Vorgehen abzugleichen, aber das wird dauern. Ausserdem ist er so organisiert, dass er keinerlei forensische Spuren hinterlassen hat, die die Suche beschleunigen könnten. Jede junge Frau da draussen sollte gewarnt sein, denn so sehr ich mir wünsche, dass die Five-0 den Typen noch heute zu fassen kriegt … das wird nicht so schnell passieren.“
Denning nickte. Man konnte ihm ansehen, dass er sich gerade nicht viel Unangenehmeres vorstellen konnte, als der Bevölkerung Hawaiis offiziell zu verkünden, dass ein Serienmörder ausgerechnet in seinem Zuständigkeitsgebiet sein Unwesen trieb. Sam vermied es nach rechts zu Mrs. Knallhart zu sehen, die bestimmt etwas Ähnliches dachte. Ihre Gründe dieses Vorgehen zu missbilligen waren jedoch von ganz anderer Natur und das war es, was die Britin aufbrachte. Während unschuldige Leben auf dem Spiel standen, hatte sie nichts Besseres zu tun, als sich um das Image des Gouverneurs zu kümmern. Diese Frau musste ihre Prioritäten dringend überdenken. Ihre nächsten Worte bestätigten Sams Einschätzung ganz vortrefflich:
„Sir, ich rate Ihnen dringend mit jedweder Stellungnahme abzuwarten. Vorschnelle Entscheidungen könnten die Wahlen auf eine drastische Art und Weise beeinflussen und ihre Chancen auf eine Wiederwahl torpedieren.“
„Ich kann nicht nur an die Wahlen denken, Mrs. Hailawa. Wenn die Menschen auf dieser Insel in Gefahr sind, dann muss ich alles tun was in meiner Macht steht, um sie zu beschützen.“ War da etwa ein ungeduldiger Ton in der Stimme des Afroamerikaners? Sam grinste in sich hinein und fühlte eine gewisse Spur von Zufriedenheit in sich aufkommen. Er klang bestimmt und hatte seiner Beraterin gerade förmlich die Tür vor der Nase zugeschlagen.
Aber diese wollte sich offenbar nicht so schnell geschlagen geben. „Das verstehe ich, Sir. Nichtsdestotrotz ist es gefährlich mit Ausdrücken wie 'Serienmörder' aufzukommen. Es wäre wohl das Beste anzuerkennen, dass die Morde geschehen sind, aber ich halte es nicht für ratsam die Bevölkerung an diesem frühen Punkt der Ermittlungen schon zu beunruhigen.“
„Das werden wir dann später genauer besprechen. Ich möchte, dass Sie nun erst einmal die Pressekonferenz organisieren. Mit einer Übertragung vor den acht Uhr Nachrichten.“
„Ja, Sir“, würgte Hailawa hervor und verliess das Zimmer ohne sich von Sam zu verabschieden oder ihr auch nur einen Blick zuzuwerfen.
Samuel besah sich den Gesichtsausdruck der Frau, die ihm gegenüber sass und ein schiefes Lächeln schlich sich auf seine Züge. „Ich weiss was du denkst … aber sie ist nichtsdestotrotz die Beste auf ihrem Gebiet.“
„Dessen bin ich mir sicher“, gab Sam grinsend zurück. Dann ergriff sie ihre Handtasche und begann diese zu schultern. „Wenn das alles ist…“
„Ja, eigentlich schon. Ich werde mich dann bei euch melden sobald Genaueres für die Pressekonferenz feststeht, damit ihr euch vorbereiten könnt.“
Sam liess die Tasche wieder in ihren Schoss sinken. „Was meinst du mit ihr?“, fragte sie perplex.
„Die Five-0. Ihr werdet im Bild sein. Die Menschen dieser Insel vertrauen auf die Kompetenz der Truppe und sie müssen sehen, dass diese die Ermittlungen führt. Es wird sie beruhigen.“
„Aber ich gehöre doch gar nicht dazu! Ich habe da überhaupt nichts verloren!“
Samuel hob fragend die Augenbraue, was sicherlich auf den leicht panischen Unterton in ihrer Stimme zurückzuführen war. „Gibt es etwas, was ich wissen muss?“
Sie musste sich beruhigen. Zusammennehmen. Er durfte nichts von der Morddrohung erfahren. Eine Erklärung musste her. „Hör zu, ich kann nicht so tun als gehöre ich zur Five-0. Ich muss nachdem der Fall beendet ist wieder zurück zum HPD und die Anderen werden bleiben wo sie sind. Ich bin neu und eine Haole – eine denkbar unvorteilhafte Kombination. Dann kann ich nicht auch noch durch die Gegend rennen und mich wichtiger machen, als ich bin.“
„Ich verstehe“, erwiderte Samuel.
Er schien tatsächlich von ihren Worten überzeugt zu sein. Sam ignorierte den Stich ihres schlechten Gewissens und dachte daran, dass er bestimmt auch wollen würde, dass sie sicher war. Und mit der Five-0 im Fernsehen aufzutauchen wäre ihrer Sicherheit so gar nicht zuträglich. Sie konnte gut und gerne darauf verzichten sich auf dem Präsentierteller zu räkeln, während alles danach schrie, dass sie bei der Spezialeinheit ganz einfach zu finden wäre. Nein, für den Moment musste er im Dunkeln bleiben. Ebenso wie sie selbst, wenn auch auf eine andere Art und Weise.
„Dann mache ich mich mal an die Arbeit. Es gibt noch viele Akten zu sichten.“ Sie richtete sich auf, darum bemüht ihr Lächeln unbefangen zu gestalten.
„Tu das. Und nochmals danke, Sam. Halt mich auf dem Laufenden!“
Mit einer weiteren herzlichen Umarmung liess sie den Gouverneur in seinem Büro zurück und machte sich auf den Weg ins Hauptquartier. Steve wusste zwar, dass sie später kommen würde, aber ihr war dringend danach sich in die Arbeit zu versenken. Noch immer war sie keinen Deut näher an einer Lösung für ihre vertrackte Situation, noch immer lauerte die Gefahr um die Ecke und das Gefühl in jedem Aspekt ihres Lebens in der Luft zu hängen war überpräsent. Die Suche nach Richard hatte nichts ausser Komplikationen gebracht, sie lebte bei einem praktisch fremden Mann und war auf seine Mildtätigkeit angewiesen, sich um eine eigene Wohnung zu kümmern erforderte Freizeit, welche sie momentan nicht hatte und selbst bei ihrer neuen Arbeitsstelle hatte sie sich noch nicht einleben können, weil sie gerade an eine andere Truppe verliehen worden war. Baustellen wohin sie sich auch wandte. Dennoch…
Wie sie Dee gesagt hatte; sie war ein grosses Mädchen und sie würde es schaffen. Eins nach dem anderen, sagte sie sich selbst während sie wenig später aus dem Fenster des Taxis starrte, welches sie ins Hauptquartier fuhr. Der erste Schritt würde sein den Fall zu lösen, weil dieser ihrer Aufmerksamkeit am dringendsten bedurfte. Wenn sie erst einmal zurück an ihrem angestammten Arbeitsplatz war, würde sie auch Zeit haben sich um eine Wohnung und die Suche nach ihrem Verlobten zu kümmern. Und dann würde hoffentlich, endlich alles an seinen Platz fallen.


Nervös trommelten ihre Finger auf der Sofalehne, während sie an diesem Abend alleine vor Steves riesenhaftem Fernseher sass und darauf wartete, dass die Mitteilung übertragen wurde. Weshalb sie eigentlich so aufgeregt war wusste sie selbst nicht. Vielleicht weil es ihr Rat gewesen war, der die öffentliche Stellungnahme in die Wege geleitet hatte? Oder weil sie beinahe selbst im Fernsehen gelandet wäre? Weil ihr so viel daran lag den Fall endlich zu lösen und das nicht nur der Rückkehr zum HPD wegen, sondern weil sie so oft an Carlys Vater denken musste? Am Ende war es vielleicht einfach eine Mischung aus all dem.
Da. Endlich erschien das Logo der Hawaii News Now und Sam stellte den Ton lauter, rutschte unwillkürlich nach vorne, um auf dem äussersten Rand des Sofas zu sitzen zu kommen. Samuel wurde eingeblendet, der vor einem Rednerpult stand auf welchem das Wappen Honolulus prangte und sah mit einem ernsten Gesichtsausdruck direkt in die Kamera. Hinter ihm war das Regierungsgebäude zu sehen, denn man hatte das Ganze offenbar auf die Rasenfläche vor seinem Sitz verlegt. Vermutlich waren mehr Presseleute erschienen, als der dafür vorgesehene Saal fassen konnte. Sam biss sich angespannt auf die Unterlippe, als er zu sprechen begann.
„Liebe Mitbürger Hawaiis. Heute wende ich mich mit einer ernsten Mitteilung an Sie. Viele von Ihnen werden schon von dem Mord an der jungen Touristin gehört haben. Zu meinem grössten Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass gestern eine weitere Leiche gefunden worden ist. Hiermit spreche ich mein herzlichstes Beileid aus. Unsere Gedanken sind bei allen Familienangehörigen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren und ich verspreche Ihnen, dass alles Menschenmögliche getan wird um den Verantwortlichen zu fassen. Die Five-0 untersucht den Fall.“
An dieser Stelle wurde die Kamera heraus gezoomt, um das Team zu zeigen, welches zu Dennings Linken stand. Ihre Marken waren gut an den Gürteln sichtbar. Kono und Chin schienen nicht besonders glücklich über die Aufmerksamkeit zu sein, aber vielleicht bildete sich Sam auch nur ein dies zu erkennen, weil sie etwas Entsprechendes geäussert hatten, als Steve die Nachricht an diesem Morgen dem Team verkündet hatte. Eine Gelegenheit zu welcher sich Sam innerlich zum wiederholten Mal selbst beglückwünscht hatte ihren Hals im letzten Augenblick aus der Schlinge gezogen zu haben. Danny trat von einem Bein aufs andere und stellte einen relativ genervten Gesichtsausdruck zur Schau. Was er von der Sache dachte, wusste sie mit Sicherheit. Der genaue Wortlaut war gewesen: „Ich hasse es wenn wir als Vorzeigepuppen für den Typen herhalten müssen!“ Steve hatte so ausgesehen, als dachte er dasselbe, hatte sich aber jeglichem Kommentar enthalten. Nun stand er breitbeinig und mit verschränkten Armen da, das offene Hemd, welches er über seinem T-Shirt trug, flatterte im Wind, während der steinerne Ausdruck auf seinem Gesicht nicht zu deuten war.
Wenn man jedoch all diese Details wegliess, dann sah man lediglich diese Gruppe von Vier welche selbstbewusst und ziemlich beeindruckend aussah, wie sie so dastand und den Journalisten entgegenblickte. Sam grinste vor sich hin und fühlte plötzlichen Stolz aufkommen. Nun wusste sie auch was Samuel heute Morgen gemeint hatte, als er gesagt hatte, dass die Bevölkerung Hawaiis das Team sehen musste, um eine Bestätigung zu erhalten, dass alles getan wurde, um den Fall zu lösen. Und obwohl sie es vielleicht nicht begrüssten derart zur Schau gestellt zu werden, so war es dennoch unbestreitbar effektiv.
„Lieutenant Commander Steve McGarrett hat mir versichert, dass sein Team allen Hinweisen nachgeht und sich ausschliesslich darauf konzentriert diese Morde aufzuklären. Bis der Täter gefasst wird, fordere ich jedoch jede junge Frau dazu auf sich mit besonderer Vorsicht zu verhalten. Vermeiden Sie es nach Einbruch der Dunkelheit alleine unterwegs zu sein und gehen Sie nicht auf Fremde ein. Dies gilt natürlich auch für den Rest der Bevölkerung. Halten Sie die Augen offen und melden Sie jedweden Verdacht der Polizei. Ich werde mich erneut an Sie wenden, wenn es wichtige Entwicklungen zu verkünden gibt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“
Er nickte noch ein letztes Mal in die Kamera, dann wandte er sich von dem Pult ab. Bevor man sehen konnte was weiter passierte, kam ein Schnitt und die Übertragung der tatsächlichen Nachrichten begann. Sam stellte den Fernseher ab und lehnte sich in dem Sofa zurück, fragte sich was der arglose Bewohner Hawaiis nun denken mochte. Dumm waren die Menschen ja nicht; auch wenn der Gouverneur das Wort "Serienmörder" nicht fallen gelassen hatte, so hatte doch alles andere danach geklungen. Mrs. Hailawa konnte jetzt wohl nicht allzu glücklich sein. Und das bedeutete, dass Samuel das Richtige getan hatte. Sam hoffte inständig, dass sich die Risikogruppe von Frauen auch tatsächlich in Acht nahm, aber sie wusste auch, dass die jugendliche Unbeschwertheit und das Geschick des Täters fiel mehr wiegten, als ein Aufruf im Fernsehen. Egal von wem dieser kam. Etwas sagte ihr, dass dies mit Sicherheit noch nicht das Ende dieser Geschichte war. Aber sie konnte ihres dazu beitragen, um dieses schneller herbeizuführen; so begab sie sich in das benachbarte Arbeitszimmer, wo ihr Laptop war, setzte sich davor und machte sich daran die Liste der offenen Fälle weiter durchzugehen.
Momentan war das so ziemlich das Einzige womit sie arbeiten konnte. Noch hatte man die zweite Leiche nicht identifiziert, noch lag der Obduktionsbericht nicht vor, noch hatte die bisherige Durchsicht der Kreuzverweisliste nichts ergeben. Es war schwer mit dem wenigen Material zu arbeiten welches sie im Moment zur Verfügung hatte und Sam fühlte den Frust langsam aber sicher aufkommen, zumal sie endlich etwas finden wollte. Nicht nur um Licht ins Dunkel dieses Falles zu bringen, sondern auch um ihre Anwesenheit bei der Five-0 zu rechtfertigen. Was nützte ihnen auch schon eine Profilerin, die keine nützlichen Einsichten liefern konnte?
Eine Weile später trommelte Sam mit dem Kugelschreiber in ihrer Hand auf dem Notizbuch herum, welches neben dem Laptop lag, während ihre Augen die gefühlt hundertste Serie von Tatortfotos überflogen. Plötzlich stutze sie, beugte sich vor und besah sich die runden Male auf der Leiche genauer; sie sahen denen ihrer beider Opfer verdammt ähnlich. Sie rief die Details des Berichtes auf. Der unaufgeklärte Mord lag mehr als fünf Jahre zurück. Man hatte die Frau, welche eine Prostituierte gewesen war, in einem flachen Grab nahe San Francisco gefunden. Der Obduktionsbericht hatte ergeben dass sie mindestens zwei Tage lang mit Elektroschocks gefoltert worden war.
Stirnrunzelnd fuhr sich Sam mit den Fingern über den Mund, blickte abwesend in die Luft über dem Bildschirm und versuchte sich einen Reim auf die Sache zu machen. Noch bevor sie jedoch richtig darüber nachgedacht hatte, hörte sie das Geräusch des Schlüssels in der Eingangstür.
„Aloha!“, ertönte Steves Stimme aus dem Wohnzimmer.
„Aloha! Ich bin hier drüben…“ Sam lehnte sich in dem Stuhl zurück und blickte zum Türrahmen, wo er auch Augenblicke später auftauchte. „Das ging aber schnell.“
Der grossgewachsene Mann nickte. „Denning hat es abgelehnt die Fragen der Journalisten zu beantworten, also konnten wir nach der Übertragung auch gehen.“ Er entfernte seine goldene Marke, ebenso das Halfter mitsamt der Pistole von seinem Gürtel und legte beides zusammen mit seinem Schlüsselbund auf den Tisch, um sich dann schräg neben ihr auf den freien Stuhl zu setzen. Laut stiess er die Luft aus seinen Lungen aus, dann stützte er sich mit den Unterarmen auf die Tischplatte. Sein Blick glitt für einen Moment über ihre Erscheinung, dann fragte er: „Hast du es gesehen?“
„Natürlich. Was denkst du denn?“, gab sie lächelnd zurück. „Ihr habt fantastisch ausgesehen; so professionell und einschüchternd…“
„Machst du dich etwa über mein Team lustig?“
„Ich würde es niemals wagen!“
Sie lachten kurz auf, dann wurden sie jedoch zur selben Zeit wieder ernst, tauschten einen relativ resignierten Blick aus, ob der allzu offensichtlichen Sinnlosigkeit der Bekanntmachung des Gouverneurs. Obwohl es nötig gewesen war die Bevölkerung zu informieren, so würde es ihnen bei der Lösung des Falles keineswegs helfen. Diese konnten sie nur mit harter Arbeit herbeiführen.
„Bist du etwa immer noch dabei die Kreuzverweisliste zu sichten?“
„Ja und ich glaube, ich habe gerade etwas gefunden.“ Sie winkte Steve näher und als dieser seinen Stuhl neben den ihren gerückt hatte, rief sie die Tatortfotos auf und deutete mit dem Kugelschreiber darauf. „Diese Prostituierte wurde vor fünf Jahren in einem Park nahe San Francisco gefunden. Sie war in eine Plane eingewickelt und in einem flachen Grab verscharrt worden. Kommen dir die Brandmale nicht auch sehr bekannt vor?“
Steve nickte und sah Sam von der Seite an. „Du denkst es könnte unser Mann sein?“
„Ich weiss es nicht“, gab sie stirnrunzelnd zurück. „Es passt nur teilweise… Das Vorgehen stimmt, aber die Viktimologie und der Ablageort der Leiche wiederum nicht. Sie war eine Prostituierte und wurde stümperhaft an einem abgelegenen Ort vergraben – das ist einfach ein zu grosses Abweichen von unseren beiden Fällen, in denen es Frauen waren, die nicht zu einer Risikogruppe gehörten und praktisch auf dem Präsentierteller in einer hochbesiedelten Nachbarschaft aufgefunden wurden. Aber diese Folter ist so speziell … praktisch ein Fingerabdruck. Es wäre ein gewaltiger Zufall, wenn jemand anderes dasselbe Vorgehen entwickelt hätte.“ Sam seufzte und lehnte sich geschlagen in ihrem Stuhl zurück. „Ich weiss nicht, Steve. Etwas stimmt hier nicht…“
„Wie meinst du das?“
„Dieser ganze Fall! Ich blicke bei diesen Ungereimtheiten einfach nicht durch.  Wir reden hier von einem höchst organisierten Täter, der sein Vorgehen perfektioniert hat. Er hat es geschafft unbemerkt zu bleiben, während er sich immer weiter verbessert und seine Methode ausgefeilt hat. Wieso ist er jetzt plötzlich dazu übergegangen die Leichen so zu platzieren, als wollte er ein riesen Rauchzeichen setzen? Wozu dieses Risiko eingehen? Und nun das hier!“ Sam deutete energisch auf den Bildschirm. „Die Foltermethode ist exakt dieselbe, aber es ist eine Prostituierte und auch ansonsten passt es nicht ins Bild. Sie wurde nicht erwürgt, sondern ist an den Folgen der wiederholten Schocks gestorben…“
Sam hielt inne, den Mund leicht offen, als ihr ein Gedanke kam, den sie dann auch langsam aussprach. „Ja … das könnte passen. Was ist, wenn das eine der Stufen ist und er hier noch nicht wusste wie er das Ganze heraus zögern konnte? Vielleicht ist sie ihm weggestorben bevor er fertig war… Aber das erklärt immer noch nicht wieso er sich nun plötzlich Touristinnen greift, wenn er sich bisher an Prostituierten ausgetobt hat … was Sinn macht, denn niemand macht ein grosses Aufhebens wenn Nutten verschwinden… Und wieder kommen wir zum Zeichen zurück: was hat sich jetzt verändert? Was will er uns sagen? Das ergibt doch alles einfach keinen Sinn, verdammt!“
„Sam?“
Sie machte „Hm?“, kam ruckartig zu sich und wandte sich an Steve, der sie eindringlich ansah.
„Du brauchst eine Pause.“
„Was denn für eine Pause? Bestimmt nicht! Ich muss eine neue Suche starten und die Prostituierten herausfiltern, denn wenn das wirklich seine Zwischenschritte sind, dann müssten die anderen auch auftauchen. So hätten wir endlich - …“
Steve unterbrach sie resolut. „Wenn ich dir sage, dass du eine Pause brauchst, dann brauchst du eine. Wann hast du letzte Mal eine Nacht durchgeschlafen? Wann das letzte Mal etwas Richtiges gegessen?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
Sam öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, dann wurde ihr bewusst, dass er Recht hatte. So schloss sie ihn wieder und zog eine resignierte Schnute.
„Siehst du? Du musst den Kopf frei kriegen. Und morgen kannst du dann frisch an die Sache herangehen.“ Er verengte die Augen, dann schlich sich ein Grinsen auf seine Züge. „Komm, wir machen einen Ausflug!“
„Wie bitte? Ich dachte, ich muss mich ausruhen?“
„Nicht körperlich. Geistig!“
„Ach du meine Güte…“, gab Sam murmelnd von sich und kassierte sogleich einen strengen Blick von Steve, der schon wieder auf den Beinen war und auf sie herabsah.
„Okay, okay! Ich komme ja schon...“ Sie tat es ihm nach und erhob sich von ihrem Platz, dann sah sie ihn fragend an. „Muss ich meine Wanderstiefel mitnehmen? Oder besser noch den Schnorchel?“
„Bring mich bloss nicht auf dumme Gedanken!“ Er sah auf seine Armbanduhr, dann durchs Fenster auf den Himmel. „Komm, wir müssen los.“
Sam fühlte die Neugierde aufkommen. Was hatte er denn nun vor? Sie beobachtete ihn, wie er seine eben auf dem Tisch abgelegten Dinge wieder ergriff und folgte ihm schliesslich durchs Wohnzimmer nach draussen. Es ging in den SUV und auf den Highway, wo der Feierabendverkehr bereits dabei war abzuebben. Ohnehin fuhren sie den meisten Autos entgegen, weil sie in Richtung Honolulu hielten, während es die Heimkehrer hinter sich liessen. So kamen sie zügig voran, durch die Vororte und schliesslich in die Stadt hinein. Die Stimmung im Wagenraum war entspannt; sie plauderten über Belangloses, liessen die ernsten Themen aus und Sam schaffte es tatsächlich sich so weit zu entspannen, dass sie nicht mehr an die Dinge denken musste, die erledigt werden wollten.
Eine kurze Rast wurde bei einem Drive-In Imbiss eingelegt und Sam schlug sogar die leisen Gewissensbisse über die anhaltende, ungesunde Kost der letzten Tage in den Wind. Ihr Puka Dog mit dem Mango Relish war köstlich. Steve ass seinen während er geschickt mit einem freien Arm weiterfuhr, war offensichtlich unter irgendeiner Art von Zeitdruck, liess sich dies jedoch nicht allzu sehr anmerken.
Anstatt in die City einzufahren nahm Steve schliesslich eine vom Highway abzweigende Strasse, die sie eine Zeit lang durch ein Wohnungsgebiet führte. Die mehrheitlich weissen Häuser ragten zwischen dem typisch hawaiianischen Grünwerk hervor, wurden von Mittelklassewagen in der Auffahrt geziert. Sam bemerkte, dass sie immer mehr Höhenmeter hinter sich brachten und dass die Häuser dabei in direkter Relation immer teurer aussehen zu begannen. Schliesslich wurde die Strasse kurvig und immer steiler, die Häuser machten einer üppigen Vegetation Platz. Wohin es ging konnte Sam nicht abschätzen, da hinter jeder Kurve noch mehr Blattwerk auf sie wartete. Ab und an war da noch ein einsames, prunkvolles Haus zwischen den Bäumen zu erkennen, nicht mit verschwenderischen Pracht in den gehobenen Vierteln Honolulus zu vergleichen, aber nichtsdestotrotz mehr als sich der Durchschnittsbürger leisten konnte.
„Ich schätze du willst mir nicht verraten wohin es geht?“, durchbrach sie die Stille und sah zu Steve.
Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu, dann schüttelte er grinsend den Kopf. Energisch lenkend brachte er die nächste Kurve hinter sich, gefolgt von einer weiteren, sodass sie sich immer höher nach oben schraubten. Sam ertappte sich dabei, wie sie auf das Spiel der Muskeln seiner Arme starrte, fasziniert beobachtete wie sich seine langen, schlanken Finger um das Steuerrad schlossen und sich die Sehnen unter der gebräunten Haut abzeichneten. Sie riss die Augen von diesem Anblick und sah stirnrunzelnd aus dem Fenster. Jetzt fing das wieder an… Kaum entspannte sie sich, nutzte ihr Unterbewusstsein die Gelegenheit aus und hinterging sie. Sie nahm sich grimmig vor dies nicht mehr zuzulassen. Wie sie das bewerkstelligen wollte war ihr jedoch nicht ganz klar.
Der Dämpfer im Vorhaben sich zu entspannen nahm ein Ende, als Steve den Wagen wenig später zum Stehen brachte und Sam realisierte worum es hier ging; die fantastische Aussicht. Er forderte sie auf auszusteigen und sie tat wie geheissen. Das war wohl der höchste Punkt dieses Berges, denn sie standen auf einer weiten, asphaltierten Fläche. Einige Touristen waren hier oben, liessen sich vor dem Panorama fotografieren oder deuteten auf bestimmte Dinge in der Ferne. Steve führte sie zu einer Ecke, wo noch niemand stand und gemeinsam stellten sie sich vor die hüfthohe metallene Brüstung, die sie von dem steil abfallenden Hang vor ihnen trennte.
Es war eine atemberaubende Aussicht. Weit unter ihnen war Honolulu, erstreckte sich vor dem blauen Streifen, der das Meer war, nach links und rechts. Zwischen der Stadt und dem Meer ragte die unverwechselbare Formation des Diamond Head auf, grün und unschuldig schön, sodass man beinahe vergass, dass sie nichts anderes als der Krater eines längst erloschenen Vulkans war. Der Himmel hatte bereits während ihres Aufstieges begonnen eine fliederfarbene Tönung anzunehmen und während sie schweigend Seite an Seite da standen, zog die Dämmerung vollständig herauf. Das zarte Flieder wurde zu einem tiefen Violett, verdunkelte sich immer mehr bis das Blau des Nachthimmels Einzug gehalten hatte. Die Stadt, die vorher noch eine relativ graue Masse gewesen war, verwandelte sich langsam in ein bezaubernd anzusehendes Lichtermeer, welches ihnen golden entgegen funkelte.
„So etwas Schönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen“, murmelte Sam schliesslich. „Danke, Steve.“
„Sehr gerne. Ich dachte mir, dass dir das gefallen wird.“
Sie sah nach links zu ihm, begegnete seinem Blick, der unverwandt auf sie gerichtet war und für einige Herzschläge lang starrten sie einander schweigend an. Sam fühlte wie es in ihrer Brust warm wurde, wie sich etwas in ihr dem Mann, der neben ihr stand, entgegen reckte. Sie dachte daran wie bedingungslos er ihr geholfen hatte und dies immer noch tat, dass er ihr das Verschleiern der Wahrheit bei ihrer ersten Begegnung verziehen hatte und nun sein Möglichstes tat um sie abwechselnd abzulenken oder zu unterstützen. Sie war dankbar und zugleich bedrückt weil sie sich fragte, wie sie ihm das jemals würde zurückgeben können.
„Steve, ich…“, hob sie an und hielt dann inne, weil sie nicht wusste, wie sie sich ausdrücken sollte. Der heftige Wind zerzauste ihr Haar und raubte ihr für einen Moment die Sicht. Sie strich sich die schwarzen Wellen aus dem Gesicht und wandte zugleich ihren Körper vollends in seine Richtung. Als er dasselbe getan hatte, atmete sie tief aus und versuchte es erneut. „Ich wollte danke sagen. Für alles. Wenn du mir vorgestern nicht beigestanden hättest … ich wüsste nicht, was ich getan hätte. Ich weiss nicht, wie ich es dir jemals vergelten soll - …“
Steve hob an dieser Stelle die Hand und bedeutete ihr nicht mehr weiterzusprechen. „Das ist nicht nötig, bitte zerbrich dir darüber nicht den Kopf.“ Er trat einen kleinen Schritt auf sie zu, sodass kaum noch eine halbe Armeslänge an Raum zwischen ihnen war und blickte mit einem kleinen Lächeln auf sie herab. Dann sprach er weiter: „Ich möchte dir helfen und ich erwarte nichts im Gegenzug.“
Etwas in seiner Stimme liess Sam verwundert zu ihm hoch blinzeln. Schliesslich wurde ihr bewusst, dass sie ihn noch nie so ruhig hatte reden hören. Sonst hatte er stets etwas Energisches an sich, selbst wenn er leise sprach. Aber gerade war da etwas in seinem Ton, das ungewohnt sanft klang. Sie sah in diese Augen, die ihr durch das Zwielicht entgegen schimmerten und wieder war da jenes Gefühl der Nähe. Es lag nicht nur daran, dass sie so dicht voreinander standen. Es war mehr etwas in der Luft zwischen ihnen und nicht zuletzt etwas in Steves intensivem Blick, das eine Saite in ihrem Inneren zum Klingen brachte.
Wie in Zeitlupe sah sie wie er seine Hand austreckte und seitlich auf ihren Hals legte, um sich dann zu ihr herunterzubeugen. Sie reckte sich ihm entgegen, schloss in jenem Moment die Augen, als seine Lippen auf die ihren trafen. Sein Mund war anschmiegsam und warm, küsste sie mit einer Behutsamkeit, die die Sehnsucht nach mehr so jäh aufleben liess, dass Sam ein ersticktes Seufzen von sich gab. Sie erwiderte den Kuss, während ihre Finger den Weg zu seiner Brust fanden und sich dort leicht in den festen Muskel gruben. Die Begegnung ihrer Lippen wurde zusehends intensiver und als sie Steves Arme umfingen, um sie an sich zu drücken, schlangen sich die ihren wie selbstverständlich um seinen Nacken, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Sie erschauerte jäh, als seine Zunge in ihren Mund glitt und empfing sie hungrig mit der ihren. Sein verführerischer, männlicher Duft umhüllte sie nun vollständig, die Wärme seines Körpers schirmte sie von dem starken Windzug ab.
Nun, da der Kuss zusehends leidenschaftlicher wurde, spürte sie wie der Drang Steve noch näher zu sein in ihr heranwuchs. Ihre Finger wühlten durch das kurze Haar an seinem Nacken, während sich seine wiederum in ihren frei fliessenden Locken vergraben hatten. Er küsste so gut, so verführerisch, dass ihr streckenweise buchstäblich die Luft zum Atmen wegblieb. Sie presste sich an ihn, begierig ihm so nahe wie möglich zu sein und doch war das alles noch nicht genug. Steve schien etwas Ähnliches zu empfinden, denn plötzlich begann die Hand an ihrem Rücken zu wandern, zurück zu ihrer Hüfte und schlüpfte schliesslich mit einer geschickten Bewegung unter ihr Shirt. Seine Finger strichen warm und kundig über die nackte Haut an ihrer Taille, sandten Schauer über ihren Rücken, entlockten ihr ein Stöhnen, das sich irgendwo an seinen Lippen verlor. Sie wollte ihn so sehr, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Herrgott, was mussten sie hier auch in der Öffentlichkeit sein? Hier, wo sie nichts tun konnten und sie jeder sehen konnte…
Mit einem kleinen Japsen löste sie sich ruckartig von ihm, stiess ihn förmlich gegen die Brust und trat einen Schritt von ihm zurück. Ihre Hand flog zu ihrem Mund und sie starrte ihn entsetzt an. Es war als hätte sie jemand mit einem Kübel Eiswasser übergossen.
Steve stand mit leicht geöffneten Lippen vor ihr und breitete perplex die Arme aus. „Was zum - …?“
„Wir … das ist … ich kann nicht!“ Wie hatte sie sich nur dermassen gehen lassen können? Wie hatte sie vergessen können? „Das ist nicht richtig!“
Er strich sich mit einem Seufzen durch das Haar, wandte sich dabei halb von ihr ab, als ihm klar zu werden schien worauf sie heraus wollte. Als er sie einige Augenblicke später wieder ansah, wie sie dort stand, die Arme unsicher und überfordert um sich selbst geschlungen, hatte er weder die Stirn gerunzelt, noch stellte er einen sonst wie wütenden Ausdruck zur Schau. Im Gegenteil; seine Züge waren steinern, ausdruckslos. Es war irgendwie beängstigend und für einen Moment wünschte sich Sam, dass er irgendeine Art von Reaktion zeigen würde, anstatt einfach so da zu stehen. Doch sie konnte sich jetzt nicht damit beschäftigen. Sie fühlte sich so elend und aufgewühlt, dass sie nicht wusste, was sie mit sich selbst anfangen sollte. Ihre Gedanken schossen hierhin und dorthin, verwandelten sich in einen grossen, kreisenden Strudel, der sie vollends einsog.
Als sich Steve schliesslich wortlos von ihr abwandte und in Richtung seines Wagens ging, setzte sie einen Fuss vor den anderen und folgte ihm wie betäubt. Bei der Vorstellung, dass sie nun eine halbe Stunde lang nebeneinander im selben Auto sitzen mussten, verkrampfte sich ihr der Magen schmerzhaft. Womit hatte sie das alles nur verdient?

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Zuletzt von Roux am Fr Jun 21, 2013 5:36 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Fr Jun 21, 2013 8:53 am

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Die Stille war so präsent, als wäre sie eine dritte, äusserst aufdringliche Person im Wagenraum. Es war kaum auszuhalten. Steve hielt das Steuerrad so fest umklammert, dass die Knöchel an seinen Händen weiss hervorstanden. Wie zum Teufel hatte es so weit kommen können? Alles in ihm war in Aufruhr. Er fühlte sich ertappt, zurückgestossen und wütend zugleich. Und zu allem Übel brandete immer noch das Adrenalin dieses alles verzehrenden Kusses durch seinen Körper. Eben noch hatte er sie in seinen Armen gehalten, was sich so verdammt richtig angefühlt und ihm den Kopf verdreht hatte und nun… Ja, nun sass Samantha in Schweigen gehüllt neben ihm und die Situation konnte kaum falscher sein.
Sam, mit ihren eindringlichen grauen Augen, die ihn in den Bann zogen, mit diesem unschuldigen Sexappeal, welches ihr offenbar gar nicht bewusst war und ihn genau deswegen jedes Mal köderte, wenn er in ihrer Nähe war. Sam, die etwas Geheimnisvolles an sich hatte, das er ergründen wollte, die mit ihrer Art zu sprechen und sich zu bewegen eine Seite in ihm aufhorchen liess, welche er nicht einmal benennen konnte. Was sollten sie nun tun? Wie konnten sie jetzt noch zu einem annähernd normalen Umgang miteinander zurückfinden? Aber … wollte er das überhaupt? Vielleicht wollte er keinen normalen Umgang, sondern mehr. Nur dumm, dass sie dabei ein Wörtchen mitzureden hatte und er wusste, dass dieses ablehnend ausfallen würde.
Unwillkürlich warf er ihr einen Seitenblick zu. Sie sass eingesackt da und starrte abwesend durch die Frontscheibe. Vermutlich verfluchte sie ihn gerade. Ihn und seinen Ausflug. Steve presste die Lippen bitter zusammen und sah zurück nach vorne auf die kurvige Strasse. Wieder und wieder fragte er sich, wie er es so weit hatte kommen lassen können. Sein Versuch sie von dem Druck abzulenken war vollkommen arglos gekommen, nicht einmal im Traum hatte er gedacht, dass etwas Derartiges passieren konnte. In der Retrospektive wurde ihm jedoch klar wie das Ganze wirken musste; als hätte er sie absichtlich zu einem romantischen Sonnenuntergang auf dem Tantalus gelockt, um sie dort oben zu verführen. Er mahlte wütend mit dem Kiefer, widerstand dem Drang mit den Fingern auf dem Steuerrad herum zu trommeln oder den Fuss auf dem Gaspedal durchzudrücken, irgendetwas zu tun, um seinem Ärger Luft zu machen. Stattdessen fuhr er stier und lediglich mit leicht überhöhter Geschwindigkeit den Berg hinab, während die anhaltende Stille an seinen Nerven zog und zerrte.
Mehrmals holte er Luft um etwas zu sagen, aber jedes Mal wurde ihm bewusst, dass er ohnehin nicht wusste was er hätte äussern können, um die Situation zu verbessern. Als der SUV schliesslich vor seinem Haus zu stehen kam, verblieb er noch einige Herzschläge lang in seinem Sitz. Sam hingegen konnte offenbar nicht schnell genug aussteigen, drückte die Beifahrertür auf, sobald der Wagen zum Stillstand gekommen war. Er ignorierte den Stich, den ihr Verhalten ihm gab so gut es ging und schloss gleich darauf die Haustür auf, trat zur Seite, um sie zuerst einzulassen. Sie rauschte an ihm vorbei und gerade als er dachte, dass sie wortlos in den oberen Stock flüchten würde, wandte sie sich doch noch zu ihm um.
Ihre Augen waren geweitet und konnten seinem Blick nicht lange standhalten. Sie sah zu Boden, holte tief Luft, dann richtete sie diese wieder auf ihn und sagte leise: „Es tut mir leid.“
Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange und nickte lediglich knapp. Was hätte er darauf schon erwidern sollen? Er wusste ja nicht einmal worauf sie sich gerade genau bezog, aber er war sich ziemlich sicher, dass sie ganz Anderes bereute als er.
Als ihr klar zu werden schien, dass er nicht antworten würde, presste sie die Lippen aufeinander und wandte sich endgültig von ihm ab, erklomm die Treppe, um sich in dieser Nacht nicht wieder blicken zu lassen.
Steve blieb noch einen Moment unschlüssig mitten im Wohnzimmer stehen, dann ging er in die Küche, um sich ein Bier zu holen. Gleich darauf sass er auf den Rasen hinter dem Haus, trank es in der Dunkelheit und Stille der Einsamkeit, während er seine Gedanken sortierte. Im Grunde war es einfach, dachte er grimmig; sie hatten sich beide von dem Moment leiten lassen und nun da dieser vorbei war, wurde klar, dass er sie getrogen hatte. In einer anderen Realität wäre dies vielleicht der Anfang von Etwas gewesen. In dieser hier hatte es sich als das Ende einer gerade aufgekeimten Freundschaft herausgestellt.
Und weil er gut darin war in seinen eigenen Wunden herumzustochern, ging er noch weiter und sagte sich, dass es früher oder später ohnehin dazu gekommen wäre. Dieses ganze Ding mit der zwischenmenschlichen Nähe hatte ihm schon immer nichts anderes als Scherereien eingebracht. Das war dann wohl sein ganz persönlicher Fluch. Er war verdammt gut darin sich mit traumwandlerischer Sicherheit die schwierigsten Beziehungen herauszupicken und das nicht nur, wenn es um Frauen ging. Die alte Leier, nur in einer neuen Ausführung. Es war ja klar gewesen, dass sich ihm die komplizierteste Version der Ereignisse aufdrängen würde, um ihn aus der Bahn zu werfen. Und das ausgerechnet jetzt, kaum hatte er gedacht, dass sein Leben dank der Five-0 endlich eine Richtung eingeschlagen hatte, die ihm ein gesundes Mass an Stabilität geben konnte. Eben jener Qualität, die seinem Dasein in den letzten 36 Jahren gefehlt hatte. Und das Schlimmste am Ganzen war, dass er es selbst zu verschulden hatte.
Eine falsche, verzerrte Version eines Lächelns schlich sich auf seine Züge, welches nicht humorloser hätte sein können, als ihm vollends bewusst wurde, was gerade passiert war: er hatte einen Kameraden hintergangen. Sich von einer flüchtigen körperlichen Empfindung leiten lassen und damit diese Linie übertreten, die niemals übertreten werden durfte. Wenn Steve etwas hasste, dann war es das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, keinen Einfluss auf die Dinge zu haben, die sein Leben bestimmten. Dass es nun ein Teil seines eigenen Selbst gewesen war, welches ihm ein Bein gestellt hatte, war ein dermassen unangenehmer Gedanke, dass er den Ärger in Sekundenbruchteilen in sich aufkommen spürte. Heiss und aufdringlich breitete er sich in seiner Magengegend aus. Nur mit Mühe widerstand er dem Drang die leere Bierflasche durch die Gegend zu pfeffern.
Nein. Auch wenn er sich vorhin nicht so verhalten hatte; er war dennoch ein erwachsener Mann. Einer der seine Regungen im Griff zu haben hatte. Selbstbeherrschung war das Stichwort. Etwas, was er sich von jetzt an jedes Mal in Erinnerung rufen würde, wenn er in Sams Nähe sein würde. Sie war tabu. Er würde ihr bei der Mission Richard zu finden helfen und dann zusehen, dass sie aus seinem Leben verschwand. Genau. Das war ein Plan.


Am nächsten Morgen war es ungewöhnlich still im Haus. Steve hatte es ihm Gefühl, dass Sam herausgeschlichen war, während er noch geschlafen hatte. Diese Frau war wie eine Katze. Für gewöhnlich konnte sich niemand in seiner Nähe bewegen, ohne dass seine geschärften Sinne Alarm schlugen. Vielleicht hatte sie im Umgang mit Richard gelernt besonders leichtfüssig und leise zu sein… Steve runzelte die Stirne und gab sich einen Ruck indem er resolut den Kopf schüttelte; er wollte jetzt nicht an Crusher denken. Auch nicht an Sam, wenn man es genau nahm.
Dieser Vorsatz bröckelte jedoch rasch dahin, als er sich nach oben in sein Schlafzimmer begab, um zu duschen. Sein Blick fiel auf das Bett, welches säuberlich gemacht war und schon begann er sich auszumalen, wie sie darin gelegen hatte. Unter seiner Decke. Die Laken rochen bestimmt noch nach ihr… Mit einem genervten Laut wandte er sich ab, riss er die Tür des Badezimmers unnötig kraftvoll auf, wo ihn auch schon die nächsten Spuren ihrer Anwesenheit ansprangen. Die Kacheln waren nass und es roch nach irgendetwas Blumigem, Verführerischem. Wie lange war es her, dass sie nackt unter seiner Dusche gestanden hatte?
„Herrgott! Reiss dich zusammen, Mann!“, raunte er sich selbst zu, dann machte er dem Ausdruck Navy-Shower alle Ehre, indem er sich in Lichtgeschwindigkeit einseifte und kaum zwei Minuten später schon wieder aus der Wanne stieg. Während er sich energisch das kurze Haar trockenrubbelte, fiel sein Blick auf den Schrank neben dem Waschbecken. Waren da nicht bis gestern ihre Toilettenartikel aufgereiht gewesen? Er wickelte sich das Handtuch um die Hüfte und trat wieder ins Schlafzimmer. Tatsächlich. Ein rascher Blick verriet ihm, dass ihre beiden Koffer weg waren.
Was zur Hölle? Hatte dieses sture Ding etwa einen klammheimlichen Abgang gemacht? So schlimm war der Vorfall gestern nun auch wieder nicht gewesen! Und überhaupt – wie hatte sie ihre Habseligkeiten unbemerkt die Treppe herunter und an ihm vorbei gebracht? Vielleicht musste er sein Gehör überprüfen lassen… Mit einem ärgerlichen Grollen riss er nacheinander seine Schubladen auf, zerrte wahllos saubere Kleidung heraus und zog sich an, ohne wirklich darauf zu achten, was er tat.
Seine Gedanken kreisten. Knallten hierhin und dorthin, vor und zurück; mal sah er sie wie sie gestern vor ihm gestanden und ihn aus diesen grossen Augen angesehen, ihm gedankt hatte, dann hallten ihm die ablehnenden Worte im Kopf wieder, die sie ihn an ihn gerichtet hatte, um schliesslich bei der lebhaften Vorstellung zu landen, wie sie sich herausgeschlichen haben musste. Heimlich wie ein Dieb. Berechnend wie … nun ja, wie eine Frau eben. Nur in eine bestimmte Richtung ging das ganze Hin und Her nicht; Steve vermied es tunlichst sich dieses hässliche Gefühl des Zurückgestossen Werdens einzugestehen. Der Ärger war beinahe heilsam. Schön ablenkend. Begleitete ihn auf dem kurzen Weg ins Hauptquartier. Hielt ihn davon ab gefühlsmässige Pfade zu beschreiten, von denen er nicht einmal etwas wissen wollte.
Und dann, als er seinen Arbeitsplatz betrat, fiel sein Blick auf Sam, wie sie in ihrem Büro sass, vertieft auf ihren Laptop starrte und es kam ihm vor, als hätte jemand alle Luft aus ihm herausgelassen. Er blieb stehen und starrte durch die Scheibe. Als hätte sie gespürt, dass sie jemand beobachtete, sah sie auf und ein verdächtiger, beinahe ertappter Gesichtsausdruck schlich sich auf ihre ebenmässigen Züge. Dann schien sie sich einen Ruck zu geben, straffte die Schultern und erhob sich von ihrem Stuhl. Noch bevor sie sich in Bewegung gesetzt hatte, machte Steve ein paar grosse Schritte, zog die Tür auf und baute sich auch schon in dem Büro vor ihr auf.
Schweigend sahen sie einander für einige Herzschläge lang an. Dann fiel Steves Blick auf die beiden Koffer; sie standen neben ihrem Schreibtisch in der entfernten Ecke. „Wohin wirst du gehen?“, fragte er tonlos.
Sam verzog flüchtig den Mund, als hätte sie darauf gehofft, dass diese Frage nicht ganz so schnell kommen würde, dann sagte sie: „Waipahu. Chin weiss von einer alten Dame, die ein Zimmer in ihrem Haus vermietet. Wir werden sie mittags besuchen gehen, damit sie mich kennen lernen kann.“
Er nickte, während er versuchte sich einen Reim darauf zu machen, was er von dieser Entwicklung halten sollte. Theoretisch war es gut, dass sie so schnell eine Lösung gefunden hatte. Wieso fühlte er sich dann hintergangen? Weil sie mit ihrem Verschwinden seine Hilfe abgeschmettert hatte? Oder weil sie offensichtlich so verzweifelt aus seiner Nähe verschwinden wollte, dass sie es sogar in Erwägung zog bei einem einsamen Grossmütterchen einzuziehen?
„Hör zu, Steve“, begann sie mit einem seltsamen Ton in der Stimme, den er erst verspätet, als abwehrend erkannte. „Es tut mir Leid…“ Sam unterbrach sich selbst, biss sich auf ihre volle Unterlippe und blickte über seine Schulter ins Nichts. Sie entschuldigte sich verdammt oft, wie es ihm vorkam. Wenn er ihren Gesichtsausdruck richtig deutete, schien sie gerade etwas Ähnliches zu denken. Als sie ihre Augen wieder auf ihn richtete, waren diese leicht verengt, als ärgerte sie sich über sich selbst. „Ich bin wirklich dankbar für alles. Aber das Ganze hat sich irgendwie … unglücklich entwickelt. Ich muss mein Leben in den Griff kriegen. Ich muss Richard finden. Deswegen bin ich überhaupt erst hierhergekommen und habe mein zu Hause verlassen!“ Sie klang beinahe flehentlich, als sie diesen letzten Satz von sich gab.
Wieder nickte er und auch wenn er nüchtern betrachtet verstand, was sie ihm sagen wollte, so war da dieser irrationale Teil in ihm, der bei diesem einen Wort hängen geblieben war. Unglücklich. Wie nett. Jetzt war er also nichts anderes als eine unliebsame Entwicklung, die ihre Pläne durchkreuzt hatte? Dann fiel ihm auf, was gerade in ihm vorging und er gab sich einen innerlichen Ruck. Das war doch vollkommen schwachsinnig! Wie er hier gerade alles verkomplizierte – das war doch nicht er! „Ich verstehe. Du musst das tun, was du für richtig hältst.“
Das Grau ihrer Augen glitt suchend über seine Züge, beinahe misstrauisch, als wäre sie sich nicht sicher, ob sie seinen Worten trauen konnte. „Ja“, hauchte sie schliesslich, langsam und zögerlich. Hatte sie erwartet, dass er sich wehren würde? Dass er verlangen würde, dass sie augenblicklich wieder bei ihm einzog?
„Wir haben dennoch eine Menge zu bereden“, sagte er nach einem Moment, ruhig und betont neutral.
„Zum Beispiel?“ Da war er wieder, dieser misstrauische Blick.
„Deine Sicherheit. Oder wie wir Richard finden sollen.“
„Ich … du musst das wirklich nicht tun!“
Steve schüttelte den Kopf. „Das hatten wir doch schon. Es hat sich nichts verändert. Ich werde dir helfen. Nur weil du dich dazu entschlossen hast nach Waipahu abzuhauen, muss das nicht heissen, dass ich nicht mehr um deine Sicherheit besorgt sein kann.“ Hoppla, das war schon nicht mehr ganz so neutral über seine Lippen gekommen.
Sam hob ärgerlich eine ihrer geschwungenen Augenbrauen und es fehlte nur noch, dass sie die Hände in die Hüfte stemmte, als sie aufgebracht erwiderte: „Ich haue nicht ab! Ich tue das, was ich tun muss – schon vergessen?“
„Und das wäre? Bei einem Mütterchen Asyl suchen, um meinen Anblick nicht mehr ertragen zu müssen?“ Von einem Moment auf den anderen war der Ärger wieder in ihm aufgelebt und bemächtigte sich seines Verhaltens.
„Das ist doch … ich verstehe gar nicht, was du von mir willst! Soll ich die Hände im Schoss zusammenfalten und darauf warten vom Super-SEAL Steve McGarrett gerettet zu werden? Ich bin eine erwachsene Frau, falls dir das entgangen sein sollte!“
„Eine die sich heute früh klammheimlich aus dem Staub gemacht hat! Würdest du das als erwachsen bezeichnen?“
Sam zuckte kaum merklich zurück und der wütende Ausdruck auf ihrem Gesicht flackerte für einen Moment, bevor er schliesslich ganz von ihren Zügen verschwand. „Ich will nicht mit dir streiten…“, sagte sie schliesslich matt und wandte sich halb von ihm ab.
Steve strich sich energisch mit den Fingern über die Stirne und rief sich selbst zur Besinnung. „Du hast Recht … es tut mir leid.“ In einer perfekten Geste der Kapitulation zog er die Arme an, richtete die Handflächen in ihre Richtung, um zu bedeuten, dass auch er nicht beabsichtigte diese Art von Gespräch weiterzuführen.
Langsam wandte sie sich wieder an ihn und alles an ihrer Körpersprache zeugte davon, wie überfordert sie gerade war; die Schultern angespannt, die Stirne umwölkt, mit einem durch und durch aufgewühlten Ausdruck in den Augen. Sie sah so verletzlich aus. Und er hatte seinen Teil zu diesem Zustand beigetragen. Etwas in Steves Brust verkrampfte sich schmerzhaft und sein erster Impuls war es, sie in den Arm zu nehmen. Doch dann wurde ihm bewusst, dass er in diesem Moment wohl nichts Dümmeres tun konnte, als sie zu berühren. Schliesslich waren sie gerade in dieser Situation, weil Kontakt solcher Art entstanden war. Unglaublich, wie schnell und wie gründlich sich alles zwischen ihnen verkompliziert hatte.
„Ich glaube, dass es uns gut tun wird etwas Abstand von einander zu kriegen“, sagte Sam leise. Ein kleines, trauriges Lächeln war es, welches sie dabei zur Schau stellte.
Steve nickte und erwiderte die Geste. Ebenso schwach, ebenso resigniert. „Wir sprechen morgen über das weitere Vorgehen, ja?“
So Recht sie mit dem Abstand auch haben mochte, die Sache mit der Morddrohung, war nichts was man einfach vor sich herschieben konnte. Es war dringend und der bittere Ernst verlangte nach Aufmerksamkeit. Sie würden ihre Probleme miteinander hinten anstellen müssen, denn egal wie die Frau vor ihm darüber dachte, er würde zusehen, dass sie in Sicherheit war. Er fühlte sich verantwortlich. Nicht nur, weil er ihren Verlobten gekannt hatte, oder weil sie jetzt für eine Weile seinem Team angehören würde. Es war die schlichte Tatsache, dass er helfen konnte. Dass sie in sein Leben geschneit war und sich ihm anvertraut hatte. Er glaubte vielleicht nicht mehr an viele derartige Dinge, aber das Konzept namens Schicksal nahm in seinem Weltbild einen gewissen Stellenwert ein. Steve wusste schlicht und ergreifend, dass er das machen musste. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann konnte ihn nichts und niemand davon abhalten.
Das schien auch Sam zu dämmern, denn etwas an der Art, wie sie „In Ordnung“ sagte, klang nach Jemandem der sich dem Unvermeidbaren ergibt.
Steve nickte ein letztes Mal, dann wandte er sich zum Gehen und wäre an der Türschwelle beinahe mit Chin zusammengeprallt, der offensichtlich gerade Sams Büro hatte betreten wollen. „Was gibt’s?“, wollte er von dem anderen Mann wissen und sah ihn fragend an.
Dieser hörte damit auf von seinem Boss zu Sam und wieder zurück zu sehen, räusperte sich rasch und deutete schliesslich hinter sich. „Max hat etwas für uns…“
Kono und Danny waren bereits dabei mit diesem zu sprechen, blickten zu den Wandbildschirmen auf, wo sein Kopf über die Skype-Verbindung zu sehen war. Da Steve nicht zum Plaudern aufgelegt war, begrüsste er diesen nur knapp und forderte ihn schliesslich auf seine Neuigkeiten zu verkünden, was dieser dann, scheinbar ungerührt über die wenig huldvolle Behandlung, auch tat.
„Ich habe die zweite Leiche identifiziert. Melinda Bocaccio. 27. Eine Touristin aus Winchester, Virginia. Sie ist zwei bis drei Tage gefoltert und schliesslich erwürgt worden. Der Todeszeitpunkt trat vier bis fünf Stunden vor der Entdeckung der Leiche ein.“
„Sonst noch etwas?“
„Nichts Relevantes, soweit ich sehen kann. Aber ich habe euch die digitale Kopie meines Berichtes geschickt.“
„Danke, Max.“
Nachdem dieser kurz genickt hatte, unterbrach er die Verbindung. Steve hingegen wandte sich seinem Team zu. „Ich werde den Gouverneur informieren.“ Und mit diesen Worten entfernte er sich, um den Anruf in seinem Büro zu tätigen.
Während des knappen Gespräches mit Denning vermied er es seinen Blick durch die Scheibe auf Sam zu richten; der Gedanke an den blödsinnigen Streit würde ihn nur ablenken und Ablenkungen konnte er sich nicht leisten. Nicht, wenn sie diesen Fall so dringend lösen mussten. Nicht, wenn er Dennings Atem förmlich in seinem Nacken spüren konnte, der zwar nicht viel zu den neuesten Entwicklungen sagte, aber so klang, als wäre er mit seiner Geduld am Ende. Nachdem ihm Steve versichert hatte, dass er ihn weiterhin auf dem Laufenden halten würde, legte er den Hörer auf, strich sich seufzend über das Gesicht und trat schliesslich wieder aus seinem Büro heraus.
"Wir müssen herausfinden, wie er die Mädchen findet und entführt", sagte Sam gerade zu der versammelten Runde. "Wenn der Gouverneur eine weitere öffentliche Stellungnahme machen kann, die alle vor seinem Vorgehen warnt, sind wir schon einen Schritt weiter."
"Was ist mit den Kreuzverweisen?", wollte Danny wissen.
"Ich könnte etwas gefunden haben; es gibt einen fünf Jahre alten Fall auf dem Festland, der sich teilweise mit unseren Morden deckt, aber ich hatte noch nicht genug Zeit, um die Theorie zu überprüfen."
Steve wusste, dass Sam ebenso wie er an den gestrigen Abend dachte. Sie mied tunlichst seinen Blick, während er nicht anders konnte und sie flüchtig ansah. Ihre Körpersprache zeugte immer noch von einer gewissen Anspannung und sie hatte das Kinn vorgestreckt, als wappnete sie sich gegen irgendetwas. Schliesslich wandte sie sich an ihn und sagte ziemlich steif:
"Wenn das ... wenn ihr mich nicht mehr braucht, dann setze ich mich gleich daran und verfolge diese neue Spur."
"Tu das", gab er knapp zurück. Seine Augen verfolgten ihren Weg zurück ins Büro und als er sich wieder an sein Team wandte, bemerkte er, dass ihn alle drei anstarrten. Er runzelte kurz die Stirne, erwägte sie zu fragen was los sei, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen verteilte er Aufgaben, sah zu, dass in alle Richtungen ermittelt wurde und nickte knapp und zufrieden ins Blaue hinaus, als die drei abschwirrten, brav seinen Befehlen Folge leisteten. Oder doch nicht?
Es war Kono, die aus der Reihe tanzte. Kaum hatte sie die Hand auf die Klinke ihres Büros gelegt, wandte sie sich wieder um und kam zu ihm zurück. "Übrigens, Boss - das hätte ich beinahe vergessen - dieser Nakumotu, den du überprüft haben wolltest..."
Steve straffte sich und sah die junge Frau eindringlich an. "Was ist mit ihm?", fragte er scharf.
"Er ist vorgestern Nacht auf dem Kaukonahua Road verunglückt. Sein Auto ist abgestürzt und er ist auf der Stelle gestorben. Offenbar hatte er irgendwelche Drogen intus..."
Ja klar. Steve tippte Kono kurz auf den Oberarm, um seinen stillen Dank über die Information anzubringen und liess sie auch schon stehen, um gleich darauf in Sams Büro zu platzen. Diese fuhr haltlos zusammen als er die Tür einrannte, sah ihn aus ihren grossen Augen perplex an.
"Wie gut ist dein Draht zu La Roche?"
"Wie bitte?"
"Komm, wir müssen zum HPD. Ich erkläre es dir auf dem Weg..."


Die Sonne brannte auf ihn herab, während er sich, die Arme verschränkt, den Hintern an seinen SUV gelehnt, fragte was Sam bloss so lange aufhielt. Sein Blick schweifte durch die getönten Gläser der Sonnenbrille hindurch und über die Fassade des Polizeigebäudes, die er trotzdem nicht wirklich sah; in seinem Kopf ratterte es. Dieses ungute Gefühl, welches ihn begleitete, seit er von der Sache mit ihrem Besuch bei Nakumotu und der anschliessenden Morddrohung erfahren hatte, welches ständig im Hintergrund gelauert hatte, war nun überpräsent. Konos beifällig fallen gelassene Information hatte die Sorge um Sam auf ein monströses Mass anwachsen lassen. Diese ganze Geschichte stank zum Himmel. Und noch darüber hinaus.
Es war offensichtlich, dass Nakumotu nicht einfach nur verunfallt war. Nur schon an das Wort "Zufall" zu denken wäre lachhaft gewesen. Sam hatte offensichtlich in ein Wespennest gestochen, welches sich nun wütend summend aufgebäumt hatte. Wer wusste schon, was sie alles ins Rollen gebracht hatte. Sein Gefühl sagte ihm, dass Sam in allerhöchster Gefahr war. Die Frage war jetzt nur noch, inwieweit er sie dazu nötigen musste sich helfen zu lassen. Sie war stolz und stur. Eine unvorteilhafte Kombination, die ihm auf dem Weg sie zu beschützen bestimmt noch einiges an Ärger bescheren würde. Und er musste es ja wissen, denn schliesslich war es geradezu so, als würde sie ihm einen Spiegel vorhalten. Er konnte sich einfach ausrechnen, was er machen würde und dann davon ausgehen, dass Sam ungefähr so reagieren würde. Im Moment würde sie nicht wollen, dass andere durch sie und ihre Probleme in Gefahr gerieten.
Steve seufzte genervt auf und stiess sich von seinem Wagen ab, um sich stattdessen die Beine zu vertreten. Wie lange brauchte sie um die Akte zu beschaffen? Und überhaupt - wieso hatte er sich dazu verdonnern lassen hier draussen zu warten? Ja richtig ... weil ihn La Roche nicht mochte. Frauen! Der Typ musste ihn nicht mögen, er musste nur die Informationen zu dem Fall herausrücken. Aber nach einigem an Hin und Her hatte Steve eingesehen, dass es schneller gehen würde, wenn er einfach nachgab und Sam alleine in das HPD gehen liess. Doch da hatte er sich offenbar getäuscht. Seit beinahe einer halben Stunde war sie schon da drin und seine Geduld, die schon von Anfang an nicht besonders dehnbar gewesen war, hatte bereits vor einigen Minuten ihren Tiefpunkt erreicht.
Gerade als er sich überlegte, ob dieses berechnende Ding am Ende vielleicht wieder einen Abgang gemacht hatte, fiel sein Blick auf ihre Gestalt, die durch die Glastür und in die Sonne trat. Rasch stieg er ein, wartete ab bis auch sie in ihrem Sitz sass, dann wandte er sich an die dunkelhaarige Frau:
"Hast du sie?"
Sie nickte und hielt eine relativ dünne Akte hoch. In ihrem Schoss lag noch ein brauner Umschlag und als sich Steve danach erkundigte was dies denn noch sei, sagte sie: "Nur ein Brief oder sowas, der in meinem Fach lag."
"Was hat La Roche gesagt?"
"Dass der Fall schon so gut wie abgeschlossen sei. Er hat nicht verstanden warum ich mich überhaupt dafür interessiere. Was aber auch nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass ich dem Mann keine anständige Erklärung für meine Neugierde liefern konnte. Ich glaube er denkt ich sei verrückt..."
"Das kann dir ja egal sein", quittierte er ihre geäusserte Vermutung, während er den SUV wieder in den Verkehr einfädelte. Die vorherrschenden Temperaturen luden nicht gerade dazu ein in einem brütend heissen, stationären Wagen zu sitzen. Der Fahrtwind würde wenigstens etwas Erleichterung vor der Hitze bringen.
"Kann es nicht. Er ist mein Partner. Wenn das hier vorbei ist gehe ich schliesslich zurück zum HPD."
Steve warf ihr einen Seitenblick zu. Was war denn das für ein vorwurfsvoller Ton, den sie da angeschlagen hatte? "Ich sage ja nur, dass wir uns im Moment um dringendere Dinge kümmern müssen, als darum was der Typ von dir denkt."
Nun war es an ihr herüberzusehen, als hätte sie nicht richtig gehört. Im Unterschied zu ihm sagte sie jedoch nichts. Erst als er nachfragte, sagte sie langsam: "Nichts... Nur dieses Wort: Wir."
Es war nicht zu fassen! Jetzt nagelte sie ihn noch an seinen Formulierungen fest. "Ja, wir, Sam! Ob es dir gefällt oder nicht. Hier geht es nicht um einen gestohlenen Kuss oder irgendwelche Treueschwüre! In diese Scheisse hast du dich vielleicht alleine hereingeritten, aber du kannst dich nur mit Hilfe daraus befreien. Ich werde den Teufel tun und dabei zusehen wie du mit wehenden Fahnen untergehst!"
"Was regst du dich denn so auf?"
"Was gibt es denn da bitteschön nicht aufzuregen? Kaum hast du den Fuss auf diese Insel gesetzt, hast du dir eine Morddrohung gefangen. Und wenn man dir helfen will packst du die Koffer und verschwindest!"
Er spürte, wie sie ihn von der Seite anstarrte, aber er konnte nicht darauf eingehen, weil er gerade auf die Strasse achten musste. Dennoch konnte er sich vorstellen, wie ihr Gesichtsausdruck aussah.
"Ich weiss nicht was in dich gefahren ist. Wenn du für einen Moment abgewartet hättest, hätte ich zu Ende sprechen können. Was ich eigentlich sagen wollte war, dass es sich befremdlich aber gut anfühlt zu wissen, dass ich nicht auf mich alleine gestellt bin. Aber wenn du mir die Sache von heute Morgen für immer vorhalten willst, dann bitte..."
Steve wusste nicht genau worüber er sich gerade mehr ärgerte; dass sie ihm das Gefühl gab ein vollkommener Idiot zu sein oder dass er so überreagiert hatte. Diese Frau machte ihn wahnsinnig!
Ohne eine Antwort seinerseits abzuwarten sprach sie ungerührt weiter, als wäre nichts passiert: "Was machen wir denn jetzt überhaupt? Die Akte wirft bestimmt nicht viel ab; sie sind ja einfach davon ausgegangen, dass der Unfall selbstverschuldet war."
"Fong soll sich das Auto vornehmen und Max die Leiche", antwortete er tonlos und versuchte sein Temperament wieder herunterzufahren. "Einer der Beiden wird bestimmt etwas finden, weil ich mir sicher bin, dass es auch etwas zu finden gibt. Wenn das ein Unfall war, dann renne ich einen Monat lang mit Kamekonas bescheuertem Werbe-T-Shirt durch die Gegend."
In den nächsten Minuten herrschte Schweigen zwischen ihnen. Es war keine angenehme Stille, aber das lag nicht daran, dass sie erneut aneinander geraten waren. Das Brüten über die Fragezeichen, die fröhlich vor ihren Nasen herumtanzten, das Gefühl, dass etwas mit Nakumotus Tod nicht stimmte - das waren die Dinge, die vordergründig Spannung hervorriefen. Während Steve darüber nachdachte, schaffte er es die Komplikationen mit Sam in den Hintergrund zu schieben. Und mit einem energischen Schlenker, gefolgt von einer unsanften Bremsung standen sie dann auch schon vor dem Hochhaus in dem sich Nakumotu Trusts befand.
"Zeig mal die Akte her." Er zog sich die Sonnenbrille von der Nase und hängte sie an den Halsausschnitt seines blauen T-Shirts. Dann klappte er den dünnen Karton auf und sah auf den Bericht herab. "In der Nacht auf den Dienstag ... blah, blah ... sofort tot ... dadada ... ah, hier: hatte hohe Konzentrationen von Pyrrol-Pyridin-Alkaloiden im Blutkreislauf."
Sam erwiderte seinen Blick unter hochgezogener Augenbraue und schüttelte den Kopf. "Niemals im Leben war Nakumotu ein Kokser. Ich habe keinerlei Anzeichen dafür an ihm gesehen. Im Gegenteil; er war äusserst gefasst und ruhig, sprach wenig. Selbst nachdem ich ihn konfrontiert habe. Gut, er war eindeutig ein Egomane, aber das war vermutlich angeboren..."
"Das Ganze ist doch sowieso lachhaft. Er wirft eine mordsmässige Ladung ein und fährt dann sinnlos und mitten in der Nacht den Kaukonahua Road entlang? Ausgerechnet auf einer der gefährlichsten Strassen der Insel? Er hat in Honolulu gewohnt und sein Büro ist ebenfalls hier. Was sollte er schon für einen Grund haben sich an der Nordküste zu tummeln? Das ist eindeutig eine aufgezogene Scharade."
Wieder begegneten sich ihre Blicke, dieses Mal ernst und besorgt. Sam blinzelte ihn an und er konnte ihr ansehen, dass sie sich fragte, wo sie da hineingeraten war. Eine äusserst gute, aber auch verflucht ungemütliche Frage...
"Komm, wir sehen Mal was seine Sekretärin zu sagen hat", sagte er nach einigen Momenten des angespannten Schweigens. Sie mussten etwas tun. Sorgen würden sie nirgends hinbringen.
"Hast du sie wirklich erreicht?"
"Ja, sie sollte oben sein und auf uns warten."
Tatsächlich stand eine eingeschüchtert aussehende Blondine mitten im kühlen Empfangsraum. Als sie die Beiden erblickte, liess sie die Arme sinken, die sie eben noch um sich selbst geschlungen hatte, dann reichte sie ihnen nacheinander die Hand. Ihr Händedruck war so schlaff und farblos, wie ihre ganze Erscheinung. Darüber konnten auch die steifen Locken und das teure Kostüm nicht hinwegtäuschen.
"Setzen Sie sich doch, Miss McCall." Steve traute ihrer Standhaftigkeit nicht besonders und nachdem er sie dazu aufgefordert hatte Platz zu nehmen, warf sie ihm einen dankbaren Blick zu und tat wie geheissen. Er setzte sich ihr mit Sam gegenüber, stützte die Unterarme auf seine Knie und lächelte ihr aufmunternd zu. "Können Sie uns sagen, ob sich Mr. Nakumotu in den letzten Tagen vor seinem Tod irgendwie anders verhalten hat als sonst?"
"Nein. Also doch ... aber er war einfach nur gestresst weil da diese grosse Fusion mit einer anderen Firma anstand. Er hatte sehr viel zu tun, hat praktisch im Büro gelebt." Ihre weinerliche Stimme und der flehentliche Ton, lösten eine gewisse Abneigung bei ihm aus.
Nichtsdestotrotz sprach er freundlich weiter. "Haben Sie Unterlagen zu dieser Fusion?"
"Ja."
Nach einem Moment der Stille, sagte er: "Könnten Sie diese bitte holen?" Sie war wohl nicht die Schnellste. Oder ihre Gefühle vernebelten ihre Aufnahmefähigkeit.
Etwas Ähnliches schien Sam auch zu denken, denn als er ihr einen Blick zuwarf, während sie auf Miss McCalls Rückkehr warteten, die in einen Raum nebenan gestöckelt war, mussten sie sich beide einen entsprechenden Gesichtsausdruck verkneifen, verstanden sich wortlos.
Als sie schliesslich wieder auftauchte und ihm eine dicke Akte reichte, bedankte er sich und bedeutete ihr sich wieder zu setzen. Bevor er ihr eine weitere Frage stellen konnte, kam ihm Sam zuvor. Sie klang nicht einmal halb so freundlich wie er bisher, sondern sprach in einem knappen Ton:
"Haben Sie Mr. Nakumotu jemals Drogen nehmen sehen?"
"Dr-Drogen?", echote die Sekretärin und riss die Augen auf. "Nein. Er war immer sehr professionell."
"Hatte er kürzlich Streit mit jemandem? Haben Sie etwas von etwaigen Drohbriefen oder -anrufen mitbekommen? Hitzige Gespräche aus dem Büro gehört?"
"Nein..." Die Frau schien zunehmend verwirrt und warf Steve einen kurzen, fragenden Blick zu, um ihre Augen dann wieder auf Sam zu richten.
"Erinnern sie sich an die Leute, die zuletzt einen Termin bei ihm hatten? Ist einer davon in irgendeiner Weise auffällig gewesen?"
"Nein. Ich erinnere mich nicht. Hier gehen so viele Gesichter ein und aus..." Sie hob die Hand und deutete vage in den Raum hinein, um ihre Finger schliesslich wieder in ihrem Schoss zu verschränken. "Wieso stellen Sie mir all diese Fragen?"
"Reine Routine", sagte Steve rasch und lächelte sie beruhigend an. Wer weiss was Sam gesagt hätte, wenn er sie gelassen hätte. "Erzählen Sie uns doch bitte von dem letzten Mal, als sie ihn gesehen haben. Wie hat er sich verhalten?"
"Das war am Montagabend. Er hat mich schon am Nachmittag gebeten keine Anrufe mehr durchzustellen. Ich habe ihn praktisch den ganzen Tag nicht gesehen, weil er sich in seinem Büro verbarrikadiert hatte. Er wirkte genau so gestresst wie schon in der Woche davor." Sie zuckte kurz mit den Schultern und presste die Lippen aufeinander. "Ich kann nicht fassen, dass er tot ist..."
"Wir bräuchten dann eine Liste seiner Termine von letzter Woche und die Namen derer, die ihn aufgesucht haben", brachte Steve an, bevor sich die Frau vor ihnen ganz in ihrer Verwirrung verlor oder womöglich noch anfing zu weinen. Als sie nickte, erwiderte er die Geste, dann richtete er sich auf.
Sam und er warteten schweigend ab, bis die Frau die verlangten Daten ausgedruckt hatte. Dann bedankten sie sich für die Mithilfe, verabschiedeten sich von ihr und verliessen die Räumlichkeiten, die einer fraglichen Zukunft entgegensahen. Vermutlich würde sich eine neue Firma in Windeseile die teuren, jedoch heiss begehrten Quadratmeter im Herzen der Stadt unter den Nagel reissen, sodass bald nichts mehr an Nakumotu Trusts erinnern würde.
Im Erdgeschoss des Wolkenkratzers angekommen begannen die Beiden erst über das eben Gehörte zu sprechen. "Was hältst du von Miss McCall?", wollte Steve wissen, während sie den polierten Marmorboden der Eingangshalle überquerten.
"Du meinst abgesehen von ihren Betonlocken?", fragte Sam mit einem schiefen, humorlosen Lächeln. "Ich weiss nicht. Sie schien aufgewühlt - entweder weil sie wirklich um ihren Boss trauert oder weil wir sie nervös gemacht haben."
"Nervös gemacht hast nur du sie."
"Ha. Ha. Ich bin gespannt, was es mit der Fusion auf sich hat."
"Ebenso."
Sie traten durch die Drehtür in die Hitze der sich anbahnenden Mittagssonne, welche unbarmherzig von dem Asphalt reflektiert wurde und Steve wünschte sich in diesem Moment sehnlichst auf sein Brett zu steigen und ein paar Wellen erwischen zu können. Aber etwas sagte ihm, dass dies noch ein langer Tag werden würde. Definitiv keiner, der ihm etwas Musse erlauben würde.
Gerade hatte er den Mund geöffnet, um das Gespräch weiterzuführen, als sich ein Mann von der Fassade neben dem Eingang löste und ihnen beiden den Weg versperrte.
"Interessant. Die Five-0 untersucht nun also diesen kleinen Unfall..."
Steves Augen glitten über den Rothaarigen in den Mittvierzigern, den Ansatz eines Bierbauches und den Fleck auf seinem Holzfällerhemd, der ganz nach Ketchup aussah und runzelte die Stirne. "Und Sie sind?", fragte er abweisend.
"Gordon Rovner von der MidWeek. Ich bin überrascht McGarrett persönlich hier zu sehen ... ich dachte ihr Typen würdet viel länger brauchen, um zu kapieren was Sache ist."
Er fand den Mann ausgesprochen unsympathisch. Angefangen von seiner Anstellung bei diesem Boulevardblatt, über seine näselnde Stimme, bis hin zu der Art und Weise, wie sich sein Kragen auf der rechten Seite kringelte, weil das Hemd noch nie ein Bügeleisen gesehen hatte. Ausserdem schätzte er es nicht, wenn man ihn und sein Team mit "ihr Typen" betitelte.
"Ich würde es begrüssen, wenn Sie uns aus dem Weg gehen würden", sagte er trocken und legte die Hand auf Sams Rücken, setzte sich wieder mit ihr in Bewegung.
"Ach, kommen Sie! Sie müssen doch schon von der Fusion wissen! Wieso sollten Sie sonst hier sein, wenn nicht weil Sie herausgefunden haben, dass der gute Winston Dreck am Stecken hatte!" Der Mann ging nun neben ihnen einher und quatschte sie ungehemmt von der Seite an.
Während Steve stier nach vorne blickte, den Typen ignorierte, sah Sam stirnrunzelnd zur Seite. Als sie den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern, sah er auf sie herab und schüttelte streng den Kopf. Sie schoss ihm zwar einen aufmüpfigen Blick zu, löste sich mit einem resoluten Ruck aus seinem Griff, aber folgte seinem Rat und ignorierte den Mann. Schon hatten sie den Wagen auch erreicht, stiegen ein, aber Rovner liess sich offenbar auch davon nicht beirren.
"Sie werden auf mich zurückkommen, das garantiere ich Ihnen! Und wenn es so weit ist..." Er griff in seine Hosentasche, zog eine Visitenkarte heraus und warf sie tatsächlich durch das offene Fenster in Steves Schoss. "...werde ich auf Sie warten und trotz dieser Behandlung sehr gerne mit Ihnen teilen, was ich über die letzten Monate herausgefunden habe. Aloha!"
Die blöde Karte hätte er dem Kerl am liebsten an den Kopf gepfeffert. Stattdessen drehte er den Schlüssel im Zündschloss und fuhr aus dem Parkplatz. "Ja, Aloha, Idiot!", murrte er.
"Wieso haben wir uns nicht angehört was dieser Mann zu sagen hatte?", verlangte Sam auch gleich zu wissen.
"Weil er von der MidWeek ist." Und auf ihren verständnislosen Blick hin, ergänzte er: "Dieses Käseblatt bringt doch nur Mist. Der Typ wollte sich aufspielen. Vermutlich hat er es nicht in eine anständige Redaktion geschafft und rennt nun auf der Suche nach dem Durchbruch oder sowas durch die Gegend..." Er schnaubte abfällig.
"Auch Käseblätter stossen Mal auf eine Goldader. Du hast doch gehört, wie er das Wort Unfall betont hat ... und er wusste von der Fusion!"
"Der stochert einfach ein bisschen herum. Vergiss den Typen! Und falls wir herausfinden sollten, dass etwas dran sein könnte, haben wir ja seine Karte."
"Ich weiss nicht", sagte Sam und klang überhaupt nicht überzeugt. Sie riss energisch den Umschlag des grossen Briefes auf, welchen sie aus dem HPD mitgebracht hatte, griff hinein. "Bei den wenigen Informationen, die wir haben glaube ich nicht, dass wir es uns leisten können zu ... zu ..." Ihre Stimme starb langsam ab, als hätte sie etwas abgelenkt.
"Zu?", fragte Steve nach, während er auf den Kapiolani Boulevard einbog und in Richtung des Hauptquartiers zuhielt.
Die Stille hielt noch einen Moment an, dann erklang ihre Stimme wieder. Vollkommen verändert. Alarmierend eindringlich. "Fahr rechts ran!"
"Wieso? Was ist denn los?"
"Fahr sofort rechts ran, Steve!", kam es eine Oktave höher zurück.
Er tat wie geheissen, bog unterdrückt fluchend in die nächste Seitenstrasse, wo er den Wagen halb auf dem Bürgersteig zu stehen brachte. Dann wandte er sich in seinem Sitz nach rechts und wiederholte seine Frage: "Was zum Henker ist los?"
Sam sah ihn an, das Gesicht kreidebleich und reichte ihm ein Bündel von Papieren. Noch einen Moment sah er besorgt auf den beunruhigenden Ausdruck auf ihren Zügen, dann blickte er hinab auf seine Hände. Es waren Fotos, die er da hielt. Fotos von Sam, vor dem Eingang des Hauptquartiers, von Sam, wie sie aus einem Taxi stieg und nicht zuletzt von Sam und ihm, jeweils ein Shave Ice in den Händen haltend und den Kuhio Strandpark entlang flanierend.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Sa Jun 29, 2013 12:36 pm

4. Olelo Ho‘opa‘i Make

Death Sentence - Todesurteil


Steves Blick glitt unstet, alarmiert über die Fotos in seinen Händen. Er blätterte eines nach dem anderen durch, während sich sein Hirn irgendwie zu weigern schien, vollständig zu realisieren was er gerade sah. "Verdammte Scheisse!", stiess er schliesslich laut aus.
"Was ist hier los, Steve?"
Die Angst in Sams Stimme liess ihn aufblicken. Er ergriff ihre Hand und drückte zu. "Es wird alles in Ordnung kommen. Ich verspreche es." Was sagte er da überhaupt? Er wusste ja nicht einmal ansatzweise was vor sich ging. Weder war er in einer Position Versprechungen zu machen, noch war er sich sicher überhaupt etwas ausrichten zu können.
Sie schien nicht im Mindesten von seinen Worten beruhigt. Ihre Augen waren geweitet, die Schultern angezogen, die Finger in den seinen waren eiskalt. "Die wissen alles. Bestimmt auch, dass ich bei dir ... oh mein Gott! Ich habe alle in Gefahr gebracht. Chin, Kono, Danny ... dich!" Sie schlug die Hand vor den Mund.
"Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Wir müssen jetzt einfach einen kühlen Kopf bewahren..." Aber es erschien ihm, als würde er mit einer Wand sprechen.
Sam hörte ihm offensichtlich gar nicht zu. Ihr starrer Blick war irgendwo auf einen Punkt neben seinem Gesicht gerichtet und als sie die Hand schliesslich wieder sinken liess, sagte sie erstickt: "Ich muss hier raus." Ihre Finger tasteten nach dem Griff und sie brauchte zwei Anläufe um die Autotür aufzubringen.
Steve stiess die Luft aus seinen Lungen, während er den Schlüssel zog, riss seine Tür auf und eilte um den Wagen herum. Er würde den Teufel tun und sie jetzt aus den Augen lassen. Selbst wenn sie nicht unter Schock stand, machte sie noch Blödsinn. Gerade jetzt war es mehr als nötig in ihrer Nähe zu bleiben. Eine Weile lang folgte er ihr also, während sie einfach einen Fuss vor den anderen setzte, offensichtlich gar nicht wusste was sie tat, weil sie nicht darauf achtete. Seine eigene Sorge war für den Moment in den Hintergrund gerückt, aber besonders geduldig war er deswegen trotzdem nicht. Nach einer Weile hatte er genug davon ziellos die Strasse entlangzugehen und stellte sich ihr in den Weg, erfasste ihre Oberarme.
Es erforderte einiges an Entschlossenheit, aber schliesslich hatte er ihren unsteten Blick eingefangen und sah eindringlich auf sie herab. "Wir gehen jetzt nach Hause!"
"Nach Hause?"
"Zu mir. Komm." Als wäre sie eine Puppe drehte er sie wieder in die Richtung, von der sie gekommen waren, versuchte sie mit sanfter Gewalt zum Gehen zu animieren.
Aber Sam stand einfach da und starrte vor sich hin. "Da warten die bestimmt schon", sagte sie mit einer befremdlich flachen Stimme. Es war als hätte sie vergessen wie man die eigenen Worte betont.
"Nein, tun sie nicht. Und wenn auch - sie sollen nur sehen was sie davon haben", erwiderte er grimmig und schob sie weiterhin an, widerstand dem Drang sie einfach über seine Schulter zu werfen, um dieser lachhaften Zeitverschwendung ein Ende zu setzen. Gerade jetzt, da es wichtig war sich die nächsten Schritte zu überlegen, schnell zu reagieren, standen sie hier sinnlos herum.
"Wenn sie nicht heute kommen, dann morgen. Oder am Tag danach." Sie sprach immer noch völlig tonlos.
Langsam spürte Steve den Unmut in sich aufkommen. Also drehte er sie so herum, dass sie ihn ansehen musste, was sie dann auch ausdruckslos tat. "Das bist nicht du, Sam", sagte er eindringlich und schloss seine Finger stärker um ihre Arme. "So kenne ich dich nicht. Du kämpfst doch für gewöhnlich!"
"Ja, und wir haben gesehen wohin das führt..."
„Na, offensichtlich hast du an den richtigen Knöpfen gedrückt.“
„Aber was habe ich damit ausgelöst? Sie haben dich mit mir gesehen! Mich bei der Five-0 ein und aus gehen sehen. Ihr seid nun alle ebenso in Gefahr. Ich könnte mich erwürgen, wenn ich ihnen damit nicht einen Gefallen machen würde!“ Während sie sprach kehrte die gewohnte Sam zurück, welche ihre Gefühle nicht verbergen konnte. „Wenn man es genau nimmt, habe ich sogar Nakumotu auf dem Gewissen!“
„Nein. Das ist absurd. Du hast absolut gar nichts damit zu tun. Er war eindeutig in etwas verstrickt und das war es was ihn umgebracht hat.“
Sie presste die Lippen aufeinander, sah ihn mit einem gequälten Gesichtsausdruck an und als sie antwortete klang ihre Stimme erstickt: „Was ist wenn Richard auch darin verstrickt ist?“
Steve atmete durch, dann beugte er sich leicht zu ihr herunter, bohrte seinen Blick in den ihren. „Das bringt uns nicht weiter. So schwer es auch ist; du musst deine Ängste irgendwie im Zaum halten und dich auf das Wesentliche konzentrieren.“ Er schüttelte sie kurz, unterstrich damit seine Worte. „Hast du nicht irgendeinen Psychologen-Trick auf Lager?“
„Was?“
„Keine Ahnung… Eine Atemtechnik. Einen Leitsatz.“
Ihre Augenbraue wanderte hoch und ein halbes Lächeln erschien auf ihren Zügen. „Diese Dinge funktionieren bei einem Selbst nicht besonders gut. Geht auch ein Frauen-Trick?“
„Wenn du dich damit beruhigst…“
„Hast du Eis zu Hause?“
Nun war es an ihm verständnislos nachzufragen wovon sie sprach.
„Du weisst schon: Eis. Süsses, leckeres Teufelszeug. Wandert sofort auf die Hüfte.“
„Nein, du verrücktes Huhn, ich habe kein Eis zu Hause.“ Er lachte kopfschüttelnd und liess ihre Arme los. „Aber wir können auf dem Weg halten und du kannst dir so viel von dem Teufelszeug kaufen, wie du essen kannst.“


***

Sam sass mit Steve an dem runden Tisch seines Arbeitszimmers und gemeinsam gingen sie die Akten durch, die ihnen die Sekretärin mitgegeben hatte. Sie hatten Unterlagen im Überfluss, aber im Grunde hatten sie…
„Nichts! Nichtsnichtsnichts!“ Frustriert heulte sie auf, steckte den Löffel mit einer energischen, wütenden Bewegung in das Eis, sodass dieser wie ein nackter Flaggenmast aus dem Kübel ragte und bettete das Gesicht in den Händen.
Das war alles zum verrückt werden. Sie war noch keinen Deut weiter. Alles was sie geschafft hatte, seit sie ihren Fuss auf diese Insel gesetzt hatte, war aus einem grossen Fragezeichen, viele, viele kleine zu machen. Sie fühlte sich verwirrt, überfordert, eingeschüchtert. Von unfähig ganz zu schweigen. Was hatte sie denn schon geschafft? Ausser die Menschen um sich herum in Gefahr zu bringen, natürlich...
Einer dieser Menschen klopfte auf den Tisch, liess sie aufsehen. „Hier. Arbeit.“
Sie schoss einen finsteren Blick auf ihn ab. „Fruchtlose Arbeit hat mich noch nie fesseln können. Es ist vollkommen sinnlos diesen Mist durchzusehen. Berechnungen und Marktprognosen. Wow. Furchtbar relevant.“
„Du kannst nicht im Voraus wissen was relevant ist“, erwiderte er ohne von den Unterlagen aufzublicken. „Nicht, bevor du es gelesen hast.“
„Ich habe es im Gefühl. Da steht nichts. Diese Schnepfe hat uns Futter für den Schredder gegeben und das Wichtige zurückgehalten. Wieso haben wir sie eigentlich nicht richtig in den Mangel genommen?“
„Weil sie brav geantwortet hat und nicht verdächtig ist.“
„Und dieser Rovner? Der wusste doch etwas! Ich weiss gar nicht, wieso ich auf dich gehört habe!“
„Das war der Todesblick des SEALS…“, sagte er träge und blätterte um.
„Bitte was?“
Steve legte die Unterarme auf den Tisch und sah sie schliesslich, endlich an. „Danny nennt das so. Angeblich habe ich da einen Blick drauf, der … ach, vergiss es.“ Seine Augen schweiften abschätzend über ihre Züge. „Was schlägst du vor sollen wir tun? Ich habe Fong und Max dazu genötigt das Auto und die Leiche genauer zu überprüfen und bis wir wissen was sie gefunden haben, gibt es nur dieses Material der Sekretärin.“
„Welches völlig unnütz ist“, warf sie ihm aufgebracht entgegen, als sei das irgendwie seine Schuld, worauf seine Augenbraue auch prompt in die Höhe wanderte. „Tut mir Leid … ich kann einfach nicht … ich dreh hier gleich durch!“ Und mit diesen Worten sprang sie aus ihrem Stuhl auf, begann vor dem Tisch hin und her zu tigern, während sie weitersprach: „Zuerst tappe ich monatelang im Dunkeln, während alles einschläft, absolut nichts passiert, weil sich niemand ausser mir kümmert was mit ihm geschehen ist – und nun? Plötzlich überschlägt sich alles, wird beinahe mit jeder Minute komplizierter und ich kann einfach nicht richtig fassen was passiert! Vielleicht bin ich schlichtweg weniger belastbar, als ich immer gedacht habe…“
Mit diesem letzten Satz blieb sie stehen und sah Steve entgeistert an, dann nickte sie. „Ja, das ist es“, sagte sie bitter. „Ich bin einfach unfähig das durchzustehen. Ich bin ein Kopfmensch. Gut, ich sehe Leichen und grabe in den schlimmsten Köpfen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen – aber wenn geballert und gestürmt wird, sitze ich im Büro und kritzle in mein Notizheft, warte darauf, dass die Superhelden den praktischen Teil erledigen und Türen eintreten! Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht hierher zu kommen und auf eigene Faust zu ermitteln?“
Steve hatte sich während ihres Ergusses darauf beschieden sie ernst anzusehen, doch nun richtete er sich auf und stellte sich vor sie. „Du hast getan, was du tun musstest. Vielleicht nicht besonders elegant, aber…“
„Ja, vielen Dank. Reib es mir nur unter die Nase!“, erwiderte sie mit einem unechten, verzweifelten Lachen.
„Was ich damit sagen wollte war, dass verdeckte Ermittlungen verflucht schwierig zu bewerkstelligen sind. Die Gefahr wird auf dem Fuss folgen. Unweigerlich.“ Er hielt kurz inne, verzog den Mund. „Du hättest mir einfach sagen sollen was du vor hast…“
Jetzt machte er ihr auch noch ein schlechtes Gewissen! Sie sah betreten drein und sagte leise: „Ich wollte dich nicht behelligen … es war mir unangenehm dich praktisch angelogen zu haben … es war dumm und ich weiss gar nicht was ich mir dabei gedacht habe, als ich bei dir aufgetaucht bin. Aber das ist wohl das Motto meines ganzen Aufenthaltes hier.“ Sie wandte sich ab, trat an die Verandatür und sah nach draussen. „Sam Haynes, die die einfach mal macht bevor sie ihr Hirn anschmeisst.
„Meinst du?“, ertönte Steves Stimme hinter ihr. „Ich würde es so nennen: Sam Haynes, die die alles tut, um einen geliebten Menschen zu finden.“
Langsam drehte sie sich wieder zu ihm um, sah ihn stumm an. Abermals spürte sie, wie etwas in ihr in seine Richtung strebte, aber sie knallte diesem Etwas die Tür vor der Nase zu. Es hatte ihm und ihr genügend Scherereien gemacht. Eigentlich durfte sie nicht einmal hier sein. Andererseits gab es keinen besseren Ort. Egal wohin sie gehen würde, die unsichtbaren Augen würden ihr folgen und etwas sagte ihr, dass sie Steve nirgendwohin gehen lassen würde. Nicht, nachdem er die Fotos gesehen hatte. Nicht, nachdem ihnen beiden klar geworden war, dass sie jeden in Gefahr bringen würde, in dessen Nähe sie war. Aber was war mit seiner Sicherheit? Sie konnte ihn beinahe hören, wie er etwas Ritterliches, Sealisches sagen würde, um ihre Bedenken herunterzuspielen. Dass er schon auf sich aufpassen könnte und es hier in erster Linie um ihre Sicherheit ging, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, er die Situation unter Kontrolle hatte.
Sie fühlte sich zwiegespalten; einerseits wollte sie rennen, so weit und so schnell es ging, um diesem ganzen Chaos zu entkommen, diese Schwierigkeiten, die sie ihm aufgehalst hatte mitzunehmen, damit er sein Leben ohne ihren Mist leben konnte – andererseits war da ein Teil von ihr, der sich nichts Beruhigenderes vorstellen konnte, als sich in seine Arme zu werfen und ihn machen zu lassen. Aber keine dieser Seiten in ihr war die echte Sam. Weder würde diese wegrennen, noch jemand anderen das Zepter übernehmen lassen, nur weil sie Angst hatte. Nein. Es war Zeit diese echte Sam endlich wieder hervorzuholen. Sie, die in den letzten Tagen begraben worden war, unter all diesem Schutt der sich überschlagenden Ereignisse. Im Grunde fühlte sie sich so elend, weil sie sich selbst nicht wieder erkannte, die Verbindung zu sich selbst verloren hatte, weil sie noch keine Gelegenheit gehabt hatte sich an diese Ausnahmesituation zu gewöhnen. Nun, da ihr dies auf einen Schlag klar geworden war, fühlte sie sich schon ein Stück weit besser – selbst wenn sie nicht wusste, wie die Rückkehr zu ihrem gewohnten Selbst aussehen sollte. Aber schliesslich war die Erkenntnis der erste und schwierigste Schritt zur Besserung, oder?
Ihr wurde bewusst, dass sie gerade mitten in einem Gespräch waren und sie vielleicht endlich wieder mal etwas sagen sollte. Doch gerade, als sie den Mund aufgetan hatte, klingelte es an der Tür. „Das ist bestimmt Danny“, sagte sie statt des ursprünglichen Kommentars. Tatsächlich erwarteten sie ihn. Steve hatte entschieden sich mit ihr aus den Ermittlungen zu dem Serienmörder weitgehend auszuklinken, zumindest bis sie Licht auf die Sache mit den Überwachungsfotos geworfen hatten und er wollte seinem Partner nicht am Telefon davon erzählen. Also eilte dieser davon, um die Tür zu öffnen und trat tatsächlich nur einige Augenblicke später wieder mit Danny ins Arbeitszimmer ein. Sam lächelte ihm warm entgegen und bekam im Gegenzug ein breites Grinsen.
Dann wandte er sich an Steve: „Also? Was hat es mit diesem mysteriösen Anruf auf sich? Geht es um die Sache mit den Koffern?“
Was für eine Sache mit den Koffern? Sam sah mit einem Stirnrunzeln von dem einen Mann zum anderen, welches sich noch vertiefte, als Steve erwiderte: „Nein. Danke, dass du sie mitgebracht hast, aber darum geht es nicht.“
Mitgebracht? Hatte er dem Blonden etwa aufgetragen ihre Habe wieder hierher zu schaffen? Einfach über ihren Kopf hinweg entschieden, dass sie wieder hier unterkommen sollte? Unmöglich. Manchmal war er wirklich einfach unmöglich. Am liebsten hätte sie ihn zur Rede gestellt, aber das war nicht der Moment für sowas. Stattdessen liessen sie sich alle drei an dem Tisch nieder und Sam nickte Steve zu, bedeutete ihm, dass er sich der Erklärung annehmen sollte. Sie hatte jetzt nicht den Kopf alles nochmals verbal durchzukauen. So beschied sie sich damit das einzig Richtige zu tun und griff entschlossen nach ihrer Familienpackung Eis. Etwas woran sie sich festhalten konnte. Was sie nicht vorwurfsvoll ansah und einfach mit sich machen liess. Ja. In diesem Moment war dieser kalte, angelaufene Kübel ihr bester Freund. Einmal abgesehen von dem Mann, der neben ihr sass und den Besucher in alles einweihte…
So wie Steve die ganze Situation schilderte, klang es nach irgendeinem bescheuerten Krimi. Nur dass es sich dabei um ihr Leben handelte - und der Dunkelhaarige das Ganze erzählte, als hätte ihn jemand gebeten im Telegrammstil zu sprechen. Sam schüttelte immer wieder den Kopf, wenn sie ein besonders aufwühlendes Detail erreichten – und derer gab es viele – während sie sich einen Löffel nach dem anderen in den Mund schob. Kaum zu fassen in was für einen Mist sie hier hineingeraten war. Das war dann auch ungefähr Dannys Kommentar, als Steve mit der Bemerkung über das unbrauchbare Material der Sekretärin schloss:
„Meine Fresse! Was für eine Geschichte… Und was wollt ihr jetzt tun?“
„Im Moment können wir nur abwarten“, gab Steve zurück und sein Bein fing unter dem Tisch an zu zucken.
„Was? Keine verdeckten Operationen? Kein Aufbrechen von Türen oder Guantanamo-Verhörmethoden? Jetzt bin ich verwirrt.“
„Wahnsinnig witzig, ich muss schon sagen.“ Steve machte eine Grimasse, dann holte er Luft und fügte beinahe kleinlaut an: „Ausserdem haben wir niemanden zum Verhören…“
„Aha!“
„Haben wir doch, um genau zu sein“, mischte sich Sam ein. „Da war dieser Reporter, der uns vor Nakumotus Büro aufgelauert hat. Er hat etwas von der Fusion gesagt und meinte Nakumotu hätte Dreck am Stecken – aber Steve hat sich geweigert mit ihm zu sprechen.“ Sie schoss diesem einen vorwurfsvollen Blick zu, den er mit einem ungerührten Heben der Augenbraue quittierte.
„Der Typ ist von der MidWeek“, sagte er zu Danny, als wäre das eine Erklärung.
„Und das soll mir etwas sagen, oder wie?“
„Die schreiben den grössten Mist zusammen, Danny! Eine ernsthafte Wirtschaftsstory zwischen den fünf besten Barbequerezepten und dem sensationellen, surfenden Wellensittich Marley? Ich denke nicht…“
Sam und Danny tauschten einen Blick. „Ich habe es im Gefühl, dass der Typ etwas weiss“, sagte sie zu dem Blonden. „Du hättest ihn hören sollen.“
Er nickte, dann sah er zu Steve, der finster dreinblickte und die Arme verschränkt hatte. „Bring sie zu ihm. Was soll schon Schlimmes passieren? Ihr habt nichts zu verlieren.“
„Ausser wertvoller Zeit!“
„Die ihr sonst womit genau verbracht hättet? Ich dachte ihr hättet im Moment sowieso nichts.“
Steve stutzte, dann schüttelte er den Kopf. „Okay, okay. Ich gebe auf! Dann gehen wir eben zu dem Trottel. Und was machst du in der Zwischenzeit? Wie läuft’s mit dem Fall?“
„Du meinst in den letzten - ah…“, er sah auf seine Armbanduhr und dann wieder über den Tisch. „…drei Stunden? Viel. Wir haben das Ding schon beinahe geschaukelt.“ Und als er einen mörderischen Blick von Steve geerntet hatte, grinste er breit, dünnlippig. „Jetzt mach dir mal keine Sorgen. Wir drei kümmern uns darum und ihr Beiden seht zu, dass es an eurer Front weitergeht.“
Einen Moment schwiegen alle, hingen abwesend ihren Gedanken nach, bis es Sam war, die die Stille unterbrach, während sie sich von ihrem Stuhl erhob: „Ich räume das hier Mal weg…“
Sie schnappte sich die leere Eispackung und verzog sich in die Küche, wo sie sich an dem Waschbecken aufstützte und aus dem kleinen Fenster sah, den Blick abwesend in die Ferne gerichtet. Seit Tagen war sie nicht mehr alleine gewesen, hatte nie richtig durchatmen können. Nun, da sie es gekonnt hätte, wurde ihr bewusst, wie präsent die Angst in ihren Gliedern war. Der Knoten in der Brust, dieses flaue Gefühl im Magen, das Stolpern ihres Herzschlages, jedes Mal wenn sie an die Fotos oder die kalte Stimme am Telefon dachte. Durchatmen war etwa so einfach zu bewerkstelligen wie ein echtes Lächeln. Die Situation war schlichtweg aussichtslos, erdrückte sie buchstäblich.
Was sollte sie tun? Wie reagieren? Sich weiterhin von den Ereignissen hierhin und dorthin treiben, sich herum schubsen lassen? Oder versuchen die Dinge in die Hand zu nehmen? Aber wie? Selbst Steve schien ratlos, auch wenn er Kraft und Entschlossenheit ausstrahlte, auf eine Art zu ihrem unerschütterlichen Fels in der Brandung geworden war. Wenn nicht einmal er mit einem handfesten Plan aufkommen konnte, was hatte sie dann für eine Chance etwas zu bewirken? Das konnte doch ein Mensch alleine nicht aushalten!
Da war plötzlich ein Kloss in ihrem Hals, der einfach nicht mehr weichen wollte. Sie blinzelte heftig, spürte wie sich etwas aus ihrer Brust den Weg nach oben zu bahnen versuchte, aber kämpfte dagegen an. Nein! Sie würde jetzt nicht heulen. Denn wenn der Damm einmal gebrochen war, gäbe es kein Halten mehr. Dessen war sie sich verdammt sicher. Also schluckte sie schwer, strich sich klärend über das Gesicht, in der Hoffnung wenigstens einen Teil der Anspannung davon zu verbannen. Als sie schliesslich aufgeräumt hatte, trat sie wieder ins Wohnzimmer, doch bevor sie den nächsten Raum erreicht hatte, hörte sie wie ihr Name fiel und hielt unwillkürlich inne.
„…selbst wenn Sam wie die Faust aufs Auge zu dir passt?“
„Mal angenommen, ich wüsste wovon du da redest: Was zum Henker hat das mit irgendwas zu tun?“
„Manchmal zweifle ich an deinem Verstand, Steve. Du willst mir doch nicht sagen, dass du dir einbildest glimpflich aus dieser Sache herauszukommen?“
„Ich will gar nichts sagen, weil diese Art von Gespräch mit dir für gewöhnlich zu nichts führt“, kam es zischend zurück. Nach einer kurzen Pause wurde dieses jedoch trotzdem wieder aufgenommen: „Und überhaupt? Was soll glimpflich herauskommen überhaupt heissen?“
„Jetzt stell dir doch einfach den Moment vor, in dem du die Hände der beiden zusammenführst, nachdem du - heldenhaft wie du eben so bist - den Typen gefunden und zu ihr zurückgebracht hast. Wird bestimmt ganz einfach, nicht? Zuzusehen wie sie mit ihm in den Sonnenuntergang segelt? Oder noch besser: Wie er dich bittet sein Trauzeuge zu sein! Das wäre natürlich ganz fantastisch!“
„Ja, danke. Das hast du sehr schön ausgeführt. Deine Fantasie geht wieder mal mit dir durch. Und jetzt halt die Klappe. Sie könnte jeden Moment zurück sein.“
Sam gab sich einen Ruck, als sie zur Besinnung kam und ihr bewusst wurde, dass sie gerade ein furchtbar persönliches Gespräch belauscht hatte. Was mussten die Beiden auch gerade jetzt über sowas reden? Sie kam sich plötzlich vergiftet vor; nicht durch den Akt des heimlichen Zuhörens, sondern wegen der gefallenen Worte, die sie nun nicht mehr vergessen konnte. Fantastisch. Genau so etwas hatte sie jetzt noch gebraucht; mehr Dinge, worüber sie sich den Kopf zerbrechen durfte.
Als wäre nichts geschehen trat sie schliesslich in das Zimmer ein und meinte ein gewisses Straffen der Schultern bei Steve zu registrieren, erntete ein reichlich angespanntes Lächeln von Danny. Sie ignorierte das, blieb an dem Tisch stehen und wandte sich an den Dunkelhaarigen: „Wollen wir dann los?“
„Wohin?“
„Na, zu Rovner. Soll ich ihn anrufen? Zusehen, dass er zu Hause ist?“
Steve gab nur einen brummigen Ton der widerwilligen Zustimmung von sich.
Das sollte ihr reichen. Sie warf Danny einen dankbaren Blick zu, der ihr verschwörerisch zuzwinkerte, dann zückte sie ihr Handy und griff nach der Visitenkarte, die auf dem Tisch lag.
Kaum eine Stunde später trat sie mit Steve auf die Veranda des Journalisten. Danny war wieder zurück ins Hauptquartier gefahren, während sie sich Richtung Manoa begeben hatten. Die Nachbarschaft war um diese Zeit am Nachmittag ziemlich verschlafen. Keine Kinder die auf den Rasen spielten, mehrheitlich leere Auffahrten; Eltern wie Kinder waren mit Tagwerk und Schule beschäftigt. Eine alte Frau spähte über die niedrige Steinmauer zu ihnen herüber, nachdem sie bereits ihren Weg durch Rovners Garten neugierig beäugt hatte. Sam blickte zur ihr, während sie Steve das Klopfen überliess. Sie schirmte die Augen gegen die Sonne ab, was jedoch einen Moment später schon nicht mehr nötig war, da sich eine grosse Wolke davor schob. Das Mütterchen wandte sich schliesslich ab und ging langsam zurück in ihr Haus, liess ein schwaches Lächeln über die Züge der Britin huschen; Nachbarschaft in Vororten war auf der ganzen Welt so eine Sache. Immer drehte es sich darum so genau wie möglich zu wissen, was bei den Leuten nebenan oder gegenüber vor sich ging, aber niemand wollte bei dem Interesse daran ertappt werden.
Nun, da es auf dem benachbarten Grundstück nichts mehr zu sehen gab, schweiften ihre Augen stattdessen über den Vorgarten des Journalisten, wurden des kaputten, bodenlosen Eimers, der überwucherten Blumenbeete und achtlos liegengelassenen Gummistiefel gewahr. Eine Leiter lag mitten auf dem Rasen. Es sah ganz so aus, als wäre dies einmal ein gepflegter Garten gewesen, um den man sich von einem Tag auf den anderen aufgehört hatte zu kümmern. Rovner erschien ihr nicht wie der Typ Mann, der auf den Knien herumrutschte, um das Unkraut zu pflücken. Nicht mal wie einer, der den Gartenschlauch schwang. Aber andererseits sah es nicht so aus, als bräuchte das Grünwerk in diesem Tal besonders viel zusätzliches Wasser. Denn noch während sie den Garten begutachtete, setzte leichter Regen ein. So grün wie die Ausläufer der Ko’olau Gebirgskette aussahen, die die Siedlung umrahmten, musste dies ein häufiges Phänomen sein. Fasziniert drehte sie sich auf der Stelle und bewunderte die Aussicht, die die Bewohner Manoas jeden Tag sahen, fragte sich ob ihnen nach Jahren überhaupt noch auffiel, wie schön es war zu allen Seiten diese üppig bewachsenen Berghänge zu sehen.
„Hat der Kerl nicht gesagt, dass er zu Hause sein wird?“, kam es mürrisch aus Steves Mund.
Sie wandte sich an ihn, dann betrachtete sie stirnrunzelnd die Tür. „Ja, er sagte er sei hier und arbeitet an seinem Artikel.“
„Wo bleibt er dann?“ Und er klopfte noch einmal, laut und unerbittlich. Dann, nach einigen Herzschlägen legte er die Hand auf die Klinke und drückte sie herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen. Steve warf ihr einen flüchtigen Blick zu, begleitet von einem angedeuteten Schulterzucken, dann öffnete er sie einen Spalt breit, liess seine Augen über das Innere des Hauses schweifen. Sam konnte durch seinen breiten Rücken, der ihr die Sicht versperrte, nichts sehen und sie fragte sich, weshalb er nicht nach Rovner rief, oder einfach hineinging. Ungeduldig trat sie von einem Fuss auf den anderen, doch gerade als sie etwas Entsprechendes kommentieren wollte, blickte Steve über seine Schulter hinweg zu ihr zurück, liess sie stutzen.
Da war ein strenger, angespannter Ausdruck auf seinem Gesicht und noch während er ihr mit einem resoluten Nicken bedeutete zurückzutreten, griff er mit der rechten Hand nach seiner Waffe und zog diese. Sams Puls sprang augenblicklich hoch und sie vollführte einen grossen Rückwärtsschritt, die Augen auf die Pistole gerichtet, welche er nun langsam durch den Spalt in der Tür richtete. Sein Oberkörper beugte sich nach vorne, als er um die Ecke spähte, dann trat er mit einem breitbeinigen, geduckten Gang über die Schwelle und war verschwunden.
Sam kaute nervös auf ihrer Unterlippe, klammerte sich an den Verandazaun in ihrem Rücken. Was hatte er denn bloss gesehen? Oder war es etwas, was er gehört hatte? Die Sekunden flossen dahin, quälend ereignislos. Ihre Sinne waren zum Zerreissen gespannt, während sie nur daran denken konnte, was Steve dort drin passieren mochte. Wieso, wieso nur war sie eigentlich dermassen waffenlos und unnütz? Da war niemand, der ihm beistehen konnte, sollte er in Gefahr geraten und angegriffen werden. Der Drang ihm hinterher zu stürmen war so stark, dass sie sich nur mit Mühe und Not dazu zwingen konnte seinem Befehl zurückzubleiben zu folgen. Sie versuchte sich zu sagen, dass er schon wusste was er tat, dass das Kinderkram für ihn war. Was auch immer „das“ denn nun eigentlich war.
Als sein Gesicht schliesslich wieder in dem Türspalt erschien, war ihr, als hätte jemand wundervolles, kühles Wasser über ihr geplagtes Herz geschüttet. Er sah zwar angespannt aus, aber nichts deutete auf unmittelbare Gefahr hin, also liess sie den angehaltenen Atem ruckartig entweichen und ging auf ihn zu, gerade als er wieder auf die Veranda trat. Mit einem Klicken versank die Waffe in seinem Halfter.
„Was war denn los?“, verlangte sie zu wissen, spähte an ihm vorbei durch die Tür, erkannte was seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte; Scherben lagen auf dem Boden neben dem Eingang.
„Jemand war vor uns hier – Rovner ist tot. Kopfschuss.“
Was?“ Die Anspannung kehrte auf einen Schlag in ihre Glieder zurück, ihr Herz setzte zu einem rasanten Galopp an. „Er ist tot? Aber wie … wer … ich verstehe nicht…“
„Du hattest Recht, Sam. Er muss wirklich etwas gewusst haben. Sein Laptop ist weg.“
Sams Gehirn schien stillzustehen. Sie hörte was Steve sagte, aber die Bedeutung seiner Worte erreichte sie verspätet und verschwommen. Da war dieses hohle, leere Gefühl des Schocks in ihr und sie starrte abwesend, mit aufgerissenen Augen auf einen Punkt am Boden.
„Ich muss das HPD benachrichtigen“, sagte Steve schliesslich, riss sie aus ihrem dumpfen Brüten.
Ihre Geistesgegenwart kehrte auf einen Schlag zurück. Plötzlich war alles ganz klar. „Noch nicht. Gib mir einen Moment!“, hauchte sie, dann stürmte sie an ihm vorbei und in das Haus hinein.
Hinter sich hörte sie Steves schwere Schritte, dann wie er ihren Namen rief. Sie ignorierte ihn und hielt auf den hinteren Teil des Gebäudes zu, spekulierte darauf, dass das Büro irgendwo dort sein musste. Tatsächlich trat sie nur Augenblicke später in einen unglaublich unordentlichen Raum, voller überquellender Regale, wackeliger Stapel von Ordnern und Akten auf dem Boden und abstossender Verpackungen von Fastfood. Noch bevor ihr Blick auf die Leiche fiel, registrierte sie den auffällig leeren, rechteckigen Fleck auf dem Schreibtisch, der selbst im Vergleich zum Rest des Zimmers besonders chaotisch war. Kurz huschten ihre Augen über Rovners Gestalt am Boden, die zusammengesackt gegen die Wand lehnte, verzog das Gesicht unwillkürlich, als sie dem hässlichen Loch mitten auf seiner Stirne gewahr wurde. Und erst die blutbesudelte Wand hinter ihm… Aber nein. Keine Zeit, es war keine Zeit sich jetzt emotional darum zu kümmern. Also stülpte sie den Deckel über ihre Gefühle, vertröstete diese auf später.
Sie stand mitten im Zimmer, liess ihren Blick über die Regale schweifen, wusste, dass sie erkennen würde wonach sie suchte, wenn ihre Augen es erst erspäht hätten. Bestimmt nicht in den Schubladen. Das Familienfoto vielleicht? Nein, zu auffällig. Auch diese Kitschfigur von der Schäferin mit ihrem Lamm sah aus wie ein Ablenkungsmanöver. Der Mann war gewieft, aber dennoch faul gewesen. Es musste eine Kombination sein, die beide Adern befriedigt hatte.
„Sam! Was tust du da?“
„Moment“, murmelte sie abwesend, dann fiel ihr Blick wieder auf den Schreibtisch. Faul. Das war das Stichwort. Er ist bestimmt nicht jedes Mal aufgestanden. Also trat sie an den Tisch und suchte diesen mit den Augen ab. Sie würde diese Dinge ganz sicher nicht anfassen. Nicht, wenn es sich vermeiden liess – und das nicht nur der Schonung etwaiger Beweise wegen.
Plötzlich schlossen sich Steves Finger um ihren Oberarm und sie sah nach links zu ihm. „Was ist?“
Was ist? Das könnte ich dich fragen! Wonach suchst du? Wir können hier nicht herum trampeln und ich muss endlich das HPD auf den Plan rufen!“
„Rovner war ein heimlichtuerischer Journalist und arbeitete tagtäglich mit Dateien, die aus Versehen gelöscht werden konnten; er hat eine Sicherheitskopie gemacht, da bin ich mir sicher. Und er hat sie irgendwo in seiner Nähe versteckt. Irgendwo, wo er jederzeit danach greifen und die neuste Version seines Artikels darauf laden konnte. Gib mir nur noch einen Augenblick!“
Steve schnaubte, schüttelte den Kopf und liess sie schliesslich los. „Aber beeil dich!“
„Jajajaja…“, machte sie und nahm die Suche wieder auf. „Hetz mich nicht!“
Dann fiel ihr Blick auf den Behälter mit den Stiften; einer stach heraus, hatte einen ansehnlichen Tiki aus Holz am Ende. Der war bestimmt gross genug. Sie griff nach dem Bleistift und zog an der Figur, die dann tatsächlich ganz leicht abkam und offenbar ausgehöhlt war. Ein leichtes Schütteln später fiel auch schon eine SD-Karte auf Sams Handfläche. Sie wandte sich an den Mann hinter ihr, hielt sie ihm praktisch unter die Nase und stellte einen triumphalen Gesichtsausdruck zur Schau. Dieser entlockte ihm wiederum eine ergebene Grimasse, als hätte er halb darauf gehofft, dass sie nichts finden würde. Weshalb wurde gleich darauf klar, als er sagte:
„Und du erwartest jetzt wohl von mir, dass ich einfach übersehe, dass du dieses Ding mitgehen lassen wirst ... wenn das HPD kommt, so tue als wäre alles noch genau so wie wir es vorgefunden haben?“
„Streng genommen gehöre ich zum HPD. Ausserdem habe ich gehört, dass du schon ganz andere Dinge geleistet hast, als eine kleine SD-Karte verschwinden zu lassen. Woher die plötzliche Skrupel?“
Steves Augen schweiften abschätzend über ihre Züge, während sie zusehen konnte, wie er schnell abwägte, sich fragte ob es auch eine andere Möglichkeit gab und am Ende offenbar zu dem Schluss kam, dass dem nicht so war. „Na gut, dann pack das Ding ein.“ Und mit diesen Worten zückte er sein Telefon.

