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 We all want to be somebody (abgeschlossen)

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leiCa
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BeitragThema: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Sa Dez 28, 2013 11:03 am

Was in meinem Hirn ist, muss raus. Eine andere Entschuldigung habe ich hierfür nicht. Das ist hier also reine Therapie ;-).
Mein innigster Dank geht an die liebe Nina, die sich in mühevollster Kleinarbeit den Anfang dieser Geschichte zur Brust genommen hat und mir danach eine To-Do-Liste an die Hand gegeben hat, die ich natürlich akribisch abgearbeitet habe. Und was soll ich sagen? Sie hatte Recht!
DANKE!
 kiss 

___________________________

We all want to be somebody


1. Kapitel
Soundtrack: >>KLICK<<

-“You talkin' to me?
You talkin' to me?
You talkin' to me?”-
(Taxi Driver)


Es war dunkel. Es war kühl. Dunkel und kühl.
Sein Herz raste und der Druck auf seiner Brust war unerträglich.
Und laut war es.
Dabei war es unendlich still.
Aber das eigentlich Unhörbare war das, was er hörte. Das Unhörbare donnerte in seinen Ohren. Dumpf dumpf dumpf. Sein eigener heftiger Herzschlag nahm alles in ihm ein, überwältigte ihn, besaß ihn. Dumpf dumpf dumpf.

Alles um ihn herum war zäh, klebte an ihm, verschlang ihn und versuchte ihn zu zerdrücken. Sein Brustkorb war in einer riesigen Schraubzwinge, die drohte, das letzte bisschen Luft aus ihm heraus zu quetschen. Sein Herz versuchte dagegen anzukämpfen. Dumpf dumpf dumpf. Immer schneller. Dumpf dumpf dumpf. Vergeblich.
Seltsamerweise befiel ihn keine Panik. Warum auch? Es war ja so einfach, alles was er brauchte war Luft. Zum Atmen. Und zum Schreien.

NICHT ATMEN!

Was? Wer war das? Wo? War er nicht allein? Es war so dunkel. Aber trotzdem war er sich sicher ganz auf sich allein gestellt zu sein. Und genau jetzt brauchte er Luft. Sauerstoff. Und darum-

Nicht atmen! Du bist im Wasser. Warte. Warte bis du nicht mehr sinkst. Dann fang‘ an zu treten.

Wasser? Halt. Wieso war er im Wasser zusammen mit einem besserwisserischen Klugscheißer? Gott, er brauchte Luft, er musste an die Oberfläche…

Wann kann ich-

Jetzt.

Seine Beine waren so schwer, die Hosen vollgesogen mit Wasser, die Schuhe wie Beton, aber er tat es. Er kickte nach unten, gegen diese zähe, dunkle, ihn umklammernde Masse.  Er trat und trat.

Warte. Mach Pausen. Nutze den Auftrieb. Treten. Pause… Treten. Pause…

Der Mistkerl hatte Recht. Es ging leichter und schneller. Aber immer noch viel zu langsam. Sein ganzer Körper schrie nach Sauerstoff, er presste seine Lippen immer stärker aufeinander, zwang sie mit aller Gewalt dazu, zwang sich selbst mit aller Gewalt dazu dem unbändigen Verlangen nach Luft nicht nachzugeben.
Treten. Pause… Treten. Pause… Treten. Pause… Immer und immer wieder, bis seine Umgebung heller wurde, bis silbrig blitzende Strahlen durch die Oberfläche schimmerten. Bis es wärmer wurde. Treten. Treten. Treten. Keine Zeit mehr für Pausen. Treten. Ankommen. Oben. Luft.

Gleich bist du da. Nicht sofort Luft holen. Warte bis du die Wellen spürst. Kein Wasser einatmen.

Eins war klar. Der Klugscheißer konnte ihn mal.

Nach einem letzten heftigen Tritt brach sein Kopf durch die Wasseroberfläche, das Salzwasser brannte in seinen Augen. Oder war es die Sonne? Egal. Er warf den Kopf in den Nacken und holte Luft, hastig, stockend und mit einem lauten Gurgeln. Auch weil eine kleinere Welle ihm das Salzwasser rücksichtslos in den Mund spülte.

Siehst du?

Wenigstens war aber der Druck auf seiner Brust verschwunden. Er spuckte und hustete und holte noch mal Luft. Alles gleichzeitig. Er musste, also konnte er.

„Siehst du?“

Irgendwann hörte sein Herz auf zu rasen, seine Atmung wurde ruhiger und das Brennen in seinen Augen ließ nach. Während er langsam mit den Beinen paddelte, wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und fuhr sich mit den Fingern durch seine Haare um sie aus der Stirn zu streichen.

Unfff…

Keine gute Bewegung. Überhaupt keine gute. Seine ganze linke Seite brannte, als sei sie in Flammen. Der Brustkorb fühlte sich an als würde er KNIRSCHEN, wenn er ihn denn hören könnte. Jeder Atemzug schmerzte. Aber es war zu ertragen. Viel schlimmer war der Schmerz in seinem Unterleib. Diese Schmerzen waren kaum auszuhalten, bohrend, zerstörend. Und vor allem behinderten sie seine Beinbewegung.

Doch er konnte sich nicht damit aufhalten, die Schmerzen waren nicht wichtig. Wichtig war aus diesem verdammten Wasser zu kommen. Es war nicht kalt, aber es war kühler als seine Körpertemperatur und daher Hypothermie durchaus eine Gefahr.

Mit leichten Schwimmbewegungen drehte er sich einmal um seine eigene Achse, in der Hoffnung irgendeinen Anhaltspunkt zu bekommen, wo er war oder wo er hinmusste. Ein Boot, ein Dinghi, ein Brett oder gar… Land! Na bitte. Wenn man Pech hatte, kam doch manchmal das Glück dazu. In der Ferne sah er eine Landlinie, einen sehr langen Küstenstreifen. Er schätzte ihn ungefähr zwei Seemeilen entfernt. Kein Problem. Einfach. Easy peasy. Wenn der Körper nicht zittern würde wie Espenlaub um ihn warm zu halten.
Wenn sein ganzer Körper nicht aus Blei bestehen würde.
Und wenn der Körper sich nicht anfühlen würde, als hätte ihn ein Hai durchgekaut und wieder ausgespuckt…

Haie spucken ni-…

„KLAPPE!“

Langsam brachte er seinen geschundenen Körper in eine bäuchlings liegende Position.