La Roche sah aus als hätte er Zahnschmerzen. Er bedachte sie beide, wie sie so nebeneinander auf Rovners Veranda standen, mit einem resignierten Blick, dann entfuhr ihm ein Seufzen. „Und was hat euch zu dem Mann geführt?“
„Wir dachten, dass er vielleicht Informationen für uns hat“, gab Sam betont unbeschwert zurück.
„Über den Serienkiller?“
Steve verschränkte die Arme. „Das ist eine Five-0-interne Sache.“
„Ist es das? Interessant…“, sagte La Roche und konnte eine deutliche Spur Sarkasmus nicht aus seiner Stimme verbannen. „Nun, da mir das Privileg zugefallen ist den Mord an Mr. Rovner zu untersuchen, fürchte ich, dass ich da schon etwas mehr brauche.“
Sam sah zwischen den grossgewachsenen Männern hin und her, registrierte dieses gewisse Aufplustern auf beiden Seiten, welches nichts Gutes verheissen konnte und mischte sich ein, bevor Steve etwas darauf erwidern konnte: „Germain, kann ich bitte unter vier Augen mit dir sprechen?“
Noch einen Moment starrte dieser Steve an, der den Blick ebenso unerbittlich erwiderte, dann nickte er Sam zu und sie stiegen gemeinsam die drei Stufen zu dem schmalen Weg hinab. Schliesslich kamen sie auf dem Rasen, unweit der herumliegenden Leiter, gegenüber einander zu stehen.
„Ich weiss, es wäre bereits der zweite für heute, aber kann ich dich um den Gefallen bitten die Fragen Fragen sein zu lassen? Ausnahmsweise?“ Sie lächelte ihn so gut es ging an, aber vermutlich war es nun an ihr so auszusehen, als wäre sie schmerzgeplagt.
Germain seufzte, schloss die Augen für einen Moment. „Weil du es bist“, sagte er schliesslich. „Und natürlich nur so lange, wie ich keinen Grund sehe doch noch genauer nachzufragen.“
„Natürlich. Vielen Dank.“ Sie hielt kurz inne, biss sich auf die Unterlippe. „Wenn ich verspreche dir auf ewig dankbar zu sein, darf ich dann die Nachbarin befragen? Sie hat uns beim Eintreffen beobachtet, vielleicht hat sie auch gesehen wer bei Rovner war…“
„Du machst mich fertig, Sam. Hat McGarrett auf dich abgefärbt?“
„Nein … ich bin nur in einer wirklich verzwickten Situation. Ich verspreche dir, dass es für alles einen mehr als nur plausiblen Grund gibt, nur darf ich dir nichts davon erzählen. Jedenfalls vorerst noch nicht.“
Er besah sich den halb entschuldigenden, halb flehentlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht und schüttelte ergeben den Kopf. „Mein Herz ist zu weich. Vermutlich war es das, was mir ganze drei Exfrauen eingebracht hat…“
„Du warst drei Mal verheiratet?“, fragte sie amüsiert, hob überrascht die Augenbrauen.
„Habe ich das gesagt?“, meinte La Roche mit einem Achselzucken, verzog keine Miene und das obwohl die Ironie deutlich hörbar war. „Na gut, dann weg mit dir! Und sieh‘ dich vor – bei der Five-0 vergisst man nur allzu schnell die Grenzen unserer Arbeit. Du scheinst ja bereits infiziert zu sein…“
„Du wirst schon eine Medizin dafür wissen, wenn ich wieder zurück bin.“
„Ja, falls du wieder zurück kommst…“ Hörte er sich etwa bedauernd an?
Sie legte den Kopf schief und sah ihn ernst an. „Partner heisst Partner, Germain.“ Und in einer sentimentalen Anwandlung schlang sie einen Arm um ihn, bekam nach einem Augenblick ein zögerliches Tätscheln auf dem Rücken zu spüren. Sie schenkte La Roche ein sanftes Lächeln, dann wandte sie sich dem Haus zu und winkte Steve zu sich. Als die Herren an einander vorbeigingen, nickten sie sich steif zu und Sam schüttelte ob diesem Anblick unwillkürlich den Kopf. Männer und deren Platzhirschgehabe…
Bei ihr angekommen, schoss Steve einen seltsamen Blick auf sie ab, den sie nicht deuten konnte. Sie überging das, setzte sich schweigend in Bewegung und gemeinsam machten sie sich auf der alten Frau von nebenan einen Besuch abzustatten. Während sie sich der Eingangstüre näherten, registrierten sie, dass sie diese durch das Fenster im Erdgeschoss beobachtete und kaum hatten sie die Veranda betreten, kam sie ihnen auch schon aus dem Inneren des Hauses entgegen.
„Aloha, Kinder! Ich wusste, dass ihr zu mir kommen würdet!“, rief sie ihnen fröhlich zu, schien bei der Aussicht befragt zu werden förmlich aufzublühen.
„Aloha, `anake“, erwiderte Steve höflich. „Dann haben Sie also kurz Zeit für uns?“
„Natürlich! Kommt, kommt. Setzt euch!“
So liessen sie sich alle drei auf der langen Bank neben der Eingangstür nieder, worauf Sam und Steve abwechselnd erwartungsvoll angelächelt wurden. Sam fragte sich, ob die alte Dame in dem wild geblümten Mu’umu’u, welches von ihren dünnen, fragilen Schultern hing, überhaupt verstanden hatte, dass ihr Nachbar tot war.
"Haben Sie etwas Verdächtiges beobachtet, Ma'am? Oder etwas gehört?"
"Mein Gehör ist nicht mehr das Beste, Schätzchen", erwiderte die Frau und grinste Sam an. Die Mandelaugen blitzten, machten den Lachfältchen, von denen sie reichlich hatte, alle Ehre. "Aber ich sehe noch verdammt gut! Und dieser Mann, der kurz vor euch beiden Hübschen da war - mit dem stimmte etwas nicht. Wer trägt bei dieser Hitze schon Handschuhe, frage ich euch?"
Sam und Steve tauschten einen ominösen Blick, dann war er es, der die nächste Frage stellte: "Wie hat er ausgesehen? Haben Sie das Nummernschild erkannt?"
"Da gab es keines zu erkennen; der ist zu Fuss gekommen." Sie deutete nach oben in Richtung der Gebirgsausläufer. "Sah aus, als wäre er vom Bergweg heruntergekommen. Er war blond und gross, eindeutig ein Haole. Er hatte so einen steifen Gang an sich." Sie warf Steve einen abschätzenden Blick zu, dann fügte sie an: "Ganz ähnlich wie deiner, mein Junge. Nur dass du viel sympathischer bist..."
Steve lächelte die alte Dame an, liess sich ergeben die Hand tätscheln, aber als der Moment verflogen war sah er zu Sam, die den Blick ernst erwiderte, angespannt die Lippen aufeinander gepresst hatte. Sie versuchte sich einen Reim auf diese Hinweise zu machen. Ein Haole mit steifem Gang, der zu Fuss gekommen war und Handschuhe trug? Das klang irgendwie nach einem professionellen Job. Nach jemandem, der Kampferfahrung hatte und diese ausstrahlte - denn was war es sonst, was das Mütterchen mit dem steifen Gang meinte, wenn nicht diesen Hauch von kontrollierter Überlegenheit, den Männer von Steves Kaliber so an sich hatten?
"Wie lange war er in dem Haus drin?", wollte sie wissen.
"Nicht einmal fünf Minuten. Und dann, als ihr nur kurz darauf kamt, wusste ich endgültig, dass etwas nicht stimmt. Gordon hat nie Besuch bekommen." Ihr fröhliches Selbst verpuffte plötzlich und sie sprach mit einer veränderten, traurigen Stimme weiter. "Jedenfalls nicht mehr seit Maggie mit den Kindern weggegangen ist. Manchmal habe ich ihm etwas zu essen gebracht - er hat meine Spam musubis geliebt... Es hat ihm nicht gut getan alleine zu sein, man konnte zusehen wie er verwahrlost ist. Aber er hat sich ja nicht helfen lassen. Ich wusste, dass das mit ihm kein gutes Ende nehmen würde - aber gleich so?"
Ein betretenes Schweigen trat ein und als Sam zu Steve sah, erkannte sie einen betroffenen Ausdruck auf seinem Gesicht, der ihre Gefühlslage perfekt spiegelte. Rovner hatte durch die wenigen Worte seiner Nachbarin so etwas wie eine Seele eingehaucht bekommen, bestand in ihrer beider Augen plötzlich nicht mehr nur aus dieser Fassade des nervtötenden Journalisten. Alle drei wandten ihre Köpfe in Richtung des Hauses, als die Leiche über die Schwelle getragen wurde. Der Moment der betretenen Stille verflüchtigte sich, als sich Steve schliesslich kurz darauf räusperte und die beiden Frauen zu ihm sahen.
"Ist ihnen sonst noch etwas aufgefallen, 'anake?"
"Nein, mein Junge. Er kam, blieb kurz und ging wieder auf demselben Weg zurück. Sein Gesicht habe ich nicht genau gesehen."
"Mahalo. Sie haben uns sehr weitergeholfen."
"Jederzeit, meine Lieben, jederzeit."
Sie erhoben sich, verabschiedeten sich von der alten Frau, die mit einem letzten Lächeln wieder in ihrem Haus verschwand und die Beiden alleine zurückliess. Sie tauschten einen Blick, dann war es Sam, die aussprach was sie beide dachten:
"Jemand hat diesen Mord in Auftrag gegeben. Ich wette das HPD wird nicht mal einen Krümel an Beweisen finden."
"Ja. Handschuhe und kein Auto, kaum fünf Minuten um alles zu erledigen? Da war ein Profi am Werk."
"Das ist doch zum verrückt werden, Steve! Mit jedem Schritt tun sich neue Fragen auf und wir konnten noch nicht einmal eine beantworten! Stattdessen wird der Berg einfach immer grösser! Was zum Henker geht hier eigentlich vor sich?"
Seine Augen schweiften abwesend über den Garten der alten Dame, dann seufzte er, strich sich mit der Hand flüchtig über das Gesicht, um den Blick schliesslich wieder auf sie zu richten: "Ich weiss. Es ist ... es zerrt auch an meinen Nerven. Aber wir werden der Sache auf den Grund gehen. Und wir fangen damit an, dass wir uns den Weg des Killers vornehmen. Komm..."
Sie war nicht überzeugt, zweifelte daran, dass sie etwas finden würden - ausser vielleicht noch mehr Fragen, wenn sie ganz besonders viel Glück hatten, dachte sie bitter. Trotzdem folgte sie ihm, setzte abwesend einen Fuss vor den anderen, als sie der gewundenen Strasse folgten, an Rovners Haus vorbei und immer weiter, hin zu den Ausläufern der Nachbarschaft. Nach einer Weile, in der sie einfach schweigend nebeneinander einher gegangen waren, hielt sie es nicht mehr aus und äusserte eine weitere Sorge:
"Egal wie ich es drehe und wende - ich kann nicht glauben, dass das Timing ein Zufall war. Was, wenn jemand das Telefonat abgehört und dann in Lichtgeschwindigkeit reagiert hat?"
"Daran habe ich auch schon gedacht", sagte Steve langsam, warf ihr einen flüchtigen Seitenblick zu. "Zu dumm, dass man solche Dinge nicht zurückverfolgen kann."
"Was, wenn es mein Handy ist, das abgehört wird?"
Steve sah sie lediglich angespannt an, dann richtete er seine Augen wieder nach vorne, als wollte er diese beunruhigende Möglichkeit nicht weiter ausführen. Sam beschloss es ihm gleich zu tun, sagte sich, dass sie es früh genug erfahren würde, wenn dem so sein sollte. Ausserdem waren da verdammt viele andere Dinge, über die sie sich berechtigte Sorgen zu machen hatte. Noch mehr davon konnte sie jetzt echt nicht brauchen.
Am Rande registrierte sie, dass Steve nach links abbog, dass sie nun auf einem schmalen Weg einherschritten, der stetig steiler wurde. Doch als er den Arm plötzlich ausstreckte und sie beinahe dagegen geprallt wäre, kehrte ihre Aufmerksamkeit vollständig in die Gegenwart zurück. Noch während sich die Frage in ihrem Kopf formte, was in ihn gefahren sein mochte, hörte sie das Geräusch eines Autos, welches ihnen Augenblicke später auch entgegenfuhr. Da der Raum sehr begrenzt war und der rote Geländewagen die ganze Breite der dürftig asphaltierten Fläche einnahm, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich halb in die Büsche zu begeben, die diesen säumten.
Schliesslich konnten sie ihren Weg fortsetzen. Sam geriet langsam ausser Atem, fand es mit der Zeit ziemlich anstrengend mit Steves Tempo mitzuhalten, der sehr energisch ausschritt. Ganz offenbar schien ihm die zunehmende Steigung nichts auszumachen. Um genau zu sein, sah er sogar so aus, als hätte er nicht einmal bemerkt, wie steil der Weg mittlerweile geworden war. Weder war Sam unsportlich, noch jemand, der Aktivität nicht zu schätzen wusste, aber je weiter sie vorankamen, desto anstrengender wurde dieser kleine Ausflug ins Grüne. Die drückende, schwüle Hitze machte ihr zu schaffen und nicht einmal der verführerische Duft von feuchter, lebendiger Erde um sie herum konnte sie von der Tatsache ablenken, dass ihr Shirt auf eine unangenehme Art und Weise an ihrer Haut zu kleben begann. Die schmale Strasse war nun von so dichtem Grünwerk gesäumt, dass nach all den hinter ihnen liegenden Windungen unmöglich zu sagen war, was hinter der nächsten Biegung kommen mochte.
"Folgen wir dem Weg nun so lange, bis wir auf der anderen Seite des Gebirges landen, oder wie?" Obwohl sie sich darum bemüht hatte, nicht ganz so atemlos zu klingen, wie sie war, war es ihr schliesslich doch nicht gelungen.
"Was? Oh, entschuldige", entgegnete Steve, verlangsamte sofort seinen Schritt und die Mundwinkel zuckten, als sein Blick über ihre Erscheinung glitt.
Was zum? Vermutlich hatte sie einen hochroten Kopf und sie wollte sich nicht einmal ausmalen was die feuchte Luft mit ihrem widerspenstigen Haar angestellt hatte. Sie straffte sich, tat so, als wäre ihr dies ganz egal.
"Manchmal presche ich einfach vor und vergesse, dass Andere nicht ganz so ... ähm ..."
"Stählern sind?", ergänzte sie mit einem sarkastischen Grinsen. "Oder, warte! Was hätten wir da noch? Unerbittlich? Nicht von dieser Welt? Ninja artig?"
"Du solltest dich mit Danny zusammentun", war sein einziger Kommentar, der von einem Blitzen in den blauen Augen unterstrichen wurde.
"Ja, aber stattdessen lasse ich mich von dir zu einer Wanderung in den Ko'olau Bergen nötigen. Welche mir nebenbei gesagt viel mehr Spass machen würde, wenn ich wüsste wonach wir hier eigentlich suchen. Da wäre nämlich noch so eine kleine Karte, die darauf wartet ihre Schätze mit uns zu teilen - wenn sie durch die Luftfeuchtigkeit nicht schon längst kaputt gegangen ist, heisst das."
"Nur nicht so optimistisch!"
"Ich kann nicht anders, das liegt in meiner Natur."
"Offensichtlich. Jedenfalls suchen wir einen Hinweis auf den Typen. Wie er hierhergekommen ist. Wenn dein Anruf sein Stichwort war, dann ist er bestimmt nicht zu Fuss gekommen, sonst wäre er zu spät gewesen."
"Und wer sagt dir, dass er nicht auf demselben Weg wieder verschwunden ist und keinen Hinweis hinterlassen hat?"
"Niemand. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt." So grimmig wie Steve das äusserte, klang das nicht besonders hoffnungsvoll.
Sam wandte den Blick von ihm ab und schritt weiter aus, ignorierte das unangenehme Gefühl, welches ihr der einsame Tropfen bescherte, der langsam ihren Rücken herablief. Gerade wollten ihre Gedanken wieder abschweifen, als ein auffälliges Aufblitzen von rechts ihre Aufmerksamkeit einfing. Sie hielt inne, spähte in das dichte Buschwerk und erkannte etwas, was verdächtig nach Metall aussah. Ein Lichtstrahl musste davon reflektiert worden sein. Vorsichtig streckte sie die Hand aus, schob einen üppigen Zweig zur Seite. Da lag ein gelbes Motorrad im Unterholz.
"Sieh mal einer an", erklang Steves Stimme hinter ihr. "Eine Suzuki RM-125. Schickes Teil. Motocross; praktisch für diese Art von Gelände. Ich hätte zwar die Yamaha YZ250 genommen, aber das ist ja Geschmackssache..." Als er den Blick sah, den ihm Sam auf diese Worte hin zuwarf, sagte er abwehrend: "Was denn? Ich darf ein gutes Bike doch würdigen, wenn ich es sehe!"
Sam gab ein kleines Schnauben von sich, dann deutete sie auf den Fund. "Du könntest es viel besser würdigen, wenn du es aus den Büschen hieven würdest. Los, starker Mann!"
Das liess er sich nicht zwei Mal sagen; eine Hand schloss er um den Lenker, die andere griff unter den hervorstehenden Sitz und schon hatte er das Ding gestemmt. Für einige Augenblicke besahen sie sich das Motorrad schweigend, dann sagte Sam:
"Und was sagt uns das nun? Dass der Typ gerne ein paar PS unter dem Hintern hat?"
"Es sind 41 PS", korrigierte er automatisch, fuhr dann fort, als wäre nichts gewesen. "Der Grad der Organisation ist hoch. Er kommt mit dem Motorrad, vermeidet es aber wieder mit dem Selben zu gehen, für den Fall, dass es jemand gesehen hat. Ich würde sagen, dass es gestohlen oder unter falschem Namen gemietet worden ist."
Das war zwar schön zusammengefasst, brachte sie aber nicht weiter. Sam wandte sich mit einem Seufzen von dem Gefährt ab, liess den Blick unstet über ihre Umgebung schweifen, ohne wirklich etwas zu sehen. Wieder ein Puzzleteil, welches sich zwar zuordnen liess, aber nichts zur Klärung beitrug. Verhext. Es war wie verhext. Als hätte sie jemand mit einem Fluch belegt, der sie für immer im Dunkeln tappen lassen sollte. Ausser... War das nicht ein Handy, welches da auf dem Boden lag? "Steve? Da liegt ein Telefon."
"Wo?"
"Na, da! Im Gebüsch." Sie deutete auf die entsprechende Stelle.
Steve gab einen unterdrückten Fluch von sich; mit einem weiteren Hieven legte er das Motorrad, welches - bestimmt aus irgendeinem hirnrissigen, sporttechnischen Grund - keinen Ständer hatte, zurück an den Wegesrand und ging schliesslich vor ihr in die Hocke, spähte durch das Blattwerk hindurch. Blind griff er in eine der Taschen seiner Cargohosen, zauberte ein Paar schwarzer Handschuhe daraus hervor, streifte diese rasch über, bevor er nach dem Telefon griff. Noch während er sich wieder aufrichtete drückte er auf die Tasten. Sam trat an seine Seite, sah auf das Display herab und erkannte, dass dieses so stark von Innen angelaufen war, dass es vollkommen unnütz geworden war. Lediglich ein Aufleuchten war noch zu sehen.
"Vielleicht ist noch etwas auf der SIM-Karte zu retten", merkte sie auf und wandte den Kopf nach links, besah sich sein Profil.
"Ja, ich bringe es auf dem Heimweg ins Hauptquartier. Chin oder Kono sollen es sich vornehmen. Aber vermutlich ist es ein Prepaid ... da wird nichts ausser ein, zwei Anrufen drauf sein - wenn überhaupt."
"Da wir ja bisher förmlich mit handfesten Informationen überflutet worden sind, brauchen wir wenigstens heute eine Pause, findest du nicht?"
"Ist das der berühmt berüchtigte britische, schwarze Humor, den ich da heraushöre?"
"Nein. Das nennt sich Sarkasmus im Angesicht einer beschissenen Situation. Kommt in der Regel direkt nach dem zynischen Kommentar über meine herausragende Fähigkeit etwas gebacken zu kriegen."
"Wie wär's mit ein bisschen Selbstbewusstsein?"
"Ist ausverkauft. Vielleicht kommt nächste Woche eine neue Lieferung, aber ich kann nichts versprechen."
"Du bist unmöglich", lachte Steve kopfschüttelnd auf, dann schob er das gefundene Handy in seine Hosentasche, um gleich darauf sein eigenes zu zücken. "Ich rufe mal ein HPD-Taxi. Jemand muss sich die Beweise auf dem Motorrad vornehmen und dann können sie uns auch gleich wieder herunterfahren."
"Ich begrüsse das, ja. Wir müssen so schnell wie möglich zurück zu dir - die SD-Karte brennt nämlich gerade ein Loch in meine Tasche."

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Sa Jun 29, 2013 12:41 pm

Es war surreal. Wie lange hatte sie sich nun nach der Beantwortung einer Frage gesehnt - wenigstens einer! - und nun, da sie eine Antwort hatte, wollte diese prompt nicht in ihren Kopf hinein. Schweigend sassen sie am Laptop, hatten gerade die Rohfassung des Artikels ausgelesen und brüteten, jeweils in die eigenen Gedanken versunken, vor sich hin. Das war es also? Nakumotu hatte mit Derek Mercer unter einer Decke gesteckt, seine Kampagne mitfinanziert und im Gegenzug einige Privilegien erhalten, wenn Mercer im November zum Gouverneur gewählt worden wäre?
"Aber was hat das mit Richard zu tun?", murmelte sie an niemand bestimmtes gerichtet vor sich hin und erhob sich von ihrem Stuhl. Draussen begann es mittlerweile zu dämmern. Ihre Augen ruhten auf dem Farbenspiel, welches sich durch das Fenster vor ihr entfaltete, doch die Schönheit drang nicht zu ihr durch. Dieser Tag war so ereignisreich gewesen, so viele neue Informationen waren auf sie eingestürzt - diese letzte, krönende Aufklärung hatte ihrer Aufnahmefähigkeit den Rest gegeben. Vor dem Artikel hatte sie nichts über diesen Mercer gewusst, ausser natürlich dass er kandidierte und damit Samuels Rivale war. Die Plakate und nervigen Flyer, auf denen sein Kopf prangte waren überall. Aber ausser, dass er zur konservativen Ecke gehörte und ihr mit seinem Stiernacken und den fiesen, kleinen Augen unendlich unsympathisch war, war seine Kampagne komplett an ihr vorbeigegangen. Nun, da Rovner in seinem Artikel darauf herumgeritten war, überraschte es sie jedoch nicht, dass Mercer an einem Punkt seiner Karriere mit ungemütlichen Vorwürfen zu kämpfen gehabt hatte. Ein Kabinettsmitglied, welches bezichtigt wurde der Steuerhinterziehung schuldig zu sein und von dem man munkelte, dass er Dienste gewisser käuflicher Damen in Anspruch genommen hatte? Sie konnte sich lebhaft ausmalen wie das damals bei seinen engstirnigen Unterstützern angekommen sein musste.
"Wie hat sich Mercer eigentlich von diesen Vorwürfen reinwaschen können?", wandte sie sich an Steve, der noch immer an dem Tisch sass.
Er blickte auf, zog die Schultern an, als wollte er sagen, dass er das selbst nicht genau wusste. "Irgendwie hat er es geschafft das so zu verdrehen, als wollten ihn seine Gegner verleumden, weil er zu viel bewirkte und ihnen ein Dorn im Auge war. Jetzt präsentiert er sich als eine Art Phönix, der aus der Asche gestiegen ist und über die Schandmäuler triumphiert hat."
"Geschickt... Aber es erklärt dennoch nicht, was das alles nun soll. Okay, Nakumotu hat nach vorne hin einen Teil seines Vermögens verwaltet, ein bisschen in die Kampagne investiert, während er im Hintergrund diese Steuerhinterziehungssache ausgeführt und kaschiert hat, weil er ja genau der Richtige für diesen Job war. Seine Firma wäre bald mit einer, die Mercer gehört fusioniert, was ihr dreckiges Spiel noch besser verschleiert hätte. Aber was zum Kuckuck hat das mit mir und meiner Suche nach Richard zu tun?"
"Vielleicht nichts. Vielleicht war das einfach nur schlechtes Timing."
Sam legte den Kopf schief, sah Steve ungläubig an, der abermals mit den Schultern zuckte. "Ach, komm schon! Das glaubst du doch nicht wirklich? Ich tauche bei ihm auf und einen Tag später hat er einen verdächtigen Unfall. Wir sprechen mit Rovner und am selben Tag wird dieser hingerichtet. Was wäre das denn für ein monströser Zufall?"
"Einer, der durchaus möglich wäre, wenn wir bedenken, dass die Kampagne auf Hochtouren läuft und Rovner offensichtlich kurz davor war mit seinem Artikel alles aufzuwirbeln. Vielleicht hat mich jemand erkannt, als wir - vor Nakumotus Büro wohlgemerkt! - mit Rovner gesprochen haben und dachte, dass die Five-0 etwas gewittert hat. Und da mussten sie eben schnell reagieren und die Gefahr ausschalten."
"Und der Anruf? Die Fotos? Woher kommt dann das alles? Von einer dritten Ecke, die gar nichts damit zu tun hat?"
Steve fuhr sich frustriert durch das kurze Haar, stützte den Kopf auf seine Hand und sprach als nächstes zur Tischplatte: "Ich weiss es nicht, Sam. Das ist ja das Problem. Nichts ergibt einen Sinn. Plötzlich bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob es tatsächlich Nakumotu selbst war, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Vielleicht hat dich ja auch einfach jemand bei ihm gesehen, erkannt, dass du wegen Richard dort bist und alles andere hat sich einfach dumm gefügt..."
Sam konnte das nicht glauben. Ihr Bauchgefühl schrie ihr zu, dass das was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatte verdammt viel mit Mercer und seinem kleinen Helferlein zu tun hatte, dass es deren Schuld war, dass sie seit Tagen ständig über ihre Schulter sehen musste, weil sie in dieses Wespennetz aus Lug und Trug hineingestochen hatte. Aber sie hatte jetzt nicht die Energie Steve davon zu überzeugen. Womit auch? Indem sie anführte, dass ihre Intuition seine Theorie lachhaft fand? Sie wusste nur, dass sie etwas machen musste. Dass es ihr in den Fingern juckte in Aktion zu treten, weil sie es satt hatte von der Brandung der Ereignisse hierhin und dorthin gespült zu werden. Weil sie endgültig durchdrehen würde, wenn sie die Hände in den Schoss legen und darauf warten würde, was als nächstes passiert. Und etwas sagte ihr, dass es Steve genau so erging. Er war beileibe nicht der Typ Mann, der einfach reagiert, aber nie selbst tätig wird. Im Gegenteil. Sie spürte, dass es auch ihn fertig machte, sich so zu fühlen, als wären ihm die Hände gebunden.
Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, setzte sie sich wieder an den Laptop, um sich die anderen beiden Dateien auf Rovners SD-Karte vorzunehmen. Ohne jegliche Erwartungen, mit der Vermutung, dass sie nichts Brauchbares finden würde. Die erste war eine Art Tagebuch über Nakumotus Schritte im Alltag seiner letzten vier Monate. Wann er aus seinem Haus gekommen und wo er zu Mittag gegessen hatte, welche Termine er ausserhalb seines Büros wahrgenommen und bei welcher Reinigung er seine Hemden abgeholt hatte. Der Journalist war offensichtlich richtiggehend von der Sache besessen gewesen... Sam schüttelte den Kopf und schloss die Datei, um sich die andere, verbleibende vorzunehmen.
Diese beinhaltete eine Auflistung aller Firmen und Grundstücke, die Rovner mit Mercer oder Nakumotu hatte in Verbindung bringen können. Eine Konservenfabrik auf Kaua'i, die dem Politiker gehörte, hatte der Journalist farbig gekennzeichnet, als wäre diese besonders wichtig. Sam konnte nicht wirklich etwas damit anfangen. Dennoch besah sie sich die Liste ein zweites Mal, genauer und auf etwaige Details achtend, die sie vielleicht übersehen hatte. Sie liess sich auch nicht davon ablenken, dass Steves Handy plötzlich klingelte und er aufsprang um den Anruf entgegenzunehmen.
Erst als der Name Kaua'i aus seinem Mund kam merkte sie auf, richtete ihren Blick auf Steves Gestalt. Er nickte gerade, dann fragte er nach dem Fall des Serienmörders und nachdem er eine offenbar nicht allzu positive oder ausführliche Antwort erhalten hatte, bedankte er sich und legte auf.
"Unser Unbekannter hat zwei Nummern auf Kaua'i gewählt", erklärte er. Dann tippte er auf dem Telefon in seiner Hand herum, während er weitersprach. "Kono hat es geschafft bei einem der Anrufe, den ungefähren Ort des anderen Endes der Leitung festzumachen. Wir haben immerhin den Radius eines Sendemastes. Sie hat mir die Daten gerade geschickt."
Rasch, einer Eingebung folgend, gab Sam die genannten Koordinaten auf der Karte ein, besah sich die eingefärbte Zone, welche zur Hälfte über einem Naturreservat lag. Dann glitten ihre Augen über einen bestimmten Strassennamen, diese weisse Linie, die ziemlich weit in das Reservat hineinführte und den Ohiki Road darstellte. "Bingo! Da hätten wir ein Grundstück, welches Mercer gehört. Es liegt mitten im Nirgendwo, aber man erreicht es nur über diesen Ohiki Road und muss danach über irgendwelche Wanderpfade weiter in das Gebirge vordringen, wenn man dort hin will; Rovner hat vermutet, dass es ein Zweithaus ist, hat sich aber nicht weiter darum gekümmert, wie es aussieht."
Steve stellte sich hinter ihren Stuhl, beugte sich über ihre Schulter hinweg zum Bildschirm hin, um sich die Karte anzusehen. Sam hingegen blinzelte ein paar Mal, öffnete den Mund und starrte ins nichts. Ihr war etwas eingefallen. Sie kannte diesen Namen. Ohiki Road. Sie hatte ihn viele Male gelesen, immer wieder auf dieser einen Liste stehen sehen. Mit einem Stern daneben.
Ruckartig sprang sie auf, entlockte Steve damit einen überraschten Ausruf, den sie ignorierte, weil sie Augenblicke später schon aus dem Zimmer gerauscht war. Hastig eilte sie die Treppe hoch, kam kurz darauf schlitternd vor ihrem Koffer zu stehen und riss diesen auf. Aufgeregt griff sie in das Fach, welches im Deckel eingelassen war und zog das gefaltete Blatt heraus, welches, wenn man es genau nahm, der Grund war weshalb sie auf Hawaii war. Da. Ihr Erinnerungsvermögen hatte sie nicht getrogen. Ohiki Road & Halelea Waldreservat und der von Hand hingekritzelte Stern rechts daneben.
"Was ist los?", verlangte Steve zu wissen, als sie wieder in das Arbeitszimmer trat und direkt vor ihm zu stehen kam.
Sie löste ihren nachdenklichen, vertieften Blick von dem Blatt Papier, dann reichte sie es ihm. "Hier. Ich habe diese Strasse wieder erkannt. Das ist die Liste, die ich in Richards Wohnung gefunden habe und die mich schliesslich hierher geführt hat."
"Wieso hast du sie mir nie gezeigt?" Er sah kurz auf die Auflistung herab, doch dann richtete er seine Augen wieder auf sie. Mit zusammengeschobenen Augenbrauen, sah er sie eindringlich, beinahe vorwurfsvoll an.
Sam registrierte, dass ihn diese Geste absurderweise nicht weniger attraktiv machte. Im Gegenteil; der ernste Ausdruck, diese kleinen Falten, die nun seine Augenbrauen zierten, unterstrichen seinen rauen Charme, irritierten sie, weil es gerade kaum unpassender sein konnte über die Art und Weise zu sinnieren, wie vielseitig und gleichzeitig anziehend seine Mimik war. Und überhaupt! Selbst wenn gerade nicht alles Kopf stehen würde - sie hatte sich so oder so keine Gedanken in diese Richtung zu machen.
Sie gab sich einen Ruck, dann erklärte sie: "Ich habe es schlichtweg vergessen. Dieser fiese Anruf im Hotel hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Seither ist alles einfach nur noch verrückt gewesen ... verrückt und unwirklich. Leichen, Unfälle, Morde - Tod überall. Offene Fragen, null Fortschritte und unzählige Ablenkungen. Ich habe alles Wichtige aus den Augen verloren, wie mir scheint..." Je mehr Worte ihrem Mund entwichen, desto abwesender sprach sie, bis sie am Ende den Blick auf einen Punkt über Steves Schulter richtete und den letzten Satz kaum hörbar ausklingen liess.
Sam hatte ja schon immer gewusst, dass ihre Emotionen nicht nur ihre Stärke, sondern zugleich auch ihre grösste Schwäche waren - aber erst jetzt, nach beinahe 35 Jahren in denen sie mit ihnen gelebt hatte, zeigte sich wie sehr sie sich von ihnen leiten liess. Ob es angebracht war oder auch nicht. Nun, da sie in der grössten Ausnahmesituation war, in der ein Mensch sein konnte, um ihr Leben bangen musste, sich bewusst war, dass sie in jeder Minute der letzen drei Tage in drängender Gefahr geschwebt hatte - ja, jetzt wurden die Ausmasse dieses Charakterzuges klar.
"Ich verstehe", erwiderte Steve und bedachte sie mit einem seltsamen Blick.
Erst als sie einen Moment später wieder vollständig im Hier und Jetzt angekommen war, wurde ihr bewusst, was sich da auf seinen Zügen zeigte. Der ernste Ausdruck war verschwunden. Stattdessen war da etwas anderes zu sehen. Mitleid. Sie presste die Lippen aufeinander und verschränkte unwillkürlich die Arme. Furchtbar. Es war furchtbar von ihm bemitleidet zu werden. Sie hatte ihr Plappermaul aber wirklich nicht im Griff! Ständig gewährte sie ihm Einblicke in Dinge, die sie niemandem zeigen wollte - schon gar nicht ihm. Sie hasste es sich so verletzlich zu fühlen, aber noch mehr hasste sie gerade den Gedanken, dass er das sehen konnte. Dass er sie nur so kannte; unausgeglichen und überemotional. Er musste ja von ihr denken!
Es war wirklich und endgültig Zeit sich zusammenzureissen. Kein Herumjammern mehr, kein Schleifen lassen der Dinge. Nein, sie würde den Lauf dieser verfluchten Geschichte in die Hand nehmen. Seine Hilfe war ihr sicher und sie war dankbar dafür, aber das hiess nicht, dass er das Denken für sie übernehmen sollte. Sie würde den Teufel tun und sich selbst in die Rolle des Dämchens in Not drängen. Wenn sie ihn schon von seiner Arbeit abhielt, ihn von seinem Team getrennt hatte, dann war es das Mindeste ihm dieses Opfer damit zu vergelten, dass sie ihr möglichstes Tat, um ihn so schnell wie möglich wieder aus dieser Verpflichtung zu entlassen. Dann würden sie beide endlich wieder zu ihrem gewohnten Leben zurückkehren können.
Ihr war auch völlig klar, was als Nächstes anstand. Sie hatten einen neuen Hinweis und diesem würde sie folgen, ob er diesen nun für ausreichend handfest erachtete oder nicht. "Ich gehe nach Kaua'i", sagte sie also fest, klang dabei ziemlich abwehrend, als hätte er ihr gerade widersprochen, als führte sie irgendeine Art von Streitgespräch fort.
"Um was zu tun? Durch das Fenster von Mercers Waldhütte zu spähen?"
"So unbedeutend wird das ja wohl nicht sein, wenn Richard die Adresse notiert hat und sie auch noch zu denen gehört, die er speziell markiert hat. Etwas ist da, in diesem Waldreservat."
"Ich weiss nicht", sagte er mit einem Blick auf die Liste in seiner Hand. "Das ist im Grunde nichts anderes, als ein Herumtappen im Halbdunkeln, weil wir nichts Besseres haben..."
"Exakt. Wir haben nichts Besseres, also ist das das Beste was wir haben."
Steve sah sie resigniert an, verzog den Mund, um schliesslich den Kopf zu schütteln. "Lass uns ... wir sollten einfach eine Nacht über all dem schlafen. Ich bin auch dafür etwas zu tun, aber ich weiss auch, dass der erste Impuls nicht immer der Beste ist. Schon gar nicht, wenn man einen langen und komplizierten Tag hinter sich hat."
Da. Er sprach mit ihr, als wäre sie ein Kind. Trotzdem, obwohl sie sein Ton einigermassen aufbrachte, nickte sie, weil sie einsah, dass er auf eine Weise Recht hatte. Ausserdem würde sie heute bestimmt nicht mehr nach Kaua'i aufbrechen können. Die Nacht war bereits aufgezogen und sie sprachen hier immerhin von einer anderen Insel. Nun da sie genauer darüber nachdachte, wusste sie nicht einmal wie sie diese erreichen sollte. Gab es eine Fähre? Musste man hinfliegen? So oder so würde sie sich auf Steve verlassen müssen, wenn sie den schnellsten Weg dorthin nehmen und sich nicht von jemand anderem helfen lassen wollte.
"Gut. Du hast Recht. Sehen wir morgen früh weiter."


Sam beäugte das Teil ängstlich und äusserst misstrauisch. "Da steige ich nicht rein!", deklarierte sie schliesslich.
"Es ist vollkommen sicher. Du wirst angegurtet sein und ich versichere dir, dass Kamekona das im Griff hat."
Als wäre dies sein Stichwort, sagte der Pilot: "Vertrau mir, Schwester. Es wäre das erste Mal, dass ich abstürze!"
Sie schnappte nach Luft, starrte ihn entsetzt an, nicht ganz sicher, ob das nun ein furchtbar schlechter Witz oder bitterer Ernst gewesen war, dann sagte sie: "Wenn ich wegen dir und diesem Höllending sterben sollte, komme ich als Geist zurück und spuke dich in den Wahnsinn!" Dann wandte sie sich an Steve, der das alles furchtbar komisch zu finden schien und fuchtelte mit dem Finger vor seiner Nase herum. "Das gilt übrigens auch für dich!"
"Du wirst einen schrecklich entzückenden Geist abgeben, da bin ich mir sicher...", erwiderte er grinsend und erntete einen finsteren Blick. Aber offenbar liess er sich davon nicht beeindrucken. Stattdessen deutete er auf die Öffnung. "Und jetzt komm! Rein mit dir!"
"Wieso nur lasse ich mich von dir zu sowas überreden?" Mit einem angstvollen Wimmern, welches zum Glück im einsetzenden Lärm des soeben angeworfenen Motors unterging, setzte sie einen Fuss in den Helikopter, dann hielt sie inne. Was tat sie da eigentlich? Das war eine furchtbare Idee! Nein. Wenn es sein musste, würde sie nach Kaua'i schwimmen! Aber das hier? Nein und nochmals nein!
Doch gerade als sie ihr Bein wieder zurückziehen wollte, schoben sich zwei starke Hände unter ihre Achseln und sie wurde unsanft in das Innere der Maschine gehievt. Mit geschlossenen Augen plumpste sie in den entfernten Sitz, registrierte durch zwei dumpfe Aufschläge, dass die beiden Rucksäcke irgendwo zu ihren Füssen gelandet waren und die Bewegungen an ihrer Seite sagte ihr, dass sich Steve gleich darauf auch schon neben sie gesetzt hatte. Sein Körper streifte ihren Oberarm, als er sich über sie beugte, an irgendwas nestelte, um gleich darauf den Kreuzgurt an ihrer Mitte zuklicken zu lassen. Kurz darauf bekam sie Kopfhörer aufgestülpt und öffnete schliesslich die Augen, liess ihren Blick über Steves ungerührte Züge schweifen, die dicht vor ihrem Gesicht schwebten, während er das Ding richtete. Als er genug an dem Teil und damit auch ihrem Kopf herumgeruckelt hatte und sich schliesslich dazu herabliess sie anzusehen, formte sie stumm einen Satz mit den Lippen: "Ich hasse dich!"
"Ja, ich liebe dich auch", ertönte seine Stimme völlig unerwartet durch die Hörer auf ihren Ohren und sie schrak furchtbar zusammen. "Die Dinger sind übrigens dafür da sich über den Lärm hinweg zu verständigen."
Sam konnte nicht sagen ob sie dieses halb besserwisserische, halb schelmische Grinsen missbilligen oder liebenswert finden sollte. Aber sie hatte jetzt ohnehin nur wenig ihrer Aufmerksamkeit für etwas Anderes, als ihre Angst übrig. Dass es tatsächlich Menschen gab, die sich freiwillig in diesem fliegenden Sarg durch die Luft kutschieren liessen, konnte sie nicht nachvollziehen. Ihr Magen war ein unbarmherzig harter Klumpen, machte auf eine äusserst unangenehme Art und Weise auf sich aufmerksam. Sie strich ihre feuchten Handflächen an den Shorts ab, schluckte schwer, als sie Kamekonas Patschehände sah, wie sie über die unzähligen Knöpfe und Schalter glitten, hier und da etwas betätigten. Dukannstdasdukannstdasdukannstdas... Dieses Mantra war es, welches durch ihren Kopf hallte, als sie sich dazu entschied die Augen besser wieder zu schliessen. Egal wohin sie ihren Blick richtete, sie würde sowieso nur Dinge sehen, die ihren Puls noch mehr in die Höhe schiessen lassen würden. Falls das überhaupt möglich war...
Das Vibrieren des Motors, welches durch ihre Glieder brandete, das Wummern der Rotoren in ihren Ohren, dieser Geruch nach Metall und geölter Maschinerie, in das sich ein Hauch Lederpolitur mischte - sie meinte jeden Augenblick sterben zu müssen. Vor Aufregung. Als sie schliesslich mit einem Ruck abhoben, gab sie ein Wimmern von sich, tastete blind nach links und bekam tatsächlich Steves Hand zu fassen. Sie drückte zu, so fest sie konnte und bekam die Geste bestätigend zurück.
"Es wird nichts passieren, glaub mir", kam es leicht rauschend über die Kopfhörer und der Druck auf ihre Finger verstärkte sich etwas. "Das ist sogar hundert Mal sicherer als Autofahren."
"Mir doch egal. Ich kriege mindestens zehn graue Haare, bis wir gelandet sind. Das heisst, falls wir überhaupt jemals landen werden..."
"Wir werden in fünfzehn Minuten landen und wenn du die Augen wieder aufmachen würdest, könntest du die fantastische Aussicht geniessen."
"Die Aussicht kann mich mal!" Ihr Mund war sehr trocken. Es gestaltete sich daher schwierig zu sprechen. Auch weil ihr Puls in ihrer Kehle hämmerte und irgendwas mit der Regelmässigkeit ihrer Atemzüge nicht ganz in Ordnung zu sein schien.
"Du wolltest ja unbedingt nach Kaua'i..."
"Natürlich! Wegen der Liste und wegen dem was Max gefunden hat."
"Naja, bloss weil er gemeint hat, dass diese Lilie auf Kaua'i wächst...", kam es abfällig zurück.
"Es war eine besondere Art Hibiskus und ich würde meinen, dass die Tatsache, dass die Blume ausschliesslich auf Kaua'i wächst und Nakumotu ein Blatt davon im Aufschlag seiner Hose hatte, ziemlich eindeutig ist!"
"Schön, wie du dir das zurechtlegst..."
Ja, spinnt der jetzt plötzlich? Wer hatte denn heute Morgen mit dem Gerichtsmediziner gesprochen und gemeint, dass dieser eindeutige Beweise gefunden hatte? Und nun war es auf einmal ein Hirngespinst ihrerseits? Sie riss die Augen auf, sah aufgebracht nach links, bereit ihm einen entsprechenden Kommentar entgegen zu schmettern - und wurde des zufriedenen Grinsens auf seinen Zügen gewahr.
"Erwischt! Und nun, da du die Äugelein offen hast, kannst du die einmalige Aussicht würdigen."
Dieser berechnende Kerl! Sie öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder, als ihr klar wurde, dass es im Grunde genommen ziemlich witzig war, wie schnell seine Taktik aufgegangen war. Dennoch entzog sie ihm ihre Hand. Einerseits weil sie die Fassade von Missbilligung über seinen Trick aufrecht erhalten wollte - auch wenn ihr sonnenklar war, dass er sich davon nicht täuschen liess - aber andererseits auch, weil es ihr mit einem Mal ziemlich peinlich war sich wie ein kleines Kind an ihn zu klammern. Ihr Blick verschob sich minimal nach rechts, an seinem Gesicht vorbei und ihr stockte der Atem.
Das war wirklich wunderschön. Der Ozean erstreckte sich so weit das Auge reichte zu allen Seiten, traf weit, weit weg mit dem klaren Himmel zusammen, den kein Wölkchen trübte. Da unten waren auch die beiden grünen Flecken Erde, das rundliche Kaua'i und das viel kleinere, längliche Ni'ihau. Sam legte den Kopf schief, beugte sich etwas weiter vor, um den Ausblick auf die beiden Inseln besser einfangen zu können.
"Und jetzt stell dir vor du hättest das nicht gesehen!", erklang Steves Stimme, zufrieden und stolz, als hätte er die Inseln persönlich aus dem Meer gestemmt und der Welt als Geschenk dargereicht.
Sie lächelte ergeben, willigte wortlos ein. Einen Moment und einen abschätzenden Blick später, fragte sie jedoch: "Von Angst hast du wohl noch nie etwas gehört?"
"Und du von Überwindung?"
"Da klingelt irgendwie was, aber der Gedanke, dass rechts und links einfach alles offen ist und es darüber hinaus mindestens eine Million Meilen in die Tiefe geht, lenkt mich ab."
"Es sind genau -", begann Kamekona, wurde jedoch hastig von ihr unterbrochen.
"Nein! Ich will es nicht wissen! Bitte verschone mich mit Details!"
"Warum hältst du die Lady nicht ein bisschen, Steve - vieleicht beruhigt sie sich dann etwas!"
"Wehrte Lady, willst du denn gehalten werden?", fragte der Angesprochene mit einem breiten Grinsen, als er sich ihr zuwandte.
Sie gab dieses ziemlich humorlos zurück und winkte ab. "Nein, danke. Ich glaube, ich überlebe es gerade noch so."
"Das dachte ich mir", meinte er, als er sich wieder nach vorne wandte. "Nichts zu machen Kamekona! Ich hoffe du hast Kotztüten dabei..."
Die Beiden auf einem Haufen waren ja unmöglich. Aber wenigstens hatten sie es gemeinsam geschafft sie von ihrer Angst abzulenken. Und damit diese nicht mit voller Wucht zurückkehrte und stattdessen weiterhin irgendwo um die Ecke lauernd verblieb, liess sie sich noch ein Mal durch den Kopf gehen was sie heute durch Max erfahren hatten.
Nakumotu hatte so viel Kokain im System gehabt, dass er unmöglich ein Auto hätte lenken können, was bewies, dass ihn jemand hinter das Steuerrad verfrachtet und dann praktisch den Highway hinabgestossen hatte. Einmal abgesehen von den Spuren des Sturzes in die Tiefe, hatte der Gerichtsmediziner Verletzungen an seiner Leiche gefunden, die darauf hindeuteten, dass er einige Stunden vor seinem Tod schwer zusammengeschlagen worden war. Dieser Teil war es, der Sam stutzig machte. Was hatte er verbrochen, dass man ihn zuerst so traktiert und dann in die Tiefe befördert hatte? Hatte jemand versucht etwas aus ihm herauszupressen und ihn danach einfach "entsorgt"? Aber weshalb so auffällig? Wenn er sich sowieso schon auf Kaua'i aufgehalten hatte, wieso hatte man seine Leiche dann nicht einfach irgendwo in der Wildnis verschwinden lassen, wo sie vermutlich niemals gefunden worden wäre und ihn stattdessen wieder nach O'ahu zurückgebracht? Es sei denn sein Aufenthalt auf der anderen Insel hatte nichts mit seinem Mörder zu tun... Aber der Grad des Verwelkens - selbst das hatte Max dem Blütenblatt ablesen und in Relation setzen können - deutete darauf hin, dass das Zusammenschlagen und die Begegnung mit dieser besonderen Hibiskusart etwa auf die gleiche Zeit fielen. Also hatte sich Nakumotu mindestens kurz vor dem Zusammentreffen mit seinem Peiniger auf Kaua'i aufgehalten.
Während ihr diese Dinge durch den Kopf gingen, sah sie durch die Öffnung zu ihrer Rechten, hatte ihre Augen ruhig auf das entspannende Blau des Meeres gerichtet, spürte den starken Fahrtwind auf dem Gesicht. Wenn man einmal von all den Dingen absah, die einen Helikopter und das Fliegen darin beängstigend machten, war das Erlebnis eigentlich gar nicht schlecht. Und als ihr Blick auf die Umrisse O'ahus fiel, wie es ihr atemberaubend schön aus der Tiefe zuzwinkerte, korrigierte sie sich selbst und kam zu dem Schluss, dass so ein Helikopterflug doch richtiggehend toll war. Auch wenn der Grund für diesen nicht besonders erfreulich war.
Einige Zeit später begann Kamekona den Sinkflug, die Details der Insel Kaua'i, die nun direkt unter ihnen war, kamen immer mehr zur Geltung. Sie sah die grauen Flecken der Siedlungen an den Rändern, die blauen Linien der unzähligen Flüsse, welche in das grüne Zentrum hineinreichten, diese Mitte, die sich gebirgig in die Höhe erhob. Ihr wurde bewusst, dass sie nicht einmal wusste, wie dieser grosse, zentrale Berg überhaupt hiess. Sie meinte sich nur zu erinnern, dass sie irgendwo gelesen hatte, dass Kaua'i die älteste Insel der Gruppe war, sich ihrerzeit als Erste aus dem Meer erhoben hatte. Aber das war auch schon alles.
Fasziniert beobachtete sie die Umgebung, obwohl ihr langsam wieder flau um die Magengegend wurde. Aber Kamekona würde das schon hinkriegen; bisher war der Flug ja vollkommen ereignislos gewesen - jedenfalls was ihre Ängste betraf. Und tatsächlich, einige Minuten später kam das Luftgefährt auch schon auf dem Boden zu stehen, mit einem überraschend heftigen Ruck zwar, aber auch beruhigend endgültig. Egal wie schön die Aussicht auch gewesen war, Sam verspürte ein prickelndes Gefühl der Freude, dass sie die Erde wieder hatte, als sie den Gurt gelöst, die Kopfhörer auf den Sitz gelegt und aus dem Helikopter gesprungen war. Der süsse, wunderbar sichere Boden!
Sie schulterte ihren Rucksack und trat zu Steve auf die andere Seite, wo dieser, ebenfalls schon ausgestiegen, stand und den Kopf zu Kamekona in die Fahrerkabine geneigt hatte. Ihr gebrüllter Wortwechsel, welcher gegen das Dröhnen der Rotoren ankommen musste, ging an Sam vorbei. Aber sie besprachen vermutlich nur, wie und wann sich Steve wieder bei dem anderen Mann melden würde, damit ihre Heimreise organisiert werden konnte.
Schliesslich trat der Dunkelhaarige an ihre Seite, ergriff ihren Oberarm und deutete nach hinten. Gemeinsam entfernten sie sich von dem Helikopter und drehten sich erst wieder um, als Steve der Meinung zu sein schien, dass das weit genug war. Ein Hang Loose wurde zwischen den Männern getauscht, dann hob Kamekona auch schon wieder ab. Die Erlaubnis, die Steve über seine Beziehungen erhalten hatte, erstreckte sich nur über eine kurze Landung auf dem Lihue Flughafen. Gerade lange genug, um seine beiden Passagiere abzusetzen und nun, da der Einheimische das getan hatte, musste er auch schon den Rückflug nach O'ahu antreten.
Einige Zeit sahen ihm die Beiden nach, dann, als der Lärm verebbt war, sagte Steve: "Komm, lass uns das Mietauto schnappen und zusehen dass das Rätsel gelöst wird."


***


Das Fernrohr wurde abgesenkt, dann legte es der Mann bei Seite und runzelte die Stirne. Sein Kontaktmann bei der Flughafenpolizei hatte also Recht gehabt; das waren tatsächlich sie, die gerade gelandet waren. Was hatten die Beiden hier zu suchen? Noch hätten sie nicht hierher finden sollen, noch hätten sie die sorgfältig gestreuten Hinweise auf O'ahu halten und im Dunkeln tappen lassen sollen. Hatte er etwas verbockt? Übersehen? Sein Boss würde nicht erfreut sein. Aber schliesslich, sagte er sich, während er mit den Fingern über seine glattrasierte Wange strich, musste dieser ja vorerst noch nichts davon erfahren. Was die Beiden hierher geführt hatte wusste er nicht. Vielleicht gehörte es zu dem im Dunkeln Tappen und er musste sich keine Sorgen machen. Er würde sie genau im Auge behalten, ja, aber mehr nicht. Erst wenn sich die Gefahr abzeichnen sollte, dass sie der Wahrheit zu nahe kamen, würde er eingreifen.
Er hoffte jedoch darauf, dass es nicht dazu kommen würde. Nicht nur der Komplikationen wegen. Nein. Er hasste es, wenn ihm die Kontrolle entglitt. Wenn sein Gegenüber einen unerwarteten Schachzug landete und seine Pläne durcheinanderbrachte. Ausserdem wusste er, dass mit McGarrett nicht zu spassen war. Eine direkte Konfrontation mit dem Mann war so ziemlich das Letzte was er wollte - einmal abgesehen davon, die Wut seines Auftraggebers auf sich zu ziehen. Das war wirklich das Allerletzte. In solch einem Fall könnte er nämlich genauso gut sein Testament aufsetzen, denn diese Wut hatte bereits viele Männer ins Grab gebracht. Er hingegen gedachte am Leben zu bleiben. Und wenn er etwas im Griff hatte, dann war das die Fähigkeit sich anzupassen.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mo Jul 08, 2013 4:25 pm

5. Huaka'i Kula

Field Trip - Exkursion



Es war lange her, dass er das letzte Mal auf Kaua’i gewesen war. Ein Fall hatte ihn gleich am Anfang, kurz nachdem die Five-0 entstanden war, auf die Garteninsel Hawaiis geführt. Seither hatte Steve keinen Fuss mehr auf diesen Flecken Erde gesetzt und gerade jetzt, da er den weissen Ford über den Kuhio Highway lenkte, ihm bewusst wurde, wie schön es hier war, fragte er sich warum er sich eigentlich nicht mehr Musse in seiner Freizeit gönnte. Immer gab es etwas zu tun, irgendwo hinzugehen, aber stets im Auftrag der Arbeit oder einer anderweitigen Verpflichtung. Wann nahm er sich schon die Zeit sich etwas einfach des Spasses Willen zu leisten? Viel zu selten, sagte die kritische Stimme in seinem Inneren.
Aber so war es nun mal. Er führte schliesslich kein Zuckerwatte-Leben. Die Verantwortung, die auf seinen Schultern lag, trug sich nicht von selbst. Sie verlangte ihm Opfer ab und das jeden Tag. Opfer, die er oft mehr unfreiwillig als ergeben erbrachte; seinem Team, dem Gouverneur, der Bevölkerung Hawaiis und nicht zuletzt seinem Land gegenüber. Aber er hatte stets die Wahl. Wusste immer wofür er diese zu bringen hatte, was im Gegenzug zurückkommen würde. Schliesslich und endlich war er es gewohnt sich schwierigen Entscheidungen zu stellen, weil man von ihm verlangte Verantwortung zu übernehmen. Aber mehr als all die Menschen und Institutionen, die darauf zählten, dass er den Kopf in mehr als nur einer Weise herhielt, erwartete er dies von sich selbst.  Er wollte das tun, musste das tun, was er eben tat. Selbst – oder gerade wenn? – er Widerstand verspürte; bei der Ausübung seiner Aufgabe fühlte er sich lebendig.
Und von Widerstand konnte man in dieser jetzigen, spezifischen Situation in der er sich gerade mit Sam befand, wahrlich sprechen. Sein Blick schweifte flüchtig nach rechts, hin zu ihr, die auf dem Beifahrersitz sass und er dachte daran wie sehr ihn dieses Abenteuer forderte. Auf allen möglichen Ebenen. Diese Geschichte, in die er sich hatte verwickeln lassen, weil er sich einem Hilferuf nicht verschliessen konnte. Gar nicht wollte. Was wäre er denn für ein Mann gewesen, wenn er sie alleine hätte kämpfen lassen? Keiner, dessen Blick er im Spiegel begegnen wollte.
„Glaubst du wirklich, dass das ein Haus ist dort oben?“
Die Frage riss ihn aus seinen Gedanken und er musste sich für einen Herzschlag sammeln, zurück in die Gegenwart rufen, bevor er antworten konnte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mercer irgendwelche Wanderungen dorthin unternimmt. Es wirkt eher so, als hätte es etwas mit seinen zwielichtigen Geschäften zu tun. Aber wir werden es erst wissen, wenn wir dort sind.“
Er atmete daraufhin tief durch, presste kurz die Lippen aufeinander. Der Gedanke Sam durch unbekanntes Gelände und auf ein Grundstück zu führen, von welchem er nicht wusste was es für sie bereithielt, missfiel ihm ausgesprochen. Wenn er alleine gewesen wäre, hätte ihn die grosse Unbekannte nicht gross geschert; er konnte gut improvisieren und wenn es galt seinen eigenen Hintern zu retten konnte er durchaus mit der Gefahr umgehen. Aber das hier? Es war eine denkbar ungünstige Konstellation, die ihn beunruhigte. Er wusste nicht, ob er Sam beschützen konnte und das machte ihn nervös.
Was er hingegen wusste war, dass sie sich nicht darauf eingelassen hätte zurückzubleiben, ihm die Suche alleine zu überlassen. Vorher hätte er sie in dem Kabäuschen unter seiner Treppe anketten müssen. Wie stur sie sein konnte hatte er in den vergangenen, wenigen Tagen mit ihr mehrmals am eigenen Leib erfahren dürfen. Ein Charakterzug, den er einerseits irgendwie zu würdigen wusste, aber der ihn meist nur den Kopf schütteln liess – ob nun offen oder klammheimlich, innerlich. Vielleicht reagierte er so stark auf diese Seite an ihr, weil er sich selbst darin erkannte. Aber das war jetzt nicht die Zeit für Charakteranalysen. Sie hatten eine Mission zu erfüllen und er musste seine ganze Aufmerksam darauf richten, sollten sie unversehrt, und wenn irgendwie möglich auch noch schlauer, daraus hervorgehen.
Bis sie Princeville, das noble Gebiet im Norden der Insel, erreicht hatten, schwiegen sie mehrheitlich, beide in ihre Gedanken vertieft. Doch als sie den Highway verliessen, die Siedlung hinter sich gelassen hatten, änderte sich die Atmosphäre im Wagenraum. Das Navigationsgerät zeigte an, dass er gerade auf dem Ohiki Road eingebogen war und die Spannung war plötzlich greifbar. Noch waren sie nicht einmal annähernd bei dem Grundstück angekommen, aber dennoch. Sie tauschten einen vielsagenden Blick und obwohl sie auch weiterhin nicht mit einander sprachen, so war doch klar, dass sie beide dasselbe dachten; es wurde Zeit, dass sie diesem ganzen verworrenen Wust von offenen Fragen auf den Grund gingen. Er erkannte seine Entschlossenheit in ihrer Haltung, in der Art und Weise, wie sie trotzig das Kinn vorgereckt hatte, in ihrem Sitz nach vorne gerutscht war.
Die Strasse führte durch das üppige, dünn besiedelte Grün; an einsamen Höfen zwischen den Kalo-Feldern, kleinen Häusern am Wegesrand vorbei und immer wieder dem Hanalei Fluss entlang, der sich mal von ihnen weg- und dann wieder zurückschlängelte. Obwohl Sam durch das Fenster spähte, so war doch offensichtlich, dass es dabei nicht um Aussicht ging. Sie war vermutlich so angespannt wie er, der sich zusammenreissen musste, um die Geschwindigkeitsbegrenzung einigermassen einzuhalten, nicht mit den Fingern auf dem Steuerrad herum zu trommeln. Wenn sie aussteigen und zu Fuss weiter gehen konnten, würde es ihm besser gehen. Immer wenn er in Bewegung war und zwar aus eigener Kraft heraus, wenn er sich anstrengen und verausgaben konnte, dann ging es ihm in der Regel besser.
Sein Wunsch erfüllte sich nur kurz darauf. Die Strasse hatte in den letzten Minuten anzusteigen begonnen und wo sie vorher noch weite Felder und ein offenes Tal umgeben hatten, begann es schliesslich auch nach einem Weg durch gebirgiges Gebiet auszusehen. Rechts war da nun ein Hang, an dem sie entlangfuhren und während sie stetig höher stiegen, kam eine Kurve nach der anderen. Dennoch, als sie die Sackgasse, die das Ende des Ohiki Road war, erreicht hatten, Steve den Wagen abseits des Asphalts parkiert hatte und sie ausstiegen, wurde klar, dass das erst der Anfang war. Über ihnen erstreckten sich die Ausläufer des Wai'ale'ale Bergmassivs, die es zu erklimmen galt. Bei weitem nicht so hoch wie der zentrale Berg Kaua'is selbst, aber dennoch beeindruckend. Beim Anblick der dichten Vegetation, die vor ihnen lag, war er froh, dass er sein GPS-Handgerät dabei hatte. Sein gottgegebener Orientierungssinn war zwar ausgeprägt und durch seinen militärischen Hintergrund noch geschärft worden, aber so sehr nun auch wieder nicht. Dieser würde dann zum Einsatz kommen, wenn sie erst einmal das ungefähre Gebiet erreicht hatten, in welchem laut Rovners Recherchen das Grundstück lag. Bis es so weit war würde die gute, alte Technik herhalten müssen.
Die beiden Rucksäcke waren schnell geschultert und mit einem letzten prüfenden Blick in den Wagenraum, der ihm verriet, dass sie nichts vergessen hatten, machten sie sich auf den Weg. Dass sie im regenreichsten Winkel Hawaiis waren wurde ihnen unmissverständlich bewiesen, als feiner Nieselregen einsetzte, kaum waren sie einigen Minuten dem offiziellen, schmalen Wanderpfad gefolgt. Ein Seitenblick zu Sam verriet Steve, dass ihr das Nass jedoch nicht viel auszumachen schien. Entschlossen schritt sie neben ihm einher, schien weder gross Lust auf ein Gespräch zu haben, noch sich beschweren zu wollen. Er fragte sich ob sie als Britin grundsätzlich wetterfester war, aber dann sagte er sich, dass dies vermutlich nichts weiter als ein Klischee war.
Sie wandte den Kopf zu ihm, als hätte sie seinen Blick gespürt, sah ihn mit einem fragenden, unsicheren Lächeln an. "Alles in Ordnung?", fragte sie schliesslich.
"Wie? Oh, ja", beeilte er sich zu sagen und nickte. "Alles Roger."
"Alles Roger?" Dieses Mal war es ein beinahe spöttisches Lächeln, welches sie zur Schau stellte. "Seit wann redet ihr so?"
"Wer ihr?"
"Na, ihr Angehörigen der Army..."
"Navy", korrigierte er automatisch und als er ein Heben der Augenbraue kassiert hatte, schüttelte er lächelnd den Kopf. "Ich weiss nicht, wie das bei den anderen so ist, aber ich rede jedenfalls so. Zumindest wenn ich auf einer Mission bin."
Sam sah ihn an, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ob dies nun ein Scherz gewesen war oder nicht. Er liess sie einen Moment zappeln, sah ungerührt nach vorne auf den Weg und war sich des Blickes, mit dem sie ihn von der Seite bedachte sehr bewusst. Als seine Züge schliesslich in ein Grinsen ausbrachen, lachte sie auf.
"Mission! Tzes... Das klingt ja, als wollten wir eine Geisel retten oder sowas. Mach mich nicht nervöser, als ich schon bin!"
"Wieso bist denn du nervös? Ich sollte derjenige welcher sein."
"Und weshalb?" Wieder kam diese geschwungene, skeptische Augenbraue zum Einsatz.
"Wenn etwas passiert, bin schliesslich ich es, der deinen Hintern retten muss."
"Das ist ja ... also wirklich! Warst du schon immer so selbstgefällig? Weisst du überhaupt in welchem Jahrhundert wir mittlerweile leben, du Höhlenmensch?"
Dieses Mal konnte er sein Gesicht länger dazu zwingen ernst zu bleiben. Seine Stimme machte aber nicht ganz so gut mit, als er sagte: "Egal welches es ist, das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, warst du definitiv kleiner und schwächer als ich ... die Gleichung ist also ganz simpel."
Diese kleinere und schwächere Person hatte einen ziemlich ansehnlichen rechten Haken zu bieten, wie gleich darauf auch schon klar wurde, als sie ihm die Faust gegen den Oberarm rammte. Trotzdem stimmte sie in sein Lachen ein, auch wenn sie noch immer den Kopf schüttelte. So scherzhaft dieses Gespräch gerade gewesen war, sie beide wussten, dass es auch eine Spur von Ernst in sich barg. Er hatte nicht beabsichtigt Sam ein schlechtes Gewissen oder dergleichen zu machen, aber etwas sagte ihm, dass ihre Gedanken in diese Richtung abgeschweift waren, als er ihr einen erneuten Blick zuwarf. Ihre Stirne war leicht gerunzelt und während ihre Daumen an den Trägern des Rucksacks eingehängt waren, blickte sie abwesend auf die lehmige Erde zu ihren Füssen.
Steve wollte etwas sagen, aber entschied sich schliesslich dagegen. Jetzt war es raus; sie wusste nun mit Sicherheit, dass er sich der Verantwortung, die auf seinen Schultern lag bewusst war und auch wenn es vermutlich nicht besonders elegant gewesen war ihr das zu offenbaren - vielleicht half es dabei, dass sie sich vorsichtiger verhielt. Auch wenn er natürlich darauf hoffte, dass sie gar nicht erst in eine Situation kommen würden, die Vorsicht verlangte.
Es war schliesslich Sam, die die aufgekommene Stille nach einer Weile unterbrach, indem sie fragte: "Wolltest du schon von klein auf zur Navy?"
"Eigentlich wollte ich ursprünglich Kampfpilot werden", erklärte er mit einem schwachen Lächeln. Sich bewusst an diese Zeiten zu erinnern war ungewohnt; in der Regel vermied er es über die Vergangenheit und im Besonderen über seine spätere Kindheit zu sinnieren. Selbst wenn er sich an die guten Dinge erinnerte, diese aufdringlichen Bilder, die nur darauf warteten ihn zu überfallen und dies dann auch jedes Mal taten wenn er ihnen zu nahe kam, waren ihm zuwider. Er fühlte sich schwach und angreifbar, wenn er an diese Begebenheiten zurückdenken musste; das Begräbnis seiner Mutter, dieses Gespräch, als ihm sein Vater eröffnet hatte, dass er ihn wegschicken würde oder die furchtbaren Momente, als er sich am Flughafen von Mary hatte verabschieden müssen. Er räusperte sich, schob diese Bilder wieder weg von sich und sprach weiter. "Dass es etwas in diese Richtung sein würde, war aber von Anfang an klar. Am Ende hat mich mein Vater sozusagen bei der Hand genommen und auf diesen Weg geführt, als er mich nach Coronado geschickt hat."
"War er auch bei der Streitkraft?"
"Nein. Jedenfalls nicht bei dieser... Nein, er war Polizist." Da waren sie schon wieder, die bedrückenden Bilder und damit zusammenhängenden Gefühle.  Es wurde ihm bewusst, wie selten er an seinen Vater dachte. Oder besser gesagt, wie selten er zuliess, dass die Gedanken an ihn vollständig aufkommen konnten. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht rasch an diesen Momenten vorbeizustürmen, wenn sie im Alltag auflebten. Es fühlte sich plötzlich falsch an dies zu tun, nun, da es ihm bewusst wurde. Als würdigte er die Erinnerung an seinen Vater nicht wie es sich gehörte, wie er dies von sich selbst erwartete. Aber er hatte keine andere Strategie zur Hand.
"Es tut mir Leid", kam es plötzlich von Sam und als er den Kopf zu ihr wandte, sah er, dass sie ihn mit einem ziemlich betretenen Blick bedachte. "Ich wollte dich nicht an Dinge erinnern, an die du nicht gerne denkst."
Er fühlte sich ertappt. War er so offensichtlich? Oder war sie einfach verflucht gut darin ihn zu lesen? Als er eine abwinkende Geste machte, zwang er sich zu einem Lächeln, von welchem er hoffte, dass es unbeschwert wirkte. "Ach was! Das hast du nicht."
"Gut." Sie hielt kurz inne, dann richtete sie ihren Blick wieder auf den Weg vor ihnen und erklärte: "Es ist nur so, dass es mir mit meinem Stiefvater so geht. Wenn mich jemand danach fragt, weshalb ich bei der Polizei arbeite oder warum ich Profilerin geworden bin, dann muss ich unwillkürlich an ihn denken und ... es tut noch heute weh. Deshalb dachte ich, dass ... nun, ich kenne es einfach."
Das Gefühl ertappt worden zu sein schwand augenblicklich, als er diese Erklärung vernahm. Was sie bestimmt auch so beabsichtigt hatte. Er schob den Rucksack hoch, indem er die Schultern anzog, dann nickte er ihr zu, als sie ihn wieder ansah, um sie zum Weitersprechen zu bewegen.
"Er war zuletzt Colonel bei der Army gewesen, hatte praktisch sein ganzes Leben im Dienst verbracht."
"Ein full bird?", fragte Steve erstaunt nach, bezog sich damit auf das Abzeichen, welches ein Mann im Rang des Colonels trug und einen Adler zeigte.
Sam nickte lächelnd, kannte diesen militärischen Jargon offenbar nur allzu gut, dann wurde sie wieder ernst. "Er hat mich nie zu etwas genötigt, aber sein Einfluss zielte eindeutig darauf ab, dass ich etwas in seine Richtung machte. Doch ich hatte diese pazifistische Seite von meinem echten Vater geerbt und konnte mich einfach nicht mit der kriegerischen Natur der Sache anfreunden. Ich konnte mir damals schon nicht vorstellen eine Waffe zu führen oder andere zu verletzen. Eines Tages hatte er scherzhaft gemeint, dass ich ja mit meinem scharfen Verstand doch die bösen Jungs auf kleiner Ebene jagen und zur Polizei gehen könnte. Das war dann irgendwie der Keim für meine berufliche Laufbahn gewesen. Es wurde ein Psychologiestudium, weil ich wusste, dass das die einzige Art und Weise war, wie ich mich mit meiner Veranlagung in die Jagd nach Verbrechern einbringen konnte." Sie hielt einen Moment inne, stellte einen versunkenen, nachdenklichen Ausdruck auf ihren Zügen zur Schau. "Obwohl Ben nicht so der Typ war, der dies klar äussern konnte, so hat er mich doch jeden Tag spüren lassen, wie stolz er war, dass ich etwas Sinnvolles tat. Dass ich mich für die Gesellschaft einsetzte. Manchmal, wenn ich an besonders harten Fällen zu nagen habe und daran zweifle, die richtige Wahl getroffen zu haben ... dann denke ich einfach an ihn und seine stolzgeschwellte Brust am Tag meiner Vereidigung bei dem Baltimore PD."
Steve kam nicht umhin sich an seinen eigenen Vater erinnert zu fühlen, als Sam ihren Stiefvater beschrieb. Ihre kleine Erzählung stimmte ihn zugleich melancholisch und erfreut. Plötzlich wurde ihm einiges an ihr klar; nun verstand er weshalb sie diesen Widerspruch von Polizeiarbeit und Zurückhaltung was Konflikte anging so gut vereinen konnte, obwohl ihm dieser erst in diesen Momenten vollständig bewusst wurde, weil er bis zu diesem Punkt noch nie so genau darüber nachgedacht hatte. Und obwohl sie sich selbst nie so verhielt, als hätte sie etwas damit zu tun, so hatte sie ihm schon von Anfang an das Gefühl gegeben seinen militärischen Hintergrund zu verstehen. Bisher war er nur einfach davon ausgegangen, dass es an ihrer Beziehung mit Richard lag.
"Kennst du Denning deshalb? Weil er mit deinem Stiefvater gedient hat?"
"Genau. Er gehört so sehr zur Familie, dass ich immer noch erstaunt bin, wenn ihn jemand 'Governor' nennt. Das ist doch der gute, alte Samuel!" Sie warf ihm ein Lächeln zu, aber der Humor ihrer Worte erreichte ihre Augen nicht ganz. Offenbar hatte sie dieses Gespräch ziemlich aufgewühlt. Nach einem kleinen Seufzen und Straffen der Schultern, schloss sie mit den Worten: "Was ich eigentlich damit sagen wollte, ist: Ich kenne dieses ganze emotionale Durcheinander, wenn die Vaterfiguren aus diesem militärischen Universum kommen, dich darin einsaugen und sich schliesslich aus deinem Leben davon machen. Du sitzt dann mit diesem Erbe da und meist treibt es dich an, aber oft fühlt es sich auch einfach wie ein tonnenschweres Gewicht an..."
"Auf den Punkt", sagte er mit einem schiefen Grinsen.
Sie sahen einander an, tauschten einen Blick voller Verständnis und Verbundenheit. Um nicht zu sagen Intimität. Es war, als hätte sie dieses Gespräch einander näher gebracht als die Nacht, die sie gemeinsam schlafend auf seinem Sofa verbracht hatten. Doch dieser hypnotische Moment verflog, als Sam beinahe über ein Schlammloch gestolpert wäre, dass sich vor ihnen aufgetan hatte, während sie damit beschäftigt gewesen waren sich vertieft anzustarren. Steves Hand flog instinktiv nach vorne, schloss sich um ihren Oberarm und brachte sie wieder in Balance. Sie dankte ihm, schob den Rucksack auf ihren Schultern zurecht und übersprang das Hindernis leichtfüssig.
Nach diesem kleinen Vorfall folgten sie dem Weg meist schweigend und konzentriert. Dieser wurde immer steiler, unebener, war mittlerweile nicht viel mehr als ein Trampelpfad. Manchmal lockerte sie das Buschwerk zur bergabgewandten Seite, um an gewissen Stellen den Blick ganz auf das Tal freizugeben. Die beeindruckenden, grossen Wolken türmten sich über dem entfernten Wai'ale'ale und es sah beinahe so aus, als berührten sie die Bergspitze. Sams Augen wurden scheinbar jedes Mal von diesem Anblick angezogen und so kam es, dass sich auch Steve davon ablenken liess. Ein Mal schenkte sie ihm ein leuchtendes, offenes Lächeln, als er stumm nachgab und sich neben sie stellte, während sie an einer besonders guten Stelle innehielt, um den Ausblick ausgiebig zu geniessen. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und verspürte einen gewissen Stolz auf seine Heimat, Freude, dass sie deren Schönheit offenbar so sehr zu würdigen wusste.
Schliesslich machten sie sich wieder auf und Steves Aufmerksamkeit galt abermals ausschliesslich dem Vorankommen. Er musste sich einigermassen zurückhalten, denn Sam - wie auch viele andere - hätte mit dem Tempo, welches er angeschlagen hätte, wenn er alleine gewesen wäre, nicht mithalten können. Sie schien sportlich und war weniger ausser Atem, als er erwartet hätte, aber dennoch musste er sich ihrer Geschwindigkeit anpassen und nicht umgekehrt. Schliesslich hatten sie noch ein gutes Stück vor sich und konnten es nicht gebrauchen, dass sie es vor Erschöpfung nicht schaffte. Da der Tag nur so viele helle Stunden zu bieten hatte, schwebte ein ziemlich straffer Zeitplan über ihnen. Ab und an überprüfte er auf dem Gerät wo sie gerade waren, liess seinen Blick kurz über die Vektorkarte schweifen, bevor er das Teil wieder an die dafür vorgesehene Halterung an seinem Gürtel einhängte.
Es war in einem dieser Momente, da es passierte. Gerade sah Steve auf das GPS-Gerät in seiner Hand herab, als er ein seltsames Prickeln im Nacken verspürte. Er sah nach links, den steilen Hang hinauf, zu dessen Füssen sie gerade standen. In diesem Augenblick ertönte ein unheilvolles, lautes Knacken und Rascheln, das alle seine Alarmglocken zum Schrillen brachte. Ohne nachzudenken hechtete er auf Sam zu, fegte sie von den Füssen und gemeinsam schlugen sie einen Meter weiter dumpf auf dem Boden auf. Keine Sekunde zu spät; ein riesenhafter, dicker Baumstamm fegte über die Stelle hinweg an der sie eben gestanden waren, kullerte weiter, den Abgrund hinab, verursachte dabei denselben Lärm wie zuvor. Steve stützte sich auf seinem Ellenbogen auf, spähte scharf in die Richtung, aus der der Stamm gekommen war. Da. Etwas bewegte sich zwischen den Farnen oben auf dem Vorsprung. Dann ertönte ein Rascheln, als entfernte sich jemand rasch durch das Unterholz, bis das Geräusch schliesslich nur wenige Herzschläge später verebbte.
"Sam, komm! Wir müssen weg von hier", zischte er eindringlich, nahm dabei den Blick nicht von der besagten Stelle.
Aber sie regte sich nicht, sagte kein Wort. Stirnrunzelnd sah er auf sie herab, was leicht war, da sein Körper neben dem ihren auf dem Boden ausgestreckt, praktisch an sie gepresst war und riss alarmiert die Augen auf. Ihre Lider waren geschlossen und sie lag äusserst schlaff da. Rasch griff er mit der freien Hand nach ihr, tastete über ihren Hinterkopf so gut es mit dem Pferdeschwanz im Weg ging, konnte jedoch nichts finden. Erst als er ihr Gesicht zur Seite drehte, sah er die Platzwunde an ihrer Haarlinie neben der rechten Schläfe.
"Verflucht!", stiess er unterdrückt aus, als sein Blick auf den Stein fiel, der aus dem Boden ragte und sie offenbar ausgerechnet am Kopf getroffen hatte. Angespannt sah er zurück, den Hang hinauf, konnte jedoch nichts entdecken. Alles in ihm schrie danach die Waffe zu zücken und sich diese Stelle vorzunehmen an der sich etwas bewegt hatte, herauszufinden was hier eigentlich vor sich ging. Aber er konnte Sam weder zurücklassen noch den steilen Hang hinauftragen.
Er zückte die Waffe trotzdem, nachdem er sich halb aufgerichtet, umgedreht und auf die Knie begeben hatte. Nun war er wieder über Sams Kopf gebeugt, nur dieses Mal von oben. Mit der freien Hand ergriff er ihre Schulter, rüttelte kurz aber heftig daran. Als sie ein Wimmern von sich gab, ihre Lider zu flackern begannen, kam ihr Name zischend über seine Lippen. Schliesslich schlug sie die Augen auf. Ein Stöhnen entwich ihr und sie hob die Hand ein wenig vom Boden, als wollte sie sich an den Kopf greifen, worauf diese aber auch schon wieder schlaff zurück auf die Erde fiel. Dann richtete sich ihr unsteter Blick auf sein Gesicht, welches - wie ihres für ihn - auf dem Kopf stand und sah ihn benommen an.
"Schsch!", machte er und legte den Finger auf die Lippen.
Sie sah nicht so aus, als hätte sie seine Geste bewusst aufgenommen. Stattdessen blinzelte sie ihn noch zwei Mal an, um die Augen daraufhin langsam zu schliessen.
"Nein! Sam! Sieh mich an!"
Mit einem gequälten, leisen Jammern schlug sie die Augen wieder auf, das Grau richtete sich auf ihn. Noch immer sah sie äusserst abwesend aus, als würde sie ihn zwar sehen, aber nichts bewusst wahrnehmen können. Diese Benommenheit war noch beunruhigender als ihr nass schimmerndes, blutgetränktes Haar. Während sein Blick nervös von ihr, über die Umgebung und schliesslich wieder über ihre Gestalt schweifte, wägte er rasch seine Optionen ab. Hier bleiben kam nicht in Frage. Es war viel zu unsicher, er konnte nicht einsehen was hinter ihm war, selbst wenn er sich mit dem Rücken gegen den Hang platziert hätte - diese Stelle des Pfades war kein Ort um sich länger aufzuhalten. Sam hingegen sah nicht so aus, als könnte sie sich bewegen. Seine Finger bohrten sich in ihre Schulter, um sie wach zu halten, was auch die gewünschte Wirkung erzielte. Vielleicht, dachte er sich, würde sie es trotzdem schaffen. Also schob er seine Hand unter ihren Rücken, richtete sie langsam in eine sitzende Position auf und lehnte sie gegen die lehmige, vertikale Fläche des Hanges.
"Verstehst du mich?", fragte er leise und brachte sein Gesicht näher an ihres, musterte sie abschätzend.
"Uh-huh", murmelte sie, blinzelte langsam. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, wäre seine erste Vermutung gewesen, dass sie betrunken war.
"Lass mich mal sehen." Wieder glitten seine Finger vorsichtig, prüfend über ihren Kopf, um schliesslich neben der Wunde zu stehen zu kommen. Der Schnitt war klein, kaum einen Zentimeter breit, aber er reichte um ansehnliche Mengen an Blut hervorzubringen. Typisch für eine Kopfwunde. Welche eigentlich genäht werden musste, stellte er besorgt für sich fest. Aber das war gerade nicht möglich. Er hatte ja vieles in die Rucksäcke gepackt, aber mit Sicherheit kein Näh-Kit. "Wie fühlst du dich, Sam?"
"Mir's schwindlig..."
"Übel? Schwarze Flecken vor den Augen?"
"Nöh..."
Immerhin etwas. Steve schoss einen Blick auf die Umgebung ab, weil ihm drängend bewusst war, dass sie an dieser unvorteilhaften Stelle praktisch auf dem Präsentierteller waren. Aber als er festgestellt hatte, dass niemand zu sehen oder zu hören war, wandte er sich wieder an die Frau vor sich. "Komm, wir versuchen jetzt aufzustehen, ja?"
Erneut gab sie ein leises Wimmern von sich, aber als er seinen Arm unter den ihren schob und um ihren Rücken schlang, hielt sie sich immerhin an seinem Hemd fest, krallte die Finger in den blauen Stoff. Einen Ruck später stand sie auch schon auf den Füssen. Wackelig zwar, aber erstaunlich gut, wenn man bedachte wie benommen sie wirkte. Ob sie wohl auch einen Fuss vor den anderen setzen konnte? Tatsächlich; als er sich in Bewegung setzte tat sie es ihm nach. Das meiste ihres Gewichtes trug er, doch sie half mit und das war mehr, als er erwartet hatte.
Angestrengt lauschend, die Waffe im Anschlag und den Blick aufmerksam auf jeden einsehbaren Winkel gerichtet, kam er mit ihr auf dem Pfad voran. Quälend langsam für seinen Geschmack zwar, aber dennoch ging es vorwärts. Für einige Minuten folgten sie der gewundenen Linie vor ihnen, doch Steve beabsichtigte diese so schnell als möglich zu verlassen. Und nach einer weiteren Windung erspähte er auch schon die Möglichkeit sich in sichereres Gelände zu begeben. Ein besorgter Blick nach links verriet ihm, dass Sam die Augen zwar offen hatte, aber diese äusserst unstet hierhin und dorthin schweiften. Wenn sie auf dem Pfad schon so langsam vorankamen, wie würde es erst im unwegsamen Unterholz sein?
Aber sie hatten einigermassen Glück. Er lenkte seine Schritte nach rechts, einer vielversprechenden, leicht geneigten Böschung entgegen, die von grossen Farnen bedeckt war. Diese konnte man wenigstens einigermassen unangestrengt durchpflügen und er musste sich keine Sorgen darum machen, dass Sam stolpern konnte - oder er. Denn wenn man es genau nahm, war er gerade mehr in seinem Gang behindert, als sie, die sich an ihn stützte und sicheren Halt hatte.
Wenn ihn seine Erinnerung nicht trog, dann hatte sein letzter Blick auf die Karte gezeigt, dass sich in diese Richtung eine erhöhte, felsige Formation befand. Natürlich war sein GPS-Gerät unrettbar von dem Baumstamm zerschmettert worden oder lag nun am Fuss des Abhangs, den auch sie beide beinahe herunter gefegt worden wären. Was eine ernst zu nehmende Komplikation darstellte; das Gerät war nämlich nicht nur seine Orientierungshilfe, sondern zugleich auch ein Satellitentelefon gewesen. Mit dem Verlust dieser Spezialanfertigung, die dem Durchschnittsbürger nicht zugänglich war, hatten sie jede Möglichkeit verloren sich an die Aussenwelt zu wenden. Nun, da sie sich auch noch von dem Pfad wegbegeben hatten, war selbst die geringe Wahrscheinlichkeit jemandem auf dem Wanderweg zu begegnen, der ihnen helfen konnte, dahin. Aber Steve hatte abwägen müssen und sich dafür entschieden sich in sicheres Gelände zu begeben. Er würde den Teufel tun und sich weiterhin dort bewegen, wo er abermals von einem Hinterhalt überrumpelt werden konnte.
Denn dass dies ein solcher gewesen war, daran bestand für ihn kein Zweifel. Jemand hatte sie abgepasst und ihnen an einer strategischen Stelle einen Schrecken einjagen wollen. Steve war sich sicher, dass dieser jemand nicht beabsichtigt hatte sie umzubringen - dazu war das Ganze viel zu schlampig ausgeführt gewesen. Wenn man jedoch davon ausging, dass sie der Unbekannte vom Weg abbringen, zum Umkehren bewegen wollte, dann ergab es alles schon viel mehr Sinn, war ganz geschickt umgesetzt worden. Und diese Tatsache beunruhigte Steve noch mehr, als es ein Mordanschlag getan hätte. Was war das für ein verfluchtes Katz und Maus Spiel? Der Gedanke, dass ihm jemand seine Pläne aufzwang und versuchte ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken war ungemütlich und liess einen grimmigen Trotz in ihm aufkommen. Wenn diese Person dachte, dass er da mitmachen würde, dann hatte sie sich gehörig geschnitten!
Doch bevor er sich diesem Problem zuwenden konnte, musste er zusehen, dass er Sam an einem sicheren Ort versorgen konnte. Ein Blick auf ihre Platzwunde, die auf der ihm zugewandten Seite war, verriet ihm, dass die Blutung noch nicht aufgehört hatte. Mittlerweile war ihr Gesicht, der Hals und ein grosser Teil ihres Shirts blutverkrustet und wenn ihn nicht alles täuschte, dann wurde ihr Griff an seinem Hemd immer schlaffer, die Schritte unsicherer.
"Sam? Sam?" Und als sie den Kopf langsam in seine Richtung wandte, ihn benommen ansah, nickte er ihr mit einem ermutigenden Lächeln zu. "Du schaffst das! Wir sind bald da, ja? Dann kannst du dich ausruhen."
Sie schloss die Augen und grinste ihn an. "Jaaah ... ausruhen ... ausruhen ist gut..."
Verdammt, sie mussten sich echt beeilen. Steve verstärkte seinen Griff, schob sie etwas höher, damit er sie besser stützen konnte und beschleunigte seinen Schritt so weit wie er sich traute. Zu viel durfte er ihr schliesslich nicht zumuten, aber andererseits war Eile angebracht.
Noch eine Weile lang ging es weiter, dann registrierte er, dass die leichte Abwärtsneigung schliesslich ganz verschwunden war und nur wenige Minuten später baute sich auch schon die Erhebung vor ihnen auf. Keine Sekunde zu früh; als hätte Sam gespürt, dass es nicht mehr weit war, knickten ihre Beine ein. Beinahe wäre sie aus seinem Griff gerutscht, weil er sich auf das was vor ihnen lag konzentriert hatte. Doch er fing sie instinktiv auf, liess die Waffe hastig in das Holster gleiten, damit er die frei gewordene Hand unter ihren Kniekehlen durchführen konnte. Mit einem Ruck hob er sie in seine Arme und stapfte auf den felsigen Hügel zu, der von mangrovenartigem Geäst bedeckt war, den er zu ihrem vorläufigen Zufluchtsort auserkoren hatte.
Schliesslich, endlich war die Felswand erreicht. Behutsam legte er sie auf der lehmigen, blätterbedeckten Erde davor ab, darauf bedacht, dass ihr Kopf so langsam wie möglich auf den Boden auftraf. Doch trotz seiner Vorsicht gab sie ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich, runzelte mit geschlossenen Augen die Stirne und regte sich ungemütlich. Es erforderte einiges an Geschiebe und Gezerre, bereitete ihr sichtlich Ungemach, aber schliesslich hatte er den Rucksack von ihr genommen, schob ihn stattdessen unter ihren Kopf. Dann öffnete er seinen, förderte das Notfallset zu Tage. Solange die Wunde blutete brauchte sie kein Desinfektionsmittel, aber es musste dringend ein Druckverband her. Rasch griff er sich eine Kompresse und Verbandsmaterial, dann rückte er auf den Knien näher an sie heran.
"Sam? Kannst du den Kopf anheben?"
Wieder ein Stöhnen, aber als er die Finger unter ihren Nacken schob und sie nach oben drückte, half sie mit und tat wie geheissen. Rasch presste er die Kompresse gegen die Wunde, ignorierte den gemurmelten Protest und wickelte den Verband fest um ihren Kopf.
"Gut gemacht, leg dich zurück."
Blinzelnd schlug sie die Augen auf, fand seinen Blick und sah ihn erstaunlich ernst an. "Sind wir in Sicherheit?"
Sie hatte wohl doch mehr mitbekommen, als er gedacht hatte. Steve lächelte auf sie herab, strich ihr kurz über das Haar und nickte. "Das sind wir. Keine Sorge. Ruh' dich jetzt aus."
Mit einem Seufzen, dieses Mal jedoch zufrieden und von einem seligen Grinsen begleitet, schloss sie die Augen und regte sich nicht mehr. Einige Momente lang starrte er ihr blutverschmiertes, aber deswegen nicht minder anziehendes Gesicht an, dann gab er sich einen Ruck und richtete sich auf. Es galt die Umgebung zu sichten, herauszufinden welche Ressourcen er in unmittelbarer Nähe zur Verfügung hatte - denn nur ein vorbereiteter Mann war ein Mann, der sich selbst helfen konnte.