Halt dich nicht mehr auf. Schwimm!

„Was denkst du, was ich vorhabe? Fliegen?“

Nach einem tiefen Atemzug begann er mit seinen Bewegungen Richtung Land. Brustschwimmen wie ein Mädchen aber er konnte unmöglich seinen Arm unter dem Körper und hinter dem Rücken durchschwingen, wie er es für Kraulzüge gemusst hätte.

„Du kannst ruhig voraus FLIEGEN, du Klugscheißer. Setzt dich schon an den Strand und denk dir neue Tipps aus. Doch Moment: Können Schweine fliegen, Schweinchen Schlau? Egal. Hau einfach ab.“

Ich bleibe bei dir. Immer.

_____________
tbc

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Zuletzt von leiCa am So Apr 13, 2014 5:47 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Mi Jan 01, 2014 3:04 pm

Wer auch immer da im Wasser dümpelt, wollen wir ihn mal ein bisschen weiter quälen. Aber heute nur ganz kurz...

___________
2. Kapitel

Soundtrack: >>KLICK<<

-"Sind meine Augen wirklich braun?“-
(Casablanca)


Sein Zeitgefühl war komplett dahin. Der Sonnenstand, von dem Schweinchen Schlau wollte, dass er ihn im Auge behielt, war ihm scheißegal. Was war daran wichtig, wie lange es dauerte? Es dauerte eben. Und es dauerte verdammt lang. Brustschwimmen war Mist und er hatte es dann doch mal mit Kraulen versucht, mit dem Ergebnis, dass er literweise Salzwasser geschluckt und wieder rausgewürgt hatte, weil die Schläge einfach nicht schnell genug kamen und er diese verdammten Wellen nicht ausgleichen konnte. Also wieder der Mädchenstil. Zug um Zug. Seinem Ziel oh so langsam näher kommend. Das einzig Gute daran war, dass sein Körper dadurch wieder etwas wärmer wurde und das Zittern aufhörte. Gut. Das war gut. Das war wirklich gut.

Gut war auch, dass die Küste näher kam. Am Ende ließ er sich nur noch von der leichten Brandung Richtung Strand treiben, versuchte sich auszuruhen und unterstütze die Bewegung nur noch durch Paddelbewegungen seiner Beine, stabilisiert durch ausgestreckte Arme. Als seine Knie den Sand in Ufernähe berührten, das Wasser so flach wurde, dass er hätte laufen können, blieb er aber erst mal, wo er war. Auf Händen und Knien stütze er sich ab, ließ das Wasser über seine Hände im Sand rollen, wo sie immer tiefer begraben wurden. Aber er brauchte diese Zeit um sich vorzubereiten. Eigentlich wäre er jetzt doch viel lieber weiter geschwommen. Denn irgendwie hatte diese liegende Position auch ihr Gutes gehabt. Aufstehen in die Senkrechte war da schon etwas ganz anderes.

Beeil dich!

„Ach du bist ja noch da. Ich hatte dich eigentlich nicht vermisst.“ Ächzend drückte er sich mit den Armen ab, um einen Fuß nach dem anderen in den Sand zu setzen. Wortwörtlich, nicht metaphorisch, darauf war er stolz. Ein Hoch auf die kleinen Erfolge.

Als er mit einem letzten Stöhnen den Oberkörper aufrichtete, konnte er spüren wie das Blut sein Hirn verließ und eine Welle der Übelkeit und des Schwindels über ihn hinwegrollte. Er schluckte heftig gegen den Würgereiz an und atmete tief ein und aus. Es bestand absolut kein Interesse von seiner Seite das ganze geschluckte Meerwasser wieder auszukotzen. Aber Wasser an sich wäre schon eine gute Idee. Sein Mund war komplett ausgetrocknet und seine Zunge fühlte sich an wie ein Klumpen Wüstensand.

Wieso um Himmels Willen wusste er, wie Wüstensand schmeckte?

DAS willst du jetzt wissen? Du verschwendest Zeit, renn‘ über den Strand zu den Bäumen und in den Dschungel.

„Rennen?“ Wenn er die Kraft gehabt hätte, hätte er jetzt sarkastisch gelacht. Ha ha.

Dann lauf!

Er presste seinen linken Arm gegen seine schmerzende Seite und lief. Ging. Strauchelte. Stolperte.

Am Waldrand angekommen trat er sofort unter die Bäume in den kühlenden Schatten und wollte sich aus purer Erschöpfung an dem Stamm einer Palme herunterrutschen lassen, dort sitzen bleiben und seine Wunden lecken.

Nein. Weiter. Du musst weiter. Sie kommen.

„Sie? Wer sie?“

Aber dann hörte er sie, oder jedenfalls die, von denen er annahm, dass es SIE waren. Die Geräusche eines Außenborders wurden laut und lauter. Vorsichtig sah er zum Strand, wo ein größeres Schlauchboot mit zwei Männern parallel zum Strand auf und ab fuhr. Shit. Selbst er konnte von hier aus seine Spuren im Sand sehen. Shit. Shit. Shit.

Stöhnend und leicht vornüber gebeugt stieß er sich vom Baum ab und drehte sich zum Waldinneren um. Schritt für Schritt humpelte er weiter, immer ein Ohr auf Geräusche von hinten gerichtet. Schritt für Schritt für Schritt.

Achte auf das Plätschern vor dir. Geh‘ dort hin.

Das hätte er fast überhört, aber er würde einen Teufel tun, das zuzugeben. Allein der Gedanke an frisches, klares Süßwasser ließ ihn schneller werden. Er erreichte eine kleine Lichtung, wo ein winziges Rinnsal in einem kleinen Wasserbecken mündete. Auf der gegenüberliegenden Seite standen ein paar Noni-Bäume. Na also. Wasser und eine Apotheke.
_________________

Wasser war das Wichtigste, erst danach konnte er sich Gedanken um seine Verletzungen machen. Das kleine Bächlein mäandrierte langsam durch den Dschungel, gluckste und plätscherte, kristallklares Wasser sammelte sich in kleineren Vertiefungen rechts und links des Baches. Er stolperte zu einem der kleinen Wasserbecken so schnell er konnte. Vergessen waren die Schmerzen, die Verfolger, die Erschöpfung. Das war Wasser. Und ohne Wasser hatte er sowieso keine Chance.

Erleichtert fiel er vor der fast spiegelglatten Oberfläche auf die Knie, ignorierte den vernichtenden Schmerz in seiner Seite, hielt sich erst gar nicht damit auf, seine Hände zu formen um in ihnen das Wasser zu sammeln. Er kippte vornüber, stütze beide Hände am Rand des kleinen Gewässers ab um einfach seinen ganzen brennenden erhitzten Kopf in ihm abzukühlen und dabei die erlösenden Schlucke zu trinken.

Als er sich über das Wasser beugte, blickte ihm ein Gesicht voller Schmutz, Salzkrusten und Blut entgegen. Über der rechten Augenbraue war ein tiefer Riss, der sich mit klumpigem Blut verschlossen, aber vorher sicher ausgiebig geblutet hatte. Und dieses Blut wurde vermischt mit Schweiß zu einer Art Tarnfarbe, die fast dieses ganze Gesicht bedeckte.

Doch das war es nicht, was ihn zurückschrecken ließ.

Das war es nicht was ihm den Atem nahm.

Das war es nicht, was seine Kehle umklammerte.

Das war es auch nicht, was plötzlich und mit unvermittelter Wucht Panik in ihm hochsteigen ließ.

Was ihn hektisch zurückprallen ließ, ihn fast auf den Rücken warf, wenn da nicht dieser Baum gewesen wäre gegen den er stieß, war nicht dieses Gesicht voller Blut.

Nein. Es war einzig und allein die alles einnehmende Frage:

WER ZUR HÖLLE WAR DIESES GESICHT?

„Wer bin ich?“

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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Sa Jan 04, 2014 6:29 pm

Weil sie so kurz sind, mal schnell ein neues Kapitel.

3. Kapitel

Soundtrack: >>KLICK<<

-"Da ist das, was wir wollen und dann gibt es die eine Million Zufälle, die wir nicht kontrollieren können; Ereignisse, die uns zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort bringen und unser Leben für immer verändern.
Wer kontrolliert diese Zufälle?
Alles was ich weiß ist, dass wir es nicht sind."-
(Moonlight)


Er saß eine ganze Weile angelehnt an den Baumstamm, den Hinterkopf  schmerzhaft gegen die raue Rinde gedrückt, drückte seine Handballen in die Augen und zwang sich zu denken. Denk nach, denk nach, denk nach!!! Ein Name, ein einfacher Name, nur ein Vorname.

Denk denk denk.

Er war doch nicht irgendwer… er war… irgendwer. Irgendwer war er. Denn er war ja! Er war kein Niemand. Er war ein Jemand.

Denk denk denk!

„Das tue ich ja. Ich denke. Ich will.“

Du kannst dich erinnern. Es ist in dir. Du musst es nur finden.

„In mir ist nichts verdammt! Ein einziges riesengroßes NICHTS. Ich bin nicht da, nirgendwo. Der Typ da im Wasser, der ist NIEMAND für mich.“

Aber dieser NIEMAND ist in dir. Versuche ihn zu greifen. Ich kann dir helfen.

„DU? Dann sag mir doch –.“

Nur du kannst diesem NIEMAND einen Namen geben. Nur du kannst ihn erkennen. Er kommt aus dir. Ich bin nur seine Stimme.

„Ich bin… ich heiße heiße heiße… irgendwelche Namen… Ich heiße Don. Don. Nein.
Ich heiße Michael. Michael. Nein. Mein Name ist James. James. Nein. Kevin? Kevin Kevin Kevin. Luke. Luke. LukeLukeLuke.“
 
Kalt. Ganz kalt. Versuch es weiter.

Irgendein verdammter Name musste ihm doch bekannt vorkommen. Er musste doch da sein, dieser Name. Sein Name. Irgendwo in seinem Kopf musste dieser Drecksname doch sein. Die Erinnerung hatte sich aus welchem verfluchten Grund auch immer schlafen gelegt und er musste sie einfach nur aufwecken. Bruder Jakob – schläfst du noch? Jakob? Jack? Jack Jack Jack… Hmm, Jack? Jack klang gut.

Wärmer. Gut!

Oder John?
 
Warm. Sehr gut. Der Name fühlt sich gut an oder?

John. John. Verzweifelt und wütend stieß er seinen Kopf noch einmal heftig gegen den Baum. Arrgh. John. Der Name machte – irgendwas. Regte irgendwas in ihm. Aber das reichte nicht. Dieser Name machte ihn nicht zu einem Jemand. Er war nur… ein Gefühl.

Gefühle sind Erinnerungen! Das ist gut. Du schaffst das!

„Ich will keine Gefühle. Vor allem nicht solche. Das sind leere Gefühle. Sie bedeuten nichts. Ich will Wissen.“

Geduld. Schritt für Schritt.

Heftig atmete er ein und aus. Versuchte nicht nur gegen die Schmerzen sondern auch gegen die Panik anzuatmen. Sie weg zu atmen. Wo Panik war, war kein Platz für anderes. Und er brauchte Platz für anderes, er brauchte Platz für…

Mich.

„Verschwinde“

Nein. Du brauchst mich.

„Ich brauche dich nicht. Ich brauche… ich brauche MICH!“

Du hast dich doch. Und mich noch dazu. Denn ich bin DU. Nur falls du es noch nicht gemerkt hast.

Er stöhnte leise auf. Er war also ein klugscheißendes Arschloch. Prima.

„Dann sag mir doch einfach wer WIR sind und alles ist ok, verdammt!“

Heb‘ deinen jämmerlichen Kadaver hier aus dem Dreck, kriech‘ endlich zum Wasser und trink! Sonst ist es bald total egal wer du bist. Jetzt beweg deinen Hintern!

Er drückte sich ab und kroch auf allen vieren zum Wasser. Keuchte: „SAG MIR MEINEN NAMEN!“  Holte tief Luft bevor er mit geschlossenen Augen seinen Kopf ins Wasser drückte. Komplett.