"Steve?"
Ihre Stimme erklang leise, fragend durch die Dunkelheit, liess ihn ruckartig aufblicken. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie aufgewacht war. Mit einem raschen Griff schob er den Rucksack zur Seite, der vor ihm auf den Boden lag und schon kam das Knicklicht darunter zum Vorschein, erhellte sie beide mit dem gelben, fluoreszierenden Schein.
"Ich bin hier. Wie fühlst du dich?"
"Ich habe Durst", erwiderte sie murmelnd, die Stimme belegt und müde.
Er griff blind neben sich, legte seine Finger um die metallene Feldflasche, von der er genau wusste, wo er sie abgelegt hatte und schraubte sie auf. Rasch hatte er sich aus dem Schneidersitz in eine kniende Position begeben. Dann rückte er an sie heran, schob die Hand unter ihren Hinterkopf und legte die Flasche an ihre Lippen. Flüsternd ermahnte er sie langsam zu trinken, sich Zeit zu lassen, was sie dann auch tat. Es nahm eine Weile in Anspruch, aber schliesslich schien ihr schlimmster Durst gestillt.
"Danke." Da war ein Lächeln in ihrer Stimme und er antwortete wortlos, indem er langsam über ihre Stirne strich. Ihre Haut war kühl und weich unter seiner Hand. "Du leuchtest."
Er stutzte, dann schlich sich ein Lächeln auf seine Züge. "Das ist wegen dem Knicklicht. Du leuchtest auch."
"Nein", widersprach sie langsam. "Du leuchtest. Du bist mein leuchtender Engel. Ein bewaffneter Engel zwar und das stimmt irgendwie nicht mit meinen Vorstellungen überein - aber ich lerne gerne Neues dazu, weisst du."
Was redete sie denn da? Besorgt fragte er sich, ob die Gehirnerschütterung nicht doch schlimmer war, als er angenommen hatte. Er machte "Schsch" und strich ihr wieder über den Kopf. Aber sie schien entschlossen die Theorie mit dem Himmelsboten weiter auszuführen.
"Offenbar haben Engel zudem eine Vorliebe für Cargohosen. Oder tanzt du einfach aus der Reihe?" Ihr britischer Akzent kam schwer und ungewohnt ausgeprägt zur Geltung. Sonst war da nur eine Spur davon zu vernehmen. Er hatte sie noch nie so sprechen gehört. Es war überaus niedlich.
Das und ihr wirres Gerede entlockten ihm einen kleinen Lacher, auch wenn die Situation wahrlich nicht komisch war. "Ja, ich habe mich geweigert ein weisses Kleid zu tragen, wenn du es genau wissen willst." Vielleicht würde sie aufhören zu reden, wenn er sie bestärkte. Sie musste sich ausruhen und wieder zu Kräften kommen, denn so bald die Nacht vorüber war und sie wieder Tageslicht hatten, wollte Steve den Rückweg antreten.
"Dachte ich es mir doch... Und die Waffe? Hast du eine Erlaubnis dafür?"
"Ja. Eine unterschriebene und beglaubigte. Mit Stempel und allem."
"Das ist gut", sagte sie langsam, klang ganz so als wäre sie dabei einzuschlafen. Doch gerade als er geglaubt hatte, dass sie endgültig weg war, ertönte ihre Stimme wieder. "Gibst du mir die Hand? Dann ist es nur noch halb so einsam."
Er tat wie geheissen, schloss seine Finger um die ihren. Da war ein seltsames Gefühl in seinem Bauch, als sie von Einsamkeit sprach. Was war das? Bedrückung? Mitleid?
"Danke, Engelchen. Du bist so gut zu mir. Ich weiss gar nicht ob ich das überhaupt verdient habe... Ich habe alle im Stich gelassen und bin weggegangen. Ben ist bestimmt furchtbar wütend."
Steve runzelte die Stirn; sie sprach zwar wirr, aber diese Worte stiegen offenbar direkt aus ihrem Unterbewusstsein auf. Und sie machten ihn irgendwie traurig. Er drückte ihre Hand, dann positionierte er sich um, damit seine Beine nicht einschliefen. Nun sass er auf der Höhe ihrer Hüfte, ihre beiden, ineinander verschränkten Hände ruhten in seinem Schoss und der Blick war auf ihr gelb beschienenes Gesicht gerichtet. Sams Züge waren zwar entspannt, aber da war eine kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen.
"Ben ist stolz auf dich. Das hat er mir gesagt", brachte er leise hervor. Was hätte er sonst tun sollen? Es fühlte sich wie das einzig Richtige an, dieser Versuch sie zu beruhigen.
"Wirklich? Das ist schön. Ich hoffe Mom und Das sind auch stolz. Und Dee auch. Und Dave..." Auf diese Namen folgten noch mehr davon. Alle waren ihm gänzlich unbekannt, aber es war offensichtlich, dass sie ihre Liebsten aufzählte. Und derer gab es offenbar viele.
"Vielleicht ist auch Steve stolz", sagte sie nach einer kleinen Pause. "Er ist immer so gut und stark - ich beneide ihn darum. Aber er tut mir auch leid ... ich habe ihn abgelenkt."
Dieser rutschte ungemütlich auf seinem Flecken Erde herum, fragte sich ob er sie irgendwie davon abhalten konnte über ihn zu sprechen. Es war als würde er ihr Tagebuch lesen oder dergleichen; diese Worte waren nicht für seine Ohren bestimmt. Doch er schwieg und hoffte darauf, dass sie nichts mehr zuzufügen hatte, endlich wieder einschlief. Aber vergeblich...
"Ich wollte ihn nicht verführen, wirklich. Aber er war so lieb und so nahe und so verdammt sexy ... ich frage mich warum er keine Freundin hat."
Oh Gott, musste das sein? Er hatte eindeutig genug gehört. Nein, zu viel. Abermals kam ein "Schsch" über seine Lippen, dieses Mal lauter und bestimmter. Aber genauso gut hätte er dieses an das Knicklicht richten können. Sam hatte sich in ihren Gefühlen verloren, driftete irgendwo zwischen Wachen und Schlafen herum. Dann waren da auch noch der Blutverlust und die Gehirnerschütterung, die ihren Teil dazu beitrugen. Das musste er jetzt wohl einfach aussitzen.
Er fragte sich weshalb sie davon gesprochen hatte, dass sie ihn verführt hatte. Der Kuss war doch von ihm aus gekommen - eine Tatsache, die schwer auf seinem Gewissen lastete. Aber offenbar erging es ihr ähnlich. Es sah ganz nach ihr aus, passte zu dem Bild, welches er von ihr hatte, dass sie als erstes die Schuld bei sich suchte. Wieso war er nicht erstaunt, dass das schon wieder eine Gemeinsamkeit war?
"Wenn wir Richard gefunden haben, dann muss ich weg von hier. Dann muss ich ihn verlassen", begann sie wieder und als er seine Augen auf ihr Gesicht richtete, sah er, dass sie einen gequälten Ausdruck zur Schau stellte. Die Stirne umwölkt, die Lider unter den zusammengeschobenen Augenbrauen aufeinander gepresst. "Aber ich will nicht weggehen. Baltimore ist grau und tot und ich will nicht zurück."
Wieder schwappte eine Welle der Trauer über ihn und er presste die Lippen aufeinander. Ihre Finger schlossen sich fester um die seinen und er erwiderte den Druck, wappnete sich für die nächsten Worte.
"Ich will hier bleiben. Es ist so schön hier. Vielleicht kann er mir beibringen wie man surft..." Ein Lächeln huschte über ihre Züge, doch es machte gleich wieder diesem gepeinigten Ausdruck Platz. "Aber er will mich sicher nicht hier haben. Das ist sein zu Hause und ich habe keines... Richard hätte meines werden sollen, aber dann ist er abgehauen. Dieser Mistkerl... Etwas stimmt nicht mit ihm. Ich spüre es. Ich habe Angst..."
Steve ertappte sich dabei, wie er ihr in Gedanken Recht gab - auch er hatte ein ungutes Gefühl, was seinen ehemaligen Kamerad betraf, auch wenn er bisher vermieden hatte bewusst daran zu denken. Dann schüttelte er den Kopf. Wie konnten so viele Sorgen auf einmal in einer Person stecken?
"Alles wird gut werden. Du brauchst keine Angst zu haben. Schlaf jetzt."
"Bleibst du?", fragte sie kaum hörbar.
"Ja. Still jetzt."
"Uh-huh", machte sie noch, dann kam nichts mehr.
Noch eine ganze Weile verharrte er reglos neben ihr, dann erst traute er sich ihr seine Hand zu entziehen. Sie regte sich nur schwach, dann schlief sie weiter. Steve gab ein tiefes Seufzen von sich. Das waren gerade ein paar sehr befremdliche Minuten gewesen, die er da hinter sich hatte. Als er sich wieder an seinen Platz ein Stück weiter weg gesetzt hatte, den Rücken gegen die Felswand gelehnt, begannen seine Gedanken um das eben Gehörte zu kreisen. Weil er das Knicklicht vorsorglich wieder bedeckt hatte, sass er nun abermals in völliger Dunkelheit da, lauschte auf die nächtlichen Geräusche der Wildnis, die ihn umgaben.
Wie bedrückt und besorgt sie war, das hatte sich erst jetzt wirklich gezeigt. Natürlich war ihm klar gewesen, dass sie gerade eine schwierige Phase durchmachen musste, dass ihr vieles auf dem Herzen lag. Aber wie gross die Kreise waren, die Richards Verschwinden zogen, wie sehr es ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte, das wurde ihm erst jetzt vollumfänglich bewusst. Nicht nur bangte sie um ihre zurückgelassene Familie und vertraute Umgebung, der Aufenthalt auf Hawaii hatte offensichtlich auch noch die Abneigung gegen Baltimore aufleben lassen. Sie befürchtete das Schlimmste, was ihren Verlobten betraf, hegte tief in ihrem Inneren offenbar einiges an Groll gegen ihn - oder besser gesagt gegen die Dinge, die er verursacht hatte, was die Suche nach ihm nicht gerade erleichterte.
Steve lehnte den Hinterkopf gegen den harten Felsen und stiess die Luft seufzend aus; und dann war da noch er. Als hätte Sam nicht genug Scherereien am Hals, schien er selbst auch noch eine gewisse Komplikation in ihre Situation gebracht zu haben. Diese Anziehung zwischen ihnen war etwas, was er vielleicht von sich drängen konnte, aber völlig ignorieren? Nein, das war beileibe nicht möglich, schien zudem auch ihr nicht zu gelingen. Seit dem Kuss auf dem Tantalus, dem darauf folgenden Streit am gestrigen Tag war da ein Hauch von Frost zwischen ihnen. Nicht in der Art wie sie miteinander sprachen oder dergleichen, denn im Grunde genommen gingen sie so miteinander um, als wäre nie etwas passiert. Aber trotzdem, ein gewisser Hauch von Vorsicht und Distanz hatte sich eingeschlichen - was gut war. Doch in diesen Momenten wurde Steve bewusst, dass aufgeschoben noch lange nicht aufgehoben hiess. Es schien ganz so, als würde ihnen dieses Problem erst abgenommen werden, wenn sie wieder getrennte Wege gehen konnten. Aber wieso wollte sich diese Vorstellung eines Abschieds dann nicht wie eine Lösung anfühlen?
Unwillkürlich musste er an das Gespräch mit Danny denken und wie ihm dieser vor Augen geführt hatte, was im schlimmsten Fall passieren konnte. Obwohl er sich dumm gestellt hatte, so hatten doch beide Männer gewusst, dass dies nur ein Teil seiner Fassade gewesen war. Hier, in der Dunkelheit und Abgeschiedenheit einer Nacht in der Wildnis, konnte sich Steve zum ersten Mal selbst eingestehen, dass da etwas an Sam war, was ihn magisch anzog und so sehr er sich bis zu diesem Punkt hatte einreden wollen, dass es nichts anderes als eine sexuelle Spannung war - es entsprach schlichtweg nicht der Wahrheit. Und als ihm dies klar wurde, bestechend scharf und unmissverständlich, tat er das einzige, wozu er fähig war; er schob einen gewaltigen Riegel vor diese Tatsache. Da war sie nun zwar, klar und deutlich, aber Steve dachte nicht daran, sie gewähren zu lassen. Wenn er in etwas gut war, dann darin sich selbst Dinge zu verweigern. Es war vollkommen ausgeschlossen, dass er sich gehen liess.
Und weil er es nicht mehr aushielt hier im Dunkeln vor sich hinzubrüten, schob er den Rucksack wieder von dem Knicklicht weg und beschied sich damit das notdürftige Lager, welches er hier aufgeschlagen hatte, zu prüfen. Die Verpflegung würde gerade noch für den morgigen Tag reichen. An Wasser mangelte es immerhin nicht; die Vegetation hier verlangte zwar besondere Vorsicht und man konnte nicht einfach blindlings von jedem Flüsschen oder Rinnsal trinken, aber wenn man wusste wo man suchten musste, liess sich immer sauberes Wasser finden. Zu ihrem Glück befand sie ganz in der Nähe ein kleiner Wasserfall - einer von vielen der Garteninsel. Seine beiden Waffen gaben ihm ein gewisses Mass an Sicherheit, auch wenn es ihm dumpf Sorge bereitete, dass er nicht allzu viel Munition zur Verfügung hatte. Ebenso waren die praktischen Dinge für einen Aufenthalt im freien, wilden Gelände reichlich vorhanden; von dem Notfall-Kit bis hin zur Plastikplane, er hatte an alles gedacht.
Trotzdem fühlte er sich ausgeliefert. Dieses beunruhigende Wissen um sein Nichtwissen machte ihm zu schaffen. Sicher, er war gut im Improvisieren und die Gefahr liess ihn dort zur Höchstform auflaufen, wo andere es vorzogen zu fliehen. Nichtdestotrotz war es ganz und gar widerlich gegen einen unbekannten Gegner vorzugehen. Aber was hiess hier eigentlich 'vorgehen'? Bisher hatte er immer nur reagieren können und nun, da sie in Aktion getreten waren passierte das! Mit einem energischen Ruck zog er den Rucksack wieder zu und richtete seinen Blick schliesslich auf Sams reglose Gestalt. Der aufgekeimte Ärger verebbte beinahe augenblicklich. Wie sie so dalag, einmal abgesehen von dem eingetrockneten Blut vollkommen friedlich aussah, schlich sich ein Lächeln auf seine Züge. Unbewusst schlossen sich seine Finger um die Waffe, die im Holster steckte, fühlten den rauen, kalten Griff und ihm wurde bewusst, dass er bis zum Äussersten gehen würde, um sie zu beschützen.
Und er würde damit anfangen sie wieder sicher aus diesem Gebiet und zurück nach O'ahu zu bringen.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mo Jul 08, 2013 4:29 pm

Etwas kitzelte ihn an der Wange. Warm und irgendwie prickelnd. Er regte sich, dann wurde ihm bewusst, dass es furchtbar unbequem war und sein Hinterkopf schmerzte. Es machte die leise Freude über das Kitzeln sofort zunichte. Mit einem Stirnrunzeln schlug Steve die Augen auf und musste gegen das helle Licht anblinzeln. Ihm wurde klar, dass ein Sonnenstrahl seinen Weg durch die Blätterkrone und zu seinem Gesicht gefunden, ihn mit der Wärme geweckt hatte. Stöhnend fuhr er sich über den Kopf, den er, den Schmerzen an seinem Schädel und dem Nacken nach zu urteilen, zu lange an den harten Felsen hinter sich gelehnt hatte.
Plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne; wo zum Teufel war Sam? Ihr Rucksack lag noch da, wo er sie abgelegt hatte und auch die eingedrückte Stelle im Laub zeugte davon, dass sie einige Zeit an dieser Stelle ausgestreckt gewesen war. Gerade noch, als es angefangen hatte zu Dämmern, war sie doch noch da gewesen, wie schon die ganze Nacht über. Er hatte bestimmt nicht vor mehr als ein paar Minuten die Augen geschlossen. Wo war sie denn jetzt plötzlich hin? Alarmiert sprang er auf die Beine und spähte um sich. Die steifen Muskeln und sonstigen Spuren der durchwachten Nacht waren augenblicklich vergessen. Seine Waffe war schnell gezückt, ihr Lauf richtete sich über die gesamte einsehbare Umgebung, ohne ein Ziel zu finden. Also schlich er um den felsigen Hügel herum und begab sich in nördliche Richtung. Wenn ihn nicht alles täuschte, dann war da eine zweite Spur auf dem Boden; eine Linie von eingeknickten Farnwedeln, die neben der seinen einherging, die er letzte Nacht beim Absuchen der Umgebung gelegt hatte.
Und dann, plötzlich, erspähte er Sams Gestalt. Sie stand am Wasserfall - falls man das kaum einen Fuss breite, plätschernde Rinnsal so bezeichnen wollte - und hatte ihm den Rücken zugewandt.
"Verflucht nochmal, Sam!", kam es ihm halb ärgerlich, halb erleichtert über die Lippen und er senkte die Waffe, die er eben noch mit beiden Händen vor sein Gesicht gehalten hatte, auf Bauchhöhe ab.
Die so unsanft Angesprochene wirbelte herum und sah ihn perplex an. Beide stutzten. Was diese Regung bei ihr ausgelöst hatte wusste er nicht und es interessierte ihn gerade auch nicht. Bei ihm selbst war das schon viel klarer. Wo zum Kuckuck war ihr Shirt hingekommen? Ihr offenes Haar war nass, ergoss sich dunkel über die eine Schulter, sandte kleine Rinnsale Wasser über den nackten Bauch und hinab zum Bund ihrer Hose. Die Spuren der Blutung waren von ihrer Haut gewaschen, aber der schlichte, helle BH zeugte noch davon - die Verfärbungen war jedoch nicht wirklich der Grund weshalb sein Blick daran hängen blieb. Das knappe Kleidungsstück war nass, halb durchsichtig. Die beiden dunklen Flecken, die durch den Stoff schimmerten waren ebenso fesselnd, wie die verlockenden Rundungen ihrer Brüste an und für sich. Erst als sie anhob zu sprechen kam er mit einem Ruck zu sich und richtete seine Augen resolut auf ihr Gesicht, steckte die Pistole wieder in den Holster.
"Ist etwas passiert?"
Diese unfassbare Frage brachte ihn sofort zurück ins hier und jetzt. "Ja, verdammt! Du hast dich weggeschlichen!" Schon wieder...
"Ich - was? Ich habe mich nicht weggeschlichen! Ich habe gestunken wie ein Metzger! Der ekelhafte Geruch des Blutes hat mich geweckt und als ich das Plätschern gehört habe, bin ich dem Geräusch einfach gefolgt."
Steve gab ein abfälliges Prusten von sich; sie war wirklich unmöglich! "Jemand verfolgt uns sehr wahrscheinlich, will uns nicht hier haben, wirft uns Baumstämme entgegen und du kümmerst dich um sowas. Ist dir die Gefahr denn gar nicht bewusst?"
"Das ist sie sehr wohl! Aber wenn ich deswegen aufhöre zu leben, wenn mich jede Drohung, die in den nächsten Tagen noch kommen wird, völlig aus der Bahn wirft, dann kann ich mich genauso gut von der nächsten Klippe werfen!" Sie sah ihn einen Moment lang trotzig an, dann richtete sie den Blick auf den Boden zu seinen Füssen, um ziemlich kleinlaut zuzufügen: "Ausserdem dachte ich, dass es einigermassen sicher ist, als ich gesehen habe, dass du schläfst..."
Diese Bemerkung brachte ihn dazu, genervt den Mund zu verziehen, aber nicht ihretwegen. Jedenfalls nicht ausschliesslich. Da nickte man Mal ein paar Minuten weg... "Bist du denn fertig?", fragte er schliesslich resigniert.
Nun fiel sein Blick auch auf das vermisste Kleidungsstück, welches feucht und einigermassen zerknittert auf einem Felsen zu ihrer Rechten ausgebreitet war. Nachdem sie betreten genickt hatte, bückte sie sich danach, doch als sie sich wieder aufrichten wollte, erfasste sie offensichtlich plötzlicher Schwindel. Mit zwei grossen Schritten stand er auch schon vor ihr, aber es war dennoch zu spät. Die Augen geschlossen plumpste sie rückwärts auf ihren Hintern und griff sich an die Stirne. Steve ging rasch vor ihr in die Hocke und erfasste ihren Kopf, umrahmte Sams Gesicht mit beiden Händen um es zur Seite zu drehen.
"Was hast du mit dem Verband gemacht?" Seine Augen glitten über die Verletzung; die Stelle war geschwollen und blutunterlaufen, aber die Kruste über dem Schnitt war erfreulich anzusehen.
"Ich hab ihn weggenommen, damit ich mein Haar auswaschen konnte", gab sie leise zurück, liess ihn ergeben machen, während sie die Augen noch immer geschlossen hielt.
Er liess seine Hände sinken und sah ihr ernst ins Gesicht. "Ist dir immer noch schwindelig?"
"Nicht mehr so sehr, aber übel. So furchtbar übel..." Sie schlug die Lider auf und sah ihn mit einem Ausdruck an, der deutlich von einem schlechten Gewissen zeugte. "Es tut mir leid. Ich hätte dich wecken sollen ... aber ich musste mich ... ähm ... übergeben, als ich aufgewacht bin. Es war mir so schlecht und dann noch dieser fürchterliche Gestank des Blutes - ich habe es nicht ausgehalten."
Plötzlich bereute er es, dass er sie so angefahren hatte. Also legte er ihr die Hand auf die Schulter und schüttelte lächelnd den Kopf. "Es ist - keine Sorge. Du hast mir einfach einen Schrecken eingejagt." Nach einem Augenblick fügte er hinzu: "Und ich kenne das; dieser Geruch kann auch den stärksten Mann mürbe machen..."
Sie nickte langsam, den Blick offen auf sein Gesicht gerichtet. "Es tut mir trotzdem leid."
Musste sie sich denn nun schon wieder entschuldigen? Es machte ihn unbehaglich und betreten. Seine Finger drückten zu, bohrten sich bestätigend in ihre Schulter, worauf sie ihm ein kleines Lächeln schenkte. "Was ist der Plan?", wollte sie schliesslich wissen.
"Meinst du den, der dich wieder auf die Beine bringen soll?" Wie beabsichtigt liess der von ihm angeschlagene scherzhafte Ton die Stimmung wieder ins Unbefangene kippen. Er ergriff ihre Oberarme und zog sie langsam auf die Füsse, liess sie erst wieder los, als er sich sicher war, dass sie nicht gleich wieder umkippen würde.
Wenige Minuten später sassen sie auch schon wieder vor dem Felsen - in ihrem Fall sogar vollständig bekleidet - und hielten jeweils ein Power Bar in der Hand. Sam knabberte nur sehr zurückhaltend an ihrem Riegel, der zugegeben nicht besonders lecker aussah aber seinen Zweck erfüllte - so wie sich das für eine militärische Ration eben gehörte. Vermutlich lag es jedoch nicht an allfälligem Missfallen, sondern eher an ihrer erwähnten Übelkeit, dass sie das Ding schliesslich wieder in die aufgerissene Folie zurückschob, obwohl sie nicht einmal die Hälfte davon gegessen hatte.
"Sobald wir wieder hier raus sind, fahre ich dich in ein Krankenhaus", sagte Steve, den Blick auf ihr blasses Gesicht gerichtet.
"Aber zuerst müssen wir noch dieses blöde Grundstück finden...", murmelte sie, besah sich abwesend die Reste des spärlichen Mahls in ihren Händen.
"Ganz sicher nicht. Du kannst in deinem Zustand nicht durch die Wildnis wandern und ich beabsichtige nicht in eine weitere Falle zu laufen. Wir gehen zurück."
Perplex wandte sie den Kopf in seine Richtung, schoss einen stirnrunzelnden Blick auf ihn ab. "Aber... Was hat das dann alles gebracht, wenn wir jetzt einfach wieder einen Rückzieher machen! Ich weigere mich das als gescheitertes Vorhaben abzuhaken und unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu gehen!"
"Wir verschwinden und das ist mein letztes Wort", gab er ungerührt zurück und stopfte die leere Verpackung seines Power Bars in den Rucksack, dann nahm er Sam den ihren ab, um auch diesen wegzustecken.
"Dein letztes Wort? Was bin ich denn hier? Deine Untergebene? Ein Kind?" Wenn das möglich gewesen war, dann war sie gerade noch blasser geworden. Die Art und Weise, wie sie ihre Hand am Boden aufstützte deutete darauf hin, dass ihr die Aufregung nicht gut tat. Was musste sie auch immer so stur sein?
Steve seufzte resigniert, dann beugte er sich zu ihr vor, bohrte seinen Blick in den ihren: "Es ist nicht sicher, Sam. Ich kann dich hier nicht beschützen - dieses Gelände lässt das nicht zu. Wenn ich alleine wäre, dann..." Er unterbrach sich selbst, leckte sich kurz über die Lippen, rang mit den richtigen Worten. "Dass du dich verletzt hast ist schon schlimm genug. Noch einmal wird das nicht vorkommen. Nicht so lange du mich nicht gefesselt und geknebelt hast!"
Sie sah ihn ungerührt an, einen bitteren Zug um die Mundwinkel. "Und ich habe da nichts zu sagen, oder wie?"
"Wenn du ein Argument hast, um mich vom Gegenteil zu überzeugen, dann nur zu - aber ansonsten: nein."
Sie gab ein ärgerliches Schnauben von sich und wandte den Blick von ihm ab, als könnte sie seinen Anblick plötzlich nicht mehr ertragen.
Steve rollte mit den Augen, hin und her gerissen, zwischen dem Ärger über ihren Starrsinn und dem Gefühl nachvollziehen zu können, wie es ihr gerade erging. Auch ihn befiel die Frustration, wenn er daran dachte, dass ihre ganze Aktion ausser diesem dicken, fetten Rückschlag nichts eingebracht hatte. Aber was ihn viel mehr im Griff hatte war die Sorge. Wenn er die spielverderbende Stimme der Vernunft geben musste, dann bitte. Besser sie war wütend und am leben, als...
"Komm, wir müssen los. Wir haben schon zu viel Zeit vertrödelt." Er richtete sich auf, ergriff abermals ihre Oberarme und zog sie auf die Beine.
Sie strich sich das feuchte, gekringelte Haar aus dem Gesicht und würgte ein halbherziges "Danke" hervor, bevor sie die Hand nach dem Rucksack ausstreckte. Doch er hielt sie auf, ergriff diesen rasch vor ihr. Als sie ihn fragend ansah, schüttelte er lediglich den Kopf und streifte ihn sich über, sodass er nun einen am Rücken und vor der Brust trug. Mit einem Nicken in Richtung des Wasserfalls bedeutete er ihr ihm zu folgen, dann setzten sie sich gemeinsam in Bewegung.


***


Ihr war so schlecht, dass sie kaum klar denken konnte. Die Übelkeit kam in Wellen, hartnäckig und unbarmherzig. Aber auch wenn sie gerade nicht das Gefühl hatte, dass ihr Magen entschlossen war sie fertig machen, ging es ihr ausgesprochen dreckig. Sam versuchte sich nur darauf zu konzentrieren einen Fuss vor den anderen zu setzen, nicht an das Dröhnen zwischen ihren Schläfen zu denken oder dem Bedürfnis nachzugeben angewidert nach dem etwaigen süsslichen Geruch von Blut zu schnüffeln, der bestimmt immer noch von ihrer Kleidung ausging. Aus den Augenwinkeln registrierte sie, dass Steve immer wieder besorgte Blicke auf sie abschoss und die Unruhe, die er ausstrahlte setzte sie irgendwie unter Druck. Sie wusste, dass er sich nur Sorgen machte und ihm daran gelegen war sie so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen - aber genau das war es. Sie fühlte sich wie ein Klotz an seinem Bein. Ausserdem hasste sie es sich so hilflos und abhängig vorzukommen. Sicher, wenn es vernünftig war, dann konnte sie Hilfe durchaus ohne schlechtes Gewissen annehmen, aber das hier war irgendwie an dem Tag ausgeartet, an dem sie, bewaffnet mit ihren Koffern, den Fuss über die mcgarrettsche Schwelle gesetzt hatte.
Wie lange es her war, dass sie von ihrem Nachtlager losgegangen waren, angefangen hatten sich durch dieses hüfthohe Dickicht von Farnen zu pflügen, konnte sie bei bestem Willen nicht sagen. Vielleicht hätte sie zur Orientierung die einzelnen Wellen der Übelkeit zählen sollen, dachte sie bitter, als Steve den Arm ausstreckte und ihr bedeutete anzuhalten. Also blieb sie stehen, starrte abwesend auf den Flecken Erde vor sich, verlor sich in der Betrachtung eines moosbewachsenen Felsens, lächelte als das Bedürfnis in ihr aufkam mit den Fingern über das Moos zu streichen. Bestimmt war es furchtbar flauschig und - ...
"Das gefällt mir nicht, Sam", sagte Steve und riss sie aus ihrer Naturbetrachtung.
"Hm?", machte sie. Im Moment traute sie ihrem Magen nicht wirklich über den Weg und dieses Frösteln, welches gerade über ihren Rücken kroch, war irgendwie unheilvoll. Es war wohl besser den Mund nicht aufzumachen.
"Siehst du diese Wolken?" Er streckte die Hand aus und als sich Sam langsam in die entsprechende Richtung gedreht hatte, erkannte sie sofort was er meinte.
Da war ein Fleck zu ihrer Rechten, der frei von Bäumen war und den Blick auf diesen zentralen Berg der Insel freigab - oder eben nicht. Regenschwere, dunkle Wolken hatten sich wie ein Schleier darübergelegt und wenn sie nicht alles täuschte, dann wurde ein Teil des beeindruckenden Gebildes gerade von einem Blitz erhellt, als Steve das Offensichtliche aussprach:
"Da zieht ein verdammtes Gewitter auf."
"Können wir uns nicht einfach ... irgendwo unterstellen?"
"Es geht nicht um den Regen an sich." Er sah mit einem ernsten, angespannten Gesichtsausdruck auf sie herab. "Wenn wir Pech haben überrascht uns ein Sturzbach oder sogar ein Erdrutsch."
"Oh..." Fantastisch. Das waren ja nun wirklich tolle Neuigkeiten. Noch mehr Komplikationen gefällig? Wie wär's mit einem gepflegten Unwetter samt Erdrutsch? Sam schüttelte den Kopf, die Karikatur eines Grinsens auf den Lippen. Diese ganze Aktion stand offenbar unter einem sehr schlechten Stern. Nein, einem bösen Stern!
Und gerade als sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, wehte ein verhältnismässig heftiger Windzug über sie beide hinweg, erfasste Sams offenes Haar, um es aufzubauschen. Sie tauschten einen besorgten Blick, dann schlossen sich seine Finger eisern um ihren Oberarm. Mit einem gebieterischen "Komm!" zog er sie mit sich, schritt so schnell aus, dass sie einige Augenblicke lang mehr hinter ihm her stolperte, als ging. Offenbar war es ihm plötzlich egal, ob sie diesem Tempo standhalten konnte oder nicht. Zu Recht. Mit dem aufziehenden Sturm im Nacken konnten sie es sich nicht leisten Zeit zu vertrödeln. Dennoch; das Dröhnen in ihrem Kopf wurde so schlimm, dass sie zeitweise die Augen schliessen musste und die Übelkeit hielt ihren Magen nun in einem ununterbrochenen Klammergriff fest. Sie gab jedoch keinen Mucks von sich, setzte tapfer einen Fuss vor den anderen. Duschaffstdasduschaffstdasduschaffstdas....
Etwa um die Zeit, als der Wind begann unmissverständlich nach Regen zu riechen, so stark geworden war, dass er ihr eine Gänsehaut bescherte, konnte sie nicht mehr. Sie stemmte die Fersen in die weiche Erde, riss ihren Arm aus seinem Griff, stützte die Hände auf den Knien ab und gab auf. Gleich einer gewaltigen Flut brandete die Übelkeit durch ihren Bauchraum, entlud sich nur Augenblicke darauf in einem überwältigenden Krampf. Steves Hände schlossen sich um ihre Schläfen, schoben ihr das Haar aus Weg und während sie sich krümmte, eine um die andere Welle über sie hinwegfegte, hielt er sie ruhig fest. Ihre Seite war gegen seinen Oberschenkel gepresst, was sie ein bisschen stabilisierte, aber den Schwindel nicht ganz in Schach halten konnte. Noch lange nachdem ihr Magen leer war schüttelten sie die Krämpfe. Sie hatte das Gefühl, dass sich ihre Seele aus ihr herauswinden wollte.
Doch schliesslich, nach einer endlos erscheinenden Zeit, ebbte die Übelkeit langsam ab. Sie atmete tief durch, dann richtete sie den Oberkörper wieder auf. Ihre Finger krallten sich in den Stoff an seiner Brust, suchten und fanden Halt, als sie heftiger Schwindel erfasste. Kleine Lichtblitze tanzten unter ihren geschlossenen Lidern umher.
"Hier, trink einen Schluck."
Sie öffnete die Augen nur kurz um nach dem metallenen Behälter zu greifen. Das erste bisschen Wasser spuckte sie wieder aus, nachdem sie ihren Mund gespült hatte, dann trank sie vorsichtig eine kleine Menge der lauwarmen Flüssigkeit, um ihm die Feldflasche schliesslich wieder zu reichen.
"Weiter geht's", sagte sie mit krächzender Stimme. Ihre Kehle war wund, brannte von der Säure und der furchtbare Geschmack auf der Zunge war kaum auszuhalten.
"Sicher?"
"Habe ich eine Wahl?", fragte sie zurück und sah Steve mit einem schwächlichen Lächeln an.
Dieser schenkte ihr einen befremdlich warmen Blick und hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie gesagt, dass dieser vor Zuneigung nur so überlief. Aber das war absurd; der Schlag auf den Kopf und so...
Dieses Mal war sie es, die sich an seinem Arm festhielt, als sie sich wieder in Bewegung setzten. Wonach Steve genau Ausschau hielt wusste sie nicht und sie konnte sich nun auch nicht damit befassen. Er wusste bestimmt was er tat; sie vertraute auf seine Kenntnisse und beschied sich damit so schnell wie es ging neben ihm einherzugehen. Der Kopfschmerz war überpräsent, kaum auszuhalten, aber wenigstens war ihr nicht mehr so schlecht wie vorhin. Die Frage war nur noch wie lange das so bleiben würde.
Irgendwann fiel sie schliesslich in eine Art Dämmerzustand; der Wind, der Schmerz, das automatisierte Gehen, die Schwüle, ihre zittrigen Beine, Steves Anwesenheit, das Grün um sie herum - all das verschwamm zu einem grossen Ganzen, rückte gleichzeitig irgendwie in die Ferne. Sie fühlte sich, als wäre sie in einer Blase. Einer reichlich ungemütlichen, voller unangenehmer Empfindungen zwar, aber dennoch schirmte sie Sam auf eine Weise ab.
"Hier - das wird reichen müssen..." Steves Hand legte sich in ihren Rücken, die andere ergriff ihre Schulter, dann schob er sie nach links.
Sie öffnete die Augen - wann hatte sie diese eigentlich zu gemacht? - und erblickte riesenhafte Wurzeln direkt vor sich. Sie standen am Fuss eines Hanges. Ein mächtiger Baum hatte mit seinem Wurzelwerk eine Art überdachten Unterstand kreiert; der grösste Teil der verankernden Auswüchse steckten im Erdreich des Hanges, doch ein Bruchteil davon hatte sich aus der Erde befreit. Oder war davon befreit worden.
"Aber ist das nicht gerade durch einen Erdrutsch entstanden?", fragte sie besorgt und sah über ihre Schulter hinweg in Steves Gesicht.
"Ja, aber das war vor langer Zeit. Siehst du wie die Wurzeln mittlerweile - ach, verflucht! Rein mit dir und keine Fragen mehr!"
"Ist ja gut!"
Langsam, wimmernd vor Schmerz, liess sie sich auf die Knie sinken und kroch unter dem Geäst hindurch. Als sie einmal den Rücken an der kühlen Erde angelehnt hatte, stellte sie fest, dass der Unterstand geräumiger war, als er von aussen ausgesehen hatte. Steve warf die Rucksäcke auf den Boden, dann gesellte er sich zu ihr. Sie liess ihren Blick nur kurz über seine Gestalt schweifen, beruhigt, dass er da war, dann schloss sie die Augen und lehnte den Kopf nach hinten an.
Es fühlte sich an, als hätte sich ein fieser Zwerg in ihrem Schädel eingenistet um dort drin Squash zu spielen. Das Hämmern und Dröhnen nahm ihre gesamte Aufmerksamkeit ein. Nur ein kleiner Hauch war damit beschäftigt über diese neue, drohende Gefahr, die der Sturm mit sich brachte zu sinnieren. Es war der Teil von ihr, der noch mit ihren Sinnen zusammenhing, das immer näher kommende Grollen hörte, die feuchtschwüle Luft atmete.
Nach einer Weile spürte sie eine Berührung an ihrem Arm, wandte sich Steve zu und begegnete seinem eindringlichen Blick. Dieses Blau schweifte über ihre Züge und sie schenkte ihm unwillkürlich ein mattes Lächeln, welches auch prompt zurückkam.
"Wir schaffen das", sagte er und nickte bekräftigend. "Geht es einigermassen?"
Und obwohl sie schmerzbenebelt war und ihr Hirn nur sehr langsam zu arbeiten schien, hörte sie die Sorge aus seiner rauen Stimme heraus. Der arme Kerl... Wo hatte sie ihn da nur hineingeritten?
"Uh-huh...", machte sie und hob die Hand, legte diese auf seine stoppelbärtige Wange.
Er machte für den Bruchteil eines Herzschlages Anstalten zurückzuweichen, doch dann hielt er inne und neigte den Kopf stattdessen ihrer Hand entgegen. Ein halbes Lächeln zog den einen Mundwinkel nach oben und er blinzelte ihr ein paar Mal langsam entgegen.
"Es wird schon schief gehen", sagte sie leise.
Steve sah so aus, als wollte er etwas erwidern, doch in diesem Moment rollte der Regen heran, begann so plötzlich auf die Erde zu prasseln, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Sam zog ihre Hand zurück und blickte unwillkürlich nach oben, obwohl da nur braune Erde und die feinen Adern der Wurzeln zu sehen waren. Es wurde auf einen Schlag hell, dann wieder dunkler und beinahe zeitgleich durchschnitt der Donner den Himmel über ihnen. Es klang als zerreisse jemand ein überdimensioniertes Blatt Papier und das auf eine sehr vehemente, unbarmherzige Art und Weise. Sie hatte noch nie Angst vor Gewittert gehabt, nicht einmal als Kind, aber es gab ja bekanntlich für alles ein erstes Mal. Hier draussen, den Naturgewalten ausgesetzt und mit nichts weiter, als ein paar Wurzeln über dem Kopf - welche genau genommen nichts anderes als jämmerliche Stöckchen waren - wurde ihr bewusst, dass das alles gar nicht so spassig war, wie sie bisher immer der Meinung gewesen war. Aus der Sicherheit der eigenen vier Wände heraus waren Gewitter an schwülen Sommerabenden aber auch nicht mit diesem Spektakel zu vergleichen, welches gerade über sie beide hereinbrach.
Innerhalb von wenigen Minuten war ihr Hosenboden so nass, dass sie sich ungemütlich wand. Selbst wenn der Regen - so heftig, dass er diese Bezeichnung schon beinahe lächerlich erscheinen liess - nicht von oben kam, so kroch das Wasser über den Boden auf sie zu, durchtränkte den Grund auf dem sie sassen. Sie zog die Beine an den Körper an, betrachtete die kleinen Bäche, die sich vor dem Unterstand über die Erde schlängelten, die Schleier des Regens welche hierhin und dorthin schweiften und den kleinen, hauseigenen Wasserfall, der von den Wurzeln vor ihnen herablief.
So einschüchternd das Ganze auch war, wenigstens lenkte es sie für eine Weile von ihrem Schmerz ab. Doch nicht für lange. Irgendwann setzte nämlich erneut die Übelkeit ein und Sam stöhnte gequält auf - jetzt ging das wieder los... Sie schloss die Augen und lehnte den Hinterkopf gegen das Erdreich, versuchte an etwas Erfreuliches zu denken, was aber nicht ganz gelingen wollte. Stattdessen kamen seltsame Bilder in ihr auf, halb verschüttete Erinnerungen, von denen sie nicht einmal mehr wusste, dass sie noch irgendwo in ihren Hirnwindungen hängen geblieben waren.
Flaschenspielen an Dees vierzehntem Geburtstag und wie sie genau den hübschesten Jungen erwischt hatte, aber vor lauter Erwartungsdruck einen Rückzieher gemacht und hämisches Gelächter geerntet hatte. Wie war sein Name noch gewesen? Irgendwas Südländisches, weil er doch aus Honduras war. Oder war es Bolivien gewesen? - Diese Woche, die sie alleine mit ihrem Vater verbracht hatte, als ihre Mutter wegen einer Operation im Krankenhaus gewesen war und wie es jeden Tag Chicken Karahi vom Inder um die Ecke gegeben hatte. Wie alt war sie da gewesen? Sieben, acht? Auf jeden Fall war das kurz vor der Scheidung und dem Umzug nach Amerika gewesen. - Das furchtbare, blassrosa Kleid welches sie hatte tragen müssen, als ihre Mutter eine dieser blöden Nachbarschaftsparties geschmissen hatte und wie sie sich mit Absicht damit in den Rasen gesetzt hatte, um es zu ruinieren. Mit durchschlagendem Erfolg und einem schrecklichen Donnerwetter als Folge, natürlich. - Und wo war eigentlich diese Postkarte mit Jane Austens Portrait hingekommen, die über dem Schreibtisch gehangen hatte, damals während der Zeit des Studiums? Später, einige Jahre danach hatte sie sich diese unglaublich teure Gesamtausgabe ihrer Lieblingsautorin geleistet, in Leder gebunden und mit Goldschnitt, nur um sie eine Woche darauf mit Schwarztee zu besprenkeln, als sie sich beim Lesen verschluckt hatte. Noch immer war die Doppelseite mit dem herzerwärmenden Brief von Kapitän Wentworth an seine Anne Elliot völlig fleckig, beinahe unleserlich. Ausgerechnet diese eine Stelle... Richard hatte sie doch einmal gefragt wieso er diesen Wälzer ständig an einer anderen Stelle in ihrer Wohnung auffand; mal auf dem Esstisch, mal neben dem Bett, mal auf dem Fensterbrett im Arbeitszimmer, aber niemals in einem der Bücherregale. Ihre Begeisterung für die Autorin hatte ihn dann aber nicht wirklich überzeugen können - oder er war einfach von ihrem Enthusiasmus erschlagen gewesen, hatte sich nicht die halbe Lebensgeschichte einer längst verstorbenen Frau anhören wollen.
Und da war sie schon wieder angelangt. Sams Magen verkrampfte sich, aber dieses Mal nicht der Gehirnerschütterung wegen. Die Erinnerung an ihren Verlobten war irgendwie vergiftet, fühlte sich seit sie hierhergekommen war falsch an. Sie wusste einfach, dass am Grunde dieses ganzen Wirrwarrs von Fragezeichen etwas Unerfreuliches lauerte. Aber sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie konnte sich gerade über gar nichts den Kopf zerbrechen, weil sich dieser gerade genau so anfühlte. Wenn diese Schmerzen doch nur aufhören würden... Bitte, konnte sie nicht einfach jemand abstellen?
Von weit weg her bemerkte sie wie sich warme, feste Finger um ihre Hand schlossen. Sie hatte keine Kraft, um den steten Druck zu erwidern. Jede Bewegung schmerzte und ausserdem würde sie damit diesen Schleier wegscheuchen, der sich gerade über sie legte. Diese leise, schleichende Dämmerung des sich anbahnenden Schlafes war launisch und wollte nicht verschreckt werden. Also atmete Sam einfach weiter, den schmalen Punkt ihrer schwindenden Aufmerksamkeit auf die beruhigende Berührung gerichtet.
Als sie der Oberfläche irgendwann wieder näher kam, bemerkte sie, dass sich ihr Kopf hob und senkte, regelmässig und irgendwie beruhigend. Langsam öffnete sie die Augen, erblickte blauen Stoff und einen gebräunten, leicht behaarten Unterarm. Sie flüsterte seinen Namen und als wäre es eine Frage gewesen sagte er:
"Ich bin hier."
Sam lächelte, denn obwohl dieses Vibrieren seines Brustkorbes unter ihrer Wange dem Schmerz in ihrem Kopf nicht gerade zuträglich war, so war es doch eine erfreuliche Empfindung.
Das nächste Mal wachte sie beinahe auf weil es ihr fröstelte. Sie gab ein leises Wimmern von sich, dann spürte sie wie eine warme Hand über ihren Oberarm rieb, kuschelte sich näher an diese halb unnachgiebige, halb anschmiegsame Unterlage, die sie an ihrem Körper fühlte. Und weil es dann auch schon weniger kalt war, schwebte sie wieder davon.
Wirklich wach wurde sie erst, als sie plötzlich sehr unsanft bewegt wurde und der Schmerz in ihrer Schläfe explodierte. Unendlich verwirrt versuchte sie die Benommenheit wegzublinzeln, hörte eine männliche Stimme, die harsch und gebieterisch, aber nicht nach Steve klang. Sie verstand die Worte nicht, zu sehr war sie damit beschäftigt die aufkeimende Übelkeit in Schach zu halten, indem sie immer wieder schwer schluckte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrer Sicht - oder doch? Es war dunkel, wie sie einige Herzschläge später realisierte. Das Licht war spärlich, was wohl bedeutete, dass es draussen bereits Nacht war. Sie konnte nur die Umrisse der herabhängenden Wurzeln erkennen. Und waren das nicht zwei Beine, die sich schwarz von dem bläulichen Hintergrund dahinter abgrenzten?
"Wirf deine Waffen raus. Keine Spielchen." Dieses Mal verstand sie was die Stimme sagte. Zumindest akustisch. Etwas regte sich bei dem Klang, aber sie war zu benommen um zu verstehen, was in ihr oder um sie herum vor sich ging.
Ihr Blick richtete sich nach links, als sie eine Bewegung registrierte. Steve fummelte etwas an seiner Seite herum, dann ertönten zwei dumpfe Aufschläge.
"Und jetzt gib ihr die hier. Du weisst was zu tun ist."
Wieder ein Aufschlag, dieses Mal irgendwo zu ihren Füssen. Ein metallisches Klirren ertönte, als Steve den Gegenstand aufhob, dann ein Klicken, welches ihr bekannt vorkam. Sie brauchte einige Momente um es zu identifizieren: Handschellen, die zugedrückt werden. Schliesslich, als ihr Steve seine Hände entgegenstreckte, sie perplex in sein Gesicht hochsah, erkannte wie er ihr grimmig zunickte, rastete die Erkenntnis ein: sie sassen in der Patsche. Aber so richtig.
Zitternd erfasste sie das kalte Metall und schloss es um sein anderes Handgelenk, während ihr das Herz in der Kehle hämmerte. Ihre Finger umfingen die seinen und er drückte fest zu, ein weisses Aufblitzen zeugte von einem Lächeln seinerseits.
"Tu' einfach was er sagt", flüsterte er, nickte wieder.
"Und nun raus hier. Aber ich warne dich; versuch keine Tricks. Nicht, wenn sie am Leben bleiben soll."
Sam hätte sich am liebsten an seine Beine geklammert, als Steve einen Augenblick später davonkroch - nicht ohne ihr noch einen letzten, bestätigenden Blick zuzuwerfen. Als sich eine Waffe durch die Wurzeln hindurch auf sie richtete, sie direkt in den Lauf sah und der Typ "Und jetzt du!" sagte, dachte sie sich gleich wieder übergeben zu müssen. Und tatsächlich; kaum hatte sie die Anstrengung sich unter dem Gewirr von Wurzelwerk durchzukriechen und auf der anderen Seite aufzurichten, hinter sich gebracht, überkam sie das Würgen.
"Netter Versuch", blaffte der Typ und versetzte ihr einen Stoss in den Rücken.
Mit einem Keuchen fiel sie um, kam auf allen Vieren zu stehen, während sie die Übelkeit noch eisern im Griff hielt. Die kalte, nasse Erde unter ihren Händen war der einzige Halt, in diesem taumelnden Schwindel. Steves Stimme erklang grollend und zornig über die Geräusche ihres Spuckens und Hustens hinweg:
"Sie ist krank, Arschloch! Dank deinem kleinen Manöver hat sie eine Gehirnerschütterung."
"Nenn mich noch einmal so und kannst dich von ein paar deiner Zähne verabschieden." Eine kleine Pause, dann sprach der Andere weiter: "Dann trägst du sie wohl, bis wir an unserem Ziel angekommen sind. Los, los, los!"
Wieder runzelte Sam die Stirne; was war nur mit der Stimme dieses anderen? Irgendetwas stimmte da nicht, aber sie kam nicht darauf. Ihr Kopf dröhnte, fühlte sich an, als würde er jeden Moment platzen. Am Rande registrierte sie, wie sie auf die Beine gezogen, dann mit einem furchtbaren, plötzlichen Ruck in die Höhe gehoben wurde. Ihre Arme schlangen sich instinktiv um Steves Nacken, dann presste sie ihr Gesicht gegen seinen Hals. Was ging hier eigentlich vor sich? Ihre Aufmerksamkeit kam und ging in Wellen; mal verstand sie was passierte, dann legte sich der Schleier wieder um sie und sie konnte nichts anderes, als ihren rebellierenden Körper wahrnehmen.
Dieses Auf und Ab von Steves Schritten war schrecklich, aber er hatte keine Wahl, als schnell auszuschreiten. Die zermürbenden, kläffenden Befehle, die von hinten kamen, waren unmissverständlich. Sam hielt einfach die Augen geschlossen und versuchte alles andere ausser dem Geräusch seines Atems auszublenden. So dämmerte sie auch tatsächlich weg, obwohl sie durchgeschüttelt wurde, obwohl ihr speiübel war.
Sie kam erst wieder zu sich, als helles, künstliches Licht durch ihre geschlossenen Lider drang. Stöhnend vergrub sie ihr Gesicht wieder an Steves Schulter, doch dann, nach einer kurzen Weile, liess er sie sinken, löste ihre Arme von seinem Nacken. Warum? Wohin wollte er denn?
Blinzelnd schlug sie die Augen auf und sah in sein angespanntes, dreckverschmiertes Gesicht. Als er ihren Blick bemerkte, nickte er ihr schon wieder bestätigend zu, obwohl die Sorge in seinen Augen diese Geste mit wehenden Fahnen Lüge strafte. Langsam richtete er sich auf und erst dann wurden Sam einige Dinge bewusst: sie befanden sich in irgendeiner Art Bunker, sie sass auf einem harten, kalten Stuhl und jemand war gerade dabei ihre Hände hinter ihrem Rücken an die Lehne zu fesseln.
"An die Wand mit dir!", kam es bellend von hinten.
Steves Blick loderte vor Hass, als er einige Schritte rückwärts machte und an einem Gerüst in der Ecke innehielt. Erst auf einen zweiten, benebelten Blick hin erkannte Sam, dass das kein Gerüst, sondern ein stählernes Doppelstockbett war, welches in den Beton von Decke und Wand eingelassen war. Nun kam auch der Mann, oder eher seine Rückseite, in Sicht; er schritt rasch auf Steve zu, die Waffe drohend auf ihn gerichtet, dann erklangen Geräusche von Metall, welches auf Metall schlägt und als sich der Typ gleich darauf wieder aufrichtete, wurde klar, dass er Steve gerade an eine der Stangen des Bettes gefesselt hatte.
Ihr Blick suchte den seinen, aber bevor er sie ansehen konnte, versperrte ihr die Gestalt des Häschers die Sicht auf Steve. Sie presste die Lippen aufeinander, bereit den Typen hasserfüllt und trotzig anzusehen, doch als sich ihre Augen nach oben richteten, setzte ihr Herz einen Schlag aus und die Luft blieb ihr weg. Die Umgebung taumelte, die Wände schienen sich auf sie zuzubewegen.
"Hi, Sam."
Sie sah in dieses Gesicht, welches von einem kalten, sarkastischen Grinsen beinahe bis zur Unkenntlichkeit entstellt war, spürte, wie sich der einmal so vertraute, eisblaue Blick in den ihren bohrte und fühlte wie etwas in ihr zerbrach. Endgültig und unbarmherzig. Schliesslich, nach einem langen, fürchterlichen Moment war es nur ein Wort welches atemlos über ihre Lippen kam:
"Richard."

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Jul 18, 2013 10:08 am

6. Ua Hopu

Caught - Gefangen


"Das Wiedersehen kommt früher als geplant und ich kann auch nicht gerade sagen, dass es eine Freude ist.
Sams Hirn war immer noch dabei die Tatsache zu verarbeiten, dass ihr verschollen geglaubter Verlobter plötzlich vor ihr stand. In diesem Zusammenhang. Sie und Steve gerade entführt und in einen Bunker gesperrt hatte. Das konnte doch nicht sein! Vielleicht halluzinierte sie ja gerade. Oder es war ein seltsamer Traum. Also starrte sie ihn einfach an, regungslos und stumm.
"Du bist wohl kränker als gedacht, wenn es dir die Sprache verschlagen hat." Da war es wieder. Dieses humorlose Grinsen, das gut und gerne einem Horrorstreifen hätte entsprungen sein können. Der fürchterliche Anblick brachte sie zur Besinnung. Zumindest so weit wie es in ihrem angeschlagenen Zustand möglich war.
"Was soll das hier?" Sie fasste mit einer kleinen Geste den gesamten Raum ein, ignorierte den Schwindel, der sie bei der Kopfbewegung befiel.
"Ah, es kann ja doch noch sprechen", erwiderte er mit einem Ton, der vor Ironie nur so triefte.
Was war das nur für eine verzerrte, falsche Version des Richards, den sie gekannte hatte? Aber 'gekannt' war offenbar das falsche Wort. Wie falsch, wurde ihr bei seinen nächsten Sätzen klar.
"Nun, nicht, dass es dich etwas angehen würde, aber ihr beiden seid noch hier weil ich nicht genau weiss was ich mit euch machen soll. Noch nicht. Die Schnitzeljagd hat eine unerwartete Wendung genommen. Und bis ich mir das überlegt habe, könnt ihr ein kleines Pläuschchen halten. Leider kann ich nicht zulassen, dass dir dein Retter die Hand hält - du verstehst sicher weshalb."
Ein letztes Mal schweiften die hellen Augen über ihre versteinerten Züge, dann richtete er ein abstossendes, durchtriebenes Lächeln an sie und schritt schliesslich an ihr vorbei. Gleich darauf fiel eine Tür hinter ihr zu und liess klingende Stille in dem Raum zurück.
Sam starrte abwesend auf den grauen Boden vor sich und wusste nicht was sie denken sollte. Es war zu viel. Die auf sie einstürzenden Erkenntnisse wären in einer normalen Verfassung schon zu überwältigend gewesen, aber sie war krank und angeschlagen und müde. So todmüde, dass sie einfach nur die Augen schliessen und diesem ganzen Mist entkommen wollte. Da war eine grosse, klaffende Wunde, ein lauernder Abgrund, der drohte sie zu verschlucken, aber sie hielt sich davon fern. Noch nicht. Es war nicht die Zeit, sich dem Schmerz hinzugeben.
"Sam?"
Ihr Blick richtete sich langsam auf Steve, wie er in der Ecke auf dem Boden sass, die Arme um die Stange gelegt, mit den Handschellen daran gefesselt und musste schwer schlucken. Nicht genug, dass sie sich selbst in diese Situation reingeritten hatte, nun war auch er hier, diesen unbekannten Plänen ausgeliefert, von denen sie nicht einmal wissen wollte was sie für sie bereithielten. "Es tut mir so leid", krächzte sie und schloss die Augen. Der Abgrund kam näher und wenn sie Steve noch eine Sekunde länger angesehen hätte, wäre es um sie geschehen gewesen.
"Still jetzt! Ich will, dass du nach deinen Fesseln fühlst. Ist etwas locker?"
Sie tat wie geheissen, die Lider entschlossen aufeinander gepresst. Das dicke Seil fühlte sich unnachgiebig an, war sehr eng um ihre Handgelenke gebunden. Sie spürte wie es ihr bereits die Blutzirkulation abschnürte. "Nichts."
"Und der Stuhl? Irgend eine Stelle, die nachgeben könnte?"
Stöhnend verbog sie sich, tastete an dem kalten Metall entlang, liess ihre Finger über jede Stelle gleiten, die sie erreichen konnte. "Die eine Schraube, die die Lehne mit der Sitzfläche verbindet, steht mehr ab, als die andere ... glaube ich."
Ein Seufzen erklang aus Steves Richtung, dann nach einigen Momenten der Stille das Klirren von Metall gegen Metall. Vermutlich testete er gerade die Stabilität des Bettes und als ein erneutes Seufzen zu hören war, wurde klar, dass diese nichts zu wünschen übrig liess. Sam schüttelte leicht den Kopf, auch wenn es diesem nicht gut tat. Das war es dann wohl... Wenn Richard zurückkommen würde, dann sicher um sie beide zu erschiessen oder Schlimmeres. Diese dumpfe, leere Hoffnungslosigkeit, die sich in ihr breit machte war auf eine Weise willkommen. Es war jedenfalls besser, als zu heulen oder vor Angst gelähmt zu sein. Sie gab sich dieser hin, senkte ihr Kinn auf die Brust und verfiel schliesslich in einen Dämmerzustand.
Es war eine neue Welle der Übelkeit, die sie schliesslich daraus herausriss. Sie gab ein Stöhnen von sich. Ich kann nicht mehr, dachte sie resigniert. Oder hatte sie es etwa laut ausgesprochen? Steve schien nämlich darauf zu antworten, als er gleich darauf sagte:
"Halt durch. Mein Team ist auf dem Weg; sobald ich mich nicht mehr gemeldet habe, werden sie Massnahmen ergriffen haben um uns zu finden."
"Wir wissen ja selbst nicht wo wir sind..." Den Rest des Satzes liess sie in der Luft hängen. Worte aneinander zu reihen war verflucht anstrengend.
"Ich denke, ich weiss ziemlich genau wo wir sind. Wenn das nicht Mercers Grundstück ist, dann fresse ich einen Besen." Steve klang befremdlich energisch. Woher nahm er die Kraft dafür? Wenn sie ihn angesehen hätte, wäre da bestimmt ein entschlossener Gesichtsausdruck auf seinen Zügen zu sehen gewesen.
Aber sie hielt die Augen weiterhin geschlossen; das grelle Licht war auch so schon unangenehm genug. Als seine Stimme einige Herzschläge später wieder erklang, zuckte sie leicht zusammen, weil sie bereits wieder dabei gewesen war weg zu dämmern.
"Wegen des zweiten Weltkrieges haben sie überall auf Hawaii diese Bunker gebaut und mittlerweile sind einige in Privatbesitz übergegangen. Die Frage ist jetzt nur noch wieso dieser Typ einen haben wollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ihn aus Nostalgie gekauft hat..."
Was redete er da überhaupt? Sie öffnete die Augen, sah ihn matt an. "Wen kümmert das? Wir werden diese Nacht vermutlich nicht überleben. Nichts könnte mir gerade unwichtiger sein, als was in Mercers Kopf vorgegangen war, als..." Sie hielt inne, schluckte schwer, als sich ihr der Magen unheilvoll umdrehte.
"Er hätte uns längst umgebracht, wenn da nicht ein sehr guter Grund wäre uns am Leben zu halten. Das hier ist noch lange nicht vorbei." Er sagte das während er den Kopf gegen die Wand in seinem Rücken gelehnt hatte und an die Decke starrte.
"Und das soll mich hoffnungsvoll stimmen?"
Sein Blick richtete sich auf sie. "Vertraust du mir?"
Worauf wollte er denn nun hinaus? Das wusste sie zwar nicht, aber die Antwort auf seine Frage war eindeutig. "Ja."
"Dann stell dir einfach vor wie Chin und Kono und Danny mit jeder Sekunde näher kommen."
Wie er seine Hoffnung auf seine kleine Familie setzte, darauf vertraute, dass sie herbeieilen würden um sie zu retten - es stimmte sie plötzlich furchtbar traurig. Sie würde der Grund sein, weshalb er die drei nie mehr wieder sehen würde. Die Schuldgefühle krochen in ihr hoch und schnürten ihr die Luft ab. Überwältigt schloss sie die Augen, wünschte sich, dass einfach alles vorbei sein möge. Aber ihr Wunsch wurde nicht gehört.
Stattdessen ging die Tür einige Minuten später wieder auf und schwere Schritte erklangen. Sie wappnete sich gegen diesen Anblick, aber als sich ihre Augen auf Richard richteten, fühlte es sich abermals so an, als würde sie jemand mit einem Alptraum konfrontieren. Er war so verändert... Da war nur noch ein Hauch ihres Verlobten übrig. Aber was dachte sie da eigentlich? Verlobter! Sie war wohl mit einer Scharade zusammen gewesen. Mit jemandem, den es in Wirklichkeit gar nicht gab.
"Was siehst du mich so an?", fragte er nach ein paar Momenten der Stille. Oh, wie sehr sie sich wünschte dieses ekelhafte Grinsen von seinen Zügen fegen zu können. "Wir hatten doch auch Spass, nicht?"
Die Wut brodelte in ihr auf, als sie das anzügliche Funkeln in seine Augen sah. "Du vielleicht. Es war immer sehr kurz, wenn ich mich recht erinnere." Da. Diese Worte bewirkten für einen kurzen Moment ein Flackern des Grinsens, doch dann war es auch schon wieder zurück.
"Wenn du das sagst... Niemand sonst hat sich je beschwert."
"Du weisst es vielleicht noch nicht, aber wenn man für Sex bezahlt, dann auch für ein Vortäuschen von Spass." Wow. Eine Gehirnerschütterung hatte wohl auch ihre Vorteile. Bei klarem Verstand wäre ihr sowas vermutlich erst Wochen nach dem Gespräch eingefallen.
"Ja, netter Versuch." Er straffte sich, dann richtete er die Pistole in seiner Hand direkt auf ihre Stirne. Seine Stimme war plötzlich kälter als der Nordpol und als hätte es den Wortwechsel eben gar nicht gegeben, fragte er: "Wie habt ihr von diesem Grundstück erfahren?"
Es fühlte sich an, als würde sie durch den Fussboden brechen. Die Angst kam augenblicklich hoch und breitete sich unmissverständlich aus; in ihren starren Gliedern, dem leergefegten Kopf, der flachen Atmung. Seine Frage drang nur verspätet zu ihr durch. Sie war überzeugt, dass ihr letztes Stündlein nun geschlagen hatte. Dees Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf. "Von ... von dem Journalisten", hauchte sie, unfähig sich an dessen Namen zu erinnern.
"Was hat er euch sonst noch erzählt?", kam Richards schneidende Stimme.
"Nicht erzählt. Dateien auf einer SD-Karte."
"Wo ist sie jetzt?" Die Waffe kam näher, die gähnende Schwärze der Mündung zog Sams Augen hypnotisch an.
Es überlief sie heiss und kalt. Steve. Sein Haus. Sie konnte nicht antworten. Aber sie konnte auch nicht lügen. Nicht, wenn die Pistole nur Zentimeter vor ihrem Gesicht schwebte. Sie rang mit sich selbst, der Angst und dem plötzlich erstarkenden Stolz, entschied sich schliesslich dafür einfach nicht zu antworten. Bevor sie Steve noch mehr in Gefahr brachte würde sie sich eher erschiessen lassen. Denn am Ende würde sie so oder so sterben. Sam schluckte schwer und richtete die Augen schliesslich auf einen Punkt zu Richards Linken.
Seine Hand schoss vor, er packte sich das Haar an ihrem Hinterkopf, zwang ihren Oberkörper grob nach hinten und fing ihren Blick ein. "Sag mir wo die Karte ist!", zischte es und der kalte Lauf der Waffe wurde gegen ihre Kehle gepresst.
"Lass sie los, du Bastard!", erklang er grollend von Steve. "Die Karte ist bei mir. Ich kann dir alles sagen was du willst, nur lass sie ihn Ruhe!"
Richard wandte sich um, hielt Sam aber immer noch fest, zwang ihren Kopf sogar noch mehr in den Nacken. Ihr Hals war so sehr nach hinten gebeugt, dass sie kaum schlucken konnte. Sie starrte der vergitterten Lampe an der Decke entgegen, sah jeden der feinen Risse im Beton so genau, als wären diese unter der Lupe. Hörte über das Hämmern ihres Herzens hinweg das Summen der Lüftung. Roch einen Hauch von Rasierwasser, der von Richard ausging. Alle Sinne waren zum Zerreissen gespannt, aber dafür konnte sie keinen einzigen klaren Gedanken fassen.
"Gut, wir können das Spiel gerne umkehren" Ein Klicken ertönte, sie spürte wie Richard sein Gewicht leicht verlagerte und wusste, dass er die Pistole entsichert und auf sie gerichtet hatte. "Du beantwortest meine Fragen und sie bleibt am Leben ... vorerst."
Das Schweigen dehnte sich so lange aus, bis sich Sam zu fragen begann was vor sich ging. Veranstalteten die beiden eine Art Starr-Wettbewerb? Kommunizierten sie wortlos?
Aus jedem von Steves Worten, die schliesslich erklangen, sprach die pure Verachtung. "Die Karte ist in meinem Haus, im Arbeitszimmer. Darauf sind Dateien mit Beobachtungen über jeden von Nakumotus Schritten. In einem der Einträge hat er dieses Grundstück erwähnt. Deshalb sind wir hier."
"Und wer weiss von eurem kleinen Ausflug in die Wildnis?"
"Mein Team."
"Sonst niemand?"
"Nein."
"Immer noch der Held, was?", fragte Richard und sein Griff lockerte sich etwas. "Alles im Alleingang erledigen zu wollen passt zu dir."
Sams Augen richteten sich auf dessen Gesicht, als sich der Blonde plötzlich über sie beugte und mit einem Grinsen sagte: "Und ich wette du hast nicht zugelassen, dass er ganz alleine herkommt. Dein sturer Kopf hat gesiegt, oder?"
Mit einem unsanften Ruck liess er von ihrem Haar ab und sie beugte sich sofort leicht nach vorne, schloss die Augen, wartete ab, dass der Schwindel nachliess, die Übelkeit in den Hintergrund rückte. Dann richtete sie den Blick auf Steve. Er sah sie ohne zu Blinzeln an, der Ausdruck auf seinem Gesicht spiegelte jene Sorge um sie, die Sam wiederum wegen ihm verspürte.
"Ich verstehe ... das hier war also eine Art romantischer Ausflug", kam es von dem anderen Mann. Amüsiert und spöttisch. "Erstaunlich, wie schnell du dich erholt hast, Sam. Hat er dich gut getröstet? Lange genug für deinen Geschmack?"
Es waren nur zwei Worte, die sie an Richard richtete, als sie den Kopf nach rechts gewandt und ihm einen lodernden Blick des Hasses zugeworfen hatte: "Fick dich."
"Vielleicht später", gab dieser ungerührt zurück. "Jetzt will ich erst einmal die volle Wahrheit von jemandem von euch hören. Und wenn ich sage die volle, dann meine ich das auch so. Wer will zuerst?"
"Wir haben dir alles gesagt", erwiderte sie fest. Richards abschätzige Worte hatten ein Feuer in ihr entzündet. Es verdrängte die Angst, machte einer grimmigen Wut Platz. Wenn sie schon untergehen musste, dann mit wehenden Fahnen. Und sie würde es diesem Arschloch so schwer wie möglich machen.
„Versuch es nochmal.“
„Ich weiss nicht was du hören willst und auch wenn, würde ich dir einen Scheiss sagen.“
Der Schlag ins Gesicht kam nicht völlig unerwartet, war jedoch überraschend heftig, brachte den Stuhl an den sie gefesselt war zum Kippeln und der Schmerz in ihrem Kopf explodierte gleich einem Feuerwerkskörper, den jemand im Inneren ihres Schädels gezündet hatte. Ihr Bewusstsein driftete davon, atmete in der Schwärze, bis es schliesslich langsam in die Gegenwart zurückkehrte.
Offenbar hatte sie zwischenzeitlich einiges verpasst; Richard stand nicht mehr neben ihr, sondern hatte sich nun über Steve aufgebaut. Doch erst als ein heiseres Keuchen ertönte wurde ihr klar, was sie da gerade vor sich sah. Als der blonde Mann das nächste Mal mit dem Fuss ausholte und diesen in Steves Bauch rammte, gab sie ein gequältes Wimmern von sich.
„Du verdammter Bastard!“, rief sie beim nächsten Treffer so schrill aus, dass ihre Stimme von den Wänden zurückgeworfen wurde. Doch sie wurde nicht beachtet. Stattdessen musste sie hilflos mit ansehen wie Steve mit weiteren Tritten traktiert wurde und jeder der Schläge liess sie zusammenzucken, als wäre sie selbst getroffen worden. Es war eine unfassbare Qual. Sie wollte die Augen abwenden, konnte es aber nicht. Sie konnte gar nichts tun. Nur da sitzen, erfolglos an ihren Fesseln herumzerren, während die Tränen über ihre Wangen strömten. Als Richard schliesslich die Waffe hob und Steve den Griff ins Gesicht schlug, gab sie einen entsetzten Laut von sich. Ihr Herz verkrampfte sich, als der Getroffene gleich darauf Blut auf den Boden spuckte. Sie beobachtete wie er dem Mann, der über ihm stand einen kalten Blick zuwarf, als wollte er sagen, dass ihn das alles nicht schrecken konnte. Gerade holte der Blonde noch einmal aus, als sie aufschrie:
„Und du schimpfst dich einen Mann! Selbst ich könnte einen Gefesselten zusammenschlagen, du Idiot!“
Der Angesprochene hielt inne, drehte langsam den Kopf, sah sie über seine Schulter hinweg ausdruckslos an.
„Aber du weisst, dass du keine Chance gegen ihn hättest, oder?“ Einfach weiterreden, sagte sie sich. Hauptsache er war abgelenkt und liess von Steve ab. „Ist es das? Oder hat dich die Angst, dass dein kleiner Plan bachab gegangen ist verzweifeln lassen? Aber du warst ja schon immer ein Kontrollfreak! Wer sortiert denn schon seine Hemden nach Farbe? Ekelhafter Pedant! Ich hätte es wissen müssen. Hätte wissen müssen, dass du nichts anderes, als ein Psychopath in einer charmanten Verpackung bist!“
Am Rande registrierte sie, dass Steve vehement den Kopf schüttelte, aber sie achtete nicht auf ihn. Er wollte bestimmt nur weiter als Boxsack missbraucht werden, um von ihr abzulenken. Aber jetzt war sie an der Reihe. Sie war ohnehin schon Geplättet, da kam es auf ein paar Schläge mehr nicht an. Und wenn sie sich noch ein schmerzerfülltes Keuchen von ihm anhören müsste, würde sie den Verstand verlieren.
„Komm, es ist doch bestimmt mehr nach deinem Geschmack eine Frau zu schlagen!“
„Niedlich. Wie ihr hier voneinander abzulenken versucht.“ Richard wandte sich vollständig in ihre Richtung. „Ich lasse euch für eine Weile allein. Ihr könnt ja auslosen wer von euch mit der Wahrheit herausrücken soll. Natürlich dürft ihr es euch auch schwer machen, dagegen habe ich absolut nichts, aber ich denke doch, dass der weniger schmerzhafte Weg der bessere ist. Für euch.“ Und mit diesen Worten war er auch schon wieder verschwunden.
Sam gab ein frustriertes Aufheulen von sich, rüttelte an dem Stuhl, brachte ihn abermals zum Kippeln. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie den Wunsch jemanden zu schlagen. So richtig. Bis er sich nicht mehr bewegte, keinen Mucks mehr von sich gab. Und dann noch darüber hinaus. Die Wut in ihrem Bauch wurde nur noch von dem Hass übertroffen, den sie gerade verspürte.
„Ich bringe ihn um! Ich erwürge ihn eigenhändig!“, grollte sie heiser und zerrte heftig an ihren Fesseln, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war.
„Spar dir deine Kräfte“, kam es von Steve.
Aber sie hörte nicht wirklich auf ihn. Und ansehen wollte sie ihn schon gar nicht. Ihre Wut war gerade der bessere Gefährte, als es die Schuld gewesen wäre. Wieder bewegte sie die Arme, ruckartig und mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte - und verspürte plötzlich einen scharfen Schmerz an einem ihrer Knöchel.
Was war denn das? Hastig, suchend glitten ihre Finger über das Metall, hielten inne, als sie den Übeltäter entdeckt hatten. Die Schraube, die sie vorhin schon ertastet hatte stand, wenn sie nicht alles täuschte, plötzlich noch weiter ab. Ja, es musste so sein. Woran hätte sie sich sonst schneiden können, wenn nicht an dieser hervorstehenden, scharfen Kante. Die ruckartigen Bewegungen hatten diese vermutlich weiter herausgeschafft.
Ihr Blick richtete sich auf Steve, der dabei war sie eindringlich anzusehen. Er runzelte fragend die Stirne, hatte offenbar sofort erfasst, dass etwas passiert war. Sie schüttelte den Kopf, gab ein kaum hörbares „Schsch“ von sich. Sam hatte die Augen zwar weiterhin auf ihn gerichtet, aber im Grunde sah sie ihn nicht wirklich. Sie tastete nach der Schraube und begann daran zu drehen. Zumindest versuchte sie das. Diese war nämlich verflucht klein und es gab kaum etwas woran ihre Finger hätten Halt finden können. Aber sie gab nicht auf. Alles andere rückte in den Hintergrund. All die unheilvollen Symptome ihrer Gehirnerschütterung und die mehr als nur unvorteilhafte Anstrengung der letzten Stunden, die Angst um ihr und Steves Leben, das lauernde Biest namens seelischer Schmerz – alles musste warten. Immer wieder rutschten ihre Finger ab, waren nach kaum einer Minute bereits so wund, dass sie ihr Vorhaben nur noch schwer ausführen konnte, aber sie gab nicht auf. Sie würde diese verdammte Schraube aus dem verdammten Stuhl herausbringen auch wenn es das verdammt Letzte war was sie tat. Auch wenn sie die Übelkeit abzulenken drohte, auch wenn sie ihre Hände nicht mehr ganz so gut spüren konnte, weil ihr das Seil das Blut teilweise abschnitt.
Wie lange es gedauert hatte, wie oft sie auf dem Weg abgerutscht war, das wusste sie nicht. Aber schliesslich war es geschafft; ein paar letzte Griffe und die gelöste Schraube fiel in ihre Hand. Sam ignorierte den Schmerz in ihren wunden Fingerkuppen und gab stattdessen ein triumphierendes, wenn auch sehr leises „Ha!“ von sich.
Sie verschob das kleine Ding von der einen Hand in die andere, dann fasste sie nach der Stange der Lehne und zerrte daran. Es war erstaunlich leicht, wie sie sich aus der Sitzfläche heben liess. Erst als sie das Seil, welches ihre Rechte fesselte durch den entstandenen Spalt gezwängt hatte, bemerkte sie, wie lange sie ihren Atem bereits angehalten hatte. Plötzliche Wärme flutete durch ihre halbtauben Finger und sie bewegte diese ein paar Mal, bevor sie sie durch die lose gewordene Schlaufe zog. Es nahm noch einige Zeit in Anspruch, aber schliesslich hatte sie die andere Hand auch noch befreit.
Ohne noch auf etwas anderes zu achten, legte sie die wenigen Schritte zwischen sich und Steve auf zittrigen Beinen zurück und ging vor ihm in die Knie. Ihre Finger flogen zu den Handschellen und als ihr Blick auf die kleine Öffnung des Schlosses fiel, wurde ihr plötzlich klar, dass die Schraube nichts nützen würde. Dazu war sie viel zu kurz. Aber was dann? Unstet glitt ihr Blick über die kahle Umgebung, den leeren Raum in dem sie waren und erst als Steve zum zweiten Mal ihren Namen von sich gab, sah sie ihn an.
Die linke Gesichtshälfte war blutüberströmt; der Griff der Waffe hatte ihn offenbar am Wangenknochen getroffen und die Haut zum Aufplatzen gebracht. Über das ganze Blut und den Dreck hinweg glühten seine Augen, fingen ihren Blick ein.
„Geh!“
„Wie kriegen wir die Handschellen auf?“, fragte sie eindringlich, ignorierte das Gesagte.
„Gar nicht. Du musst jetzt gehen.“
Was redete er da? Sie sah weg und wieder auf seine gefesselten Hände, zerrte an dem Metall, wohl wissend, dass es völlig unsinnig war, der aufsteigenden Panik mehr schlecht als recht ausweichend.
„Sam. Sieh‘ mich an!“
Sie schluckte schwer, dann tat sie wie geheissen.
„Du gehst jetzt. Aus der Tür raus, halte rechts, am Maschinenraum vorbei und weiter, dann kommt der Ausgang. Auf dem Tisch neben dem Maschinenraum ist ein kleiner Koffer mit einer Leuchtpistole darin. Nimm ihn mit. Draussen hältst du wieder rechts. Meide den Weg. Sobald du ein Stück weit gekommen bist feuerst du das Signal ab, direkt nach oben in den Himmel gerichtet. Danach suchst du dir ein Versteck. Verstehst du mich?“
„Ich gehe nicht ohne dich hier raus“, erwiderte Sam trotzig, blinzelte heftig gegen das Brennen in ihren Augenwinkeln an.
„Du gehst. Jetzt! Du hast keine andere Wahl.“
„Wieso sagst du das?“, flüsterte sie, hörte sich wie ein quengelndes Kind an und fühlte sich auch genauso.
„Du musst die anderen auf uns aufmerksam machen. Zusammen könnt ihr mich dann befreien. Je schneller du sie hierher führst, desto schneller bin ich hier raus.“ Seine Stimme klang fest und die Gesichtszüge zeugten von nichts anderem als Entschlossenheit.
„Ich kann nicht“, stiess sie verzweifelt aus. Der Gedanke ihn hier in diesem kalten, grauen Raum zurückzulassen war unerträglich.
„Du kannst das. Du musst. Das ist ein Befehl!“
„Zum Teufel mit deinen Befehlen! Ich bleibe! Wenn er reinkommt, brate ich ihm den Stuhl über den Kopf! Aber ich gehe hier nicht ohne dich raus!“
„Sam. Du kannst kaum gerade stehen. Er wird dich in zwei Sekunden überwältigen und dann ist es wirklich aus. Du hast die Chance uns beide zu befreien, also sei stark und tu‘ es!“ Er bohrte seinen Blick in den ihren, beugte sich ihr entgegen. „Denk an Dee. Sie würde wollen, dass du auf mich hörst.“
„Das ist nicht fair“, gab Sam von sich. Sie schloss die Augen, heisse Tränen quollen unter ihren Lidern hervor. Der Kampf in ihrer Brust tobte heftig, Vernunft und Gefühl rangen um die Vorherrschaft.
Als sie die Augen ein paar Momente später wieder aufschlug, hob sie die Hände, umrahmte sein Gesicht. Ihr Blick schweifte über seine Züge, nahm jedes Detail in Sekundenbruchteilen auf; von den Lachfältchen über den Schwung seiner Nasenflügel bis hin zu dem grimmigen Zug um seine Mundwinkel. Dass er recht hatte war ihr klar. Die Tatsache war so einschneidend wie der Schmerz, der ihr Herz umklammert hielt. Sie beugte sich vor und presste ihre Lippen auf die seinen, spürte wie er sich ihr entgegen beugte, um den verzweifelten Kuss zu erwidern, doch nach einigen Augenblicken wandte er den Kopf ab.
„Geh!“, zischte er eindringlich, machte ihr mit diesem einen, schrecklichen Wort klar, dass keine Zeit mehr zu verlieren war.
„Bis später“, gab sie erstickt von sich und wandte sich schliesslich mit einem entschlossenen Ruck von ihm ab.
Es fühlte sich an, als würde ihr Herz brechen.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Jul 18, 2013 10:10 am

Ausser dem Summen der Lüftungsanlage war nichts hören. Sam drückte den Rücken an die Wand, dann schlich sie langsam weiter. Hielt rechts wie es ihr Steve gesagt hatte. Das Hämmern ihres Herzens war schmerzhaft, aber nichts im Vergleich zu der seelischen Pein, diesem unerträglichen Wissen, dass sie ihn zurückgelassen hatte. Dass sie mit jedem Schritt der Freiheit näher kam, während er noch immer an dieses Bett gefesselt war. Aber sie musste vernünftig sein. Sich auf die Flucht konzentrieren. Es war die einzige Chance ihn lebend aus diesem Höllenloch zu kriegen.
Der Maschinenraum, wann kam endlich dieser verfluchte Maschinenraum? Sie kroch weiter, die Handflächen Halt suchend an den kalten Beton gepresst, angestrengt lauschend. Der schmale, bedrückende Gang schien kein Ende zu nehmen. Aber wenn ihre Sinne nicht gerade völligen Blödsinn veranstalteten, dann wurde das Summen immer lauter. Tatsächlich; nach einigen weiteren Schritten verbreiterte sich der Gang auf die eine Seite zu einer Art Raum und in der Vertiefung war eine massive Tür eingelassen. Das Geräusch eines Generators drang selbst durch den Stahl hindurch an ihre Ohren.
Etwas hatte er doch deswegen erwähnt – aber was? Sam schnappte voller Angst etwas Wichtiges vergessen zu haben nach Luft, doch dann fiel ihr gehetzter Blick auf den Tisch und das schwarze  Köfferchen. Die Leuchtpistole! Vorsichtig hob sie den Behälter von der Oberfläche, dann schlich sie weiter. Doch nur um zwei Schritte später innezuhalten. Sie sah zurück und verengte die Augen. Wenn sie nicht alles täuschte, dann war das eine Nachtsichtbrille auf dem Tisch. Dieses Schwein! Hatte er sie etwa damit aufgespürt? Jetzt nicht mehr…
Ihre Beute an die Brust gepresst ging es weiter. Entschlossener und klarer als bisher. Als hätte sie dieser kleine Diebstahl mutiger gemacht, weil sie gerade etwas ausgerichtet, Richard etwas weggenommen hatte. Der Mistkerl würde nicht gewinnen. Nicht, solange sie sich noch wehren konnte.
Weiter ging es, vorsichtig, ohne ein Geräusch zu verursachen. Sie spürte wie sie das Adrenalin erstarken liess, Reserven anzapfte von denen sie nicht einmal wusste, dass sie sie hatte. Schliesslich kam auch der Ausgang in Sicht, als sie langsam um die nächste Ecke spähte. Eine massive, stählerne Tür, wie sie Luftschutzbunkern eben zu Eigen waren. Und sie war nur angelehnt. Konnte das sein? Sollte sie sich von diesem scheinbaren Glück täuschen lassen? Sie zögerte einen Augenblick, dann entschied sie weiterzugehen. In diesem Moment hörte sie schwere Schritte, die sich näherten und erstarrte mitten in der Bewegung. Die Tür schwang nach innen auf.
Selbst über die Angst entdeckt zu werden hinweg, loderte das Feuer des Abscheus in ihrem Bauch auf, als Richard in Sicht kam. Sie drückte sich hastig gegen die Wand, hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Bestimmt würde er das laute Hämmern ihres Herzens hören. Gleich würde er um die Ecke kommen und alles wäre vorbei. Aber nein – sie hatte Glück. Die Schritte entfernten sich und zwar in die andere Richtung. Sie wartete bis nichts mehr zu hören war, dann spähte sie wieder vorsichtig um die Ecke. Verdammter Mist! Er hatte die Tür geschlossen. Dennoch; es hiess jetzt oder nie.
Sie hastete vorwärts, ergriff zuerst den oberen Verschlusshebel, drückte ihn langsam in Richtung Decke, dann widmete sie sich dem zweiten. Wie durch ein Wunder verursachte sie dabei kein Geräusch. Doch als sie die Tür aufschwingen liess ertönte ein Knirschen, als wären die Scharniere rostig. Ihr Herz machte einen Satz und sie beeilte sich das Ding so weit aufzukriegen, dass sie sich durchquetschen konnte. Als das getan war hastete sie in die Dunkelheit hinaus. Der Anblick der offenen Tür würde ihn natürlich sofort alarmieren, aber sie wollte es nicht riskieren, das Geräusch ein weiteres Mal zu verursachen, denn das würde ihn nur noch schneller auf den Plan rufen.
Wo war der Weg von dem sie sich fernhalten sollte? Angespannt hetzte ihr Blick von einer Seite zur anderen, bis sich ihre Augen einigermassen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie eine helle Linie zu ihrer linken erblickte. Also nach rechts!
Sam widerstand dem Drang sich alle zwei Sekunden umzusehen, konzentrierte sich stattdessen darauf so viel wie möglich Raum zwischen sich und dem Bunker zu bringen. Ohne zu stolpern, wohlgemerkt – das Gestrüpp durch welches sie sich gerade einen Weg bahnte schien nämlich entschlossen ihr das Leben schwer zu machen. Sie ignorierte die Tatsache, dass ihre nackten Waden bald heillos verkratzt waren, riss ihren Fuss immer wieder mit einem entschlossenen Ruck los, wenn er sich in irgendeiner Ranke verfangen hatte und stapfte weiter. Es war beruhigend, dass sie eine gewisse Steigung erklomm, weil ihr diese das Gefühl gab sich noch weiter von Richard zu entfernen. Selbst wenn es vermutlich nichts weiter, als ein Trug ihres Verstandes war.
Nach einer Weile entschied sie, dass das hoch genug war. Zum einen wollten sie ihre Beine nicht mehr weiter tragen, zum anderen hatte sie Gefühl gleich umzukippen. Mit einem Keuchen liess sie sich auf die Knie sinken, legte die Nachtsichtbrille und das Köfferchen vor sich auf den Boden, um den Zweiteren mit zitternden Fingern zu öffnen. Sie tastete nach der klobigen Pistole, erfühlte in dem Behälter zwei kleinere, längliche Gegenstände, die sie einen Moment später als Munition identifizierte. Verdammt! Sie hatte doch keinen blassen Schimmer wie man dieses Ding lud. Und das noch in diesem spärlichen Licht, welches der zunehmende Mond durch die Blätterkrone sandte.
Ruhig, Mädel, du schaffst das! Sie ergriff eine der Patronen, dann wurde ihr bewusst, dass sie zuerst die Öffnung an der Pistole finden musste in die diese hineingehörte und dafür beide Hände brauchte. Mit einem unterdrückten Fluch legte sie das Ding zurück und liess ihre Finger stattdessen über die Waffe gleiten. Da. Gleich über dem Griff war eine Ausbuchtung, ein Hahn, der sich bewegen liess. Sie drückte ihn mit dem Daumen nach oben, dann ergriff sie den langen Lauf und zog daran. Tatsächlich liess sich dieser herunterklappen und ihre Finger erfühlten, dass dieser innen leer war. Schnell war die Munition hineingeschoben, der Lauf wieder nach oben geklappt und der Hahn wieder heruntergedrückt. Jetzt hiess es nur noch das Ding abzufeuern.
Sie schluckte schwer, schloss ihre andere Hand ebenfalls um den Griff und richtete die Pistole gerade nach oben, schloss die Augen, riss diese dann aber gleich wieder auf. Man schoss doch nicht einfach blind, selbst wenn man nicht genau zielen musste! Sam beschied sich damit ihre Anspannung durch einen Biss auf die Unterlippe auszuleben, dann betätigte sie den Sicherungshebel und drückte einen Augenblick später den Abzug. Der Rückstoss war heftiger als erwartet, aber noch mehr erschrak sie durch die Funken, die nach allen Seiten stoben und zuckte unwillkürlich zurück, wobei sie beinahe nach hinten gepurzelt wäre. Mit einem Knall, der sie an explodierendes Feuerwerk erinnerte, aber nicht ganz so laut war und einem anschliessenden Rauschen flog das Leuchtsignal auch schon in Richtung Himmel, zog eine brennende Spur, die sie mit aufgerissenen Augen verfolgte. Es dauerte viele Sekunden bis das orangene Licht schliesslich langsam verglühte. Hoffentlich nicht bevor es von jemandem erblickt worden war.
Und nun? Sie musste weiter. Wie sie ein Versteck finden sollte war ihr jedoch ein Rätsel. Sie war doch kein verdammter SEAL, war nicht einmal bei den Pfadfindern gewesen, hatte keine Ahnung wonach sie Ausschau halten sollte – von ihrem angeschlagenen Zustand ganz zu schweigen. Sie wusste nur, dass sie nicht hier bleiben konnte, denn wenn dieser Mistsack von Richard das Signal gesehen hatte, dann würde er genau auf diese Stelle zustürmen, um sie an den Haaren wieder zurück zu zerren. Dieses Bild war schliesslich Ansporn genug, um alles zusammenzuraffen, sich aufzurappeln und weiterzuschleppen.
Sie dachte an die drei auf deren Schultern Steves ganze Hoffnung ruhte, malte sich einige Zeit lang aus, wo diese wohl gerade waren und fragte sich ob sie das Signal gesehen hatten. Sollte sie ein zweites abschiessen? Eine Patrone hatte sie ja noch. Und was, wenn Danny und Kono und Chin gar nicht in der Nähe waren und nur sie wusste wo Steve war? Ihr Herz verkrampfte sich bei dem Gedanken, dass sie vielleicht die Einzige war, die etwas bewirken konnte. Ausgerechnet sie, die allseits unnütze Sam. Miss Kopfmensch. Miss Ich-fasse-eine-Waffe-höchstens-mit-zwei-Fingern-an. Sie, die nicht einmal wusste wo man einen Schlag auf die Niere ansetzte.
Natürlich, anfangs hatte sie ein Kampftraining bei dem Baltimore PD absolvieren müssen, aber das war nun fast zehn Jahre her – sie wusste buchstäblich nichts mehr davon. Ausser, dass die Trainerin eine jener verbiesterten Frauen gewesen war, die sich in einem von Männern dominierten Metier in ein keifendes, knallhartes Biest verwandelt hatte. Sam war nach den obligatorischen Stunden in diesem Trainingsraum nur allzu froh gewesen alles wieder aus ihrer Erinnerung zu streichen, was darin passiert war. Sie hätte wohl besser aufgepasst. Oder sich darum bemüht irgendeine Art von Selbstverteidigung zu erlernen. Aber sowas fiel einem natürlich immer erst dann ein, wenn es dafür schon längst zu spät war.
Mit diesen und weiteren, ähnlich bitteren Gedanken schleppte sie sich weiter, ohne Plan und mit spärlich Hoffnung das Richtige zu tun. Immer wieder wollte die Angst um Steve aufkommen, aber sie zwang sich dazu an etwas anderes zu denken. Hätte sie zugelassen, dass ihre dahingehenden Befürchtungen Überhand gewannen, wäre sie umgekehrt, um den Bunker zu stürmen – und dabei kläglich zu scheitern natürlich. Nein, sie wollte tun, was er von ihr verlangt hatte und dabei darauf vertrauen, dass er schon wusste was er tat.
Einige Zeit später gaben ihre Beine plötzlich nach und sie schrak furchtbar zusammen, als ihr bewusst wurde, dass sie tatsächlich beinahe weggenickt wäre. Mitten im Gehen. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Wie lange war sie jetzt schon durch die Wildnis gestolpert? Eine Stunde? Eine halbe? Jedenfalls definitiv zu lange für ihre Verfassung. Für eine Weile hatte das Adrenalin ausgereicht, hatte sie antreiben und die Symptome der Gehirnerschütterung in den Hintergrund rücken lassen können. Aber mehr ging nicht.
Also liess sie sich mit einem Seufzen auf die feuchte Erde sinken, lehnte den Rücken gegen den nächstbesten Baumstamm an und schloss die Augen. Ihr war wieder speiübel und ihr Kopf fühlte sich so an, als hätte ihn jemand als Amboss benutzt. Die Aufmerksamkeit kam und ging in Schüben; mal konnte sie die Schmerzen in ihrem ganzen Körper deutlich spüren, dann rückten diese wieder in die Ferne. Wenn es ihre Geistesgegenwart zuliess, dann dachte sie an Steve, entrückt und durch einen dämpfenden Schleier hindurch, der ihre Gefühle beinahe erstickte. So kam es, dass sie nicht viel mehr als sein Gesicht vor ihrem inneren Auge sah, dabei eine seltsame Mischung aus Zuneigung und Trauer verspürte. Aber die meiste Zeit über war da nichts, in dem Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen.
Blinzelnd schlug sie die Augen auf, als sie irgendwann ein Rascheln aus ihrem Brüten herausriss. "Wer's da?", fragte sie ins Blaue hinaus, dann runzelte sie die Stirne, als ihr bewusst wurde, dass sie ja eigentlich dabei war sich zu verstecken. Aber zu spät. Das waren eindeutig Schritte, die sich ihr da näherten. Doch nur ein paar Herzschläge später war sie überzeugt zu träumen; da war Steve. Aber das konnte ja nicht sein. Sie stöhnte halb erleichtert, halb gequält auf und schloss die Augen wieder. Unglaublich, welch lebhafte Bilder der Verstand produzieren konnte...
Als sich plötzlich Hände um ihre Oberarme schlossen, gab sie einen ziemlich missratenen Schrei von sich, der sich von einem lauten, volltönenden Anfang in ein krächzendes Etwas am Ende verlor.
"Ich bin es! Alles ist in Ordnung."
Das war doch seine Stimme. Und diese Gestalt, die sich dunkel von der schattenhaften Umgebung abhob sah auch ganz nach ihm aus, der da vor ihr in die Hocke gegangen war. Aber das war unmöglich.
"Sam! Was ist los mit dir? Hörst du mich? Sag etwas!"
"Wo sind die Handschellen?", fragte sie dümmlich, noch immer der Meinung, dass sich ihr Verstand gerade einen Scherz erlaubte.
"Weg", kam es zurück, dann löste sich eine Hand von ihrem Arm und legte sich stattdessen warm auf ihre Wange. "Wie geht es dir?"
"Ich gehöre ins Bett."
Ein raues Lachen erklang, kurz nur und mit einem Hauch von Verzweiflung darin. Aber es war dennoch unverkennbar Steve. Misstrauisch runzelte sie die Stirne.
"Bist du es wirklich?"
Er stutzte, dann strich er ihr das Haar aus dem Gesicht und sagte: "Ja, ich bin hier."
Mit einem erstickten Laut schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und brachte ihn damit beinahe aus dem Gleichgewicht. "Ohgottohgottohgott", murmelte sie an seiner Wange, fühlte wie die Wellen der Erleichterung durch ihre Brust fluteten. "Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen. Es tut mir so leid! Ich habe dich einfach dort zurückgelassen..."