Sturkopf. Trink!

Das tat er.
______________________________________

Einige Zeit später saß er wieder angelehnt an ‚seinen‘ Baum, das Wasser tropfte ihm aus seinen Haaren auf die Schultern, während er mit tiefen Atemzügen versuchte die Übelkeit, die langsam aus seinem Magen aufstieg, zu unterdrücken.  Er hatte keine Ahnung wie lange er schon nichts mehr gegessen hatte, aber sein Magen hatte definitiv schon jede Menge Arbeit mit dem bisschen Wasser, das er vorsichtig geschluckt hatte.

Eindeutig Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Er fing unten an, bewegte seine Füße, tastete über seine Unterschenkel und seine Knie. Alles fühlte sich an wie ein einziger blauer Fleck und an den Stellen, an denen seine Cargohose zerrissen war, spürte er auf der Haut ein leichtes Brennen. Aber alles Kinkerlitzchen und nichts, was er nicht ertragen konnte. Sein Oberschenkel dagegen war etwas, das er ertragen musste. Genauer gesagt sein linker Oberschenkel, der sich ebenso wie seine gesamte linke Seite anfühlte, als hätte man ihn mit Nägeln beschossen. Durch die Risse fühlte er tiefe Einschnitte in seinem Fleisch, manche bluteten noch leicht, andere hatten sich glücklicherweise schon verschlossen. Aber er musste da durch, musste sich um Wichtigeres kümmern. Und das war eindeutig seine ganze linke Seite zwischen Rippen und Hüftknochen. Nicht sein gesamter Brustkorb, der sich anfühlte als wäre ein großer Teil seiner Rippen damit beschäftigt, auf der Suche nach einem besseren Platz in seinem Körper zu sein. Während er gleichzeitig damit beschäftigt war zu verhindern, dass dieser Platz seine Lunge war.

Nein.

Es waren diese unerträglichen, atemraubenden Schmerzen unterhalb seines linken Rippenbogens. Jeder Atemzug, jede Bewegung, jeder verdammte Schritt fühlte sich an, als würde ein glühend heißes Messer in seinem Bauch Karussell fahren.

Er biss die Zähne aufeinander, senkte den Kopf um besser sehen zu können und zog mit den Fingerspitzen vorsichtig sein schwarzes T-Shirt nach oben. Was er sah, ließ die Galle in seiner Kehle noch weiter aufsteigen.

Oh ja.

Das Karussell-Gefühl war berechtigt.
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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Mo Jan 06, 2014 4:55 pm

Für euch ungeduldigen Leserlinge.
Nina, ich hab' dir einen Witz geklaut. Wenn du ihn findest, kriegst du ihn trotzdem nicht wieder. Ätsch.


4. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Denn wahr sind nur die Erinnerungen, die wir in uns tragen, die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden."-
(Die Feuerzangenbowle)



Sein ganzer Unterleib war komplett verkrustet. Verkrustet von Dreck, Sand, Erde und Blut. Blut, das offensichtlich aus einem fast 20 Zentimeter langen Schnitt  oberhalb seines Beckenknochens geflossen war.  Die Blutung hatte aufgehört. Das war gut. Gar nicht gut war allerdings die Spitze eines scharfkantigen, gezackten Stück Metalls, das ungefähr zwei Finger breit aus der Wunde ragte.

„Fuck! Fuck! Fuck!“

Er stöhnte auf, vor Schmerzen – und weil er wusste, dass er etwas tun musste. Vorsichtig versuchte  er mit einem Stück des Shirtbündchens das herausstehende Stück, das verfluchte Drecksding, ein wenig trocken zu tupfen um es besser packen zu können. Er holte tief Luft und griff mit Daumen und Zeigefinger der Hand zu.

Schon die leichte Bewegung ließ den Schmerz ansteigen, bis er durch seinen gesamten Körper schoss.

„Ssshhhhhhhh----tttttt…“

Denk nicht. Zieh!

„Arschloch. ARSCH.LOCH. AAAAAARRRRRR…….!“

Er zog. Er zog wirklich an diesem Drecksding. Versuchte mit der linken Hand das Gewebe – sein Fleisch! – das dieses Ding umklammert hielt, nach unten zu drücken um dann das Metallstück frei zu legen und leichter herausziehen zu können. Aber das Scheißteil bewegte sich keinen Millimeter. Keinen verdammten Millimeter. Als hätte es Widerhaken. Höchstwahrscheinlich hatte es die auch. Aber auf alle Fälle war der Teil dieses Splitters, der in ihm vergraben war, deutlich größer als das, was da aus ihm rausguckte. Selbst wenn er es schaffen sollte diesen Splitter zu befreien, würde er die ganze Wunde wieder aufreißen.

Splitter. Splitter Splitter Splitter. Ein viel zu niedliches Wort für dieses idiotische Teil. Splitter. Mandelsplitter gab es. Mandelsplitter. Mandelssss-ppp-ppp-litter. Warum fiel ihm jetzt diese uralte Werbung ein? Er brauchte keine Schokolade, er brauchte die Nonifrucht da oben. Und er brauchte Wasser. Wieder mal. Knirschend biss er die Zähne aufeinander und kroch stöhnend zum Bach. Mit einer Hand schöpfte er Wasser und ließ es langsam über seine Wunde laufen. Immer wieder, bis der gröbste Dreck und Schmutz vermischt mit dem Wasser in den Bund seiner Hose und in den Waldboden geflossen war.

Danach beugte er sich leicht nach vorn und griff unter sein Hosenbein, wo ein Knöchelholster versteckt war. Ächzend und grunzend versuchte er den horrenden Schmerz, der wegen seiner gekrümmten Haltung durch seine Seite schoss, zu ignorieren und zog ein langes Messer aus seinem Holster. Ein Kampfmesser mit schwarzer Klinge. Auf dieser Klinge stand KA-BAR. Erstaunt blickte er auf die Stichwaffe in seiner Hand. Er hatte eine Militärwaffe an seinem Knöchel. Und sein Hirn wusste das noch. Es wusste nicht wer er war, was er war und vor allem: warum er überhaupt hier war. Aber das, das wusste es noch.