***


Steve presste Sams anschmiegsamen Körper an sich, schloss für einen Moment die Augen, um sich der Wiedersehensfreude hinzugeben. Doch nicht für lange. Noch war die Zeit sich zu entspannen nicht gekommen. Behutsam löste er sich schliesslich von ihr, lächelte ihrem hoffnungsvoll erleuchteten Gesicht entgegen. "Du warst sehr tapfer und hast genau das Richtige getan. Denkst du, du kannst jetzt aufstehen?"
Auf ihr Nicken hin schob er seine Hände unter ihre Achseln und erhob sich gemeinsam mit ihr. Ihre Hände lagen auf seinen Schultern und für einen Moment schloss sie die Augen. Er liess sie so lange nicht los, bis sie sicher zu stehen schien und ihm einen einigermassen klaren Blick geschenkt hatte.
"Wie bist du entkommen? Sind die anderen aufgetaucht?"
"Nein, sind sie nicht. Ich habe ihn überwältigt. Aber wir haben jetzt keine Zeit für Erklärungen. Wir müssen zurück zum Bunker", erwiderte er und wandte sich von ihr ab, um das Seil welches er eben um einen Baumstamm geknotet hatte, wieder zu lösen.
"Was machen wir denn nun?"
"Wir warten dort. Ist noch Munition für die Signalpistole übrig?"
"Ja und eine Nachtsichtbrille habe ich auch noch im Angebot."
Er hielt inne, dann wandte er sich in ihre Richtung. "Du hast was?"
"Ich habe mich schon gefragt wo die hingekommen ist", erklang es von der anderen Seite des Baumes.
Nun war es an Sam zu stutzen. Sie riss die Augen auf und spähte an Steve vorbei. Dann sah sie ihn entsetzt an: "Du hast das Arschloch dabei?"
"Ich konnte ihn wohl schwer dort zurücklassen, damit er uns entwischt." Und mit einem resoluten Ruck an dem Seil kam Richard auch schon hinter dem Baum hervor gestolpert.
"Was für ein hässliches Paket", quittierte Sam seinen gefesselten Anblick und trat einen Schritt zurück.
"Komm schon, du hättest mich beinahe geheiratet - so abstossend kann ich wohl nicht sein, oder?"
Steve mahlte mit dem Kiefer; dass der Bastard immer noch solche Sprüche von sich gab war unerträglich. Zu schade, dass er nichts hatte, womit er ihm das Maul stopfen konnte. Doch bevor er ihn schroff zum Schweigen anhalten konnte, erklang ein Rascheln und Sam war an ihm vorbeigestürmt. Das gerufene "Nein!" kam zwar noch über Steves Lippen, aber es war schon zu spät.
Kaum war sie vor Richard zu stehen gekommen, hatte er seine an den Handgelenken gefesselten Arme über ihren Kopf geworfen und um ihren Hals geschlungen. Mit einem resoluten Ruck zwang er Sam dazu sich umzudrehen, sodass ihr Rücken gegen seine Brust lehnte. Richards Blick richtete sich auf Steve und er grinste ihn auf eine durch und durch süffisante Weise an.
"Und so schnell kann es gehen."
"Lass sie los und ich werde dich nicht aufhalten", knurrte er, ballte die Hände zu Fäusten.
"Normalerweise stellt der Mann mit der Geisel die Forderungen. Du hältst jetzt also die Klappe und siehst zu." Richard neigte den Kopf und flüsterte Sam etwas ins Ohr.
"Lös' doch deine verdammten Fesseln selbst!", gab sie zurück und wand sich in seinem Griff, woraufhin er den Druck auf ihren Hals zu verstärken schien. Sie keuchte auf, ihre Hände flogen nach oben, zerrten vergeblich an seinen Unterarmen.
Steve konnte sich kaum auf dem Flecken Erde halten, auf dem er stand. Sam in dieser Situation zu sehen, nichts ausrichten zu können, bereitete ihm körperliche Qualen. "Tu' was er sagt!", stiess er hervor, während es in seinem Kopf ratterte. Er musste sich etwas einfallen lassen. Aber egal wie er es drehte und wandte, jedes in Sekundenbruchteilen durchgespielte Szenario endete damit, dass Sam den Kürzeren zog.
"Ja, hör' auf deinen Liebsten." Und mit diesen Worten sah er endlich davon ab sie zu würgen.
Sie keuchte, hustete und dann begann sie an dem Seil zu nesteln. Doch es kostete sie einiges an Zeit den Knoten zu lösen. Richards zischende Aufforderungen sich zu beeilen waren nicht dazu angetan zu helfen, aber sie sagten Steve, dass sich der Mann vor ihm seiner Sache nicht so sicher war, wie er ihn glauben lassen wollte. Vermutlich war ihm gerade nur allzu deutlich bewusst, dass ihn Steve vor kaum einer halben Stunde ausgetrickst und überrumpelt hatte. Noch einmal würde ihm dies jedoch nicht passieren. Steve musste sich also etwas anderes einfallen lassen.
Das Seil fiel schliesslich raschelnd zu Boden und der Blonde richtete sich wieder an ihn. "Du wirst jetzt ganz langsam deine Waffe ziehen und sie dann hierher werfen. Und du weisst schon: keine Tricks!" Um seine Worte zu untermalen schlang er seine befreiten Arme noch enger um Sams Hals und zog sie so sehr an sich, dass ihre Füsse kurz den Kontakt mit dem Boden verloren.
"Ist ja gut! Hör' auf damit!", rief Steve aus. Das Keuchen, welches von Sam kam klang noch in seinen Ohren nach, selbst nachdem der Mann aufgehört hatte sie zu würgen. Langsam zog er die Waffe aus dem Halfter und richtete die Handflächen gegen Richard, bedeutete ihm damit, dass er nichts versuchen wollte. Dann schwang er die Pistole in seine Richtung, worauf sie auch gleich mit einem dumpfen Laut vor dessen Füssen zu liegen kam.
"Du bist dran, süsse, kleine Sam. Nimm die Waffe auf und gib sie mir. Und denk dabei daran, dass ich dich schneller in zwei Hälften schnappen kann, als du 'Fluchtversuch' sagen kannst."
Sam tat wie geheissen, ging langsam in die Knie, während der Mann hinter ihr darauf achtete den Griff um ihren Hals nicht zu lockern. Ihre Finger tasteten blind über den Boden. "Du verdammter, ekelhafter Mistsack", stiess sie dabei aus, heiser und mit zitternder Stimme. Ob vor Wut oder Angst, das konnte Steve nicht sagen.
Am liebsten hätte er ihr zugerufen, dass sie die Klappe halten sollte. Aber er schwieg und beobachtete die Situation, die sich vor ihm entfaltete, lauernd und bereit jeden Moment zuzuschlagen, wenn sich die Möglichkeit dazu ergeben sollte.
"Dabei geht dir wohl einer ab, was?", keuchte sie weiter, während sie immer noch nach der Pistole tastete. "Aber deine Freude wird von kurzer Dauer sein. Selbst wenn du uns hier umbringst, werden sie dich jagen und finden. Und dann wird dich Danny in kleine Stücke hacken, während Kono das Feuer schüren und Chin die Marinade vorbereiten wird."
Richard sprach aus, was Steve dachte: "Sei still!" Da war ein Unterton von Panik in dessen Stimme, der Steve nicht gefiel. Sich in die Ecke gedrängt zu fühlen ging für gewöhnlich mit Kurzschlussreaktionen einher.
"Was denn? Magst du keine Bastardspiesschen? Willst du lieber zu Arschlochschaschlik verarbeitet werden?", fuhr Sam stur fort und schliesslich bekam sie die Waffe zu fassen.
Daraufhin passierten viele Dinge gleichzeitig, verwandelten die Stelle an der sie drei standen in ein heilloses Durcheinander. Richard griff nach der Waffe, aber Sam machte eine ruckartige Bewegung worauf sich dieser exakt in diesem Moment krümmte, als Steve nach vorne hechtete und die Pistole zu fassen kam, welche mit einem erneuten dumpfen Aufprall auf der Erde landete. Doch noch bevor er diese aus der Hocke heraus richtig auf den blonden Mann gerichtet hatte, erklang das unverwechselbare Klicken einer Waffe die entsichert wurde. Alle drei erstarrten.
"Hände weg von ihr. Sofort!"
Steve liess die angehaltene Luft aus seinem Brustkorb entweichen und richtete sich auf. Seine Ohren hatten ihn nicht getäuscht; es war tatsächlich Danno, der hinter Richard stand und eine Pumpgun an dessen Hinterkopf hielt.
Der Angesprochene hob die Hände in die Luft, in einer kontrollierten, langsamen Bewegung. Steve streckte den Arm nach Sam aus, erfasste den Stoff ihres T-Shirts und zog sie mit einem Ruck zu sich hin. Noch einmal würde sie nicht in Richards Nähe geraten. Nicht wenn es nach ihm ging. Dabei liess er die Augen nicht von dem Mann vor sich, hielt die Waffe weiterhin auf ihn gerichtet.
"Das wurde aber auch Zeit", raunte er Danno zu.
Aber er erfuhr nie was dieser für eine Antwort in petto gehabt hatte. Mit jener Blitzesschnelligkeit, die nur einem Mann mit seiner Kampfausbildung zuzutrauen war, duckte sich Richard plötzlich weg und fegte sie alle drei mit einer fliessenden Bewegung von den Füssen; aus der Hocke heraus, das eine Bein ausgestreckt, traf er sie der Reihe nach auf Knöchelhöhe. Noch im Fall feuerte Steve seine Waffe ab, doch es war bereits zu spät. Mit einem mächtigen Satz war der andere Mann auch schon im Buschwerk verschwunden.
Steve gab einige seiner ausgesuchtesten Flüche von sich. Dann schlug er mit der flachen Hand auf den feuchten Boden. Am liebsten hätte er etwas zerschmettert. Richards Kiefer stand dabei ganz oben auf der Wunschliste.
"Chin und Kono sind in der Nähe", stöhnte Danno während er sich aufsetzte. "Vielleicht läuft er ihnen ja in die Arme."
"Darauf können wir lange warten. In zwei Minuten ist er über alle Berge. Und ich habe keine Zeit ihn zu suchen und auf einen Fehler zu hoffen, den er vermutlich nie machen wird. Sam muss endlich die Behandlung bekommen, die sie braucht!" Noch während er dies aussprach kroch er auf sie zu, gab ein frustriertes Schnauben von sich, als er erkannte, dass sie sich nicht regte. Seine Hände umfassten ihr Gesicht, worauf sie schliesslich doch die Augen aufschlug.
"Es tut mir - ..."
"Wenn du dich noch einmal entschuldigst, lasse ich dich hier liegen!", gab er scharf zurück.
"...alles weh", schloss sie kleinlaut und biss sich auf die Unterlippe.
Er musste unwillkürlich lächeln, schüttelte den Kopf, doch nur um gleich darauf ernst nach ihrem Befinden zu fragen - und eine erwartungsgemäss düstere Antwort zu bekommen. Natürlich ging es ihr furchtbar und wenn man bedachte was sie in den letzten zwei Tagen alles durchgemacht hatte, hielt sie sich äusserst wacker. Aber dies würde hier und jetzt ein Ende nehmen. In einer fliessenden Bewegung hob er sie in seine Arme und richtete sich auf. Danno hatte seine Waffe bereits geschultert und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück.
Während sie die leichte Abwärtsneigung des Geländes hinter sich brachten, kontaktierte sein Partner die anderen beiden Mitglieder des Teams. Über das Handfunkgerät an seiner Weste teilte er ihnen mit, dass er Steve und Sam gefunden hatte und sie sich alle beim Bunker treffen würden. Als Nachsatz hielt er sie dazu an nach Richard Ausschau zu halten, dann unterbrach er den Kontakt.
"Was zur Hölle geht hier eigentlich vor, Steven?", kam es nach einer Weile des angespannten Schweigens.
"Frag nicht, Danny. Nicht jetzt." Den bohrenden Blick, der von der Seite kam ignorierte er so gut es ging und stapfte schweigend weiter.
Er würde es wieder einigermassen aufatmen können wenn Sam in einem Krankenhaus lag und endlich die nötige medizinische Aufmerksam erhielt, die sie vor Ewigkeiten schon hätte bekommen müssen. Bis dahin wollte er weder reden noch ruhen noch sonst etwas tun, was ihn diesem Ziel nicht näher brachte.
Da waren viele drängende Fragen die auf ihn einstürmten, darauf pochten bewusst gestellt zu werden, aber sie mussten alle warten. Zum Brüten würde er später immer noch genügend  Zeit haben. Ebenso würde er sich auch erst dann damit befassen was die Entwicklungen der letzten Stunden für Sam und ihn bedeuteten. Er blickte auf ihr Gesicht herab, sah, dass die spärlich beleuchteten Züge entspannt waren. Der Anblick beruhigte ihn zwar ein bisschen, aber dennoch war da ein seltsam verkrampftes Gefühl in seiner Brustgegend. So viel hatte sich in so kurzer Zeit zwischen ihnen verändert...
Endlich, nach einem Marsch von etwas mehr als einer viertel Stunde kam der Streifen Licht in Sicht, der durch die Bunkertür nach draussen fiel. Steve schob Sam höher, ignorierte das Brennen in seinen Muskeln und beschleunigte stattdessen seinen Schritt. Danny drückte die Tür auf, liess ihn zuerst eintreten.
"Da seid ihr ja endlich!", erklang Konos Stimme. Sie kam ihnen im Gang entgegen, hielt jedoch abrupt inne als ihr Blick auf ihn fiel. Ihre Augen glitten über Sams reglose Gestalt in seinen Armen, dann auf sein Gesicht. "Was ist denn mit euch passiert?"
"Keine Zeit", sagte Steve. "Hast du unsere Koordinaten?"
"Ja, aber..."
"Ruf sofort die Flugrettung an und gib ihnen unseren Standort an. Informier sie, dass wir eine Person mit einer Gehirnerschütterung haben, die so schnell wie möglich ins Krankenhaus geflogen werden muss."
"Verstanden." Ohne weitere Fragen zu stellen entfernte sie sich.
Steve ging weiter, mit dem Ziel Sam auf dem Tisch neben dem Maschinenraum abzulegen, doch der Weg wurde ihm dieses Mal von Chin abgeschnitten. Auch sein Blick glitt alarmiert über den Anblick, der sich ihm bot, aber er sagte nichts dazu, als er sah, dass Steve den Kopf schüttelte.
"Das musst du sehen, Steve. Und Sam auch, wenn sie kann..."
"Nicht jetzt, Chin."
"Doch. Jetzt."
Etwas an der Art und Weise wie der Mann das sagte und die Tatsache, dass er ihm widersprach obwohl er sehen musste, dass es Steves bitterer Ernst war, liess diesen stutzen. Langsam stellte er Sam auf die Beine; er konnte ihr Gewicht nicht länger tragen. Sie hatte sich bereits geregt, als sie in die Helligkeit des Bunkers eingetreten waren, doch nun schlug sie die Augen auf. An ihn gelehnt, den einen Arm immer noch um seinen Nacken geschlungen sah sie die drei Männer, die um sie herumstanden der Reihe nach an.
"Wo ist Kono?", fragte sie schliesslich.
"Sie ruft gerade die Flugrettung, damit sie dich in ein Krankenhaus bringen", erwiderte Steve mit einem kleinen Lächeln.
"Ihr seid alle okay?"
"Das sind wir." Dieses Mal war es Danny, der ihr antwortete.
Sie wirkte plötzlich wieder erstaunlich klar. "Gott sei Dank", murmelte sie, klang dabei aber eher besorgt als erleichtert.
"Sam, da ist etwas, das du sehen musst", brachte Chin sein Anliegen wieder an.
Steve runzelte die Stirne; was konnte denn so wichtig sein, dass er nicht davon ablassen wollte? Als Sam nickte, zog er den Arm fester um ihre schlanke Taille und zu dritt folgten sie Chin durch den Gang, vorbei an der Tür, hinter der er mit Sam noch bis vor kurzem gefangen gehalten worden war. Schliesslich traten sie in einen Raum, der ihrem Gefängnis sehr ähnlich sah. Hier standen jedoch mehr Dinge herum, vermittelten ein Gefühl von Aktivität - aber keine gute Art von Aktivität.
Auch hier war ein ausgehöhltes Bettgestell, aber der untere Stock fehlte. Stattdessen hingen zwei Ketten von der obersten Stange, die in eisernen Fesseln endeten. Zwei weitere lagen auf dem Fussboden. Daneben stand ein kleiner Generator auf Rädern, wie er von Ständen an Festivals oder anderen Outdooranlässen benutzt wurde um Strom zu gewinnen. In der entfernten Ecke lag eine fleckige Matratze, die furchtbar abstossend war, aber dennoch eine Mulde vorzuweisen hatte, die deutlich davon zeugte, dass sich jemand darauf gelegt hatte. Der allgemeine Hauch von heruntergekommener Bleibe wurde durch den ekelerregenden Geruch gekrönt, den man sonst mit öffentlichen Toiletten verband.
Steves Blick wurde von den Ketten am Bettgestell angezogen und das war offensichtlich auch das, was Sam beschäftigte, als sie sich von ihm löste und darauf zuging. Sie streckte die Hand nach einer der ringförmigen Fesseln aus, berührte sie aber nicht. Dann wandte sie sich in Richtung des Generators, an dem Überleitungskabel hingen - die Art, die man benutzte um bei der Starthilfe eine Autobatterie anzuzapfen.
"Das ist doch ... kann das sein?", hauchte Sam und wandte sich langsam an Chin.
Dieser nickte mit einem ernsten Gesichtsausdruck. "Dann denkst du also dasselbe wie ich?"
"Es ist absurd, aber ein Zufall wäre noch absurder. Das sieht aus wie der Folterplatz unseres Serienkillers..."
Steve stutzte, dann liess er seinen Blick alarmiert noch einmal über alle Dinge in dem Raum schweifen. Schliesslich blieb er an einem Haufen unweit des Eingangs vor dem er stand hängen. Das sah ganz nach einem bunten Kleiderhaufen aus. Einem aus dem eindeutig ein geblümter BH hervor lugte.
Die unheilvolle Erkenntnis traf ihn erst bei diesem Anblick vollständig. Die ermordeten Touristinnen, Richards Verschwinden, der von einer Insel zur anderen verfrachtete Nakumotu, Mercer, der diesen Bunker besass; all dies hing irgendwie zusammen. Die beiden Rätsel, denen sie in den letzten Tagen hinterher gehetzt waren, von denen sie die ganze Zeit über angenommen hatten, dass sie nichts miteinander zu tun hatten - alle Stränge liefen hier zusammen, mündeten offensichtlich in ein und demselben Haufen Mist, der bis zum Himmel nach einer weitreichenden Verschwörung stank.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Jul 25, 2013 11:13 am

7. Lapa'au

Healing - Heilung

Schon wieder dieselbe Krankenschwester! Hatte die denn nie einen freien Tag? Steve rang sich ein flüchtiges Lächeln ab, dann hastete er an dem Empfang dieses Stockwerkes des Queen's Medical Center vorbei. Weder interessierte es ihn wie gekonnt diese ihren Augenaufschlag in seine Richtung vollführen konnte, noch würde er denselben Fehler begehen und sich wie gestern von ihr in ein völlig unsinniges Gespräch nur um des Gesprächs willen verwickeln lassen. Er war hier um Sam zu sehen, hatte nur Augen für diese eine Türe, hinter der sie sich verbarg.
Seit jener furchtbaren Nacht, in der sie Sam zurück nach Honolulu und in dieses Krankenhaus eingeflogen hatten, war er völlig von den auf ihn einstürzenden Aufgaben eingenommen gewesen. Gestern hatte er sich erst spät am Abend vom Hauptquartier loseisen können, nur um sie schlafend vorzufinden. Beinahe zwei Stunden hatte er an ihrem Bett verbracht, schweigend, brütend das regelmässige auf und ab ihres Brustkorbes verfolgt. Er hatte ihre Gesichtszüge studiert, so genau wie man es nur konnte wenn man einen Schlafenden betrachtete. Hatte, wie schon den Rest des Tages über, die Erinnerung an diesen Ausdruck in ihren Augen nicht abschütteln können, als sie ihn im Bunker hatte zurücklassen müssen. Als er nach jenen Stunden des Wartens schliesslich den Weg nach Hause angetreten hatte, war ihm - gerade weil er es nicht bekommen hatte - klar geworden worauf er gehofft hatte: ein Lächeln, ein Stirnrunzeln, ein skeptisches Heben der Augenbraue vielleicht. Irgendetwas, was dieses Bild hätte verscheuchen können. Aber stattdessen hatte er die Erinnerung an die Begebenheiten im Bunker und den darauf folgenden Stunden mit nach Hause genommen. Um dort erneut eine unruhige Nacht hinter sich zu bringen.
Schon die Vorstellung wieder in seinem nun freien Bett zu schlafen, hatte sich seltsam angefühlt, also hatte er sich wie in den letzten Tagen auch auf seinem Sofa ausgestreckt und sich sofort von den Flashbacks der Ereignisse überrumpelt gesehen. Die Müdigkeit hatte den kreisenden Gedanken nichts entgegenzusetzen gehabt. Dabei war es nur zum Teil um die drängenden Probleme und Fragen gegangen, die der Trip nach Kaua'i hervorgebracht hatte. Nein, an diesen hatte er tagsüber zu nagen. Während sich die Begebenheiten vor seinem inneren Auge abspulten, unerbittlich und aufdringlich, hatte er eine äusserst ungemütliche Mischung von Gefühlen verspürt. Wut, Gewissensbisse und Selbstzweifel hatten dabei den grössten Teil ausgemacht und ihm stundenlang den Schlaf geraubt. Immer wieder hatte er sich selbst gefragt, was er hätte besser machen, wie er hatte zulassen können, dass Sam in eine solche Gefahr geraten war. Dass sie nun in diesem Krankenzimmer lag war grösstenteils seine Schuld.
Er nickte dem Officer, der neben ihrer Tür sass knapp zu, klopfte der Form halber an und trat dann ein. Sein Herz machte einen freudigen Hüpfer; sie war wach, sass an ein riesenhaftes Kissen gelehnt in dem Bett. Ihre Blicke trafen sich und sie tauschten ein Lächeln. Steve trat neben ihr Lager, sah auf sie herab, versank für einige Herzschläge in der Betrachtung ihres Gesichtes; die Art und Weise wie sie mit diesen grossen, grauen Augen zu ihm aufsah, die leicht geöffneten Lippen und die Tatsache, dass da ein gesunder Hauch von Röte auf ihren Wangen lag. Er konnte sich in diesem Moment keinen schöneren Anblick vorstellen.
"Wie fühlst du dich?", fragte er sanft und setzte sich halb auf die Bettkante.
"Viel besser, danke."
Einige Sekunden herrschte Schweigen. Steve konnte seinen Blick nicht von ihr nehmen, wurde sich dessen jedoch erst bewusst, als sie die Augen niederschlug und der Bettdecke entgegen blinzelte.
Er räusperte sich, dann sagte er rasch: "Gestern hast du geschlafen, als ich hier war..."
"Die Krankenschwester meinte vorhin, dass ich praktisch nichts anderes getan habe, seit sie mich hierher gebracht haben." Sie hielt einen Moment inne, dann schwand das leichte Lächeln von ihren Lippen, machte einem ernsten Gesichtsausdruck Platz. "Danke, Steve. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Flug und wie ich hierhergekommen bin, aber ich weiss noch, dass du die ganze Zeit über bei mir warst. Das bedeutet mir viel und ich..."
Sams Stimme brach und Steve widerstand dem Drang sich unbehaglich zu winden, als er einen verdächtigen Schimmer in ihren Augen erkannte, bevor sie diese zur Seite richtete. Sie biss sich auf die Unterlippe und als sie weitersprach, richtete sie die nächsten Worte an den Infusionsständer. "Es hätte niemals so weit kommen sollen und ich wünschte, ich hätte dich und dein Team nie in diese Gefahr gebracht. Ich weiss, dass ich es nur euch zu verdanken habe, dass ich noch am Leben bin."
Als er die Finger um die ihren schloss, wandte sie den Kopf wieder in seine Richtung, schluckte schwer und sah ihn stumm an.
"Alles was ich getan habe war aus freien Stücken, Sam. Es gibt nichts wofür du dich verantwortlich fühlen musst. Eigentlich bin ich es, der es hätte besser wissen müssen - ich hätte dich niemals dorthin mitnehmen dürfen."
Sie schüttelte den Kopf und sah wieder weg. Ihr Blick richtete sich stirnrunzelnd auf das Bettende. "Ich habe alles vermasselt. Da gibt es gar nichts schönzureden. Und als ob das nicht genug wäre, machst du dir nun auch noch Vorwürfe, als wäre es deine Schuld..." Und mit diesen bitteren Worten entzog sie ihm ihre Hand.
Nun war es an ihm den Kopf zu schütteln, aber dabei stellte er ein kleines Lächeln zur Schau; das war so typisch Sam aber auch zugleich so typisch er selbst, dass es tatsächlich beinahe lachhaft war. "Einigen wir uns doch darauf, dass es niemandes Schuld war und einfach blöd gelaufen ist, okay?"
Ihr Blick streifte ihn kurz und sein missraten scherzhafter Ton wurde lediglich mit einem flüchtigen Anheben der Mundwinkel quittiert. "Habt ihr den Bunker untersuchen lassen?", fragte sie schliesslich, die Stimme betont tonlos, als fürchte sie, dass ihr diese wieder entgleiten würde.
"Das Forensik-Team immer noch dabei, aber sie haben von dem Folterzimmer aus angefangen. Sie haben tatsächlich DNA-Spuren von mehreren Personen gefunden, aber das Labor ist immer noch dabei diese mit unseren beiden Opfern abzugleichen. Du weisst ja, wie lange sowas geht..."
Sam nickte, weigerte sich immer noch ihn anzusehen. Er wusste nicht was zu tun oder zu sagen war. Wie ihr erstes Gespräch in Sicherheit hätte aussehen sollen hatte er sich zwar nicht wirklich ausgemalt, doch das hier war definitiv nichts was er sich vorgestellt hätte. Aber was erwartete er eigentlich von ihr? Dass sie sich freute? Unbeschwert war? Schliesslich hatte Richard ihr Leben äusserst gründlich in einen Scherbenhaufen verwandelt. Und er hatte keinen Blassen wie man Frauen tröstete. Er wusste nur, dass ein ruppiges Schulterklopfen gefolgt von einer Einladung auf ein Bier wohl nicht besonders hilfreich sein würde.
"Hat der Arzt schon etwas darüber gesagt wann du wieder hier raus kannst?" Die gestrige Prognose, die er selbst von diesem verlangt hatte, war noch bei einem vagen 'in ein paar Tagen' festgemacht gewesen. Er hatte sich zudem noch versichern lassen, dass sie keine bleibenden Schäden würde davontragen müssen, dass sie ausser Schmerzmitteln und Flüssigkeit nur noch viel Ruhe brauchte, um bald wieder auf den Beinen zu sein.
"Er hat etwas von nach dem Wochenende gesagt - aber so lange bleibe ich nicht. Wir haben viel zu tun."
"Du hast überhaupt nichts zu tun, ausser gesund zu werden", erwiderte er streng.
"Bitte, es ist nur eine Gehirnerschütterung. Mit ein paar Advil bin ich so gut wie neu."
Ihr Trotz trug zwar auch dazu bei, aber es war eher ihre hartnäckige Weigerung ihn anzusehen, die ihn plötzlich ärgerlich machte. "Das ist selbst für dich ein neuer Höhepunkt des Starrsinns", sagte er ziemlich laut und erhob sich von dem Bett. "Du kannst doch nicht ständig durch die Gegend rennen und dich gegen alles querstellen!"
Tatsächlich brachte er sie damit dazu ihm gebührend Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Stirnrunzeln, ein bohrender Blick und dann fragte sie finster: "Würdest du hier eine Woche lang untätig herumliegen während ich versuche den Fall zu lösen?"
Er hob den Zeigefinger, öffnete den Mund um etwas zu erwidern, dann schloss er diesen wieder und mahlte stattdessen mit dem Kiefer, verschränkte die Arme vor der Brust.
"Dachte ich mir", sagte sie matt, um schliesslich ihr abwesendes Starren wieder aufzunehmen. "Ich unterschreibe morgen den Wisch für die vorzeitige Entlassung und dann kann ich über das Wochenende alles nachholen, was ich vernachlässigt habe ... auf der verdammten Suche nach diesem - während der letzten Tage."
Steves Blick ruhte auf ihrem Profil und dieser hohle Unterton in ihrer Stimme, die regungslosen Züge beunruhigten ihn irgendwie. Das klang weder nach ihr, noch nahm er ihr diese Kälte ab. Es sah ganz danach aus, als wäre sie schon dabei die ganze Sache mit Richard zu verdrängen.
Seufzend strich er sich über die Stirne, dann trat er näher an das Bett. "Wir werden die ganze Sache aufklären, egal wie lange es dauert. Und jetzt will ich, dass du dich wenigstens für den Rest des Tages ausruhst, bevor du hier morgen schon wieder abzuhauen gedenkst. Okay?"
Sie nickte schwach und liess ihre Augen über sein Gesicht schweifen.
"Ruf mich an, wenn du bereit bist, damit ich dich abholen und nach Hause fahren kann." Und als sie anhob zu widersprechen, unterbrach er sie resolut: "Ich will nichts hören! Das Wochenende verbringst du zu Hause - du hast deinen Laptop und dein Notizbuch, mehr brauchst du ja ohnehin nicht. Und nein, das Büro im Hauptquartier ist nicht dasselbe, falls du mir damit kommen wolltest."
Sam neigte den Kopf leicht zur Seite und lächelte ihn schliesslich an. Dieses Mal erreichte die Geste ihre Augen und Steve widerstand dem Drang zu grinsen; das war schon mehr nach seinem Geschmack, aber die Strenge würde er so lange aufrechterhalten, wie er nicht eine Bestätigung bekommen hatte.
"Okay, ich verspreche, dass ich dich anrufen und dein Grundstück bis Montag nicht verlassen werde." Da war zwar ein Hauch von Sarkasmus in ihrem Ton, aber er kannte sie mittlerweile gut genug, um auch die Ehrlichkeit aus ihren Worten herauszuhören.
"Sehr schön." Einen Bruchteil einer Sekunde zögerte er, doch dann schlug er die Bedenken in den Wind und beugte sich zu ihr herab, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu hauchen. "Sei brav und schlaf!", befahl er grinsend, dann hob er zum Abschied kurz die Hand und trat auf die Türe zu.
"Steve?"
Die Finger bereits auf der Klinke, sah er über seine Schulter hinweg zurück.
"Mahalo."
Er zwinkerte ihr zu und mit einem letzten Lächeln schloss er die Tür hinter sich. Während er den Weg zur Tiefgarage hinter sich brachte, bemerkte er, dass er sich plötzlich viel leichter fühlte. So leicht, als hätte jemand einen Teil des Gewichtes von ihm genommen, welches seit der Rückkehr nach O'ahu auf seinen Schultern lag.


"Du kommst goldrichtig, mein Bester!"
"Sind die Ergebnisse zurück?", fragte er Danny, blickte auf den Tischcomputer herab nachdem er rasch an diesen getreten war. Doch da war nichts ausser dem üblichen blauen Hintergrund zu sehen.
"Noch nicht, aber dafür haben wir Beweise für die Querverbindungen zwischen diesem Dale, Mercer und Nakumotu." Und mit einem energischen Winken durch die Scheibe zog er Konos Aufmerksamkeit auf sich, die auch gleich darauf aus ihrem Büro zu ihnen geeilt kam. "Kannst du bitte mal zaubern damit unser Grosser hier sieht was du herausgefunden hast?"
Mit ein paar Handgriffen hatte die junge Frau auch schon einige Auszüge, Kontenübersichten und Grundstücksurkunden heraufbeschwört. Während sie hierhin und dorthin deutete wurden Steve die Ausmasse der Querverbindungen klar - oder auch nicht. Alle drei Männer waren über zehn Ecken irgendwie miteinander verbunden, sei es durch Geldtransaktionen, Überschreibungen von Grundstücken oder der schlichten Tatsache, dass sie manchmal an den selben Tagen dieselben Lokalitäten besucht und dort ihre Kreditkarten benutzt hatten. Nach einigen Minuten schwirrte Steve der Kopf und er brachte den Schwall an Informationen, den Kono in seine Richtung fliessen liess schliesslich mit einer entsprechenden Handgeste zum versiegen.
"Wissen wir denn wer der Kopf dieses Ganzen ist? Mal abgesehen von Nakumotu, den sie ja beseitigt haben. Arbeitet Richard für Mercer oder umgekehrt?"
Kono verzog den Mund, stemmte die eine Hand in die Hüfte. "Wenn du mich fragst, ist keiner der beiden der Drahtzieher."
"Wie meinst du das?"
"Alle drei haben Geld gekriegt. Einschliesslich dieser Mercer." Und sie rief rasch eine entsprechende Übersicht auf, die tatsächlich bewies, dass auch der Politiker in mehr oder weniger regelmässigen Abständen sehr grosse Summen von irgendwoher erhalten hatte. Beträge von denen der Durchschnittsbürger - und Steve zählte sich angesichts dieser einschüchternden Zahlen selbst eindeutig dazu - nicht einmal träumen konnte.
"Was zum Teufel geht hier eigentlich vor sich?", murmelte er dem Bildschirm entgegen.
"Es kommt noch besser, Boss", fügte Kono hinzu, brachte ihn dazu wieder zu ihr aufzusehen. "Wenn ich versuche diesen vierten Unbekannten ausfindig zu machen endet es jedes Mal in einer Sackgasse. Ich kann nicht einmal sagen aus welchem Land er operiert. Die Konten gehören immer zu irgendwelchen Scheinfirmen oder dergleichen und verteilen sich praktisch über jeden Kontinent."
Danny deutete Steves Gesichtsausdruck richtig. "Migräne?", fragte er mit einem sarkastischen Grinsen.
"So muss sich das vermutlich anfühlen, ja..." Er atmete tief durch, dann erinnerte er sich selbst daran, dass sie am besten verfuhren, wenn sie alles der Reihe nach angingen. "Habt ihr etwas zu den ermordeten Touristinnen - irgendein Hinweis wer sonst noch in dem Bunker gewesen sein könnte?"
Danny schüttelte den Kopf. Das Grinsen war von seinen Zügen gewichen und er sah ziemlich betreten aus. "Nichts." Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: "Und du bist dir sicher, dass das nicht dieser Richard war, der sie dort oben gefoltert hat?"
"Wie oft sollen wir das denn noch durchkauen, Danny? Das ist nicht sein Stil. Ich bin mir sicher, dass Sam dasselbe sagen würde. Das passt einfach nicht."
"Aber es passt, dass er sich mit einem Serienkiller zusammengetan und ihm den Bunker überlassen hat, damit sich dieser dort oben austoben kann?"
"Nicht, wenn du es so formulierst, nein. Aber ich weiss einfach, dass das nicht Richard war." Und bevor Danny abermals widersprechen konnte, warf ihm Steve ein richtiges Gegenargument entgegen: "Die Kreuzverweisliste hat noch mehr ermordete Prostituierte zu Tage gebracht, die ins Profil passen und wir wissen mit Sicherheit, dass Richard bei einigen dieser Morde nicht in den jeweiligen Bundestaaten war. Ich habe es gestern selbst überprüft."
Tatsächlich hatte er sich selbst der Kreuzverweisliste gewidmet, versucht dieses Gewirr an einem Ende beginnend aufzudröseln. Schliesslich hatte das Ganze jedoch nur eine ansehnliche Reihe von ungelösten Morden ergeben, die ziemlich eindeutig ihrem Serientäter zuzuschreiben waren. Sam würde sich diese vornehmen können wenn sie erst einmal aus dem Spital raus war. Den Rest des gestrigen Tages hatte Steve schliesslich damit verbracht die letzen paar Jahre von Richards Leben zu durchwühlen. Aber wie erwartet war der Kerl vorsichtig gewesen. Die paar Brocken an Informationen liessen nichts anderes vermuten, als dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann war. Wenn man es nicht besser wusste, natürlich. Doch auch wenn Steve die Gewissheit hatte, dass der Schein trog, so hatte er trotzdem nichts gefunden, um ihn mit einem Verbrechen in Verbindung zu setzen.
Abermals, zum vermutlich tausendsten Mal, zerbrach er sich den Kopf darüber was das Ganze eigentlich sollte. Nachdem er Danny und Kono wieder zu ihren Aufgaben entlassen hatte, sass er in seinem Büro, betrachtete abwesend den Briefbeschwerer vor sich und trommelte mit dem Stift auf der Tischplatte herum. Aus welchem hirnrissigen Grund würden sich ein Politiker, ein Ex-SEAL und ein Serienmörder zusammentun? Immer wieder kreiste dieses eine Wort, welches Richard geäussert hatte in seinem Kopf: Schnitzeljagd. Es beschwor ein ungutes Gefühl in Steve herauf, denn es sagte ihm, dass ihre bisherigen Ermittlungen nichts anderes als ein ahnungsloses Verfolgen einer sorgfältig ausgelegten Spur von Brotkrumen gewesen waren.
Dann war da noch die drängende Frage wo der Mann nun war. Wohin hatte er sich abgesetzt? Was hatte er als nächstes vor? Einige Dinge waren klar: er würde sich zurückziehen um seine Wunden zu lecken, seine Ressourcen mobilisieren und schliesslich einen neuen Angriff starten. Steve wusste das, weil er selbst genau so handeln würde, weil er denselben Hintergrund teilte und deshalb ein Gefühl für jene Art des Vorgehens hatte.
Und was ihn selbst und seine nächsten Schritte anbelangte: Noch immer tappte er weitgehend im Dunkeln, aber ein entscheidender Vorteil hatte sich ihm durch die Begebenheiten auf Kaua’i erschlossen und das war das Wissen um die weitreichenden Querverbindungen, die Gewissheit, dass man versucht hatte ihn an der Nase herumzuführen.
Doch das würde jetzt ein Ende nehmen. Sie hatten die finsteren Pläne vorerst durchkreuzt und er würde alles was ihm von nun an auf dem weiteren Weg begegnen würde, mit anderen Augen sehen. Er würde dieses Gespinst aus Täuschungen und Stolpersteinen eigenhändig zerreissen. Das war nicht mehr einfach nur ein Vorhaben Sam zu helfen oder einen Fall zu lösen. Richard hatte ihn hintergangen. Hatte Sam hintergangen. Sie und sein Team in Gefahr gebracht. Ihn damit herausgefordert. Es ging hier ums Prinzip. Nun war es persönlich.


Der erwartete Anruf war am Freitag erstaunlich spät gekommen. Nachdem er bereits zu zweifeln begonnen hatte, dass sie ihr Versprechen einhalten würde, hatte sich Sam schliesslich doch noch gemeldet. Nun, etwa eine Stunde später drückte er die Klinke seiner Haustür mit dem Ellenbogen herunter, öffnete diese mit einem Schubs seines Fusses und hielt sie schliesslich mit dem selben davon ab so weit aufzuschwingen, dass sie gegen die Wand knallte.
„Ich hätte eine der Tüten wirklich vom Wagen bis zur Küche tragen können, weisst du? Es ist nicht so, als wäre ich hochschwanger oder hätte beide Arme in einem Gips…“
„Du hast dich selbst entlassen, also traue ich deinem Gesundheitszustand nicht mal so weit über den Weg um dich kochen zu lassen.“
„Das wirst du aber müssen, wenn du heute zu Abend essen willst“, kam es spitz von hinten, als er die Tüten auf der Küchenzeile abgestellt hatte.
Steve wandte sich, die Hände wieder frei und mit einem skeptischen Ausdruck auf dem Gesicht, in Sams Richtung. „Und du willst dir das wirklich antun?“
„Was heisst denn hier antun? Hast du noch nie etwas davon gehört, dass Kochen therapeutisch sein kann?“
„In einem Häkeltanten-Universum vielleicht…“
Sam schüttelte gespielt beleidigt den Kopf. „Da. Du hast es dir gerade vermasselt. Du wirst dann wohl hungrig zusehen müssen, wie ich mir den Bauch mit dem besten Beef Wellington vollschlage.“
„Entschuldige bitte, aber … Beef Wellington?“, echote er ungläubig.
„Was denn? Ist dir das zu klischeebehaftet?“
Er nickte mit einem spöttischen Grinsen.
„Und das ist mir offen gestanden schnurz. Wenn ich die Köchin in mir zum Spielen herauslasse, dann kommt auch die Britin in mir mit raus. Finde dich damit ab oder hungere.“
Welcher der beiden es nun zu verdanken war, dass sich Steve einige Zeit später stöhnend in seinem Stuhl zurücklehnte, pappsatt und äusserst zufrieden, das war ein Rätsel geblieben. Fest stand jedoch, dass Sam wirklich gut kochen konnte. Nein, köstlich war eher das Wort. Irgendwie überraschend, wie er fand. Alles an ihr war so modern, schrie praktisch nach einem absichtlichen Aufbrechen von altmodisch angehauchten Qualitäten, dass sich das eben verspeiste, üppige Mahl fürchterlich mit diesem Bild biss. Er musterte sie über den Tisch hinweg, abschätzend und sinnierend. Was steckten wohl noch für Überraschungen in dieser Frau, die gerade gedankenverloren auf ihren leeren Teller starrte?
Als hätte sie seinen Blick gespürt, sah sie gleich darauf zu ihm auf und fragte mit einem Zwinkern: „Wurdet ihr in der Navy eigentlich zum Abwaschen verdonnert wenn ihr etwas ausgefressen habt?“
„Nein, das wäre dann doch etwas zu lasch gewesen. Aber Wasser war da definitiv immer involviert. Nur in grösseren Dimensionen. Und kälteren…“
„Verstehe. Dann wird es dir ja wie ein Spaziergang vorkommen“, warf sie ihm entgegen und tat es ihm nach, lehnte sich träge in ihrem Stuhl zurück.
„Ich weiss nicht wovon du sprichst…“, sagte Steve mit einem Schulterzucken. „Aber was ich weiss, ist, dass ich erst mal hier sitzen bleiben werde.“
Am Ende fiel die Arbeitsteilung dennoch sehr gerecht aus und dank ihrer vereinten Kräfte war das Schlachtfeld in der Küche rasch Geschichte. Den Rest des Abends verbrachten sie zwar im selben Raum, jedoch grösstenteils schweigend. Während sich Sam den unaufgeklärten Morden widmete, sah Steve zu, dass mehr Licht auf Mercers Werdegang und Aktivitäten der letzten Monate fiel. Doch wie auch schon bei Richard gestaltete es sich unmöglich den Mann mit etwas Zwielichtigem in Verbindung zu bringen. Ebenso wurde ihm wieder einmal bewusst wie wenig es ihm lag diese Art von Hintergrundarbeit auszuführen. Er war definitiv mehr der praktische Typ, der in Bewegung sein musste, um das Gefühl zu haben wirklich etwas auszurichten. Selbst in den besten Momenten, wenn trockene Recherche auch tatsächlich Ergebnisse abwarf. Und so wie es gerade war mochte er das Ganze noch weniger.
Als sich Sam schliesslich von ihrem Platz im Arbeitszimmer erhob, warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es bereits weit nach Mitternacht war. Mit einem Lächeln verabschiedete sie sich von ihm, um sich zu Bett zu begeben. Noch einige Minuten nachdem sie ihn alleine in dem Raum zurückgelassen hatte, starrte er auf einen Punkt vor sich, doch anstatt über die Arbeit nachzudenken schweiften seine Gedanken in eine völlig andere Richtung.
Ihm wurde bewusst wie natürlich es sich anfühlte um Sam herum zu sein. Die Art und Weise, wie sie sich in seinen Alltag eingefügt hatte, unter seinem Dach lebte – er fragte sich ernsthaft ob es tatsächlich erst eine Woche her war, dass er sie dazu genötigt hatte bei ihm unterzukommen. Selbst der Gang zu seinem Sofa fühlte sich mittlerweile normal an und als er sich einige Zeit später zum Schlafen darauf ausstreckte, scheuchte er den aufkommenden Gedanken daran weg, wie es sich anfühlen würde zu Hause zu sein, wenn sie erst einmal nicht mehr hier war.


Was ihn aufgeweckt hatte konnte er in den ersten paar schlaftrunkenen Momenten nicht sagen. Doch dann hörte er ein Geräusch aus dem Arbeitszimmer und ihm wurde bewusst, dass gerade die Tür des Hinterausgangs geschlossen worden war. Alarmiert sprang er auf, hatte gleich darauf die Waffe unter seinem Kissen gezückt und sich schliesslich an den Türrahmen des Zimmers gelehnt. Er lauschte und als nichts weiter zu hören war betrat er es vorsichtig. Nichts. Alles war so wie er es zurückgelassen hatte. Schliesslich fiel sein Blick durch das Fenster und er sah Sam, die gerade den Rasen hinter dem Haus überquerte. Sie hatte wie immer zum Schlafen nur ein T-Shirt an, war barfuss und das Haar floss frei über ihre Schultern.
Die Spannung wich aus seinen Gliedern, doch die Frage was sie da tat blieb. Sollte er ihr folgen? Der Gedanke, dass sie sich alleine im Freien aufhielt behagte ihm nicht. Und auf die Gefahr hin sie bei irgendetwas zu stören, trat er auf die Veranda, legte denselben Weg zurück, den sie gerade hinter sich gebracht hatte. Ein paar Schritte vor dem Fleck an dem sie stand, auf das Meer hinausblickend und die Arme um sich geschlungen, verlangsamte er seinen Gang. Ihr Kopf wandte sich eine Spur zur Seite und er wusste, dass sie seine Anwesenheit bemerkt hatte.
„Alles in Ordnung?“
„Jaaah… Ich wollte nur die Aussicht geniessen.“
Das musste eine glatte Lüge sein, denn von Aussicht konnte man bei diesem Dämmerlicht nicht wirklich sprechen. „Ach so. Dann gehe ich wieder rein und überlasse dich deinen Gedanken…“
„Okay. Entschuldige, dass ich dich geweckt habe“, sagte sie und klang plötzlich verdächtig erstickt.
Als er das hörte, hielt er mitten in der Bewegung inne und trat stattdessen an ihre Seite. Sie hatte den Blick immer noch nach vorne gerichtet und ihre Haltung vermittelte etwas von Verloren Sein; die angezogenen Schultern, der reglose Stand, das offenbar versunkene Starren. Als er seine Hand auf ihre Schulter legte, zuckte sie zurück und sah ihn so perplex an, als hätte sie erst jetzt wirklich bemerkt, dass er da war.
„Kann ich etwas tun?“, fragte er stirnrunzelnd, verstärkte den Griff an ihrer Schulter. Die dem Haus zugewandte Seite ihres Gesichts war von der Verandalampe beleuchtet; der Ausdruck, den er darauf sah war nicht zu deuten.
„Die Zeit zurückdrehen?“ Obwohl diese Antwort so etwas hätte vermuten lassen können, war dennoch keine Spur von ihrer üblichen Ironie zu hören. Sie klang vielmehr so matt, als würde keine Intonation dazu taugen ihre Gefühle auszudrücken.
„Selbst wenn - ich bin mir sicher, dass das keine Lösung wäre.“
„Du hast Recht. Ich würde vermutlich einfach einen anderen Weg finden um mich zum Deppen zu machen.“ Mit diesen bitteren Worten wandte sie den Kopf wieder nach vorne.
„Du hast dich nicht zum Deppen gemacht.“ Eigentlich hätte er noch mehr hinzufügen wollen, aber er war noch nie gut darin gewesen solche Gespräche zu führen. Wie sollte er schon anbringen, dass sie sich in seinen Augen nur einer Sache schuldig gemacht hatte; nämlich ein unglaublich grosses Herz zu haben. Schon in seinem Kopf klang das unendlich rührselig und ganz und gar nicht nach ihm. Und so kam es, dass sich die Stille zwischen ihnen eine Weile lang ausbreiten konnte, bevor sie wieder anhob zu sprechen:
„Es ist erstaunlich wie schlecht ich darin bin mir selbst zu helfen. Ich habe keine Ahnung was ich mit mir anfangen soll.“
„Das musst du jetzt auch nicht. Alles zu seiner Zeit.“
„Ich bezweifle, dass es sich jemals weniger peinlich anfühlen wird.“
Peinlich? Wovon sprach sie denn da? „Was meinst du damit?“
Sie sah ihn einen Moment lang ausdruckslos an, dann rückte sie völlig unerwartet von ihm ab, sodass seine Hand unvermittelt von ihrer Schulter glitt. „Vergiss es.“
Er gab ein halb unterdrücktes Seufzen von sich, rieb sich mit einem kratzenden Geräusch über die Wange, als ihm dämmerte worauf sie sich im Genauen bezogen haben musste. Schliesslich sagte er: „Es ist nichts Furchtbares daran sich zu verlieben. Ausserdem irrt sich jeder einmal.“
Sie zuckte nur mit den Schultern und schlang die Arme enger um sich, als würde sie frösteln.
„Hör zu; wenn du nur annähernd so gestrickt bis wie ich, dann spielst du gerade mit dem Gedanken alles einfach in dich zu fressen, auch wenn du – vermutlich noch besser als ich – weisst, dass das nicht der richtige Weg ist, um mit solchen Dingen umzugehen.“
„Ich habe keine Ahnung wie mit solchen Dingen umzugehen ist – von zwei an ein Lügengebilde verschwendeten, verdammten Jahren stand niemals etwas in den Lehrbüchern. Auch nichts davon wie man wieder Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen fasst, nachdem einem klar geworden ist, dass man sich nach Strich und Faden hat täuschen lassen.“ An dieser Stelle liess Sam ihre Arme sinken, wandte sich vollständig in seine Richtung und sah ihn aus geweiteten Augen an. „Ich wollte ihn heiraten, Steve! Ich habe nicht einmal den leisesten Verdacht geschöpft und ihn in mein Leben und meinen Kopf und mein Bett gelassen! Diese Tatsache frisst ein Loch in mich und je länger ich darüber nachdenke, desto vergifteter komme ich mir vor! Und jetzt sag‘ mir wie ich mit sowas umgehen soll!“
Die Intensität ihrer Worte, die Verzweiflung, die aus jeder ihrer Silben sprach, traf ihn unerwartet und heftig. Er erwiderte ihren Blick, unverwandt und ernst – und hatte keinen Schimmer was er sagen sollte. Aber vielleicht musste er das auch nicht.
„Ich hasse ihn so sehr … aber gerade hasse ich mich selbst so, so viel mehr, dass ich das Gefühl habe zu ersticken.“ Tatsächlich klang auch ihre Stimme gerade genauso. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und als sie weitersprach kamen die Worte dementsprechend gedämpft, aber nicht minder intensiv über ihre Lippen: „Ich weiss nicht wie ich jemals wieder unbeschwert in den Spiegel sehen soll…“
Steve tat das einzig Richtige und schloss mit einem Schritt den Abstand zwischen ihnen, um die Arme um sie zu legen. Sie versteifte sich, stemmte die Hände gegen seine Brust, aber er war stärker und beabsichtigte nicht sie loszulassen. Langsam, sehr langsam erweichte ihr Widerstand und schliesslich gab sie auf, gab sich seiner Umarmung so weit hin, dass sie ihn nicht mehr von sich zu drücken versuchte. Ihre Schultern begannen plötzlich zu beben, als sich ein trockener Schluchzer den Weg an die Oberfläche zu bahnen versuchte. Doch sie kämpfte dagegen an, krallte sich in den Stoff seines Tanktops unter ihren Händen und er schloss seinerseits die Arme noch fester um sie, sodass sich das Beben ihres Brustkorbes auf den seinen übertrug.
„Lass los“, murmelte er in ihr Haar.
Doch sie war offenbar noch nicht so weit. Er spürte, dass sie immer wieder den Atem anhielt, dann nach Luft schnappte, wenn es nicht mehr länger ging, nur um sich gleich wieder zu verkrampfen. Noch eine Zeit lang ging das so; sie rang mit sich selbst, hielt stur stand, während er sie umfangen hielt. Das einzige Geräusch, welches die Stille durchbrach, war das Rauschen der Brandung.
„Lass los, Sam“, wiederholte er nach einer Weile.
Vielleicht war es die erneute Aufforderung, vielleicht die Nennung ihres Namens, die den Damm schliesslich zum Brechen brachte. Mit einem erstickten Schluchzen presste sie die Wange gegen sein Schlüsselbein und gab den Widerstand auf. Sie so unmittelbar weinen zu spüren und hören war furchtbar, aber gleichzeitig wusste er, dass es ihr helfen würde. Seine rechte Hand fand den Weg zu ihrem Kopf und während es sie schüttelte, strich er abwesend über ihr weiches Haar, murmelte sinnlose Satzfetzen vor sich hin, hoffte, dass seine Stimme bestätigend auf sie wirkte.
Wie viel sich in ihr angestaut hatte war überwältigend. Sie war leise, bewegte sich praktisch nicht, während es stetig aus ihr herausfloss. Kein Toben, keine hysterischen Anwandlungen – aber dennoch war ihr Schluchzen so schmerzerfüllt, dass es ihm das Herz verkrampfte. Ihr Griff verstärkte sich zusehends und mit den Minuten, die verstrichen schien sie zu vergessen, dass sie die Umarmung anfangs nicht hatte zulassen wollen. Steve stand einfach da, hielt sie ruhig umfangen und wartete ab.
Schliesslich ebbte die Flut allmählich ab, doch es ging noch eine ganze Weile, bis sie sich langsam von ihm löste. Nur ein Stück weit, sodass sie ihm ins Gesicht blicken konnte, während ihre Hände nun ruhig und warm auf seiner Brust lagen. Sie blinzelte ihm entgegen und Steve erkannte, dass sie zwar einiges an Ballast abgeworfen haben mochte, der Ausdruck in ihren Augen aber noch so bedrückend war wie zuvor. Eine Welle der Zuneigung brandete durch sein Inneres und er handelte rein instinktiv, als er seine Hand seitlich an ihr Gesicht legte, langsam mit dem Daumen über ihre tränennasse Wange strich.
„Besser?“, kam es geflüstert über seine Lippen.
Sam nickte sachte und neigte ihren Kopf seiner Berührung ein Stück weit entgegen.
„Versuch‘ jetzt ein bisschen zu schlafen, ja?“ Er begann sich von ihr zu lösen, doch sie legte ihre Hand über die seine und krallte sich mit der anderen an dem Stoff seines Tanktops fest, brachte ihn dazu innezuhalten.
„Ich will nicht. Dein Schlafzimmer frisst mich auf, wenn ich wieder zurückgehe.“ Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, richtete die Augen auf seine Schulter. „Wenn ich alleine zurückgehen muss…“, fügte sie schliesslich kaum hörbar hinzu.
Er fing ihren Blick ein, nickte ihr mit einem kleinen Lächeln entgegen, dann schloss er seine Finger um die ihren. Langsam gingen sie zurück ins Haus, erklommen nebeneinander die Treppe und betraten das Schlafzimmer. Erst hier liess er ihre Hand los und als sie sich auf dem Bett ausgestreckt hatte, gesellte er sich zu ihr.
Als sie sich auf die Seite drehte, tat er es ihr nach. Blind tastete sie nach seiner Hand, verschränkte ihre Finger mit seinen und schlang seinen Arm um sich. Steve verstärkte den Druck, zog ihren Körper an sich, sodass ihr Rücken an seiner Brust zu ruhen kam. Die Stimmung war friedlich und sanft, hatte nur eine entfernt erotische Note, die geduldig einige Ecken weiter vor sich hin existierte, aber nichts erwartete. Dies war nicht der Moment. Es ging um Trost, um Nähe – alles Andere wäre fehl am Platz gewesen.
Steve bettete sein Kinn an Sams Scheitel, fasste ihre Gestalt mit der seinen ein und als sie das eine Bein nach hinten ausstreckte, um es leicht um die seinen zu schlingen, fühlte sich das Arrangement perfekt an. Kein Wort wurde gewechselt. Vielmehr lauschten sie gemeinsam in die Stille hinein, die nur von ihrer beider Atem und dem Rauschen der Wellen hinter dem Haus untermalt wurde. Der Moment war unbezahlbar und dehnte sich aus, begleitete sie in einen ruhigeren Schlaf, als ihnen beiden seit Tagen vergönnt gewesen war.


***



Das Licht drang durch ihre geschlossenen Lider, sagte ihr, dass das Zimmer warm und sonnendurchflutet war. Dennoch hatte es nichts Grelles an sich; vermutlich war es noch sehr früh am Morgen. Sie regte sich leicht, rieb ihre Wange an dem weichen Kissen und spürte wie sich Steves Arm, der bisher locker über ihr gelegen hatte, enger um ihre Taille schloss. Ihr fiel ein, wie sie sich buchstäblich an seiner Schulter ausgeweint hatte, wie gut er zu ihr gewesen war, dass er ihr die Gesellschaft, die sie in der vergangenen Nacht so dringend gebraucht hatte, nicht verweigert hatte. Hier lagen sie also, noch immer in derselben Position, in der sie eingeschlafen waren und es fühlte sich einfach nur richtig an. Vertraut und wohlig. Als würden sie schon seit Jahren Seite an Seite schlafen. Und das Beste an dieser Tatsache war: sie hatte keine Lust sich über dieses Paradoxon den Kopf zu zerbrechen. Dazu war sie gerade zu träge. Sie wollte es stattdessen einfach geniessen. Ein bisschen Glück hatte sie ja weiss Gott verdient...
Die Augen noch geschlossen, drehte sie sich nach einer Weile langsam auf der Stelle um, dann schlug sie blinzelnd die Lider auf. Steves Blick begegnete ihr sofort, überraschend nahe. Da war nicht mehr als eine Handbreit zwischen ihren beiden Nasenspitzen. Wieso war ihr eigentlich noch nie aufgefallen wie unglaublich lang seine Wimpern waren? Oder, dass die Farbe seiner Iris plötzlich viel heller war als sonst, nicht mehr tiefblau, sondern irgendwie mit einem Hauch von Grün darin? Jenes Blaugrün hing gerade sehr offensichtlich an ihrem Mund und diese kleine, aber entscheidende Tatsache liess etwas in ihr aufhorchen. Sam musste unvermittelt an den Kuss auf dem Aussichtspunkt denken, erinnerte sich daran, wie himmlisch sich seine Lippen auf ihren angefühlt hatten. Da war ein greifbares, vorfreudiges Prickeln in der Luft zwischen ihnen.



[...] dann erfasste sie seine Hand und führte ihn zurück zu dem Bett. Doch kaum hatte er sich darauf ausgestreckt und den Arm nach ihr ausgestreckt, damit sie sich an ihn schmiegen konnte, erklang der äusserst unwillkommene Klang seines Handys von unten. Sie tauschten einen ominösen Blick, dann sprang er auch schon wieder aus dem Bett und eilte, nackt wie er war, die Treppe herab, erfasste noch im Gehen das Telefon auf dem Couchtisch und ging ran.
Völlig unerwartet erklang Captain Nualis Stimme am anderen Ende der Leitung: "McGarrett! Ich hoffe Sie haben heute noch nichts vor - Sie und ihr Team müssen sofort an die Nordküste."
"Was ist passiert?" Er hatte ein ungutes Gefühl, was nichts Neues war, wenn sein Handy der Arbeit wegen klingelte - aber dieses Mal war es schlimmer. Steve wusste einfach, dass jetzt ein Hammer kommen würde und behielt Recht.
"Eine weitere Leiche. Im Sacred Falls State Park."
"Der wurde doch schon vor Ewigkeiten für die Öffentlichkeit gesperrt."
"Richtig. Es war auch ein Forstwart, der sie gefunden hat. Wir haben den Tatort gesichert, aber der Gouverneur meinte, dass Doctor Haynes ihre Beurteilung vor Ort beginnen muss." Klang der Mann etwa eine Spur entnervt?
Steve wandte sich um, als er ein Geräusch hörte und erblickte Sam, die in ein Handtuch geschlungen, am Treppenabsatz stand und ihn ernst ansah. "Gut, ich werde sie benachrichtigen. Wir kommen so schnell wie möglich." Und nach einer knappen Verabschiedung legte er auf, liess das Handy von seinem Ohr sinken. "Ich fürchte das wird nichts mit einem entspannten Tag - wir müssen an die Nordküste, weil sie eine weitere Leiche gefunden haben..." Obwohl er sich bereits in seinem geschäftlichen Modus befand, so war da eine nicht zu ignorierende Enttäuschung über die Entwicklung der Dinge, die an ihm nagte.
Sam schien etwas Ähnliches denken, denn sie sagte mit einem ironischen Grinsen: "Bei der Five-0 gibt es wohl sowas wie Wochenenden nicht..."
Er trat auf sie zu, drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, dann tätschelte er ihre Taille. "Wenigstens kam der Anruf nicht mitten im Gefecht."
Sie schüttelte den Kopf, schien sich nicht entscheiden zu können ob sie lachen oder tadelnd dreinschauen sollte und so wurde es etwas zwischendurch. "Mir ist gar nicht aufgefallen, dass wir gekämpft haben..."
"Komm, wir müssen uns auf den Weg machen. Ich fahre, du rufst die anderen drei an!"



***



Sie fuhren auf einen Tatort zu, wussten weder was sie dort erwartete, noch was das für die Ermittlungen heissen würde, das Wochenende war praktisch dahin und sie hatte Hunger - trotzdem grinste Sam beinahe die ganze Fahrt über vor sich hin. Da war eine leuchtende, warme Kugel in ihrem Bauch, strahlte Glück aus, welches sich in ihrem ganzen Körper und Denken ausbreitete. Sie war sich durchaus bewusst, dass dies vermutlich nicht lange anhalten würde, spürte das entfernte Ruckeln und Ziehen der Sorgen, die sich in der Zwischenzeit natürlich nicht magisch in Luft aufgelöst hatten. Aber für den Moment gestattete sie sich den Nachhall dieser letzten Stunden einfach zu geniessen.
Im Wagenraum war es mehrheitlich still, aber es war keineswegs unangenehm. Immer wenn sich ihre Blicke trafen, lächelten sie einander breit entgegen, dachten natürlich an das Selbe. Es mochte Einbildung sein, aber sie glaubte so etwas wie ein wortloses Versprechen in Steves Augen zu erkennen, als wollte er sagen, dass dies erst der Anfang gewesen war. Die Tatsache, dass er ebenso zu strahlen schien, wie sie sich sicher war, dass sie es gerade tat, erfüllte ihr Herz mit Freude. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie beide rein sexuell harmonierten, hatten sie an diesem Morgen eine ganz neue Dimension der Vertrautheit erreicht.
Aber diese müssigen Gedankengänge endeten jäh, als die Absperrung des HPD in Sicht kam. Sie waren schon eine ganze Weile einem schmalen Pfad gefolgt, der sich durch üppiges, hügeliges Grün geschlängelt hatte und nun schien das Vorankommen mit dem Auto nicht mehr möglich zu sein. Dort wo vermutlich früher der Wanderweg angefangen hatte, war das typische gelbe Band zwischen zwei Bäumen gespannt worden, obwohl sie vermutlich kein Zivilist mehr hierher verirrte - Steve hatte ihr erklärt, dass dieser Park, früher rege wegen der atemberaubenden Wasserfälle besucht, nach einem Steinschlag, der mehrere Touristen getötet hatte, gesperrt worden war.
Chin war bereits vor Ort und kaum hatten sie sich zu ihm und seinem abgestellten Motorrad gesellt, kam auch schon Konos roter Wagen in Sicht. Schliesslich standen sie zu viert vor der Absperrung, unschlüssig ob sie auf Danny warten sollten oder nicht. Dieser hatte Sam am Telefon mit äusserst verständlichem Grimm erklärt, dass dies ein Wochenende war, an dem er seine Tochter bei sich hatte und sich zuerst würde darum kümmern müssen, dass sie nach Hause zu ihrer Mutter kam.
Da es nicht unbedingt Steves Stärke war zu warten, kündigte er nach kaum einer Minute an, dass sie nicht hier auf ihn warten würden. Dann stapfte er energisch davon, um einem der Officer zu sagen, dass er ihnen Danny hinterherschicken sollte, wenn er auftauchte. Von der Ferne winkte er ihnen schliesslich zu und so setzten sie sich gemeinsam in Bewegung, um den Fundort zu erreichen.
Die Gegend war wunderschön und Sam konnte gut nachvollziehen warum sich die Touristen gerne hier aufgehalten hatten. Dieser unverwechselbare Geruch von atmender, fruchtbarer Erde erfüllte ihre Lungen und weil sie ohnehin dazu angetan war alles einfach wundervoll zu finden, strahlte sie bei dem Anblick eines grossen, weissen Vogels der hastig aufstob, als sie sich ihm näherten.
"Steve scheint ja noch energischer zu sein als sonst - falls das überhaupt möglich ist", sagte Chin plötzlich, den Blick auf die Gestalt des Mannes gerichtet, der ihnen allen vorausgeprescht war und nun einige Meter vor ihnen einherschritt.
"Und dieses Grinsen", gab Kono finster zurück. "Schön, wenn sich wenigstens einer freut, dass unser Wochenende ruiniert ist. Die besten Wellen seit langem und ich habe nichts davon. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir den Surf Report gar nicht erst angesehen..."
Sam wusste plötzlich nicht wohin sie ihre Augen richten sollte und tat so, als würde sie weiterhin die Aussicht geniessen, als hätte sie diese zwischen den Cousins gewechselten Worte nicht wirklich gehört. Schliesslich war sie eine Haole - das würde nicht weiter auffallen. Hoffentlich...
Endlich, nach einem Marsch von annähernd zehn Minuten hatten sie das Ende des Weges erreicht, standen am Fuss eines sehr schönen, ziemlich beeindruckenden Wasserfalls. Aber das Bild dieses Naturspektakels wurde von der Tatsache verunstaltet, dass da ein Officer und ein zweiter Mann in einer ihr unbekannten Uniform nahe des Ufers standen und einen Hauch von Unheil verbreiteten. Sam verfiel in einen schnelleren Gang, holte Steve auf, der die Stelle bereits beinahe erreicht hatte. Die beiden Männer nickten ihnen zu, dann traten sie zur Seite.
Sam runzelte überrascht die Stirne. Die Frau passte perfekt in das Beuteschema ihres Killers, aber eine entscheidende Tatsache biss sich fürchterlich mit den bisherigen Ablageorten. Die Leiche der Schwarzhaarigen war in eine Plane eingewickelt, ragte nur zum Teil aus dem flachen Grab heraus, in welchem man sie verscharrt hatte. Das passte zwar nicht zu ihren beiden, aber dafür wie die Faust auf's Auge zu den unaufgeklärten Morden auf dem Festland.
"Und genau so sieht es aus, wenn unser Killer nach seinem eigenen Vorgehen operiert", sagte Sam grimmig. Es war zwar keine Freude oder Genugtuung im Spiel, aber dennoch fühlte sie sich in ihren Instinkten bestätigt. "Ich wusste, dass an den Ablageorten der ersten beiden Morde etwas nicht richtig war. Carly und Melinda wurden ganz offensichtlich von jemand anderem in diese Gärten gelegt und was wir hier vor uns sehen ist das Werk eines Serienmörders, der seinen Drang zu töten nicht unterdrücken kann. Offenbar muss er die Leichen nun wieder selbst loswerden..."
Sie strich sich nachdenklich über den Mund, die Augen abwesend auf das schäumende Wasser am Fuss der Fälle gerichtet und zählte zwei und zwei zusammen. "Richard hat diese Leichen in Kahala abgelegt, weil er wusste, dass die Aufmerksamkeit auch automatisch die Five-0 auf den Plan rufen würde."
Die anderen drei sahen sie perplex an, wobei Steve derjenige war, der den überraschtesten Ausdruck zur Schau stellte. "Du willst mir also sagen, dass sich der Kerl mit einem Serienkiller vom Festland zusammengetan hat, um uns in Ermittlungen zu verwickeln, die er in jenem Moment selbst verursacht hat, als er die Leichen in diese Gärten gelegt hat. Wozu sollte er so etwas tun?"
"Woher soll ich das wissen?", brauste Sam auf, dann wurde ihr bewusst, dass sie überreagierte. Dahin war die heile Blase des Glücks. Kaum war Richards Name gefallen, war das Gift zurückgekehrt. Sie hob entschuldigend die Hand, dann fügte sie betont ruhig hinzu: "Da steckt irgend eine berechnende Absicht dahinter, aber ich habe keinen Schimmer, wie wir das enträtseln sollen."
"Entschuldigen Sie - Commander?", erklang plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Alle vier wandten sich um und erkannten, dass der Officer des HPD an sie herangetreten war. Steve nickte ihm knapp zu und der Mann beeilte sich zu sagen: "Der Forstwart, der die Leiche entdeckt hat scheint jemand Verdächtiges gesehen zu haben - ich denke, sie sollten sich anhören was er zu sagen hat."
Steve winkte den Mann näher und dieser begann sofort zu Erklären, was er am gestrigen Tag beobachtet hatte: "Es verirren selten Leute hierher, also war ich überrascht diesen Typen auf der Strasse zu sehen. Er war zu Fuss unterwegs, wo das nächste Haus doch ziemlich weit weg ist." Der breitschultrige Mann deutete in die Richtung aus der sie gekommen waren, dann schirmte er seine Augen wieder gegen die schräg einfallende Sonne ab. "Jedenfalls habe ich ihm gesagt, dass er nicht weitergehen darf. Er hat kein Wort gesagt und ist wieder zurückgegangen. Ich habe mir nichts dabei gedacht - aber als ich das arme Mädel gefunden habe..." Er liess den Satz mit einem hilflosen Achselzucken ausklingen, schien ehrlich betroffen über seinen Fund.
"Können Sie den Mann beschreiben?", fragte Steve nach.
"Haole. Gross, breit gebaut und dunkelhaarig. Hatte diese hässlichen Brandnarben im Gesicht und am Hals..."
"Brandnarben, sagen Sie?"
Der Forstwart wandte sich an Sam, schien einigermassen überrascht, dass sie ihn so eindringlich ansah, dann nickte er. "Ja, die Hälfte seines Gesichtes sah aus, als wäre es geschmolzen..."
Sams Puls war sprunghaft angestiegen und sie warf Steve einen vielsagenden Blick zu, deutete mit den Augen auf den Forstwart. Er verstand sofort und schickte den Mann dankend wieder weg. Dann wandte er sich wieder an sie. "Was ist los?"
"Wir haben ihn", beeilte sie sich zu sagen. "Es kann kein Zufall sein. Bei einem der Morde von San Francisco war ein Mann kurz verdächtigt worden, der perfekt auf die Beschreibung passt. Er war in der Nähe eines der Ablageorte gesehen worden. Aber ich habe mir den Namen natürlich nicht gemerkt..."
Kono zückte ihr Smartphone und schon hatte sie die Daten aufgerufen, um ihr das Telefon schliesslich zu reichen. Sam zwang sich zur Ruhe, blätterte durch die digitalisierten Akten und es erschien ihr als würde eine Ewigkeit vergehen bis sie endlich die Berichte über die Befragungen der Kollegen auf dem Festland gefunden hatte. Alle drei neigten sich ihr zu, verstärkten ihre nervöse Unruhe, während sie nach diesem einen Foto der Überwachungskameras suchte.
"Da!" Sie zoomte ein, entzifferte den Namen und sagte schliesslich triumphierend: "Das ist unser Mann. Jackson Goss."

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Aug 22, 2013 4:08 pm

8. Hana ‘a ‘a Makehawa

Desperate Measures - Verzweifelte Massnahmen

Goss erinnerte an einen im Käfig eingesperrten Löwen. Der abschätzende Blick schoss hierhin und dorthin und obwohl er an den Stuhl gefesselt war, sah er aus, als könnte er sich jeden Moment losreissen und den Raum kurz und klein schlagen. Nicht, dass sich etwas in dem Befragungsraum befunden hätte. Einmal abgesehen von dem kargen Möbelstück an den ihr Verdächtiger gefesselt war, gab es da nichts ausser dem kalten, bläulichen Licht, welches dessen Narben unschön zur Geltung brachte.
Sam warf Steve einen Blick von der Seite zu. Er stand mit verschränkten Armen vor dem Mann und sah mit einem Ausdruck auf dem Gesicht auf diesen herab, als würde er ihn am liebsten zertreten wie eine Kakerlake, die es gewagt hatte sich in ein hübsches, sauberes Zimmer zu verirren. Sam konnte ihm nachfühlen. Etwas an der Art, wie der Mann auf dem Stuhl sass, als wäre dieser ein Thron, als könnte man ihm nichts anhaben, war äusserst abstossend und liess selbst in ihr eine gewisse Aggression aufkommen.
"Was haben sie mit Richard Dale und Derek Mercer zu schaffen?", fragte Steve.
"Nie gehört", kam es zurück. Jackson hatte eine schwerfällige Reibeisenstimme, die perfekt zu dem allgemeinen, unsympathischen Bild welches er abgab passte.
„Wir können den Teil überspringen, in dem Sie so tun, als wüssten Sie von nichts. Wir haben handfeste Beweise, die Sie mit den beiden Männern in Verbindung bringen.“
„Wie schön für Sie.“
„Für uns schon“, erwiderte Steve mit einem bösen Lächeln. „Ebenso schön, wie der Zeuge, der Sie in der Nähe eines Ihrer Ablageorte gesehen hat. Für Sie bedeutet das jedoch, dass Sie, wenn Sie verdammt viel Glück haben, die Welt für den Rest Ihrer elenden Tage nur noch durch ein vergittertes Fenster sehen werden.“
Darauf hatte Goss nichts zu erwidern. Jedenfalls nicht verbal. Sein überheblicher Blick, das leichte Lächeln sprachen jedoch Bände.
„Ich wette Sie dachten, dass es nicht nötig ist Ihre Spuren in dem Bunker auf Kaua’i zu beseitigen. Aber ich habe Neuigkeiten für Sie: In diesem Moment gleicht das Labor Ihre DNA mit dieser ab, die wir in Ihrem verdammten Folterzimmer gefunden haben.“ Nach einem Moment des Schweigens fügte Steve hinzu: „Und siehe da! Das überlegene Lächeln bröckelt.“
„Nur weil mir selbstgefällige Cops schon immer auf die Nüsse gegangen sind.“
Bevor Sam oder Chin reagieren konnten, selbst noch bevor Goss den Klang seiner eigenen Worte geniessen konnte, schoss Steves Hand vor und schloss sich um dessen Kehle. „Deine Nüsse sind gerade in meinem Befragungsraum und bei Gott, sie werden diesen nicht zusammen mit dir verlassen, wenn aus deinem dreckigen Maul nicht sehr, sehr bald ein paar Antworten kommen. Und behalte dabei im Hinterkopf, dass ich kein Cop bin und mich nicht mit Vorschriften aufhalte.“
Sam warf Chin einen alarmierten Blick zu, der genau wie sie die unheilvolle Rötung in Jacksons Gesicht bemerkt hatte. Sie verdrehte die Augen, dann trat sie vor und legte eine Hand auf Steves Arm, versuchte ihn von dem Mann wegzuziehen. Doch er reagierte nicht, hielt den Verdächtigen weiter in seinem Klammergriff und veranstaltete eine Art Starr-Wettbewerb.
„Steve!“, sagte sie drängend, bohrte ihre Finger in den angespannten Bizeps.
Mit einem unterdrückten Schnauben liess er schliesslich von Jackson ab und trat einen Schritt zurück. Sam fing seinen Blick auf und bedeutete ihm mit einem kleinen Nicken zur Seite, dass er es ihr überlassen sollte. Steve mahlte mit dem Kiefer, die Nasenflügel gebläht, die Brust geschwollen, dann stellte er sich neben Chin an die Wand.
So kam es, dass sich Sam vor dem Gefesselten aufbaute, versuchte ihren Ekel von sich zu schieben, um da weiterzumachen wo Steve aufgehört hatte. Nur etwas eleganter vielleicht. Sie versuchte auch den Umstand zu ignorieren, dass Goss‘ Augen an dem Ansatz ihrer Brüste hingen.
„Mich würde interessieren wie man Sie dazu gebracht hat auf Ihre übliche Art die Leichen loszuwerden zu verzichten. Hat man Ihnen im Gegenzug die Mädchen gebracht?“
„Welche Mädchen?“, kam es ungerührt zurück. Wenigstens hatte er nun den Anstand ihr ins Gesicht zu blicken. Falls man den gierigen Ausdruck mit Anstand betiteln konnte.
Sie zog die Fotos aus der Akte in ihrer Hand und hielt sie ihm vor die Nase. „Carly Webster. Melinda Bocaccio. Und die dritte Unbekannte, die Sie heute Nacht im Sacred Falls State Park deponiert haben.“
„Ich habe diese Frauen noch nie im meinem Leben gesehen.“
Sam ignorierte das. Das Funkeln in seinen Augen war ihr eindeutig genug. Es zeugte von seiner Befriedigung die Fotos zu sehen, der Freude, die es ihm bereitete sie erniedrigt und bezwungen zu wissen – er konnte diese Regungen nicht verhehlen, selbst wenn er es versucht hätte.
„Männer wie Sie haben für gewöhnlich eine Affinität ihre Opfer mit dem Messer zu töten. Ein Ersatz für die sexuelle Penetration, wenn Sie verstehen. Wieso erwürgen Sie sie?“
„Armes Ding; brauchst du einen Ersatz? Ich bin zwar gefesselt, aber es wird dir bestimmt auch so gefallen.“
Aus den Augenwinkeln sah Sam wie sich Steve von der Wand abstiess, aber sie hob die Hand in seine Richtung, unterbrach den Blickkontakt mit dem Mistkerl vor sich nicht, während sie die Geste vollführte. Chin half indem er ihn zurückhielt.
„Hier geht es nicht um meine Sexualität, sondern um Ihre“, erwiderte sie kalt. „Wollen Sie die Frauen spüren, sie anfassen, auch wenn Sie impotent sind?“
Der Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes änderte sich schlagartig. Hätte sie keine langjährige Erfahrung damit gehabt und solche Situationen nicht schon oft erlebt, wäre sie vermutlich unter dem hasserfüllten Blick zusammengezuckt. Stattdessen spürte sie grimmigen Triumph in sich aufkommen und sah weiterhin auf ihn herab, sprach bestärkt in ihrem Kurs weiter:
„Etwas verstehe ich aber immer noch nicht; bekommen Sie Ihre Befriedigung nur beim Erwürgen oder schon vorher bei der Folter.“
Der Ausdruck auf seinen entstellten Zügen verfinsterte sich noch mehr. Es war mehr als deutlich, dass er in diesem Moment nichts lieber getan hätte, als das besagte Erwürgen an ihr zu vollführen.
„Ah, so ist das. Sie kommen also gar nicht mehr zum Orgasmus. Da ist wohl alles tot, aber Sie versuchen es trotzdem. Vielleicht passiert ja bei der Nächsten das Wunder.“
Dieses Mal zuckte sie zurück, als sich Goss unvermittelt gegen seine Fesseln stemmte, auf sie zustrebte und dabei hervor presste: „Stirb, Miststück!“
Steve trat an den Mann heran und liess seine Faust gegen dessen Wangenknochen krachen, so unaufhaltsam, dass selbst Chin nichts mehr dagegen ausrichten konnte. Dies schien den Gefesselten jedoch nur milde zu interessieren; er schüttelte den Kopf, wie um den Schwindel des Schlages loszuwerden, aber seine Augen waren immer noch unverwandt auf Sam gerichtet. Sie war unwillkürlich zurückgewichen und ihr wurde erst jetzt vollständig bewusst, dass sie nahezu perfekt in dessen Beuteschema passte. Plötzlich war sie sehr froh, dass Steve da war und selbst sein unbeherrschtes Vorgehen bereitete ihr eine gewisse Genugtuung.
"Noch eine solche Drohung und ich vergesse mich", grollte Steve, nachdem er sich zu dem Mann heruntergebeugt und seinen widerwilligen Blick eingefangen hatte. "Verstehst du das?"
Goss blinzelte ihm träge entgegen, verzog den Mund, wie ein halsstarriges Kind, welches zwar nicht offen widersprechen will aber dennoch nicht daran denkt sich zu beugen.
"Lass' gut sein, Steve", sagte sie bestimmt, als klar wurde, dass keiner der beiden nachgeben wollte. "Das ist bloss das Gerede eines in die Ecke gedrängten Mannes."
Beide richteten ihre Augen auf sie; der eine skeptisch, der andere mordlustig. Steve liess die Luft aus seinem Brustkorb entweichen, doch dieses Mal stellte er sich statt an die Wand neben sie.
"Kommen wir zu den Gefälligkeiten." Sam schlug einen geschäftlichen Ton an. "Wie hat Sie Richard Dale gefunden? Hat er Ihnen gedroht Sie auffliegen zu lassen, wenn Sie sich nicht auf den Deal einlassen?" Jenen bestimmten Namen auszusprechen bereitete ihr beinahe körperliche Qualen und die Vorstellung wie er mit diesem Aas vor ihr zusammengearbeitet hatte war abscheulich.
Jackson presste die Lippen aufeinander und schwieg. Was vorauszusehen gewesen war. Der Mann war nicht dumm und ausser der Tatsache, dass er bisher noch nicht nach einem Anwalt verlangt hatte, verhielt er sich genau so, wie sie es vermutet hatte.
"Wie ist das abgelaufen? Hat er Ihnen ein Mädchen nach dem anderen in den Bunker gebracht und sich dann der Leichen angenommen, nachdem Sie fertig waren? Hat er Ihnen erklärt was er damit gemacht hat? Dass er sie in gehobene Nachbarschaften gelegt hat, damit die Five-0 auf den Fall aufmerksam wird?"
Da war ein kleines Aufblitzen in den verengten Augen. Ganz offensichtlich hatte das Richard nicht getan.
"Ganz schön dumm, wenn Sie mich fragen. Dale ist nämlich über alle Berge und Sie sitzen hier, während es nur eine Frage der Zeit ist bis nicht nur die drei Morde auf Hawaii sondern auch noch die in San Francisco zu Ihren Lasten gehen. Aber ich schätze, Sie sind nochmal glimpflich davongekommen ... sagt Ihnen der Name Winston Nakumotu etwas? Ja? Dieser hat ja zu ihrer illustren Gruppe gehört, aber er wurde ruhig gestellt. Haben Sie geholfen Ihn zusammenzuschlagen? Wissen Sie was Dale mit ihm gemacht hat? Er wurde samt seinem Auto von einem Highway geschickt, nachdem man ihn mit Kokain vollgepumpt hatte. Ein praktischer, kleiner Unfall, der alles Unliebsame ausradiert hat. Darüber können Sie im Gefängnis nachdenken."
Goss gab sich Mühe sich nichts anmerken zu lassen, aber er rutschte leicht auf seinem Stuhl herum, unbehaglich und irritiert. Vielleicht war er ja doch nicht so schlau. Offensichtlich hatte er seine Verstrickung in diese Sache nicht ganz zu Ende gedacht und sah sich nun durch ihre Ausführungen mit ein paar ungemütlichen Tatsachen konfrontiert. Hatte er vielleicht sogar darauf gehofft, dass ihn seine Kumpanen schon irgendwie aus dieser Situation befreien würden?
Sam wandte sich an den Mann an ihrer Seite. "Ab zum HPD mit ihm?"
"Ja, er kann in einer Zelle schmoren bis wir die Resultate vom Labor haben", gab dieser finster zurück, nahm dabei seine Augen nicht von dem Besagten.
So kam es, dass sie eine Weile später, Goss zwischen sich eingefasst, in das Polizeihauptquartier eintraten. Sergeant Lukela eilte ihnen entgegen, bereit sich des Mannes anzunehmen. Doch zuvor wurden einige Höflichkeiten ausgetauscht. Steve schien den älteren Herren zu respektieren und setzte ihn danach darüber in Kenntnis wie der Stand der Ermittlungen aussah.
Sam stand neben Goss, fühlte sich unbehaglich und wünschte die beiden würden sich beeilen. Zu genau erinnerte sie sich noch an die Sache auf Kaua'i, als sie Richard trotz Fesseln überwältigt und gewürgt hatte. Obwohl sie versuchte nicht daran zu denken, fühlte sie das Seil an ihrem Hals und schlug eine geistige Brücke zu der Art und Weise, wie sich das kalte Metall der Handschellen auf ihrer Haut anfühlen würde.
Als der Mann neben ihr plötzlich zu keuchen begann riss er sie damit aus ihrem Brüten. Alle Umstehenden wandten sich ihm zu. Er hatte eine ungesunde bläuliche Verfärbung im Gesicht und hustete, spuckte, als würde er keine Luft mehr kriegen. Entsetzt riss sie die Augen auf, aber das war nichts im Vergleich zu dem Ausdruck auf Goss' Zügen.
"Was zum - ?", presste Steve hervor und wollte den Mann berühren, aber Sams Hand flog zur Seite und hielt ihn davon ab.
"Niemand fasst ihn an!", rief sie gebieterisch.
"Aber er erstickt!", widersprach jemand.
"Ich sagte niemand!"
"Sam! Willst du, dass er uns wegstirbt oder was?", verlangte Steve zu wissen und funkelte abwechselnd sie und den Mann an, der gerade dabei war vor ihnen in die Knie zu gehen, noch immer keuchend, erfolglos nach Luft schnappend.
Sie deutete auf seinen Handrücken; die Haut war rot und warf so schnell Blasen, dass sie beinahe zusehen konnten wie sich der Ausschlag über seine ganze Hand ausbreitete. "Das ist ein Kontaktgift. Wir können nichts mehr tun."
Lukela sah sich wild um, schien nach jemandem Ausschau zu halten, dann rief er: "Niemand verlässt das Gebäude! Sichert alle Eingänge!"
"Zu spät", murmelte Sam. Sie konnte ihre Augen nicht von dem abstossenden Anblick nehmen; aus Goss' schiefem Mund schäumte es, seine Augäpfel traten noch mehr hervor, dann brach er endgültig zusammen, Gesicht voran, mitten im Eingangsbereich wo sich mittlerweile Dutzende um ihn scharten, fassungslos dabei zusahen wie er krampfartig zuckte und sich schliesslich nicht mehr regte.
Noch einige Momente lang herrschte klingende Stille im Raum, dann wandte sich Sam von der Leiche ab. Sie hatte in den letzen Wochen so viel Tod gesehen, dass sie meinte es nicht mehr aushalten zu können. Steve legte seine Hand auf ihren Oberarm, schien ihr wortlos Kraft geben zu wollen, als hätte er realisiert was in ihr vorging. Die Berührung half ihr in dem Masse, dass sie es zu Wege brachte sich zu sammeln, während sie nur mit halbem Ohr zuhörte, wie Steve von Lukela verlangte die Überwachungsvideos zu schicken, sobald ihm dies möglich war. Dann schob er sie aus dem Präsidium, an dem Officer vorbei, der an der Eingangstür Wache stand und sie mit einem Nicken gehen liess.
Die Fahrt zurück verlief schweigend. Sie waren beide abwesend, in ihre Gedanken vertieft und es hätte ohnehin keinen Sinn gemacht über das eben Geschehene zu sprechen. Sie wussten beide, dass dies ein Rückschlag ohnegleichen war und sie schon wieder ratlos dastehen liess. Selbst die Tatsache, dass sie offensichtlich etwas richtig gemacht hatten, dass Goss nicht umgebracht worden wäre, wenn er nicht ein wichtiger Teil des Rätsels darstellte, konnte nicht über diese Wendung der Geschehnisse hinwegtrösten.
Im Hauptquartier angekommen verkündete Steve seinem Team was vorgefallen war, erntete ungläubiges Schweigen und entsetzte Blicke von allen. Sam stand an dem Tischcomputer, starrte auf einen Punkt vor sich und konnte sich nicht länger gegen die Hoffnungslosigkeit sperren, die sie in den letzten Minuten bereits zu überwältigen gedroht hatte.
Eine Weile lang verharrten sie alle genau so erschlagen, dann war es Steve, der dem Schweigen ein Ende setzte. "Ich habe die Schnauze voll. Danny, du begleitest mich zu Mercer und ihr drei kümmert euch um die Überwachungsvideos, die Duke jeden Moment schicken wird. Findet heraus, wer das war!"
Sam runzelte die Stirne. "Mercer? Du willst jetzt zu Mercer gehen?"
"Ja. Der Typ ist nun die einzige Verbindung zu diesem ganzen Mist. Seine idiotische Anzeige über unbefugtes Eindringen auf sein Grundstück und dass er angeblich nichts davon wusste, kann er sich sonst wo hinstecken! Ich fühle ihm jetzt auf den Zahn!"
"Ich komme mit."
"Nein, das wirst du nicht", gab Steve ungerührt zurück. "Du hilfst Kono und Chin bei der Identifizierung des Giftmörders."
"Entschuldige bitte, aber ich habe genau so ein Anrecht darauf mir diesen Mercer vorzunehmen wie du! Wenn nicht mehr!" Sam fühlte ihren Puls ansteigen, konnte es nicht fassen, dass sie Steve zum Kuschen verurteilte, als wäre sie ein kleines Kind.
"Du kommst mir nicht mehr in die Nähe von irgendjemandem, der mit dieser Sache zu tun hat! Hast du etwa vergessen, was wir gerade mit angesehen haben? Willst du auch so enden?"
"Das ist nicht der Punkt, Steve! Du kannst doch nicht einfach für mich entscheiden, als wäre ich ein Fusssoldat! Erwartest du wirklich, dass ich von jetzt an brav hier bleibe und aus der sicheren Blase heraus, die du da gerade für mich heraufbeschworen hast, dabei helfe den Fall zu lösen?"
Steve hatte gerade den Mund aufgemacht, um eine aufgebrachte Antwort zu geben, als Danny die Hände hob. "Wir beruhigen uns jetzt erst mal, ja?"
Es war als hätte sie jemand wachgerüttelt; beide sahen sich um, wurden sich vollständig bewusst, dass sie gerade drei Menschen um sich stehen hatten, die nur allzu genau mitbekamen, wie sie sich stritten. Sam presste die Lippen aufeinander und sah von Konos Gesicht weg, die sie halb fragend, halb besorgt ansah. Steve hingegen straffte sich, dann legte er seine Hand auf Dannys Schulter und schob ihn in Richtung des Ausganges vor sich her.
Mit einem finsteren, frustrierten Gefühl im Bauch hielt sie ihren Blick auf Steves breiten Rücken gerichtet, bis dieser nicht mehr sichtbar war. Am liebsten wäre sie ihm gefolgt, um ihm eine zu pfeffern und anschliessend da weiterzumachen wo sie gerade aufgehört hatten. Seine Sorge um sie in allen Ehren, aber in dieser Hinsicht war er schlichtweg unmöglich.
Als sie sich schliesslich an Chin und Kono wandte, erkannte sie denselben, eindeutigen Ausdruck auf ihren anmutigen Gesichtern und hätte sie nicht gewusst, dass die beiden verwandt waren, so wäre es ihr in diesem Moment klar geworden. Fantastisch. Nun wussten alle Bescheid. Hätte sich dieser Tag denn noch gründlicher von einem Traum in einen Alptraum verwandeln können?


***



"Ihr habt es getrieben, oder?"
Steve stutzte, dann verdrehte er die Augen. Auf Dannys Fähigkeit den Finger erbarmungslos auf jede Wunde zu legen konnte man sich wirklich verlassen. "Das tut nichts zur Sache."
"Tut es sehr wohl. Sie wird dich nach dem was du eben geboten hast mindestens einen Monat nicht mehr ranlassen."
"Und diese Vorstellung gefällt dir etwa, oder wie?"
"Ich stelle mir grundsätzlich nichts vor was dich und Sex beinhaltet, bitte!" Danny sah wieder nach vorne und für einige Herzschläge herrschte Stille im Wagenraum. "War es gut?", fragte er schliesslich und wandte sich in dem Sitz wieder in Steves Richtung.
"Danny! Könntest du dich vielleicht auf diesen Misthaufen namens Fall konzentrieren, mit dem wir uns gerade herumschlagen!" Steve fühlte die brodelnde Wut, die unter einer sehr dünnen, fragilen Kruste darauf wartete endgültig zu explodieren. Sein Partner half nicht gerade dabei diese unter dem Deckel zu halten.
"Was denn? Ich bin nur neugierig! Und zugegebenermassen auch ein bisschen selbstzufrieden - ich will ja nicht direkt sagen, dass ich es dir gesagt habe aber ... nein, was rede ich denn da? Ich habe es dir ja gesagt!"
"Ja, du bist fantastisch. Gratuliere." Er war jetzt wirklich nicht in der Stimmung für dieses Gefrotzel, hatte genug anderes im Kopf, auch ohne Dannys Sprüche.
"Ein bisschen mehr Begeisterung, bitte! Selbst wenn der Fall gerade ein Arschloch ist, kannst du dich doch wenigstens darüber freuen die scharfe Profilerin in - was waren das? - zwei Wochen verführt zu haben!"
"Höre ich da etwa Neid heraus?", fragte Steve, konnte sich nicht zurückhalten, obwohl er sich eben noch dazu entschieden hatte nicht mehr auf Dannys Geplapper einzugehen.
"Nein, Unglauben. Was bist du denn nur für ein Mann? Du müsstest grinsen wie Honigkuchenpferd, selbst wenn dir die Insel um die Ohren fliegen würde, oder so. Aber was machst du? Behandelst Sam wie ein ungezogenes Kind und schiesst deine SEAL Todesblicke auf alles und jeden! Wenn selbst sie diesen Eisblock nicht zum Schmelzen bringen kann, dann ist dir wohl nicht mehr zu helfen..."
"Da gibt es nichts zu Schmelzen und danke der Nachfrage, ja es war fantastisch! Bist du nun zufrieden?"
"Zufriedener..." Der bohrende Blick nahm jedoch trotz dieser Antwort nicht an Intensität ab.
Nun war es an Steve sich dem Mann an seiner Seite zuzuwenden und ihn fragend, bohrend anzusehen. "Was denn noch? Willst du Details hören, oder was?", wollte er angriffslustig wissen.
"Urgh, bitte! Ich habe gerade gegessen."
"Dann schau nach vorne und überleg dir etwas, was produktiv ist. Du wirst nicht dafür bezahlt in anderer Leute Sexleben herumzustochern!"
"Schade. Das klingt definitiv spassiger als das hier..."
"Ja, nun, du kannst dich ja nach einem entsprechenden Job umsehen, aber bis dahin sage ich dir was du zu tun und zu lassen hast. Und gerade soll dieses Hirn unter deiner Tolle auf den Fall fokussiert bleiben."
"Du bist ein Kontrollfreak und nicht ganz richtig im Kopf. Das weisst du, oder?"
"Klappe!"


In Mercers Büro herrschte geschäftiges Treiben. Es roch nach frisch gedruckten Flyern und Kaffee, mit dem sich die Angestellten seiner Kampagne wach hielten. Das Gesicht des Politikers prangte von überallher auf den Wänden, auf den Papierstapeln, auf Bannern, die über den Türen hingen. Mehrmals wurde Steve angerempelt, bis er sich zu einem Mann im Anzug durchgekämpft hatte, dessen Schreibtisch zentral im Raum stand, wie um alles zu überblicken. Er war gerade am Telefon, doch als er die Marken an Dannys und Steves Gürteln sah, beendete er das Gespräch hastig.
"Was kann ich für Sie tun?", fragte der Mittdreissiger misstrauisch. Seine Pomadenfrisur und das streng gestutzte Bärtchen passten irgendwie zu seinem Namen, der von italienischen Vorfahren zeugte. Pasquale Orsini.
Steve löste seinen Blick von dem Namensschild, dann brachte er sein Anliegen knapp vor: "Ist Mr. Mercer zu sprechen?"
"Ja. Ja, selbstverständlich. Darf ich fragen worum es geht?" Der Mann schien nervös. Entweder es lag an dem x-ten Kaffee oder ein Besuch der Five-0 schien ihn aus der Fassung zu bringen.
"Das werde ich ihm persönlich sagen." Steve beabsichtigte nicht sich mit ihm aufzuhalten. Was ihn wirklich interessierte, war Mercer in die Mangel zu nehmen. Ohne eine Vorwarnung.
"Folgen Sie mir, Gentlemen."
Sie schlängelten sich zwischen den restlichen Tische hindurch bis sie das andere Ende des Raumes erreicht hatten. Orsini klopfte an, dann trat er ohne eine Antwort abzuwarten ein. Er versuchte noch den Eingang mit seinem Körper abzuschirmen, aber Steve schob ihn zur Seite und betrat das Büro. Mercer war gerade dabei sich aus seinem Sessel zu erheben, warf nur einen sehr flüchtigen Blick auf die Neuankömmlinge, dann winkte er seinen Assistenten heraus, ohne ihn erklären zu lassen. Die Tür schloss sich hinter ihnen.
Der Politiker besah sich die neuen Gesichter nun genauer, dann deutete er auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch.
"Danke, ich stehe", sagte Steve knapp und verschränkte die Arme vor der Brust.
Danny, der angehoben hatte auf den angebotenen Platz zuzugehen, erstarrte mitten in der Bewegung und blieb stattdessen wo er war.
"Was kann ich für die Gentlemen der Five-0 tun?", kam es von dem leicht übergewichtigen Mann, nachdem er sich wieder in seinem Ledersessel niedergelassen hatte. Der Hemdkragen schloss sich so eng um seinen Hals, dass die Haut darüber hinweg hervorragte, die fleischigen Finger ruhten verschränkt auf der polierten Tischplatte. Aus den kleinen, eisblauen Augen sandte er einen ungerührten, selbstsicheren Blick auf Steves versteinerte Züge.
"Wir sind hier um mehr über ihre Verbindung mit Winston Nakumotu und Richard Dale zu erfahren."
"Ist das so?", erwiderte der Mann langsam. "Ist das eine Art Befragung, Commander McGarrett?"
"Nicht direkt. Aber es könnte eine werden, falls Sie nicht kooperieren sollten."
Mercer gab tatsächlich ein kleines, amüsiertes Lachen von sich, dann breitete er die Hände aus: "Sie werden sehr schnell merken, dass ich ein äusserst kooperativer Mann bin. Wenn ich mit Respekt behandelt werde, natürlich." Für einen Moment huschten seine Augen zwischen Steves hin und her, als suchte er nach einem weiteren Anzeichen für dessen kaum verhohlene Drohung. Doch als er weiterhin mit verschränkten Armen dastand und keine Anstalten machte auf diese Bemerkung zu antworten, sprach Mercer weiter: "Was möchten Sie wissen?"
"Welcher Art Ihre Beziehung mit den beiden war."
"Geschäftlicher Natur. Jedenfalls mit Winston. Von dem anderen Mann habe ich noch nie etwas gehört. Wie war der Name nochmal?"
"Richard Dale", knurrte Steve. Es war offensichtlich, dass sie Mercer für dumm zu verkaufen versuchte.
Er neigte den Kopf leicht zur Seite, sein Blick schweifte gen Decke, um den Nachdenklichen auf eine beinahe karikaturhafte Art und Weise zu mimen. Dann schüttelte er diesen und sagte: "Nein, sagt mir nichts."
"Dann ist Ihr Gedächtnis wohl nicht das Beste. Sie haben sich nämlich zu verschiedenen Gelegenheiten nicht nur mit Nakumotu, sondern auch Dale getroffen."
"Im Azure und La Mer, wenn ich mich richtig erinnere", fügte Danny hinzu, stellte dabei ein breites Grinsen zur Schau. Er schien ebenso wenig von dem Mann und seinem Verhalten angetan zu sein, wie Steve. "Beides sehr exklusive Lokale, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass man sich seinen Tischnachbarn nicht vorstellt. Aber ich könnte mich natürlich irren, weil ich noch nie das Vergnügen hatte mich in ihren Kreisen zu bewegen..."
"Ich treffe so viele Leute, Gentlemen ... ich hoffe, dass Sie nicht von mir erwarten mir alle Namen zu merken. Es könnte durchaus sein, dass Winston ein, zwei Mal einen Freund mitgebracht hat." Mercer war die perfekte Fassade von distanzierter Höflichkeit, hinter der sich jedoch ganz eindeutig eine Ihr-könnt-mir-nichts-anhaben-Allüre mehr schlecht als recht verbarg. "Darf ich fragen worauf dieses Gespräch eigentlich hinausläuft? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, wenn Sie mir erlauben, dies so unfreundlich anzumerken."
"Zur Kenntnis genommen. Aber hier geht es um eine Mordermittlung, Sie werden also sicher verstehen, wenn wir dies als Priorität über Ihre Wahlkampagne setzen." Steve warf dem Mann ein Lächeln zu von dem er wusste, dass es mehr wie ein Zähnefletschen aussehen musste. Passend zu dem was in ihm vorging, wenn er den Mann vor sich ansah.
"Natürlich. Aber dennoch - darf ich Sie bitten zum Punkt zu kommen?"
"Nichts lieber als das", erwiderte Steve, liess seine Arme sinken und trat einen Schritt auf den Schreibtisch zu. "Sehen Sie, es ist so, dass sich gewisse Aktivitäten über Wochen in ihrem Bunker auf Kaua'i zugetragen haben, von denen ich nicht glauben kann, dass sie ohne Ihr Einverständnis und Wissen abgelaufen sind. Da hätten wir Mord und Folter und nicht zuletzt Gefangenschaft nach Kidnapping. Wir haben Beweise, die Nakumotu, Dale und einen weiteren Mann namens Jackson Goss mit Ihnen und dem Bunker in Verbindung bringen."
"Sie sprechen von Beweisen, aber ich sehe keinen Haftbefehl. Wenn diese wirklich so eindeutig sein sollten, dann wäre ich jetzt bestimmt nicht mehr hier, oder?" Da spielte ein kleines, abfälliges Lächeln um Mercers Mundwinkel. "Wie ich dem HPD bereits gesagt habe, als ich Anzeige erstattet habe, war ich seit Monaten nicht mehr auf Kaua'i und war sehr ungehalten, als ich erfahren habe, dass sich Eindringlinge auf meinem Besitz herumgetrieben haben. Was diese dort verbrochen haben ist natürlich äusserst bedauerlich und tragisch, hat aber etwa so wenig mit mir zu tun, wie ein Dieb, der - sagen wir mal eines meiner Fahrzeuge entwenden würde um damit hernach jemanden zu überfahren."
"Das haben Sie sehr schön ausgeführt, aber Sie vergessen wohl mit wem Sie hier sprechen. Ich denke doch Sie wissen wie mein Team und ich vorgehen. Wir werden nicht ruhen, bis wir Sie und die Machenschaften Ihrer dreckigen, kleinen Bande ans Licht gezerrt haben. Dies wird dann sehr viel mit Ihnen zu tun haben..."
"Ihr Ton gefällt mir nicht, McGarrett." Offenbar hatte Steve gerade eine unsichtbare Linie überschritten, als er dem Mann offen gedroht hatte. Er schien sich weder bedrängt noch in Gefahr zu fühlen, aber das Funkeln in seinen Augen zeugte von einer gewissen Abneigung, das Gespräch weiterzuführen, die er zuvor noch verborgen hatte. "Wenn Sie also nichts weiter zu sagen haben -und das rate ich Ihnen dringend - dann würde ich Sie jetzt bitten mein Büro zu verlassen."
"Ich verzichte auf Ihre Ratschläge. Und ja, ich habe tatsächlich noch etwas zu sagen", Steve beabsichtigte nicht vor diesem Typen zu kuschen. Politiker mit ihrem selbstgefälligen Auftreten waren ihm schon immer zuwider gewesen und dieser hier war besonders abstossend. "Das Blut von drei unschuldigen Frauen klebt an Ihren Händen und auch wenn Sie es geschafft haben sich aus den Skandalen vor ein paar Jahren herauszuwurmen, so können Sie sich das in diesem Fall abschminken. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass Sie hinter Gittern landen."
Mercer verzog keine Miene, aber er erhob sich aus seinem Sessel und knöpfte seinen Anzug zu. Dann sagte er in aller Ruhe: "Sie sind gerade zu weit gegangen. Ich werde mich bei dem Gouverneur über Sie beschweren und dafür sorgen, dass Sie sich in Zukunft zwei Mal überlegen, ob Sie sich mit mir anlegen wollen."
"Tun Sie das", gab Steve ebenso ungerührt zurück, auch wenn er nichts lieber getan hätte, als seine Faust in dessen Zähnen zu versenken. Dies schien auch Danny gewittert zu haben, denn er legte seine Hand auf Steves Schulter und zog ihn zurück, murmelte etwas darüber, dass sie jetzt gehen sollten. Ein letztes Mal funkelte er den Politiker an, der hinter seinem Schreibtisch stand und beinahe so etwas wie Triumph auf seinen feisten Gesichtszügen zur Schau stellte. Schliesslich wandte er sich von dem Mann ab und verliess mit Danny das Gebäude.

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Zuletzt von Roux am Do Aug 22, 2013 9:32 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Aug 22, 2013 4:10 pm

Er wollte nur noch unter die Dusche. Während er sich ausgepowert hatte war es dunkel geworden. Nach der Arbeit hatte er eine schweigsame Sam zu Hause abgeladen und war daraufhin die Haiku Stairs herauf und herab gerannt, wie er es immer tat, wenn er nachdenken wollte. Und der heutige Tag hatte ihm viel Stoff zum Nachdenken eingebracht. Goss' Tod, das Gespräch mit Mercer, die Enttäuschung über die Tatsache, dass sich zwar herausgestellt hatte, dass der Giftmörder eine Frau war, die Kameras ihr Gesicht aber nie richtig eingefangen hatten und nicht zuletzt dieser Frost, der ihm während dem Rest des Tages im Hauptquartier von Sam entgegengeschlagen war.
Die Erinnerungen an diesen funkensprühenden Morgen, den sie gemeinsam erlebt hatten, schienen wie aus einem anderen Universum zu sein. Überhaupt waren die letzten Wochen, seit sie in sein Leben getreten war, so schnell und rasant abgelaufen, als hätte jemand an der Uhr des Alltags herum gepfuscht. Kaum hatte man begonnen eine unerwartete Wendung zu realisieren, wurde einem die nächste um die Ohren geschlagen. Wenigstens hatte er es geschafft sich nun zum ersten Mal seit Tagen eine Auszeit zu gönnen. Und er hatte sie dringend benötigt.
Kaum war er über die Schwelle getreten, richtete er seine Schritte gen Treppe. Gerade hatte er seinen Fuss auf die erste Stufe gestellt, während er sich fragte ob Sam schon im Bett war, als ihre Stimme hinter ihm erklang.
"Da bissu ja..."
Steve wandte sich um und erblickte Sam, die auf dem Sofa ausgestreckt war. Die Tatsache, dass eine Flasche seines guten Whiskeys auf dem Couchtisch stand und zu einem dreiviertel leer war, erschloss sich ihm noch vor der, dass sie ihre Jeans nicht mehr anhatte und nur noch in ihr Top und Unterhosen bekleidet da lag.
Er trat an das Sofa heran und sah auf sie herab. Träge öffnete sie ihr linkes Auge, dann grinste sie. "Du bist verschwitzt."
"Und du bist betrunken", gab er streng zurück.
"Schön, dass wir das geklärt hätten. Aber ich finde es viel interessanter, dass du verschwitzt bist. Das ist sexy!"
"Wie schnell hast du das Zeug in dich hineingeschüttet?"
Sie stöhnte, dann setzte sie sich auf und verzog den Mund zu einer missbilligenden Schnute. "Fängt das jetzt wieder an? Kannst du dich denn nie einfach nur entspannen, Mister Spielverderber?"
Er hob eine Augenbraue und verschränkte die Arme vor der Brust, sah sie unverwandt an.
"Herrgott, bist du steif! Und das nicht auf eine gute Art und Weise ... wenn du verstehst?" Den letzten Teil des Satzes betonte sie besonders und schon schlich sich ein weiteres Grinsen auf ihre Züge.
"Du lallst. Ich verstehe kein Wort", sagte er grimmig. In Wahrheit tat sie nichts dergleichen. Man hörte zwar deutlich, dass sie nicht mehr nüchtern war, aber ihr britischer Akzent drückte definitiv mehr durch als der Alkohol.
Sam erhob sich von der Couch, schwankte ein klein wenig, dann verengte sie die Augen. "Ich habe dir diese Sache von heute Morgen immer noch nicht verziehen, nur damit du es weisst! Also sei besser nett zu mir!"
"Es ist nicht mein Problem, wenn du Befehle nicht annehmen kannst. Bei der Five-0 habe ich das Sagen; du gewöhnst dich besser schnell daran."
Als sie dieses Mal antwortete war der scherzhafte Unterton verschwunden, hatte stattdessen etwas Wütendes an sich. "Du bist doch nicht ganz dicht! Wenn es um den Whiskey geht; ich kaufe dir eine neue Flasche. Nein, zwei! Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht so mit mir zu sprechen!" Dann schnappte sie sich das Behältnis vom Tisch und ging an ihm vorbei, murmelte etwas, was sich ganz nach "Mistkerl" anhörte.
Steve schloss seine Finger um ihr Handgelenk und zwang sie dazu sich ihm wieder zuzuwenden, während er die Flasche wieder auf den Tisch stellte.
"Was?", spie sie ihm ins Gesicht.
"Was ist los mit dir?"
"Das könnte ich dich auch fragen."
"Ich bin besorgt, falls dir das noch nicht aufgefallen ist", gab er ernst zurück.
"Ja, Steve, das ist der ganzen, verdammten Welt aufgefallen, danke. Und jetzt lass' mich los!" Sie stemmte sich gegen seinen Griff, aber selbst wenn sie nüchtern gewesen wäre, hätte sie es nicht zu Wege gebracht sich zu befreien. Dies dämmerte ihr schliesslich, also hielt sie inne und sagte stattdessen: "Du tust mir weh!"
"Dann hör auf dich zu winden und hör' mir zu. Ich verstehe, dass du aufgebracht bist und dich hilflos fühlst, aber das ist nicht der richtige Weg damit umzugehen."
"Oh bitte, du tust ja so, als wäre ich eine Alkoholikerin. Ich wollte meinen Kopf frei kriegen. Nur weil du dazu sowas gesundes und vorbildliches wie Sport benutzt, muss das nicht heissen, dass wir Normalsterblichen das auch so handhaben müssen Und jetzt: Lass. Mich. Los."
"Wo willst du hin?", wollte er wissen. Er traute ihr kein bisschen über den Weg.
"Hinter's Haus."
"Damit du in die Wellen stolperst und ersäufst? Ich denke nicht." Und mit diesen Worten begann er sie in Richtung Treppe zu bugsieren.
"Nein, ich gehe jetzt verdammt nochmal nicht ins verdammte Bett!", rief sie aufgebracht und stemmte die Fersen in den Boden. "Verdammt, Steve! Ich will endlich, dass du mich wie eine erwachsene Frau behandelst! Ich lasse mir diesen Mist nicht mehr gefallen!"
"Fein! Dann bleib wo du bist!" Er liess ihr Handgelenk los, fühlte die ständig unter der Oberfläche brodelnde Wut hervorbrechen, wie ein ausgehungertes Tier, welches man endlich ins Tageslicht entlässt. "Ich habe es so satt ständig hinter dir her zu räumen, lass' dir das gesagt sein!"
Sie riss empört den Mund auf, schien nicht zu wissen, was sie darauf erwidern sollte, dann schloss sie ihn wieder und funkelte ihn stattdessen böse an. "Wenn das so ist, dann bin ich morgen weg", sagte sie schliesslich. "Zufrieden?"
"Nein, verdammt nochmal!" Ein Teil von ihm war erstaunt über sich selbst, schüttelte missbilligend den Kopf, aber im Moment war er nicht dazu fähig klar zu denken.
"Was willst du dann, huh? Dass ich mich so kontrolliere und in jedem Moment im Griff habe wie du das vorlebst? Es tut mir ja so leid, dass ich nicht in deine perfekte, militärisch geordnete Welt passe!"
"Wenn du denkst, dass meine Welt perfekt ist, dann bist du noch viel verklärter als ich gedacht habe!"
"Vielleicht liegt das daran, dass du ständig alles kontrollieren willst! Aber ich habe Neuigkeiten für dich; das Leben ist unvorhersehbar und wandelbar und es lässt sich nicht in deine verblödeten Richtlinien zwängen!"
"Schlägst du vor, dass ich mich von meinen Gefühlen hierhin und dorthin treiben lasse? Dass ich sage: Oh nein, die böse Welt will nicht so wie ich, also verwerfe ich die Hände in die Luft und heule vor mich hin, anstatt die Dinge in die Hand zu nehmen?"
Sam blinzelte ihm heftig entgegen, aber nicht weil sie mit den Tränen kämpfte, sondern weil sie so zornig war, dass bereits rote Flecken auf ihrem Hals aufgetaucht waren. "Du bist wirklich unsagbar selbstgefällig! Rennst durch die Gegend und verurteilst alles was dir über den Weg läuft. Was gibt dir das Recht über mich zu urteilen? Ich schmeichle mir, dass ich wenigstens lebe! Und wenn ich mich dabei überemotional verhalte, dann sei's drum! Wenigstens werde ich nicht eines Tages auf mein Leben zurückblicken und realisieren, dass ich mir vom Drill jegliche Freude selbst verwehrt habe!" Sie trat auf ihn zu und stiess ihm gegen die Brust. "Ist da überhaupt ein Herz drin, hinter diesen verdammten, eisernen Rippen?"
Steve packte ihre Hand und drückte unbarmherzig zu. "Nein, da sind nur Zahnräder drin! Ist es das, was du hören wolltest?"
"Nein. Ich wollte hören, ob du überhaupt dazu fähig bist dir selbst irgendetwas durchgehen zu lassen! Es ist schon schlimm genug, dass du die Menschen um dich herum nicht atmen lässt, aber wann hast du selbst das letzte Mal richtig durchgeatmet? Wann hast du zuletzt zugelassen, dass sich etwas an deinen inneren Wachhunden vorbeischleichen kann? Wann hast du das letze Mal gelebt, verdammt nochmal?"
Er fühlte wie sich ihre Worte in sein Inneres brannten, wie sie mit diesen aufgebrachten, aber dennoch unverhohlen besorgten Fragen eine Tür aufgestossen hatte, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte. Steve liess ihre Hand los und tat einen Schritt zurück, die Stirne gerunzelt und den Blick unverwandt auf ihre eindringlichen Augen gerichtet. Dann hob er dazu an sich von ihr abzuwenden.
"Wage es nicht!", kam es leise, aber absurderweise so viel intensiver über ihre Lippen, als vorhin wo sie ihn noch so lautstark angefahren hatte. "Bleib stehen und sei ein Mann!"
Er sollte also ein Mann sein? Langsam drehte er sich wieder in ihre Richtung und sah sie mit bitterem Ernst an, schweigend, abwartend.
"Hör' auf ständig so verdammt ritterlich zu sein! Du kannst dich nicht für immer hinter deiner blöden Fassade verstecken! Du kannst nicht ständig von dir selbst erwarten alles richtig zu machen! Was hat dich hierher gebracht? Was hast du erlebt, dass du ständig das Gefühl hast zu jeder Zeit alles im Griff haben zu müssen?"
Er versperrte sich gegen den bohrenden Blick. "Hast du mich nun zu Ende analysiert?", fragte er tonlos.
"Nein, ich habe noch nicht einmal angefangen!", gab sie wieder so aufgebracht wie zuvor zurück. "Fangen wir doch bei deinem Vater an. Hast du getrauert? Oder einfach eine neue, dicke Wand aufgerichtet?"
"Das geht dich einen feuchten Dreck an."
"Also nicht. Habe ich es mir doch gedacht. Zu dumm, dass dich das eines Tages einholen wird! Du denkst vielleicht, dass du deine inneren Regungen im Griff hast, aber so funktioniert das nicht. Das haben sie euch bei der Ausbildung wohl nicht beigebracht, oder? Wie das mit Gefühlen so abläuft und dass sie eines Tages zurückschlagen um sich für das Verdrängen zu rächen..."
"Wenn man dich so hört, könnte man beinahe meinen, dass du eine Meisterin darin bist, aber du scheinst mir dein Leben nicht besonders gut im Griff zu haben." Ihm war bewusst, dass er nichts anderes als gemein war, aber Sam hatte ihn endgültig auf die Palme gebracht. Und auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte; ihre Worte trafen ihn. Da war es doch nur gerecht, wenn er etwas davon zurückgab!
"Wenigstens tue ich nicht so, als sei ich unbesiegbar", spie sie, eindeutig verletzt. "Ich führe mein aufgeblasenes Ego nicht spazieren, wie du das tust."
"Sei still." Er hatte genug. Genug von den Vorwürfen, genug von dem Herumgestocher in Dingen, die niemanden etwas angingen. Dementsprechend kalt war seine Stimme, als er dies sagte und den Raum zwischen ihnen schloss indem er einen Schritt auf sie zu tat. Nun stand er so dicht vor ihr, dass sie zu ihm aufblicken musste. Und sie tat das ohne das geringste Anzeichen von Eingeschüchtert Sein.
"Bring mich doch dazu", erwiderte sie, funkelte ihm trotzig entgegen.
Gott, sie war so aufgebracht - und so schön. Seine Augen blieben an dem vollen Mund hängen, der gerade wütend zusammengepresst war und handelte rein instinktiv indem er sie am Nacken packte und seine Lippen grob auf die ihren drückte.
Sie gab einen protestierenden Laut von sich und stemmte ihre Hände gegen seine Brust, aber er drängte sie zurück an die Wand, unterbrach die unsanfte Begegnung ihrer Lippen nicht, bis sie zwischen ihm und dieser eingeklemmt war. Dann sah er auf sie herab, herausfordernd und wütend zugleich.
"Lass mich los!", verlangte sie, wobei ihre Stimme bei dem letzten Wort eine Oktave höher rutschte. Sie wand sich, wehrte sich nach Kräften, aber Steve presste sie noch unbarmherziger an die Wand, ignorierte den Schmerz, ihrer kleinen Faust, die sich in seinen Brustmuskel bohrte.
"Du hast mich nach Strich und Faden beleidigt - erwartest du, dass ich dir das durchgehen lasse?", grollte er ihr entgegen.
"Du bist doch krank! Was soll das mit dem Ständer? Macht es dich etwa an, dass ich dir unterlegen bin?" Da war etwas in ihren Augen, in dem herausfordernden Unterton, der ihm unmissverständlich sagte, dass sie die Situation gar nicht so furchtbar fand, wie es ihre Worte vermuten lassen würden.
"Willst du etwa leugnen, dass du nicht genau das hier wolltest, als du die Flasche gekillt und halbnackt auf mich gewartet hast?" Als sie schwieg, ihn einfach mit einem lodernden Blick bedachte, verstärkte er den Griff an ihrem zierlichen Hals. "Antworte mir!"
"Du kannst mich mal!", kam es zurück und sie versuchte tatsächlich ihn zu ohrfeigen.
Aber er fing ihre Hand ab und senkte seinen Mund abermals auf ihren, zwang seine Zunge an ihren Lippen vorbei, nur um einen resoluten Biss zu ernten. Doch er liess sich davon nicht beirren und intensivierte den Kuss so lange, bis sie begann diesen zu erwidern. Sie tat es ebenso grob wie er, keuchend und immer noch gegen seinen Griff ankämpfend. Er schmeckte Alkohol und eine Spur von Blut, aber über allem hing ihr vertrauter Geruch, der ihm augenblicklich zu Kopf stieg.
Blind tastete er nach dem Saum ihres Slips und zerrte diesen so weit er konnte herab. Als er ihre Hand los liess, tat sie dasselbe mit seinen Shorts, dann wand sie sich, ohne den Kuss zu unterbrechen, bewegte hastig die Beine, bis sie offensichtlich ihre Unterwäsche abgestreift hatte. Steve ergriff ihre Hüfte, positionierte sich um, dann stiess er kraftvoll zu. Sie gab ein keuchendes Stöhnen von sich, umklammerte seinen Hals, während er sie wiederholt gegen die Wand drängte, seine Finger in die weiche Rundung ihrer Taille bohrte.
Sams Lippen glitten an seinem Hals herab, dabei seufzte sie gepresst, dann spürte er ihre Zähne an seiner Schulter, als sie diese in seinem Fleisch vergrub, ihm damit ein Grollen entlockte. Er fasste nach ihrem Haar, blickte auf sie herab und zog daran, bis sie den Kopf in den Nacken legen musste, doch sie unterbrach den Blickkontakt nicht. Im Gegenteil; sie sah ihn so herausfordernd an, dass er seine Bemühungen noch verstärkte. Ihre Gesichtszüge waren angespannt und das Keuchen, welches nun über ihre Lippen kam, klang schmerzerfüllt, doch als er anhob die Intensität zu reduzieren, presste sie hervor:
"Wage es nicht!"
Ein Grinsen schlich sich auf seine Züge und er tat wie geheissen, fuhr fort wie es ihm beliebte, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie sie jedes Mal zusammenzuckte, wenn er auf sie zustrebte. Der letzte Rest an Sinn und Verstand verrauchte; er wusste nur noch, dass er sie vollständig einnehmen wollte, dass ihre Enge, die ihn umschloss unvergleichlich köstlich war, dass das Verlangen in ihren Augen gleich einem Sog war, aus dem er nie mehr aufsteigen wollte.
Doch die Kurve der Lust hatte andere Pläne. Sie bäumte sich auf und fegte ihn auch schon hinweg, bevor er richtig realisiert hatte, dass es gleich so weit sein würde. Zitternd presste er seine Stirne gegen die ihre, spürte den Wellen nach, die überwältigend durch seine Glieder fegten. Als er schliesslich ihrem Blick begegnete, lächelte sie ihm schelmisch entgegen.
"Wenn deine Strafen immer so aussehen, dann sollten wir öfter streiten."
"Nein, danke. Das wäre mir auf die Dauer zu anstrengend", gab er matt zurück, zog seine Hose wieder hoch und als er sich mit einem Stöhnen auf dem Sofa ausgestreckt hatte, fügte er hinzu: "Und damit meine ich nicht den Sex."
Sam stand noch an der Wand, gab ein kleines Lachen von sich, dann gesellte sie sich zu ihm, bettete den Kopf auf seine Schulter und schmiegte sich an seine Seite. Ihr Haar kitzelte ihn am Hals, aber er hatte keine Lust sich zu bewegen. Eine Weile lagen sie einfach so da, dann strich sie ihm über die Brust, brachte ihn dazu die Augen wieder aufzuschlagen und auf sie herabzublicken.
"Was ich eben gesagt habe - ich habe es nicht so gemeint. Es tut mir leid."
"Vergiss es. Es ist einfach mit uns durchgegangen. Verständlich, wenn man bedenkt was wir so durchgemacht haben."
"Meinst du? Wir haben da so einige Dinge, die wir noch klären müssen und -"
Er unterbrach sie entschieden: "Lass' uns jetzt nicht darüber reden, ja?"
Ein Stirnrunzeln, dann ein kleines Nicken. "Okay."
Steve seufzte tief, dann schloss er wieder die Augen, schlang den Arm fester um ihren Körper. Sie hatte Recht. Nichts war in Ordnung und die Probleme liessen sich nicht einfach durch Sex ausradieren. Wenn überhaupt, dann hatten sie sich mit dem eben Geschehenen ein bisschen mehr Zeit erkauft, bis es dringend nötig werden würde über die Dinge, die zwischen ihnen standen zu sprechen. Aber nicht jetzt, nicht heute.


***



Es war wie ein Déjà-vu. Das Klingeln des Handys, das Aufwachen auf seinem Sofa, die Entdeckung, dass es Samuel war, der die morgendliche Stille zerstörte. Sam beugte sich über Steves Brust, versuchte das Handy zu fassen zu kriegen, schaffte es jedoch erst, als er ihre Taille umfasste und sie weiter in Richtung des Couchtisches schob.
"Autsch! Warte ... ich ... ah, ich hab's! Danke!"
Hastig tippte sie auf den Touchscreen, nahm den Anruf an und versuchte nicht allzu atemlos oder verschlafen zu klingen, als sie ranging.
"Sam. Komm sofort in mein Büro. Bring McGarrett mit."
Holla, der war aber knapp angebunden. Und er klang wütend. "Jetzt sofort?", echote sie verwirrt, versuchte nicht an den festen Knoten zu denken, der plötzlich an Stelle ihres Magens getreten war.
"Ja. Ich warte auf euch." Dann legte er einfach auf.
"Scheisse!", stiess sie hervor und kroch vom Sofa.
"Was ist los?" Steve hatte sich auf seine Unterarme aufgestützt und sah sie ernst an. Da waren wieder diese niedlichen Falten um seine Augenbrauen.
Aber was dachte sie da eigentlich? Sie sassen in der Patsche und sie liess sich von seinen anziehenden Eigenheiten ablenken. Du brauchst dringend ein neues Gehirn, Mädel. Und laut sprach sie aus: "Samuel hat uns zu sich bestellt. Jetzt. Er klang furchtbar angepisst..."
"Oh."
"Was heisst hier Oh? Weiss du etwa worum es geht?"
"Vermutlich hat sich Mercer über mich beschwert", erklärte er ohne etwas erklärt zu haben. "Aber ich verstehe nicht, weshalb er dich deswegen auch noch zu sich zitieren sollte..."
Sam machte den Mund auf um nachzufragen, dann wurde ihr bewusst, dass sie gerade dabei waren ihre Zeit zu vertrödeln. Sie machte eine wegwerfende Geste, dann rauschte sie die Treppe hoch, hörte das Poltern auf den Stufen, als ihr Steve folgte. Sie liessen es sich nicht nehmen unter die Dusche zu huschen, waren daraufhin rasch angezogen und schon brausten sie in Richtung des Hauptquartiers.
Samuels Sekretärin winkte sie sofort wortlos weiter und wenn Sam nicht alles täuschte, dann bedachte sie diese mit so etwas wie einem mitleidigen Blick. Sie liess sich von Steve über die Schwelle schieben und als sie ihre Augen auf den dunkelhäutigen Mann hinter dem Schreibtisch richtete, tat ihr Herz einen unangenehmen Hüpfer; sie hatte ihn noch nie so ernst gesehen. Er sah sogar demonstrativ auf seine Armbanduhr, als wären sie Schüler, die zu spät zum Unterricht erschienen waren.
Sie fühlte sich wie ein geprügelter Hund mit eingezogenem Schwanz, als sie sich zeitgleich mit Steve in jeweils einen der Sessel vor dem Mann sinken liess, der sie finster ansah. Für einige Herzschläge herrschte unangenehmes Schweigen, dann schien es Steve nicht mehr auszuhalten:
"Sir, wenn es um Mercer geht, dann übernehme ich die volle Verantwortung für die Sache. Sam hatte absolut nichts -"
Doch er wurde mit einer entsprechenden, gebieterischen Geste unterbrochen. Samuel beugte sich vor nachdem er die Hände auf der Tischplatte gefaltet hatte, dann musterte er sie beide genau. "Was zum Teufel geht hier vor sich?", fragte er schliesslich.
"Wie ich schon sagte", hob Steve abermals an, wurde aber wieder unterbrochen.
"Es geht nicht um Mercer, McGarrett! Es geht darum, dass hier etwas gewaltig stinkt. Und mit gewaltig, meine ich auch gewaltig!" Dann wandte er sich an Sam. "Ich wollte es zuerst nicht glauben, aber ich kann meine Beziehung zu dir und deinem Stiefvater nicht über meine Pflichten stellen. Was weisst du über den Tod eines gewissen Detective Edward Cooper?"
Sams Hirn verknotete sich. Was ging denn hier vor sich? Ed? Was hatte Edward mit irgendetwas zu tun? "Ich - bitte was?"
"Ich habe dich innerhalb von 48 Stunden an die Baltimore PD zu einem Verhör auszuliefern. Sie untersuchen den Mord an diesem Detective und sind überzeugt, dass du etwas damit zu tun hast."
Steve wirbelte in ihre Richtung, Samuel bohrte seinen Blick in ihre Augen, die Stille nach dieser lächerlichen Aussage dehnte sich aus und verschlang den Raum. Ebenso wie ihre Fähigkeit klar zu denken.
"Sam?", kam es nagend von dem Mann hinter dem Schreibtisch.
"Ich verstehe kein Wort", würgte sie hervor.
"Dann sind wir hier schon zwei. Was ist nun mit diesem Cooper?", fragte er unbarmherzig nach.
Sam blinzelte, richtete ihren Blick ins Nichts, dann sagte sie langsam: "Er war beim Drogendezernat. Ein guter Polizist - ein guter Mann. Ich habe ihm einige Wochen vor seinem Tod bei einem Fall geholfen und ein Profil erstellt." Sie sah wieder zu Denning auf und runzelte die Stirne. "Aber es war doch Selbstmord! Es hat die ganze BPD aufgerüttelt, als wir es erfahren haben. Er war bei allen beliebt. Du sagst er wurde ermordet?"
"Der Captain hat mich nicht direkt mit Details gewässert, ich habe nur eine vage Ahnung was vor sich geht. Ich weiss nur, dass du zum Verhör musst, weil du dich offenbar mit deinem Account monatelang über seinen letzten, grossen Fall informiert hast. Sie denken, dass du ihn ausspioniert hast und sie schliessen deine Beihilfe an seinem Mord nicht aus."
"Das ist doch absurd!", rief Sam aus und sprang aus ihrem Stuhl. Sie hielt es nicht mehr aus, konnte weder klar denken, noch glauben was Samuel da von sich gab.
"Richard", sagte Steve plötzlich.
Sie wandte sich an ihn, funkelte ihn aufgebracht an, weil doch Samuel nichts davon wissen sollte - bis ihr dämmerte was er damit meinte. Verflucht noch eins! War es das? Hatte sich Richard an sie herangemacht, um an Cooper zu gelangen? Um einen hinterhältigen Anschlag zu begehen, diesen wie Selbstmord aussehen zu lassen? Schliesslich war er ja auch ein paar Tage nach Coopers Tod verschwunden...
"Ich muss mich setzen", murmelte sie und liess sich wieder in den Sessel sinken. Die Erkenntnis stürzte auf sie ein, liess den Raum um sie zu einem verschwommenen Farbwirbel werden. "Er war es. Er hat Ed umgebracht. Aber wieso?"
"Wer? Wer hat Cooper umgebracht?", verlangte Samuel aufgebracht zu wissen. "Sam, wenn du mir nicht sofort erklärst was hier vor sich geht, dann -"
"Sir, ich denke, ich kann da Licht in die Sache bringen", meldete sich Steve rasch zu Wort. Der liebe, gute Steve. Er wollte ihr die Beichte ersparen. Aber es war Zeit, dass sie ihm das hinterher Räumen abnahm.
Sam sah ihn an, legte die Hand auf seinen Unterarm und als er sich an sie wandte, schüttelte sie lächelnd den Kopf. Er erwiderte die Geste, ebenso schwächlich und da war so viel Mitleid in seinen Augen, dass ihr das Herz überlief. Sie wünschte sich nichts mehr, als sich in seine Umarmung zu flüchten und an nichts mehr zu denken, sich an seinen Körper geschmiegt einzukringeln und die Welt auszusperren, die sich so brutal gezeigt hatte. Doch stattdessen musste sie sich der Wahrheit stellen und Verantwortung übernehmen.
"Lässt du uns für einen Moment allein?", fragte sie leise.
Steve drückte ihre Hand, dann nickte er und erhob sich von seinem Platz, um sie mit Samuel in dem Raum zurückzulassen.


Danny witterte sofort, dass etwas nicht stimmte, als sie beide knapp eine Stunde später ins Hauptquartier eintraten. Er sah ihnen stirnrunzelnd entgegen und als sie sich an den Tisch gestellt hatten, blickte er von ihr zu Steve und wieder zurück.
"Was ist passiert?", verlangte er zu wissen. Aus irgendeinem Grund hörte er sich an wie ein besorgtes Elternteil.
"Ich bin mal in meinem Büro", sagte Sam matt und liess ihre Hand kurz über Steves Oberarm streichen, während sie sich wieder abwandte um ihre Worte in die Tat umzusetzen. Noch einmal konnte sie das Ganze bestimmt nicht erzählen. Und Steve sah ohnehin so energiegeladen aus, dass er die Geschichte mit dem BDP und Richards Verbindung zu dem Tod Coopers bestimmt sogar mehrere Male darbringen konnte. Ausserdem war Danny sein Partner; wenn es der Blonde verdient hatte die neuesten Geschehnisse von jemandem zu erfahren, dann von Steve.
Sam liess sich langsam in ihren Bürostuhl sinken, die Finger im Schoss verschränkt, den Blick abwesend auf die Tischplatte vor sich gerichtet. Eine Weile lang liess sie das aufwühlende Gespräch mit Samuel Revue passieren, dachte an sein Unglauben, die Wut, gefolgt von Sorge zurück. Schliesslich, nachdem sie ihm alles erzählt hatte, sich dabei gefühlt hatte als würde sie ein Teil des Giftes in ihrem Inneren ausbluten, war er aufgestanden um sie zu umarmen und ihr seine Hilfe bei allem was sie brauchte zu versichern. In diesen Momenten hatte sie realisiert, wie sehr sie den Mann liebte, wie furchtbar es von ihr gewesen war ihn anzulügen. Die Gründe, die sie sich in den vergangenen Tagen dafür zu Recht gelegt hatte, erschienen ihr plötzlich hohl und unsinnig. Ein weiteres Gewicht hängte sich an ihre Schultern, gesellte sich zu all dem anderen Mist, den sie in der letzten Zeit geboten hatte.
Über allem schwebte das Schwerste von allen: ihre Unfähigkeit Richards Maskerade zu durchschauen. Hätte sie sich nicht so blind auf ihn eingelassen, wäre alles anders gekommen. Er hätte über sie keinen Zugang zu dem armen Ed bekommen, hätte ihn vielleicht nicht umgebracht, hätte mit seinem Verschwinden nicht all die Ereignisse in Gang gesetzt, die über sie gestürzt waren. Aber dann wäre sie auch Steve niemals begegnet...
Sie wandte sich in ihrem Stuhl um, sah durch das Glas, beobachtete den Dunkelhaarigen und den Blonden für eine Weile, sah wie sie gestikulierten, wie sich die anderen beiden zu ihnen gesellten, in das Gespräch einfielen und vermutlich angeregt mit Theorien um sich schlugen. Sie fühlte ihr Herz schwellen. Steve. Danny. Kono. Chin. La Roche. Menschen, die ihr beigestanden hatten, die Licht in die Dunkelheit gebracht hatten, die ihre Sache vorbehaltlos zu ihrer eigenen gemacht hatten.
Heisse Tränen liefen über ihre Wangen und der Blick auf die vier verschwamm. Was war nur passiert? Wann hatte sie die falsche Abzweigung genommen, die sie hierher gebracht hatte, an diesen Punkt, an dem alles in Scherben lag? Und vor allem: was musste sie tun um alles wieder zu berichtigen? Aber gab es überhaupt einen Weg das zu tun? War es möglich von hier aus noch irgendetwas ins Lot zu bringen?
Die Tür ging auf und sie schrak zusammen, wischte sich hastig über das Gesicht, als sie Chin erblickte, der langsam in ihr Büro trat. Er ging vor ihr in die Hocke und erfasste ihre Hände.
"Sam. Alles wird gut. Du bist nicht allein", sagte er sanft.
Schon rollten die nächsten Tränen über ihre Wangen und sie presste die Augenlider mit aller Kraft aufeinander. Dann öffnete sie sie blinzelnd wieder und lächelte ihn an, weinerlich, aufgelöst wie sie war. Die Geste kam zurück, verständnisvoll und bestätigend zugleich. Beinahe wünschte sie sich er möge sie wieder alleine lassen. Nicht weil sie seinen Trost und Zuspruch nicht zu schätzen wusste oder wollte - im Gegenteil. Es war beinahe zu viel.
"Wir haben 48 Stunden Zeit um es Richard nachzuweisen und wir werden davon Gebrauch machen. Wenn du bereit bist, dann komm zu uns nach vorne; ein Schlachtplan muss her."
Sie nickte, lächelte wieder und mit einem letzten Verstärken des Druckes auf ihre Hände liess sie Chin los und gesellte sich wieder zu den anderen. Sie standen alle mit dem Rücken zu ihrem Büro, als hätten sie den beiden einen unbeobachteten Moment geben wollen. Sam gab einen Ton von sich, der ein halbes Lachen, halbes Weinen war und perfekt zu ihrem Gemütszustand passte.
Chin hatte Recht. Sie war nicht alleine. Sie hatte verständige, loyale Menschen um sich, die sich vermutlich schon um ganz andere, misslichere Situationen gekümmert hatten. Es war nun an ihr sich zusammenzureissen. Wie hatte Steve gestern gesagt? Die Dinge in die Hand nehmen. Ja, das war es, was sie jetzt tun musste. Sam schob ihre Gefühle bei Seite, bestimmt und mit plötzlich erstarkendem Mut, räumte sie hinter einer Tür weg, die sie wieder öffnen würde, wenn es Zeit dafür war.
Sie stand auf, straffte sich und begab sich zu den anderen. Als sie sich neben Kono stellte, wurde sie nur von flüchtigen Blicken gestreift; alle gaben sich Mühe ihre Anwesenheit so abzuhandeln, als wäre sie nur kurz unten gewesen um sich etwas am Getränkeautomaten in der Eingangshalle zu holen. Sie war dankbar für dieses Verhalten. Rührselige Gesten hätten vermutlich nur ihre Entschlossenheit zum Wanken gebracht.
Gerade hatte sie fragen wollen, wo sie beginnen sollten, als ein Klopfen ertönte. Sie sahen sich alle um, erkannten einen dunkelhaarigen Mann, der vor der doppelflügeligen Glastür stand. Steve gab einen fragenden Laut von sich, dann warf er Danny einen kurzen Blick zu.
"Was sucht der denn hier?", fragte er und winkte den Mann herein, als Danny lediglich ratlos mit den Schultern gezuckt hatte.
Steve empfing den Mann auf halbem Weg. "Mr. ... ähm ... Orsini, oder?"
Dieser nickte, dann reichte er ihm die Hand. "Haben Sie Zeit für mich, Commander? Es geht um Mr. Mercer..."
"Natürlich. Folgen Sie mir." Steve leitete ihn zu seinem Büro, liess ihn ein um ihm schliesslich zu folgen.
Sam schreckte auf, als sich Hände an ihre Schultern legten und sie vorschoben. Sie sah sich um und erkannte Danny, der sie mit einem breiten Grinsen bedachte, dann in Richtung des Büros nickte. "Geh. Ich habe so ein Gefühl, dass du das nicht verpassen solltest."
Sie lächelte ihn dankbar an und erntete ein kleines Zwinkern, dann folgte sie seiner Aufforderung und gesellte sich zu den beiden Männern. Der Besucher sass bereits auf dem schmalen Sofa und erhob sich ein Stück weit davon, als sie ihm die Hand reichte und sich vorstellte. Dann setzte sie sich neben ihn und sah zu Steve. Über dessen Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln und seine Augen blieben vielleicht einen Moment länger an ihren Zügen hängen, als es normalerweise der Fall gewesen wäre. Schliesslich wandte er sich an den Mann:
"Was führt Sie zu uns, Mr. Orsini?"
Dieser strich sich kurz über seinen gepflegten Bart, schien sich recht unbehaglich zu fühlen. "Ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll."
Sie schwiegen, liessen dem Mann Zeit seine Gedanken zu sammeln, auch wenn Sam Steve ansah, dass er gar nicht so geduldig war, wie er sich gerade gab. Er kaute an seiner Unterlippe und bedachte ihr Gegenüber mit einem fragenden Blick.
"Sehen Sie, Ihr Besuch gestern ist nur eine von vielen Begebenheiten, die mich über die letzen Monate an diesen Punkt gebracht haben - auch wenn Sie gestern sozusagen das Fass zum Überlaufen gebracht haben." Er gab einen kleinen, nervösen Lacher von sich, der ziemlich erbärmlich im Raum hing, bevor er sich räusperte und weiterfuhr. "Ich ... Mr. Mercer ist nicht das, was er vorzugeben scheint."
Steve nickte auf eine Art und Weise, die zu sagen schien: Erzähl' uns etwas Neues, wenn du kannst. Orsinis Blick hing für einen Moment leicht verunsichert auf dessen Gesicht, dann wandte er sich an Sam.
"Ich fürchte, dass ich den Mann bei so einigen Dingen unterstützt habe, die mir im Nachhinein als immer Zwielichtiger vorkommen. Und ... und offen gestanden bin ich hier um mich ... ähm ... zu stellen."
Sam sah ihn überrascht an und fragte nach: "Was haben Sie denn getan?"
"Nun, nicht direkt etwas getan, aber immer wenn mich Mr. Mercer um etwas gebeten hat, habe ich das einfach erledigt. Ich bin sein persönlicher Assistent und habe es als meine Pflicht angesehen keine Fragen zu stellen, habe mir immer gesagt, dass er auch nur ein Mensch ist. Aber die Sache mit dem Bunker hat sich wie ein Lauffeuer durch die oberen Etagen der Zentrale gefressen und als die Five-0 gestern aufgetaucht ist, konnte ich nicht mehr leugnen, dass etwas im Argen ist. Dass ich vermutlich dazu beigetragen habe..."
"Mr. Orsini, ihr Gewissen in allen Ehren, aber würden Sie bitte zum Punkt kommen? Von welchen zwielichtigen Dingen sprechen wir hier?"
"Parties mit Prostituierten, Geld, das ich an Scheinfirmen überweisen musste, manchmal musste ich auch gewissen Personen bestechen, die etwas gesehen hatten, was sie nicht hätten sehen dürfen, dann Treffen mit irgendwelchen Leuten vorbereiten, die geradezu nach Ärger riechen. Gerade letzte Woche hat er sich noch spät mit einem Mann getroffen, der kurz darauf doch diesen Unfall hatte ... es war in den Zeitungen - wie hiess er noch?"
"Nakumotu?"
"Ja. Ja, genau der. Und dann, vorgestern war da wieder so ein komisches Treffen. Da waren mehrere Männer dabei und ich hatte einfach ein ungutes Gefühl. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich wusste bis zu diesem Tag im Grunde gar nicht worum es dabei ging, aber etwas an der Art, wie sie die Köpfe zusammengesteckt hatten war einfach verdächtig. Dann habe ich etwas überhört, was ich einfach nicht mehr für mich behalten kann." Er machte eine kleine Pause und als er Steves bohrendem Blick begegnete, entschied er sich offenbar wieder dazu sich lieber an Sam wenden zu wollen. Sie nickte ihm aufmunternd zu und er schenkte ihr ein gequältes Lächeln, bevor er fortfuhr. "Sie haben über den Gouverneur gesprochen und dass er endgültig aus dem Weg geräumt werden muss, dass der Plan irgendwie nicht aufgegangen war und sie nach dem Absprung eines Mannes, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, einen anderen Weg finden müssen, um ihn zu belasten."
"Dale?" Dieses Mal war es Sam, die den Namen einwarf und ein Nicken erntete.
Das war so ungeheuerlich, dass es sie sogar schon nicht mehr überraschte. Sie sah zu Steve und erkannte, dass in ihm etwas Ähnliches vorzugehen schien. Sie tauschten einen grimmigen Blick.
"Das scheint Sie ja nicht zu beunruhigen", meinte Orsini unsicher.
"Nein - doch, aber sagen wir es so: bei all den Dingen, die wir in der letzten Zeit erfahren haben, passt dieses Stück an Information einfach perfekt in das Bild", erklärte Steve mit einem seltsamen Lächeln. Er strich sich kurz über die Stirne, wie um seine Gedanken zu sammeln, dann stellte er Mercers Assistent die einzig logische Frage: "Erklären Sie sich dazu bereit die Männer zu identifizieren und im Falle des Falles sogar gegen Mercer auszusagen, wenn die Zeit dafür gekommen ist?"
Orsini zögerte sichtlich; er schien die Sache nicht bis ganz zu Ende gedacht zu haben und es wirkte so, als würde ihn die Tatsache gegen seinen Boss auszusagen einschüchtern. Steve erkannte dies auch und fügte hinzu:
"Wir werden Sie beschützen. Sie erhalten Personenschutz und jegliche Unterstützung die Sie brauchen - ebenso wie ihre Familie."
Dies schien ihn einigermassen zu beschwichtigen und auch wenn er doch ziemlich blass unter seinem getrimmten Bärtchen aussah, so nickte er schliesslich.
"Und nun gehen Sie zurück, verhalten Sie sich wie immer. Schlagen Sie dem Mann nichts aus und bringen Sie sich nicht in Gefahr - aber wenn Sie können, halten Sie Augen und Ohren offen. Wenn wir wissen wie es weitergeht und wie Sie uns allenfalls helfen könnten, werden wir uns melden."
Orsini nickte wieder und als sich Steve erhob, tat es ihm dieser nach, liess sich die Hand schütteln und verliess das Büro nach einem unsicher geäusserten Abschied. Steve und Sam blieben in dem Raum zurück, sahen sich für einen Moment schweigend an. Schliesslich seufzte Sam tief und liess sich wieder auf das Sofa sinken. Es fühlte sich beinahe unwirklich an endlich die Wahrheit zu erfahren. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Wie ein Triumph oder zumindest eine Genugtuung, aber stattdessen war sie einfach nur überfordert.
Steve steckte seinen Kopf durch die Tür und rief die anderen ins Büro. Als sich alle versammelt hatten, gab er das entscheidende Puzzlestück weiter:
"Also Leute, wir haben es. Mercer hat sich gegen Gouverneur Denning verschworen. Richard sollte irgendwie dabei helfen ihn mit etwas zu belasten, damit Mercer freie Bahn hat. Sein Assistent hat uns eben erzählt, dass er ein zwielichtiges Treffen belauscht hat, bei dem Mercer und irgendwelche Unbekannten darüber beratschlagt haben wie sie es am besten zu Wege bringen können die Sache ohne Richard durchzuziehen."
"Und was hat das nun mit Sams Verhör zu tun und diesem Typen, der umgebracht wurde?", warf Kono verwirrt ein.
"Es muss etwas mit dem grossen Fall zu tun haben, den er bearbeitet hat", Steve wandte sich an Sam und hob fragend die Augenbrauen. "Wobei hast du dem Mann geholfen?"
"Es ging um einen Drogenring, der weit vernetzt war. Er hat sich zuletzt dafür eingesetzt mit den Behörden anderer Staaten und sogar einiger Länder in Übersee dagegen vorzugehen, aber solche Dinge brauchen viel Zeit, weil sie von allen möglichen Kanälen abgesegnet werden müssen. Ich bin eingesprungen um ein Profil von dem Mann zu erstellen, den er hinter dem Ganzen vermutet hat."
"Weisst du noch wer das ist?"
"Natürlich. Ein Mann namens Wo Fat."
Auf diese Aussage hin änderte sich die Atmosphäre im Raum schlagartig. Von fragend zu entgeistert. Sam runzelte die Stirne und sah von einem entsetzten Gesicht zum anderen. "Was ist los mit euch?"
"Sagtest du gerade Wo Fat?", wollte Danny wissen und als sie verwirrt nickte, liess er seine Schultern sinken, atmete ruckartig aus.
"Was ist denn? Ihr macht mir Angst."
"Sagen wir es so", meinte Chin mit einem bitteren Gesichtsausdruck. "Die Five-0 hat eine einschlägige Vergangenheit mit diesem Mann."
Steves Blick hätte gut und gerne das ganze Büro in Brand stecken können.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Aug 29, 2013 5:36 pm

9. Ne Me‘e Laua Na Paio

Heroes and Villains - Helden und Schurken

"Willst du mir erzählen was es mit Wo Fat auf sich hat?"
"Chin hat dir doch eben alles erklärt", gab Steve steif zurück, dann trat er auf das Gas, als die Ampel auf Grün sprang.
Sam umklammerte unwillkürlich den Haltegriff neben sich und starrte den Fahrer weiter an. "Lass' es mich umformulieren: Was hat es mit Wo Fat und dir auf sich?"
"Ich weiss nicht wovon du da sprichst." Diese Worte kamen sogar noch steifer über seine Lippen.
Etwas war im Busch. Die Sache mit den Yakuza war definitiv nicht alles. Die vier hatten sich seltsam verhalten - allen voran Steve - während ihr Chin knapp von der Verbindung mit den Yakuza und dem mehrmaligen Entwischen dieses Wo Fat erzählt hatte. Die unmissverständlichen Blicke, die alle abwechselnd einem versteinerten Steve zugeworfen hatten, wenn sie geglaubt hatten, dass es Sam nicht sah, dieses schweigsame Mahlen mit den Kiefern, welches er seit dem Moment in dem Büro aufgenommen hatte, der verdächtige Frost, der ihr nun entgegenschlug. Hier ging es um mehr als einen Verbrecher, der besonders gewitzt oder gefährlich war. Aus dem Bauch heraus geraten tippte sie auf eine persönliche Rechnung.
Aber etwas sagte Sam, dass dies nicht der Moment war um darauf herumzureiten. Sie sagte sich, dass die Zeit schon noch kommen würde, an dem er bereit sein würde ihr die volle Wahrheit zu erzählen, obwohl ein Teil von ihr nicht wirklich daran glaubte. Dieser Teil verspürte auch eine gewisse Enttäuschung, einen Stich ob der Tatsache, dass er sich nicht öffnen wollte. Aber was hatte sie auch erwartet? Dass er seine Vergangenheit vor ihr ausbreitete, wenn sie einen Wink gab? Schliesslich und endlich kannten sie sich erst seit kurzem und im Grunde genommen wussten sie nicht wirklich etwas übereinander. Dieser Gedanke war äusserst ungemütlich, jetzt, da er einmal aufgelebt war. Sie hatten zwar Unaussprechliches wie auch Wundervolles miteinander erlebt - aber die Tatsache blieb, dass sie sich noch weitgehend fremd waren. Aus irgendeinem abstrusen Grund stimmte es Sam traurig und verwirrt, sich das einzugestehen.
Also verliess sie diesen geistigen Pfad hastig und wandte sich stattdessen dem Hier und Jetzt zu, in welchem es galt sich schleunigst etwas wegen der anstehenden Befragung, dieser verfluchten Frist einfallen zu lassen. Sam dachte an den Besuch bei Fong zurück, von dem sie gerade wieder zurückfuhren und fühlte sich seltsam weil sie ihren Laptop bei ihm zurückgelassen hatte. Charlie sollte sich diesen vornehmen und nach etwaigen Spuren suchen, die Richard eventuell darauf hinterlassen hatte. Sie hatte wenig Hoffnung. Oder vielmehr vertraute sie auf Richards Schläue – die Chancen, dass er seine Spuren nicht zu verwischen gewusst hatte waren verschwindend gering. Ausserdem, so lächerlich sie sich dabei selbst vorkam, behagte es ihr nicht wirklich sich vorzustellen wie ein Fremder ihre Festplatte durchforstete. Selbst wenn sie sich sagte, dass es nur Fong war.
Diese Gedankengänge wurden unterbrochen, als sie bemerkte, dass Steve auf dem Moanalua Freeway verblieb anstatt zum Hauptquartier abzubiegen.
„Wohin fahren wir?“
„Nach Halawa.“
Was war ihm denn über die Leber gelaufen, dass er sie so lange im Dunkeln liess, bis sie nachfragte? Sie kam sich plötzlich vor wie ein unnützes Anhängsel, welches zwar da war aber keine Erklärungen verdient hatte.
„Möchtest du mir auch erläutern was wir da wollen?“, kam es einigermassen bitter über ihre Lippen.
Steve wandte sich ihr zum ersten Mal wirklich zu, indem er sie mit seinem Blick streifte, dann beugte er sich in seinem Sitz leicht in ihre Richtung und sah wieder nach vorne. „Entschuldige, ich war in Gedanken. Wir besuchen einen alten Bekannten, der uns vielleicht sagen kann was Richard und Wo Fat miteinander zu tun haben. Ich habe endgültig genug davon im Dunkeln zu tappen. Wir mobilisieren jetzt alle Ressourcen, die wir haben.“
Geht doch! „Dann bin ich ja mal gespannt…“
Es vergingen etwa 20 Minuten bis sie auf dem riesenhaften Parkplatz vor dem Gefängnis zu stehen kamen. Die Wachmänner nickten Steve wissend zu, dann liessen sie sie eintreten. Sam wurde durch eine schwere Stahltür geführt, dann durchschritten sie einen trostlosen Gang, an dessen Ende sich ein Schalter befand. Rasch hatten sie sich die Besucherausweise an die Kleidung gehängt, dann wurde ein Wärter von der Frau hinter der Scheibe heraufbeschworen, der sie in einen grauen Raum führte, wo sie auf den mysteriösen Gefangenen zu warten hatten.
Im Laufe der Jahre hatte sie schon so einige Haftanstalten von innen gesehen und mittlerweile war sie zu dem Schluss gekommen, dass sich alle, zumindest wenn es um die Atmosphäre ging, wie ein Ei dem anderen glichen. Die Wände strahlten immer diese eine, unverwechselbare Mischung aus Verzweiflung, Aggressivität und Angst aus. Jene Energie, die sie noch Stunden nach dem Aufenthalt verfolgte, als wäre sie nicht nur in das Gewebe ihrer Kleidung, sondern auch in diesem ihres Geistes eingedrungen, um sich dort festzukrallen. Kein Wunder fiel es Ex-Sträflingen so schwer sich wieder in die Aussenwelt einzufinden.
Sie schoss einen Blick auf Steve ab, der ungeduldig neben dem Metalltisch stand und fragte sich ob er dies ebenso empfand. Vermutlich konnte er sich erfolgreich dagegen versperren, ohne dies überhaupt zu bemerken. Schliesslich war das für einen Mann wie ihn nichts anderes als Kinderkram. Sam konnte nicht sagen, was sie von dieser, ihrer Einschätzung halten sollte. War das bewundernswert oder beunruhigend? Vielleicht beides zugleich. Und aus irgendeinem hirnrissigen Grund musste sie plötzlich an den wütenden, verzweifelten Sex von gestern denken, fühlte, wie ihr die Hitze zu Kopf stieg. Ihre Augen glitten über diese verschränkten, muskulösen Arme, blieben an der Mulde seiner Kehle hängen, um schliesslich weiter hochzukriechen, die markante Kieferlinie zu verfolgen. Von ihr aus konnte der Abend kaum schnell genug kommen.
Doch bevor ihr überaktiver Verstand die Vorstellung, was die kommende Nacht bringen mochte, weiter ausführen konnte, ging die Tür auf und der Gefangene wurde von zwei Wärtern hineingeführt. Rasselnde Ketten verbanden die Handschellen mit den Fussfesseln und jenes unheilvolle Orange der Gefängniskluft sprang das Auge sofort an. Der Mann hielt inne, als er Steve erblickte und eine widersprüchliche Mischung aus Abneigung und Zufriedenheit zeigte sich auf seinen asiatischen Zügen. Das schiefe Grinsen passte zu seinem Auftreten, als er sich an den Metalltisch fesseln liess und dabei so wirkte, als würde er das Ganze für einen spassigen Ausflug halten. Aber wenn sie genauer darüber nachdachte, war das vermutlich auch so. Das schwere Geschütz, welches man mit seinen Fesseln aufgefahren hatte, liess vermuten, dass er ein Hochsicherheitsgefangener war. Wenn man in Einzelhaft war, dann war jeder Grund diese zu verlassen ein Grund sich zu freuen.
Steve nickte den beiden Wachen dankend zu, worauf sich diese aus dem Raum zurückzogen. Jedoch nicht ohne noch einen finsteren, strengen Blick auf den Gefangenen zu werfen. Für einen Moment herrschte Stille, dann sprach der Mann mit einem schweren Slang:
„Was verschafft mir die Ehre eines Besuches, McGarrett?“ Und mit diesen Worten schweiften seine Mandelaugen zu Sam, die er einer eingehenden Musterung unterzog. Was er sah, schien ihm zu gefallen. Wieder war da dieses schiefe Grinsen zu sehen, welches Sam mit einem ungerührten Blick quittierte. Was war denn das nur für ein fürchterlicher Haarschnitt? War der nicht vor mindestens einem Jahrhundert aus der Mode gekommen?
„Sam, darf ich dir Sang Min vorstellen?“, kam es von Steve. Widerwillig und mit einer deutlichen Spur von Geringschätzung.
Dieser Sang Min liess ihren Namen langsam von seiner Zunge rollen, als wollte er testen wie sich dieser anfühlte, dann nickte er mit einem anzüglichen Funkeln in den Augen. „Danke, McGarrett, der Anblick der Süssen da, entschädigt mich dafür mit dir in einem Raum sein zu müssen.“
„Schnauze!“, kam es scharf von Steve. „Wir sind nicht zu deinem Vergnügen hier.“
„Schande!“
„Richard Dale. Was weisst du über ihn?“
Sang Min vollführte eine komische Bewegung mit dem Kopf, die Sam unwillkürlich an eine sich windende Schlange erinnerte. „Was bin ich hier? Eine Auskunftszentrale?“
„So lange du in der sicheren Einzelhaft bleiben willst, ja. Wir können das auch gerne ändern, damit hätte ich wirklich kein Problem“, erwiderte Steve mit einem bösen Lächeln.
Der Mann in Orange schob ärgerlich den Kiefer vor, wand sich noch einmal in seiner besten Manier, dann bettete er seinen Hintern auf dem Stuhl um, als hätte dieser plötzlich ungemütliche Stacheln hervorgebracht. „Kein Grund für Feindseligkeiten, Mann!“ Und als ihn Steve einfach weiter anstarrte, als würde er ihn am liebsten quer durch das Zimmer werfen, sprach er weiter: „Dale ist ein Auftragskiller.“
Das Wort hing für einige Herzschläge kalt und aufdringlich im Raum. Sam spürte, wie ein unheilvoller Schauer über ihren Rücken kroch. Sie war die Ex-Verlobte eines Mörders. Sie hatte mit diesem Tisch und Bett geteilt.
„Ich glaube mir wird schlecht“, keuchte sie, wandte sich der Wand zu und presste die eiskalten Finger auf den Mund. Sie spürte mehr, als dass sie hörte, dass Steve auf sie zutrat, aber sie wedelte rasch mit der Hand, um ihm zu bedeuten, dass er weitermachen, sich nicht um sie kümmern sollte.
Einen Moment lang herrschte Stille, dann führte Steve die Befragung fort indem er fragte: „Wie lange arbeitet er schon für Wo Fat?“
„Woher soll ich das wissen, huh?“
„Weil Abschaum wie du über solche Dinge Bescheid weiss. Versuch‘ nicht mich für dumm zu verkaufen!“
„Der Typ arbeitet für jeden, der genug Geld springen lässt. In Wo Fats Kielwasser ist er vor etwa zwei Jahren aufgetaucht und seitdem tummelt er sich da“, kam es widerwillig von Sang Min.
Sam hörte nur mit halbem Ohr zu. Noch immer war sie damit beschäftigt den Ekel vor sich selbst im Zaum zu halten. Befleckt. Das war sie. Für immer und ewig befleckt. Diese Gewissheit bohrte sich unbarmherzig in ihre Seele, hinterliess dort eine klaffende Wunde, wo noch vor wenigen Monaten Verliebtheit, Glück und Hoffnung waren. Jetzt sass da nur noch ein stacheliges, widerwärtiges Etwas, welches sie für den Rest ihres Lebens mit sich herumtragen musste.
Langsam wandte sie sich wieder den beiden Männern zu, richtete ihren unsteten Blick auf die neugierigen Züge des Gefesselten. Es schien ihn brennend zu interessieren, was hier vor sich ging, aber Steve hatte ein gewisses Talent dafür ihm jegliche Freude gnadenlos abzuklemmen.
„Hier spielt die Musik, Sang Min!“
Der Angesprochene rollte mit den Augen, dann richtete er sie widerwillig auf den Mann vor sich.
„Wo würdest du hingehen, wenn du dich vor Wo Fat verstecken müsstest?“
„Zu euch, guten Männern der Five-0 – und Frauen natürlich“, gab Sang Min sarkastisch von sich.
Steve quittierte das mit einem entnervten Schnauben, dann formulierte er seine Frage um: „Gehen wir einfach davon aus, dass das nicht geht. Wer würde dir dabei helfen unterzutauchen?“
„Wieso sollte er untertauchen wollen? Der Mann ist nicht hirnamputiert. Er würde die Beine in die Hand nehmen und sich von diesen Inseln verpissen. Auf die andere Seite der Erde. Aber auch das würde ihm nichts nützen, wenn Wo Fat seinen Kopf will.“
„Du beantwortest meine Fragen und sonst nichts, verstanden? Deine Ausführungen will hier niemand hören“, kam es blaffend von Steve zurück.
„Von Manieren hast du wohl noch nie etwas gehört?“ Dann, als er einen mörderischen Blick von Steve geerntet hatte, beeilte er sich zu sagen: „Big Malu.“
„Wer zur Hölle ist Big Malu?“
„Dein Mann wenn du falsche Identitäten, ein Fluchtauto, einen Unterschlupf oder besonders willige Nutten brauchst.“
„Und wo finde ich dieses Aas?“, hakte Steve angewidert nach.
„Das, mein Freund, kannst du dir abschminken. Big Malu wittert Cops zehn Kilometer gegen den Wind. Seine Nase ist da sogar feiner als meine.“ Sang Min sagte dies, als wäre es ein besonders exquisites Kompliment. Was es in seinen Kreisen vermutlich auch war.
„Das lass‘ mal meine Sorge sein!“
„Er treibt sich an der Nordküste herum und gerät dabei ständig an die Kapu, die ihn nicht in ihrem Revier haben will. Das ist eine ganz besondere Hassliebe, wenn du kapierst was ich meine…“
Sam hatte irgendwo zwischen Big Malu und Kapu endgültig den Faden verloren, doch Steve schien sehr schnell zwei und zwei zusammenzuzählen. Und schliesslich musste sowieso nur er aus diesen Insiderinformationen schlau werden, die Sang Min da von sich gab. Das war seine Insel und wenn es jemanden gab, der die Nase dieses Big Malu austricksen konnte, dann war das Steve.
Dieser ging gerade zur Tür und klopfte an ihr, worauf die Wärter auch schon in den Raum traten und sich an Sang Mins Fesselns zu schaffen machten.
„Was? Kein ‚Danke‘? Kein ‚gut gemacht‘?“, wollte dieser wissen und stemmte sich gegen den Griff der Männer, als sie ihn aus dem Zimmer führen wollten, blickte über seine Schulter hinweg zu Steve.
Er wurde nur mit einem Heben der Augenbraue bedacht, was ihm ein blödes Grinsen entlockte. Begleitet von dem obligatorischen, schlangenhaften Winden natürlich, was offensichtlich eine Art Tick von ihm war. Wäre Sam nicht mit den Abgründen ihrer Vergangenheit beschäftigt gewesen, hätte ihr dieser Anblick vielleicht sogar ein Lächeln entlockt. Aber so sah sie stattdessen nur zu wie Sang Min von seinen Wachhunden einen heftigen Stoss in den Rücken erntete und sich mit einem „Bis zum nächsten Mal, süsse Sam!“ verabschiedete. Das Rasseln seiner Ketten verklang, dann kehrte Stille ein.
„So? Was ist der nächste Schritt?“, gab sie rasch von sich. Sie hatte so ein Gefühl, dass gleich eine Frage nach ihrem Befinden kommen würde, so wie sie Steve gerade ansah. Besorgt und irgendwie vorsichtig, als fürchtete er, dass sie sich gleich in Tränen auflösen würde oder dergleichen.
„Wir gehen zu Kawika.“
„Wer ist das?“
„Der Anführer der Kapu.“ Und als ihn Sam mit einem Blick bedachte, der ihre Ahnungslosigkeit ausdrückte, führte er das näher aus. „Die Kapu ist eine Gruppe von Menschen, die sich dem Erhalten der hawaiianischen Kultur und Lebensweise verschrieben hat. Sie sehen den Veränderungen und dem Einfluss des Tourismus nicht nur mit Besorgnis entgegen, manchmal versuchen sie auch dagegen vorzugehen.“
„Auf illegale Art und Weise?“
„Nicht, wenn es Kawika verhindern kann“, antwortete Steve mit einem kleinen Lächeln.
„Und du denkst es ist ratsam mich als Haole dorthin zu bringen?“
„Keine Angst; schlimmer als Danny kannst du dich vor ihm nicht verhalten.“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter und schob sie Richtung Tür. „Ich denke, er wird dich mögen.“
Sam beeilte sich ihm vorauszugehen, dem Körperkontakt damit ein Ende zu setzen, weil ihr seine Berührung plötzlich unangenehm war und beschloss, dass sie dieser Aussage erst Glauben schenken würde, wenn sie sich bewahrheiten sollte.


***


Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber die Sorge um Sam hielt sein Herz fest umklammert. Je weiter sie in dieser Sache vordrangen, mit jeder neuen Information, die sie aus dem Sumpf zu Tage förderten, schien sich die Lage der Frau, die gerade schweigend im Beifahrersitz sass, zu verfinstern. Natürlich konnten sie aus Rücksicht auf ihr Seelenheil nicht aufhören der Sache nachzugehen, aber Steve fürchtete, dass Sam noch bevor sie das Ende des Weges erreicht hatten, endgültig unter dem Druck zusammenbrechen würde. Sie war stark und hart im Nehmen, aber jeder Mensch hatte eine Belastungsgrenze. Dieser starre Ausdruck in ihren Augen war alarmierend. Es war als hätte er vorhin in einen finsteren Abgrund geblickt, an dessen Fuss sich der Schmerz abgesenkt hatte, um auf einen Moment zu warten, an dem er daraus aufsteigen konnte. Hätte er es gekonnt, er hätte ihn persönlich ausradiert. Aber das ging so wenig, wie sie vor weiteren Enttäuschungen abzuschirmen. Schliesslich war sie kein Kind und hatte ein Anrecht auf die Wahrheit. So zerstörerisch diese auch war.
All dies erinnerte ihn an sein Kreuz, welches er zu tragen hatte. Zu entdecken, dass man nach Strich und Faden hinters Licht geführt worden war – von Menschen, denen man vertraut hatte. Gab es etwas Schlimmeres? Nicht in seinen Augen. Zu erfahren, dass Wo Fat hinter all dem steckte womit sie gerade zu kämpfen hatten, riss auch bei ihm Wunden auf, die in den letzten Monaten vor sich hin gegärt hatten. Da er selbst noch keine befriedigende Strategie entwickelt hatte damit umzugehen, waren ihm auch in dieser Hinsicht die Hände gebunden. Er hatte keinen Rat, nichts womit er ihr helfen konnte. Etwas sagte ihm, dass seine schlichte Anwesenheit, selbst sein Beistand und die Hilfe der Wahrheit auf den Grund zu gehen völlig unnütz waren, wenn es darum ging diese Sache zu verarbeiten. Steve war sich nicht einmal sicher, ob man sich von solch einem Trauma überhaupt erholen konnte. Er für seinen Teil hatte sich an einem Punkt des Weges damit abgefunden, es für immer mit sich zu schleppen, dieses Gewicht niemals mehr loszuwerden. Ausser dem Versuch mit dem Schatten des Betruges zu leben und sich nicht davon abhalten zu lassen weiterzumachen, wusste er nicht was sonst zu tun war. Augen zu und durch. Zähne zusammenbeissen und stier voranschreiten. Diese Taktik liess sich auf so ziemlich alles anwenden. Denn so viel wusste er; weder würde er sich in die Ecke stellen und kuschen, noch jemals aufhören zu kämpfen.
Doch das war seine persönliche Entscheidung, sein Weg mit jenen Gewichten umzugehen, die an seinen Schultern hingen. Wie Sam reagieren würde, wenn sich die bittere Wahrheit erst einmal gesetzt hatte, lag im Dunkeln.
Vorerst galt es jedoch ohnehin die bevorstehende Befragung abzuwenden. Und dabei war ihm jedes Mittel recht. Also würden sie Kawika aufsuchen. Dieser hatte heute einen seiner Tage, an denen er sich um seine wohltätige Organisation für Kinder kümmerte und so würden sie ihn mit Sicherheit am Strand vorfinden, wo er diesen das Surfen beibrachte.
Tatsächlich, nachdem er den SUV an der Promenade parkiert hatte und mit Sam den weichen Sand durchschritt, konnte er seine Gestalt schon nach wenigen Metern ausmachen. Er schien sich gerade mit einem Elternpaar zu unterhalten. Als er Steve erblickte, richtete er ein paar weitere Worte an die Leute, dann liess er diese stehen und ging stattdessen auf sie zu.
Eine raue Umarmung später, schoss er einen fragenden Blick auf Sam ab.
„Kawika, das ist Doctor Sam Haynes. Sam, triff‘ Kawika.“
Sie reichte ihm die Hand, lächelte ihn freundlich an, dann sagte sie: „Sam reicht vollkommen. Es ist mir eine Freude.“
„Meinerseits“, erwiderte der Angesprochene und obwohl Sam von seinem ernsten Blick verunsichert zu sein schien, wusste Steve, dass Kawika nicht abgeneigt war. Wäre das der Fall gewesen, hätte er nämlich ganz anders dreingeblickt. Er war einfach kein Mann, der leichtfertig lächelte.
„Was führt dich zu mir, Steve? Ich nehme an ihr seid nicht hier um zu surfen…“
„Nein, Brah. Wir kommen wegen Big Malu.“
Und schon zeigte sich eben jener Blick, mit dem er Sam bedacht hätte, wäre sie ihm zuwider gewesen. Seine Mine verfinsterte sich, die breiten Schultern wurden gestrafft, als erwartete er etwas ganz und gar Unerfreuliches zu hören. „Was ist mit Big Malu?“
„Ich habe gehört, dass die Kapu und er nicht gut aufeinander zu sprechen sind.“
„Dann hast du richtig gehört. Seine Geschäfte sind eine Beleidigung für unseren Weg und er bringt so einige Spannungen unter meine Männer. Viele wollen etwas gegen ihn unternehmen, aber das würde in einem Krieg ausarten und das ist das Letzte, was ich will. Du weisst wie solche Dinge enden.“
Steve nickte und als Kawika keine Anstalten machte die Lage genauer zu beschreiben, hob er an zu erklären weshalb sie Genau hier waren. „Es ist so – wir suchen einen bestimmten Mann und unser Kontakt ist überzeugt, dass ihm Big Malu dabei geholfen hat unterzutauchen. Wir müssen sie beide finden und haben dafür ein Zeitfenster von weniger als vierzig Stunden.“
Ihr Gegenüber sah sie regungslos an, als würde er rasch nachdenken, dann schüttelte er den Kopf. „Ich kann dir nicht helfen, Brah. Das riecht nach Ärger und davon haben wir bereits genug.“
Steve hatte schon mit so etwas gerechnet, aber das hiess nicht, dass er sich damit abfinden wollte. „Du sagtest selbst, dass er Spannungen verursacht. Willst du diese nicht loswerden? Wenn wir ihn und seine Bande ausräuchern hilft das auch der Kapu. Ich will nur wissen wo ich ihn finden kann. Den Rest erledige ich mit meinem Team und dem HPD.“
Noch einen Moment zögerte Kawika, dann schüttelte er ergeben den Kopf, als könnte er selbst nicht glauben, was er als Nächstes sagte: „Er hat ein Grundstück an der Verzweigung des Kamananui Flusses, südlich des Pupukea Road. Der Elektrozaun ist nicht zu übersehen. Wenn ihr das Gebiet stürmen wollt, dann macht ihr das am besten von Westen her. Aber du weisst wohl selbst wie solche Dinge durchzuziehen sind…“
„Danke, Kawika.“
„Du kannst mir danken indem du mir sagst, wann das Ganze stattfinden soll. Ich muss die Jungs dazu bringen sich fernzuhalten.“
„Heute Nacht“, gab Steve entschieden zurück, sah aus den Augenwinkeln, dass ihm Sam einen eindringlichen Blick zuwarf, als hätte sie nicht mit einer solchen Entschlossenheit gerechnet.
Doch als sie sich von Kawika verabschiedet hatten und zu seinem Wagen zurückgingen, stellte sich heraus, was ihr wirklich auf dem Herzen lag:
„Mir behagt das ganz und gar nicht Steve; dass ihr euch ohne nennenswerte Vorbereitungszeit auf diesen Typen stürzen müsst, ohne zu wissen ob er überhaupt etwas über Richard weiss. Das ist ein lächerliches Risiko für einen zweifelhaften Erfolg. Nicht einmal du bist so waghalsig!“
Steve hielt inne und sie tat es ihm nach, verschränkte die Arme, als ahnte sie bereits, dass eine Antwort kommen würde, die sie nicht beruhigen konnte. „Wir ziehen das heute Nacht durch. Wenn es nichts bringt, dann haben wir noch immer einen Teil des morgigen Tages um die Befragung abzuwenden oder wenigstens zu verschieben. Ich will, dass du dich darauf konzentrierst herauszufinden, welche Leute Richard sonst noch auf dem Gewissen hat. Nun, da wir es wissen, können wir versuchen der Baltimore PD etwas zu liefern, womit sie sich beschäftigen können, anstatt dich in die Mangel zu nehmen.“
Ihm war klar, dass es viel von ihr verlangt war, die Schritte des Mannes zu verfolgen, sich kopfvoran auf die blutige Spur zu stürzen, die ausgerechnet er gelegt hatte, der ihr Leben so gründlich verpfuscht hatte. Aber sie schluckte lediglich schwer und nickte dann. Wenigstens war sie schon so weit nicht länger auf ihn einzudringen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er hob die Hand, um sie an der Schulter zu berühren, aber bevor er dies tun konnte, wandte sie sich entschieden ab und legte die letzten Schritte zum Wagen mit einer gewissen Steifheit zurück. Einen Moment lang stutzte er, fragte sich was in sie gefahren war, doch dann wurde ihm klar, dass er an ihrer Stelle auch nicht besonders darauf erpicht wäre Vertraulichkeiten auszutauschen.


***



Es war kaum auszuhalten. Dieses geschäftige Treiben, der offene Waffenschrank, der ihre Augen unwillkürlich anzog, die angespannte Atmosphäre, die das ganze Hauptquartier eingenommen hatte. Doch während Sam eine durch und durch negative Anspannung verspürte, schien das Team förmlich aufzublühen. Besonders Kono und Steve waren offenbar in ihrem Element. Sie stand am Tischcomputer, klammerte sich Halt suchend an dessen kühle Kante, versuchte sich nicht auszumalen was den vieren bevorstand. Immer wieder sagte sie sich, dass dies ihre Aufgabe war, dass sie mehr als nur gut waren, in dem was sie taten. Aber das war ein äusserst blasser Trost. Und das alles nur wegen ihr und dem Schlamassel, den sie über sie gebracht hatte.
Schliesslich standen sie alle da, angetan in ihre schusssicheren Westen, bis auf die Zähne bewaffnet und hatten diesen Hauch an Entschlossenheit an sich, der ungebremst auf Sam zu schwappte. Innerlich verfluchte sie Richard, diesen verblödeten Big Malu und allen voran sich selbst. Steve gab noch einige letzte Anweisungen, dann schritt er breitbeinig auf sie zu, bohrte seinen Blick in den ihren.
„Du bleibst hier und konzentrierst dich auf deine Aufgabe. Wenn ich zurück bin gehen wir gemeinsam nach Hause. Ich werde dich auf dem Rückweg anrufen, um dir zu sagen wie es gelaufen ist – nicht, dass du dir unnötig lange Sorgen machen musst.“
Wenn ich zurück bin. - Nach Hause. - Unnötig lange Sorgen machen. - Sams Verstand blieb an jeder dieser Aussagen für einen Moment hängen. Was, wenn er nicht zurück kam? Wie selbstverständlich dieses „gemeinsam nach Hause gehen“ über seine Lippen kam! Wie gründlich er sie durchschaut hatte, mit Sicherheit sagen konnte, dass sie die Sorgen umbringen würden! Sie wollte sagen: „Sei vorsichtig! Komm schnell wieder zurück!“ Oder noch besser: „Ich flehe dich an - geh nicht!“ Aber sie brachte kein Wort heraus. Stattdessen nickte sie, versuchte den Kloss in ihrem Hals herunter zu zwängen, spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte, wie eiskalt ihre Finger waren. Er nickte ihr bestätigend zu, als wollte er sie beruhigen, aber dies hatte einen gegenteiligen Effekt auf Sam. Seine Selbstsicherheit war furchtbar. Beabsichtigte er denn gar nicht dieser hirnrissigen Aktion mit dem gebührenden Respekt zu begegnen?
Ihr Blick verfolgte seinen Weg aus dem Hauptquartier, dann bog er ab - und war weg. Einfach so. Die Stille, das Fehlen von Bewegung und knappen Befehlen – es war, als sässe sie in einem Vakuum, welches der Aufbruch der Five-0 hinterlassen hatte.
„Ohgottohgottohgott…“
Es war jetzt schon kaum auszuhalten. Wie sollte sie die nächsten Stunden überstehen? Sich auf ihre Aufgabe konzentrieren? Was für eine blöde Aussage! Als ob sie sich in diesem Zustand überhaupt auf etwas anderes konzentrieren konnte, als vor Sorge nicht zu ersticken.
Ihr unsteter Blick schweifte zur Seite und richtete sich auf Steves Büro, doch sie schreckte zurück, als hätte sie dort etwas Widerliches entdeckt. Noch heute Morgen war sie mit ihm und Orsini da drin gewesen. In Sicherheit. Ohne Schusswesten und Magazine, die an dieser befestigt waren, ohne verdammte Gewehre. Bewaffnete Konflikte waren ihr schon immer zuwider gewesen, aber ab heute, ja, ab heute verabscheute sie diese ganz offiziell.
Natürlich hatten die Teams mit denen sie in Baltimore zusammengearbeitet hatte, immer wieder Grosseinsätze geplant und durchgezogen. Natürlich hatte sie sich auch um diese Menschen, die ihr ans Herz gewachsen waren, mit denen sie wochen- oder monatelang zusammengearbeitet hatte, Sorgen gemacht. Aber das hier? Das fühlte sich beinahe krankhaft an. Sie war einfach nicht mehr sich selbst. Durch den Wind, nicht normal, unfähig klar oder gar rational zu denken. Und es war ein widerliches Gefühl.
Doch es nützte nichts. Das war sein Job. Nein, mehr noch; das war seine Berufung und sie hatte sich damit abzufinden. Wenn es sich nur nicht so anfühlen würde, als würde jemand unbarmherzig ihr Innerstes zerquetschen, dann hätte sie wenigstens ein bisschen leichter atmen können…
„Reiss‘ dich zusammen, verdammt!“, befahl sie sich selbst. Sie hatte sich ein Beispiel an ihnen zu nehmen, anstatt sich in ein jämmerliches Nervenbündel zu verwandeln. Und sie würde das tun indem sie ihre Zähne in Richards Vergangenheit verschlug, um dieses Gespinst aus Lug und Trug gnadenlos zu zerreissen.
Sie zwang sich nicht auf die Uhr zu sehen, tippte stattdessen auf dem Bildschirm herum, vehement und unnötig heftig, musste oft genug mehrmals über das Display wischen, weil ihre Finger entweder zu kalt waren oder den Befehlen ihres Gehirnes nicht anständig gehorchen wollten. Mit zusammengepressten Lippen sezierte sie Richards Schritte, beginnend von dem Zeitpunkt an dem er in ihr Leben getreten war und rückwärts. Entdeckte, dass er sich vor Baltimore in Pittsburgh aufgehalten hatte und noch davor in San Francisco. Vielleicht war er da Goss auf die Schliche gekommen? Aber dieser Strang der Geschichte war nun sowieso hinfällig. Der Serienmörder hatte bekommen was er verdient hatte, die Familien hatten Gewissheit und sie keinen Grund mehr sich mit diesem Handlanger abzugeben.
Während sie die Recherche ausführte, schaffte sie es nicht daran zu denken was ihnen Sang Min offenbart hatte. Da war er, der Abgrund, lachte ihr böse entgegen, aber sie umtänzelte ihn, brachte es zu Wege nicht davon verschluckt werden, obwohl sie viele Male an dessen Rand abzurutschen drohte. Doch jetzt war nicht die Zeit. Von ihr aus konnte die volle Wucht der Erkenntnis für immer da bleiben wo sie war, aber sie wusste, dass dies unmöglich war. Irgendwann würde sie sich ihr stellen müssen.
Frustriert heulte sie nach einer langen Weile auf, stiess den Tischcomputer mit dem Knie an, als könnte er etwas dafür, dass sie nicht fündig wurde. Nun tat ihr auch noch zu allem Übel das Bein weh, aber die Aufzeichnungen über Richards Vergangenheit weigerten sich immer noch hartnäckig eine brauchbare Information springen zu lassen. Er hatte sich ständig in Grossstädten aufgehalten und es war unmöglich ohne jeglichen Anhaltspunkt die unzähligen, offenen Mordfälle, die es gab auch nur ansatzweise mit seinem Tun in Verbindung zu bringen. Es war zum verrückt werden! Sie hasste es. Dieses Rennen im Kreis, immer und immer wieder an die selbe Stelle zu gelangen, an der klar wurde, dass er einfach zu gut darin war keine Spuren zu hinterlassen. Und das im Zeitalter der Videoüberwachung!
Wäre sie nur ein Hacker, sie hätte sich in die Datenbank der CIA einschleichen können, um zu sehen ob diese etwas mehr wussten. Aber bestimmt kannte doch Steve jemanden, der das deichseln konnte. Sie beschloss ihn danach zu fragen sobald er zurück sein würde, aber dieser Gedanke brachte sie wieder zu ihrer Sorge.
Die Uhr verriet ihr, dass es nun etwas über zwei Stunden her war, dass sie abgerauscht waren. Was war da nur los? Müssten diese Aktionen nicht in Windeseile durchgeführt werden? Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er sich unnötige Zeit nahm. Vermutlich war er doch mit quietschenden Reifen vor dem Zaun zu stehen gekommen, um, das Gewehr im Anschlag, alles niederzutrampeln, was sich ihm in den Weg stellte. Aufdringliche Bilder tanzten vor ihrem geistigen Auge herum; von erleuchteten Waffenmündungen, Ganoven, die gegen die Wände eines heruntergekommenen Lagerhauses geschmettert wurden, Strassensperren, die ein in die Ecke gedrängter Big Malu mit seinem Pickup durchbrach, von einem Steve, der sich in bester SEAL Manier vor Danny warf um eine Kugel abzufangen…
Sie vergrub die Finger in ihrem Haar, gab ein Grollen von sich und verfluchte nicht zum ersten Mal in ihrem Leben die lebhafte Fantasie, mit der sie gesegnet worden war. Vielleicht sollte sie La Roche anrufen, um ihn auszufragen was da vor sich ging, ob er über mehr wusste, schon etwas gehört hatte. Aber das war unsinnig. Steve hatte versprochen sie noch auf dem Rückweg zu kontaktieren. Wenn er das nicht bald tat, würde sie sich persönlich mit einer Ohrfeige bei ihm bedanken!
Unruhig, unfähig sich noch länger mit der nutzlosen Recherche abzulenken, begann sie in dem leeren Hauptquartier herum zu tigern, dessen Wände sie bestimmt gleich auffressen würden. Noch nie waren ihr die glatten Oberflächen, die Bildschirme und einsehbaren Büros so trostlos und zugleich einschüchternd vorgekommen.
Als das Klingeln ihres Handys endlich erklang überraschte sie das so sehr, dass sie ein kleines Japsen von sich gab. Sie schlitterte auf den Tischcomputer zu, ergriff das Telefon, wobei es ihr beinahe aus der Hand rutschte und nahm den Anruf an.
„Steve? Seid ihr alle wohlauf?“
„Ja. Es geht uns gut, keine Sorge. Chin hat einen Streifschuss am Arm, aber ansonsten ist alles glatt gelaufen.“
„Ach du meine Güte! Wie geht es ihm? Was ist passiert? Habt ihr diesen Big Maku … äh … Malu? Waren da viele seiner Schergen?“, plapperte sie wild drauf los, wartete vergeblich darauf, dass sich der Knoten in ihrer Brust lockerte.
Am anderen Ende der Leitung erklang tatsächlich ein raues Lachen, erstarbt jedoch rasch wieder. „Beruhige dich. Alles ist in Ordnung. Ich habe einen Officer zum Hauptquartier geschickt, damit er dich ins Krankenhaus bringt. Sobald Big Malu aufwacht, werden wir ihn dort in die Mangel nehmen.“
Was gab es da so blöd zu lachen? Und überhaupt? Was hiess denn „sobald Big Malu aufwacht“? Welches Krankenhaus und warum? Was hatte er mit dem Typen angestellt? Aber all diese Fragen blieben ihr im Hals stecken, als Steve meinte, dass sie sich gleich im Krankenhaus sehen würden und auflegte. Entgeistert starrte sie das Handy an, dann schloss sie ihre Finger enger darum und schüttelte es, als wäre es Steves Kragen. Dieses verfluchte, kryptische Gequatsche! Konnte er nicht einfach alles erzählen?
Erst als sie neben dem jungen, leicht zurückhaltenden Officer im Streifenwagen sass, fühlte sie, wie die Erleichterung sich anzubahnen begann. Sie lebten. Sie waren weitgehend unbeschadet aus der Aktion hervorgegangen und hatten offenbar Erfolg gehabt. Sam atmete auf, benutzte ihre Lungen zum ersten Mal seit Stunden, so wie diese normalerweise zu gebrauchen waren. Dann strich sie sich mit beiden Händen über das Gesicht, versuchte die restliche Anspannung von sich zu nehmen, aber das würde sie erst können, wenn die vier lebend und in Farbe vor ihr stehen würden. Doch darauf musste sie noch eine Weile länger warten. Der Mann bog auf dem Vorplatz des Wahiawa General Hospital ein und Sam stürmte aus dem Wagen, kaum war dieser richtig stehen geblieben.
„Miss! Sie haben ihre Handtasche vergessen!“, rief er ihr hinterher.
Also eilte sie zurück, nahm das verfluchte Ding durch das Fenster entgegen und dankte dem Officer mit einem flüchtigen Lächeln. Dann trat sie durch die Glastür, die Augen unruhig auf alles und jeden richtend, aber sie waren nirgends zu sehen. Gerade hatte sie ihre Schritte zum Empfangstresen gelenkt und war davor stehen geblieben, als sie hörte wie Kono ihren Namen rief.
Sie wirbelte herum und sah sie mit Danny auf sie zugehen. Ohne nachzudenken warf sie die Arme um die junge Frau, presste ihr eine Umarmung ab, während sie zu Danny sah und das amüsierte Lächeln erwiderte, welches er ihr schenkte. „Dem Himmel sei Dank!“, murmelte sie, als sie die grinsende Kono wieder losgelassen und genau gemustert hatte. „Wie geht es Chin? Wo ist er?“
„Sie versorgen gerade seine Wunde, dann dürfen wir zu ihm“, erwiderte seine Cousine, sah dabei weder alarmiert noch besorgt aus. Stattdessen lag ihre Hand noch beruhigend auf Sams Arm. Entweder waren Streifschüsse hier an der Tagesordnung oder dieser war so harmlos, dass es tatsächlich nicht nötig war sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Dannys Blick hing an ihrem Gesicht, dann beantwortete er ihre stumme Frage indem er sagte: „Steve spricht gerade mit dem Arzt, der das zweifelhafte Vergnügen hat, das Aas zu versorgen. Er sollte jeden Moment da sein.“ Sam nickte und überging den wissenden Ausdruck auf seinen Zügen. Der Mann war aber auch wirklich ein fleischgewordener Sensor für alles Unterschwellige. Aber andererseits – so wie sie sich gerade verhielt hatte sie bestimmt kein Körnchen an Unterschwelligem an sich. Vermutlich war da vielmehr ein blinkender Schriftzug auf ihrer Stirne, der verkündete: „Ich will den SEAL in meine Arme schliessen und nie wieder loslassen, weil ich ihm restlos verfallen bin.“

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Aug 29, 2013 5:37 pm

Als der Besagte schliesslich auftauchte, fühlte sich Sam jedoch seltsam erstarrt und beschied sich stattdessen damit ihn einfach hungrig anzustarren, während er auf sie drei zuging. Bei ihnen angekommen verkündete er knapp, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sie zu Big Malu konnten:
"Sein Bein wird gerade noch fixiert."
"Was hast du denn damit gemacht?", fragte Sam nach, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie das wirklich wissen wollte.
"Wieso nimmst du automatisch an, dass ich etwas damit zu tun hatte?" Der unschuldige Blick gelang ihm nicht.
"Weil sie dich gnadenlos durchschaut hat", mischte sich Danny helfend ein.
Kono gab ein kleines Lachen von sich, dann stiess sie Danny in einer verschwörerischen Manier gegen die Schulter und fügte hinzu: "Ein Glück, hat er die Zähne nicht erwähnt..."
"Dann hat er wohl nicht mehr ein vollständiges Set?" Sam verzog angewidert das Gesicht, aber als die beiden zu kichern begannen und nickten, als wäre das Witz des Jahrhunderts, konnte sie ein Lächeln nicht mehr unterdrücken. So liessen sie also den Druck ab nachdem sie solche Einsätze hinter sich gebracht hatten? Sam fühlte sich unwillkürlich an die abgehärtete Manier von Ärzten erinnert, die sich nur mit den furchtbarsten Witzen entspannen konnten. Ein Glück, dass sie so ein Schreibtischtier war. Ein solcher Einsatz und sie hätte ihre Unbeschwertheit vermutlich an den Nagel hängen können.
Steve betrachtete die beiden Mitglieder seines Teams, die immer noch grinsten und schüttelte den Kopf, als fragte er sich wo er da eigentlich hineingeraten war. "Jemand musste ihn davon abhalten über das Dach zu flüchten. Ich weiss gar nicht was es zu lachen gibt."
"Ich glaube, ich will gar nicht wissen was du da geboten hast", stellte Sam fest.
"Nichts. Ich habe ihm den Gewehrlauf um die Ohren geschlagen und da ist er aus dem Fenster gestürzt und hat sich dabei das Bein gebrochen." Steve erklärte das in einem Ton, der mehr zu einer Ausführung über das Wetter gepasst hätte.
"Ein Glück, dass wir noch etwas haben, was sich befragen lässt..."
Steve quittierte ihren Kommentar mit einem sarkastischen Grinsen, doch gerade, als er angehoben hatte etwas zu erwidern, erklang ein Ruf, der viele Köpfe dazu bewog sich umzudrehen.
"Wo ist mein Bruder von einer anderen Mutter, der die Spezialmedizin braucht?"
Es war Kamekona. In seinem üblichen grellgelben T-Shirt und mit Säcken bewaffnet, die offenbar Unmengen an Essen beherbergten. Als er sich zu ihnen gesellte brachte er den verführerischen Duft von Knoblauch und Gewürzen mit.
"Hast du den Polizeifunk abgehört, Kame?", fragte Steve perplex, dann streckte er die Hand nach einer der ausgebeulten Tüten aus, schielte offenbar hungrig hinein.
Aber der Angesprochene entzog sie ihm entschieden, dann erklärte er: "Kono hat mich angerufen und gemeint, dass ihr Cousin eine Aufmunterung braucht. Und du scheinst mir nicht verletzt zu sein, also wartest du ab bis der Mann der Stunde ausgewählt hat was er will. Danach darfst du dich bedienen."
"Ich bitte dich!", empörte sich Steve. "Du hast genug mitgebracht um zehn Chins durchzufüttern!"
Doch bevor diese Auseinandersetzung weitergeführt werden konnte, erhob sich die Frau hinter dem Empfang und zischte: "Das ist ein Krankenhaus! Darf ich Sie alle bitten den Tresen freizugeben und Ihr Gespräch an einem anderen Ort weiterzuführen?"
Betreten taten sie alle wie geheissen und machten sich daran in den ersten Stock zu gehen, wo Chin untergebracht war. Tatsächlich verriet ihnen die Krankenschwester, die gerade aus seinem Zimmer kam, dass er nun bereit war Besucher zu empfangen.
"Aber mehr als sechs Personen sollten ihn nicht auf einmal behelligen", sagte sie mit einem besorgten Blick auf Kamekona.
"Wir sind fünf", erwiderte er finster, als allen klar wurde, dass sie ihn mehr als einmal gezählt hatte.
"Verzeihung, ich..." Ihre Stimme starb ab, dann entfernte sie sich hastig und sie erfuhren nie, was sie hatte sagen wollen.
Sam unterdrückte ein Lachen und mied Dannys Blick; sie hatte so ein Gefühl, dass sie ansonsten laut damit herausgeplatzt wäre, denn er gab sich im Gegensatz zu ihr keine Mühe sich zurückzuhalten.
"Mach dir keinen Kopf, Grosser! Sie wollte dich nur zurückbehalten, um etwas von deinen Shrimps abzubekommen!"
Kamekona machte nur "Hmpf!", dann trat er allen voran in das Zimmer. Weil er dabei die Säcke durch die Gegend schwang und mit seiner Leibesfülle den Blick auf das Krankenbett versperrte, erkannten sie erst verspätet, dass Chin aufrecht und munter da sass und ihnen allen entgegen grinste.
"Das wäre doch nicht nötig gewesen!"
"Das Essen oder der Besuch?", hakte Steve nach.
"Beides. Aber nun, da ihr und das Essen schon mal da seid..." Er warf einen Blick auf Kamekonas Mitbringsel, worauf dieser gleich alle Tüten auf dem Bett ausbreitete. "Die Qual der Wahl!"
"Hau' rein, Brah! Sie werden nicht besser - die Fahrt war lang und dann wurde ich auch noch von deinem gierigen Vorgesetzten behelligt..."
"Die Vorwürfe, die mir hier entgegenschlagen!" Für ein paar Augenblicke fiel Steve in das allgemeine Gelächter ein, dann beugte er sich zu Sam und nickte in Richtung des Ausganges. "Wir sollten nachsehen was unser Mann weiss."
Und als sie nickte, wandte er sich an Chin, versprach diesem später wieder bei ihm vorbeizuschauen und meinte an die anderen gerichtet, dass sie nach Hause gehen konnten, wenn sie so weit sein würden sich von Chin loszureissen.
"Ihr alle habt euch eine Mütze Schlaf verdient nach dieser Aktion!"
So machten sie sich auf den Weg. Steve war eindeutig in Gedanken; er schritt schweigend neben ihr her. Erst als sie im Aufzug standen richtete er seinen Blick auf Sam. Stur sah sie auf die Anzeige der Stockwerke und mied seine Musterung. Sie konnte sich selbst erklären weshalb, aber sie fühlte sich seltsam betreten. Seit der Befragung in Halawa, seit sie dieses unaussprechliche Etwas über Richard erfahren hatte, war da eine Wand zwischen ihr und dem Rest der Welt. Und diese Wand schien dicker zu werden, wenn Steve in ihrer Nähe war.
Plötzlich streckte er die Hand aus und legte sie ihr auf die Schulter. "Alles in - ... wie fühlst du dich?"
Nun musste sie ihn beinahe ansehen und sie tat es nur widerwillig. Seine Augen waren so eindringlich, trafen sie bis ins Mark und ihr Herz verkrampfte sich. Sie schüttelte abwinkend den Kopf, dann rang sie sich ein Lächeln ab. Endlich ging die Aufzugtür auf und sie zwang sich dazu nicht hastig auszuschreiten, als wollte sie ihm entkommen. Aber im Grunde war es genau das, was sie wollte. Was war nur los?
"Hier", sagte Steve und deutete auf ein Zimmer zur Rechten. Er liess sich nichts anmerken, aber bestimmt war ihm längst aufgefallen, dass sie sich befremdlich verhielt.
Die Aussicht auf den Mann im Krankenbett war jedoch vorerst Ablenkung genug. Er wandte ihnen den Kopf zu, als sie eintraten, bedachte sie mit einem überheblichen Blick. Sam wusste nicht genau, was sie eigentlich erwartet hatte, aber bestimmt nicht das. Big Malu war alles andere als Gross. Ein hagerer, junger Hawaiianer, kaum älter als Dreissig, der so aussah, als konnte er nicht mal eine Sechserpackung Milch heben ohne zu schnaufen. Nichtsdestotrotz waren seine Augen scharf und kalt. Vielleicht ging es bei diesem Übernamen mehr um seine inneren Werte. Wenigstens seine grossflächigen Tattoos schienen zu dem Bild zu passen, welches man von einem Gangster erwarten würde.
Nach der ersten Musterung wurde Sam auch der Verletzungen gewahr, die er Steve zu verdanken hatte. Die ihnen zugewandte Seite seines Gesichtes war bereits mit dem rötlichen Anfangsstadium eines Blutergusses bedeckt, die Wange angeschwollen. Sein Bein war wie erwartet geschient und jemand hatte ihm ein grosses Kissen unter die Kniekehle gelegt.
"War ein Mann namens Richard Dale bei dir?" Steve hatte sich an der Seite des Bettes aufgebaut, während Sam am Fussende stand und zusah, wie er unumwunden zum Punkt kam.
"Bin nicht in Stimmung für Plaudereien", kam es undeutlich von Big Malu. Offenbar hatte er eine Menge an Watte im Mund und der Ausblick auf vorhandene Vorderzähne liess vermuten, dass es die in der Backe waren, die mit dem Gewehrlauf Bekanntschaft gemacht hatten.
"Das interessiert niemanden. Beantworte die Frage!"
"Oder was? Ich sehe kein Gewehr. Willst du mir die Bettpfanne um die Ohren schlagen?"
Der Typ hatte Nerven. Hätte sich Steve neben ihrem Bett auf diese bedrohliche Art und Weise aufgebaut, nachdem er ihr ein gebrochenes Bein und verlorene Zähne beschert hatte, wäre sie mehr als nur kooperativ gewesen. Aber schliesslich war sie auch kein Verbrecher von grossem Kaliber.
Diese Tatsache schien wiederum Steve nicht im Mindesten zu beeindrucken. In aller Seelenruhe streckte er die Hand aus und legte diese auf das geschiente Bein. "Vergiss' nicht, dass gerade keine Krankenschwester in der Nähe ist und Kissen ganz gut darin sind Schreie zu dämpfen."
Big Malu sah Steve ohne mit der Wimper zu zucken an, aber Sam fiel auf, dass eine Ader an seiner Schläfe wild pochte und verdächtige Röte stieg ihm ins Gesicht. Noch einige Herzschläge lang rangen sie stumm miteinander, dann verzog er den Mund. "Er war bei mir. Wollte ein Boot und Waffen haben. Hat er auch gekriegt."
"Und weiter?" Steves Hand ruhte immer noch drohend auf seinem Bein.
"Nichts weiter. Ein Boot und Waffen. Eine MP 40 und ein Smith & Wesson Revolver."
"Wo wollte er hin?"
Der Mann versuchte sich an einem sarkastischen Grinsen, aber dank der geschwollenen Wange bot er dabei einen ziemlich lächerlichen Anblick. "Wir haben nicht direkt über einem Bier geplaudert. Ich habe keine Ahnung was er damit vorhatte und es interessierte mich weder, als er zu mir gekommen ist noch jetzt."
"Wenn du mir etwas verschwiegen hast, werde ich das herausfinden und dann werde ich dir einen weiteren Besuch abstatten. Du hast jetzt noch die Gelegenheit mir zu sagen was du sonst noch weisst."
"Ich denke, ich habe dir alles gesagt was ich weiss. Falls du Lügen hören willst, kann ich gerne welche springen lassen. Ansonsten: Boot und Waffen und Ende."
Wieder wurde ein langer, finsterer Blick getauscht, dann trat Steve von dem Bett weg. Er verlangte nach einer Beschreibung des Bootes, bekam diese und wandte sich schliesslich an Sam, um ihr zu bedeuten, dass sie hier fertig waren.
"Das war ja nicht besonders ergiebig", meinte Sam und hätte am liebsten nach etwas getreten. All die Aufregung um nichts.
"Würde ich nicht sagen. Die Waffen sagen uns, dass er nicht daran denkt aufzugeben und sich auf etwas vorbereitet, das Boot, dass er sehr wahrscheinlich längst auf einer anderen Insel ist."
"Das hätten wir auch ohne Little Malu erraten können."
"Raten ist nicht wissen", gab Steve stur zurück. Dann hatte er sich also dazu entscheiden allem etwas Positives abzugewinnen? Schön. Wenigstens jemand, dessen Moral sich noch wacker hielt.
"Kommt der Trottel wenigstens ins Gefängnis?"
Steve drückte auf den Liftknopf, rückte sein Holster zurecht, dann nickte er ihr zu. "Wir haben Unmengen an Kokain und unregistrierte Waffen gefunden. Und das nur auf den ersten Blick. Das HPD wird eine Weile damit zu tun haben das ganze Grundstück zu durchkämmen. Er und seine Bande landet definitiv hinter Gittern."
"Gut", sagte Sam grimmig. Immerhin ein Erfolg. Auch wenn sie dieser nicht wirklich weiter brachte.
Vor Chins Zimmer verriet ihnen die Stille, dass die anderen offenbar schon gegangen waren. Schliesslich war es mittlerweile auch weit nach Mitternacht. Bevor sie eintraten entschied sich Sam dafür sich einen Kaffee aus dem Getränkeautomaten zu holen. Sie fühlte sich abgeschlagen und die Vorstellung einen heissen Becher in den Händen zu halten, sich mit etwas beruhigen zu können, war verlockend. Nur wenige Minuten später war sie zurück, freute sich darauf Chins freundliches Gesicht sehen zu können. Es war seine Stimme, oder vielmehr das was er sagte, das sie jedoch im Türrahmen stehen bleiben liess.
"...kennt deine Schwachpunkte, Steve. Wenn er herausfindet, dass sie bei dir untergekommen ist und etwas zwischen euch läuft, ist es nur eine Frage der Zeit bis er das gegen dich einsetzt. Du weisst von uns allen am besten wie Wo Fat vorgeht."
"Glaubst du ich habe das nicht auch schon längst verstanden? Verdammt, ich kann an nichts mehr anderes denken, seit wir herausgefunden haben, dass dieser Bastard hinter allem steckt. Deshalb ist sie auch bei mir am sichersten."
"Ich weiss nicht recht... Manchmal lässt du dein Ehrgefühl und deinen Beschützerinstinkt die Kontrolle übernehmen und verlierst dabei aus den Augen was das Beste für die Menschen ist, die du beschützen willst", sagte Chin leise. Er klang weder vorwurfsvoll noch besserwisserisch. Nur wie ein besorgter Freund, der das Beste für sein Gegenüber im Sinn hat.
"Was schlägst du also vor?", fragte Steve nach einer kleinen Pause, schien beinahe ratlos und verunsichert. "Dass ich sie wegschicke? Vielleicht wäre sie in Baltimore wirklich sicherer, als hier..."
Sam hatte genug gehört. Sie trat vollständig in den Raum ein, worauf sich ihr die beiden Männer ertappt zuwandten. Sie beabsichtigte nicht so zu tun, als hätte sie das Gespräch nicht belauscht. Mit ihrem Kaffee in der Hand blickte sie von dem einen betretenen Gesicht zum anderen, dann sagte sie: "Ich gehe nicht zurück nach Baltimore. Wenn ich etwas anfange, dann beende ich das auch."
Ihr Inneres stand einmal mehr Kopf. Sie war so damit beschäftigt gewesen an ihre Scharade von einer Beziehung mit Richard und wie er sie hintergangen hatte zu denken, dass sie nicht einen Moment innegehalten hatte, um sich zu fragen was dies für Steve hiess. Chin hatte Recht; sie war eine tickende Zeitbombe, ein wandelndes Druckmittel, welches ihn in ungeahnte Gefahr stürzte. Natürlich war er wiederum nur um ihre Sicherheit besorgt, aber Sam hatte genug davon sich hinter ihm zu verstecken. Niemals war etwas Gutes daraus erwachsen, wenn sie die Hände im Schoss gefaltet und darauf gewartet hatte, dass sich andere um ihre Angelegenheiten kümmerten.
"Sam, wir haben nur das Beste für dich im Sinn", sagte Chin ernst.
"Das weiss ich", erwiderte sie mit fester Stimme, auch wenn sie meinte innerlich gleich zerbrechen zu müssen. "Aber ich kann nicht zulassen, dass diese Sache weiter ausser Kontrolle gerät."
Beide öffneten den Mund, um etwas zu sagen, aber sie winkte entschieden ab. Dann richtete sie die Augen auf Steve. "Kann ich dich draussen sprechen?"
Er nickte mit einer undurchschaubaren Mine, dann erhob er sich von dem Stuhl auf dem er sass und folgte ihr in den Gang. Die Arme verschränkt bohrte er seinen Blick in den ihren, als wüsste er bereits, dass jetzt etwas kommen würde, was er nicht billigen konnte.
"Das muss sofort enden, Steve. Ich werde La Roche bitten mit einen sicheren Unterschlupf zu organisieren und wir werden jeglichen Kontakt von jetzt an auf ein Minimum beschränken."
"Das ist komplett schwachsinnig und das weisst du. Wenn Wo Fat seine Hausaufgaben gemacht hat - und das hat er immer - dann weiss er längst was vorgeht. Ich werde den Teufel tun und dich aus den Augen lassen."
Sam sah ihm standhaft entgegen, spürte die Mauer und hielt sich an dieser fest. "Das wirst du müssen. Ich lasse mich nicht davon abbringen, egal was du sagst."
"Was soll das, hm?", verlangte er streng zu wissen und seine Stimme wurde um eine Spur lauter. "Du kannst nicht einfach ausgehend von irgendwelchen Gesprächsfetzen Entscheidungen fällen, die uns alle etwas angehen. Das ist nicht der Zeitpunkt für heroische Opfer und unsinnige Aktionen. Wir müssen an einem Strang ziehen."
Es war lächerlich, wie er von heroischen Opfern sprach, wo doch er derjenige war, der solche Dinge auf die Spitze zu treiben vermochte, wie niemand sonst. "Wir ziehen immer noch an einem Strang, egal wo ich bin", sagte sie schlicht.
"Nein. Nein und nochmals nein. Du bist zu mir gekommen, als du noch meintest, dass dies alleine deine Schlacht ist. Aber spätestens seit wir erfahren haben was wirklich vor sich geht, ist es auch meine geworden." Er hielt einen Moment inne, leckte sich aufgebracht die Lippen, als ringe er mit den richtigen Worten. "Ich korrigiere mich; es war vom ersten Augenblick an auch meine."
Etwas an seinem Ton liess vermuten, dass mehr hinter seiner Aussage steckte, aber Sam versperrte sich dagegen. Sie konnte nicht. Hätte sie sich jetzt auf die unterschwellige Bedeutung seiner Worte eingelassen, wäre ihr Entschluss ins Wanken geraten, wie ein baufälliges Haus, das einem Sturm nicht standhalten konnte. Also schüttelte sie den Kopf. "Du verstehst das nicht, Steve. Ich habe genau so ein Anrecht darauf euch beschützen zu wollen, wie umgekehrt. Zu lange habe ich mich treiben lassen und wie du so schön gesagt hast ... jetzt ist die Zeit gekommen, die Dinge in die Hand zu nehmen. Ich lasse mich von La Roche verstecken und wir kontaktieren uns über das Telefon, wenn etwas Wichtiges passiert ist, halten uns ansonsten voneinander fern. Über den Computer kann ich euch bei allem unterstützen, sobald ich mich um diese Befragung gekümmert habe. Es ist ja ohnehin nicht so, als könnte ich euch bei irgendwelchen Aktionen helfen; ich arbeite sowieso im Hintergrund."
"Das ist nicht der Punkt!", brauste er auf und ergriff sie an den Schultern um eindringlich zuzupacken. "Du bist einfach nicht du selbst und preschst vor ohne nachzudenken."
Die Situation war befremdlich, aber noch viel ungewöhnlicher war das, was in ihr vorging. Je mehr er auf sie eindrang, desto entschlossener wurde sie. Sam spürte wie alles Weiche und Nachgiebige in ihr verdorrte und einer grimmigen Leere Platz machte. Im Wirbel der sich überschlagenden Ereignisse hatte sie beinahe vergessen wie es war den Weg deutlich vor sich zu sehen.
"Im Gegenteil; ich kann endlich wieder klar denken." Sie wand sich aus seinem Griff und ignorierte den seltsamen Ausdruck in seinen Augen, als sie ihre nächsten Worte an ihn richtete. "Sehen wir doch den Tatsachen ins Gesicht; es war die einzig logische Entwicklung, dass wir uns aneinander geklammert haben, während dieser verrückten Zeit. Aber eigentlich kennst du mich nicht und ich kenne dich nicht. Bisher hast du die schwache, planlose Version von mir gesehen, aber die wird jetzt abgeschafft."
Steve sah sie an, als erkenne er sie nicht wieder. Was im Grunde genommen auch so war. Aber er wäre nicht er selbst gewesen, wenn er jetzt aufgegeben hätte - trotz der eben geäusserten Worte, gab es eben doch so einiges, was sie mittlerweile über ihn wusste. Und er machte diesem Wissen alle Ehre, als er sagte: "Würdest du klar denken können, dann wäre dir bewusst, dass du weder La Roche noch einen angeblich sicheren Unterschlupf brauchst, weil die Five-0 alles ist, was noch zwischen dir und Richard steht. Wenn das wegfällt bist du alleine da draussen."
"Ihr seid doch damit nicht aus der Welt", gab sie nüchtern zurück. "Und du musst endlich lernen wann es angebracht ist die Zügel aus der Hand zu geben."
"Ich verzichte auf deine Analysen!", kam es aufgebracht von ihm.
"Das war keine Analyse sondern ein gut gemeinter, freundschaftlicher Rat."
Dies schien ihm die Sprache zu verschlagen. Sam ergriff die Gelegenheit um diesem Gespräch ein Ende zu setzen.
"Ich rufe jetzt La Roche an. Der Abstand wird uns gut tun. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir uns darauf konzentrieren diesem Theater ein Ende zu setzen, damit wir danach endlich wieder zu unseren Leben zurückkehren können."
Obwohl ihr nicht danach zu Mute war, schenkte sie ihm ein Lächeln und wandte sich von ihm ab. Rasch verabschiedete sie sich von Chin, der ziemlich besorgt aussah, aber nichts weiter sagte. Als sie wieder in den Gang trat, stand Steve immer noch an derselben Stelle und stellte einen Ausdruck zur Schau, den sie nicht einmal hätte deuten können, wenn sie dies versucht hätte. Ein scharfer Schnitt war es, den sie beide brauchten und dieser konnte nicht vollführt werden, wenn sie sich dazu hinreissen liess, allzu genau über alles nachzudenken. Steve schien an ihr abzulesen, dass es nichts mehr gab, was er hier tun konnte. So war es er, der sich dieses Mal von ihr abwandte, nachdem er sie mit einem letzten, eindringlichen Blick bedacht hatte.
Kaum war er in dem Krankenzimmer verschwunden, machte sich Sam auf den Weg in die Eingangshalle und zückte dort angekommen ihr Handy. Während sie La Roche rasch erklärte, was sie von ihm wollte und anschliessend darauf wartete, dass er sie abholte, schaffte sie es erstaunlicherweise alle Empfindungen bis auf eine auszusperren. Sam war endlich wieder so entschlossen, wie am Anfang ihrer Reise, als es gegolten hatte Richard zu finden. Dies war noch immer das Ziel, auch wenn die Beweggründe nicht anders hätten sein können. Der Kreis schloss sich wieder, nur mit anders gemischten Karten.