Wer zur Hölle war er? Wer war dieser Jemand, der ihn leitete? War es normal, mit solchen Messern durch die Gegend zu rennen? Doch wohl nicht. Was für ein Freak war er? Einer, der auf seltsame Messer stand. Messer mit einer schwarzen Klinge.

Die Klinge ist schwarz, damit sich nichts spiegeln kann, nichts reflektieren und deine Position verraten kann. Du bist kein Freak.

Er entschied sich, Schweinchen Schlau dieses Mal zu ignorieren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Überleben und verschwinden. Tarnen, täuschen und verpissen.

Mit dem Messer schnitt er sein Shirt vom Kragen her auf und riss es dann in lange Streifen. Sorgsam spülte er diese im Wasser aus, legte sie auf einen großen Stein und blickte dann nach oben in die Krone des Nonibaums.

Nonibäume konnten bis zu zehn Meter hoch werden, doch zum Glück war dieses Exemplar noch von der kleinere Sorte.

Der Jemand in ihm war ein wandelndes Lexikon. Dschungelpedia mit einem Kampfmesser am Knöchel. Ein ‚Was bin ich‘ in Dauerschleife donnerte durch sein Hirn. Und führte zu nichts. Er musste vielleicht auf die typische Handbewegung warten. Und ein Schwein für die Geldstücke hatte er ja schon.

Er musste kichern.

Höchstwahrscheinlich wurde er gerade doch verrückt.

Du machst dich verrückt. Fokus!

Ungefähr fünf Meter hoch streckte der Baum sich in den Dschungel und ließ in seiner Krone noch einige Sonnenstrahlen durch, die die gelblichen, etwas mehr als hühnereigroßen Früchte noch heller erscheinen ließen. Dort oben waren die reifen Früchte. Diese Früchte wollte er, aber klettern am glatten Stamm kam natürlich nicht in Frage. Neben dem kleinen Bachlauf fand er ohne Probleme einige Steine, die hervorragende Wurfgeschosse werden konnten. Er lächelte leicht. Und wurde so seinem soeben getroffenen Vorsatz gerecht, sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren und zu vergessen, dass er hier ziemlich abgewrackt ohne Gedächtnis und verletzt auf der Flucht vor wem auch immer war. Nur begleitet von Schweinchen Schlau, der in den letzten Minuten allerdings auffallend still gewesen war.

Wirf‘ endlich und verschwende keine Zeit.

War ja klar.

Mit einer Hand versuchte er sich ein wenig am Stamm abzustützen, blickte mit zusammengekniffenen Augen nach oben und warf. Zischend atmete er ein und hielt die Luft an. Wieder so eine Bewegung, die seine Rippen mit großer Begeisterung in Bewegung setzte, ebenso wie dieses verdammte … Ding … in seiner Seite.  Dummerweise keine der vielen Nonifrüchte. Daneben. Er presste die angehaltene Luft durch seine Lippen.

Er schnappte sich den nächsten Stein und schleuderte ihn mit aller Kraft nach oben. Ohne hinzuschauen, nur nach Gefühl, denn den ganzen Körper zu strecken, war einfach unerträglich.
*Flapp. Flapp. Flapp.* Na also. Drei der weiß-gelben Früchte fielen neben ihm auf den Boden.  Erleichtert ließ er sich auf die Knie fallen und sammelte sie ein. Zwei verstaute er in den unendlichen Weiten seiner Cargohose, die dritte schnitt er in zwei Teile mit seinem Freakmesser, das er danach wieder in seinen Knöchelholster steckte. Ohne viel Aufheben kratzte er mit den Fingern das Fruchtfleisch aus einer Fruchthälfte, schmiss die Kerne weg und schob es sich in den Mund.

Halt die Luft an und schluck!

Gute Idee, dabei wollte er das Zeug lieber wieder rauswürgen, denn der Geschmack war, wenn man nett sein wollte, nur als faulig und ranzig zu beschreiben. Aber er brauchte diese Frucht, vielmehr den Saft und seine heilende Wirkung. Gut für sein Immunsystem, bakterienabtötend und schmerzlindernd.

Hallo Dschungelpedia…

Die zweite Hälfte der Nonifrucht hielt er in seiner Faust über seine Wunde in seiner Seite, quetschte sie so fest er konnte und ließ den Saft auf seine Wunde tropfen, während er sich kniend leicht nach hinten beugte, damit der schmerzlindernde und heilende Saft auch dort blieb, wo er am meisten benötigt wurde. Dann griff er neben sich und sammelte ein paar der vertrockneten Nonibaumblätter, die am Boden lagen, und verrieb sie zwischen seinen Händen. Sie waren ein Jahrhunderte altes Schmerzmittel und er konnte alles gebrauchen, was er kriegen konnte. Vor allem dieses seltsame Wissen um Sachen, die ihm jetzt nützlich waren. Doch die waren aber so besonders, dass sie den Jemand in ihm auch besonders machten. Was ihn wurmte, denn sollte man sich an besondere Dinge nicht immer erinnern?

Du erinnerst dich doch.  

„Aber nicht an mich.“

Du erinnerst dich immer mehr an dich. Das spürst du.

Heftig atmend und stöhnend nahm er einen der ausgewaschenen T-Shirtstreifen und wickelte ihn stramm um seinen Unterleib und über die Wunde. Die restlichen stopfte er auch in seine Taschen, zusammen mit einer Handvoll vertrockneter Blätter.

Er musste hier weg.

Du musst hier weg!

Strauchelnd stand er auf, griff sich einen dicken, abgebrochenen Ast und stolperte sich darauf abstützend los.

„Wohin ist weg?“

Du weißt, wo du hin musst. Denk nach.

Er stoppte seine Schritte für einen Moment, nicht nur weil er versuchte seinen plötzlich auftauchenden Schwindel einfach weg zu blinzeln, sondern auch weil sein Kopf anfing ihm wirklich und wahrhaftig auf die Nerven zu gehen.