***



Steve pfefferte zu Hause angekommen seinen Schlüsselbund, die Marke und seinen Waffengürtel in eine Ecke und steuerte auf den Kühlschrank zu. Das Longboard war mit einigen Schlucken zur Hälfte geleert, dann ging er wieder zurück in das Wohnzimmer, setzte sich auf die Couch. Doch nur Augenblicke später, als seine Augen auf die Stelle fielen, an der sie gestern Sex gehabt hatten, er sich daran erinnerte, dass sie heute Morgen noch auf diesem Sofa gelegen hatten, sprang er davon auf, als hätte er sich verbrannt.
Unmöglich. Sie war unmöglich. Und stur und anstrengend und irrational - und er vermisste sie jetzt schon. Was hatte sie nur an sich, dass sie ihn so schnell aufbringen konnte? Ein Wort, ein Blick genügte, um ihn wie auch immer geartet aus der Fassung zu bringen; entweder machte sie ihn fuchsig oder überraschte ihn oder - und es war befremdlich sich diesen Teil einzugestehen - sie brachte sein Herz zum Schwellen.
Doch all dies war nun sowieso hinfällig. Sam hatte sich dazu entschieden ihren Kopf durchzusetzen und war jetzt weg. Die Sorge um sie nagte nun noch um ein Vielfaches verstärkt an ihm. Sie hatte prompt nicht einsehen wollen, dass der sicherste Ort auf dieser Insel bei ihm war. Stattdessen hatte sie sich zu diesem vermaledeiten La Roche geflüchtet, als ob ihr dieser helfen konnte. Aber er liess sich nicht täuschen. Das Einzige, was dieser Aktion zu Grunde lag war ihr Wunsch ihn zu beschützen. Chins Worte falsch interpretierend hatte sie Steves Meinung und Argumente aussen vor gelassen und war mit diesem hirnrissigen Plan aufgekommen. Und er hatte sie noch gehen lassen!
Wieso eigentlich? Wieso hatte er sie nicht gefesselt und an den Haaren wieder hierher geschleift, wie sie es verdient hätte, das dickköpfige Ding? Dann erinnerte er sich an diesen abweisenden Ausdruck in ihren Augen und presste die Lippen aufeinander. Etwas hatte sich an ihr verändert. Steve hatte förmlich gespürt wie sie sich ihm entzogen hatte, schleichend über den ganzen Tag hinweg, bis sie vorhin im Krankenhaus diese Bombe hat platzen lassen. Tonlos, emotionslos und völlig fremd hatte sie sich verhalten. Wäre er nicht so wütend und fassungslos gewesen, hätte sie ihm damit vermutlich sogar Angst eingejagt.
Aber vielleicht hatte sie recht, vielleicht kannte er sie doch nicht so gut wie er vermutet hatte. Denn schliesslich war dies nicht anderes als eine grosse Ausnahmesituation und er hatte keinen blassen Schimmer wie sie sonst so war. Andererseits... Wann hatte ihn sein Bauchgefühl schon jemals getrogen? Nein, sie mochte versuchen sich hinter der kalten Fassade zu verstecken und sogar selbst glauben, dass das sie war, aber er sah direkt hindurch. Sam war nicht kalt und bestimmt nicht emotionslos - ganz im Gegenteil. Sie trug zu jeder Zeit ein Sammelsurium an Gefühlen mit sich, die sich ihm in den letzten Wochen in allen Facetten gezeigt hatten.
Mit einem langen, bitteren Zug kippte Steve den letzten Rest des Bieres herunter, dann liess er die leere Flasche mit einem Krachen auf die Oberfläche der Küchenzeile knallen. Morgen. Morgen würde er sie wieder zurückholen und wenn es das Letzte war, was er tat!


***



Noch bevor sie richtig aufgewacht war, fühlte sie einen fürchterlichen Druck auf ihrem Herzen. Langsam schlug Sam die Augen auf, starrte an die Decke von La Roches Wohnzimmer und schob den Riegel vor. Sie hatte genug davon. Genug von dem Rumgeheule, davon sich schwach und ausgeliefert zu fühlen. Zu lange hatte sie sich von ihren Emotionen leiten lassen. Das hatte gestern ein Ende genommen und sie würde nicht rückfällig werden.
Eine Weile lang lag sie einfach da, verstärkte hier und da eine fadenscheinige Stelle des neuen Panzers und als dies vollbracht war, sprang sie der Plan klar und vollständig geformt an, als hätte dieser nur darauf gewartet, dass sie sich endlich zusammenriss, bevor er sich ihr offenbarte.
In ihren zerknitterten Kleidern mit denen sie gestern in einen traumlosen, erschöpften Schlaf auf dem Sofa ihres Partners gefallen war, richtete sie sich ruckartig auf und griff nach ihrem Handy auf dem Couchtisch. Die Nummer des Mannes, der bis vor kurzem noch ihr Vorgesetzter gewesen war, tauchte auf dem Display auf und war gleich darauf gewählt. Sie musste nicht lange warten bis er ranging.
"Sinclair?"
"Hey Mitch! Sam hier!", rief sie fröhlich, während sich ihre Finger grimmig in das weiche Polster der Couch gruben.
"Heeey ... hey, Sam", kam es perplex vom anderen Ende der Leitung zurück. Er war überrascht und alarmiert. Sie konnte ihn beinahe sehen, wie er hinter seinem Schreibtisch sass, nervös die altmodische Brille auf der Nase hochschob und dabei mit einem seiner überteuerten Füllfederhalter, für die er eine Schwäche hatte, auf dem Oberschenkel herum trommelte.
"Folgendes", platzte sie heraus, noch immer in diesem falschen Ton, von dem sie wusste, dass er ihn noch unruhiger machen würde, weil er so ganz und gar nicht nach ihr klang. "Du hast ja bestimmt schon von dieser lächerlichen Befragung gehört, oder? Natürlich hast du das ... der Bericht muss ja über deinen Schreibtisch gegangen sein; wie dumm von mir!" Sie pflanzte einen kleinen Lacher an diese Stelle.
Das gespannte Schweigen am anderen Ende der Leitung war beinahe greifbar.
"Ich wollte dich fragen wer die Ermittlung leitet. Barry? Oder der Neue - ach, wie hiess er noch? - Aidan?" Natürlich war es keiner der beiden. Es war niemand anderes als Mitch selbst, der sich um interne Ermittlungen kümmerte, weil er der Kopf des entsprechenden Dezernates war.
"Das wäre dann ich", sagte er tonlos. "Worum geht's?"
Worum es geht? Das werde ich dir gleich flüstern, du mieser, kleiner Scheisser! "Furchtbar, wie vergesslich ich bin... Natürlich hast du nun die Aufsicht! Das trifft sich ja gut. Du weisst ja, wie sehr mir unsere Freundschaft am Herzen liegt. Besonders nachdem du mir so tatkräftig unter die Arme gegriffen hast, als mein Verlobter verschwunden ist..."
Die Spitze traf mitten ins Ziel. Er gab ein kleines Seufzen von sich, als hätte er derlei Vorwürfe schon befürchtet. Die so genannte Freundschaft hatte sich nämlich in jenem Moment verflüchtigt, als sie seine Unterstützung gebraucht hatte. Ihre Kündigung hatte schliesslich den Rest besorgt.
An all dies schien er auch zu denken, denn als seine Stimme aus dem Hörer erklang, kam sie kalt und abweisend: "Was willst du, Sam?"
"Ich will, dass du deinen Job richtig machst, Mitch", erwiderte sie ebenso kalt und liess die Maskerade bei Seite. Sie hatte seine Aufmerksamkeit. "Anstatt mir hinterherzujagen, könntest du die Leute in deinem Dezernat führen, wie es ein Vorgesetzter tun sollte und sie ihre Arbeit machen lassen. Schlimm genug, dass du ihnen kein Vorbild sein kannst - du konntest mich nicht einmal persönlich zu dieser bescheuerten Befragung vorladen. Stattdessen wendest du dich an den Gouverneur?"
"Hör zu", hob er aufgebracht an, aber sie fuhr ihm entschieden über den Mund.
"Nein, du hörst mir zu! Zehn Jahre lang habe ich der BPD gedient und so manches Mal verhindert, dass das FBI unsere Fälle übernimmt. An jedem einzelnen Tag meines Dienstes habe ich mir mehr den Arsch aufgerissen, als du es in einem ganzen Jahr tust. Ich war bei Erins Geburt dabei, weil du zu feige warst deiner eigenen Frau beizustehen. Als mich dieses Aas von Harvey abgeschmettert hat, obwohl ich handfeste Beweise für Richards Verbleib auf Hawaii hatte, hast du wie immer den Schwanz eingeklemmt und mich im Stich gelassen. Und nun willst du dich für meinen Weggang rächen, indem du mich durch den Schlamm ziehst? Aber ich habe Neuigkeiten für dich: Gouverneur Denning ist ein guter Freund meiner Familie und als du dich bei ihm gemeldet hast, ohne davon zu wissen, hast du einen Stein ins Rollen gebracht, an dem du dir noch die Zähne ausbeissen wirst."
"Du bist doch nicht mehr ganz dicht! Du hast Eds Fall über Monate verfolgt. Womöglich hast du diesen sabotiert und sogar seinem Mörder geholfen. Deine Drohungen kannst du dir also sparen!" Mitch versuchte bestimmt und wütend zu klingen, aber sie konnte hören, dass er sich in die Ecke gedrängt fühlte.
"Ich habe dich angerufen, um dir einen Deal anzubieten, falls du es genau wissen willst."
"Wa- ... wovon zum Kuckuck sprichst du da?", fragte er völlig aus der Fassung geraten.
"Eds Mörder. Wir sind ihm auf der Schliche. Er ist hier in Hawaii und es ist nur eine Frage der Zeit bis wir ihn gefasst haben. Wenn er festgesetzt ist liefern wir ihn an das BPD aus. Vorausgesetzt du lässt mich in Frieden." Sie hatte natürlich keinerlei Entscheidungsgewalt über solche Dinge, aber Samuel hatte ihr seine Hilfe versprochen und von dieser würde sie Gebrauch machen.
"Ich verstehe kein Wort!"
"Es ist ganz einfach. Du erinnerst dich an meinen Verlobten? Ich habe ihn hierher verfolgt und es hat sich herausgestellt, dass er hinter Eds Tod steckt. Gerade sind wir dabei ihn einzukreisen."
Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann gab Mitch ein ungläubiges Lachen von sich. "Woher soll ich denn wissen, dass du nicht seine Komplizin bist - das heisst, falls diese hirnrissige Geschichte stimmt, die du mir hier auftischst..."
"Ich schicke dir seine Akte. Überzeuge dich selbst von seinen Machenschaften. Und du kennst mich zu gut, Mitch. Du weisst genau, dass ich so wenig eine Verbrecherin bin wie die kleine Erin. Zahnt sie schon?" Sam hatte keine Ahnung woher sie gerade den Nerv nahm. Vielleicht hatte Steve auf sie abgefärbt. Und seine Methoden schienen tatsächlich auch dann zu funktionieren, wenn sie sie anwandte.
Mitch seufzte tief, dann sagte er tonlos: "Ich werde mir die Akte ansehen. Unter der Voraussetzung, dass du mich über die Ermittlungen auf dem Laufenden hältst."
"Du tust das Richtige, Mitch. Grüsse mir deine Lieben!"
Sie legte auf, dann liess sie sich nach hinten auf das Sofa fallen und grinste vor sich hin. Die Dinge selbst in die Hand zu nehmen fühlte sich unvergleichlich gut an.


***



Er war sich nicht sicher ob er anrufen sollte oder nicht. Sich bei jenem Mann zu melden, vor dem er gerade auf der Fluch war schien nicht gerade eine Idee der intelligenten Sorte zu sein. Doch dann erinnerte er sich an die letzten Tage und wie er sich ständig hatte über die Schulter sehen müssen, überzeugt, dass ein anderer seinen Platz eingenommen hatte und nun hinter ihm her war um ihn kaltzustellen.
Nein, er würde das nicht mehr mitmachen. Er musste Wo Fat wieder auf seine Seite bringen und ihm beweisen, dass er den Auftrag erledigen konnte, selbst wenn er bei dem ersten Versuch gescheitert war.
Die kalte, schneidende Stimme drang auf sein Ohr ein und Richard war kurz davor wieder aufzulegen. Aber er war kein Feigling, also nannte er seinen Namen.
"Was willst du?"
"Dein Vertrauen wieder gewinnen", gab er fest zurück.
"Was lässt dich glauben, dass es wieder gewonnen werden kann?"
"Ich kann dir McGarrett immer noch liefern. Das perfekte Druckmittel ist nur einen Steinwurf von ihm entfernt." Er hoffte darauf, dass sein Ass im Ärmel immer noch eines war.
Doch diese Hoffnung wurde zerschlagen, als Wo Fat sagte: "Falls du die Profilerin meinst, dann erzählst du mir gerade nichts Neues. War das alles?"
"Nein. Du vergisst vielleicht, dass ich sie kenne. Denning und McGarrett - du kannst zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn du mich die Vorbereitungen machen lässt."
"Ich höre."
Richard brachte seinen Plan vor und nachdem er die Erklärung beendet hatte, herrschte für einige Herzschläge Stille am anderen Ende der Leitung. Er konnte nicht anders und ballte die freie Hand angespannt zu einer Faust, während er auf eine Antwort wartete.
"Du hast dir das offenbar genau überlegt. Wäre dein Schnitzer nicht gewesen, könnte ich beinahe sagen, dass du mich beeindruckt hast. Was brauchst du um das durchzuziehen?"
"Kannst du Summer entbehren?"
"Das kann ich. Du weisst ja wie du sie erreichst. Ihr werdet ein fantastisches Team abgeben. Obwohl ... sie musste sich deiner Sauerei annehmen nachdem du dich rar gemacht hast. Vielleicht wird sie nicht mehr so geneigt sein dir zu helfen, nachdem sie Goss beseitigen musste."
"Lass' das meine Sorge sein. Ich weiss, wie ich mit ihr umgehen muss", erwiderte Richard mit einem süffisanten Grinsen.
"Gut. Dann tu' was du tun musst. Ach, und Richard?"
"Ja?"
"Melde dich erst wieder, wenn alles bereit ist. Und falls du es nicht schaffen solltest - dann brauchst du dich gar nicht mehr zu melden."
Ein unheilvoller Schauer kroch über Richards Rücken, als Wo Fat diese Worte von sich gab. Die Faust erzitterte vor Anspannung, dann würgte er hervor: "Scheitern ist keine Option."

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mi Sep 04, 2013 5:03 pm

10. Ho'ohuli Na'au

Close to Heart - Dem Herzen Nahe

Sam sass im zivilen Fahrzeug und fragte sich was sie erwartete. Sie hatte sich noch nicht einmal in dem sicheren Unterschlupf einfinden können, war gerade noch dabei gewesen ihre Habseligkeiten, die La Roche irgendwie aus Steves Haus hatte auftreiben können, auszupacken, als sie einen Anruf erhalten hatte. Steve hatte seltsam geklungen, aber das war ja nicht anders zu erwarten gewesen. Zwei Tage hatten sie sich weder gesehen noch gesprochen und nun, da sie auf das Hauptquartier zufuhr wusste sie nicht was ein Wiedersehen mit ihr machen würde.
Während La Roche alles Organisatorische für ihre geheime Unterkunft erledigt hatte, war sie wieder einmal damit beschäftigt gewesen sich in Richards Vergangenheit zu vergraben, hatte das Profil weiter ausgearbeitet und sich damit vom Denken abgelenkt. Nachgedacht hatte sie natürlich schon, nur hatte sie sich davon abgehalten sich geistig bei Steve und dem letzten Gespräch aufzuhalten, sich geweigert ihren Gefühlen für ihn nahe zu kommen. Mittlerweile hatte sich so viel an Verdrängtem in einer entfernten Ecke ihrer Seele angehäuft, dass sie sich in den Momenten zwischen Schlafen und Wachen gefragt hatte, ob sie gerade dabei war ihr psychisches Wohlbefinden für immer zu zerstören. Aber die andere Möglichkeit bestand darin sich all den Dämonen zu stellen und das war etwas, was sie mit Sicherheit nicht tun würde. Also verblieb alles in diesem seltsamen halb ausgegorenen Zustand.
Halt suchend klammerte sie sich an ihre Handtasche, schob diese auf ihrer Schulter weiter hoch, straffte die Schultern und atmete einmal tief durch bevor sie in das Hauptquartier trat. Einen Moment lang dachte sie schon, dass niemand da war, doch dann fiel ihr Blick auf Steve, der in seinem Büro sass. Etwas in ihr verkrampfte sich, aber sie ignorierte das tapfer und durchschritt den zentralen Raum, um zu sehen, wieso er sie hierher zitiert hatte, wo sie doch abgemacht hatten, den Kontakt auf ein Minimum zu beschränken. Zu allem Übel hatte er ihr am Telefon noch nicht einmal verraten wollen worum es ging und sich so furchtbar kryptisch ausgedrückt, dass es selbst für seine Verhältnisse einen neuen Höhepunkt dargestellt hatte.
Fast bei der Türe angekommen, stockte sie jedoch einen Moment. Wer zum Kuckuck war die Frau, die da in seinem Büro sass? Sie hatte diese erst verspätet bemerkt, da die Unbekannte auf dem Sofa sass und ihrem Blick bisher weitgehend verborgen gewesen war. Auch jetzt noch konnte sie die Frau nicht richtig sehen, da ihr diese den Rücken zugewandt hatte. Offenbar unterhielt sich Steve so angeregt mit ihr, dass er noch nicht einmal bemerkt hatte, dass Sam eingetroffen war.
Gerade hatte sie ihre Hand auf die Klinke gelegt, als er aufblickte und das Lächeln von seinen Gesichtszügen sackte. Na toll. Die Augen auf sie zu richten war offenbar keine grosse Freude. Doch als sie bemerkte was sie da gerade dabei war zu denken - oder vielmehr zu fühlen - verpasste sie sich einen innerlichen Tritt und erinnerte sich selbst an den Panzer. Standhaftigkeit und so.
Sam trat in das Büro, Steve erhob sich von seinem Sessel, beide öffneten den Mund um etwas zu sagen, aber bevor ein Wort gewechselt werden konnte, wurde Sam mit einer stürmischen Umarmung überfallen. Die Unbekannte hatte sich auf sie gestürzt, kaum dass sie eingetreten war. Sie stutzte, dann stieg ihr der unverwechselbare Duft von Lavendel in die Nase und sie fühlte wie ihr Magen absackte, als hätte sie eine Treppenstufe verfehlt. Das konnte doch nicht sein!
"Dee?!"
"Oh, Sam!", erklang es an ihrem Ohr. "Ich hab' dich so vermisst!"
Noch immer in einem schockartigen Zustand gefangen, umfasste Sam die Taille der Frau und schob sie so weit von sich, dass sie diese richtig ansehen konnte. Tatsächlich. Da waren diese sanften, braunen Augen, das herzförmige Gesicht, welches von einem strahlenden Lächeln erhellt war, die wilden, kurzen Locken, die sie offenbar einmal mehr umgefärbt hatte.
"Du bist ein Rotschopf", sagte Sam dümmlich. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass ihre Dee vor ihr stand. Tausend Fragen formten sich in ihrem Kopf, aber bevor sie eine davon aussprechen konnte, waren sie ihr auch schon wieder entschlüpft, als hätte sie versucht Rauch einzufangen.
"Oh mein Gott, ich kann es kaum glauben!", rief Dee glücklich aus, dann warf sie ihre Arme wieder um Sam und presste sie an sich. "Wie geht es dir, Liebes?"
Diese Frage kam leise und traf Sam direkt ins Herz. Unwillkürlich glitt ihr Blick über Dees Schulter hinweg zu Steve, der immer noch hinter seinem Schreibtisch stand und mit einem Grinsen das Wiedersehen verfolgt hatte. Nun erwiderte er ihren Blick und abermals erstarb das Lächeln auf seinen Zügen. Der Ausdruck, der stattdessen in seinen Augen trat, fegte den Panzer hinfort, bevor sie sich versehen hatte. Sie sah Unverständnis, Wut und Widerwillen. Und wenn sie nicht alles täuschte auch eine Spur von Sehnsucht. Aber vielleicht projizierte sie das Letztere auch einfach auf ihn, weil alles in ihr danach schrie ihm wieder nahe zu sein.
Doch sie verbot sich derlei Anwandlungen. Entschieden knallte sie diesem Etwas, das sich hungrig in ihr aufgebäumt hatte, die Türe vor der Nase zu und erinnerte sich selbst an das, was getan werden musste. Also schloss sie die Augen und schlang ihre Arme fester um ihre Cousine.
"Ich ... es ... es geht mir gut", flüsterte sie. "Den Umständen entsprechend gut." Da war eine fiese Stimme in ihr, die ob dieser Aussage gackernd zu lachen anfing, ihre Worte Lügen strafte, aber auch diese war rasch zum Schweigen gebracht.
Langsam lösten sich die beiden Frauen voneinander, dann warf Dee Steve einen Blick zu, bevor sie erklärte:
"Dein Chef hier war so lieb die Überraschung aufrechtzuerhalten! Ist sie gelungen?"
"Natürlich ist sie das", sagte Sam und drückte Dees Arm. Es tat unendlich gut sie hier zu haben, ihr liebevolles Gesicht zu sehen. "Wie geht es Dave? Und den Jungs?"
"Vermutlich wird das Haus nicht mehr stehen, wenn ich zurück bin, aber es geht ihnen gut. Sie können sich jetzt mit ihrem männlichen Kram austoben, ohne sich von mir das Spiel verderben zu lassen."
"Ich kann sie mir lebhaft vorstellen!"
Sam dachte an ihre Neffen im Alter von 4 und 7 Jahren, wünschte sich einen Moment lang Dee hätte sie mitgebracht. Aber vermutlich tat es der jungen Mutter ganz gut einmal Zeit ohne ihre drei Männer zu verbringen. Sie fragte sich weshalb Dee ihr Haar gefärbt hatte, denn für gewöhnlich tat sie das wenn sich etwas verändert hatte. Das Letzte Mal war es ihre Beförderung zur Stationsleiterin in dem Krankenhaus in dem sie arbeitete gewesen.
Doch jetzt war die Zeit für den Austausch von Neuigkeiten noch nicht gekommen. Sam wollte es nicht, aber jetzt, da sie einmal hier war, musste sie wissen was bei der Five-0 vorging und Steve nach den neuesten Entwicklungen fragen. Kono und Chin hatten sie über das interne Netzwerk der Einheit auf dem Laufenden gehalten, aber die knappen Mitteilungen über Laborbefunde und Befragungen waren mit einem Austausch von Angesicht zu Angesicht nicht zu vergleichen.
"Dee, können wir dich einen Moment alleine lassen? Ich muss Steve einige Dinge über die Arbeit fragen..."
"Klar! Ich bleibe hier und sehe mir die Orden an", erwiderte diese und zwinkerte Steve zu.
Er lächelte sie breit an, dann folgte er Sam aus dem Büro, wo sie sich neben den Tischcomputer stellten.
"Was gibt es Neues?", fragte sie und zwang sich dazu ihm ins Gesicht zu sehen. Verdammt, er sah wie immer unverschämt gut aus, in seinem hellblauen T-Shirt, welches seine Bräune zur Geltung brachte, mit dem Schatten eines Bartes auf den ernsten Zügen. Musste das sein?
"Die Küstenwache und alle Häfen haben die Beschreibung von Richard und seinem Boot. Dennings Sicherheitstrupp wurde aufgestockt und er fand es nicht besonders prickelnd, dass wir ihm angeraten haben bis auf weiteres alle öffentlichen Auftritte zu vertagen. Goss' drittes Opfer ist identifiziert und die Ermittlungen in den Mordfällen der Prostituierten sind jetzt auch offiziell von dem San Francisco PD abgeschlossen worden. Max hat das Gift mit dem er umgebracht worden ist analysiert, aber das hat uns nicht weiter gebracht. Und die Unbekannte ist immer noch ein Phantom", ratterte er trocken herunter. Dann atmete er einmal tief durch, als wappnete er sich gegen etwas. "Fong hat heute Morgen deinen Laptop zurückgebracht. Er hat Spyware darauf gefunden. Richard hat dich von Anfang an ausspioniert."
Es überlief sie heiss und kalt. "Verdammte Scheisse!", murmelte sie und sah zur Seite. Da war sie wieder. Die Scham. Mit wehenden Fahnen und lautem Gedöns.
"Es tut mir leid, Sam", sagte er plötzlich mit veränderter Stimme. Er trat sogar einen Schritt auf sie zu, hob die Hand ein Stück weit, als wollte er sie berühren, hielt sich dann jedoch zurück und verschränkte stattdessen die Arme. "Aber jetzt, da wir es wissen, können wir es vielleicht gegen ihn einsetzen."
"Und wie?", fragte sie matt.
"Danny kennt einen Typen, der sich mit solchen Dingen auskennt. Ich habe nicht wirklich verstanden was er gebrabbelt hat, aber ich vermute, dass das in der Hackersprache hätte heissen sollen, dass er seine Handschrift identifizieren kann. Vielleicht kann er ihn auch orten, wenn er das nächste Mal auf den Laptop zugreift."
Sie nickte während sie auf einen Fleck über Steves Schulter starrte. "Gut. Halt mich auf dem Laufenden." Schliesslich sah sie ihm wieder ins Gesicht. "Sonst noch etwas?"
„Wie hast du das mit der Befragung abgewendet? Deine Mitteilung war da nicht besonders ausführlich…“
Ein Seufzen kam über ihre Lippen, dann erklärte sie ihm, dass sie ihren ehemaligen Vorgesetzten unter Druck gesetzt und an sein Gewissen appelliert hat. „Ausserdem … ähm … müssen wir Richard an die BPD ausliefern, sobald wir ihn haben…“
Einigermassen angespannt blickte sie in sein Gesicht, erwartete, dass er aufbrausen und das Ganze missbilligen würde, dass sie sich gleich würde rechtfertigen müssen. Aber er nickte nur und sah sie so lange schweigend an, bis sie das Bedürfnis verspürte sich unbehaglich zu winden. Stattdessen fragte sie noch einmal ob es sonst noch etwas von seiner Seite gab.
"Ja. Ich bestehe darauf, dass du zurückkommst. Es ist absurd, was du da veranstaltest." Sein eindringlicher Blick bohrte sich in ihre Augen, als würde er versuchen sie mit blosser Gedankenkraft von seiner Meinung zu überzeugen.
"Lass' uns bitte nicht wieder davon anfangen. Ich habe mich entschieden und dabei bleibt es." Wow, das war aber ganz schön kalt über ihre Lippen gekommen. Sie war stolz auf sich.
Zumindest so lange, bis er sagte: "Das mag für dich gelten. Aber Dee ist jetzt hier. Was machen wir mit ihr?"
Oh Gott. Über die Freude hatte sie jegliches rationale Denken vergessen. "Ich muss sie wieder nach Hause schicken!"
"Und mit welcher Begründung?"
"Keine Ahnung! Irgendeiner! Aber sie kann nicht hier bleiben."
Steve schüttelte den Kopf. "Wenn sie dir auch nur ansatzweise ähnelt, dann kannst du das unmöglich durchziehen. Warum fragen wir sie nicht einfach, was sie von dem Ganzen hält?"
Sie riss ungläubig den Mund auf. "Spinnst du? Ich erzähle ihr doch nicht diese ganze Horrorgeschichte! Sie wird vor Sorge krank werden und danach wird sie mich erwürgen, weil ich es ihr nicht gesagt habe."
"Ich finde, sie hat ein Recht es zu wissen."
"Ach, findest du das? Aber das ist meine Cousine! Und ich entscheide, was sie erfährt und wann!" Kaum hatte sie den letzten Satz ausgesprochen, wurde ihr bewusst wie lächerlich das klang. Sie verdrehte frustriert die Augen und verwarf die Hände. Was denn noch?
"Alles in Ordnung bei euch?", erklang Dees Stimme plötzlich.
Sam wandte sich ihr zu, verfolgte wie sie sich zu ihnen gesellte und sie mit einem stirnrunzelnden Blick bedachte. Verflucht noch eins, aber Steve hatte recht. Obwohl sie ihn nicht ansah, so schwappten die Wellen seiner strengen und abwartenden Anwesenheit unaufhaltsam über sie hinweg. Sie seufzte tief, dann ergriff sie Dees Arm und brachte sie in ihr Büro. Samuel hatte sie das Ganze noch irgendwie erzählen können, trotz Gewissensbissen und Widerwillen, aber bei Dee würde das eine ganz andere Sache werden.
Stockend und unter den höchsten Qualen schaffte sie es dennoch es hinter sich zu bringen. Dee riss an den richtigen Stellen fassungslos die Augen auf oder gab Schreckensrufe von sich. Am Ende sass sie genau so erschlagen wie Sam da und starrte auf einen Punkt am Boden, als müsste sie all die Informationen zuerst sortieren bevor -
"Wieso hast du es mir nicht gesagt?"
Und da waren sie auch schon angelangt. Sam war betreten und hatte ein schlechtes Gewissen, aber obwohl die Situation völlig vertrackt war - wenn sie sich noch einmal entscheiden müsste, sie hätte es genau so gemacht. Dee wäre vor Sorgen vergangen und hätte vermutlich von ihr verlangt augenblicklich nach Hause zu kommen.
"Wieso hast du das alleine getragen?", bohrte Dee nach.
"Ich habe es nicht alleine tragen müssen", sagte Sam kleinlaut und sah auf ihre Hände.
"Ja, ich weiss, dass du Steve hast, aber das ist nicht dasselbe. Er ist ein Mann und du brauchtest jemand der dich wirklich, wirklich versteht. Ausserdem kriselt es ja gerade zwischen euch."
Sam blickte auf und runzelte die Stirne. Während ihrer Ausführung hatte sie nichts von ihrer persönlichen Verstrickung mit Steve erzählt und sich auf den Fall beschränkt. Sie wollte fragen, wie Dee darauf kam, aber sie musste die Worte nicht einmal aussprechen.
"Ich bitte dich! Diese Blicke und wie ihr euch umeinander verhaltet - selbst ein Blinder könnte sehen, dass ihr es getan habt und jetzt aus irgendeinem unsinnigen Grund damit aufgehört habt." Dee bedachte sie mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der die Fassade augenblicklich zum bröckeln brachte. Halb streng, halb einfühlsam, hatte den Kopf dabei zur Seite geneigt, als wollte sie Sam herausfordern es zu leugnen, damit sie ihr danach eine verpassen konnte.
"Er ist wütend weil ich mich von La Roche in einem sicheren Unterschlupf habe verstecken lassen und ist der Meinung, dass ich wieder bei ihm unterkommen sollte. Aber ich kann nicht, Dee; ich bringe ihn in ungeahnte Gefahr, wenn ich in seiner Nähe bin! Ich will nicht das Druckmittel sein, das ihn ... zu Fall bringt."
Dee seufzte tief, dann richtete sie ihren Blick auf den Besagten, der irgendetwas am Tischcomputer machte. "Ich kann mir vorstellen, dass er der Typ Mann ist, der sich nicht gerne beschützen lässt. Nicht, wenn er das eigentlich mit dir machen will." Wieder einmal bewies ihre Cousine die Treffsicherheit ihrer Menschenkenntnis. Schliesslich richtete sie ihre Augen wieder auf Sam und lächelte sie liebevoll an. "Lass dir von ihm helfen, Sam. Er will es und du willst es auch. Wenn ihr euch entzweit, dann lenkt euch das nur ab und ich kann mir nicht vorstellen, dass das hilfreich ist, wenn es darum geht diese Geschichte zu einem erfolgreichen Ende zu bringen."
"Du verstehst das nicht. Das ist kein normaler Fall. Da haben sich persönliche Verstrickungen so heillos mit einander verknotet, dass niemand mehr den Überblick hat. Und hier geht es nicht um Steve und mich. Er hat eine Vergangenheit mit Wo Fat und dieser wiederum mit Richard und dann komme ich am Ende dieses Stranges. Ich halte mich von ihm fern und basta. Ihr könnt mich so lange bearbeiten, wie ihr wollt!" Sam überschlug die Beine und verschränkte die Arme, um die Mauer ihres Entschlusses zu verstärken.
"Weisst du, ich denke, dass es hier nicht um seine Sicherheit geht. Jedenfalls nur vordergründig."
"Was soll denn das heissen?", fragte Sam misstrauisch.
"Du verwehrst dir selbst mögliches Glück mit ihm, weil du dich unwürdig fühlst, nach all dem was du über Richard erfahren hast", kam es von Dee zurück. Schlicht, ohne Vorwürfe, nur als Feststellung einer Tatsache.
"Das ist doch ... also wirklich! Das ist absurd. Ich verwehre mir gar nichts. Ich benutze endlich meinen Kopf, anstatt mein Herz und dazu wurde es verdammt noch mal auch Zeit", brauste Sam auf. "Und du! Du wirst den nächsten Flug nach Hause nehmen!"
"Bitte was? Das werde ich sicher nicht." Dee tat es ihr nach verschränkte auf eine entschiedene Art und Weise die Arme vor der Brust.
Herrgott, sie war von lauter sturen Böcken umgeben! "Welchen Teil von 'alle Verbrecher aus dem verdammten achten Kreis der Hölle haben sich zusammengetan, um uns umzubringen' hast du nicht verstanden? Du hast einen Mann und Kinder und du hast hier, mitten in diesem Schlamassel, nichts verloren!"
"So wie ich das verstanden habe, sitzen wir hier doch gerade im Hauptquartier einer fantastisch guten Spezialeinheit, deren Anführer eine menschliche Maschine und dir ganz nebenbei auch noch heillos verfallen ist - können wir denn noch sicherer sein?"
"Hast du mir überhaupt zugehört? Wo Fats Pläne beinhalten weder Zuckerwatte noch Streicheleinheiten! Hier geht es um Mord und Verschwörungen und Politik!"
"Und wir haben hier eine Truppe, die jeden Tag mit solchen Dingen zu tun hat. Und - ich wiederhole mich gerne, wenn es um diesen Punkt geht - der Mann da draussen wird alles tun um dich zu beschützen!"
Sams heulte frustriert auf und fuhr sich durch das offene Haar. Gegen Dee konnte sie einfach nicht ankommen. Das hatte sie noch nie gekonnt. Sie stützte die Ellbogen auf ihren Knien auf und bettete das Gesicht in den Handflächen. "Aber du bleibst in dem sicheren Versteck und setzt keinen Fuss vor die Tür, wenn du schon darauf bestehst hier zu bleiben", sagte sie schliesslich gedämpft. "Und wehe, du widersprichst mir jetzt!"
"Das hatte ich gar nicht vor", gab Dee fröhlich zurück. "Es wird dir gut tun ein bisschen Gesellschaft zu haben, die dich zurechtrücken kann, wenn du wieder einmal deine irrationalen fünf Minuten hast. Und jetzt gehen wir raus und sagen das dem Mann, der gerade dabei ist vor Sorge und Ungewissheit zu vergehen. Das hat er weiss Gott nicht verdient..."
Mit einem finsteren Gesichtsausdruck sah Sam wieder auf, dann liess sie sich von Dee nach draussen bugsieren.
"Steve? Ich bleibe bei Sam in ihrem Unterschlupf und sehe zu, dass sie nichts Dummes anstellt", verkündete sie schliesslich energisch, als vor ihm standen.
"Das ist gut", erwiderte er mit einem flüchtigen Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. Diese sprachen deutlich von seiner Missbilligung über den Ausgang der Dinge. Vielleicht hatte er gehofft, dass sie Dee dazu zwingen würde wieder zu ihm zurückzugehen. "Und ich möchte an dieser Stelle noch einmal sagen, dass ich das für eine idiotische Idee halte. Ihr solltet beide zu mir kommen."
"Wir wissen das sehr zu schätzen", gab Dee zurück und legte einen Arm um Sams angespannte Schultern. "Und obwohl du kein Flüchtlingslager führst, so werden wir doch zu gegebener Zeit darauf zurückkommen - sobald eine von uns wieder bei Sinnen ist."
"Halt die Klappe, Dee", zischte Sam wütend.
Steve hingegen begann zu grinsen, tat es ihr nach und ignorierte Sam, als wäre sie lediglich ein schmollendes, ungezogenes Kind und sagte: "Danke, Dee. Ich vertraue auf deine Weitsicht und dein Talent die Besagte davon zu überzeugen das Richtige zu tun."
"Ich tue schon mein Leben lang nichts anderes und bin mittlerweile richtig gut darin. Du wirst stolz auf mich sein!"
"Seid ihr jetzt fertig? Die Besagte, die weder taub noch zurückgeblieben ist, hat nämlich noch einiges zu tun!" Am liebsten hätte Sam die beiden einfach stehen gelassen, um aus deren besserwisserischem Kielwasser zu entkommen. Wie schnell sich die zwei gegen sie verschworen hatten, grenzte an Hexerei. Ausserdem hielt sie es beinahe nicht aus in Steves Nähe zu sein. Dees Worte von vorhin klangen ihr in den Ohren nach und sie musste schleunigst zusehen, dass der Panzer wieder voll funktionstüchtig gemacht wurde.
"Dann zeig mir mal diese hochsicheren vier Wände, Liebes", sagte Dee und schob sie in Richtung des Ausganges.
Krankenschwestern! Irgendwie schafften sie es immer einem das Gefühl zu geben, als bräuchte man Hilfe und sei nicht bei Sinnen.


***



Er wusste gar nicht weshalb er überhaupt noch nach Hause ging. Die letzten Nächte waren so einsam und erbärmlich gewesen, als hätte er seit Monaten keine Menschenseele mehr um sich gehabt. Bei Tage war es noch möglich die nagenden Gedanken auszusperren, aber spätestens wenn er die Marke zu Hause abgelegt hatte, tanzten all die Komplikationen um Sam aufdringlich vor seiner Nase herum. Während er an diesem späten Abend also den Schlüssel drehte und in die Stille seines Hauses trat, wusste er schon was kommen würde. Ein einsam gekipptes Bier, sinnloses Löcher in die Luft Starren, viele Liegestütze, die ihn dennoch nicht zu fordern vermochten und anschliessendes Herumwälzen in einem Bett, welches viel zu gross war.
Steve war gerade dabei seine Waffengürtel und die Marke abzunehmen, als er ein verdächtiges Geräusch vernahm. Lautlos griff er nach seiner Pistole und schlich in Richtung des Arbeitszimmers, spähte um die Ecke. Niemand war da. Aber die Tür zur Veranda stand weit offen, die Scherben der eingeschlagenen Scheibe lagen am Boden. Sorgfältig vergewisserte er sich, dass wirklich niemand da war, checkte den oberen Stock und sogar die Garage – aber der Einbrecher war längst über alle Berge. Ausserdem deutete nichts darauf hin, dass etwas durchsucht worden wäre. Steve mahlte grimmig mit dem Kiefer, dann wählte er La Roches Nummer.
Kaum hatte es einmal geklingelt, nahm der Mann auch schon ab: „McGarrett? Was ist passiert?“
„Bei mir wurde eingebrochen. Ich will wissen ob es Sam gut geht.“
„Natürlich. Da sind immer mindestens zwei Officer, die sich um ihre Sicherheit kümmern. In und um das Haus.“ La Roche schien es zu missbilligen, dass seine Kompetenzen in Frage gestellt wurden, aber das kümmerte Steve nicht die Bohne.
„Sind Sie sich absolut sicher?“
„Ja. Ich halte regelmässig Absprache mit den Männern.“ Er hielt einen Moment inne, dann fügte er in leicht verändertem Ton hinzu: „Sie haben keinen Grund sich Sorgen zu machen. Samantha hat die richtige Entscheidung getroffen und sie ist in guten Händen.“
„Das hoffe ich“, presste Steve knapp hervor. Die Hände mochten noch so gut sein, er wusste nicht was diese machten und das war der springende Punkt.
„Hören Sie, McGarrett. Sie ist mir ebenso ans Herz gewachsen wie Ihnen. Ich lasse nicht zu, dass ihr etwas passiert“, erklärte der Mann am anderen Ende der Leitung. In einer seltsam trockenen Art und Weise, die nicht zu der Natur seiner Aussage passen wollte. Aber vermutlich war ihm diese einfach zu Eigen. „Sie haben mein Wort.“
„Ich weiss das zu schätzen, Inspector. Danke.“
Sie verabschiedeten sich knapp, dann machte sich Steve daran Danny anzurufen. Einerseits wollte er dessen Meinung hören, andererseits gestand er sich selbst ein, dass ihm ein bisschen Gesellschaft gut tun würde.
Eine halbe Stunde später tauchte dieser auf, besah sich die Scherben und seufzte tief. „Und du sagst, dass alles noch an Ort und Stelle ist?“
„Positiv. Der Typ war nicht auf der Suche nach Wertgegenständen, sondern nach Sam oder einem Hinweis auf ihren Verbleib.“
„Dann ist es wohl ganz gut, dass sie jetzt in dem Unterschlupf ist.“ Als ihm Steve einen finsteren Blick zugeworfen hatte, sagte er: „Was denn? Stimmt doch! Auch wenn du nicht gern hörst, dass von dir missbilligte Pläne Erfolg haben – es ist gut so.“
Vermutlich hatte Danny Recht. Steve war deswegen jedoch noch lange nicht beruhigt. Er würde das erst sein, wenn all die Bastarde die ihr und Denning und vermutlich auch ihm nach dem Leben trachteten hinter dicken Eisenstangen sassen. Vielleicht nicht einmal dann…
„Und was nun?“, wollte Danny wissen und riss ihn aus seinen Rachegelüsten.
„Wir machen weiter wie bisher. Wenn es Richard schon riskiert jemanden hierherzuschicken und vielleicht von mir ertappt zu werden, dann ist er offensichtlich ziemlich verzweifelt. Was bedeutet, dass wir etwas richtig machen.“
„Und das soll gut sein? Verzweifelte Männer seines Kalibers sind noch gefährlicher als selbstgefällige. Ah, ich sehe schon; du fällst auch in diese Kategorie. Dann haben wir hier so etwas wie eine Pattsituation…“
„Nicht ganz. Wir haben die Polizeigewalt aller Inseln hinter uns und wir wissen ziemlich genau was sie vor haben, was sie wiederum nicht wissen. Die Kräfte sind zu unseren Gunsten verschoben“, korrigierte Steve und versuchte nicht daran zu denken, dass es eher so klang, als wollte er sich selbst davon überzeugen im Vorteil zu sein.
Danny schien etwas Ähnliches zu denken, denn er bedachte ihn mit einem beinahe mitleidigen Blick.
„Was?“, zischte Steve.
„Du erinnerst mich an einen verlorenen Welpen.“
„Wie bitte?!“
„Du weisst schon … mit diesen grossen, traurigen Augen und zitternden Flanken. So ganz ohne Sam…“
„Du bist doch nicht ganz dicht! Weder bin ich traurig, noch zittert hier irgendwas. Ich will diese Sache nur endlich hinter mich bringen und uns alle in Sicherheit wissen.“
Danny nickte und versuchte arglos auszusehen, dann klopfte er Steve gegen den Oberarm. „Komm, trinken wir draussen ein Bier. Du bist viel zu angespannt.“
Gesagt getan. Während die Dunkelheit der Nacht vollständig aufzog, nippten sie schweigend an ihren Longboards und betrachteten die Brandung. Steves Gedanken schweiften ab, hin zu jenem ersten Abend, an dem er mit Sam unweit dieser Stelle gesessen hatte. Was in dieser Zeit nicht alles passiert war… Hätte ihm jemand gesagt wie sich die Dinge entwickeln würden, er hätte kein Wort davon geglaubt. Und in einem Anflug von Bitterkeit wünschte er sich, dass alles einen anderen Lauf genommen hätte. Kein Richard, keine Leichen, kein Bunker auf Kaua’i, kein Wo Fat … keine Sam. Aber als er an diesem letzten Punkt angelangt war, erschien ihm dieser Wunsch plötzlich nicht mehr so verlockend. Er formulierte ihn um; Sam minus das Drama.
„Weisst du, ich bin ja sonst nicht derjenige, der mit diesem Gequatsche mit positivem Denken und so weiter etwas anfangen kann, geschweige denn selbst damit kommt“, begann Danny langsam. „Aber ich denke, dass du dich auf das Ende dieser Sache freuen kannst, denn dann wird nichts anderes übrig bleiben, als eine Frau, die wie für dich geschaffen ist.“
Steve warf seinem Freund einen nachdenklichen Blick zu, dann nahm er einen Zug von seinem Bier, bevor er das aussprach, was schon den ganzen Tag an ihm genagt hatte: „Da bin ich mir nicht so sicher. Ihre ganze Familie und ihr Leben sind in Baltimore. Sobald das alles vorbei ist wird sie wieder nach Hause gehen. Du hättest sie heute Morgen mit ihrer Cousine sehen sollen…“
„Welches Leben? Davon ist ja nicht mehr viel übrig. Sicher, ihre Familie ist ein nicht zu unterschätzender Faktor … aber wofür gibt es Flugzeuge?“
„Ich weiss nicht, Danny. Du siehst das alles erstaunlich optimistisch.“ Abwesend rollte er die Flasche zwischen seinen Handflächen, dann gab er sich einen Ruck. „Aber das ist jetzt sowieso alles unwichtig. Wenn wir heil aus diesem Schlamassel hervorgegangen sind, kann ich mir immer noch darüber Gedanken machen.“
„Das stimmt wohl.“
Wieder kehrte für eine Weile Schweigen ein. Bis Steves Handy zu klingeln begann. Als er ranging, war er für einige Augenblicke verwirrt. Das Flüstern am anderen Ende der Leitung klang gehetzt und er erkannte die Stimme erst, als der Mann seinen Namen nannte.
„Mr. Orsini – was ist passiert?“
„Ich rufe an, um Ihnen zu sagen, dass für morgen Nacht ein Treffen ansteht, Commander. Mr. Mercer hat mich beauftragt alles vorzubereiten. Es findet im Halekulani Hotel statt. In einem der Tagungsräume.“
„Verstanden. Können Sie sich morgen für eine Weile von Ihren Pflichten loseisen?“ In seinem Kopf hatte sich bereits ein Plan geformt. Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass Orsini da mitspielte.
„Ich … denke schon. Weshalb?“
Als ihm Steve erklärte, was er vorhatte, schien der Mann ganz und gar nicht davon angetan zu sein. Dennoch willigte er nach einigen Momenten ein, wobei seine Stimme um eine Spur angespannter kam. Verständlich, wenn man bedachte, dass das Aufregendste an seinem Alltag bisher Abgabetermine und das Organisieren von öffentlichen Auftritten war. Nachdem sie eine Zeit ausgemacht hatten, entliess ihn Steve schliesslich.
„Worum ging’s?“, wollte Danny wissen.
„Mercer trifft sich morgen Nacht im Halekulani Hotel mit seinen Gesellen. Und wir werden unsere Ohren dort haben.“
Plötzlich fühlte er sich wieder energiegeladen. Eine Mission. Genau das, was er gebraucht hatte.


***



Einer der Vorteile, wenn man Cops hatte, die sich den Tag damit vertrieben einen zu beschützen war, dass sie die Langeweile in manchen Fällen gesprächig machte. Officer Karuba war ruhig und freundlich, aber La Roche hatte Sam im Vertrauen offenbart, dass er selten einen besseren Schützen gesehen hatte. Ausserdem wusste sie, dass er für sein Leben gern Malasadas ass und weil er fallen gelassen hatte, dass sich seine Lieblingsbäckerei in der Nähe des Lanikai Beach befand, war ihr auch bekannt wo er sich diese holte. Dee hingegen tat Sam leid; sie versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es ihr unter den Nägeln brannte die Insel zu sehen, aber Sam kannte sie zu gut, als dass diese Tatsache an ihr vorbeigegangen wäre. Also verband Sam das eine mit dem anderen und überredete Karuba dazu sie an den besagten Strand zu bringen. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit, aber mit ihren besten Augenaufschlägen und einem Appell an seinen Heimatstolz war es geschafft. Mano, wie der Mann in den Mittvierzigern hiess, gab schliesslich nach und schon waren sie nach einer Fahrt von ein paar Minuten an dem ruhigen Strand und hielten je einen Donut in den Händen.
Der weisse, weiche Sand, das türkisfarbene Meer, Palmen und ein klarer Himmel, der von ein paar Wattewölkchen geziert war – einmal mehr kam sich Sam vor, als würde sie mitten in einer Postkarte sitzen. Es war beinahe unwirklich. Karuba deutete auf die beiden, kleinen Inseln am Horizont und erklärte ihnen, dass man sie Na Mokulua nannte und sie Vogelschutzgebiete beherbergten. Schliesslich entfernte er sich, höflich wie er war, ein paar Meter, um ihnen Freiraum zu lassen. Dennoch liess er sie nicht aus den Augen und strahlte gewissenhafte Präsenz aus, die Hand immer in der Nähe seiner Waffe.
Während sie auf diese Weise sicher und behütet die klebrig, süssen Malasadas assen und die nackten Zehen im Sand vergraben hatten, genossen die beiden Frauen für eine Weile die paradiesische Szenerie. Schliesslich war es ihre Cousine, die die Stille unterbrach:
„Weisst du, ich finde, du passt hierher. Baltimore hingegen ist nichts für dich…“
„Dir ist wohl noch nicht aufgefallen, dass ich immer noch so weiss bin, als würde ich in einem Keller leben“, versuchte sich Sam an einem humorvollen Ton, weil sie nicht über solche Dinge nachdenken wollte.
„Das nennt man Alabasterhaut, Dummchen“, gab Dee zurück und stiess sie sanft mit ihrer Schulter an, indem sie sich zu ihr beugte. „Nein, im Ernst. Ich sehe dich hier. Mit Sand im Haar, barfuss, glücklich.“
Sam hätte sie am liebsten zum Schweigen gebracht, aber weil sie dies nicht auf eine anständige Weise verlangen konnte, hielt sie stattdessen den Mund und versuchte die Bilder auszusperren. Doch es gelang ihr nicht. Mehr noch; barfuss und glücklich war nicht nur sie – da war Steve in dieser Vorstellung. Mit seinem unwiderstehlichen Lächeln, verstrubbeltem Haar, in bescheuerten, farbigen Shorts, der ihre Hand hielt und mit ihr an eben diesem Strand entlangging. Der letzte Biss des Gebäcks blieb ihr beinahe im Hals stecken, weil dieser plötzlich furchtbar eng war.
„Bitte, Dee. Nicht. Nicht jetzt.“
Diese sah sie eindringlich von der Seite an, dann sagte sie: „Wieso? Du kannst dich nicht dagegen sperren.“
„Wogegen sperren? Gegen lächerliche Träume, die sich sowieso nie erfüllen werden? Natürlich kann ich das!“
„Du bist wirklich gut darin, dir alles Gute und Schöne selbst zu verwehren. Weshalb ist es denn so furchtbar sich die eigene Zukunft in den schillerndsten Farben auszumalen? Selbst wenn sie dann nicht ganz so farbig ausfällt – du hättest Pläne auf die du zuarbeiten kannst, die dir wieder Hoffnung geben würden.“
„Meine Pläne verwandeln sich in letzter Zeit in einen Haufen dampfenden Bockmist, sobald ich für einen Augenblick nicht hinsehe. Du wirst also sicher verstehen, dass ich nicht besonders viel Lust habe mir jemals wieder etwas auszumalen!“, gab sie wütend zurück. Sie wusste selbst nicht genau, weshalb sie Dees Worte so aufbrachten, aber am liebsten wäre sie ihr davongelaufen.
„Das verstehe ich, Liebes. Natürlich ist im Moment alles düster und schrecklich und du hast jedes Recht dich unglücklich zu fühlen. Aber du kannst nicht zulassen, dass es dich vom Leben abhält. Ich kenne niemanden, der so viel Herz und Gefühl hat wie du. Das ist deine grosse Stärke und wenn du diese abklemmst, dann bist du nur noch ein Schatten deiner selbst. Eine weise Frau hat mir einmal gesagt, dass der Sinn des Lebens darin besteht es zu leben.“
Sam zerknüllte das Wachspapier in ihren Händen und schüttelte den Kopf. Dee meinte sie. Als diese nämlich in einer schwierigen Phase mit Zukunftsängsten zu kämpfen hatte, waren es genau diese Worte, die Sam an ihre Cousine gerichtet hatte. „Wie weise kann eine Frau sein, die sich in ein Monster verliebt hat, obwohl sie in der Theorie nichts besser können müsste, als Menschen zu lesen?“
„Du bist doch keine Hellseherin, Sam! Ausserdem hat er uns alle getäuscht. Er tut ja vermutlich nichts anderes. Und es spricht für dich, dass du nicht automatisch nach dem Schlechten Ausschau hältst.“
„Dem kann man auch anders sagen: leichtgläubig.“
Dee ergriff ihren Arm und drückte zu, zwang Sam dazu sich ihr zuzuwenden, dann sagte sie eindringlich: „Hör sofort auf damit! Dich selbst zu hassen ist so ungefähr das Dümmste, was du machen kannst. Nimm die Wut und richte sie auf den Fall, anstatt gegen dich selbst.“
„Das ist mehr Steves Stärke. Während er in die Ärsche der bösen Buben tritt, sitze ich wie ein Dämchen im Hauptquartier und nage an meinen Fingernägeln. Weil ich – welch Überraschung! – eigentlich in ein nettes, sicheres Büro gehöre. Keine Ahnung was mich eigentlich geritten hat hierher zu kommen…“
„Du bist gekommen weil du deinem Herzen gefolgt bist und du hast Steve gefunden“, sagte Dee schlicht. „Wenn das nicht Schicksal ist, dann weiss ich auch nicht, was dieses Wort bedeuten soll.“
Wieso sprachen sie denn jetzt eigentlich über den Mann, an den Sam gerade nicht denken wollte? Sie schüttelte den Kopf und blickte auf den Wellengang ein paar Meter vor ihnen. Der Kontrast hätte nicht krasser sein können; um sie herum war das Paradies und in ihrem Inneren sah es aus wie in der Hölle. Ein kleiner, entfernter Teil von ihr wollte sich selbst in den Hintern treten, weil sie sich gerade der Bitterkeit hingab, aber diese war einfach zu gross. Dee verlangte da Unmögliches von ihr. Sie konnte nicht einfach aufstehen, sich den Staub von den Schultern klopfen und voranpreschen. Vielleicht nach einer Weile, aber noch nicht jetzt, nicht wenn alles so frisch und drängend war.
„Ich … ach, ich weiss nicht. Das ist alles furchtbar vertrackt und ich habe es satt. So unendlich satt. Nichts läuft so wie es sollte.“ Die eben noch aufgeflammte Wut war so schnell verraucht, wie sie gekommen war. Sie fühlte sich einfach nur noch müde.
„Eigentlich ist es ganz einfach; nimm das was du kriegen kannst und mach das Beste daraus.“
„Und das wäre?“, fragte Sam tonlos. „Und wenn du mir jetzt mit Steve kommst…“
Dee bedachte sie mit einem strengen Blick. „Natürlich komme ich mit ihm! Da ist er, wartet darauf dir zu helfen und du schiebst ihn von dir. Was soll das bringen?“
„Es bringt, dass er in Sicherheit ist. Wie oft soll ich das eigentlich noch wiederholen?“
„Und ich sage dir, dass es nur wenig damit zu tun hat. Ich kenne dich. Du bestrafst dich selbst.“
Sie war unmöglich. Kam ihr hier mit geistreichen Analysen, die niemand hören wollte. „Ich habe keine Lust mehr dir zu widersprechen. Wenn du das glauben willst, dann bitte.“ Mit diesen Worten sah sie wieder auf das Meer und hoffte, dass das Gespräch nun ein Ende genommen hatte. Um nie wieder aufzukommen.
Eine Weile lang erfüllte sich ihr Wunsch, aber Dee beabsichtigte offensichtlich nicht locker zu lassen. „Liebst du ihn?“, kam es leise, aber eindringlich von der Seite.
Sam schloss die Augen, flehte um Kraft dieses Bohren aushalten zu können, es an sich abprallen zu lassen. Langsam und unaufhaltsam drang die Bedeutung dieser Frage schliesslich dennoch zu ihr durch. Und einmal angekommen stand sie vor ihr. Geduldig und überpräsent.
Ja, was denn nun? Liebte sie ihn? Sie sah sein Gesicht vor ihrem inneren Auge und obwohl sich etwas in ihrer Magengegend verkrampfte, war da ein warmes, glühendes Gefühl in ihrem Herzen, welches gerade um ein Vielfaches stärker war. Sam wollte lächeln und spürte gleichzeitig ein Stechen in den Augenwinkeln; sie wollte zu ihm, hatte aber zugleich Angst davor; der Gedanke an ihn war wundervoll und doch schrecklich. Als sie aufhörte sich dagegen zu sperren wurde es klar. Nein, mehr als klar. Offensichtlich. Unumstösslich.
„Ja“, antwortete sie schliesslich mit belegter Stimme.
„Wunderbar. Das ist doch wirklich wunderbar!“, sagte Dee erfreut. Da war auch eine Spur von Ich-habe-es-doch-gewusst in ihrem Ton, aber sie hatte wenigstens den Anstand sich damit zurückzuhalten.
„Nicht wirklich.“ Sam konnte dieser Erkenntnis nichts Positives abgewinnen. Da taten sich einfach nur noch mehr Komplikationen vor ihr auf. „Eigentlich ist es sogar furchtbar.“
„Und wieso bitteschön?“
„Weil ich … weil er …“ Sie stockte und eine mächtige Faust quetschte ihr Herz. Sie wandte sich der Frau neben sich vollständig zu. „Ich habe Angst.“
Da. Jetzt war es raus. Wie sie es aussprach wurde ihr auch klar, dass sie dieses Gefühl schon seit den Vorfällen auf Kaua’i mit sich getragen hatte. Und dabei ging es nicht um die Gefangenschaft oder den Schock zu erkennen, wer Richard wirklich war. Es ging um sie und Steve.
Ihre Cousine umfing sie und schenkte ihr eine warme, tröstende Umarmung. „Wovor hast du Angst, Liebes?“, fragte sie sanft.
„Mich einzulassen. Ich weiss ja nicht einmal was er empfindet. Vielleicht ist es für ihn nicht mehr als eine sexuelle Anziehung und ich verwechsle seinen charakterbedingten Beschützerinstinkt mit Zuneigung. Vielleicht verabscheut er mich dafür, dass ich mit Richard zusammen war. Oder noch schlimmer; vielleicht bemitleidet er mich einfach nur. Was ist wenn er denkt, dass ich ihn schlicht als Trost missbrauche?“
Sam spürte wie Dee den Kopf schüttelte. „Das ist alles absolut unmöglich. Er empfindet nicht nur etwas, er ist verliebt – das sieht man ihm einfach an. Weder verabscheut, noch bemitleidet er dich und er denkt ganz sicher nicht, dass du ihn nur benutzt. Wirkt er auf dich wie ein Mann, der sich benutzen lässt? Oder wie einer, der etwas tut, wenn er nicht hundertprozentig dahinter steht?“
„Nein. Nein, das tut er nicht“, murmelte Sam und eine einsame Träne lief ihr über die Wange. „Aber er scheint auch nicht jemand zu sein, der sich einfach so auf etwas Ernstes einlässt. Und ich weiss nicht einmal ob ich das will. Ich komme gerade aus diesem Alptraum einer Beziehung und es ist einfach nicht richtig mit diesem ganzen Ballast gleich etwas Neues anzufangen.“
„Ich verstehe nicht weshalb du dir darüber den Kopf zerbrichst. Solche Dinge ergeben sich von selbst. Das ist die Natur der Liebe. Ihr werdet das packen. Ich spüre es!“ Dee klang so hoffnungsvoll, wie sich Sam hoffnungslos fühlte.
Eine Weile lang lehnte sie an ihrer Cousine, versuchte zuerst das Ganze aus einer positiven Perspektive zu sehen, doch als ihr dies nicht gelang, nahm sie wieder die neue Taktik auf und schob alles bei Seite. Es galt jetzt ohnehin sich auf den Fall zu konzentrieren. Sie würde sich ein Beispiel an Steve nehmen und ihre Stärke beweisen.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mi Sep 04, 2013 5:04 pm

Dee atmete leise und regelmässig, während Sam hellwach neben ihr lag. Nachdem sie wieder in das Haus zurückgekehrt waren, hatten sie den Rest des Abends damit verbracht sich über alles auszutauschen, was in der Zwischenzeit passiert war. Ihre Cousine hatte sie erfolgreich abgelenkt, mit Gelächter, den neuesten Geschichten und ihrer schlichten, liebevollen Anwesenheit. Es tat Sam unendlich gut ihre beste Freundin bei sich zu haben, aber selbst diese konnte nicht über alles hinwegtrösten. Kaum hatten sie sich zu Bett begeben, waren die düsteren Gedanken aus allen Winkeln hervorgekrochen um Sam zu peinigen. Am Ende hielt sie es nicht mehr aus und schlich aus dem Zimmer, nachdem sie sich in ihren Hausmantel gewickelt hatte.
Mano sass vor dem Fernseher und sah sich einen Krimi an, der den Frisuren der Charaktere nach zu urteilen aus den Achtzigern war. Sie setzte sich neben ihn auf das Sofa, nachdem sie ihm erklärt hatte, dass sie unmöglich ein Auge zu tun konnte. Er musterte sie, dann stellte er das Gerät ab.
„Wegen mir hättest du das doch nicht machen müssen!“, rief sie aus.
„Ich weiss sowieso schon, dass es der Nachbar war. Und mir scheint, dass wir beide eine bessere Geschichte brauchen…“
„Was für eine denn?“, fragte Sam neugierig nach. „Hast du eine DVD mitgebracht?“
„Nein. Wir machen das wie früher zu den guten, alten Zeiten, als man noch seine Fantasie einsetzte und sich am Lagerfeuer von allen möglichen Helden und Heldinnen erzählt hat.“ Die Lachfältchen um seine Augen kamen besonders gut zur Geltung, als er ihr verschwörerisch zuzwinkerte. Irgendwie erinnerte er Sam an Chin; nicht nur das Aussehen, mit diesen prominenten Wangenknochen und dem gütigen Ausdruck in den dunklen Augen, da war auch dieselbe in sich ruhende Kraft, die er ausstrahlte.
„Erzählst du mir eine hawaiianische Legende?“, wollte sie wissen und als Mano nickte, klatschte sie einmal in die Hände, zog die Beine an und bettete ihr Kinn auf die Knie. Sie liebte Geschichten und Einblicke in fremde Kulturen. Ausserdem war die Stimme des Mannes so tief und angenehm, dass dies versprach ein besonderes Vergnügen zu werden. Erwartungsvoll hing sie an seinen Lippen, sah zu, wie auch er sich in eine bequemere Position brachte, dann begann er die Erzählung:

Die Geschichte beginnt mit der Göttin Hina, die Mutter der Insel Maui, die mit dem Mond verheiratet war. Hina hatte zwei Töchter, Hina Keahi, die Herrin des Feuers und Hina Kulu‘ua, die Herrin des Regens. Hina reichte ihren Töchtern zwei Berge als Geschenk; Hina Keahi bekam Halai und Hina Kulu‘ua erhielt Pu‘uhonu. Diese Berge waren besonders prächtig und fruchtbar und so liessen sich die Schwestern mit ihren Völkern dort nieder, wo sie über eine lange Zeit gediehen.
Viele Jahre vergingen und irgendwann begann der Regen immer seltener zu fallen, bis der Boden schliesslich austrocknete. Der Taro, der an den Berghängen wuchs, verdorrte. Die Bananenpalmen, das Zuckerrohr und die Süsskartoffeln verkümmerten, die Früchte an den Bäumen starben ab. Letzten Endes befiel Hungersnot die Dörfer und kurz darauf lag der Schatten des Todes über dem Land und die Menschen befürchteten das Schlimmste.
Hina Keahi wusste, dass etwas getan werden musste, um ihr Gefolge zu retten. Sie beauftragte die Männer das ausgetrocknete Flussbett zu überqueren, die dürr gewordenen Wälder von Koa und Ohia zu betreten und dort Feuerholz zu sammeln. Die Priester begleiteten die Expedition, stiessen dabei Beschwörungen aus, um ein mögliches Scheitern abzuwehren. Sie brachten Opfer dar und beteten für die sichere Rückkehr der Männer. Die schwachen Arbeiter sammelten so viel Holz wie sie konnten und trugen es schliesslich zurück auf den Berg Halai.
Als nächstes arbeiteten die ausgehungerten Männer hart, um einen Imu nach Hina Keahis Anweisungen auszuheben. Sie gruben ein grosses Loch in die Erde des Berges, welches der Ofen werden sollte und richteten dieses mit Steinen und Holz her. Sie entzündeten das Feuer und als die Steine erhitzt waren, befahl Hina Keahi den Menschen die Grube gebührend vorzubereiten, als würden sie anschliessend eine grosse Menge an Essen darin kochen, um ein grosses Festmahl abzuhalten. Dann verfügte sie, dass im Imu genügend Platz gemacht werden sollte, weil darin ein Menschenopfer dargebracht werden würde.
In stiller, unausgesprochener Verzweiflung gehorchten die Arbeiter und bereiteten die Grube vor, wie Hina Keahi es von ihnen verlangt hatte, während sie sich voller Entsetzen fragten wer ausgesucht werden würde, um die Götter milde zu stimmen und den Rest des Volkes zu retten. Doch Hina Keahi hiess nicht umsonst „Hina, die Gütige“. Sie beaufsichtigte die Bemühungen und gab ihren Zuspruch, während ihr Herz vor Liebe und Mitleid gegenüber ihren Leuten überquoll.
Als die Arbeit verrichtet war sagte sie: „Dieser Imu ist mein Imu. Ich werde mich auf seine Liegestatt aus brennenden Steinen betten. Ich werde unter seinem Mantel schlafen. Bedeckt mich gebührend, oder ich werde zugrunde gehen. Werft die Erde rasch über meinen Körper. Fürchtet euch nicht vor dem Feuer. Bewacht den Imu für drei Tage. Eine Frau wird neben dem Imu erscheinen. Tut das, wozu sie euch beauftragen wird.“
Und so betrat Hina Keahi die grosse Grube und bettete sich auf die brennenden Steine. Die Männer befolgten ihre Anweisungen und legten die Imu-Matten über ihre Herrin, worauf sie die Erde wieder zurück in den Ofen warfen, bis dieser vollständig davon bedeckt war.
Dann warteten sie und bewachten den Imu, fragten sich was ihrer wunderschönen Anführerin wohl zugestossen war. Doch Hina Keahi war die Herrin des Feuers und so konnte sie nicht von der Hitze der brennenden Steine verletzt werden. Sie sank herab, durch den Imu hindurch, bis hin zu den unterirdischen Pfaden der Geisterwelt.
Nach einem Tag ergoss sich ein Strom sprudelnden Wassers aus der Erde. Am Tag darauf erhob sich ein Becken voll klarem Nass an die Oberfläche. Und am dritten Tag brach aus der Küste eine gewaltige Quelle hervor, die ihr Geschenk über das Land brachte. Bald darauf erschien eine Frau am Imu und wies die Arbeiter an die Erde von der Grube zu heben, um den Ofen zu öffnen. Als dies getan war, sahen die hungrigen Menschen voller Staunen, dass der Imu einen Überfluss an Nahrung beherbergte. Da was so viel Essen, dass es reichen würde sie alle zu ernähren, bis ihre Pflanzen wieder gediehen und die Hungersnot vorüber sein würde. Das Volk jubelte, als es erkannte, dass seine Anführerin dem Tod entkommen war und es erzählte sich Geschichten und sang über die Grösse seiner Herrin Hina Keahi.
Währenddessen hatte die zweite Schwester, Hina Kulu‘ua, erfahren welche Wunder ihre wunderschöne Schwester Hina Keahi, auf die sie schon immer sehr neidisch gewesen war, vollbracht hatte. Sie hörte den Gesang und die Lobpreisungen des Volkes auf dem anderen Berg und weil ihr eigenes Volk auf dem Pu’uhonu zu dieser Zeit ebenso unter einer Hungersnot zu leiden hatte, entschied sie es ihrer Schwester gleichzutun. Um die Menschen ihres Gefolges zu retten, befahl sie ihnen einen grossen Imu auszuheben und darin genug Raum zu lassen, sodass er ein Menschenopfer in sich aufnehmen konnte.
Doch in ihrem Neid vergass sie, dass sie die Göttin des Regens war und dass Regen und Feuer nicht miteinander auskommen. Sie betrat die Grube und ihre Gefolgschaft bedeckte sie rasch mit den Matten und der Erde, wie sie es ihnen aufgetragen hatte. Sie warteten auf die wunderträchtigen Ereignisse, doch sie taten dies vergebens, denn die heissen Steine hatten Hina Kulu‘ua vernichtet, sodass sie in Form einer Regenwolke über dem Imu aufstieg.
Ihr Volk wartete. Aus drei Tagen wurden vier, dann fünf. Doch niemand erschien und sie waren immer noch hungrig. Am fünften Tag öffneten die Dorfbewohner den Imu, nur um zu entdecken, dass dieser nichts anderes als die Asche Hina Kulu’uas enthielt. Und so ging ihr Gefolge zugrunde.
Hina Keahis Volk hingegen gedieh noch viele, viele Generationen lang auf dem fruchtbaren Halai und die grossen Wundertaten seiner Herrin lebten mit den Menschen weiter.
Die Geister der Schwestern erscheinen noch heute von Zeit zu Zeit in der Nähe der alten Berge. Hina Keahi als Lavaströme und Hina Kulu’ua als Regenwolken.


Einige Momente lang schwieg Sam, noch immer im Sog der Legende, die Mano so schön und lebendig dargebracht hatte. Die Berge, die Göttinnen, das Leid und das darauf folgende Wunder – all das war so klar vor ihrem inneren Auge erschienen, dass sie das Gefühl hatte, gerade von einer Reise zurückgekehrt zu sein.
„Das war wundervoll! Mahalo für dieses Geschenk!“, sagte sie schliesslich und strahlte ihn an.
„He mea iki. Ich dachte mir, dass dir die Geschichte gefallen würde.“
Sie nickte begeistert, dann schweifte ihr Blick zur Seite. Nicht nur hatte sie ihr gefallen, sie barg auch eine Moral, die perfekt zu ihrer Lage passte. Als wären die beiden Schwestern die zwei Seiten in ihr und im Angesicht der Not galt es jener zu folgen, die ihre Kräfte richtig und weise einsetzte. Doch wie sollte sie diese beiden Aspekte erkennen und unterscheiden?


***



Orsini hatte es tatsächlich geschafft. Steve hätte beinahe nicht mehr daran geglaubt, nachdem er gesehen hatte wie nervös der Mann tatsächlich war. Während ihm Kono erklärt hatte wie er das Audioüberwachungsgerät an die Unterseite eines Tisches befestigen sollte, waren ihm verdächtige Schweissperlen auf die Stirne getreten und der Kragen seines Hemdes hatte plötzlich sehr eng und ungemütlich ausgesehen. Nichtsdestotrotz konnten sie nun klar und deutlich hören, wie sich die beiden Männer im Tagungsraum des Halekulani Hotel einfanden.
Steve rückte das Headset zurecht und warf seinem versammelten Team einen angespannten Blick zu. Sie sassen alle in einem entsprechend ausgerüsteten Van, der in der Nähe des Hotels geparkt war und machten sich darauf gefasst gleich Wo Fats Stimme zu hören. Aber sie wurden enttäuscht. Wie es schien war da nur Mercer und ein weiterer Mann, dessen Namen sie gleich darauf auch zu hören bekamen.
"Richter Ashwood. Vorzüglich, dass Sie es einrichten konnten", sagte Mercer gerade, dann hörten sie das Geräusch von Stühlen, die über den Boden gerückt wurden.
"Bitte, Kevin reicht vollkommen. Meine Richterrobe ist immerhin zu Hause im Schrank. Und natürlich bin ich hier; unsere heikle Lage lässt sich schliesslich schwer über das Telefon besprechen."
Mercer gab ein sarkastisches Lachen von sich, das sich mehr wie ein Bellen anhörte. "In der Tat. Bedauerlich, dass unser erstes persönliches Treffen unter diesem Schatten liegt. Aber wir wussten ja alle, dass Denning ein zäher Hund ist - oder vielmehr, dass er sich mit solchen umgibt."
"Ja. Aber wo ist unser Freund, Mr. Fat?"
"Keine Ahnung. Eigentlich wollte er auch kommen, aber er hat im letzten Moment abgesagt. Und Sie verstehen sicher, dass ich nicht besonders darauf erpicht war ihn nach dem Weshalb zu fragen. Ein Wunder, dass er sich überhaupt dazu herabgelassen hat mich zu informieren...", erklärte Mercer in einem halb ärgerlichen, halb nervösen Ton. Doch nach einem hastigen Räuspern schien er seine Missbilligung von sich geschoben zu haben, denn als er weitersprach klang seine Stimme so unnahbar wie immer. "Eigentlich brauchen wir ihn aber auch nicht unbedingt. Sie sind hier, Kevin, damit Sie auf den neuesten Stand gebracht werden können."
"Ich höre."
Da war ein merklicher Anstieg der Spannung im Van zu spüren. Selbst wenn Wo Fat nicht hier war, vielleicht würden sie nun entscheidende Informationen erhalten, die sie dazu befähigen konnten diesen Fall endlich zu lösen.
"Wo Fats Schosshund ist offenbar wieder im Spiel. Er hat das nicht genau ausgeführt, aber wie es scheint wurde ein neuer Plan ausgeheckt, um uns dennoch zu unserem Ziel zu bringen."
"Wir reden hier von diesem Dale oder wie er hiess, ja? Das ist erfreulich zu hören. Nachdem die Sache mit den ermordeten Touristinnen nicht so eingeschlagen hat, wie wir es gehofft hatten, dachte ich schon, dass wir dieses nie erreichen werden."
"Oh, ich denke Sie unterschätzen unseren Drahtzieher. Die Asse in seinem Ärmel gehen ihm nie aus, lassen Sie sich das gesagt sein. Dennings Karriere wird in jedem Fall ein unschönes Ende nehmen und dann werden die Dinge auf dieser Insel anders laufen. Und wenn unser Freund mächtiger wird, dann wird auch unsere illustre Gruppe aufsteigen - jeder in seinem Gebiet" Mercer klang durch und durch süffisant, zufrieden mit sich selbst.
"Lassen Sie uns darauf anstossen!", kam es von dem anderen Mann, dann erklang tatsächlich ein Klirren von Glas auf Glas. "Auf den neuen Gouverneur!"
"Auf den Sturz des Alten! Ich werde jeden Moment davon geniessen."
"Dessen bin ich mir sicher. Als der gute Rhetoriker, der Sie sind, werden Sie es bestimmt auch gebührend ausschlachten können", sagte dieser Ashwood mit einem hinterhältigen Lachen in der näselnden Stimme.
"Darauf können Sie Gift nehmen, David."
Das Team tauschte einen finsteren Blick und hörte weiter zu. Doch die beiden Männer sprachen nur noch über zweitrangige Dinge, die dennoch Licht darauf warfen, zu welcher Sorte Mensch sie gehörten. Wohlhabend und einflussreich wie sie waren, drehte sich der Rest ihrer Unterhaltung um Steuerhinterziehung, zwielichtige Investitionen und Machtmissbrauch ihrer jeweiligen Stellungen. Kein weiterer Name fiel, dennoch war es sonnenklar, dass noch mehr Personen ihres Kalibers involviert waren und darauf warteten sich an dem Sturz Dennings und anschliessenden Aufstieges Mercers zu bereichern.
Die Five-0 hörte mit missbilligenden Minen so lange zu, bis sich die beiden schliesslich verabschiedeten und ihrer Wege gingen.
"Haben wir das alles aufgenommen?", fragte Steve und als er von Kono ein bestätigendes Nicken bekam, pfefferte er das Headset auf die schmale, mit technischem Gerät vollgestellte Oberfläche vor sich.
"Diese Mistkerle haben sich ganz schön was vorgenommen... Wenn sie nicht so abstossend wären, könnte ich glatt behaupten von dem Nerv, den sie da haben, beeindruckt zu sein." Danny richtete einen seiner besten, falschen Grinser an die anderen. "Hat jemand von euch schon etwas von diesem Ashwood gehört?"
Es war Chin, der daraufhin sagte: "Er ist dafür berüchtigt die höchste Rate an Klageablehnungen zu halten. Bei ihm müssen die Beweise so erdrückend wie ein Berg sein, bevor er etwas durchgehen lässt. Das HPD nagt schon seit Jahren an ihm und seiner harten Linie. Oder vielleicht sollte ich eher lasche Linie sagen..."
"Ein bestechlicher Richter, also", kommentierte Kono und schüttelte den Kopf. Dann sah sie zu Steve, der mit seinen Augen Löcher in die Luft brannte. "Was machen wir jetzt mit dem Gouverneur?"
"Ja, das ist die Frage. Seine Sicherheit ist garantiert, da können wir nichts verbessern. Aber mir drängt sich so ein Verdacht auf, dass es bei diesem Plan nicht um sein körperliches Wohl geht. Sie haben nie von seinem Tod gesprochen. Es geht darum seinen Ruf zu ruinieren, sodass er niemals wiedergewählt wird ... mindestens."
Während er gleich darauf hinter dem Steuer des Vans sass und diesen zurück zum HPD fuhr, schwieg er ebenso wie sein Team. Sie alle schienen sich zu fragen, was dieser diabolische Plan im Genauen beinhalten würde. Aber Steve war auch noch um eine andere Tatsache besorgt, die das belauschte Gespräch zu Tage befördert hatte. Richard war zurück im Spiel und hatte sich wieder bei Wo Fat eingeschleimt. Der Gedanke an diese beiden Männer liess den Wunsch in ihm aufleben etwas zu zertrümmern. Wenn er sie erst einmal in die Finger gekriegt hätte, würde er auch zusehen, dass er sich diesen selbst erfüllte.


Der Sitz des Gouverneurs war nicht leicht zu betreten. Selbst für ihn, der allen Sicherheitsleuten bekannt war. Er begrüsste die strengen Massnahmen und Kontrollpunkte, die er an dem darauffolgenden Morgen in aller Frühe zuerst hatte hinter sich bringen müssen, bevor er endlich zu Denning vorgelassen wurde. Kaum war die Tür zu seinem Büro offen fiel Steves Blick auf Sam, die bereits in dem Stuhl vor dem Schreibtisch sass. Seine Augen fingen jedes Detail ihrer Erscheinung auf und er sah sich mit Erinnerungen an die paar Tage erinnert, in denen ihnen jenes taumelnde Glück beschieden gewesen war, das so abrupt geendet hatte.
Er dachte an den Duft ihres glänzenden Haares, welches gerade frei über ihre Schultern floss; spürte beinahe das Gefühl dieser Lippen auf seinen, die jetzt einen angespannten Zug an sich hatten; blieb einen Moment lang an diesen verlockenden Rundungen unter dem weissen Top hängen, um schliesslich bei den im Schoss gefalteten Händen zu landen, die noch vor einigen Tagen so ganz andere Dinge vollführt hatten. Schliesslich riss er sich von diesem Anblick los, weil er fühlte wie ihm die Kontrolle zu entgleiten drohte. Das schmerzhafte Ziehen in seiner Magengegend blieb jedoch, auch wenn er sich nun der Begrüssung Dennings widmete und dann Platz nahm.
Der Mann schien eins und eins zusammengezählt zu haben, denn er musterte die beiden für einige Momente, als hätten sie ihm gerade von den Dingen erzählt, die da in dem statisch aufgeladenen Raum zwischen ihnen herumflogen. Doch er sagte nichts und fragte Steve stattdessen nach den neuesten Entwicklungen und weshalb er einen Besuch angekündigt hatte.
Das abgespielte Band des aufgezeichneten Gespräches zwischen Mercer und Ashwood reichte als Antwort vollkommen aus. Während der Gesichtsausdruck des Gouverneurs undurchsichtiger und steinerner wurde, rutschte Sam immer weiter in ihrem Stuhl nach vorne. Aus den Augenwinkeln konnte Steve deutlich erkennen, dass sie mit jedem Wort aufgebrachter wurde und als die Aufnahme schliesslich zu einem Ende kam, gab sie einen empörten Laut von sich.
"Das ist doch ungeheuerlich! Wie viele einflussreiche Mistkerle hat dieser Wo Fat eigentlich um sich geschart? Und wie sollen wir dagegen vorgehen?"
Steve begegnete ihren geweiteten Augen und sagte: "Wir wissen, dass sie etwas planen. Das ist mehr, als wir noch vor zwei Wochen hatten. Wenn der Schlag kommt sind wir darauf vorbereitet."
"Von welcher Vorbereitung sprichst du? Wir haben keinen blassen Schimmer womit sie aufkommen werden. Vielleicht solltet ihr Mercer und diesen Ashwood einfach festnehmen."
"Deshalb bin ich hier", erwiderte er, dann wandte er sich an Denning. "Die Entscheidung liegt bei Ihnen, Sir. Entweder wir nehmen die Männer fest und riskieren damit, dass der Kopf der Verschwörung endgültig untertaucht, oder wir lassen sie so weit gewähren, bis wir alle zusammen hochnehmen können."
Denning seufzte tief und verzog den Mund. "Wir haben keine Ahnung wer diese anderen Männer sind, die da am Rande erwähnt werden?"
"Nein, Sir. Es sind keine Namen gefallen."
"Dann ist der Fall klar. Wir halten still und warten ab was kommt", kam die Entscheidung in einem endgültigen Ton.
Das war die Antwort, auf die Steve gehofft hatte. Der Gedanke voreilige Schritte einzuleiten, die Wo Fat warnen würden, war aus seiner Sicht keine Option gewesen. Umso zufriedener war er, als klar wurde, dass Denning ebenso dachte.
Sam war eindeutig nicht mit dieser Entwicklung einverstanden, aber offenbar sah auch sie keinen anderen Weg, denn sie schwieg und beschied sich damit die Arme zu verschränken.
"Tun Sie alles was nötig ist, McGarrett. Halten Sie mich weiter auf dem Laufenden", der dunkelhäutige Mann hielt einen Moment inne, dann schenkte er ihm ein flüchtiges Lächeln. "Gute Arbeit. Ich weiss das sehr zu schätzen."
"Danke, Sir."
Denning entliess sie beide, worauf sie gemeinsam zur Tür schritten. Steve öffnete sie und liess Sam vorausgehen. Als er sie wieder hinter sich geschlossen hatte, standen sie einige Herzschläge lang vor einander und beschieden sich damit, einen Blick zu tauschen in dem alles Mögliche lag: Unverständnis, Anspannung, Vorsicht und nicht zuletzt eine gewisse Trauer.
"Wie geht es Dee?" - "Wie geht es den anderen?", fragten sie beide zur selben Zeit, dann lächelten sie sich schwach an. Es wäre komischer gewesen, wenn da nicht all die unausgesprochenen Dinge zwischen ihnen gestanden hätten.
"Es geht ihr gut", erklärte Sam, nachdem er ihr mit einem kleinen Nicken bedeutet hatte anzufangen. "Sie hält sich tapfer, auch wenn sie auf Hawaii ist und bisher praktisch nichts davon gesehen hat."
Er konnte ihr ansehen, dass sie deswegen ein schlechtes Gewissen hatte. "Sie ist ohnehin wegen dir hier und nicht um Lu'aus und Haitauchgänge zu erleben."
Sie nickte langsam und schien gar nicht zu bemerken, dass sie sich dabei auf die Lippe biss, während sie ihm entgegen blinzelte, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie die Augen von ihm abwenden sollte oder nicht. Steve unterdrückte das Bedürfnis eine Aussprache zu fordern, denn er wusste ohnehin nicht was er hätte von sich geben sollen. Was ihren Weggang anbelangte war bereits alles gesagt worden. Und alles andere... Er hätte den Finger nicht darauf legen können. Zu verworren war das was in ihm vorging, weshalb er es nicht einmal in seinem eigenen Kopf in Worte hätte fassen können.
Also sagte er ihr lediglich, dass die anderen damit beschäftigt waren herauszufinden wer noch alles mit Wo Fat unter einer Decke stecken könnte, während er versuchte alle Informanten, zu denen sie über Kamekona und Kawika Zugang hatten, zu mobilisieren. "Bisher hat das nichts abgeworfen."
Wieder kehrte Schweigen ein, dann war es Sam, die die Schultern straffte und anhob eine Verabschiedung einzuleiten. Doch bevor sie dies tun konnte, stürmte ein Mann an ihnen vorbei und platzte bei Denning herein.
"Das müssen Sie sehen, Sir! Der Nachrichtenkanal, schnell!"
Sam und Steve sahen einander fragend an, dann steckten sie die Köpfe zusammen und spähten in den Raum. Sie hörten wie Stimmen aus dem Lautsprecher drangen, dann das Denning einen Laut der Überraschung von sich gab.
"Holen Sie McGarrett!"
"Der steht noch vor der Tür, Sir."
Rasch traten sie wieder in das Zimmer ein und stellten sich vor den kleinen Fernseher, der auf einer Kommode stand. Fassungslos starrten sie zu viert auf den Bildschirm, während eine dunkelhaarige Reporterin sprach.
"Die empörten Eltern haben sich heute an die Medien gewandt, um Gerechtigkeit für ihre Tochter einzufordern. Wie ihr Vater gegenüber uns bestätigte, scheint er überzeugt zu sein, dass dieser Fall - in seinen eigenen Worten - unter den Teppich gekehrt worden wäre, da es sich um den Gouverneur Hawaiis persönlich handelt. Um diesem Ausgang entgegenzuwirken, hat er sich an die Öffentlichkeit gewandt."
Ein Mann wurde eingeblendet, der mit seiner Frau und einem Mädchen im Teenageralter vor einem prunkvollen Haus stand und in ein Mikrofon sprach, welches ihm vorgehalten wurde: "Der Einfluss und das Ansehen des Gouverneurs haben uns dazu bewogen diesen Schritt zu machen. Gerade jetzt, da er für seine Wiederwahl den unbescholtenen Bürger mimt ist es umso wichtiger, dass die Bewohner unseres Landes erfahren was er wirklich ist: ein Mann, der seine Position schamlos ausgenutzt und das Leben unserer Tochter zerstört hat!"
Mit einer unglaublichen Wut starrte Steve auf die Reporterin, die wieder eingeblendet wurde und weitere Einzelheiten von sich gab. Aber er hörte nichts mehr davon. Stattdessen glitten seine Augen über die Schlagzeile, die am unteren Bildschirmrand in dicken Lettern verkündete:
"Gov. Denning der Vergewaltigung einer Minderjährigen bezichtigt."

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   So Sep 08, 2013 7:54 pm

11. Aloha kekahi i kekahi

We Need One Another - Wir Brauchen Einander


Da war sie auch schon wieder. Unterwegs mit Steve, mitten in den Ermittlungen. Keine Hintergrundarbeit, kein Abstand - die Situation hatte die Vorsätze gnadenlos über den Haufen geworfen. Samuel hatte so hilflos ausgesehen und seine Worte klangen ihr noch in den Ohren nach: "Nur du kannst meinen Namen wieder reinwaschen." Kein Erwartungsdruck also...
    Während sie in Steves SUV sassen und in Richtung Diamond Head fuhren, wappnete sie sich gegen mehrere Dinge. Die Familie würde sich vermutlich nicht allzu kooperativ zeigen, die Lügen würden zäh und schwer zu zerreissen sein, der Atem des Zeitdruckes in ihrem Nacken sein Übriges tun und zu allem Übel war da noch Steves Anwesenheit. Er verhielt sich distanziert und Sam war froh darum. Selbst wenn der Fall nicht alle ihre Aufmerksamkeit benötigt hätte, wäre alles andere viel zu kompliziert gewesen. Das war es auch so schon, aber wenigstens verlangte er nicht über etwas zu reden oder machte Annäherungen. Stattdessen schien er ebenso in Gedanken versunken zu sein wie sie es war.
    Vor dem Haus der Familie angekommen parkte Steve sein Auto hinter einem Streifenwagen des HPD, dann gesellten sie sich zu Sergeant Lukela, der mit zwei Officers gerade dabei war die Journalisten und ihre Kameras im Schach zu halten. Steve warf einen Blick auf die Situation, dann schlug er seinen gebieterischen Ton an und hielt sie mehr oder weniger unhöflich dazu an aus der Strasse zu verschwinden, bevor er sie hier wegbringen lassen würde. Dies zeigte einen sofortigen Effekt; nach einigen Minuten waren die Reporter alle weg und nur noch die Streifenwagen zeugten davon, dass hier gerade etwas Aussergewöhnliches vor sich ging.
    "Habt ihr die Familie schon befragt, Duke?"
    "Den Vater. Die Tochter kriegt niemand zu Gesicht. Die Eltern schirmen sie ab und weil sie Minderjährig ist können wir auch nichts ausrichten."
    Steve nickte finster, dann fragte er nach dem Namen der Familie und legte Lukela dankend die Hand auf die Schulter, bevor er sich mit Sam aufmachte das Unangenehme hinter sie zu bringen. Nachdem das Klingeln im Inneren des Hauses verklungen war, mussten sie für beinahe eine Minute warten, bis die Tür aufging. Der Vater stand da und musterte sie abweisend; seine Augen glitten von Steve zu Sam und dann wieder zurück, worauf sich die Falten auf seiner Stirne vertieften.
    "Ja?", spie er unfreundlich.
    "Commander Steve McGarrett und Doctor Samantha Haynes, Five-0. Wir sind hier um Sie über die Vorfälle um Ihre Tochter zu befragen, Mr. Kahike." Unerwarteter weise klang Steve neutral und hatte jeglichen angriffslustigen Ton aus seiner Stimme verbannt.
    Dies schien den Mann vor ihnen jedoch nicht milde zu stimmen. Er nickte sie widerwillig herein und ging einfach voraus, überliess es ihnen die Tür zu schliessen. Das Haus war prunkvoll und für Sams Geschmack viel zu kitschig eingerichtet. Die Familie schien ihren Reichtum gerne zu zeigen und tat das in Form von auf Hochglanz polierten Marmorfussböden, süsslichen Bildern, die Blumen und Sonnenuntergänge zeigten, Kommoden mit verschnörkelten Goldbeschlägen auf denen Figuren im viktorianischen Stil standen. Sam riss ihren Blick von einer farbig bemalten Porzellandame mit einem Fächer los, nur um sich in dem Wohnzimmer mit noch mehr Kitsch, Brokat und Quasten konfrontiert zu sehen.
    Mrs. Kahike sass auf dem Ledersofa und blickte ihnen eingeschüchtert entgegen. Sam erkannte denselben überforderten Ausdruck auf ihren anmutigen Zügen, den Sam schon bei der Aufnahme im Fernseher festgestellt hatte. Die teure Kleindung, der elegante Dutt, die perfekte Maniküre; all die Details ihrer Erscheinung bissen sich fürchterlich mit ihrer Ausstrahlung, die von Schwäche zeugte.  Der rotgesichtige Mr. Kahike schien jedoch einfach nur wütend zu sein. Er bot ihnen einen Platz auf dem Sofa gegenüber mit so einer unfreundlichen Geste an, als wünschte er ihnen den Tod an den Hals, dann setzte er sich neben seine Frau.
    "Sind Sie gekommen um uns einzuschüchtern?"
    "Nein, Sir. Wir sind hier um Ihre Hilfe einzufordern, damit der Mann, der Ihrer Tochter Gewalt angetan hat das bekommt, was er verdient hat", entgegnete Steve ruhig.
    "Sie müssen nicht von ihm sprechen, als sei er ein Phantom. Es ist der Gouverneur und Sie arbeiten für ihn. Deshalb bin ich überzeugt, dass Sie hier sind um unsere Anschuldigung so schnell wie möglich zu widerlegen. Aber damit werden Sie keinen Erfolg haben!"
    Sam warf Steve einen Blick zu, worauf er ihr kaum merklich zunickte. Es war an ihr zu versuchen etwas aus dieser Situation zu machen. Sie rutschte auf dem Sofa weiter nach vorne und sah dem Mann offen in die Augen.
    "Ich verspreche Ihnen, dass ich nur das Beste für ihre Tochter im Sinn habe. Ich möchte ihr und Ihnen helfen. Wir haben keine bösen Absichten, sondern sind hier um die Ermittlungen voranzutreiben, damit Sie so schnell wie möglich damit beginnen können das Trauma als Familie zu verarbeiten und wieder in die Zukunft blicken können."
    Mr. Kahike sah sie misstrauisch an, als hätte er freundliche Worte nicht erwartet. Er wusste offenbar auch nicht wie er darauf reagieren sollte und sah sie einfach schweigend an. Sam ergriff diese Gelegenheit um Einzelheiten zu Tage zu bringen:
    "Wann hat Ihnen Aolani von dem Vorfall erzählt?"
    "Gestern. Sie war schon seit Tagen auffällig still und gestern Abend kam sie zu uns und hat uns erzählt was passiert ist", erklärte der Mann widerstrebend.
    "Können Sie mir widergeben was sie gesagt hat?", fragte sie ruhig nach.
    "Wir waren vor ein paar Tagen an einem Empfang des Gouverneurs. Sehen Sie, ich bin Besitzer einer Reederei und meine Familie gehört zu jenen Kreisen, die jeder Gouverneur bei Amtsantritt zu seinen Unterstützern zählen kann. Ich kann nicht behaupten, dass ich den Mann gut kenne, aber ich dachte er sei ein Ehrenmann." An dieser Stelle begann sich der Vater wieder sichtlich aufzuregen und Sam schritt rasch ein, indem sie nochmal nachfragte, was Aolani über den Empfang gesagt hatte. Dies schien ihn wieder zur Besinnung zu bringen und so erzählte er weiter: "Sie hat sich abgesetzt um das Haus zu sehen und weil ihr von den Erwachsenengesprächen langweilig war. In einem der Zimmer hat er ihr dann aufgelauert und ... und es getan."
    Der Mann schien unfähig genau darüber nachzudenken, geschweige denn das Wort auszusprechen. Entweder er war ein verdammt guter Schauspieler oder da sass wirklich ein Vater vor ihr, dessen Herz dabei war zu zerreissen. Sie wollte ihn nicht damit quälen nach mehr Einzelheiten zu fragen und bezweifelte ohnehin, dass das Mädchen diese vor ihrem Vater preisgegeben hatte. Falls es überhaupt so etwas wie Einzelheiten dazu gab. Etwas ging hier einfach nicht auf; beide Elternteile verhielten sich genau so wie es jede Mutter und jeder Vater tun würde, wenn so etwas passiert wäre. Aber sie wusste natürlich, dass Wo Fat hinter dem Ganzen steckte. Es war ihr ein Rätsel, wie er das bewerkstelligt hatte. Nur Aolani konnte Licht in das Dunkel bringen.
    Sie rückte noch ein bisschen weiter vor, dann sah sie beide Elternteile an und sagte: "Es ist sehr wichtig zu hören was Ihre Tochter zu sagen hat."
    Mr. Kahike öffnete den Mund um zu widersprechen, weil er bereits verstanden hatte worauf das herauslief, aber seine Frau legte ihre Hand auf seinen Unterarm und hielt ihn zurück.
    "Ich verstehe, dass Sie sie beschützen möchten. Es mag zwar hart sein sie einer Befragung auszusetzen, aber auf lange Sicht wird es helfen - wir können nur klären was passiert ist, wenn wir wissen was sie erlebt hat."
    "Die Polizei hat uns schon genug befragt. Ich werde keinen Officer auf sie loslassen. Ich verlange, dass Sie den Mann verhaften!"
    "Ich bin keine Polizistin, Mr. Kahike, sondern Psychologin. Und es gibt Dinge, die ein Mädchen ihren Eltern nicht erzählen kann." An dieser Stelle wandte sich Sam der Mutter zu und erkannte, dass diese verstanden hatte, wie nur eine Frau verstehen konnte. Also nickte sie ihr bekräftigend zu und fügte an: "Lassen Sie mich bitte mit ihr sprechen."
    Die Mutter nickte, dann wandte sie sich an ihren Mann: "Sie hat recht, Wayne. Aolani kann sich nicht gegenüber uns öffnen, aber vielleicht kann ihr diese Frau helfen."
    Der Angesprochene seufzte tief und schüttelte den Kopf. Es war jedoch keine verneinende Geste, sondern ein Ausdruck seiner Überforderung. Wieder ein Detail, welches Sam davon überzeugte, dass die Eltern nicht dabei waren zu schauspielern. Schliesslich winkte er resignierend ab, worauf sich seine Frau erhob und Sam zu dem Zimmer des Mädchens im oberen Stock führte.
    Vor der Tür angekommen wandte sie sich mit Tränen in den Augen ab und begab sich wieder nach unten. Sam klopfte an, dann trat sie ein. Es war der typische Zufluchtsort eines Mädchens in ihrem Alter und spiegelte ihre Interessen wieder; Poster ihrer Lieblingsmusiker, Fotos von Freunden, Pompons, die sie als Cheerleaderin auswiesen. Sie sass auf ihrem Bett und hielt ein Handy in den Händen, sah nur rasch auf, um sich diesem auch gleich wieder zu widmen.
    Sam setzte sich auf den Bettrand neben ihr und sagte: "Hi Aolani, ich bin Sam. Deine Eltern haben mir erlaubt mit dir zu sprechen. Ich bin von der Five-0."
    Schweigen. Das Mädchen tippte weiter auf ihrem Handy und ignorierte sie. Es war, als wäre Sam gar nicht da. Eine Reaktion auf die sie gefasst gewesen war. Und sie liess sich davon nicht abschrecken.
    "Erzählst du mir, wer dich dazu gezwungen hat den Gouverneur zu beschuldigen?"
    Aolani sah ruckartig auf; einen Moment lang huschte Entsetzen über ihre hübschen, exotischen Gesichtszüge, dann sah Sam wie sich eine Tür schloss und erntete stattdessen einen kalten Blick. "Niemand. Ich möchte nicht mit Ihnen sprechen."
    "Das wirst du müssen. Wenn nicht mit mir, dann mit jemand anderem. Du wirst alles genau schildern müssen und damit wird es nicht zu Ende sein. Danach kommt eine Gegenüberstellung, bei der du den Mann identifizieren musst, der dir etwas getan hat, dann die Gerichtsverhandlungen. Es ist ein weiter Weg." Sam verbannte jeglichen anklagenden Ton aus ihrer Stimme und zählte die Fakten lediglich als solche auf.
    "Wenn es dazu führt, dass er im Knast landet, dann werde ich das wohl machen müssen", gab die junge Frau scheinbar desinteressiert zurück, aber Sam sah direkt durch sie und ihre Fassade hindurch. Sie hatte Angst. Ihre Finger klammerten sich an das Handy und sie hatte die Schultern weit hochgezogen, als wollte sie sich vor etwas schützen.
    "Weisst du, ich denke, dass du nichts lieber tun würdest, als jemandem zu erzählen, was wirklich passiert ist. Und ich bin hier um dir zu helfen, dir zu sagen, dass du das nicht tun musst. Ich weiss, dass dich jemand eingeschüchtert hat und wenn du mir hilfst, können wir ihn wegsperren. Hat er dir gedroht dir und deinen Eltern etwas anzutun?"
    "Ich weiss nicht wovon Sie da sprechen. Lassen Sie mich in Ruhe", kam es abweisend zurück, noch immer ohne sie mit einem Blick zu würdigen.
    "Ich bin hier um zu helfen, Aolani", wiederholte Sam. "Wenn du mir nur verrätst wer es war und was er gesagt hat, dann habe ich schon alles, was ich wissen muss, um dich und deine Familie zu beschützen."
    "Lassen Sie mich in Ruhe", war die sture Antwort, dann sah sie Sam in die Augen. "Entweder Sie gehen oder ich schreie und sage meinen Eltern, dass Sie mich belästigen!"
    Das war dann wohl nichts gewesen. Sie war viel zu eingeschüchtert um sich zu öffnen. Sam verspürte neben dem Stich der Enttäuschung Mitleid mit dem Mädchen. Jemand hatte sie gründlich verängstigt und dazu gezwungen dies zu tun. Im Moment konnte sie hier nichts mehr ausrichten und sie wollte nicht riskieren es sich mit den Eltern zu verscherzen. Also kramte sie ihre Karte hervor und legte sie neben das Mädchen auf das Bett.
    "Wenn du reden möchtest, egal worüber, ruf mich an. Ich bin zu jeder Zeit für dich da, Aolani." Dann wandte sie sich ab und verliess das Zimmer.


Erst als sie wieder im Wagen sassen, konnte sie Steve erzählen was passiert war. Er musste schon geahnt haben, dass die Befragung des Mädchens nichts abgeworfen hatte, aber stellte trotzdem einen enttäuschten Gesichtsausdruck zur Schau. Selbst die Bände sprechende Angst Aolanis, von der sie ihm berichtete schien ihn nicht zu beschwichtigen.
    "Vielleicht braucht sie einfach Zeit um über mein Angebot nachzudenken. Ich habe ihr ja die Karte da gelassen..."
    Steve machte nur ein abfälliges Geräusch, irgendwo zwischen einem Raunen und Schnauben. Als sein Telefon gleich darauf klingelte stiess er den Knopf der Freisprechanlage äusserst energisch an. Sam war erstaunt, dass er diesen nicht kaputt gemacht hatte. Aber offensichtlich war das nicht der Fall, denn Dannys Stimme erklang klar und deutlich im Wagenraum:
    "Richard hat gerade versucht sich auf Sams Laptop zuzugreifen. Toast hat das Signal nach Nihauhau zurückverfolgt."
    "Es heisst Ni'ihau", korrigierte Chin und schaffte es nicht ein Lachen in seiner Stimme zu unterdrückten.
    "Jaja, was auch immer. Jedenfalls ist er dort, aber das Signal ist abgestorben bevor es Toast genauer lokalisieren konnte."
    "Wir besprechen das wenn wir zurück im Hauptquartier sind. In zehn Minuten." Dann würgte er Danny ab ohne eine Antwort abzuwarten.
    Sie warf ihm einen Blick von der Seite zu und entschied die Klappe zu halten. Steve schäumte. Und gleich darauf wurde klar warum.
    "Weisst du was ich nicht verstehe? Wie konnte dieser Bastard eine Teenagerin davon überzeugen sich selbst öffentlich blosszustellen? Ich meine, wie krank muss man sein, um so etwas zu Wege zu bringen? Und ich darf mich jetzt mit dem sturen Gör herumschlagen, damit der Gouverneur höchstpersönlich das Gesicht nicht verliert. Falls das überhaupt noch zu retten ist..."
    Sam presste die Lippen aufeinander und zuckte mit dem Bein. Was sollte sie darauf schon erwidern? Ausserdem war sie im Moment ohnehin damit beschäftigt sich zu fragen, wie sie Richard aufspüren wollten und ob das Ganze wieder in einem Fiasko enden würde. Aber Steve wollte ohnehin keine Antwort haben. Er schäumte einfach weiter.
    "Und jetzt das! Ni'ihau? Danke auch! Keine Strassen, kein Strom, kein Handynetz. Wir dürfen uns auf einen Pferderücken schwingen und nach diesem anderen Bastard suchen. Ich freue mich so ungemein darauf, ich könnte kotzen!"
    Was war denn los mit ihm? So wütend hatte sie ihn noch nie gesehen. Und sie verstand auch nicht ganz was hier eigentlich vor sich ging. Vielleicht war seine Geduld einfach am Ende.
    "Was ist denn mit Ni'ihau? Wieso gibt es da keine Strassen und kein Handynetz?", fragte sie scheu, erwartete beinahe gleich angefahren zu werden oder eine gepfeffert zu bekommen.
    Doch Steve schien sich noch so weit im Griff zu haben, dass er seine Aggressionen einfach in seine Worte legte. Und in seinen Fahrstil, nicht zu vergessen. "Ni‘ihau ist in Privatbesitz. Da leben nur ein paar Eingeborene und die Familie, die die Insel besitzt. Und sie bewahren die Kultur, indem sie niemanden ohne Erlaubnis das Land betreten lassen und die Technik auf einem Minimum halten."
    "Ich verstehe..."
    Im Hauptquartier angekommen war Sam sehr froh, dass sie den wütenden Steve mit den anderen teilen durfte. Alle vier taten so, als würde ihnen nichts an ihm auffallen, aber es wurden allerseits ominöse Blicke getauscht. Natürlich nur dann, wenn er gerade nicht hinsah.
    "Okay", bellte er und rieb sich die Hände, als wollte er diese jemandem um den Hals legen und müsste sich mit dieser Geste davon abhalten. "Ni'hau ist ein intelligenter Schachzug. Keine Polizei, keine Küstenwache in den Gewässern auf der von Kaua'i abgewendeten Seite. Ausserdem ist da eine kleine Basis der Navy, die unbesetzt ist und nur dann gebraucht wird, wenn Raketenabschusstests durchgeführt werden. Mit seinen Fähigkeiten konnte er sich leicht unbemerkt dorthin absetzen und ich wette darauf, dass er sich nun da ausgebreitet hat, die Infrastruktur der Basis nutzt und sein verdammtes Netz spinnt. Aber wir werden es zerreissen! Noch heute."
    "Heute?", echote Danny und sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
    "Was passt dir nicht an heute? Hast du einen Friseurtermin?"
    "Nein, du Schlauberger. Aber übereilte Aktionen sind ... nun ja, übereilt. Hältst du das für eine gute Idee?" Als Danny nichts anderes als einen sengenden Blick unter einer angehobenen Augenbraue geerntet hatte, nickte er resigniert. "Dumme Frage. Natürlich hältst du das für eine gute Idee, Rambo."
    "Gut, nachdem wir das geklärt hätten - Chin, du informierst die Robinsons, dass wir kommen; Danny, du siehst zu, dass wir von der Hickam Air Force Base einen Helikopter kriegen, der uns so bald wie möglich hinbringen wird; Kono, du kümmerst dich um die Ausrüstung: Waffen, Satellitentelefone, Westen ... du weisst schon. Sam und ich gehen zum Gouverneur, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen. Wir treffen uns in zwei Stunden abflugbereit an der Basis."
    Geschäftiges Treiben brach aus, aber bevor Sam bewundern konnte wie das von Steves Befehlen geölte Uhrwerk der Five-0 anlief, schob er sie auch schon in Richtung des Ausganges.


Was war noch schlimmer als ein Helikopterflug mit Steve? Einer mit dem versammelten Team, welches sich so selbstsicher und völlig ruhig verhielt, als wäre das nichts anderes, als ein gemächlicher Sonntagsausflug. Ganz versammelt war das Team allerdings nicht; Grace war krank und so hatte sich Danny verständlicherweise von der Mission abgesetzt, nachdem er einen Anruf von seiner Exfrau erhalten hatte. Während also die anderen in aller Seelenruhe den Ausblick genossen oder mental darauf vorbereiteten was als Nächstes kommen würde, kämpfte Sam mit ihrer offenbar nicht ausgeheilten Flugangst.
    Aber selbst diese schaffte es nicht, die Sorge zu überdecken. Bereits der Gedanke, dass sie gerade dabei war Richard immer näher zu kommen, war unerträglich. Der brennende Wunsch ihn endlich zu fassen, rang mit dem Bedürfnis ihre Augen nie mehr auf seine Gestalt richten zu müssen. Sie warf Steve, der im Sitz gegenüber sass und aus der Seitenöffnung starrte, einen Blick zu und wurde dieses Ausdruckes auf seinen Zügen gewahr, der von stählerner Entschlossenheit sprach. Die Energie, die er ausstrahlte erschien ihr um ein Vielfaches gefährlicher, als das Gewehr, welches auf seinem Schoss ruhte. Plötzlich war sie sehr froh, dass sich seine Wut nicht gegen sie sondern gegen einen gemeinsamen Gegner richtete. Und dieser Gedanke brachte die Hoffnung zum Aufkeimen. Doch bevor dieser Empfindung Dinge erwachsen konnten, die persönlicher Natur waren, wandte sie sich von ihm ab und schob ihren Gefühlen einen Riegel vor.
    Der Flug zog sich hin, ebenso wie Sams Angst, die erst verstummte, als sie endlich den sicheren Boden wieder unter ihren Füssen hatte. Wie sicher dieser war, stand natürlich auf einem anderen Blatt geschrieben, aber dennoch; aus eigener Kraft vorwärts zu kommen fühlte sich unvergleichlich viel besser an. Selbst ein Pferd war der Fortbewegung in einer fliegenden Metallkiste vorzuziehen. Sie hatte schon lange nicht mehr auf einem Pferderücken gesessen, aber das war dem Fahrradfahren ähnlich; wenn man es einmal gekonnt hatte, dann waren die entsprechenden Pfade im Gehirn schnell wieder aktiviert.
    "Okay Leute", Steve wendete sein Pferd, sodass er ihnen entgegenblicken konnte, als sich alle in ihre Sättel geschwungen hatten. "Wir nähern uns der Basis vom Süden her. Mr. Nakamura, Sie halten sich wenn etwas passieren sollte an Dr. Haynes. Ich vertraue darauf, dass Sie sie im Auge behalten!"
    Der Mann neben ihr nickte und rückte seinen Waffengurt zurecht. Er war ihnen von den Brüdern Robinson, die die Insel besassen, zur Seite gestellt worden. Normalerweise leitete er die Jagdausflüge, die für wohlhabende Gruppen auf Ni'ihau abgehalten wurden - jetzt war er für Sams Sicherheit verantwortlich. Diese musterte den sehnigen Mann, der an einen Kampfsportler erinnerte und versuchte ihre Abscheu im Zaum zu halten. Von Menschen, die zum Spass Tiere jagten und töteten hielt sie nichts. Mehr noch. Zu gerne hätte sie ihn einmal gesehen, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären; voller Angst durch das Unterholz brechend, während ihm ein bewaffnetes Wesen auf den Fersen war, welches sich daran erfreute ihn bald niederstrecken zu können... Von ihren eigenen Gedankengängen abgeschreckt, kam sie schliesslich zu sich und machte sich stattdessen daran ihr Pferd in die Reihe einzugliedern.
    Der Ritt gestaltete sich lang und ereignislos. So hatte sie viel zu viel Zeit ihrer Sorge nachzuhängen und die Details der Geschichte herumzuwälzen, in die sie da geraten war. Als sie der Sog schliesslich ganz zu verschlucken drohte, versuchte sie sich mit der Betrachtung der Landschaft abzulenken.
    Es war eine befremdlich karge Landschaft, jedenfalls im Vergleich zu der verschwenderischen Pracht der anderen Inseln. Hier schien weniger Regen zu fallen und Sam wurde klar, dass es nur an dem Fehlen von Bergen liegen konnte. Es gab keine nennenswerten Erhebungen, die die Wolken so lange aufhalten konnten, damit genug von dem Nass auf die Erde fiel. Die einzige Erhöhung in der Landschaft war der Krater, auf den sie gerade zuritten. Es machte Sinn eine militärische Basis auf dem höchsten Punkt der Landschaft zu errichten. Nur ein Weg führte hinauf und diesem folgten sie nun.
    Wie besprochen blieb Sam mit diesem Nakamura zurück, als sie sich für Steves Geschmack dem Gelände genug genähert hatten. Alle stiegen ab, doch während sich Kono, Chin und Steve ausrüsteten und besprachen, stand sie da und sah sich wieder einmal mit der Sorge um das Team konfrontiert. Schliesslich zogen sie ab und relative Stille kehrte ein. Sam streichelte abwesend über die flaumigen Nüstern ihrer schwarz-weiss gescheckten Stute, kümmerte sich nicht um den Mann, der zu ihrem Schutz zurückgeblieben war.
    Stattdessen hörte sie auf die Stimmen der drei, die aus dem Satellitentelefon in Nakamuras Hand klangen. Sie wusste nicht was schlimmer war; das angespannte Warten, durchzogen von der Erwartung jeden Moment Schüsse zu vernehmen, die gezischten Befehle, die ab und an erklangen oder die klingende Stille dazwischen. Sam war einfach nicht dafür gemacht zu warten. Noch weniger, wenn gerade Dinge vor sich gingen, die so wichtig waren.
    Endlich kam wiederholt dieses eine, wunderbare Wort aus dem Lautsprecher: "Sicher." Ein Raum nach dem anderen schien durchkämmt und für rein befunden worden zu sein.
    "Er ist ausgeflogen", kam es eine Minute später knirschend vom Telefon. Steves Stimme klang selbst durch das Gerät hindurch wütend. "Sam, Mr. Nakamura - ihr könnt kommen."
    Erst jetzt wurde ihr klar, dass die fehlende Auseinandersetzung, die sie eben noch so erleichtert festgestellt hatte, nur bedeuten konnte, dass Richard doch nicht in der Basis war. Gespannt, was sie erwartete, brachte sie an der Seite des schweigsamen Mannes die letzten paar hundert Meter zur Anlage hinter sich. Der Anblick war enttäuschend. Drei Gebäude und eine Raketenabschussstation mitten drin. Bei weitem ansehnlicher war das Panorama von dem Kraterrücken, aber für dieses hatte sie im Moment so gar nichts übrig.
    Die drei kamen ihnen entgegen, die Waffen immer noch im Anschlag. Kono und Chin wirkten frustriert, aber Steve schien sich nur mit Mühe davon abzuhalten, sein Gewehr auf den Boden zu pfeffern oder seiner Wut anderweitig Luft zu machen.
    "War er hier?", verlangte Sam zu wissen.
    "Ja, da steht ein Laptop im Kontrollraum und in im anderen Gebäude scheint jemand geschlafen zu haben." Chin deutete zuerst hinter sich, dann nach links auf das kleinste Gebäude. "Aber sonst fehlt jede Spur von ihm."
    "Und was nun?"
    "Wir teilen uns auf", sagte Steve, der sich bereits wieder gefasst zu haben schien und nun auf den nächsten Schritt konzentriert war. "Chin und Kono, ihr geht nach Pu'uwai und befragt die Dorfbewohner. Mr. Nakamura, sie begleiten die beiden - die Leute kennen Sie und werden hoffentlich kooperieren, wenn Sie dabei sind. Ich gehe mit Sam zu den Robinsons. Wir halten uns über Funk auf dem Laufenden. Falls wir eine Spur finden, sammeln wir uns dort. Ansonsten treffen wir uns vor Einbruch der Dunkelheit wieder an der Bucht. Der Helikopter wird nicht auf uns warten."


***



Die Sonne stand bereits tief und noch immer hatten sie die Ranch nicht erreicht. Durch einen umgestürzten Baumstamm war der schmale Pfad, der direkt zu dem Grundstück führte mit den Pferden nicht passierbar gewesen. Also hatte er mit Sam einen Umweg genommen. Nun ritten sie schweigend hinter einander her, während sich der Zeitdruck langsam bemerkbar machte.
    Vor einer Weile hatten sich Chin und Kono gemeldet, um ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie die Hauptsiedlung der Insel erreicht hatten. Vielleicht würden sie mehr Glück haben. Da sie beide einheimisch waren, hatte sich Steve dazu entschieden sie zur Befragung der Dorfbewohner auszuschicken. Er, der wie ein Haole aussah, egal wie gut er sich präsentieren konnte, hatte sich mit Sam natürlich dem anderen Teil der Aufgabe widmen müssen.
    Sam. Ungewohnt still und zurückhaltend. So sehr ihn die Ereignisse des heutigen Tages auch einnahmen, ihre Anwesenheit war nicht zu ignorieren, denn diese sass ihm wie ein Dorn schmerzhaft im Fleisch. Ihm wurde bewusst, dass der Abstand über die drei Tage, in denen sie sich nicht gesehen hatten um einiges leichter zu verkraften gewesen war. Aber das hier? Es kam einer Folter gleich. Weder wusste er was in ihr vorging, noch konnte er seinen eigenen überschäumenden Empfindungen mit dem kühlen Kopf begegnen, den er von sich selbst erwartete. Nichts war, wie es sein sollte. Am liebsten hätte er sie dazu gebracht etwas zu sagen und in einem plötzlichen Anflug von Verzweiflung wünschte er sich sogar einen Streit herbei. Wenigstens hätte sie ihm dann jene Gedanken entgegen geschmettert, die sie jetzt für sich behielt. Während er sich aufgebracht fühlte, schien sie einfach nur niedergeschlagen zu sein. Oder war es Sorge? Steve konnte dies nicht genau einschätzen, da er sich nicht traute die Augen allzu lange auf sie zu richten, weil sich in diesen Momenten die brodelnden Gefühle in seiner Brust aufbäumten, als hätte man ihnen ein rotes Tuch vorgehalten. Da war sie also, lenkte ihr Pferd hinter dem seinen her und schwieg.
    Ausserdem schien sich der lange Ritt langsam bei ihr bemerkbar zu machen; obwohl er vorausging, so hatte er doch in der letzten Stunde einige Male mitbekommen, wie sie sich ungemütlich in dem Sattel gewunden hatte. Auch ihm machte die ungewohnte Belastung allmählich zu schaffen. Das Tempo zu beschleunigen kam deshalb nicht in Frage. Stattdessen trotteten sie einfach weiter vor sich her und hatten nur die Geräusche des Waldes als Begleitung. Zusätzlich zu den unausgesprochenen Dingen zwischen ihnen, natürlich.
    Hätte er gewusst, was ihn gleich darauf erwartete, wäre er mit dem äusserlich ereignislosen Ritt jedoch äusserst zufrieden gewesen. Es begann damit, dass ein Geräusch aus dem Gebüsch neben ihm erklang, so plötzlich, dass es selbst ihn überraschte. Gleich darauf brach ein ziemlich grosses, weisses Tier daraus hervor – ein Mufflon? - und rannte direkt vor den Hufen seiner Stute über den schmalen Pfad.
    Es kam wie es kommen musste; das Pferd stieg, um gleich darauf auch schon durchzugehen. Ein Entsetzensruf erklang hinter ihm, aber er konnte sich jetzt nicht um Sam kümmern. Er hoffte einfach darauf, dass sie Abstand hielt, um die Situation nicht zusätzlich zu verschärfen. Sein erster Impuls war beidseitig an den Zügeln zu zerren, aber er erinnerte sich selbst daran, dass dies nicht die richtige Herangehensweise war. Stattdessen lehnte er sich in dem Sattel nach hinten und zog den Kopf der Stute abwechselnd nach links und rechts. Doch sie schwenkte nur minimal aus und führte den rasenden Galopp unbeirrt weiter, gefangen in der Panik, die das plötzlich auftauchende Schaf ausgelöst hatte.
    Steve war sich sehr bewusst, dass da tiefhängende Äste waren, die ihn Kopf und Kragen kosten würden, wenn er das Tier nicht schleunigst wieder beruhigen konnte. Über das Donnern der Hufe hinweg versuchte er beruhigend auf es einzureden und als auch dies keine spürbare Veränderung einbrachte, beugte er sich nach vorne, griff nach den Gebissringen und begann daran zu ziehen, während er weitersprach. Vielleicht hätte dies sogar geklappt, wäre nicht gleich darauf ein scharfer Knick im Pfad gekommen. Überfordert durch all die Eindrücke stockte das rasende Tempo für einen Augenblick, dann stieg die Stute so endgültig und ruckartig, dass sie drohte nach hinten zu kippen. Steve wollte nicht riskieren unter dem Berg an Muskeln zu enden, also entschied er sich im Bruchteil eines Herzschlages dazu abzuspringen, liess sich zur Seite fallen und rollte sich von ihr weg.
    Doch das Abrollen auf Wurzelwerk und Steinen war nicht mit diesem auf einem ebenen Grund zu vergleichen. Während er also noch am Rande hörte wie die Stute weitergaloppierte, drangen vor allem die körperlichen Empfindungen eines misslungenen und überraschend schmerzhaften Sturzes auf ihn ein. Er kullerte unaufhaltsam über Stock und Stein, dann überschlug sich sein Körper noch ein letztes Mal, bevor er mit dem Rücken auf etwas Hartem auftraf und auf diese unsanfte Weise abgebremst reglos auf dem Waldboden zu liegen kam. Die Tatsache, dass das verdammte Gewehr zwischen seinem Rücken und dem Hindernis war, tat das Übrige. Das Metall bohrte sich in seinen Rücken, schnitt ihm erbarmungslos die Luft ab. Einige Momente vergingen, bis seine Lungen wieder einen Atemzug versuchten, doch weil es sich anfühlte, als hätte ihm jemand von hinten ein Messer in die Brust gerammt, stockte dieser im Ansatz und verwandelte sich in ein ersticktes Keuchen.
    "Steve! Oh mein Gott! Steve!"
    Augenblicke später hörte er wie sich Sam durch das Unterholz kämpfte, dann spürte er ihre Hände an seinem Gesicht. Blinzelnd kam sie in Sicht; die kreidebleichen Züge, die riesigen grauen Augen, die über seine Gestalt schweiften und den Weg, den sie damit beschrieb hastig mit den Händen nachverfolgte.
    "Bist du verletzt? Spürst du deine Beine?"
    "Ich spüre jeden verdammten Zentimeter meines Körpers", brachte er keuchend hervor. Dieser Satz hatte ihm so viel der spärlichen Atemluft genommen, dass er wieder nach dieser schnappen musste.
    "Kannst du dich bewegen? Aber langsam!"
    Er tat wie geheissen, regte sich um alles zu überprüfen. Zuerst den einen Arm, dann den anderen, schliesslich die Beine. Jeder einzelne Knochen tat weh, aber da war nichts gebrochen oder verstaucht. "Entwarnung", murmelte er schliesslich.
    Sam liess ihren Atem ruckartig entweichen, dann schob sie ihm die Hand unter den Rücken und half ihm sich aufzusetzen. Ihr fester Griff tat ihm an der lädierten Rückseite weh, aber er konnte gerade nicht sprechen, um ihr dies zu sagen. Eine Weile lang lehnte er einfach an der rauen Rinde des Baumes hinter ihm und erlaubte seiner Lunge ihre Arbeit wieder aufzunehmen, spürte wie sein rasender Puls langsam in einen normalen Bereich zurückkehrte.
    Sam nahm ihm das Gewehr ab, dann strichen ihre kühlen Finger über seine Stirne und so schlug er die Augen wieder auf. Sam betrachtete sein Gesicht, biss sich auf die Unterlippe, als sie dann den Kragen seines Hemdes zur Seite zog und dort offenbar etwas entdeckte, was ihr nicht zu gefallen schien.
    "Du bist völlig aufgeschürft. Überall! Und die Wunden sind voller Dreck - das bei dieser Luftfeuchtigkeit und all dem Mist, der hier in der Luft herumschwirrt!" Sie richtete die Augen wieder auf seine Züge. "Kannst du aufstehen?"
    "Natürlich kann ich aufstehen."
    "Oh, entschuldige bitte! Ich muss dich mit einem Menschen verwechselt haben", gab sie nervös von sich und besah sich schon wieder die Ausmasse seiner Verletzungen. Als sie schliesslich nach dem Stoff der aufgerissenen Cargohose griff, diesen zur Seite schlug und den Mund verzog, weil sie auch an seinem Oberschenkel eine Schürfung entdeckt hatte, erfasste er abwehrend ihre Hand.
    "Es brennt auch so schon genug, lass das. Hilf mir lieber wieder auf die Beine zu kommen. Steh auf und gib mir deinen Arm."
    Sie gehorchte rasch und so erfasste er ihrem Unterarm um sich daran hochzuziehen. Klugerweise stand sie so breitbeinig da, dass sie sein Gewicht nur minimal zum Schwanken brachte. Seine rechte Seite hatte die volle Wucht des Aufpralls abbekommen, wie er auch gleich darauf feststellte, als er sich auf den Weg zum Pfad machte, wo Sams Pferd stand. Sie wollte ihn stützen, aber er winkte ab; alleine ging es besser. Humpelnd, das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzogen, hievte er sich irgendwie in den Sattel, spürte dabei allem voran die wunde Stelle, an der sich das Gewehr in seinen Rücken gebohrt hatte. Sam hielt indessen die Zügel und als er sicher aufgesessen war, tat sie es ihm nach und kam vor ihm in dem Sattel zu sitzen. Dabei rutschte sie so weit nach vorne, wie es ging - dennoch war der Platz äusserst begrenzt.
    "Wohin?", fragte sie ruhig, nachdem sie sich notdürftig arrangiert hatten.
    "Zurück zu den Hütten an denen wir vorhin vorbeigeritten sind." Das Sprechen tat so weh, als hätte er versucht einen tiefen Atemzug zu tun.
    Mit einem Schnalzen und kleinen Zug an den Zügeln wendete sie die Stute, dann trotteten sie los. Auch das war unangenehm. Aber Steve konnte nur daran denken wie glimpflich er noch davongekommen war. Das Ganze hätte auch wirklich böse enden können.
    Nach einer Weile reichte er Sam das Satellitentelefon und wies sie an, Chin und Kono zu melden, was passiert war. "Sag ihnen, dass wir über Nacht einen Unterschlupf finden müssen und sie mit dem Laptop schleunigst ins Hauptquartier zurückkehren sollen."
    Nach einem hektischen Gespräch, welches er einigermassen teilnahmslos verfolgte, war beschlossen, dass Chin und Kono einen Transport für den nächsten Morgen organisieren würden, der sie beide von der Insel bringen würde. Ausserdem sollten sie La Roche und somit Dee von der Verspätung in Kenntnis setzen. Kono berichtete zudem, dass offenbar keiner der Bewohner Pu'uwais etwas Verdächtiges beobachtet hatte und so war der Laptop ihre einzige Ausbeute.
    Aber anstatt sich darüber zu ärgern, konnte Steve an nichts anderes denken, als an die Tatsache, dass Sams Rücken an seine Brust gepresst war, dass ihr Hintern an jener Stelle rieb, die eindeutige Gedanken in Richtung seines Gehirns sandte. Das gemeinsame Reiten in einem Sattel hatte etwas so Ursprüngliches und beinahe Wildes an sich, dass sein Körper trotz des Schmerzes Dinge einforderte, die gerade so jenseits von allem waren, dass es beinahe lachhaft war. Aber lachhaft oder nicht; er schlang seinen Arm um ihre Taille und spürte wie sie sich zuerst versteifte, um nach einigen Augenblicken schliesslich dennoch zu erweichen. Wie es aussah, hatte dieser Sturz auch eine Sonnenseite.
    Und wo er gerade an dieses Wort dachte, blickte er durch das Blätterdickicht über ihnen, stellte fest, dass die Dämmerung bereits angefangen hatte heraufzuziehen. Das rötliche Licht, die Ruhe, die sich über den Wald legte, sagte ihm, dass sie es nie geschafft hätten die Bucht wo der Helikopter auf sie wartete zu erreichen, selbst wenn sie es versucht hätten.
    Schliesslich kamen nach einer Weile die Hütten auch schon in Sicht. Steve zählte fünf Stück, die mitten in einer Lichtung im Kreis standen. Zwischen den Gebäuden aus Stroh brannten kleine Feuer, doch das grösste war zentral entfacht worden und aus der Ferne zeichneten sich menschliche Silhouetten gegen den goldenen Schein ab. Die Bewohner hatten sich offenbar darum versammelt, um die Nacht gemeinsam einzuleiten.
Etwa fünfzig Meter vor der kleinen Gebäudegruppe brachte Sam die Stute zum Stillstand, dann stieg sie ab. Sie schien nervös, jedenfalls soweit das Steve in dem spärlichen Licht beurteilen konnte. Auch er fragte sich, wie die Menschen auf sie reagieren würden, selbst wenn er auf die Gastfreundschaft vertraute. Schliesslich waren die Bewohner Ni‘ihaus aus einem bestimmten Grund isoliert und ihre kulturelle Privatsphäre empfand er als ebenso schützenswert, wie sie das taten. Dennoch brauchten sie Hilfe.
Er liess sich behutsam aus dem Sattel gleiten, dann schritt er mit Sam langsam auf die Gruppe zu, nachdem sie die Zügel um einen Baum gebunden hatte. Köpfe wandten sich in ihre Richtung und an diesem Punkt gab er eine freundliche Begrüssung von sich.
Eine alte Frau mit schlohweissem Haar erhob sich vom Feuer, trat auf sie zu und erwiderte den Gruss. Sie schien überrascht, als Steve auf Hawaiianisch zu erklären begann, dass sein Pferd durchgegangen und ihre Möglichkeit von der Insel wegzukommen bei Sonnenuntergang verspielt gewesen war. Die Worte kamen stockend und nicht so fliessend, wie er das gerne gehabt hätte, aber die Frau hatte verstanden. Auf seine unbeholfene Entschuldigung hin, dass sie so bei ihnen hereingeplatzt waren, winkte sie lächelnd ab. Dann trat sie näher an ihn heran, umfasste sein Gesicht mit beiden Händen, drehte es zur Seite um sich die Schürfung anzusehen. Ihre Berührung war warm und mütterlich; er konnte nicht anders, als ihr ein Lächeln zu schenken. Sie nickte wissend, liess ihn los, dann wandte sie sich an Sam und betrachtete sie für einen Moment, neugierig und wohlwollend zugleich. Als die Lage hinreichend erfasst war, drehte sie sich um und richtete ein paar Worte an die versammelten Mitglieder ihrer Familie. Steve verstand so gut wie nichts davon; der Dialekt auf Ni’ihau war besonders und unterschied sich von dem der restlichen Inseln, weil er noch ursprünglich und dem alten Hawaiianisch noch am nächsten war.
Erst jetzt erhoben sich auch die anderen und kamen näher. Die Menschen schienen positiv gestimmt und da waren nichts als freundliche Augen auf sie gerichtet. Jemand eilte davon um die Stute hinter eine der Hütten zu bringen. Ein kleiner Junge von vielleicht vier Jahren stürmte auf Sam zu und streckte die Arme fordernd nach ihr aus. Mit einem erfreuten Lachen erfasste sie ihn und hob ihn hoch, um seinen kleinen, braunen Körper auf ihrer Hüfte zu platzieren. Sofort begann er ihr schwarzes Haar und die helle Haut mit den Fingerchen zu erkunden, dann bettete er seinen Kopf vertrauensvoll auf ihrer Schulter, nachdem er festgestellt hatte, dass sie echt war. Sam hob die freie Hand und strich ihm über die Wange. Der liebevolle Ausdruck auf ihren Zügen traf Steve aus irgendeinem Grund mitten ins Herz. Er hinterfragte das nicht, starrte sie stattdessen versunken an, bis sie den Kopf in seine Richtung wandte und ihn anstrahlte, als wollte sie sagen: Sieh nur, der Kleine mag mich! Er nickte grinsend und dachte bei sich, dass das für ihn nicht im Mindesten so überraschend kam, wie für sie.
Die alte Frau hatte das alles ebenso wohlwollend verfolgt, dann sagte sie etwas, was er schon wieder nicht verstand, aber ihr Winken liess vermuten, dass sie ihr folgen sollten. Sie schritt voraus, auf eine der Hütten zu, dann schlug sie die Matte, die den Eingang verdeckte zur Seite und bedeutete ihnen einzutreten.
Steve kam sich vor, als hätte er gerade eine Zeitreise gemacht. Traditionelle Hütten dieser Art hatte er bisher nur auf alten Fotografien gesehen. Sam sah sich ebenso erstaunt wie er um. Während sie den Jungen noch immer trug, legte sie den Kopf in den Nacken um die Höhe der Hütte einzufangen, deren Firstbalken sich etwa drei Meter über dem Boden befand. Wände im klassischen Sinn gab es nicht, da sich das Dach einfach bis zum Grund fortsetzte, wodurch sie in einem länglichen, pyramidenartigen Raum befanden.
Im Inneren der Hütte roch es nach dem süssen Gras, mit dem das Holzgerüst ausgefüllt worden war. Das kleine Feuer in der entfernten linken Ecke erfüllte den Raum zudem mit einer nicht unangenehmen Spur von Rauch. Gegenüber dem Feuer befand sich eine niedrige Schlafstätte, die offenbar aus den grossen, flechtbaren Blättern der Bananenpalme gefertigt und mit Heu gepolstert war. Doch das war durch das darauf ausgebreitete, farbige Tuch nicht eindeutig festzustellen. Der Boden war mit weichen Bastmatten ausgelegt, welche jedoch um das Feuer herum eine grosse Aussparung aufwiesen. Links und rechts neben dem Eingang standen Körbe in allen möglichen Grössen, aber da sie alle Deckel hatten, war nicht zu erkennen, was sich darin befand. Neben dem Feuer war eine lange Holzbank aufgestellt worden, deren Füsse mit aufwändigen Schnitzereien geziert waren.
Mit einer ausschweifenden Geste fasste die Frau den gesamten Raum ein, dann nickte sie ihnen zu, als wollte sie sagen, dass ihnen die Hütte für die Nacht gehören würde. Steve nickte und bedankte sich und weil Sam das Mahalo auch verstanden hatte, fiel sie in darin ein, schenkte der Alten ein strahlendes Lächeln. Dann wandte sie sich an Steve:
„Frag sie ob sie Alkohol da hat, damit wir deine Schürfungen desinfizieren können.“
Von dieser Aussicht nicht besonders begeistert tat er wie geheissen, worauf die Frau abermals nickte, dann liess sie sie in der Hütte zurück. Steve humpelte zum Bett und setzte sich, wobei er feststellte, dass dieses tatsächlich mit ebenjenem süsslich duftenden Gras gepolstert war, aus welchem auch die eng geflochtenen Wände bestanden. Sam hingegen schlenderte durch den Raum, betrachtete jedes Detail, als hätte ihr jemand aufgetragen sich alles zu merken. Der Junge in ihren Armen schien eingeschlafen zu sein. Noch immer hielt sie ihn fürsorglich umfangen, strich ab und ab über sein Haar. Steve dachte daran zurück, dass Dee zwei Söhne hatte, die vielleicht sogar in einem ähnlichen Alter waren und tippte darauf, dass sie der Kleine an ihre Neffen erinnerte.
Nach wenigen Minuten tauchte die Alte wieder auf. Im Schlepptau hatte sie eine junge Frau, die schüchtern ihrer beider Blick mied. Der Korb, den sie in den Händen hielt wurde neben dem Bett abgestellt, dann zog sie sich in Richtung des Ausganges zurück, als wollte sie die Hütte so schnell als möglich verlassen, aber auf eine entsprechende Erlaubnis der älteren Frau warten musste. Diese hingegen stellte eine bauchige Holzschale auf die Bank und hatte sogar ein Tuch mitgebracht, welches sie daneben ablegte. Sie deutete auf den Korb und gab ein Wort von sich, das Steve als Nahrung identifizierte. Wieder bedankten sich beide, dann streckte sie die Arme nach dem Jungen aus und löste ihn langsam aus Sams Griff. Der Kleine regte sich schwach, aber sobald ihn die alte Frau an sich gepresst hatte, schlief er weiter. Mit einem letzten Lächeln wandte sie sich ab und schon fiel die Matte wieder an Ort und Stelle, liess die beiden alleine in der Hütte zurück.



***


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Zuletzt von Roux am Di Sep 10, 2013 12:26 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   So Sep 08, 2013 7:55 pm

Sam hob die Holzschale, die zur Hälfte mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war, hoch und schon stieg ihr der beissende Geruch von hochprozentigem Schnaps in die Nase. Sie wandte sich Steve zu, der noch auf dem Bett sass und sie mit einem Blick bedachte, den sie nicht deuten konnte.
„Dann zieh dich mal aus“, befahl sie trocken, erstaunt über die Tatsache, dass sie ihre Stimme im Griff hatte, obwohl ihr Inneres ob der Aussicht gleich einen spärlich bekleideten Steve vor sich zu sehen in Aufruhr war. Und es war keine positive Art der Aufruhr. Ganz im Gegenteil. Sie wünschte sich einfach nur noch weit weg, um dieser verworrenen Situation zu entkommen.
Seine Augenbraue hob sich ein kleines Stück weit gen Decke, dann ergriff er den Saum seines verdreckten Hemdes, zog es sich über den Kopf, wobei ihm, als es gleich darauf geschafft war, verdächtige Röte ins Gesicht stieg. Die Schmerzen mussten höllisch sein, aber die veränderte Gesichtsfarbe war der einzige Hinweis darauf. Kein Ton kam über seine Lippen. Er warf das Hemd auf den Boden, dann richtete er sich auf, um sich der zerrissenen Hose zu entledigen, nachdem er die Schuhe abgestreift hatte. Sam wusste nicht wohin sie ihre Augen richten sollte, obwohl es da natürlich nichts gab, was sie nicht schon gesehen hatte. Aber darin lag auch das Problem. Als sie schliesslich widerwillig zu ihm sah erkannte sie, dass er gerade wieder dabei war sich auf das Bett zu setzen.
Okay. Du schaffst das. Entschlossen trat sie auf ihn zu, die Schale und das Tuch waren dabei ihre einzigen Anker in diesem Vorhaben. Weil es nicht anders ging, fasste sie seinen rechten Oberschenkel mit ihren Knien ein, damit sie ihn auch erreichen konnte. Sam drückte ihm den Alkohol in die Hand, dann benetzte sie den Stoff und machte sich daran die aufgeschürfte rechte Seite seines Gesichtes zu säubern. Mit einem entschiedenen Griff umfasste sie sein Kinn und führte seinen Kopf nach hinten und zur Seite, dann tupfte sie die Haut ab. Steve zuckte bei der ersten Berührung unwillkürlich zurück, aber liess die Prozedur schweigend über sich ergehen. Kaum hatte sie das Blut abgewischt, traten unzählige neue Tropfen aus, bedeckten die weggescheuerte Haut, die furchtbar anzusehen war. Ausserdem war da eine aufgeplatzte Stelle an seiner Augenbraue.
Sam starrte stur auf die Verletzung und wünschte sich er würde wegsehen; dass die blauen Augen unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet waren, lenkte sie ab und machte sie nervös. Was gab es denn da so zu glotzen? Aber obwohl ihr diese Frage auf der Zunge lag, schluckte sie die Worte herunter und war froh, dass sein Gesicht bald darauf hinreichend gesäubert war. Das wiederum hiess jedoch, dass sie sich jetzt den weniger unverfänglichen Stellen widmen durfte.
„Kannst du bitte aufstehen?“, presste sie hervor und als er das getan hatte, war der lädierte Oberkörper auch schon besser zugänglich.
Sie widmete sich dem Schlüsselbein, dann der Schulter und schliesslich dem Arm. Alles war voller Blut und sie wollte sich gar nicht ausmalen wie sehr es brannte. Um seinen Ellenbogen zu erreichen musste sie seinen Unterarm ergreifen und beugen. Natürlich hätte er das auch selbst machen können, denn dumm war er ja nicht. Aber er machte das mit voller Absicht, dessen war sie sich sicher. Dieses regungslose Abwarten was sie machen würde, das fehlende Entgegenkommen. Obwohl sein Gesicht ausdruckslos war – dessen Anblick sie ohnehin mied – so war es doch sonnenklar, dass er dieser Behandlung mehr abgewinnen konnte, als sie das tat. Die Hitze, die er ausstrahlte war dabei sie zu versengen. Sie arrangierte ihre Züge auf eine hoffentlich neutrale Weise, dann ergriff sie seine Hand, die schwer und warm in der ihren lag, damit sie die zerschrammten Knöchel behandeln konnte.
Doch das Schlimmste stand ihr noch bevor. Einen Moment lang rang sie mit sich selbst, dann biss sie die Zähne zusammen und ging vor ihm auf die Knie. Fantastisch, wirklich fantastisch… Die Situation hätte vielleicht etwas Komisches an sich gehabt, wenn ihr nicht stattdessen danach zu Mute war ihm die Schüssel über dem Kopf auszuleeren. Wieso zum Henker tat sie das eigentlich? Selbst hätte er das auch hingekriegt, wieso war sie also gerade in dieser Position, die sie unaufhaltsam an Dinge denken liess, die sich vor nicht allzu langer Zeit in seiner Dusche zugetragen hatten?
Weil sie einige schreckliche Minuten lang geglaubt hatte ihn verloren zu haben. So einfach war es. Das Blut von seiner Haut zu tupfen, sicherzustellen, dass er sich keine Infektion einfangen würde, war das Einzige, was sie davon überzeugen konnte, dass er noch sehr lebendig war. Selbst wenn ein Teil von ihr wünschte sich in eine andere Hütte flüchten zu können, so war dies genau der Ort, an dem sie jetzt sein musste. Also säuberte sie die grossflächige Wunde an seinem Oberschenkel, versuchte nicht daran zu denken, was gerade in ihm vorgehen musste und konzentrierte sich stattdessen darauf den fiesen Schnitt nahe seines Hüftknochens von dem Dreck zu befreien. Dafür musste sie den zerschlissenen Stoff der Boxershorts natürlich anheben, was ihr ganz und gar nicht behagte.
Endlich, endlich war es vollbracht. Sam richtete sich hastig auf, aber gerade als sie ihm die Schale wieder abnehmen wollte, bückte er sich, verzog dabei das Gesicht und stellte diese auf den Boden. Weg. Sie musste weg. Aber wohin? Ja genau, das Feuer musste bestimmt ein bisschen geschürt werden. Oder auch nicht…
Verflucht schnell wie er eben war, ergriff er ihren Oberarm und hielt sie davon ab sich zu entfernen. Schweigend bohrte er seinen Blick in den ihren. Sie blinzelte ihm entgegen, überfordert und in die Ecke gedrängt.
„Wieso hältst du mich fest?“, hauchte sie schliesslich, als die Stille unerträglich wurde. Sie versuchte gar nicht erst sich aus seinem Griff zu winden.
„Weil ich genug habe“, kam es rau zurück.
„Wovon?“
„Von diesem kleinen, lächerlichen Tanz, den wir hier aufführen.“ Wieso klang er eigentlich bedrohlich und verführerisch zugleich? Das war doch ein Ding der Unmöglichkeit.
Sam wandte den Kopf zur Seite und schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiss nicht was du damit meinst“, log sie. Was blieb ihr auch anderes übrig?
„Lüg mich nicht an“, verlangte er leise. „Nicht jetzt.“
Widerwillig richtete sie ihre Augen wieder auf ihn, auf dieses zerschrammte Gesicht, dessen Anblick sich so ungebremst in ihre Seele brannte, dass es kaum auszuhalten war. Auf einen Schlag wurde ihr bewusst, dass er ebenso überfordert war wie sie. Aber anstatt sich zurückzuziehen, hatte er sich dazu entschieden in den Angriff überzugehen. Das überraschte sie nicht im Mindesten, weil es so typisch Steve war, dass sich ihr Herz schmerzhaft verkrampfte.
„Was willst du von mir?“, flüsterte sie, weil ihre Stimme gerade ebenso schwach war, wie auch alles andere an ihr.
„Wieso bist du weggegangen?“
Weil ich dich liebe, du Idiot! „Weil es das einzig Richtige war.“
„Wieso bist du weggegangen?“, wiederholte er stur, noch eindringlicher und verstärkte den schmerzhaften Griff an ihrem Arm.
„Weil … weil … ich nicht mehr in deiner Nähe sein konnte!“, sagte sie laut und funkelte ihn an. „Bist du jetzt zufrieden?“
„Also war die Sache mit meiner Sicherheit eine Ausrede?“ Die geblähten Nasenflügel, der flammende Blick, seine schneidende Stimme – er war gerade die Unnachgiebigkeit in Person.
„Ja, verdammt! Es war eine Ausrede, okay?“, zischte Sam. Sie war so unglaublich wütend. Aber nicht auf Steve, sondern auf sich selbst, weil sie spürte, wie ihr unwillkommene Tränen in den Augenwinkeln brannten. Du wirst jetzt nicht heulen, dumme Gans!
„Wieso?“ Offenbar hatte er nichts mehr anderes als Fragen parat.
Wieso? Weshalb? Warum? Was ist los mit dir? Worauf zielst du mit dieser Fragerei eigentlich ab?“
„Auf Klarheit. Eine Aussprache, wenn du es genau wissen willst.“ Je wütender sie wurde, desto gelassener schien er wiederum zu werden. Eigentlich sah er sogar ganz so aus, als wäre er zufrieden. Auf eine verdrehte, grimmige Weise zwar, aber dennoch zufrieden.
„Dann mach doch den Anfang!“ Herausfordernd schloss sie den Raum zwischen ihnen, sodass sie nun zu ihm aufblicken musste, um ihn so anzufunkeln wie ihr gerade danach war. Dieses dumme Vorgehen konnte sie nämlich genau so gut durchziehen wie er. „Wieso willst du, dass ich zurückkomme?“
Sie hatte erwartet, dass er mit einer Gegenfrage parieren oder sich gar abwenden würde, aber stattdessen schwieg er einige Herzschläge lang. Der Moment dehnte sich aus, kratzte an der Grenze des Unerträglichen, während er sie so offen ansah, dass sie das Gefühl hatte direkt in seine Seele zu blicken. Und was sie da erkannte, liess sie innerlich zurückschrecken, als hätte er sie geschlagen.
„Weil ich dich brauche“, kam es schlicht über seine Lippen.
Okay, das waren nicht jene drei Worte, die er an dieser Stelle hätte sagen müssen, aber sie schimmerten so deutlich durch, dass es auch gar nicht nötig gewesen war sie auszusprechen.
Sam wusste nicht wie ihr geschah. War es das? Hatten sich die Fronten so schnell und brutal geklärt? Und wieso war die Freude über sein Geständnis so schwach, dass sie praktisch nicht existent war? Da war nur Chaos und Verwirrung – und Angst.
Plötzlich liess er sie los und beschied sich damit einfach vor ihr zu stehen, abwartend und geduldig, als wüsste er was in ihr vorging. Wenigstens jemand, der klar denken konnte.
Aber eigentlich ging es hier nicht um den Verstand. Nein, es ging um ihre beiden Herzen, die sie hinterrücks überfallen und beinahe alles zerstört hätten. Das war doch schlichtweg nicht richtig! Solche Dinge sollten doch einfach sein. Aber vielleicht waren sie das auch. Vielleicht war es einfach sie, die gerade alles verkomplizierte. Da stand der Mann und hatte sich für seine Verhältnisse so weit geöffnet, wie sie es niemals für möglich gehalten hätte. Er, der Stählerne, Kontrollierte. Und sie, die eigentlich ihr Herz auf der Zunge trug, sich selbst stets für überemotional gehalten hatte, war gelähmt vor Furcht, konnte ihre Gefühle weder anerkennen, noch aussprechen.
Es fühlte sich an, als wäre da ein spitzer, glühender Dolch mitten in ihrem Herzen. Und dieser trug jenen Namen, an den sie jetzt gerade nicht denken wollte. Dennoch formte er sich in ihrem Geist und das Bild dieses verzerrten, bösartigen Lächelns, welches der Anfang vom Ende gewesen war, sprang sie an. Die Scham, der Selbsthass, der Schmerz des Betruges; all die verdrängten Dinge bäumten sich wie sprichwörtliche Dämonen auf. Sie waren hässlich und bedrohlich, aber nicht unbesiegbar. Das wurde ihr plötzlich klar. Sie hatte ihnen Nahrung gegeben indem sie sie weggesperrt hatte. Aber Steve hatte die Tür zu dem Verliess aufgebrochen. Er hatte ihr gerade das Werkzeug in die Hand gelegt, mit welchem sie die Bestien niederstrecken konnte.
Der Dolch rutschte langsam heraus, dann hatte er ihr Herz verlassen. Es tat noch weh, fürchterlich weh, aber die Ungeheuer zerflossen vor ihrem inneren Auge und zurück blieb nur eine Wunde, von der sie wusste, dass sie nun zu heilen beginnen konnte. Dee hatte recht gehabt. Mit allem. Sie hatte sich selbst bestraft, weil sie sich so furchtbar geschämt hatte. Sie hatte Steve von sich gestossen, weil sie sich unwürdig gefühlt hatte.
Glücklicherweise war er kein Mann, der einfach aufgab. Er war ihr wunderbarer, starker Kämpfer. Und er empfand das Selbe wie sie. Wunderbarer, süsser Balsam ergoss sich über ihr Herz und sie atmete durch, wie sie es seit Tagen nicht mehr gekonnt hatte.
„Steve, ich…“, begann sie, ohne zu wissen was sie eigentlich sagen wollte.
Aber er schüttelte lächelnd den Kopf, dann ergriff er ihre Hand, um sie an sich zu ziehen. Seine Wärme umgab sie, als er die Arme um ihre Taille schlang. Einen Moment lang sah sie zu ihm auf, begierig jede Linie seiner Züge in sich aufzusaugen, als würde sie ihn zum ersten Mal richtig sehen. Vielleicht stimmte das auch auf eine Weise. Da war nichts mehr von dem übrig, was sie eben noch voneinander getrennt hatte. Keine Barrieren, kein Zögern, keine Ängste. Nur noch diese himmlische Gewissheit, dass sie beide dasselbe empfanden.
Seine Augen spiegelten ihr Inneres und sie liess sich sinken, trank das Blau, erkannte mit einem flatternden Glücksgefühl in der Brust, dass er sich im Gegenzug in den ihren verlor. Der Blickkontakt wurde so intensiv, dass sie diesen schliesslich unterbrach indem sie die Lippen auf seine legte. Behutsam und sanft, mit dem Wunsch es so gemächlich auszukosten, als wäre dies ihr erster Kuss. Während sie die Schlichtheit der Begegnung genoss, hielt sie sich an seinen nackten Schultern fest, dann löste sie sich von ihm.
Sie hob die Hand und strich über die unversehrte Seite seines Gesichtes. Dabei musste sie daran denken wie knapp er einer ernsthaften Verletzung entkommen war und spürte unendliche Dankbarkeit. Da spielte ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel, als er seine Finger durch ihr Haar gleiten liess, dann legte er diese in ihren Nacken.
„Ich habe dich vermisst. Tu das nie wieder“, kam es leise über seine Lippen und obwohl es als Befehl formuliert war, klang es doch eher nach einer Bitte.
Sam nickte und presste sich näher an ihn. „Es tut mir leid.“ Einen Moment lang schwieg sie, dann fügte sie an: „Für mich war es auch furchtbar…“
„Das hoffe ich doch“, murmelte er, dann beugte er sich zu ihr herab, um ihr einen Kuss zu entlocken.
Sein Vorgehen war bedächtig und als ein Schauer durch seine Glieder lief, sich auf ihre übertrug, wurde ihr klar, dass er sich gerade zurückhielt, um den Moment nicht zu zerstören. Doch dieser war ihr wiederum egal. Mit einem Seufzen schlang sie die Arme um seinen Nacken und öffnete die Lippen, um ihn einzulassen. Diese Einladung schien mehr als willkommen; sie spürte seine Zunge an ihrer, fühlte seine wandernden Finger, die unter den Stoff ihrer Bluse glitten, um dort über die nackte Haut ihres Rückens zu streichen.
Sie wollte es, wollte ihn, aber er war schrecklich zerschrammt und morgen würde er vermutlich grün und blau sein. Also riss sie sich mit einer unglaublichen Anstrengung von seinen Lippen los und sah ihm ins Gesicht.
„Wir sollten warten bis du wieder heil bist“, murmelte sie an seine Wange und hoffte im Grund ihres Herzens darauf, dass er ihr widersprechen würde.
„Nein, das sollten wir nicht, Milky“, kam es zurück, dann erfasste er ihr Gesicht um es wieder an seines zu führen.
Sam stutzte, dann drückte sie den Rücken durch, brachte Abstand zwischen ihrer beider Oberkörper und sah ihn fragend an. „Milky?“
„Uh-huh. Dein Spitzname. Gefällt er dir nicht?“ Das schiefe Grinsen und sein Versuch sie wieder an sich zu pressen brachten jedoch nicht die gewünschte Wirkung.
Sie stemmte die Hände gegen seine Brust und runzelte die Stirne. „Was bin ich? Eine Kuh?“
Dieses Mal drückte er sie unerbittlich an sich, strich ihr Haar bei Seite, dann senkte er seine Lippen auf ihren Hals und begann die Stelle unter ihrem Ohr zu küssen. „Nein, das ist ein Kompliment an deine Haut … deine herrliche, unwiderstehliche Haut … und jetzt halt die Klappe und lass sie mich kosten“, murmelte er an diese, dann liess er seine Zunge vorschnellen.
Ein langgezogenes Seufzen entwand sich ihr, obwohl sie eigentlich widersprechen und sich gegen den lächerlichen Spitznamen wehren wollte. Stattdessen neigte sie den Kopf helfend zur Seite und flüsterte: „Das ist nicht fair. Du weiss genau, dass mich das schwach macht…“
„Soll ich aufhören?“, fragte Steve zwischen zwei Küssen.
„Wehe! Du darfst nie mehr damit aufhören…“
Ein leises Lachen erklang, dann: „Darf ich mich wenigstens setzen, wenn ich das für immer machen soll?“
„Oh Gott! Das habe ich beinahe vergessen“, keuchte sie und wand sich aus seinem Griff. „Du legst dich sofort hin und … ähm … sportliche Aktivitäten sind gestrichen!“ Sie deutete gebieterisch auf die Schlafstätte.
Aber Steve fing sie wieder ein und ging stattdessen auf die Holzbank zu, während er sie mit sich zog. „Ich mag angeschlagen sein, aber dafür gibt es eine einfache Lösung…“ Langsam liess er sich auf die glatte Oberfläche sinken und sah nun zu ihr auf, die Hände auf ihrer Taille, die Beine fest um die ihren geschlossen, damit sie ihm nicht wieder entwischen konnte.
„Die da wäre?“, fragte sie, obwohl ihr bereits dämmerte worauf er hinaus wollte.
„Dieses Mal wirst du ran müssen.“ Seine Worte und das Funkeln in den eindeutig vor Lust umwölkten Augen sandten einen Schauer über ihren Rücken.
„Sieh an … Commander McGarrett gibt das Zepter aus der Hand – dass ich das noch erleben durfte!“ In Gedanken war sie bereits dabei sich das von ihr Eingeforderte auszumalen, was sofort eindeutige Reaktionen in ihrem Körper aufleben liess.
„Das Zepter habe hier immer noch ich“, erwiderte er mit einem anzüglichen Grinsen, dann begann er die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen. „Aber du hast die Erlaubnis damit zu machen was du willst.“
„Wie grosszügig“, gab Sam von sich, abgelenkt von seinem Tun und der Art und Weise wie er ihren entblössten Bauch ansah, die Augen schliesslich auf den BH richtete, als überlegte er wie schnell er ihr diesen ausziehen konnte. Was hatte er noch gesagt? Sie sollte ran? „Dann verfüge ich, dass du jetzt still hältst!“
Langsam liess sie den Stoff der Bluse von ihren Armen gleiten, dann öffnete sie den BH und liess sich viel Zeit diesen abzustreifen. Während er damit abgelenkt war sie zu beobachten, schaffte sie es ihre Beine aus dem Schraubstock zu befreien und entfernte sich ein Stück weit. Kaum waren ihre Brüste entblösst, streckte Steve die Hand nach ihnen aus, aber sie klopfte ihm auf die Finger und schüttelte mit einem Zwinkern den Kopf. Doch er beabsichtigte offensichtlich nicht sich ihrem Tempo zu fügen. Erst kniff er die Augen zusammen, dann griff nach ihrem Gürtel und zog sie wieder an sich, um diesen, gefolgt von der Hose, zu öffnen.
„Du kannst einfach nicht delegieren“, stellte sie lächelnd fest, als er den Stoff nach unten schob, dann streifte sie den Rest ab und schob die Hose mit dem Fuss bei Seite.
„Willst du unvorbereitet auf das Zepter losgelassen werden?“, murmelte er, bettete das Gesicht zwischen ihren Brüsten und funkelte zu ihr auf.
Sam sah davon ab ihm zu erklären, dass sie keinerlei Vorbereitung mehr brauchte. Es erschien ihr, als wäre das letzte Mal Ewigkeiten her und der ganze Druck, der sich in der Zwischenzeit aufgebaut hatte, die Erleichterung über die Entwicklung der Ereignisse, die Atmosphäre, die gerade vorherrschte – das alles war bereits Erregung genug. Aber mehr konnte ja nicht schaden… Also schwieg sie, genoss die Aufmerksamkeit, die er ihren Brüsten schenkte, liess ihre Finger durch sein Haar gleiten.
Irgendwann streifte er mit einem geschickten Ruck den Rest ihrer Unterwäsche herab und schon fand seine Hand den Weg zu ihrem Schoss, entlockte ihr damit ein Keuchen, liess überwältigten Schwindel aufkommen. Eine Weile liess sie ihn gewähren, doch als sie es nicht mehr aushielt, entzog sie sich seiner Umklammerung um sich vollständig auszuziehen. Steve verzog das Gesicht während er dasselbe mit seinen Boxershorts machte, doch als dies getan war, liess nichts mehr darauf schliessen, dass er Schmerzen hatte. Stattdessen glitt sein glühender Blick über ihre nackte Gestalt und er sah ganz so aus, als hielt er sich nur mit Mühe auf der Bank. Sam jedoch war verunsichert und noch während sie sich vorsichtig auf seine Oberschenkel sinken liess, fragte sie sich ob das wirklich eine gute Idee war. Wie immer hatte er in Sekundenschnelle an ihrem Gesicht abgelesen was in ihr vorging.
„Komm her, Milky!“, verlangte er und da war etwas Heiseres an seiner Stimme, als er das sagte. Besitzergreifend bohrten sich seine Finger in ihre Taille und er drückte sie so entschieden zu sich herab, dass ihr die Luft wegblieb. Es fehlte nicht viel; ein kleines Kippen der Hüfte hätte gereicht und es wäre passiert.
„Wenn du nicht aufhörst mich so zu nennen, lasse ich dich mit deinem Zepter alleine.“ So entschlossen die Worte auch formuliert waren, sie dachte nicht daran diese in die Tat umzusetzen - und so hörte sie sich auch an. Das verlockende Gefühl seine nackte Haut auf der ihren zu spüren, die verheissungsvolle Offensichtlichkeit seiner Erregung, brachte sie nicht nur dazu an Ort und Stelle zu bleiben, sondern seine Mitte noch begieriger mit den Beinen zu umschliessen.
Er hingegen begann abermals ihren Hals zu küssen, die Arme fest um ihren Körper geschlungen, erdrückte sie beinahe, als befürchtete er, dass sie ihm gleich wieder entwischen könnte. „Ich verbiete dir alles, was damit zu tun hat mich alleine zu lassen“, flüsterte er an ihrem Ohr. „Verstanden?“
„Verstanden…“
„Keine Alleingänge, keine fremden Häuser und Beschützer“, begann Steve aufzuzählen, während er einen Kuss nach dem anderen auf ihre Haut zauberte, dabei eine Linie in Richtung ihres Mundes beschrieb. „Keine Ausflüchte, keine Pläne ohne meine Zustimmung und vor allem keine Vorhaben, die dich von mir fern halten sollen…“
Schliesslich fing er ihren Blick ein, rieb seine Nase träge an der ihren. „Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Glasklar“, antwortete Sam leise, spürte seinen Worten nach, die ihr das Herz aufgehen liessen. Derlei Besitzansprüche hätten, wären sie von einem anderen Mann gekommen, das genaue Gegenteil bei ihr bewirkt. Aber es war Steve. Diese Dinge kamen aus einem Winkel seines selbst, der sich gerade geöffnet, einen Einblick auf seine Wünsche und nicht zuletzt auch auf seine Ängste eröffnet hatte. Und so verspürte sie Glück, Dankbarkeit und eine Liebe, die sich glühend in ihr ausbreitete. „Was bekomme ich für meinen Gehorsam?“
„Alles. Alles, was du willst…“ Nun liess er seine Lippen sachte über die ihren streichen.
„Ich will nur dich“, wisperte sie, klammerte sich nun so verzweifelt an ihn, wie er dies gerade mit ihr tat.
Seine Augen glitten über ihr Gesicht und der Ausdruck in ihnen war so liebevoll, dass sie es beinahe nicht glauben konnte. „Du hast mich, Sam.“ Und mit dieser Aussage presste er die Lippen auf ihre, küsste sie so innig, wie er sie gerade noch angesehen hatte.
Völlig überwältigt erwiderte sie den Kuss, hatte das Bedürfnis jedes noch so kleine Luftpartikelchen zwischen ihnen ausmerzen zu wollen, als sie sich dabei an ihn presste. Das unbeschreibliche, tiefe Glück war so vollkommen, dass nichts anderes mehr wichtig war. Die Welt bestand nur noch aus der Hütte und ihnen beiden, die Zeit kannte nur noch diesen einen Moment.
Viele, viele Herzschläge später ebbte der Kuss langsam ab, dann war es an ihr den Blick in den seinen zu legen. Sie brauchte eine weitere Bestätigung, weil ein Teil von ihr immer noch nicht fassen konnte, dass alles plötzlich so klar geworden war, dass es nichts mehr gab, was sie zurückhalten oder sich selbst verwehren musste. „Bist du echt?“, flüsterte sie, liess ihre Fingerspitzen über seine Wange streichen.
Steve lächelte. „Das könnte ich dich auch fragen…“
Mit einem Seufzen presste er seine Wange an ihre, dann atmete er tief ein, als wollte er sich an dem Duft ihres Haares betrinken. Wieder schnitt ihr seine Umarmung beinahe die Luft ab. Sam schloss die Augen, genoss die Verbundenheit und Nähe, die er vermittelte. Sie waren nicht nur rein körperlich nackt, sondern auch dabei alle Fassaden fallen zu lassen, offen und ohne jegliche Zurückhaltung was ihre Gefühle betraf. Noch nie hatte sie sich jemandem so vorbehaltlos nahe gefühlt.
„Tu es, Sam. Tu es jetzt!“, presste er plötzlich hervor, klang dabei so atemlos und drängend, als würde er sie darum bitten sein Leben zu retten.
Weil er sie so fest umfangen hielt, war es nicht leicht sich umzupositionieren, aber schliesslich hatte sie es geschafft. Die Wange gegen seine gepresst, liess sie sich langsam sinken, spürte wie er sie erfüllte, so vollständig und unwiderstehlich, dass es einer Erlösung gleichkam. Wie er es versprochen hatte liess er sie gewähren, hielt sie keuchend fest, während sie das Tempo bestimmte. Seine empfangende Passivität barg einen besonderen Reiz, der ihr Schauer um Schauer über den Rücken sandte; es war als würde sie eine geladene Waffe halten, die jeden Moment losgehen und ihr den eigenen Willen aufdrücken konnte. Aber dazu kam es nicht. Steve begnügte sich damit sie zu halten, jeden Zentimeter ihrer Haut, den er erreichen konnte, mit brennenden Küssen zu bedecken und offensichtlich in vollen Zügen zu geniessen was sie tat.
Vergessen war die Tatsache, dass man sie vermutlich durch die Wände aus geflochtenem Gras hören konnte, dass ihre Lage ausserhalb dieser Hütte verzwickt war, dass er verletzt und angeschlagen war, dass sie seiner Nähe noch vor wenigen Minuten hatte entkommen wollen. Sie spürte ihn um sich, unter sich, in sich, so allumfassend, dass es nichts mehr anderes gab ausser ihm und ihr.
Sam hatte kein Körnchen Zurückhaltung mehr in sich. Die Finger in die festen Muskeln seiner Schultern vergraben, hielt sie ihrem eigenen Tempo stand, ignorierte die Anstrengung, folgte nur noch ihrem Verlangen, welches immer mehr forderte. Vermutlich bereitete sie ihm gerade Schmerzen, aber er hatte es nicht anders gewollt. Die Art und Weise, mit der er sie umfangen hielt, das Stöhnen, welches ihr entgegenbrandete war Bestätigung genug; es gefiel ihm und er wollte ebenso wie sie mehr davon. Die Lider fest aufeinander gepresst, fühlte sie wie der Druck schliesslich ins Unermessliche anstieg und sich dann so plötzlich entlud, die Kontrolle über ihren Körper hinwegfegte, dass sie von seinem Schoss gerutscht wäre, hätte er sie nicht festgehalten. Während die Spannung wellenartig durch sie fegte, spürte sie wie auch Steve vom Höhepunkt erfasst wurde, sein Gesicht gegen ihren Hals presste und sich unter ihr versteifte.
Keuchend hielten sie sich noch eine Weile lang aneinander fest. Langsam begann sie seine Haut zu küssen, arbeitete sich von seinem Schlüsselbein über den Hals bis hin zu seinem Gesicht vor, um ihm schliesslich einen zarten Kuss auf die Lippen zu hauchen.
„Hast du Schmerzen?“, fragte sie leise.
„Keine Ahnung. Vielleicht. Ein bisschen“, kam es flüsternd zurück. Als wäre das völlig nebensächlich, liess er seine Augen über ihre Züge schweifen, strich ihr die feuchten Strähnen hinter das Ohr, dann legte er seine Hand auf ihre Wange. „Danke.“
„Wofür?“
„Dass du wieder da bist.“
Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl vor Rührung gleich weinen zu müssen. Sie machte „Schscht“ und umarmte ihn, fühlte seinen Herzschlag an ihrem. Woher kam das alles? Wie hatte sie dieses Glück verdient? Wieso war es nicht schon vorher zu dieser Klärung gekommen? Sam wusste nicht mehr was sie denken sollte, denn ihr Herz war gerade dabei zu zerspringen. „Ich lasse dich nie mehr los! Können wir nicht für immer hier bleiben? Bitte…“
„Vorerst können wir das. Denk nicht an morgen, Milky“, murmelte er in ihr Haar und strich zärtlich über ihren schweissnassen Rücken.
„Das versuche ich ja gerade…“, gab sie erstickt von sich und brauchte nicht zu sagen, dass es ihr nicht gelang. Der Gedanke, dass diese Nacht viel zu schnell enden würde war unerträglich.
Steve drückte sie ein Stück weit von sich weg um sie anzusehen. „Komm, ich lenke dich ab“, sagte er mit einem kleinen Lächeln, dann küsste er sie lange und innig. „Besser?“
„Ein bisschen. Mach das nochmal, vielleicht wirkt es dann schneller.“
Er lachte auf, dann tat er wie geheissen. „Und jetzt muss ich mich hinlegen. Die Bank ist hart und du hast mir den Rest gegeben…“
Einen letzten Kuss hauchte sie ihm noch auf die Lippen, dann rutschte sie von seinem Schoss und griff nach seiner Hand, um ihn zu dem Bett zu führen. Steve gab sich Mühe nicht allzu sehr zu humpeln, aber offensichtlich war es nicht besonders angenehm zu gehen. Der arme Tropf…
„Komm, mein Herz. Ich heile dich“, grinste sie ihm entgegen, als sie sich auf der weichen Stätte ausgestreckt hatte.
„Und wie willst du das tun?“ Seine Stimme hatte wieder diesen rauen Unterton, den sie mittlerweile mit seiner Leidenschaft verband, der ihr augenblicklich weiche Knie bescheren konnte. Langsam legte er sich neben sie, dann umschlang er ihre Mitten mit seinen Armen. Sam legte ihr Bein über die seinen, strich ihm über die Brust, blickte in diese verführerischen Augen und sagte:
„Das eben war die erste Dosis meiner Spezialmedizin. Bist du bereit für die nächste?“
Wie sich herausstellte war er das. Dieses Mal gingen sie alles langsam an. Nicht weniger leidenschaftlich, aber zufriedener, träge und mit einer zähen Süsse, die den gesamten Raum anfüllte. Sam verlor jegliches Zeitgefühl und obwohl sie an bestimmten Punkten der Begegnung meinte Steve zu viel zuzumuten, wischte er diese Bedenken im nächsten Augenblick auch davon. Dass er es sich nicht nehmen lassen wollte ihre Verbindung zu vertiefen offenbarte sich mit jedem Kuss, jeder Berührung. Sein Verlangen umhüllte sie so umfassend, als gehörten ihr Körper und Geist nicht mehr ihr. Sie öffnete sich ihm, weil es sich wie das natürlichste der Welt anfühlte und er im Gegenzug dasselbe tat. Die beidseitige Hingabe erfüllte diese Begegnung mit einer Tiefe, die sie niemals zuvor erlebt hatte.
Rundum glücklich schmiegte sie sich mit dem Rücken an seinen warmen Körper, fühlte die Schwere in ihren Gliedern und wie sein zur Ruhe kommender Atem über ihre Wange wischte. Der Schlaf begann ihren Geist zu locken, aber Steves Stimme erklang auf einmal leise an ihrem Ohr und brachte sie in das Hier und Jetzt zurück.
„Ich liebe dich, Milky.“
„Ich liebe dich, mein Herz.“

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mi Sep 18, 2013 9:10 pm

12. He Kane Hewa’ole

An Innocent Man - Ein Unschuldiger Mann





Steve war sich ja einiges gewohnt, aber als er sich noch mit geschlossenen Augen zu regen begann, drängte sich ihm der Verdacht auf, dass er langsam ausser Form geriet. Sein Rücken fühlte sich wie ein riesiger blauer Fleck an, in den gerade unbarmherzig etwas hineingebohrt wurde. Doch da war nichts ausser dem weichen Untergrund auf dem er lag. Mit einem unterdrückten Gähnen schlug er die Augen auf, nur um zu entdecken, dass Sam nicht neben ihm war. Er rollte sich auf die andere Seite, aber auch da war keine Spur von ihr.
Gerade als er entschieden hatte aufzustehen und sich auf die Suche nach ihr zu begeben, fiel helles Licht in die Hütte. Ihre Gestalt wurde von dem Schein der Morgensonne hinterlegt und Steve fühlte sich unvermittelt an die Geschichten erinnert, die man sich hierzulande von Göttinnen in Frauengestalt erzählte. Das unwirkliche Glühen sah aus wie ein Heiligenschein, die Sonnenstrahlen, die sich in ihrem glänzenden Haar fingen, die nur undeutlich erkennbaren Gesichtszüge, aus denen die Augen herausstachen. Selbst als die Matte wieder zurückfiel, strahlte sie noch, weil sie ihr inneres Licht immer mit sich trug. Lächelnd ging sie auf ihn zu, dann setzte sie sich auf den Bettrand neben ihn. Sie war so unbeschreiblich schön, dass es ihm ein Ziehen in der Magengegend bescherte. Ausserdem liess die Art und Weise mit der ihr Blick über seine nackte Gestalt schweifte etwas in ihm aufhorchen.
„Guten Morgen“, sagte sie leise, dann hauchte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. „Wie geht es meinem verletzten Vögelchen?“
Dieser Vergleich brachte ihn dazu missbilligend den Mund zu verziehen. „Ist das die Strafe für deinen neuen Spitznamen?“
„Nein. Ich hatte ohnehin gehofft, dass du diesen über Nacht vergessen hast…“ Sie lächelte zwar, aber die Sorge in ihren Augen war deutlich zu erkennen. Sanft strich sie über die Schürfung an seinem Gesicht und runzelte leicht die Stirne.
„Kein Grund so finster dreinzuschauen – es geht mir gut. Ich bin nur etwas wund und das nicht wegen dem Gaul.“
Sein Zwinkern entlockte ihr ein Grinsen. Eines der schelmischen, zufriedenen Sorte. Doch sie wischte dieses rasch wieder von ihren Zügen, dann legte sie die Hand auf seinen Oberarm und drückte ihn zur Seite. „Lass mich deinen Rücken sehen.“
Mit einem Seufzen drehte er sich auf den Bauch und kaum war das getan, hörte er wie Sam zischend die Luft einsog. „Das ist ja … oh Gott! Ich habe noch nie einen so grossen Bluterguss gesehen. Wie hast du gestern …? Tut es sehr weh?“
„Weisst du, ich hatte mir das Aufwachen anders vorgestellt und deine besorgten Ausrufe waren definitiv nicht ein Teil meiner Fantasien…“ Ohne die Miene zu verziehen setzte er sich auf, dann umfasste er ihre Oberschenkel mit den seinen, als er sich hinter ihr platziert und seine Arme um ihre Mitte geschlungen hatte.
Sie lehnte sich mit einer Vertrautheit an seine Brust, die ihm ein Lächeln entlockte. „Wir haben keine Zeit für deine Fantasien, obwohl ich mir sicher bin, dass sie fantastisch sind. Der Helikopter kommt mittags und wir müssen bald zurück auf das Pferd. Wenn ich nur daran denke, wird mir schummrig … mein Hintern ist völlig lädiert von dem langen Ritt.“
„Ein bisschen Zeit können wir uns doch herausnehmen“, murmelte er an ihren Hals und begann diesen zu Küssen. „Die Arbeit rennt uns nicht davon…“
„Wer bist du und was hast du mit Steve gemacht?“
„Ein Mädel namens Milky ist schuld … sie hat den Guten verschwinden lassen.“
Sam hatte ihre liebe Mühe sich wie gewünscht in seiner Umarmung umzudrehen. Schliesslich streckte sie die Beine auf dem Bett aus, wobei die Kniekehlen auf seinem Oberschenkel zu ruhen kamen und konnte so ihren Kopf an seine Schulter lehnen. „Mir graut es davor zurückzugehen. Was machen wir wegen La Roche?“, sagte sie leise und liess ihre Finger abwesend über die Haut an seiner Brust streichen.
„Du wirst vorerst in dem Unterschlupf bleiben und wir bringen diese verdammte Geschichte mit neuem Mut zu Ende.“
Sein Kinn rutschte von ihrem Scheitel, als sie den Kopf ruckartig nach oben richtete und ihn perplex ansah. „Wie – ich dachte … wieso sollte ich dort bleiben? Gestern hast du doch gesagt -„
„Ich weiss“, unterbrach er sie. „Aber da gibt es etwas, was ich dir noch nicht erzählt habe. Vor zwei Tagen ist jemand bei mir eingebrochen und du bist sicherer, wenn du von meinem Haus wegbleibst.“
„Wieso hast du mir das nicht erzählt?“ Ein Stirnrunzeln umwölkte ihre Stirne.
„Weil ich dich nicht beunruhigen wollte.“
Das war natürlich nicht die ganze Wahrheit, was Sam natürlich sofort durchschaute. „Ja und ausserdem wolltest du nicht zugeben, dass mein Plan doch etwas an sich hatte!“
„Schuldig im Sinne der Anklage“, gab er mit einem schiefen, halbherzigen Grinsen von sich und sah in diese grauen Augen, die ihm herausfordernd entgegenblickten. „Du kennst mich wohl doch besser, als du gedacht hattest.“
Wenn er sich nicht täuschte, dann dachte auch sie gerade an das katastrophale Gespräch im Krankenhaus zurück, als sie ihm eröffnet hatte, dass sie weggehen wollte. Gestern noch hätte er bei dieser Erinnerung genervt mit dem Kiefer gemahlen, aber die vergangene Nacht hatte irgendwie alle Bitterkeit hinweggefegt. Stattdessen konnte er nun mit einer beruhigenden Sicherheit sagen, dass sich all diese Unsicherheiten in Luft aufgelöst hatten, die ihn noch vor kurzem geplagt hatten. Erst jetzt, da sich das Gewicht von seinen Schultern gelöst hatte, wurde ihm bewusst, wie schwer dieses tatsächlich gewesen war.
Steve brachte sein Gesicht näher an ihres und küsste sie. Lange und gründlich. Als sie sich aus seiner Umarmung herauswand gab sie ein Seufzen von sich, welches irgendwie erschöpft klang.
"Ich weiss was du vor hast", murmelte sie, dann stellte sie sich in die Mitte der Hütte. Wohlweisslich gerade ausserhalb seines Wirkungskreises. "Aber daraus wird nichts. Du ziehst dich an, wir bedanken uns bei den netten Menschen da draussen und dann kehren wir zurück zum Ernst des Lebens." Sie hielt einen Moment inne, biss sich auf die Lippe.
"Sonst noch was?", fragte er grinsend.
"Nein. Doch. Danke."
"Wofür?" Mit einem unterdrückten Stöhnen erhob er sich von dem Bett, dann liess er seinen Blick durch den Raum schweifen. Wo war eigentlich seine Unterhose abgeblieben?
"Für die letzte Nacht. Ich ... ähm ... das war unerwartet schön."
Irgendwie klang sie so, als würde sie sich zurückhalten. "Was ist los mit dir?"
"Was soll mit mir sein? Deine Shorts sind übrigens da auf dem Kleiderhaufen. Ich habe alles zusammengesammelt."
"Danke." Er griff danach und begann sich anzuziehen. "Wieso klingst du so, als würde dich jemand zwingen auszusprechen wie schön die letze Nacht war?"
"Ich will nicht rückfällig werden. Du stehst hier, nackt, die Matte hängt so schön vor dem Eingang, das Satellitentelefon könnte ich ausschalten... Verlockungen überall."
Er versuchte ein Lachen zu unterdrücken, aber es wand sich trotzdem laut und ungehemmt aus seiner Brust. Rasch streifte er das zerschlissene Hemd über den Kopf, dann umfing er Sam mit seinen Armen. "Du bist die verrückteste und liebenswerteste Person, die mir je über den Weg gelaufen ist. Und jetzt komm! Wir haben zu tun und einen langen Weg vor uns."
"Ah, der echte Steve ist zurück! Ich dachte schon er sei für immer verschollen..."



***



Das Hauptquartier war so blitzblank und unwirklich, als wäre Sam wochenlang und nicht kaum einen Tag lang in der Wildnis gewesen. Der Anblick der Gesichter Konos, Chins und Dannys war so erfreulich, dass sie ihnen haltlos entgegen strahlte. Die Geste kam zurück, doch die drei wurden schnell von Steves zerschrammter Gestalt abgelenkt. Dass er sich auf dem Weg ins Hauptquartier noch schnell umgezogen hatte half nicht im Mindesten. Er sah aus, als hätte ihn jemand als Schleifblock missbraucht.
"Heiliger Strohsack! Was ist denn mit dir passiert?" Danny pfiff auf eine anerkennende Art und Weise, dann wandte er sich an Sam. "Wenn du unseren Herren hier noch auf Maui und die anderen Inseln mitnimmst, kommt er nicht mehr in einem Stück zurück."
"Ich bin unschuldig!", gab sie abwehrend zurück, dann entwand sich ihr ein Prusten. "Euer Herr hat kein besonderes Händchen für Tiere."
"Der Herr wird euch gleich was flüstern! Können wir uns jetzt konzentrieren?"
Allseits wurden die Schultern gestrafft und Gesichtszüge neu arrangiert. Steve schüttelte missbilligend den Kopf, dann lehnte er sich mit beiden Händen auf den Rahmen des Tischcomputers. "Was hat der Laptop abgeworfen?"
"Eine Menge, Boss", sagte Kono freudig. "Du wirst es nicht glauben, aber wir haben hier eine vollständige Liste aller Leute, die in diese Geschichte verwickelt sind. Namen, Adressen, ihre Machenschaften - alles."
Steve sprach aus, was Sam dachte: "Wie bitte?"
"Sieht so aus, als hätte der gute Richard eine kleine Rückversicherung im Ärmel haben wollen. Er hatte offenbar vor sie alle zu verraten, wenn etwas nicht nach Plan gegangen wäre", erklärte Danny mit einem zufriedenen Grinsen. "Ihr aller Pech, dass wir sie jetzt auch haben."
War das der Durchbruch auf den sie gewartet hatten? Aber noch während sich Sam das fragte, begann ihr Handy zu klingeln. Sie entfernte sich von der Gruppe und nahm den Anruf von einer unbekannten Nummer entgegen.
"Miss Haynes? Hier ist Aolani."
"Oh, hey Aolani. Ist etwas passiert? Alles in Ordnung bei dir?"
"Ja. Nein. Doch ... ich muss mit Ihnen sprechen", kam es flüsternd und gehetzt zurück.
"Sicher. Wann und wo?"
Im Hintergrund waren Stimmen und Gelächter zu hören, die eindeutig zu einer grossen Menschenansammlung gehörten. "Ich bin in der Schule. Kaimuki High. Können Sie da hin kommen?"
"Natürlich. Ich fahre sofort ab. Wo finde ich dich?"
"Ich warte im Chemiezimmer im zweiten Stock." Sie schwieg für ein paar Herzschläge, dann: "Bitte sagen Sie meinen Eltern nichts."
"Du hast mein Wort. Warte auf mich, ich mache mich jetzt auf den Weg."
Steve war rasch informiert und stellte ihr sogleich Chin zur Seite, weil er zurückbleiben und sich in die Liste einarbeiten wollte. Nach einer kurzen Fahrt war die High School auch schon erreicht. Sie bahnte sich mit Chin einen Weg durch die Ströme von Schülern. Schliesslich mussten sie eine der vorbeihastenden Lehrerinnen nach dem Chemielabor fragen, bevor sie am Ende das besagte Zimmer endlich gefunden hatten.
Aolani lehnte an einem der Tische und schreckte auf, als sie eintraten. Ihr ängstlicher Blick schweifte über Chins Gestalt.
"Keine Angst. Das ist Chin Ho, er ist von der Five-0."
Das Mädchen nickte, dann erwiderte sie Chins Lächeln so flüchtig, dass es kaum sichtbar war. Sam sprach beruhigend auf sie ein, forderte sie auf sich zu setzen, dann liess sie sich mit Chin gegenüber ihr nieder.
"Ich halte es nicht mehr aus - ich muss es jemandem erzählen", brach es aus der jungen Frau heraus, nachdem sie für einige Momente ihre Hände geknetet hatte.
"Wir hören dir zu. Du kannst uns alles sagen."
"Ich weiss nicht wo ich anfangen soll!"
"Bei dem Empfang?"
"Ja. Der Empfang", ihr Blick schweifte rastlos über das Gerät auf den Tischen, aber es war klar, dass sie nichts davon wirklich sah. "Es war langweilig und ich habe eine kleine Runde durch das Haus gemacht. Plötzlich war da diese Frau. Sie kam aus dem Nichts!"
Eine Frau? Sam runzelte die Stirne und fragte sich wohin diese Erzählung führen würde. Sie nickte Aolani ermutigend zu und diese sprach hastig weiter, während sich ihre Stimme überschlug, weil sie nicht richtig atmete.
"Sie hat mir Fotos auf ihrem Handy gezeigt. Von unserem Haus, meinen Eltern und von ... von Kei!"
"Wer ist Kei?"
"Mein kleiner Bruder! Sie hat ihn vor seiner Schule fotografiert! Sie wusste alles über uns. Wo meine Eltern arbeiten und in welcher Klasse ich bin und sogar, dass Kei oft bei den Nachbarn in der Strasse nebenan ist!"
"Okay, beruhige dich erst mal", warf Sam ein und ergriff ihre eiskalte Hand, die auf dem Tisch lag. "Atmen. Gut so. Und jetzt erzähl mir was sie gesagt hat."
Aolani schüttelte den Kopf, während sie wiedergab was passiert war. "Sie hat mir gesagt, dass ich am übernächsten Tag meinen Eltern erzählen soll, dass mich der Gouverneur ... naja, Sie wissen schon. Und wenn ich es nicht mache würde meinem Bruder und meinen Eltern etwas Schlimmes passieren. Dann hat sie die Jacke ihres Kostüms zur Seite geschlagen und ich habe gesehen, dass sie eine Waffe im Hosenbund stecken hatte. Ich meine, wie hat sie die überhaupt hereingeschmuggelt? Diese Gorillas haben uns am Eingang alle durchsucht!"
"Was hat sie sonst noch gesagt oder getan?"
"Ich musste wiederholen was sie mir gesagt hatte, dann hat sie mich noch drohend angestarrt und ist weggegangen." Aolani sah Sam in die Augen und sagte flehentlich: "Was hätte ich denn tun sollen?"
"Du hast alles richtig gemacht. Jetzt wissen wir was vor sich geht und können euch helfen. Wir werden sie schnappen. Bis dahin kriegt ihr vier Schutz und alles was ihr braucht."
Sie nickte, aber sah nicht überzeugt aus.
Sam drückte ihre Hand und beugte sich über den Tisch nach vorne. "Hör mir zu: Du hast alles richtig gemacht und ihr seid in Sicherheit. Verstehst du mich?"
Dieses Mal schienen Sams Worte vollständig zu ihr durchzudringen. Wieder nickte sie, dann rang sie sich ein Lächeln ab, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte.
"Kannst du die Frau beschreiben?", fragte Chin.
"Ich werde ihr Gesicht bestimmt nie mehr vergessen, ja. Etwa meine Grösse. Eine Haole. Schwarzes, kurzes Haar, aber das war eine Perücke, da bin ich mir sicher. Ihre Augenbrauen waren hell, also denke ich, dass sie blond ist. Blaue Augen. Ziemlich dünn, aber durchtrainiert."
"Das ist sehr gut. Dann gehst du jetzt nach Hause wie immer und wir treffen dich da. Ich lasse einen Phantomzeichner kommen."
Aolani starrte Sam entgeistert an. "Aber meine Eltern! Ich will nicht, dass sie es wissen!"
"Sie müssen es erfahren. Keine Angst, ich werde es ihnen erklären. Sie werden es verstehen; du hast tolle Eltern."
Erst als sie noch eine Weile gut auf sie eingeredet hatte, schien das Mädchen so weit überzeugt, dass sie bereit war nach Hause zu gehen. Während Fahrt zum Anwesen der Kahikes rief Sam Steve an und meldete ihm die Entwicklungen. Er schien sehr zufrieden zu sein; ob nun wegen den Durchbrüchen an seiner oder ihrer Front. Sam konnte hingegen nicht wirklich durchatmen. Mittlerweile misstraute sie dem Lauf der Dinge so sehr, dass sie jederzeit einen Rückschlag erwartete. Schliesslich war es bisher nicht anders gelaufen.


***



Als Sam und Chin endlich wieder im Hauptquartier eintrudelten, war Steve sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Sie waren beinahe drei Stunden weggewesen, in denen sie die Kahikes über die Wahrheit, was auf dem Empfang passiert war, unterrichtet und das Entstehen einer Phantomzeichnung beaufsichtigt hatten. Jedenfalls war das der Plan gewesen, von dem ihm Sam am Telefon berichtet hatte. Als sie in sein Büro trat erkannte er, dass sie wütend zu sein schien. Sie war noch blasser als sonst, hatte die Lippen zusammengepresst und ihre Hand, die ein Blatt Papier hielt, auf welchem er die Zeichnung vermutete, zitterte.
"Was ist los?", fragte er alarmiert.
Sam knallte ihm als Antwort das Blatt auf den Tisch. Seine Augen glitten über das erstaunlich deutlich ausgearbeitete Gesicht und Erkennen machte sich breit.
"Nakumotus Sekretärin?", kam es ungläubig über seine Lippen. Er breitete fragend die Arme aus und starrte Sam entgeistert entgegen.
Diese hatte derweil begonnen durch das Büro zu tigern. "Verdammt!", fluchte sie ohne Zurückhaltung. "Ich hätte es wissen müssen! Wir hatten sie vor der Nase! Ich habe mein schlechtes Gefühl ignoriert und jetzt ist sie natürlich über alle Berge!"
Steve runzelte die Stirne, strich sich über die Wange, während er scharf nachdachte. Für wen arbeitete diese Frau? War sie Wo Fats Schosshündchen, welches Nakumotu hätte im Auge behalten sollen oder hatte sie von Anfang an mit dem Verstorbenen unter einer Decke gesteckt? Und war sie nun dazu übergegangen Richard zu helfen? Erledigte sie die Dinge, die er nicht mehr vollbringen konnte, weil er überall gesucht wurde?
"Wie konnte ich nur? Wieso habe ich sie nicht persönlich durchleuchtet?", regte sich Sam weiter auf.
"Kannst du dich bitte für einen Moment setzen? Ich kann so nicht nachdenken!"
"Nein, kann ich nicht! Und was gibt es da schon nachzudenken?"
Steves Augenbraue wanderte in die Höhe und schoss einen strengen Blick auf sie ab. Aber Sam verschränkte nur die Arme vor der Brust, sah ihm ungerührt entgegen.
"Ich frage mich wie sie mit den Anderen verbunden ist; gehört sie zu Richard oder zu Wo Fat oder war sie Nakumotus Helferin."
"Wen interessiert das? Wir werden es erst herausfinden, wenn wir sie haben, aber diese Chance haben wir ja verspielt, als wir sie hatten!"
"Das muss nicht heissen, dass wir sie jetzt nicht zu fassen kriegen", gab er sachlich zurück.
"Und wie willst du das bewerkstelligen?"
"Wir finden erst mal heraus wer sie ist. Dann geben wir eine Fahndung nach ihr heraus."
Sam schnaubte abfällig. "Die Fahndung wird nichts einbringen. Die Frau ist offenbar ziemlich gut darin in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Bei uns war sie das dumme Blondchen, bei Aolani die schwarzhaarige, taffe Braut. Wer weiss, was sie noch alles auf Lager hat."
"Das interessiert wiederum mich nicht. Wir finden sie." Er erhob sich von seinem Schreibtisch, dann schob er sie nach draussen in den Hauptraum.
Kono war dabei auf dem Computer herum zu tippen, doch als ihr Steve die neue Aufgabe zuteilte, schloss sie alle offenen Fenster und machte sich daran herauszufinden wer diese Frau wirklich war. Währenddessen stand er mit Sam daneben und beobachtete Konos Schritte.
Ausgehend von Charlotte McCall, der Tarnung als Nakumotus Sekretärin, hatte sie nach wenigen Minuten auch schon ihren echten Namen herausgefunden.
"Summer Finley. 27. Vor drei Jahren nach Hawaii gezogen, lebte vorher in Kanada. Sie war ursprünglich - Musicaldarstellerin..." An dieser Stelle tauschten die drei einen Blick, der auf Konos Seite Spott und auf Sams ein "Jetzt macht alles Sinn" Augenrollen hervorrief. Steve hingegen wollte nur wissen wo diese Frau wohnte, also nahm er es selbst in die Hand und rief die entsprechenden Dokumente auf. Die Adresse erschien auf dem Bildschirm und ein zufriedenes Grinsen schlich sich auf seine Züge. Zeit ein paar Türen einzutreten.


Auf dem Weg war Sam wieder ihr übliches, nervöses Selbst, wenn es darum ging ihn und das Team in einen Einsatz zu verabschieden. Sie sass auf dem Beifahrersitz und starrte auf die Strasse, die nach Waimanalo führte. Ab und an schweiften ihre Augen zur Seite, um bei dem Anblick seiner schusssicheren Weste die Lippen zusammenzupressen, als hätte sie diese persönlich beleidigt. Sie war so niedlich, dass es weh tat. Steve wünschte sich das Ende dieser Sache so sehr herbei - nicht nur des Falles wegen. Vor allem weil er dann endlich herausfinden konnte wie es war den Alltag mit Sam zu erleben, wenn dieser nicht von Gefahr und Unsicherheiten überschattet wurde. Umso wichtiger war es keine Rücksicht auf ihre Einwände zu nehmen; ob nun ausgesprochen oder nicht. Sie würden dieses Ding so durchziehen, wie er es für richtig hielt.
Als das entsprechende Viertel erreicht war, kamen sie in der Strasse nebenan zu stehen. Der Plan war das Haus von der Rückseite zu stürmen. Sam blieb in dem SUV zurück, nachdem er ihr ein versicherndes Zwinkern zugeworfen hatte, welches ihre Lippen jedoch nur noch dünner erscheinen liess, als sie ohnehin schon waren.
Eingespielt wie sie waren, schwärmten sie aus und nachdem klar wurde, dass sich niemand im Garten befand sammelte sich sein Team wieder vor der Hintertür. Steve trat sie ein, dann liess er Chin voraus, um ihm gleich darauf zu folgen. Sie kämmten eines der vier Zimmer nach dem anderen durch, aber da war weit und breit keine Spur von Summer. Als klar wurde, dass sie nicht hier war, rief er Sam über Funk zu ihnen herein.
"Was für eine Bruchbude", sagte sie naserümpfend und liess ihren Blick über den abgenutzten Teppich, die abblätternden Tapeten schweifen. "Besonders viel Geld scheint die Gute ja nicht zu machen..."
"Kannst du Rückschlüsse auf sie machen?"
"Kann ich", gab sie zurück. Sie klang, als hätte er sie darum gebeten eine besonders abstossende öffentliche Toilette zu begutachten.
Eile Weile lang wartete er mit dem Team im Eingangsbereich, während Sam eine Runde durch die Zimmer machte. Als sie schliesslich zurückkam, sahen ihr alle erwartungsvoll entgegen.
"Teile der Wohnung sind aufgeräumt, andere wieder völlig chaotisch. Der Kühlschrank ist leer. Auch sonst keine Vorräte. Das Bett ist unberührt, dafür scheint das Sofa rege benutzt worden zu sein. Das Bad quillt vor Wässerchen und Mittelchen über, der Kleiderschrank würde einen Theaterfundus zum Erblassen bringen. Die Musiksammlung deutet darauf hin, dass sie auf laute, elektronische Musik abgeht. Ihr Arbeitsplatz ist pedantisch aufgeräumt, aber von Putzen hat sie wohl noch nie etwas gehört."
"Und das alles sagt uns was?", fragte Steve ungeduldig nach.
"Sie hat Schübe. Manchmal räumt sie auf, dann wieder nicht. Manchmal kocht sie, dann wieder nicht. Manchmal achtet sie auf sich, dann lässt sie sich wieder gehen. Definitiv eine bipolare Störung."
Steve gab ein unterdrücktes Seufzen von sich. Es war Danny, der aussprach, was er dachte: "Und könntest du das auch übersetzen?"
Sam schien bei dieser Aufforderung erst zu sich zu kommen. "Oh, Entschuldigung! Ich bin wohl abgeschweift... Sie ist manisch-depressiv. Schwankt zwischen zwei Extremen hin und her. Mal antriebslos, mal überaktiv."
Das war schon klarer. Aber es brachte sie nicht weiter. "Irgendein Hinweis darauf, wo sie sein könnte?"
"Nein, tut mir leid. Aber ich tippe darauf, dass sie Drogen konsumiert. Es würde zu ihrem Lebensstil passen, der Art und Weise wie das hier aussieht. Ausserdem sind da verdächtige Spuren auf dem Küchentisch... Es liegt sogar noch eine abgelaufene Kreditkarte dort."
"Heisst das, dass sie dadurch vorhersehbarer wird?", fragte Steve nach.
"Ja und nein... Einerseits macht sie das Kokain noch instabiler und unberechenbarer, aber andererseits wird sich ihr ganzes Leben darum drehen die nächste Linie zu kriegen. Vielleicht könnt ihr ja eure Kontakte spielen lassen und herausfinden ob sie ihren Stoff bei einem bekannten Dealer bekommt."
Steve nickte, dann schickte er Danny und Chin sogleich los sich um diese etwaige Spur zu kümmern. Kono benachrichtigte das HPD und sie mussten nur wenige Minuten warten bis eine Staffel eingetrudelt war, um das Haus von ihnen zu übernehmen. Steve wies die Officers und Kriminaltechniker an alles gründlich zu durchkämmen und dabei ein besonderes Augenmerk darauf zu haben, ob etwas Rückschlüsse auf Summers Verbleib liefern konnte. Schliesslich zog er mit den beiden Frauen ab, um wieder in das Hauptquartier zurückzukehren.