„Wie wär’s, wenn du es mir einfach sagst.“ Wut und Anstrengung ließen seine Worte leise und atemlos klingen. „Ich bin hier gerade echt damit beschäftigt zu überleben. Mach’s mir also nicht noch schwerer, verdammt!“

So funktioniert das nicht. Er schnaufte. Leider. Sein Kopf klang wirklich ein bisschen mitleidig. Also nur ein mittleres Arschloch. Immerhin. Darauf konnte man aufbauen.

„Es wäre irgendwie nett, wenn ich dir einen Namen geben könnte. Das wäre persönlicher, meinst du nicht?“ Toller Schachzug, total subtil, er versuchte sich gerade selber auszutricksen. Und irgendetwas sagte ihm, dass er darin auch schon mal besser war.

Nenn mich Kiwi.

„Kiwi?“

Roger.

„Was zur Hölle…? Kiwi oder Roger?“

Meine Güte in deinem Hirn ist ja gar nichts mehr! Es ist roger, also richtig, wenn du mich Kiwi nennst!

Auf eine kranke Art und Weise freute es ihn gerade, dass er ihn - KIWI - genervt hatte. Zwei konnten nämlich dieses Spiel spielen. Zwei? Er seufzte. Er atmete tief durch und nahm sich fest vor, nicht verrückt zu werden. „Ich mag Kiwis.“

Na bravo. DAS weiß er wiederum.

Nachdem der Schwindel etwas verflogen war, nahm er seinen Weg stolpernd wieder auf. Einen Weg, den er laut Semiarschloch Kiwi kennen musste. Nur auf Steine tretend, möglichst keine Blätter umknickend, versuchte er es seinen Verfolgern so gut es eben ging schwer zu machen. Dass ihm das mit seinem Stock und seiner Stolperei nur suboptimal gelang war einfach nicht zu ändern. Vielleicht  war das Wasauchimmer, wo er hinmusste, ja gar nicht so weit entfernt. Und er konnte es vor seinen ominösen Verfolgern dorthin schaffen. Bis jetzt war von denen ja noch gar nichts zu sehen oder zu hören gewesen. Sie waren mit Sicherheit mittlerweile mit dem Boot am Strand und hatten mit absoluter Sicherheit seine Spuren im Sand gesehen. Und denen zu folgen war kinderleicht, das hätte sogar Gracie… „GRACIE???“ Wer zur Hölle war Gracie?

„Kennen wir eine Gracie?“

---…

„Kennen. Wir. Eine. Gracie???“

Ja.

„Und wer ist das? Komm schon…“

Ich kann dir das nicht sagen, du musst schon selber… aber du bist auf dem Weg!

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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Mi Jan 08, 2014 5:10 pm

„Kennen. Wir. Eine. Gracie???“
Ja.
„Und wer ist das? Komm schon…“
Ich kann dir das nicht sagen, du musst schon selber… aber du bist auf dem Weg!



5. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Toto, ich habe das Gefühl, dass wir nicht mehr in Kansas sind."-
(Der Zauberer von Oz)


Mit einem großen Schritt trat er auf den nächsten Stein und biss wütend die Zähne aufeinander. Auf dem Weg. Bullshit. Sein Kopf war auf gar keinem richtigen Weg, der war ein einziges Schlamassel. Dieser Weg, auf dem er gerade ging, den er gerade einschlug, der war allerdings richtig. Denn er führte… Taumelnd blieb er stehen. Stützte sich mit beiden Händen auf dem Stock ab und versuchte die Bilder, die wie in einer rasenden Diashow durch seinen Kopf rasselten, zu greifen und anzuhalten.

Eine lange Küstenlinie, teilweise mit einem Felsenkliff hinter dem Strand.

Eine bewaldete Insel mit einer seichten, höchstens 400 m hohen Erhebung.

Ein Vulkan mit einem Einsturz auf der östlichen Seite.

Er war auf Ni’ihau, der verbotenen Insel. Und er war auf dem Weg zu Pu’uwai.

Alle Bilder die durch seinen Kopf geschossen waren, machten Sinn. Er war hier schon mal gewesen. Er hatte diese besondere Insel schon mal gesehen und sogar betreten. Und das war ein gutes Gefühl, das war eine wirkliche Erinnerung, eine die mit Bildern verknüpft war. Diese Erinnerung war zwar auch nicht konkret, denn er hätte gerne gewusst, warum und wieso er hier gewesen war. Ob allein oder mit anderen. Aber das war nicht so wichtig. Weil diese Erinnerung so unglaublich normal war, sie hatte nichts mit Kampfmessern oder seltsamen Überlebenstaktiken zu tun. Diese Erinnerungen machten den Ninja-Jemand in ihm zu einem alltäglichen Jemand. Das war beruhigend. Und ließen das erste Mal seit der ganze Mist angefangen hatte, eine Zuversicht in ihm reifen, dass er wohl doch kein durchgedrehter Söldner oder noch Schlimmeres war.

Söldner? Hast du dich etwa wie ein Söldner gefühlt?

„Nein, hab‘ ich nicht. Aber die Tatsachen-.“

Tatsachen? Was denn für Tatsachen? Wegen eines Messers im Strumpf und etwas Obst?

„Kein einfaches Messer. Ein gottverdammtes KA-BAR! Und das Obst schmeckt übrigens scheiße.“

Kann man gedanklich seufzen? Ich tue es, hörst du das? Du hast keine Ahnung, wie sehr du gerade DU bist! Du bist ein anständiger Kerl! Und du weißt das, du spürst das. Also hör‘ auf schlecht von dir zu denken!

Er versuchte es. Klammerte sich an seinen alltäglichen Jemand. Machte sich auf den Weg zu den Menschen, die ihm wohl helfen konnten, auf den Weg nach Pu’uwai, der wichtigsten Siedlung der ungefähr 160 Bewohner der Insel. Bewohner, die von Eindringlingen auf ihrer privaten Insel nicht begeistert waren. Aber sicher netter als die zwei Mistkerle, die gerade hinter ihm her waren. Er lächelte. Das war doch schon mal ein Anfang, er wusste wo er war, wohin er ging und dass wohl irgendwo eine Gracie auf ihn wartete.

Wenn du ein Mistkerl wärst, würdest du sicher keinen Gedanken dran verschwenden, dass du ein Mistkerl bist. Die Gedanken hast du nur, weil du eben keiner bist.

Er seufzte. Kiwi hatte Recht. Er war nicht irre.

Kiwi schon.
________________

Die Richtung, die er eingeschlagen hatte führte leicht bergauf. Die Bäume und Büsche standen nicht sehr dicht, so dass die Gefahr, sich durch abgeknickte Blätter zu verraten, sehr gering war. Besonders schnell kam er nicht voran, was frustrierend war, aber nicht zu ändern. Kiwi hatte ihm geraten, über Dinge, die nicht zu ändern waren, nicht nachzudenken und er musste ihm insgeheim Recht geben. Es hätte nichts geändert und nur Energie gekostet. Und vor allem hätte es ihn abgelenkt. Denn er musste seine Aufmerksamkeit vollends auf seine Umgebung konzentrieren können, weil irgendwo hinter ihm ja immer noch die zwei Männer waren, die es warum auch immer auf ihn abgesehen hatten. Auch dieses Warum und Wieso blockte er ab. Er hatte nämlich das Gefühl, verrückt zu werden, wenn er sich darauf einließ. Hinter ihm unbekannte Killer und in seinem Kopf ein nerviger Besserwisser. Und sonst nichts. Na gut, da war noch diese Gracie, aber außer dem Namen fiel ihm nichts zu dieser Frau ein. Garnichts. Kein Bild, keine Stimme, keine Erlebnisse. Und das ließ ihn durchdrehen und das konnte er nicht gebrauchen. Konzentration also auf die Umgebung, auf die Steine, die er ausschließlich als Tritte nutzte, auf den Stock, den er nur hin und wieder als Unterstützung nutzte um keine Abdrücke im weichen, feuchten Waldboden zu hinterlassen und Konzentration auf dieses Ding in ihm. Denn jede falsche Bewegung sandte einen beißenden Schmerz durch seinen ganzen Körper und er wusste, dass er irgendwann am Ende sein würde und Hilfe brauchte.

Nach einer Weile stand er vor einer großen Felsformation, die ihm den Weg versperrte. Er seufzte. Klasse. Tief einatmend sammelte er sich und blickte suchend nach rechts und links. In beiden Richtungen war der Fuß des halbhohen Felsens dicht bewachsen von Büschen und Schlingpflanzen, keine zwei Fuß breit, und daneben ging es steil nach unten. Er seufzte noch einmal und blickte nach oben. Hoch war die Felsenwand wirklich nicht, höchstens doppelt so hoch wie er selbst. Aber in seiner Verfassung war es, als wollte er ohne Sauerstoff auf den K2. Oder den Aconkagua. Der übrigens wunderschön war oben. Mit gut erhaltenen Inka-Opferstätten, uralten Steinmauern, meterhohen reihenförmigen Eiszacken und die wegen der fehlenden Vegetation sichtbaren Gesteinsschichten. Faszinierend und beeindruckend.

Halt. Warum wusste er das schon wieder? Wo war der alltägliche Jemand?

Weil du da warst.

„Auf dem Aconkagua?“

Auf dem Aconkagua. Unter anderem. Und darum ist das Ding hier jetzt eine Kleinigkeit.

Er hatte keine Zeit und keine Ausdauer mehr um mit Kiwi zu diskutieren, und außerdem freute es ihn, dass er sich augenscheinlich immer mehr an irgendetwas erinnern konnte. Seltsame, verrückte Dinge – aber immerhin. Das war doch gut oder?

Klettre jetzt da hoch. Feiern kannst du später. Wenn du oben bist und diese Mistkerle ausgeschaltet hast.

„Ich soll sie ausschalten? Ich? In meinem Zustand?“

Du MUSST sie ausschalten. Sie sind miese Killer und nicht nur für dich gefährlich. Und so schlimm ist dein Zustand nicht. Du hattest schon Schlimmeres!

„Ach - das verrätst du mir.“

Ich verrate dir nur Dinge, die deinen Hintern in Bewegung setzen. Es geht hier nicht nur um dich!

Er nahm seinen Stock und warf ihn ins Gebüsch. Keine Chance ihn bei der Kletterei mit nach oben zu nehmen.

Never leave a man behind.

Was? Warum hatte er das gedacht? Never leave a man behind. Ach verdammt, es war doch nur ein Stock! Der Gedanke kam so selbstverständlich, als wäre er in sein Hirn tätowiert. Als hätte er jahrelang danach gelebt und sich darauf verlassen. Er fühlte sich ganz natürlich an, nicht forciert sondern wie ein Lebensmotto. Es war ein guter Gedanke, denn er bedeutete, dass man nicht allein war. Dass einem geholfen wurde und dass man helfen musste.

Er klammerte sich an diesen Gedanken und konzentrierte sich. Es geht hier nicht nur um dich in den Ohren.

Dann fasste er mit beiden Händen zwei überhängende Felszacken, setzte den rechten Fuß in eine kleine Einbuchtung und drückte sich mit dem Bein nach oben.

„Geht es auch um diese Gracie?“

Nein.

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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Fr Jan 10, 2014 6:42 pm

Danke an alle meine Feedbacklinge! Die immer noch lesen, obwohl ich keine Entschuldigung dafür habe ;-)
Noch kurz vorm Urlaub ein Kapitel.



6. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Nein, es kommt eben nicht zurück. Mit den Knoten ist es wie mit allen anderen. Ich hab das Seil genommen und es so hingekriegt. Genauso wie ich... ich lesen und schreiben kann. Ich kann addieren, subtrahieren, Kaffee kochen, Karten mischen, kann Schachfiguren aufstellen."-
(Die Bourne Identität)


Er lag am Boden und blickte atemlos in den Himmel. Wie lange er jetzt schon versuchte die Schmerzen weg zu atmen wusste er nicht. Was er wusste war, dass er nicht sehr erfolgreich damit war. Das Gute allerdings: er hatte den Felsen bezwungen. Das Schlechte: Dieser Mistfelsen hatte das Mistding in seinem Körper mit einer mistigen Felsnase weiter in seinen Bauch gedrückt. Gestoßen. Mit einer ruckartigen Bewegung, die so schmerzhaft war, dass er nur mit letzter Kraft seinen Halt mit der rechten Hand an einer herausgewachsenen Wurzel wiederfinden konnte. Dabei war er natürlich gleich noch mal mit der Hüfte gegen den Felsen geprallt, weil er seine Beine nicht schnell genug nach vorne bringen konnte.