Er hatte Sam nach Hause geschickt, damit sie sich Dee widmen konnte. Obwohl sie protestiert hatte, war sie am Ende zu demselben Schluss gekommen und hatte eingesehen, dass sich ihre Cousine vermutlich Sorgen machte und alles Neue aus Sams Mund hören wollte.
Nun sass er im Büro, hielt sein Handy in der Hand und starrte auf Marys Namen. Sollte er sie anrufen? Seit Wochen, nein Monaten, hatte er nichts mehr von ihr gehört. Sam und Dees Wiedersehen vor ein paar Tagen hatte den Wunsch in ihm aufleben lassen sich mehr bei seiner Schwester zu melden, aber danach hatten sich die Dinge so überschlagen, dass er nicht mehr dazu gekommen war diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Schliesslich tippte er das Symbol des grünen Hörers an und hielt sich das Telefon ans Ohr.
"Steve? Was ist los?"
"Dir auch ein Hallo, Schwesterherz", erwiderte er und lehnte sich in seinem Sessel zurück.
"Ist etwas passiert?"
"Nein. Wie kommst du darauf? Kann ich dich nicht einfach so anrufen um zu sehen, wie es dir geht?"
"Du bist mir ja einer! Ich dachte etwas sei passiert! Das letzte Mal, als du dich so gemeldet hast musste ich nach Hawaii kommen und erfahren, dass Mom noch lebt." Mary klang irgendwie gehetzt, als wollte sie gleich wieder auflegen.
"Störe ich dich gerade?", fragte er nach und ignorierte diesen Seitenhieb.
"Wie? Nein ... nein, ich bin gerade dabei mich ausgehfertig zu machen, aber ich habe noch Zeit", kam es zurück. Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: "Wie geht es dir?"
"Gut. Mir geht es gut."
"Und wieso klingst du dann, als hättest du Zahnschmerzen?" Etwas fiel den Geräuschen nach zu urteilen auf den Boden, dann erklang ein gedämpfter Fluch. "Komm her, du dummes Ding!"
"Was machst du da?"
"Ich sagte doch ich mache mich ausgehfertig ... mein Lippenstift ist mir aus der Hand gefallen. Aber du lenkst ab! Was ist los mit dir?"
"Nichts ist los mit mir", sagte er abwehrend, dann fiel ihm auf, dass er angefangen hatte mit den Fingern auf dem Schreibtisch herum zu trommeln und stellte das sofort ein. "Da ist dieser Fall, der wirklich hart zu knacken ist und ich bin gestresst -"
"Nichts Neues also", warf Mary herzlos ein.
"...und ich wollte die Gelegenheit nutzen, jetzt da ich ein bisschen Zeit habe, und sehen was du so treibst, wie oft du den Job, seit wir uns das letzte Mal gehört haben, gewechselt hast, was dein Leben so macht."
"Mein Leben macht mich glücklich, falls du das meintest und danke, ich bin immer noch bei diesem Alterswohnheim angestellt. Ich wette, du bist gerade von deinem Stuhl gefallen vor lauter Entsetzen, dass auch deine dumme, kleine Schwester mal was gebacken kriegt!"
"Das ist nicht fair, Mary. Du weisst, dass ich mir nur das Beste für dich wünsche und ich weiss, dass du nicht auf den Kopf gefallen bist! Ich bin froh, dass du glücklich bist..." Er meinte es wirklich ehrlich und ein Teil von ihm wünschte sich, dass seine Beziehung mit Mary nicht so kompliziert wäre. Doch irgendwie hatte sie ein gewisses Talent dafür das sozial Unfähigste an ihm herauszulocken, mit ihrer gewissenlosen Ader und der Unbeständigkeit, die ihr Leben war.
"Danke, Steve." Sie hielt kurz inne. "Hast du etwas von Mom gehört?", fragte sie vorsichtig.
"Nein." Etwas in ihm verhärtete sich und ehe er sich versah, begann sein Bein unter dem Tisch zu zucken. Er würde den Teufel tun und jetzt über Doris reden. Es ging hier um seine Schwester und ihn. "Du gehst also aus?", warf er wahllos ein, um wieder zu einem unverfänglichen Thema zu wechseln.
"Ja. In's Bodega", erklärte sie und klang plötzlich fröhlich, gar unbeschwert, als sei die blosse Erwähnung dieses Lokals eine Freude. Doch was ihr wirklich auf dem Herzen lag, wurde gleich darauf klar: "Weisst du, da ist dieser Typ ... Jason ... ich habe ihn vor ein paar Wochen kennengelernt und er ist ... er macht mich wirklich glücklich, Steve!"
"Das ist ... schön", gab er zurück und wischte seinen Unmut bei Seite. Jetzt war nicht die Zeit für seinen brüderlichen Beschützerinstinkt. Und überhaupt; was war Jason nur für ein blöder Name? "Sei nur ... ähm ... vorsichtig."
"Jajajaja, das bin ich immer. Du kennst mich doch!", war die ungerührte Antwort. "Und bei dir? Hast du eine der Frauen, die da Schlange stehen an dich rangelassen? Oder arbeitest du dich immer noch so eifrig zu Tode, dass du vergessen hast wie eine Frau nackt aussieht?"
"Du bist unmöglich!", sagte er mit einem unterdrückten Lachen. "Dann feier mal schön. Ich muss wieder los!"
"Habe ich da etwa ein Lachen gehört, Ninja? Ich will alles wissen! Wie heisst sie und wie hat sie es geschafft?"
"Ein anderes Mal vielleicht. Pass auf dich auf!", erwiderte er ebenso ungerührt und legte auf.
Ja, wirklich ... wie hatte es Sam eigentlich geschafft?


***


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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mi Sep 18, 2013 9:12 pm

"Oh Gott! Sam! Das musst du sehen! Schnell!"
Die Gerufene sah von ihrem Laptop auf, dann eilte sie ins Wohnzimmer, wo Dee vor dem Fernseher sass und angewidert auf den Bildschirm starrte. Noch immer war sie müde, weil sie beide kaum ein Auge zugetan und stattdessen die halbe Nacht über die neuesten Entwicklungen gesprochen hatten. An diesem neuen Tag war es Sam schwer gefallen sich zu konzentrieren und obwohl sie den ganzen Morgen nichts anderes getan hatte, als in Summers Leben herumzustochern, war sie nicht wirklich vorwärts gekommen. Sie hatte vor am Abend Steve anzurufen, um zu sehen ob die Befragung der Kontakte etwas ergeben hatte und sie wenigstens etwas über ihren Drogenkonsum erfahren hatten. Aber erst einmal galt es sich anzusehen, was Dee so aufzubringen vermochte.
Es war Mercers Visage, wie gleich darauf klar wurde. Offenbar hielt er gerade eine Rede an seine Unterstützer. Sam wappnete sich innerlich, aber sie konnte ihre Wut dennoch nicht verbannen. Was für eine miese, fette Kröte!
"Dem Himmel sei Dank, ist diese empörende Tatsache noch vor der Wahl ans Tageslicht gekommen! Wir können nicht zulassen, dass ein solcher Mensch über die Bürger Hawaiis regiert! In diesem Land herrscht Recht und Ordnung! Wir haben Werte, die wir hochhalten wie ein Leuchtfeuer. In diesen wirtschaftlich schweren Zeiten ist es unser höchstes Gut als Gemeinschaft zusammenzuhalten und uns gegenseitig zu unterstützen, diese Werte nach Kräften durchzusetzen", dröhnte er und schwang seinen Wurstfinger gen Zuschauer. Diese applaudierten und taten ihre Zustimmung mit Rufen kund. Mercer lächelte süffisant, dann winkte er den Geräuschpegel herunter, bevor er fortfuhr. "Wenn Mister Denning der Meinung ist sich über das Gesetz stellen zu können, dann haben wir eine Antwort für ihn: Nicht mit uns! Ich blicke mit Stolz auf unsere Polizeigewalt, die seinem Leben als freien Mann ein Ende setzen wird. Verbrechen gehören hinter Gitter und nicht auf den Sitz des Gouverneurs!"
"Du elender, hinterhältiger Mistsack", zischte Sam und zerdrückte das Sofakissen zwischen ihren Händen. "Du bist hier der Einzige, der hinter Gitter gehört! Du und deine Bande von -"
Aber Dee machte "Pssst!" und wedelte ihr mit der Hand vor dem Gesicht herum, weil der Besagte weitersprach. Sam schnaubte, dann hörte sie weiter zu, obwohl sie nichts lieber getan hätte, als den Fernseher aus dem Fenster zu werfen.
"Dennoch, meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger, dennoch sage ich Ihnen, dass es Dinge gibt, die im Argen liegen, was unsere Staatsgewalten angeht. Sie alle wissen vermutlich bereits, wovon ich spreche - dieser sogenannten Spezialeinheit. Ich frage Sie: wollen Sie, dass sich eine Gruppe von Menschen, die sich genau so über das Gesetz stellt, wie der amtierende Gouverneur, den delikatesten Verbrechen annimmt? Dass sie schalten und walten können wie es ihnen beliebt? Ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass ich das nicht möchte. Seien Sie also versichert; diese Dinge werden ganz anders laufen, wenn Sie mich wählen!"
Mehr Johlen und noch lauteres Schnauben von Sam erklangen. "Das ist doch die Höhe!", empörte sie sich und warf das Kissen quer durchs Zimmer, wo es von dem Fernseher abprallte und jämmerlich, genau so unnütz wie ihre Worte, zu Boden fiel. "Jetzt gibt der schon offiziell-inoffiziell bekannt, dass er die Five-0 abschaffen will! Ich könnte ihn erwürgen, den opportunistischen, intriganten Heuchler!"
Dee sah ein, dass der Versuch ihm weiter zuzuhören unnütz war und stellte das Gerät stattdessen ab. "Lass ihn doch seine Reden schwingen - das Grinsen wird ihm noch vergehen. Ihr habt alles was ihr gegen ihn und seine Komplizen braucht in der Hand. Eigentlich ist es sogar ganz witzig, wenn man bedenkt wie selbstsicher er ist und nicht einmal weiss, dass sein Ende um die Ecke auf ihn lauert!"
"Ja, es ist so witzig, dass ich förmlich ersticke vor Lachen!", gab Sam finster zurück, dann sprang sie vom Sofa auf, unfähig noch länger still zu sitzen. "Ich habe mich ja immer als Pazifistin angesehen, aber für diesen Idioten würde ich es in Erwägung ziehen eine Kampfsportart zu lernen, mit der ich ihn genüsslich und quälend fertig machen könnte! Welche ist die Schmerzhafteste?"
"Warum fragst du das nicht Steve?", erwiderte Dee mit schlecht verhohlenem Amüsement.
"Weil er ihn mir wegschnappen und selbst fertig machen würde! Ausserdem ist das kein Kampfsport was er da macht, man nennt das gewissenloses Niedermähen."
"Allzu begeistert klingst du ja nicht, über das Vorgehen deines Freundes..." Wieder grinste Dee vor sich hin, als sei alles in bester Ordnung.
"Er ist nicht mein Freund und nein, ich mag das nicht. Aber ich wäre dumm zu glauben, dass jeder Mensch auf diesem Planeten meine Ansichten teilen muss. Er tut das was er für Richtig hält und kennt es einfach nicht anders. Derweil versuche ich mich an meinem Weg ... der mir aber gerade sehr lasch und ineffektiv vorkommt, wenn ich ehrlich sein soll..." Abwesend setzte sie sich wieder neben Dee auf das Sofa und starrte in die Luft. Furchtbar, was dieser Fall bei ihr bewirkte. So aggressiv kannte sie sich gar nicht. Dennoch; das Bedürfnis etwas zu zerschmettern und in den Kampfmodus überzugehen war sehr drängend.
"Weisst du was? Wir gehen jetzt zu Samuel!", rief Dee aus und stiess Sam an.
"Was? Ich ... nein! Er hat bestimmt furchtbar viel zu tun. Und ich auch. Ich kann mir jetzt keine Pause gönnen."
"Er braucht uns, Sam. Stell ihn dir bloss vor; allein in diesem grossen Haus, eingesperrt, wohl wissend, dass Mercer alles tut um ihn noch mehr in den Dreck zu ziehen und daraus Kapital zu schlagen und wir sitzen hier, einen Katzensprung von ihm entfernt und tun nichts um ihn moralisch zu unterstützen..."
Sam verzog den Mund und warf einen missbilligenden Blick auf Dees rührselige Züge. "Die Tränendrüsen-Tour hast du schon immer perfekt beherrscht."
Dee blinzelte sie unschuldig an.
"Na dann ... los!"
Tatsächlich freute sich Samuel ungemein sie beide zu sehen. Als sie in sein Büro geführt wurden schien alle Luft aus ihm zu weichen, dann eilte er von hinter seinem Schreibtisch auf sie zu und schenkte ihnen beiden eine so heftige Umarmung, dass Sam glaubte eine ihrer Rippen knacksen gehört zu haben. Einige Augenblicke lang hielt er die beiden jungen Frauen vor sich her, liess seine dunklen Augen über ihre Gesichter schweifen, als wollte er sich an ihnen satttrinken, dann legte er ihnen die Hände in den Rücken und schob sie aus dem Büro.
"Lasst uns in den Salon gehen, da genehmigen wir uns einen Drink."
Gesagt, getan. Der Raum, der irgendwie an eine Mischung aus Museum und Filmkulisse erinnerte, mit den Läufern, goldgerahmten Ölgemälden und Polstersesseln, war trotz allem Pomp gemütlich. Sam liess sich mit Dee auf einem Zweisitzer vor dem riesenhaften Kamin nieder, während der Mann an die Bar ging und sich danach erkundigte was sie trinken wollten. Sam verlangte es nach einem Brandy, aber zu ihrer Überraschung bestellte Dee nichts anderes als schnödes Wasser. Sie zuckte auf Sams fragenden Blick hin nur mit den Schultern, dann warteten sie schweigend auf ihre Getränke.
Schliesslich sassen sie alle mit ihren Gläsern da und lächelten sich an. Es war beinahe unwirklich; ihre kleine Familienversammlung, die dem Sturm mit Vertrautheit zu trotzen versuchte. Sam nippte an ihrem Brandy und genoss das Brennen, die Wärme, die sich auch gleich in ihrer Mitte breitmachte.
"Wie hältst du dich?", fragte Dee und lehnte sich ein bisschen vor, bedachte ihn mit einem besorgten Blick.
"Den Umständen entsprechend...", gab Samuel mit einem gequälten Lächeln zurück.
"Wir schaffen das, keine Sorge." Sam fühlte sich plötzlich seltsam bestärkt. Vielleicht lag es am Alkohol. "Dieser Mistkerl wird kriegen was er verdient hat. Wir werden noch sehen wer zuletzt lacht..."
"Die Wahlen stehen in zehn Tagen schon an", sagte er tonlos. "Ich fürchte, dass wir kurz vor einem gewaltigen Schlamassel stehen. Mercer wird gewählt, dann verhaftet, wenn wir endlich dazu kommen und was dann passiert steht in den Sternen."
"Du wirst wiedergewählt, da bin ich mir sicher! Alles, was ich bisher von deiner Truppe gehört habe klingt nach Kompetenz. Ausserdem haben sie Sam." Dee sagte das als, wäre damit alles geklärt.
"Es geht nicht um mich und meinen Posten. Es geht um die Menschen, für die ich verantwortlich bin. Sie haben besseres verdient und weiss Gott schon genug Sorgen, ohne diesen ganzen Wust."
Sam biss sich auf die Lippe und betrachtete den grossen, starken Mann, der gerade so aussah, als läge das Gewicht dieser ganzen Welt auf seinen Schultern. Seine Loyalität gegenüber den Bewohnern dieser Insel war herzerwärmend und traurig zugleich. "Dafür gibt es eine einfache Lösung: die Five-0 soll ausrücken und diese ganze Bande verhaften. Wo Fat hin oder her. Es kann doch nicht angehen, dass wir untätig herumsitzen und zusehen wie dieser Mercer an die Macht kommt, nur um vielleicht - und das ist ein dickes, fettes vielleicht - Wo Fat zu kriegen!"
"Ich lasse mich nicht länger von ihm an der Nase herumführen. Wir warten so lange ab, bis wir ihn auch schnappen können", erwiderte Samuel energisch. "Er ist uns bisher schon zu oft entwischt. Das wird jetzt ein Ende nehmen."
"Nur weil Steve eine seltsame, persönliche Rechnung mit ihm offen hat, muss das noch lange nicht heissen, dass du dich auch auf dieses verdrehte Spiel einlassen musst!"
"Es geht hier nicht um McGarrett. Es geht um diesen Verbrecher und seine Machenschaften."
Sam seufzte und strich sich über die Stirne. Das war doch alles zum verrückt werden! Da waren sie, hatten handfeste Beweise, die diese ganze Bande ein für alle Mal aus dem Weg schaffen konnte und mussten stattdessen darauf warten, dass Wo Fat einen Fehler beging. Einen Fehler, den er vermutlich niemals machen würde.


Sam lag auf ihrem Bett, während sie auf die gedämpften Geräusche des Fernsehers hörte, die durch die Tür drangen. Heute Abend war ein anderer Officer für ihre Sicherheit abbestellt worden, den sie noch nicht kannte. Dee hatte sich in das andere Zimmer zurückgezogen, weil sie beschlossen hatten von jetzt an nicht in demselben Bett zu schlafen, da sie dann ohnehin nur so lange miteinander redeten, bis der Morgen graute. Sam war froh darum, denn sie war körperlich so müde und abgeschlagen, als hätte sie seit Wochen kein Auge mehr zugetan. Ihr Geist hingegen drehte Kreise, unbarmherzige, sich wiederholende Kreise, die sie verrückt machten.
Ausserdem vermisste sie Steve. Sie malte sich aus wie schön es wäre ihn jetzt neben sich in dem Bett zu wissen, aber diese Gedanken liessen eine seltsame Trauer aufleben, also schob sie sie wieder von sich. Dennoch, nach wenigen Minuten des Brütens kehrten sie wieder zu Steve zurück. Mit einem Seufzen setzte sie sich auf und lehnte den Rücken an das Kopfende. Vielleicht sollte sie ihn einfach anrufen und es hinter sich bringen. Seine Stimme zu hören wäre wenigstens etwas gewesen.
Abends hatte sie mit Kono telefoniert und erfahren, dass die Drogenkontakte Summer zwar von früher kannten, dass sie aber seit Monaten nichts mehr von ihr gehört oder gesehen hatten. Sam tippte darauf, dass sie Wo Fat mit dem Kokain versorgte. Vielleicht war das seine Art der Bezahlung für ihre zweifelhaften Dienste.
Aber darüber wollte sie jetzt eigentlich nicht nachdenken. Sam blickte auf die leuchtende Anzeige zu ihrer Linken. Es war kurz vor Mitternacht. Er war bestimmt noch wach. Sie griff nach dem Handy auf dem Nachttisch und wählte seine Nummer. Steve ging so schnell ran, als hätte er auf ihren Anruf gewartet.
"Ist etwas passiert?", fragte er ohne Umschweife.
"Nein. Ich wollte nur deine Stimme hören." Wozu sollte sie schon lügen? Es war ja nicht mehr so, als hätten sie etwas voneinander verheimlichen müssen.
Steve lachte sein tiefes, unverschämt verführerisches Lachen und Sam fühlte wie sich etwas in ihrer Magengegend vor Sehnsucht zusammenzog. "Was machst du?"
"Ich brüte vor mich hin..."
"Und denkst dabei an mich?" Jeglicher geschäftliche Unterton aus seiner Stimme war verbannt. Stattdessen klang er einfach nur zufrieden.
Sam verzog den Mund, aber weil er das ja nicht sehen konnte fügte sie hinzu: "Soll ich es dir aufschreiben?"
"Ja, ich will eine offizielle Bekanntmachung sehen. Morgen, auf meinem Schreibtisch."
"Ich sehe mal was ich machen kann", gab sie grinsend zurück. Ihre Finger nestelten an einem Knopf des Kopfkissenbezuges herum. Wieso konnte sie sich eigentlich nicht einfach zu ihm fahren lassen und die Nacht bei ihm verbringen? Es gab sowieso keinen sichereren Ort, als bei ihm. "Und was treibst du so? Vermisst du mich?"
"Psst, sonst weckst du noch die Unbekannte neben mir im Bett auf", sagte er überraschenderweise.
"Du fürchterlicher Kerl!", presste sie hervor, nachdem sie sich gefangen hatte.
"Was denn? Ich habe meine Bedürfnisse... Und bist so weit weg - da muss ich zusehen wo ich bleibe."
"So, das war's. Ich lege auf!"
"Tust du nicht! Du wolltest dich an meiner Stimme erfreuen und das kannst du nur, wenn ich dir gleich alle Details der wilden Begegnung mit der Unbekannten erzähle..." Was war denn nur in ihn gefahren? Er schien förmlich aufzublühen und sie sah ihn nur allzu deutlich vor sich, wie er in einem Tanktop in der Dunkelheit seines Schlafzimmers sass und versuchte sie foppen.
"Danach erzähle ich dir dann aber von meinem Abenteuer, okay?"
"Nein. Das ist inakzeptabel. Abenteuer, die mich nicht beinhalten gibt es nicht."
"Du bist unglaublich selbstgefällig, habe ich dir das schon einmal gesagt?"
"Ja und unwiderstehlich und fantastisch und überhaupt. Hast du nichts Neues auf Lager, Milky?"
Sam schüttelte den Kopf und versuchte so lautlos wie möglich zu lachen. Jegliche Sorgen und Kreise ziehende Gedanken waren weggewischt. Sie wusste nicht einmal mehr was sie eben noch in ihrem Kopf herumgewälzt hatte. Da war einfach nur Steves Stimme und diese Vertrautheit, die ihr das Herz erwärmte. "Ich verbiete dir mich so zu nennen!"
"Du kannst mir den Mund nicht verbieten, Milky. Du kannst es versuchen, aber ich mache ohnehin was ich will."
"Ich bin so gestraft mit dir... Worauf habe ich mich da bloss eingelassen?" Kaum hatte sie diese Worte von sich gegeben, wurde ihr bewusst, was sie da gesagt hatte.
Aber Steve lachte nur und schien sich deswegen nicht bedrängt zu fühlen. Im Gegenteil. Seine Stimme kam eine Spur dunkler, als er erwiderte: "Du weisst, dass du es nicht anders willst..."
Ein Schauer kroch über ihren Rücken und wieder spielte sie mit dem Gedanken einfach von hier zu verschwinden um zu ihm zu gehen. "Selbstgefällig, sagte ich doch", wisperte sie.
"Versuch zu schlafen, ja?", sagte er leise. "Wir sehen uns bald wieder. Und sobald diese Sache beendet ist, zeige ich dir wie selbstgefällig ich wirklich bin."
"Ist das ein Versprechen?"
"Natürlich. Gute Nacht, Milky."
"Gute Nacht, mein Herz. Versuch die Unbekannte nicht allzu sehr zu fordern..." Sie legte auf, bevor er noch etwas erwidern konnte, dann streckt sie sich wieder auf dem Bett aus und grinste der Decke entgegen. Eine Blase des Glücks umgab sie und die Gewissheit, dass sie heute Nacht würde wie ein Baby schlafen können, war wundervoll.
Doch sie wusste nicht, wie sehr sie sich damit täuschte. Das Handy in ihrer Hand vibrierte und sie sah überrascht auf das Display. Es war nicht Steve, sondern eine unterdrückte Nummer. Was zum Kuckuck?
"Hallo?"
"Hey Samantha. Kommst du raus um zu spielen?", erklang eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.
Sam setzte sich kerzengerade auf. Eine unheilvolle Ahnung hatte ihre Sinne fest im Griff. "Wer ist da?"
"Jemand, der etwas hat, was dir lieb und teuer ist", gab die Fremde zurück, dann schien sie sich an eine andere Person zu wenden. "Sag deinem Schützling hallo, mein Lieber!"
"Sam! Egal was du tust! Hör nicht auf sie!", kam es aus dem Hörer. Sams Herz sackte ins Nichts ab. Es war La Roches Stimme. Gehetzt und beinahe bis zur Unkenntlichkeit verzerrt vor Aufregung.
"Ja, das reicht!", sagte die Frau mit einem kalten Lachen.
Aber Germain schien nicht auf sie hören zu wollen. Aus der Ferne hörte Sam wie er rief: "Bleib wo du bist! Lass dich nicht auf sie ein!"
Sam schlug die Hand auf den Mund, als sie hörte wie er ein schmerzerfülltes Keuchen von sich gab. "Halt jetzt deine grosse Klappe!" Dann wurde er wieder traktiert; die unmissverständlichen, dumpfen Geräusche liessen keinen Zweifel zu. Ausserdem war Sam nun auch klar, dass das niemand anderes als Summer war.
"Was willst du?", fragte sie und wunderte sich, dass ihre Stimme so fest klang. Eigentlich war ihr danach zu Mute zu schreien.
"Du gehst raus, schnappst dir ein Taxi und kommst zur Kailua Bucht Werft. Du wirst niemanden anrufen, niemandem eine Nachricht hinterlassen oder auch sonst nichts versuchen. Wir hören alle Leitungen ab und unsere Augen sind überall, hast du mich verstanden?"
"Ja", spie sie.
"Gut, dann muss ich dich wohl nicht daran erinnern, dass wir den guten Germain hier bei uns haben. Eine dumme Entscheidung und er trägt die Konsequenzen. Es ist ganz einfach."
"Ich komme."
"Wir werden so viel Spass haben!"
Sam starrte auf das Telefon und konnte nur an La Roche denken. Der Himmel allein wusste, was sie ihm schon angetan hatten und was ihm noch blühte. Sie dachte nicht einmal daran den Officer zu alarmieren oder jemanden anzurufen. Es wäre nicht nur ausgesprochen dumm, sondern auch gefährlich gewesen. Sie hatte keine andere Wahl, als zu tun was von ihr verlangt worden war.
Es war als beobachtete sie eine Fremde. Sie stand neben sich, während sich ihr Körper umzog, die Brieftasche in die Hosentasche ihrer Jeans stecke, das Fenster öffnete und auf die Feuerleiter stieg. Rasch war die schmale Gasse zwischen den beiden Häusern erreicht. Sam vergewisserte sich, dass der Officer, der vor der Tür postiert war nicht gerade eine Runde drehte, dann huschte sie zwischen den Grundstücken durch auf die nächste Querstrasse. Als hätte jemand gewusst, dass sie eines brauchte, erschien auch schon ein Taxi. Sie hob die Hand und als der Mann gehalten hatte, stieg sie ein, nannte ihm das Ziel.
Alles lief glatt. Nahtlos. Perfekt. Zumindest aus Summers Sicht.
Sam starrte aus dem Fenster und fühlte nichts. Das Geplapper des Taxifahrers perlte an ihr ab. Die Sorge, die Angst, die Ungewissheit ebenso. Noch vor wenigen Wochen wäre sie an dieser Stelle zusammengebrochen. Aber mittlerweile war sich Sam auf eine kranke Art und Weise gewohnt Ausnahmesituationen durchzustehen. Ihre Gefühle waren zwar da, aber ein Schleier trennte sie von ihrem Handeln und ihrem Geist. Diese waren klar und kalkuliert. Sie hatte die Selbstkontrolle über sich selbst auf die harte Tour erworben.
Ausserdem machte sie sich keine Hoffnungen - aus dieser Sache würde sie nicht unbeschadet hervorgehen. Richard, Wo Fat und alle anderen hatten was sie und La Roche betraf jetzt schon gewonnen. Es blieb nur noch zu hoffen, dass Steve und die anderen zusahen, dass Dee und Samuel in Sicherheit waren. Der arme Steve. Er würde es sich nie verzeihen, wenn ihr etwas passieren sollte. Aber er war stark, stärker, als irgendjemand den sie kannte. Der Wunsch nach Rache würde ihm vielleicht sogar die nötige Energie geben um ein endgültiges Desaster abzuwenden.
Dann kam auch schon die Bucht in Sicht. Sam bezahlte den Taxifahrer, dann stieg sie aus. Die Nacht war perfekt. Die Schwüle wurde von einem angenehmen Windhauch durchbrochen, das Geräusch der Brandung untermalte den sternenklaren Himmel. Motten flogen um die Laternen herum, die die Werft beleuchteten und als das Taxi abfuhr wurde es dunkler, noch friedlicher. Aber die Szenerie stand in krassem Gegensatz zu dem, was Sam wusste, das gleich kommen würde. Es schien als wäre ihr ganzes Leben auf diesen einen Punkt hinausgelaufen, an dem es nun ein Ende mit Schrecken nehmen würde. Wenigstens konnte sie sich nicht über Langeweile beschweren, dachte sie bitter.
"Braves Mädchen." Summers Gestalt kam von links in Sicht. Sie trug schwarze, enganliegende Kleidung und ihr Haar schien endlich so zu sein, wie sie es wohl trug, wenn sie gerade nicht eine Rolle spielte. Blond und glatt fiel es auf ihre Schultern, umrahmte das durchaus attraktive Gesicht, auf dem jedoch gerade ein abstossend durchtriebenes Lächeln zu sehen war. "Du warst schneller als erwartet."
Sam stand einfach nur da und sah ihr entgegen. Sie würde erst mit dieser Frau sprechen, wenn es sich nicht vermeiden liesse. Diese richtete eine Handfeuerwaffe auf sie, dann winkte sie sie damit zur Seite.
"Wir drehen eine kleine Runde auf dem Meer", sagte sie von hinten, als sich Sam in Bewegung gesetzt hatte und wie erzwungen vor ihr über den schmalen Steg ging.
Schliesslich ergriff Summer ihren Oberarm und schob sie zur Seite, leitete sie zu der Rampe wo sie hintereinander eine grosse Yacht betraten. Sam dachte wieder an La Roche. War er noch am Leben? Und wenn ja ... wie lange noch?
Die erste Frage wurde beantwortet, als sie von Summer unter Deck bugsiert wurde. Sie kamen in einen erstaunlich grossen Raum in dessen Mitte ein Tisch im Boden verankert war. Germain war an eines der Tischbeine gefesselt worden und blickte auf, als sie eintraten. Sein blutverschmiertes Gesicht wurde gelblich, als er Sam erkannte.
"Nein, Sam, nein...", gab er heiser von sich. Seine schlimmsten Befürchtungen schienen wahr geworden zu sein.
"Es tut mir so leid, Germain", flüsterte sie und ihr Herz wurde gnadenlos von der Trauer gequetscht.
"Bitte, verschont mich mit eurem rührseligen Geplapper!", sagte Summer kalt, dann stiess sie ihr den harten Lauf der Waffe zwischen die Schulterblätter. "Setz dich neben deinen Freund!"
Sam tat wie geheissen und liess sich auf den Boden sinken, lehnte sich mit dem Rücken an das andere Tischbein. Sie starrte auf einen Punkt vor sich, während Summer einen grossen Kabelbinder zückte und sie damit an die Metallstange fesselte. Sie zog diesen richtig fest zu, aber Sam hatte nichts anderes von ihr erwartet. Sie schien die sadistische Ader von ihrem Kumpel Richard aufgesaugt zu haben. Wie lange würde es wohl gehen bis sie seine Visage zu Gesicht kriegen würde? Er war bestimmt nicht weit.
"Und jetzt könnt ihr euer Widersehenspläuschchen halten. Ich gehe und sehe mal was unser Kapitän so macht. Seid brav!" Mit einem blöden Winken mit der Waffe war sie auch schon aus dem Raum verschwunden.
La Roche wandte sich ihr zu und als ihm Sam in die Augen blickte, schwand auch das letzte bisschen Hoffnung, das noch irgendwo in einem Winkel ihrer Seele gewesen war. Auf seinem Gesicht spiegelte sich dieselbe Leere, die sie fühlte. Sie brauchten nicht zu sprechen, denn sie wussten beide, dass sie nicht mehr lebend von diesem Seegefährt kommen würden. Wenigstens würde sie an der Seite eines Freundes sterben.
Mit einem sanften Ruck kam die Yacht in Bewegung und schon fuhren sie ihrem unbekannten Ziel entgegen.

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Roux
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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mo Sep 23, 2013 5:43 am

13. Ua Hiki Mai Kapalena Pau

Until the End is Near - Bis zum Ende



Er war der erste im Büro. Die anderen würden hoffentlich bald eintrudeln. Nach dem gestrigen Gespräch mit Sam hatte er noch eine Weile lang wach gelegen und herum sinniert, was sie tun konnten um die Sache zu beschleunigen. Obwohl er im Grunde dafür gewesen war, dass sie abwarteten bis sich eine Gelegenheit ergab die Verbrecher mitsamt dem Kopf der Verschwörung zu fassen, erschien ihm das Warten immer unerträglicher. Er war nicht dafür gemacht. Man hatte ihm beigebracht, dass man mit seinem Willen alles erreichen konnte, dass man sich nicht zurücklehnte, wenn etwas getan werden musste. Nichtsdestotrotz wusste er auch, dass es manchmal weiser war nicht in Aktion zu treten, wenn es die Dinge erforderten. Keine Handlung war nicht immer keine Handlung. Er war unentschlossen und es fühlte sich nicht gut an. Wenn es etwas gab, was er nicht mochte, dann war das Hin und Her gerissen zu sein.
Aus diesem Grund konnte er es kaum abwarten den Rest seines Teams zu sprechen. Ihre Meinung war ihm wichtig. Wenn sie die Köpfe zusammensteckten, würde vielleicht ein Plan dabei herauskommen. Doch musste er noch eine Weile warten, vertrieb sich die Zeit damit in den Leben derjenigen auf Richards Liste herumzustochern, bis jemand auftauchte. Aber es war niemand von seinem Team, der sich als erstes blicken liess.
Die Tür wurde energisch aufgestossen und Steve sah von dem Bildschirm auf, nur um Dee zu erkennen. Sie war völlig aufgelöst, blass und hatte vor Entsetzen geweitete Augen. Rasch ging er um den Tischcomputer herum und wusste bereits, dass es nur um Sam gehen konnte.
"Was ist passiert?", fragte er scharf.
"Es ist Sam. Sie ist weg!", rief Dee aus. Ihre Stimme kam panisch, höher als gewohnt.
"Was? Was meinst du mit weg?"
Die Rothaarige erfasste seine Oberarme und klammerte sich an ihn, als könnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten. "Sie ist nicht mehr da! Ihre Brieftasche ist weg, aber ansonsten ist alles noch da! Alles! Sogar ihr Handy. Was sollen wir tun? Wo ist sie? Hat er sie?"
"Wo ist La Roche?"
"Der ist auch weg!", heulte Dee auf und liess ihn los. Stattdessen griff sie sich ans Herz. "Ihnen ist bestimmt etwas Furchtbares passiert! Ich spüre es!"
Er konnte das nicht hören. Wollte es nicht. Sein Hirn weigerte sich die Tatsache zu akzeptieren, dass Sam etwas zugestossen war. Rasch schob er all die horrorartigen Szenarien von sich, die sich ihm aufzudrängen begannen und dachte stattdessen scharf nach. Richard musste es geschafft haben Sam und La Roche zu fassen zu kriegen. Aber wozu? Und wo würde er sie hinbringen? Der Reihe nach, Mann, immer der Reihe nach!
"Dee. Du gehst jetzt in mein Büro und setzt dich dort hin, bevor du zusammenklappst", sagte er und umfasste ihren Oberarm, begann sie in die besagte Richtung zu schieben.
"Sag mir, dass du sie finden wirst!"
Steve blickte in diese angsterfüllten Augen, die Sams so ähnlich sahen und nickte. "Und wenn es das Letzte ist, was ich tue."
Dee nickte, dann gab sie einen erstickten Laut von sich, wand ihren Arm aus seinem Griff und ging in das Büro. Er sah ihr hinterher und fühlte sich plötzlich so hilflos, dass es ihn selbst anwiderte. Etwas musste getan werden. Aber solange die Ängste und der Unglauben in ihm tobten konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Er brauchte -
"Danny! Endlich! Wo warst du?!"
"Ich habe meinen wohlverdienten Schlaf geschlafen. Was ist denn in dich gefahren?"
"Sam und La Roche sind verschwunden."
"Wa- was? Was redest du da?", fragte Danny und schüttelte stirnrunzelnd den Kopf, als hätte Steve den Verstand verloren.
"Sie sind weg! Verschwunden!", gab Steve unnötig laut zurück. Doch bevor er weiterbrüllen konnte, erblickte er Chin und Kono, die durch die Tür traten und widmete sich stattdessen ihnen. "Das wird aber auch Zeit! Wir haben Probleme!"
Kono öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber Danny winkte ab. "Vergiss es. Mich hat er auch schon angeblafft. Aber es geht um Sam. Sie und La Roche sind offenbar verschwunden."
Einen Moment lang herrschte entsetztes Schweigen, dann gab Steve ein frustriertes Schnauben von sich. Salzsäulen waren ihm keine Hilfe. Je mehr Zeit verging, desto schlechter standen die Chancen sie zu finden. Er wandte sich wortlos ab und ging in sein Büro. Die anderen folgten ihm.
Dee sah auf; ihre Augen waren gerötet und sie sah so fertig und besorgt aus, wie sich Steve fühlte. Er setzte sich neben sie auf das Sofa und berührte ihre Hand. Sofort schlang sie ihre Finger um die seinen und sah ihn so hoffnungsvoll an, dass es kaum auszuhalten war.
"Erzähl mir alles der Reihe nach. Von gestern Abend, bis du hierher gekommen bist."
"Wir waren bei Samuel, dann sind wir gegen vier wieder nach Hause. Ich habe gelesen, Sam hat an ihrem Laptop gearbeitet. Um zehn Uhr herum bin ich ins Bett. Bisher haben wir im selben Zimmer geschlafen, aber wir haben kein Auge zugetan und stattdessen jede Nacht bis in die Puppen geredet. Oh Gott, ich hätte niemals in dieses andere Zimmer gehen sollen! Sie war ganz allein und ich habe nichts gemerkt und wer weiss wo sie jetzt ist..."
"Konzentrier dich, Dee. Wie ging es weiter?"
Sie strich sich mit der freien Hand über das Gesicht, um sich zu sammeln, dann erzählte sie mit zitternder Stimme weiter, während ihr die vier angespannt zuhörten. "Ich bin ziemlich schnell eingeschlafen und habe nichts bemerkt. Bis dieser Officer am Morgen in mein Zimmer gestürmt kam um nach ihr zu suchen. Er hat gesagt, dass ihr Wecker so lange geklingelt hat, bis er in ihr Zimmer gegangen ist um nachzusehen was los ist und entdeckt hat, dass sie nicht da war. Und als er das La Roche melden wollte, war der auch nicht zu erreichen. Er hat mir ein Taxi gerufen, weil ich zu dir kommen wollte und er kümmert sich jetzt darum, dass das HPD einen Suchtrupp aufstellt und was noch alles. Ich glaube, ich schaffe das nicht... Wenn ihr etwas passiert ist - wie soll ich das ihrer Mutter beibringen?"
"Du wirst ihr nichts beibringen müssen", gab er grimmig zurück und drückte ihre Hand so fest, dass sie sich unbehaglich zu winden begann. Mit einer gemurmelten Entschuldigung liess er sie los und erhob sich von dem Sofa.
"Chin, du bleibst hier bei ihr und siehst dir das Videoüberwachungsmaterial aller Kameras in der Nähe an." Er wandte sich an Dee und fragte nach wo sich der sichere Unterschlupf befand. La Roche und seine paar Männer, die mit Sams Sicherheit beauftragt gewesen waren, wussten als einzige wo sich dieser befand. Chin nickte und merkte sich die Adresse. Bevor er aus dem Büro trat hielt ihn Steve auf. "Wenn die Umgebung nichts abwirft, dann erweiterst du die Suche. Wenn es sein muss über die ganze, verdammte Insel."
"Vertrau mir, Steve. Ich will sie ebenso finden wie du", gab der Mann zurück und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.
Die Geste half nicht im Mindesten, dennoch war Steve dankbar. Dann beauftragte er Kono damit zum HPD zu fahren und ihnen Dampf unter dem Hintern zu machen, ihn darüber auf dem Laufenden zu halten was dieses trieb und allenfalls herausfand.
"Und du kommst mit mir mit", sagte er zu Danny, der es offenbar vorzog zu schweigen und sich folgsam seinen Plänen hinzugeben, als sich über die sang- und klanglos herrische Behandlung zu beschweren, die ihm Steve angedeihen liess.
Erst als sie auf Waipahu zufuhren, die Strasse so schnell entlang brausten, dass sich Danny angstvoll an den Haltegriff über der Beifahrerscheibe klammerte, gab er etwas von sich:
"Willst du uns umbringen?!"
"Diese unfähige Bande von Hampelmännern! Wie konnten sie zulassen, dass sie aus dem Haus verschwindet?", platzte es aus Steve heraus.
"Das werden wir niemals herausfinden, wenn sie uns von einer Mauer abkratzen müssen, Steven! Hör auf zu rasen!"
Steve ignorierte auch das. "Wenn ich La Roche finde, werde ich ihn persönlich erwürgen! Versichert mir noch lang und breit, dass sie bei ihm in Sicherheit ist!" Er bog so scharf um eine Ecke, dass die Reifen des Camaros quietschten, dann erboste er sich weiter. "Am Morgen nachdem sie sich aus dem Staub gemacht hat, ist er ja bei mir aufgetaucht um ihre Sachen zu holen. Ich wollte gerade zu ihm gehen und ihn fragen wo sie ist, damit ich sie wieder zu mir schleifen konnte. Aber stattdessen habe ich Idiot mich von ihm einlullen lassen. Ich dachte mir, dass es vielleicht Zeit war etwas aus der Hand zu geben und darauf zu vertrauen, dass auch andere etwas auf die Reihe kriegen. Aber ich habe mich geschnitten! Wenn etwas richtig gemacht werden soll, dann muss man es selbst machen! Ich werde niemals mehr irgendjemandem irgendetwas zutrauen. Ausser Unfähigkeit natürlich."
"Bitte, ich flehe dich an - nimm deinen Bleifuss von dem Gaspedal, oder ich lasse dich nie mehr mein Auto fahren!", rief Danny aus.
"Habe ich jemals einen Unfall gebaut?", spie ihm Steve entgegen und fuhr weiter wie es ihm beliebte.
"Nein. Aber nur durch schieres Glück! Du gibst dir immer redlich Mühe eine Massenkarambolage zu verursachen, du Irrer! Du kannst Sam nicht helfen, wenn du im Krankenhaus liegst, das leuchtet auch deinem Neandertalerhirn ein, oder?"
"Jetzt ist nicht der Zeitpunkt um mich zu beleidigen."
"Wieso rede ich überhaupt mit dem?", murmelte Danny und wurde in seinen Sitz gepresst, als die Ampel auf Grün sprang und die Beschleunigung des V8 ihre Magie wirkte.
Steve hielt seine Wut am Leben, verzweifelt und angestrengt, weil er spürte, wie die lähmende Angst um Sam darauf wartete ihn vollständig einzunehmen. Wenn er diese zugelassen hätte, wäre er verloren gewesen. Er musste sich konzentrieren, zusammenreissen. Und er würde dies tun indem er jeden Winkel dieses angeblich sicheren Hauses abgraste, bis er etwas gefunden hätte, was sie weiterbringen würde.
Vor dem besagten Gebäude stand ein Streifenwagen des HPD. Steve warf diesem einen finsteren Blick zu, als sie daran vorbeigingen, dann stiess er energisch die Tür auf und erkannte drei Officers, die sich im Wohnzimmer versammelt hatten.
"Wer von Ihnen hatte letzte Nacht die Verantwortung für Doctor Haynes‘ Sicherheit?", grollte er und sah von einem Gesicht zum anderen.
Ein junger Mann trat vor und bot ihm die Stirn, als würde er erwarten in Stücke gerissen zu werden. "Das war ich, Sir."
"Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?"
"Gegen Mitternacht, als sie zu Bett ging. Ich habe nichts gehört, ausser, dass sie mit jemandem am Telefon gesprochen hat, Commander. Danach war es still."
Der Erinnerung an das Gespräch bereitete ihm förmlich körperliche Schmerzen. Der Gedanke, dass dies vielleicht die letzten Worte waren, die er von ihr gehört hatte, überfiel ihn unbarmherzig und gänzlich unaufgefordert. "Und was ist mit Inspector La Roche? Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen oder gesprochen?", presste er hervor.
"Gestern Nachmittag, als er zu mir kam und mich für die Wache eingeteilt hat. Ich war von Anfang an als Reserve gedacht, falls die Anderen ausfallen sollten."
"Jemand ist ausgefallen?"
"Ja, Sir. Officer Karubas Tochter war krank, Officer Staton hat sich bei einem Einsatz verletzt und Officer Hatakeda ist im Urlaub", erklärte der Mann rasch.
"Wird La Roches Wohnung durchsucht? Wurden die Nachbarn befragt? Was machen Sie eigentlich hier, anstatt sie zu suchen?", verlangte er zu wissen und funkelte die anderen beiden Männer an, um sich schliesslich wieder an den eingeschüchterten Officer vor sich zu wenden. "Wissen Sie schon wie sie unbemerkt aus dem Haus entkommen konnte? Sind Sie etwa vor der Glotze eingeschlafen, Mann?"
"Ich - nein - also wir haben gerade -", stammelte der Angefahrene und schien heillos von Steves anklagenden Fragen überfordert.
Unfähig! Sie waren allesamt unfähig. Und unnütz und der Marken an ihren Gürteln unwürdig. Bei der Navy hätte man diese Hampelmänner allesamt unangespitzt in den Boden gerammt. Er hatte nicht übel Lust das selbst zu tun, aber stattdessen liess er sich von Danny zur Seite schieben.
"Warum gehst du nicht in Sams Zimmer und siehst nach ob du einen Hinweis finden kannst?"
Danny sprach mit ihm, als wäre er ein Kind und er zeigte diesem was er davon hielt, indem er ihm einen finsteren Blick zuwarf, bevor er sich angewidert von den Männern abwandte und sich in das Schlafzimmer zu deren Rechten begab.
Da war ihr Koffer. Ihr T-Shirt lag auf dem ungemachten Bett, neben dem Handy. Das Shirt, in welchem sie schlief. Ihr Handy mit dem sie ihn noch vor ein paar Stunden angerufen hatte. Gott, er konnte das nicht. Die Wände strebten auf ihn zu, seine Brust verkrampfte sich und selbst das Atmen fiel ihm schwer. Erst jetzt wurde ihm vollständig bewusst was passiert war. Sam war weg. Gefangen und vielleicht noch Schlimmeres. Wie hatte er das zulassen können? Er hätte sie an sich ketten, sie in einem Bunker einsperren und den Schlüssel wegwerfen sollen. Einerseits verlangte es ihm danach das Zimmer kurz und klein zu schlagen, andererseits wollte er nur noch daraus verschwinden.
Aber stattdessen zwang er sich dazu jeden Winkel des Raumes zu durchsuchen, öffnete alle Schubladen, hob sogar die Matratze vom Bettgestell, obwohl er wusste, dass er nichts finden würde. Sie hatte keine Notiz geschrieben, keine Brotkrumen fallen gelassen. Das Fenster war offen, aber es wies keine Einbruchspuren auf. Ohne den Rahmen oder die Scheibe zu berühren, streckte er den Kopf aus diesem heraus und besah sich die Feuertreppe. Ihr Weg in die Freiheit. Oder besser gesagt in die Gefangenschaft. Womit hatte ihr dieses Aas gedroht? Da jegliche Spuren von einem Kampf oder Einbruch fehlten, war es die einzig logische Schlussfolgerung. Steve führte diesen Gedanken zu Ende und hatte die untrügliche Ahnung, dass Richard La Roche zuerst geschnappt und ihr dann damit gedroht hatte diesem etwas anzutun, wenn sie nicht tat was er ihr befohlen hatte. Einfach und dennoch bestechend effektiv. Er würde den Typen eigenhändig umbringen. Dieses Versprechen an sich selbst sank in seinen Geist und entzündete dort ein Leuchtfeuer. Eines welches ihm den Weg weisen würde, an welchem er sich festhalten würde, bis er es erfüllt hätte.
Mit neuem Mut trat er aus dem Zimmer und gesellte sich wieder zu den Männern. Kaum hatte er die Augen auf den jungen Officer gerichtet, straffte dieser seine Schultern, offenbar bereit sich noch mehr Anschuldigungen anzuhören. Aber Steve ignorierte ihn und wandte sich an den ältesten der drei. Der sah noch einigermassen kompetent aus, obwohl er natürlich wusste, dass der Schein trog.
"Rufen Sie Captain Nuali an. Er soll eine Hundestaffel schicken - und das sofort."
Der Mann sah nicht so aus, als würde er es schätzen von Steve Befehle entgegenzunehmen, aber er tat dennoch wie geheissen. Steve beaufsichtigte jeden Ton, den er von sich gab, dann nickte er dem Officer einigermassen zufriedengestellt zu, als ihm dieser erklärte, dass die Staffel in spätestens einer halben Stunde hier sein würde.
Tatsächlich kamen sie schon nach knapp zwanzig Minuten an, zwei Schäferhunde im Schlepptau. In der Zwischenzeit hatte er sich mit Danny davon überzeugt, dass das Haus wirklich keinen Hinweis auf Sams Verbleib liefern konnte.
Der Anführer der Hundestaffel gefiel Steve. Der Mann strahlte Energie und eine gewisse Ungeduld mit der Arbeit zu beginnen aus, die er sehr begrüsste. Rasch führte er ihn in das Zimmer mit dem offenen Fenster, dann ergriff er Sams T-Shirt und hielt es dem schwarzen Hund vor die Nase. Kaum hatte dieser die Witterung aufgenommen, gab er unmissverständlich an dem Fenster an. Also gingen sie aus dem Haus und begaben sich unter die Feuertreppe, wo sie der Hund auch schon durch ein Gewirr von Gärten und Hinterhöfen führte, bis sie an der Querstrasse hinter dem Haus angekommen waren. An dieser Stelle schnüffelte er da und dort, während ihn der Mann die Strasse herauf und herab führte, aber schliesslich kehrte der Hund zu dem ersten Punkt zurück, setzte er sich auf den Bürgersteig und kläffte seinen Führer an.
"Sie muss in ein Auto gestiegen sein. Die Spur endet hier. Tut mir leid, Commander."
"Das muss es nicht. Wir wissen jetzt schon mehr. Danke. Gute Arbeit." Und weil es eigentlich der Hund gewesen war, der diese vollbracht hatte, kraulte er diesen kurz hinter dem Ohr.
"Wenn Sie einen anderen Hinweis finden oder erfahren wo sie ausgestiegen sein könnte, sind wir zur Stelle."
Noch einmal bedankte er sich bei dem Mann, dann wandte er sich an Danny.
"Lass uns zurückgehen. Vielleicht hat Chin etwas gefunden. Vom Hauptquartier aus können wir auch die Taxigesellschaften abklappern und herausfinden, ob sich jemand an Sam erinnert."
"Denkst du sie hat ein Taxi benutzt um von hier wegzukommen?"
"Sie hat ihre Brieftasche mitgenommen, aber nicht ihr Handy. Wieso sollte sie das tun, wenn sie nicht Geld gebraucht hätte? Und man braucht in ihrer Situation nur Geld, wenn man für Transport bezahlen muss."
Es war eine schwache Spur, aber Steve klammerte sich so sehr an diese, wie an das T-Shirt, welches er immer noch in der Hand hielt.


***



Sam hatte furchtbare Schmerzen. Die nach hinten angewinkelten Arme protestierten mit aller Macht gegen die unnatürliche Haltung, in die sie schon seit Stunden gezwängt waren. Der Kabelbinder frass sich in ihre Handgelenke und ihr Hintern war wund von dem regungslosen Sitzen auf dem harten Boden. Aber ihre körperlichen Empfindungen waren nichts im Vergleich zu dem, was in ihrem Inneren vor sich ging.
Sie hatte die ganze Nacht Zeit gehabt alles durchzugehen und dies hatte ihrer psychischen Verfassung nicht gut getan. Die Hoffnungslosigkeit hatte sie fest im Griff. Die einzigen Momente, in denen ihre gelähmten Gefühle auflebten, waren jene, in denen Steves Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte. Von Dee und dem Rest ihrer Familie ganz zu schweigen. Und weil es nicht auszuhalten war, schob sie diesen Anwandlungen immer wieder einen Riegel vor, um abermals in die Leere abzusinken. Sie konnte einfach nicht daran denken, dass sie all diese Menschen, die ihr lieb und teuer waren, nie mehr wieder sehen würde.
Inzwischen war es hell geworden. Weder Summer noch Richard hatten sich blicken lassen. Seit vielleicht einer Stunde war die Yacht stationär, jedenfalls soweit das der Seegang zuliess. Sie fragte sich nicht einmal wo sie waren. Es war sowieso einerlei. Diese verbrecherische Bande hatte von Anfang an alle Asse im Ärmel gehabt. Ganz egal was sie getan hatten, sie waren stets am kürzeren Ende des Hebels gewesen.
Mit einem Stöhnen regte sie sich so gut es ging, versuchte ihr eingeschlafenes Bein in eine andere Lage zu bringen. Dann wandte sie den Kopf zur Seite und betrachtete La Roche. Sein Kinn war ihm auf die Brust gesunken, er schien in einen unruhigen Schlaf verfallen zu sein. Die ihr zugewandte Gesichtshälfte war geschwollen, sein Auge glich einer faulen Pflaume. Sein Anblick tat ihr im Herzen weh, also sah sie wieder weg und gab sich der Schwärze hinter ihren Lidern hin.
Doch sie wurde dieser nicht für lange überlassen. Die Tür ging auf und Summer trat ein. La Roches geplätteter Anblick schien die fürchterliche Frau zu erfreuen, denn sie grinste blöde, als er den Kopf hob und sie ansah.
"Nettes Veilchen", sagte sie.
La Roche tat ihr den Gefallen einer Antwort nicht. Sie beugte sich zu ihm herab, durchschnitt den Kabelbinder mit der einen Hand während sie ihm mit der anderen die Waffe in die Seite drückte.
"Los. Kleine Pinkelpause, dann kriegt ihr Fresschen."
Tatsächlich brachte sie Germain nach einer Weile wieder zurück, fesselte ihn abermals, um dann Sam zu befreien. An Deck angekommen, sprühte ihr die salzige Gischt ins Gesicht und Sam fühlte sich plötzlich so lebendig, dass es beinahe lachhaft war. Hier und jetzt, in diesem Moment, da sie dem Tod bald ins Auge sehen würde, zog ihr Körper alle Register, wie um sie daran zu erinnern, was sie verlieren würde. Ihr Herz hämmerte, alles tat ihr weh, die Sonne wärmte ihre Haut, die Sinne liefen auf Hochtouren. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie nicht sterben wollte. Auf eine kalte, nüchterne Art bewusst. Als wäre es jetzt ohnehin nicht mehr wichtig sich dies einzugestehen.
Summer zwängte sie in die schmale Bordtoilette und dachte natürlich nicht daran die Tür zu schliessen oder wenigstens den Blick abzuwenden. Aber das war Sam einerlei. Schliesslich schleifte sie sie wieder unter Deck und fesselte sie an den Tisch. Es war eine Qual für die wunden Schultergelenke, als sie wieder in die unnatürliche Position zurückgedrängt wurden. Summer zückte einen Energieriegel aus der Gesässtasche ihrer Hose, dann zwang sie die beiden dazu das trockene Zeug herunterzuwürgen. Sam kam sich vor wie ein Tier. Man erhielt es so lange notdürftig am Leben, wie man es brauchte. Sie fragte sich wozu das diente, was diese beiden noch mit ihnen vorhatten, doch sie hielt sich nicht lange bei diesem Rätsel auf. Wozu auch? Solche Gedanken waren ohnehin müssig.
Die blonde Frau schien enttäuscht über die Tatsache, dass sie beide keine Gegenwehr leisteten. Sie gab ein paar spitze Kommentare von sich, versuchte sie zu provozieren, aber weder Sam noch La Roche gingen darauf ein. Die Blondine bedachte sie noch mit einem letzten spöttischen Blick, dann verschwand sie aus der Kabine.
Die Stille blieb zurück. Dumpf und alles verschlingend.


***



"Diese Umgebung hat erstaunlich wenig Überwachungskameras zu bieten", meinte Chin bedrückt. Er bedachte Steve mit einem Blick, der davon sprach, wie leid es ihm tat nichts gefunden zu haben. "Ohne Anhaltspunkte wo sie ungefähr hingegangen sein könnte, ist nichts zu machen."
Toll. Wirklich toll. Steve massierte seine Nasenwurzel, versuchte seine herum stiebenden Gedanken zu sammeln. Was nun? Kein Videomaterial. Keine Ahnung wohin das Taxi gefahren war. Das Abklappern der Taxigesellschaften hatte auch nichts eingebracht. Sams Handy hatte nur gezeigt, dass sie von einer unterdrückten Nummer angerufen worden war. Sie hatten den genauen Zeitpunkt, aber sonst nichts. La Roches Wohnung hatte dem HPD verraten, dass er ohne einen Kampf überwältigt worden war; seine Haustür hatte offen gestanden, aber es gab keine Anzeichen für ein Handgemenge.
Das war nicht der richtige Ansatz. Richard hatte zugesehen, dass keine Hinweise zurückgeblieben waren. Es blieb nur noch die Möglichkeit das Pferd von hinten aufzuzäumen. Er musste herausfinden wohin er die beiden bringen konnte. Was machte ein Mann, wenn nach ihm und seiner Komplizin gefahndet wurde, wenn er nur beschränkte Ressourcen hatte? Er mobilisierte das bisschen, was ihm noch geblieben war.
"Mercer und seine Bande", sagte er langsam.
"Was ist mit denen?", fragte Danny.
Steve sah auf und blickte in die Gesichter seines Teams. "Er ist darauf angewiesen seine kleinen Freunde um Hilfe zu bitten. Er braucht Geld, Transportmittel, einen Unterschlupf, Waffen. Diese Dinge kann er nur beschaffen, wenn er sich an seine Gleichgesinnten wendet."
"Dann müssen wir uns die neuesten Transaktionen dieser Typen ansehen", schlussfolgerte Kono und machte sich daran das in die Tat umzusetzen.
Eine Weile lang sah sie sich die Finanzen der Männer an, aber da war nichts Verdächtiges zu finden. Es war viel Geld im Spiel, aber nichts was darauf hinwies, dass sie Richard geholfen hatten. Doch Steve hatte nicht vor aufzugeben.
„Zurück zu Mercer. Zeig mir eine Liste seiner Grundstücke, Firmen, Autos – alles was ihm gehört!“
Es war eine lange Liste. Der Mann wusste sich mit Luxus zu umgeben. Ausserdem hatte er mindestens drei zusätzliche Standbeine, angefangen von Investitionen, über Teilhaberschaft an lokalen Unternehmen bis hin zu der Konservenfabrik auf Kaua’i, die in seinem Besitz war. Diese schien jedoch in den Miesen zu stecken, wie gleich darauf klar wurde. Dennoch; das würde ihn etwa so weit tangieren, wie eine lästige Fliege, die um seinen Kopf herumschwirrt. Steve hatte so eine Ahnung.
„Ist die Fabrik in Betrieb?“
Einige Griffe später konnte das Kono auch schon verneinen. „Seit einem Monat stillgelegt.“
„Denkt ihr das, was ich denke? Ein perfekter Ort um Geiseln festzuhalten.“
Danny seufzte tief. „Okay, ich weiss was du noch mehr als das denkst. Du willst jetzt dorthin stürmen und alles niedermähen, aber können wir zur Abwechslung mal zuerst einen Plan hervorzaubern?“
„Der Plan steht schon. Die Fabrik wird umzingelt, dann stürmen wie sie und befreien Sam und La Roche. Alles klar?“
„Jaaah… Glasklar.“
Steve konnte sich jetzt nicht darum kümmern, dass sein Partner ganz und gar nicht einverstanden zu sein schien. Weder konnte er nachvollziehen worum es ihm eigentlich ging, noch hatte er die Musse sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie kannten ihn. Schnelle Aktionen waren ihm die liebsten und brachten den grössten Erfolg ein. Und in dieser  Situation war Erfolg, das was sie am dringendsten brauchten.
Dennoch dauerte es noch weitere zwei Stunden bis die Koordination mit dem HPD, dem Kaua’i PD und SWAT-Team beendet war und es endlich losgehen konnte. Dee wurde zu dem Gouverneur geschickt, da dessen Anwesen der einzige Ort war, den Steve für sicher genug erachtete. Sie wehrte sich, wollte bleiben, um zu erfahren was vor sich ging, aber er versicherte ihr, dass er sich ohnehin so schnell wie möglich bei Denning melden würde und sie dadurch auch wissen würde was der Einsatz eingebracht hatte.
Schliesslich, endlich machten sie sich reisefertig und brausten in Richtung der Hickam Air Force Basis, wo sie der Helikopter erwartete, der sie nach Kaua’i bringen würde. Von hier an ging alles sehr schnell und ganz nach seinem Geschmack. Von zwei gepanzerten Fahrzeugen des SWAT-Teams eingefasst ging es zu der Fabrik, die etwas ausserhalb der Stadt Lihue lag.
Das Gelände war von einem hohen Zaun umgeben, aber es waren weder Wachen noch sonst eine Menschenseele zu sehen. Doch davon liess er sich nicht täuschen. Er stieg aus dem Wagen, sah zu wie einer der Männer die Kette am eisernen Tor durchschnitt, dann rückten sie geordnet vor und schwärmten aus. Ein Team ging auf die Rückseite des Gebäudes, das zweite widmete sich mit ihnen dem Vordereingang.
Der Plastiksprengstoff war rasch an der Tür angebracht, dann traten sie alle zurück. Steve nickte dem Befehlshabenden zu, worauf dieser die Ladung zündete. Als sich der Rauch gelegt hatte, setzten sie ihre Waffen an, dann betraten sie die Fabrikhalle.
Steve winkte das SWAT-Team vor, dann trat auch er, gefolgt von den anderen, ein. Die Bänder standen still, Kisten stapelten sich unnütz zu allen Seiten, die Stille war unwirklich. Sein Blick schweifte rasch über die entfernten Winkel der grossen Hall, dann hin zu der Treppe, die zu den Büros und dem Kontrollraum führte.
Etwas stimmte hier nicht. Er konnte nicht sagen was, aber da war ein Prickeln in seinem Nacken, ein unheilvolles Gefühl in der Magengegend. Er runzelte die Stirne und hielt inne; seine Augen richteten sich auf ein dünnes, rotes Kabel, welches von der Eingangstür aus quer durch den Raum verlief. Das gehörte hier nicht her. Rasch wandte er sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren und erblickte ein blinkendes Etwas nahe der Tür.
„RÜCKZUG!“, brüllte er und packte im Vorbeirennen Chins Weste, den ersten, den er zu fassen gekriegt hatte, schleifte ihn so lange mit, bis dieser selbst zu rennen begann. Die Männer in Schwarz folgten ihnen; ihre schweren Schritte klangen ihm in den Ohren nach, der Leiter reichte den Befehl über Funk an das zweite Team weiter.
Die Explosion schleuderte sie nur Sekunden später alle zu Boden, kaum dass sie einige Meter zwischen sich und die Fabrik gebracht hatten. Die beissende Rauchwolke verschluckte sie, dann begann der Schutt auf sie niederzuprasseln. Steve hatte sich automatisch in eine Fötusstellung begeben, schützte seinen Kopf mit beiden Armen und versuchte so wenig wie möglich von der schwarzen Wolke einzuatmen. Brocken regneten auf seinen Rücken, dann traf ihn ein besonders grosses Stück Geröll am Ellbogen. Das Pfeifen in seinen Ohren war allgegenwärtig, schlimmer noch als der Schmerz der Druckwelle und des Aufpralls.
Schliesslich war das Gröbste vorbei und er begann sich zu regen, richtete sich auf. Hektisch suchten seine Augen die verstreut herumliegenden, staubigen Gestalten nach jenen drei Menschen ab, deren unversehrte Gesichter er jetzt sehen wollte. Da waren sie. Hustend und stöhnend erhoben sie sich auf die Beine, zittrig und überwältigt von dem Schock. Steve hatte vor langer Zeit gelernt diese Anwandlungen nicht zuzulassen, also hob er sein Gewehr vom Boden auf, ging ungerührt auf Danny und Chin zu, winkte Kono näher, die ein paar Meter weiter niedergegangen war. Sie sammelten sich, von Kopf bis Fuss in eine graue Staubschicht gehüllt, sahen so aus, als waren sie noch dabei zu realisieren was gerade passiert war.
„Eine verdammte Falle“, spuckte Steve aus und hielt seine Waffe im Anschlag, als wäre sie das Einzige was ihm noch ein Gefühl der Beständigkeit vermitteln konnte.
„Ich will ja nicht sagen, dass ich es gesagt habe, aber: Ich habe es dir ja gesagt, Mann!“, rief Danny haltlos aus. Er musste das sehr laut ausgesprochen haben, denn Steve hörte ihn selbst über das eindringliche Pfeifen und Klingeln in seinen Ohren hinweg.
„Ich habe den Sprengsatz nicht dort platziert! Du kannst dich bei diesem Arschloch von Richard bedanken!“
Chin hob die Hände und schüttelte den Kopf. Er hatte Recht, das war jetzt nicht der Zeitpunkt für Streitereien. Er musste überprüfen was mit den anderen passiert war. Der Anführer des SWAT-Teams sammelte gerade seine Männer. Wie durch ein Wunder hatten sich nur zwei von ihnen verletzt. Einer hatte sich offenbar das Handgelenk verstaucht, einem anderen hatte die Wucht der Explosion eine Metallstange durch den Oberschenkel getrieben. Seine Kameraden waren gerade dabei ihm den Helm abzunehmen, ihn in eine Seitenlage zu bringen, in der er abwarten konnte bis der Krankenwagen eingetroffen war.
Steve liess seinen Blick über die Zerstörung schweifen und zählte eins und eins zusammen. Richard hatte seine Schritte vorhergesehen, gewusst, dass sich Steve seinen Komplizen zuwenden würde. Aber etwas hatte er nicht bedacht; ein in die Ecke getriebener Mann handelte nicht rational. Hier und jetzt würde er eine neue Taktik anschlagen.


***

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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Mo Sep 23, 2013 5:45 am

Sam wunderte sich, dass sie immer noch auf der Yacht waren. In ihrer Vorstellung verband sie Gefangenschaften, die von Richard auskamen, mit kalten Betonbunkern. Dennoch waren sie hier, an den Tisch gefesselt und seinen Plänen ausgeliefert. Noch hatte sie ihn nicht zu Gesicht gekriegt, was ihrer Meinung nach auch für immer so bleiben konnte. Aber sie musste den Klang seiner Stimme ertragen, denn er war gerade dabei irgendwo in der Nähe lautstark mit Summer zu diskutieren.
„Ich verstehe nicht weshalb wir sie hier halten und durchfüttern müssen! Ich bin nicht hier um deiner Ex den Hintern abzuwischen!“
„Du tust was man dir sagt!“
„Was fällt dir ein? Ich bin nicht dein Schosshündchen! Wir sind gleichberechtigt, soweit ich mich erinnere!“
„Ach, erinnerst du dich daran?“, gab Richard ungerührt zurück. „Du denkst falsch. Das ist mein Auftrag und du bist nur hier um mir zu helfen – nicht um dich an etwas zu erinnern oder herum zu jammern. Nur weil wir es getrieben haben, muss das nicht heissen, dass du jetzt irgendwie meine Partnerin bist, falls du dir das in deinem hübschen, kleinen Kopf so zurechtgelegt hast…“
Ein Klatschen ertönte und Sam hatte die untrügliche Ahnung, dass Summer Richard gerade eine Ohrfeige verpasst hatte. Er lachte böse, dann hörte sie einen dumpfen Schlag gefolgt von einem Keuchen. Ja, recht so – bringt euch gegenseitig um, ihr kranken Arschlöcher!
Aber ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Die beiden sprachen weiter. Jedenfalls tat das Richard:
„Geh jetzt und bring ihnen Wasser. Nicht, dass sie uns wegsterben…“
Eine Weile lang herrschte Stille, dann wurde die Tür zu der Kabine energisch aufgerissen. Summer schäumte. Ihre Gesichtszüge waren verzerrt und blass. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment losgehen wie eine tickende Zeitbombe, deren Zeitanzeige kurz davor ist zur Neige zu gehen. Sam spannte sich innerlich an und erwartete Schlimmes.
Die Frau besah sie mit einem Blick, der von glühendem Hass sprach, dann ging sie vor ihr in die Hocke und liess ihre kalten Augen über Sams Gesicht schweifen, als suchte sie nach etwas. Sam sah ihr ungerührt entgegen, aber ihr Herz pochte ihr in der Kehle, so heftig, dass sie meinte gleich zu ersticken.
„Durst?“, fragte die Blonde.
Sam spielte mit dem Gedanken nichts zu erwidern, doch dann nickte sie. Ihr Gegenüber zeigte ein verzerrtes, fürchterliches Grinsen, dann schraubte sie die Flasche in ihrer Hand auf. Sie führte diese an Sams Mund aber im letzten Augenblick kippte sie diese so sehr, dass sich ein Teil des Wassers über Sams Brust ergoss.
„Ups! Das war wohl nichts…“
Sam gab keinen Ton von sich und hielt ihre Gesichtszüge beisammen. Auf dieses kranke Spiel würde sie sich nicht einlassen. Dann gab es eben nichts zu trinken. Doch die Frau schien sich an Richards Worte zu erinnern, denn das nächste Mal hielt sie ihr die Flasche zwar unnötig grob an die Lippen, aber wenigstens konnte Sam ein paar hastige Schlucke tun. Der Durst wurde auf das hin jedoch nur noch grösser. Den Rest bekam La Roche, der im Gegensatz zu Sam keine sadistischen Anwandlungen über sich ergehen lassen musste.
Gerade hatte Sam gedacht, dass Summer wieder verschwinden würde, als sich diese erneut an sie wandte. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Da war ein Blitzen in den Augen ihres Gegenübers, das nichts Gutes verheissen konnte. Entsetzt blickte sie auf das Klappmesser welche diese langsam aus ihrer Hosentasche zückte, spürte die Angst in sich aufleben, als wäre ihr Körper ein halbleeres Gefäss, das plötzlich mit einer kochenden Flüssigkeit angefüllt wurde. Sie schluckte und beobachtete wie Summer das Messer aufschnappen liess, sie über die Klinge hinweg betrachtete, als würde sie überlegen wo sie diese am besten ansetzen sollte.
„Weisst du, ich mag taffe Frauen. Wir haben etwas Besonderes an uns, nicht wahr?“, sagte sie, als würde sie mit Sam auf einer Parkbank sitzend über das Wetter plaudern.
Sie schwieg und riss den Blick von dem blitzenden Metall los, sah Summer stattdessen in die Augen. Aber was sie darin sah war noch viel bedrohlicher als das Messer. Sie war schlichtweg wahnsinnig. Dieses entrückte und dennoch intensive Starren sprach Bände. Über düstere, verdrehte Gedanken, die hinter dieser niedrigen Stirne lebten.
„Aber ich habe so das Gefühl, dass du nicht ganz so taff bist, wie du vorgibst zu sein. Lass es uns herausfinden, ja?“
Da war ein dicker, harter Knoten in Sams Bauch, der einmal ihr Magen gewesen war. Sie rückte von der Frau weg, presste sich soweit es ging an den Tisch, fragte sich was sie gleich würde erleiden müssen. Summer gab ein Lachen von sich, dann berührte die Spitze der Klinge ihre Kehle, um einen Weg nach unten zu beschreiben. Langsam schob sie damit den Stoff der Bluse zur Seite und betrachtete Sams Dekolleté.
„Hübsch. Ich sehe was er darin gesehen hat“, sagte sie trocken.
Darum ging es also? Summer war eifersüchtig und auf ihre verdrehte Art und Weise offenbar in Richard verliebt.
„Du hast ihn ja jetzt. Ich verzichte dankend“, würgte Sam hervor.
„Weisst du, dass er den Verlobungsring noch hat? Der hängt an einer Kette, sorgfältig in seiner Hosentasche verstaut. Du bist ja hier der Seelenklempner – sag mir was das bedeutet!“
Das Messer lag nun am Ansatz ihrer linken Brust, kalt und drohend. Sam konnte keinen klaren Gedanken fassen. „Was willst du?“
Summer brachte ihr Gesicht so nahe an ihres, dass ihr heisser Atem über Sams Haut wischte. „Ich will dich eigenhändig kalt machen. Aber Richard scheint da etwas dagegen zu haben – er will dich lebend.“
Das Blut rauschte in ihren Ohren und wenn sie nicht alles trog, dann wurde die Aussicht auf Summers Gestalt schärfer, als hätte ihr Hirn realisiert, dass Flucht nicht in Frage kam und stattdessen in den Kampf-Modus gewechselt. Aber sie war gerade so hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken. Da gab es nichts zu wehren. Summer hatte das Messer und die Oberhand. Niemals hätte Sam gedacht, dass sie solch ein unwürdiges Ende nehmen würde.
„Aber lebend ist ein dehnbarer Begriff, nicht wahr?“, flüsterte die Frau und drückte das Messer in ihr Fleisch.
Der Schmerz liess einige Augenblicke auf sich warten, dann schlug er ein. Es brannte höllisch, wurde noch schlimmer, als Summer der Klinge einen kleinen Drall verpasste und diese ein Stück weit in der Wunde herumdrehte. Sam keuchte und presste die Lider aufeinander. Schlimmer noch als der Schmerz, war das Ausgeliefertsein, die Gewissheit, dass dies erst der Anfang war.
„Du kranke Schlampe! Lass sie in Ruhe!“, rief La Roche heiser aus und wehrte sich dem Ruckeln des Tisches nach zu urteilen heftig gegen seine Fesseln.
„Schnauze!“, war alles was von Summer kam.
Wie erwartet liess sie von dieser Stelle ab, um die Klinge stattdessen dazu zu benutzen ihre Bluse aufzuschneiden. Der Stoff hatte der Schärfe nichts entgegenzusetzen und schon war Sams Oberkörper entblösst. Wieder liess die Blondine das Messer über ihre Haut schweifen und Sam wagte kaum zu atmen, als das Metall ihren Bauch erreicht hatte. Sie konnte die Augen, die sie in der Zwischenzeit wieder aufgemacht hatte, nicht von dem Geschehen lösen. Nicht zu wissen was die Frau tat, war noch schlimmer als es zu sehen.
Summer drückte die Klinge wieder herab, dann zog sie diese so langsam durch die neue Wunde, dass Sam von einem roten Schleier des Schmerzes umfangen wurde. Ein Schrei wollte sich ihrer Kehle entwinden, aber sie erlaubte sich keine Schwäche. Sie würde nicht wie ein verdammter Jammerlappen sterben, sondern so lange an ihrer Würde festhalten, wie es sein musste. Diese war alles was ihr noch geblieben war.
„Schrei ein bisschen für mich.“
„Fahr zur Hölle!“
„Falsche Antwort“, erwiderte diese, dann schnitt sie ihr wieder ins Fleisch, eine Handbreit neben der anderen Wunde.
Sam spannte die Beine an, spielte mit dem Gedanken Summer das Knie in die Seite zu rammen, aber da diese die Klinge an ihren Bauch hielt, war das keine kluge Option. Ihr wurde schwindelig, weil sie nicht wagte zu atmen. Endlich liess sie von dieser Stelle ab, doch Sam wollte gar nicht wissen was als Nächstes kommen würde.
„Taffer als gedacht, aber ich kriege dich noch“, flüsterte Summer, als könnte sie sich nichts Schöneres vorstellen.
Das kalte Metall glitt über Sams Wange.
„Dein schönes Gesicht könnte man doch etwas ummodellieren?“
Die Bestie der Angst krallte sich in Sams Brust fest. Sie wollte nur noch, dass es aufhörte, wünschte sich Summer möge auf der Stelle tot umfallen. Aber diese war so lebendig, wie sie hilflos war.
„Hör auf damit!“, knurrte La Roche. „Dein kleiner Freund wird dich umbringen, wenn er erfährt, was du da tust! Aber vielleicht willst du ihn ja beeindrucken und ihm beweisen, wie krank du genau bist…“
Summer schlug ihm mit dem Griff ins Gesicht, doch dann wandte sie sich wieder Sam zu, als wäre nichts geschehen. Die scharfe Kante des Messers kratzte über die Haut an ihrem Hals, um sich Sekunden später wieder darin einzugraben, beschrieb eine glühende, brennende Linie von ihrem Ohr bis zu dem Schlüsselbein. Doch damit nicht genug; die Frau fuhr die Spur wieder und wieder nach, so lange bis sirrende Blitze vor Sams Augen zu tanzen begannen. Schliesslich begann sie die Klinge zu neigen und der Schmerz wurde beinahe unerträglich. Ein Schrei entwand sich Sams Kehle und verwandelte sich nach einigen Augenblicken in ein langgezogenes Wimmern.
„Geht doch“, lachte Summer, aber ihr war nur ein kurzer Augenblick des Triumphes vergönnt.
Die Tür schlug krachend auf und Richard baute sich in seiner vollen Grösse im Raum auf. Sein Blick glitt rasch von Summer, die vor Sam kniete, über die Wunden und hielt schliesslich bei der blutverschmierte Klinge inne.
„Was tust du da?“, brüllte er. Doch er wartete keine Antwort ab. Seine Hand ergriff den Nacken, der Blondine und er stellte sie mühelos auf die Beine, um sie wütend anzufunkeln. „Was denkst du was du da veranstaltest?“
Summer presste die Lippen aufeinander und sah ihn einfach nur ohne zu blinzeln an.
„Verschwinde, oder ich vergesse mich!“, fauchte er ihr entgegen und schleuderte sie unbarmherzig in Richtung der Tür.
Sie fasste sich schnell, strich sich das Haar wütend aber dennoch würdevoll aus dem Gesicht und knallte die Tür hinter sich zu.
Richard atmete noch einen Moment lang schwer, dann richtete er seine eisblauen Augen wieder auf Sam. Rasch ging er vor ihr auf die Knie, besah sich die Wunden an ihrer Brust und dem Bauch. Seine kühlen Finger umfassten ihr Kinn und er wandte ihr Gesicht zur Seite um die Spuren von Summers Misshandlungen an ihrem Hals zu begutachten. Sam schüttelte den Kopf und entwand sich seinem Griff, um finster auf einen Punkt über seiner Schulter zu blicken. Seine Anwesenheit war ebenso unwillkommen wie diese Anwandlung von falscher Sorge.
„Sie kommt nicht mehr in deine Nähe“, sagte er. Was war das? Ein Versprechen?
Sam sah ihn an und schwieg. Was wollte er eigentlich? Sie dachte an Summers Worte über den Verlobungsring und fragte sich ob das eine Lüge gewesen war. Ihrer lag vermutlich irgendwo in der Kanalisation unter Steves Haus; sie hatte ihn genüsslich die Toilette herunter gespült. Hatte er seinen noch? Wozu?
Er leckte sich über die Lippen, als würde er mit Worten ringen, die sich nicht aus ihm herauswinden wollten. Dann glitt sein Blick plötzlich über ihre Brüste, die hinter dem BH verborgen waren. Abscheu stieg in ihr auf und sie straffte die Schultern. Lass bloss deine dreckigen Griffel von mir! Noch mehr Erniedrigungen waren das Letzte, was sie jetzt noch brauchte.
Sie wollte schon protestierende Worte von sich geben, als er die Hand nach ihr ausstreckte, doch anstatt sie anzufassen, schlug er notdürftig die Reste der ruinierten Bluse über ihren Körper. Sie sah ihn fragend an, forschte nach einer Regung auf seinem Gesicht, die sein seltsames Verhalten erklären würde, aber konnte nichts ausser seinem glatten Pokerface erkennen. Ohne ihr in die Augen zu sehen erhob er sich wieder auf die Beine und verliess den Raum.
„Alles in Ordnung, Sam?“
Sie blickte zur Seite und rang sich ein Lächeln ab. „Keine Sorge, Germain. Ich bin noch ganz.“ Noch.
Das altbekannte Schweigen breitete sich wieder zwischen ihnen aus. Sam hing ihren Gedanken nach, die hierhin und dorthin schweiften, von den Wänden ihres Kopfes abprallten und Saltos veranstalteten. Was zum Kuckuck ging hier eigentlich vor sich? Richards Anwandlung von Barmherzigkeit war so falsch und unerwartet, dass sie sich keinen Reim darauf machen konnte. Wieso hielt er sie gefangen, wenn er nicht vorhatte sie umzubringen? Bisher war sie davon ausgegangen, dass er zuerst etwas erreichen wollte bevor er sich ihnen entledigte. Aber sein jüngstes Verhalten machte überhaupt keinen Sinn.
Dann fiel ihr auf, was sie dabei war zu tun. Sie schöpfte Hoffnung. Unsinnige, unbegründete Hoffnung. Mit einem unbarmherzigen, innerlichen Tritt beförderte sie diese wieder aus ihrem Denken. Nur Narren schöpften aus dem Verhalten von Psychopathen Hoffnung.


***



Die Wachen waren ihm in keiner Hinsicht gewachsen. Sie bemerkten die Gestalt in schwarz nicht einmal, die im Schutz der Dunkelheit an ihnen vorbeihuschte, die Alarmanlage ausschaltete und sich in das Innere des Anwesens begab. Steve sah sich in der Eingangshalle um, betrachtete kurz und desinteressiert die breite Treppe, die Statuen und den Marmorboden, der durch das Licht der Verandalampe schwach beleuchtet war. Hier drin sah es aus wie in einem verdammten Museum.
Er huschte weiter, warf Blicke nach links und rechts, weil er nicht einfach davon ausgehen konnte, dass hier drin keine weiteren Wachen waren. Aber es stellte sich heraus, dass da wirklich keine waren. Das Haus war still und verschlafen. Sehr gut. Er würde hier warten und sich darauf freuen dem Aas ein paar Antworten abzupressen.
An die Wand des Salons gelehnt vertrieb er sich die Zeit damit, nicht an Sam zu denken. Es war ein ständiger Kampf. Die sirrende, nagende Sorge um sie war allgegenwärtig und es verlangte ihm viel Kraft ab diese im Schach zu halten. Stattdessen malte er sich seinen Rachefeldzug aus, dachte an das Gefühl des Triumphes, wenn sich die Gewissheit, dass Richard tot war, erst einmal über diesen ganzen Schlamassel legen würde, um ein dickes, fettes Ende darunter zu setzen. Um dieses beschissene Kapitel endlich abzuschliessen.
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war gewesen, dem Nachrichtendienst den Auftrag zu geben eine falsche Meldung zu machen. Der Sender hatte in den Abendnachrichten bekannt gegeben, dass mehrere Mitglieder der Strafverfolgung bei einer noch ungeklärten Explosion in Kaua’i ums Leben gekommen waren. Es war ein riskanter Schritt, aber die einzige Möglichkeit, um ihre Gegner in Sicherheit zu wiegen. Ausserdem machte dieser einen Fehltritt wahrscheinlicher.
Das Geräusch eines gedrehten Schlüssels drang an seine Ohren und er straffte sich. Sein Körper war ein gespannter Bogen, bereit zuzuschlagen. Das Licht in der Eingangshalle wurde eingeschaltet und schickte einen Kegel gelblichen Schimmers auf den Boden des Salons. Schritte, schwere Schritte eines übergewichtigen Mannes. Sie kamen näher und näher, bis dieser in Sicht kam und in den Raum trat. Er hatte seinen Fuss noch nicht einmal richtig über die Schwelle gesetzt, als ihn Steve von hinten umfasste, seinen feisten Hals mit dem Arm umschlang und in den Schwitzkasten nahm.
„Kein Mucks, verstanden?“, raunte er dem nach Luft schnappenden Mercer ins Ohr.
Dieser nickte, dann stolperte er vorwärts als ihn Steve weiter in den Raum drängte. Bei einem Sessel angekommen liess er ihn los, doch nur ihm, sobald er sich umgedreht hatte, die Hände gegen die Brust zu stossen, sodass dieser schnaufend in dem Stuhl landete.
„McGarrett?! Ich dachte Sie seien … was fällt Ihnen ein? Wie sind Sie an den Wachen vorbeikommen?“, erboste er sich, als er sein Gegenüber endlich erkannt hatte. Seine Reaktion verriet, dass er davon ausgegangen war, dass Steve bei der Explosion ums Leben gekommen war. Die miese Ratte.
„Schnauze! Ich stelle hier die Fragen, also spitz deine Lauscher!“
„Das ist unerhört! Ich werde Anzeige erstatten! Dieses Mal sind Sie endgültig zu weit gegangen!“, plapperte der Mann stur weiter. Schweiss schimmerte auf seiner Stirne und er wand sich ungemütlich in dem Sessel, schien es jedoch nicht zu wagen aufzustehen. Vielleicht lag es an Steves loderndem Blick, der auf ihn gerichtet war oder der schlichten Tatsache, dass er in sein Haus gedrungen war ohne die Wachen zu alarmieren.
„Deine Anzeige kannst du dir sonst wo hinstecken! Du wirst mir jetzt sagen wo Dale ist!“, knurrte Steve und legte seine Hände auf die Armlehnen, beugte sich über den Mann um sein Gesicht dicht an das seines Gegenübers zu bringen. „Wo hat er Inspector La Roche und Doctor Haynes hingebracht?“
„Ich h-habe keine Ahnung wovon Sie da sprechen … wer s-sind diese Leute?“, kam es stammelnd zurück.
„Wo?!“, zischte Steve und schüttelte den Stuhl sodass der Mann haltlos von einer Seite zur anderen geschleudert wurde. „Wo sind sie?“
„Ich sagte doch ich kenne die nicht!“
Dann wollte er also die harte Tour. Konnte er haben. Steve hatte sich sowieso gewünscht diese miese Visage zu polieren. Noch bevor Mercer blinzeln konnte, traf Steves Faust auf seinen Wangenknochen. Der Sessel kippelte, der Geschlagene keuchte entsetzt auf, führte die Hand an sein Gesicht und betrachtete seine Finger, als erwarte er dort Blut zu sehen.
„Sie sind doch verrückt!“, würgte er hervor.
„Mag sein. Aber ich werde hier nicht weggehen bis du mir verrätst wo Dale ist. Und wehe du sagst mir jetzt, dass du es nicht weisst! Ihr steckt alle unter einer Decke; du, Richter Ashwood, Spencer Lewis, Patrick Adams, Franklin Baker – soll ich weitermachen? Ich habe alle Namen. Inklusive Wo Fat.“
Mercer hatte ihn ohne zu blinzeln aus geweiteten Augen angestarrt, war bei jedem Namen mehr in seinen Sessel eingesunken, um bei dem letzten schliesslich zusammenzuzucken. Die Nennung seines Auftraggebers war offensichtlich nicht besonders angenehm. „Ich kann nicht“, hauchte er nach einer kleinen Pause.
„Was?“
„Ich kann Ihnen nicht sagen wo der verdammte Kerl ist. Wo Fat würde mich umbringen, wenn er es erfährt!“
„Du hast keine Wahl, Idiot! Ich werde dich hier und jetzt eigenhändig erwürgen, wenn du nicht endlich mit der Sprache herausrückst!“
Die Augen des Politikers schweiften rasch zwischen Steves hin und her, als würde er abwägen welches das grössere Übel wäre, dann schüttelte er den Kopf und presste die Lippen aufeinander. Steve tat einen tiefen Atemzug, dann liess er seine Faust auf dessen Mund niederfahren. So fest, dass seine Finger schmerzten, als sie gegen die Zähne des Mannes trafen. Aber dieser Schmerz war willkommen; er sprach von Tatkraft und dem Weg zum Ziel, machte ihm körperlich bewusst, dass etwas getan wurde um die Frau zu retten, deren Verlust er nicht verkraften würde.
„Wo ist sie?“, grollte er und beobachtete, wie sich Mercer wimmernd über den Mund strich und das Gesicht verzog als er Blut schmeckte.
Drohend hob er die Faust wieder, aber der Mann brachte seine Hände schützend vor das Gesicht und sagte: „Okay, okay! Ich sage es ja! Bitte…“
„Spuck es aus!“ Seine Geduld war am Ende. Ausserdem war der Drang Mercer noch ein paar Faustschläge zu verpassen übermächtig – Kooperation hin oder her.
„Er hat meine Yacht genommen und ist mit dieser kranken Braut abgebraust. Soweit ich das verstanden habe, haben sie nicht vor an Land zu gehen. Die dümpeln irgendwo an der Nordküste herum.“
„Wo genau?“
„Keine Ahnung! Er hat mich gezwungen ihm die Sophronia zu geben, das habe ich getan und mehr weiss ich nicht. Ich weiss nur von der Nordküste, weil diese Spinnerin irgendwas darüber geplappert hat, dass sie es da oben schön haben werden – als würden sie einen verdammten Ausflug planen. Ich schwöre es!“
Sophronia, huh?“
„Ja, eine Azimut Leonardo, schwarz-weiss, ziemlich gross … hat mich ein Vermögen gekostet!“
„Natürlich hat sie das“, sagte Steve sarkastisch. Was für ein Idiot Mercer doch war. Selbst in dieser Situation konnte er an nichts anderes, als seinen Lebensstil denken und wie empfindlich dieser gerade gestört worden war.
„Bete für deinen Arsch – wenn ich sie nämlich nicht finde, dann komme ich auf dich zurück und werde ich nicht mehr so freundlich sein.“
Mercer sah so aus, als wollte er ihm sagen, dass dies gerade ganz und gar nicht freundlich gewesen war, aber er hielt die Klappe. Er sah zur Abwechslung sogar so aus, als würde er nie wieder etwas sagen. Mit einem letzten angewiderten Blick wandte sich Steve ab und machte sich daran das Grundstück zu verlassen. Beinahe wünschte er sich, dass ihm Mercer seine Wachen auf den Hals hetzen würde, damit er noch ein paar Kopfnüsse austeilen konnte, aber nichts dergleichen geschah.


Auf dem Weg ins Hauptquartier rief er sein Team dorthin und tatsächlich; als er ankam waren Chin und Kono schon da. Danny liess nur wenige Minuten länger auf sich warten. Sie waren schon dabei den Suchradius einzugrenzen, um einen Ort zu finden an den Sam gefahren sein könnte, um auf die Yacht verschleppt werden, als er eintraf.
„Was geht hier vor sich? Und wie bist du denn angezogen?“, wollte Danny wissen und musterte ihn misstrauisch von Kopf bis Fuss. „Was hast du jetzt wieder angestellt?“
„Ich habe Mercer ein paar Antworten abgepresst“, gab Steve zurück ohne vom Tischcomputer aufzusehen.
„Lebt er noch?“
„Natürlich lebt der Mistsack noch – wofür hältst du mich?“
Danny schien auf eine Antwort verzichten zu wollen und begnügte sich stattdessen mit einem tiefen, resignierten Seufzen. „Was hast du herausgefunden?“
„Richard hat seine Yacht genommen und soweit Mercer das verstanden hat, werden sie mit Sam und La Roche nicht an Land gehen, sondern in den Gewässern der Nordküste bleiben. Die Küstenwache ist schon alarmiert. Sie werden unauffällig nach ihnen Ausschau halten und es uns melden, wenn sie sie sichten. Sie haben den Befehl nicht ohne uns einzugreifen.“ Er würde den Teufel tun und diese Sache noch ein Mal aus den Händen geben.
„Und was machen wir jetzt?“
Kono deutete auf die Bildschirme an der Wand. „Wir sehen gerade das Überwachungsmaterial der Werften um Waipahu durch, um Gewissheit zu haben.“
Tatsächlich warf diese Suche nach einigen Minuten auch einen Fund ab.
„Da! Da ist sie“, rief Kono aus, als sie bei einem der Videos an die Stelle gelangte, die zeigte wie Sam aus dem Taxi stieg und von Summer abgeführt wurde.
Steves Brust verkrampfte sich, als er ihre Gestalt sah, wie sie ruhig und stoisch tat, was die Frau von ihr verlangt hatte. Die Tatsache, dass sie bereits seit über 24 Stunden von diesem Pack festgehalten wurde, bereitete ihm körperliche Qualen. Er strich sich über das Gesicht und drängte die anstrengende Mischung aus Angst, Sorge, Zeitdruck und Wut von sich, die sich ihm aufdrängte. Ein kühler Kopf war es, der ihn weiterbringen würde, nicht dieses verzweifelte Etwas, das drohte sein Denken zu verschlingen.
„Die Beschreibung der Yacht passt zu dem Ding hier“, sagte er mit einem weiteren Blick auf das Bildmaterial. Das grosse, schwarz-weisse Seegefährt sah ganz nach der Sophronia aus. Also stimmte wenigstens dieser Teil von Mercers Geständnis.
„Was nun?“, wollte Danny wissen.
„Ich fahre an die Nordküste und warte dort auf eine Nachricht der Küstenwache. Weitere Verzögerungen kann ich mir nicht leisten. Wenn sie sich melden bin ich so schon in der Nähe.“
„Wir kommen mit“, sagte Kono mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck.
Sie alle nickten und Steve verspürte einen heftigen Anflug von Zuneigung gegenüber seinen Freunden. Er konnte auf sie zählen, egal was war oder noch kommen würde. Bis zum bitteren Ende.

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BeitragThema: Re: Na Ka Pu'uwai I Keia Mau Mea - Herzensangelegenheiten   Do Sep 26, 2013 6:46 pm

14. Ha'i'ole

Unbreakable - Unbeugsam



Dieses eine Mal schien ihm das Glück hold zu sein. Noch waren sie dabei gen Hale'iwa zu fahren, als der erwartete Anruf der Küstenwache einging. Steve drückte hastig auf den Knopf der Freisprechanlage.
"Rear Admiral Nash. Ich melde mich wegen Ihrem Auftrag, Commander McGarrett", erklang es knapp und formell aus den Lautsprechern.
"Ich höre, Admiral."
"Verdächtige wurden soeben weniger als eine Seemeile vom Ka'ena Point entfernt gesichtet. Yacht trägt den Namen Sophronia. Bestätige Sichtung zweier Personen auf dem Gefährt; eine weiblich, eine männlich, beide weiss. Wir erwarten Ihre Befehle, Commander."
"Kein Zugriff!", erwiderte er unnötig laut, unbewusst darum besorgt, dass seine Forderung nicht verstanden werden könnte. "Treffen in fünfzehn Minuten im Ka'ena Point Naturreservat ein. Ich werde mich dann bei Ihnen melden, um den Standort bestätigen zu lassen. Sichtkontakt beibehalten, aber so unauffällig wie es geht."
"Verstanden." Mit einem Knacken wurde der Anruf unterbrochen.
Steve wusste nicht genau was in ihm vorging. Einerseits war er zufrieden, andererseits erwartete er jeden Moment eine Wendung der Ereignisse - zugunsten seiner Gegner. Er beschleunigte ruckartig und sah aus den Augenwinkeln wie sich Danny versteifte, die Beine in dem Fussraum ausstreckte, als würde er hoffen dort ein zweites Bremspedal zu finden. Dennoch schwieg er und Steve war froh darum. Nach Diskussionen stand ihm der Sinn nun wirklich nicht.
Das Naturreservat war schneller als angekündigt erreicht. Die Geräusche der nächtlichen, unberührten Natur legten sich mit einem unwirklichen Frieden über sie, als sie aus den beiden Fahrzeugen stiegen. Dieser Strassenabschnitt auf der Landspitze, die den Namen Ka'ena Point trug, war dem Meer am nächsten. Darüber hinaus war da nur die Vegetation, die niemand ausser den Parkrangern betreten durfte.
Steve stieg rasch aus, dann wählte er die Nummer des Admirals, worauf ihm dieser bestätigte, dass die Sophronia noch an derselben Stelle ankerte. Er bedankte sich bei dem Mann, dann, noch während er sein Handy sinken liess, formte sich ein Plan in seinem Kopf, der vorher nur schemenhaft gewesen war.
"Ihr fahrt an den Hafen und lässt euch von der Küstenwache aufsammeln. Wartet dort bis ich mich bei euch melde."
"Was hast du vor?", fragte Danny mit einer Grabesstimme, die von seiner Resignation sprach.
"Ich schwimme zur Yacht und schalte die beiden aus."
"Natürlich wirst du das", kam es sarkastisch zurück. Es war sonnenklar, dass Danny angepisst war.
Steve fühlte die Wut, die den ganzen Tag über schon gerade unter dem Siedepunkt vor sich hin geköchelt hatte, aufschäumen. "Erwartest du, dass ich die Hände im Schoss falte und darauf warte, dass sie Sam umbringen?"
"Nein. Aber deine Selbstmordmissionsrate steigt schon die ganze Zeit über und ich glaube du wirst jetzt das Tüpfelchen auf dem i darauf setzen." Danny wandte sich an Kono und Chin. "Wollt ihr mir nicht helfen? Wir können ihn doch nicht in den sicheren Tod laufen lassen!"
Kono sah bedrückt zu Boden und scharrte mit dem Fuss. Es war nicht klar ob sie einfach nicht zwischen die Fronten geraten wollte oder ebenso wenig mit Steves Plan einverstanden war, es aber nicht aussprechen wollte. Chin hingegen schüttelte den Kopf und sagte:
"Du würdest an Steves Stelle dasselbe tun, Danny. Er kann das. Wenn etwas passiert, können wir immer noch eingreifen."
"Aber er wird auf der verdammten Yacht sein! Bis wir dorthin kommen ist es schon längst zu spät!", rief er aus und deutete auf das Meer. Dann gab er einen tiefen Seufzer von sich und wandte sich von Steve ab. "Mach doch was du willst..."
Wäre es nicht um Sams Leben gegangen, hätte er an dieser Stelle versucht Danny zu beruhigen, aber er hatte schlichtweg keine Zeit dafür. Er konnte nur daran denken, dass sie schon viel zu lange gefangen war und nun da er wusste wo sie war, gab es kein Halten mehr. Danny hätte ihn fesseln und mit einem Gewicht in Meer versenken müssen, um ihn davon abzuhalten sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
"Ich melde mich", sagte er an Chin gewandt und mied den Anblick von Dannys steifer Gestalt.
Im Kofferraum seines SUVs kramte er den Rucksack heraus, der aus einem speziellen Öltuch gefertigt war, dann packte er seine Waffe, eine zweite Pistole für alle Fälle, sein Taschenmesser und das hastig ausgezogene Shirt hinein. Alles was er nicht brauchte und nur unnötigen Ballast darstellen würde, liess er im Wagen zurück. Er schulterte die Tasche, gerade als sich sein Team in Chins Auto begab, aber er hielt sich nicht damit auf ihn nachzublicken. Sein gesamtes Denken war von dem Vorsatz eingenommen Sam zu befreien.
Er rannte den Weg zur Küste herab, duckte sich unter tiefhängenden Ästen hindurch, schlug Zweige aus seinem Sichtfeld und erreichte schliesslich die schwarzen Felsen, die vom trägen Meeresgang umspült wurden. Im Winter brandeten hier an der Nordküste O'ahus riesenhafte Wellen an die Küste, zogen Surfer aus aller Welt an und hätten sein Vorhaben unmöglich gemacht. Aber es war Sommer und so war die See ausgesprochen ruhig. Rasch zog er seine Schuhe aus, stopfte sie in den Rucksack und begab sich ins Wasser.
Die Yacht hatte er längst gesichtet; sie war ein heller Punkt an der Linie des Horizonts. So schnell und leise wie man ihm das beigebracht hatte schwamm er darauf zu. Da er kraulen musste, weil dies die effektivste Art war im Wasser voranzukommen, konnte er seinen Blick nicht auf das Boot gerichtet halten, aber alle 30 Sekunden überprüfte er rasch, dass der Kurs noch stimmte. Es war ein weites Stück, aber das war kein Hindernis. Wenn es sein musste, würde er sich mit blossen Händen durch den Boden graben. Hier war er stattdessen in seinem Element.
Die Yacht war mittlerweile so nahe, dass er den Schriftzug, der stolz ihren Namen verkündete, lesen konnte. An Deck war niemand zu sehen, ausser dem sanften Plätschern des Wassers, welches den Bootskörper umspülte, war nichts zu hören. Steve verursachte kein Geräusch als er vorsichtig näher schwamm. Um völlig sicher zu gehen umrundete er die Yacht, aber da war tatsächlich niemand an Deck. Die Plattform am Heck des Gefährts war rasch erklommen, dann zückte er die Pistole aus dem Rucksack und wägte rasch seine Optionen ab.
Er konnte hier bleiben und darauf warten, dass Richard oder Summer um die Ecke kamen um sie ausser Gefecht zu setzen, oder das grosse Risiko eingehen und sich unter Deck begeben, um zu sehen was ihn dort erwartete. Während er an die kalte Wand gepresst da stand, entschied er sich nach ein paar Sekunden für das Zweitere. Risiko hin oder her - Warten war keine Option mehr.
Vorsichtig, die Waffe im Anschlag, ging er um den Mittelteil der Yacht herum, zu jeder Zeit bereit in Aktion zu treten, sollte jemand auftauchen oder ein Geräusch erklingen. Aber nichts dergleichen passierte. Er erreichte die Öffnung im Boden und spähte hinein. Die Treppe führte in die Dunkelheit unter Deck. Barfuss wie er war stieg er diese herab, lauschte und blickte um die Ecke, zuerst nach rechts, dann nach links. Das Ausbleiben von Hindernissen machte ihn auf eine Weise stutzig, beinahe nervös. Eigentlich hatte er damit gerechnet in einen Konflikt zu geraten, sobald er die Yacht betreten hatte.
Da war ein schmaler Gang mit vier Türen. Er lauschte an jeder von ihnen, konnte aber nichts hören. Was ging hier vor sich? War die Sophronia am Ende verlassen? Aber wie waren sie von ihr entkommen, ohne dass die Küstenwache etwas gesehen hatte? Gerade wollte er sich von der letzten, hintersten Tür entfernen, als ein Lachen durch diese drang. Es gehörte zu einer Frau, aber es war nicht Sams Lachen. Steve rückte näher an die Tür und lauschte. Da war Gemurmel zu hören und er war sich auf einmal ziemlich sicher was in dem Raum vorging. Als Summer abermals zu kichern begann und dann etwas sagte, was sich verdächtig nach "Ja, genau so..." anhörte, wurde seine Vermutung bestätigt und er verzog angewidert den Mund um von der Tür wegzutreten. Das Letzte, was er jetzt hören wollte war das Bettgeflüster dieser beiden. Dennoch war er froh darum; sie waren beschäftigt.
Hinter einer der anderen Türen mussten Sam und La Roche sein. Mussten. Er legte seine Hand um die Klinke nebenan und spähte vorsichtig in den Raum. Er war leer. Ebenso wie der nächste. Natürlich - ein ungeschriebenes Gesetz dieses Universums verlangte, dass man das Gesuchte immer am letzten Ort fand, an dem man nachsah. Er sah nach und wurde fündig.
Da waren sie, an einen Tisch gefesselt, praktisch in völliger Dunkelheit. Sams helle Haut leuchtete beinahe, während La Roche nur durch seine Umrisse zu erkennen war. Steve war so leise, dass sie ihn nicht bemerkt hatten, aber als er die Tür hinter sich schloss hob der Mann seinen Kopf. Sam hingegen regte sich nicht. Da war plötzlich sehr wenig Luft zum atmen. Er trat rasch auf sie zu, erkannte dass ihr das Kinn auf die Brust gesunken war, fühlte wie sein Herz gegen seine Rippen polterte, als wollte es aus seinem Körper springen. Sie durfte nicht ... Gott, sie durfte einfach nicht...
Steve g