Mist Mist Mist. Er stöhnte. Aber er setzte sich langsam auf, denn er hatte nicht die mindeste Lust sich von Kiwi wieder irgendeinen heroischen Blödsinn anzuhören.

Heroisch?

„DU benimmst MICH heroisch! Ich – nicht so sehr!“

MICH? DICH? Du weißt schon, dass wir beide –.

„Ja eben. Aber ich bin kein Held. Ich bin - ach, was auch immer. Jedenfalls kein Held.“

Man hat uns mal gesagt, wahre Helden haben ein großes Herz. Sie sind nicht mutiger als andere, aber sie sind es fünf Minuten länger.

Er hörte sich selbst in seinen Ohren an wie ein kleines bockiges Kind:
„Ich will jetzt aber ausruhen. Leiden. Meine Wunden lecken und stöhnen. Und gerettet werden. Ich will kein Held sein.“

Das ist das einzige Sein das du kannst!

Er schloss die Augen und atmete tief durch. Kiwi hatte ja Recht, er musste weiter, irgendwas trieb ihn, irgendwas musste er erledigen und das war wichtiger als seine Schmerzen, als seine Verzweiflung, als sein Chaos im Kopf.
Er griff in seine Hosentasche und nahm eine der Nonifrüchte, beugte sich stöhnend nach vorn um an sein Messer zu kommen und schnitt die Frucht in zwei Hälften. Angewidert aß er das Fruchtfleisch. Das Messer wanderte zurück in den Knöchelholster. Dann blickte er auf seine Verletzung. Der Verband um seine Wunde war durchgeschwitzt und leicht verrutscht, aber er hatte keine Zeit ihn zu erneuern. Er zog ihn ein wenig zur Seite, entfernte die Blätter und quetschte Nonisaft aus der Frucht auf seine Wunde. Das musste reichen. Schwer atmend ließ er den Streifen Stoff wieder auf die Wunde rutschen.

Atmen atmen atmen.

Langsam rollte er sich auf die Knie und drückte sich mit beiden Hände vom Boden ab. Never leave a man behind. Er vermisste seinen Stock jetzt schon.

„Nnnnngh…“

Schau dich um.

„Halt den Mund. Ich weiß, wo ich hin muss. Pu’uwai.“

Mit der Sonne im Rücken machte er den ersten Schritt Richtung Siedlung. Schroffe Felsen waren vor ihm, aber keiner so hoch, dass er Gefahr lief noch mal klettern zu müssen. Viele würde er umgehen können  und so seinem Ziel immer näher kommen. So weit war es nicht mehr entfernt und er erlaubte sich ein kleines Gefühl der Zuversicht.

Dann hörte er es.

Ein Knarzen und ein Knacken. Dann ein Rauschen. Die Geräusche kamen aus den Bäumen direkt vor ihm und er hechtete mit einem großen Satz hinter eine leicht schräg gewachsene, alte Palme.

*Knarz… knack…* „Nein ich habe ihn noch nicht - … Denkst du nicht ich hätte mich gemeldet?“, hörte er dann eine Stimme sagen.

Wieder das klackende Geräusch eines Walkie Talkies.

„Ich weiß noch nicht mal, ob ich in die richtige Richtung gehe…“ Die Stimme kam näher.

*Knack.*

„Dein Fährtensucher? Nur weil ich als Kind mit meinem Vater auf Entenjagd war, bin ich noch lange nicht…“

*Knarz.*

„Ja natürlich will ich nicht nah an ihn –.“ Ein Seufzer. „Ich bin doch kein Idiot. Erschießen, na klar. Und jetzt halt die Klappe, ich melde mich später. Bin auf dem höheren Teil dieser verdammten Insel und versuche ihn zu entdecken. Und dann pumpe ich den Mistkerl mit Blei voll.“ *Knack.*

Der Mistkerl, der mit Blei vollgepumpt werden sollte, stand immer noch geschützt hinter der Palme und lächelte leicht. Amateure.

Kiwi gab ihm Recht.

Amateure.

Langsam und vorsichtig beugte er sich nach unten und zog völlig lautlos sein Kampfmesser aus dem Schaft. Und dann wartete er geduldig. Der Typ wollte an die Kante von dieser Anhöhe und dafür musste er an ihm vorbei. Also harrte er aus und beobachtete. Beobachtete einen recht gedrungenen, glatzköpfigen, übertrieben bemuskelten Typen, der sein Walkie Talkie wegsteckend aus den Bäumen trat und ohne große Vorsicht und eindeutig ahnungslos an ihm vorbei ging. Meister Proper war eindeutig ein Idiot.

Leicht geduckt und absolut geräuschlos trat er aus dem Schutz der Palme hinter den Muskelmann. In einer geschmeidigen Bewegung presste er Meister Proper von hinten dem Unterarm gegen die Gurgel.  Verzweifelt schnappte der Kerl nach Luft und versuchte den Arm, der seinen Hals umklammert hielt, weg zu reißen. Aber seine Bewegungen waren fahrig und chancenlos. Mit einer geschmeidigen Bewegung trat Ninja-Jemand ihm leicht seitlich stehend die Beine nach hinten weg. Das hätte den Muskelmann nach vorne fallen lassen, stattdessen blieb er allerdings in dem Arm des Mannes, den er eigentlich hatte finden und töten wollen, hängen.

„Falsche Entscheidung“, raunte der seinem glatzköpfigen Gegner leise ins Ohr und drückte mit seiner anderen Hand dessen Kopf weiter nach vorn. Kein Grund sein Messer schmutzig zu machen. Amateur.

Heftig atmend stand er nach einer Weile über dem Toten. Es war verdammt einfach gewesen. Und er wusste gar nicht genau, was er da eigentlich gemacht hatte. Motorisches Gedächtnis? Vielleicht war er ja doch irgend so ein verdammter Heldenninja. Denn er war ja laut Kiwi anständig.

Er ließ sich langsam auf die Knie fallen. Auf beide gleichzeitig und nicht nacheinander, wie man es vielleicht erwartet hätte, eine Angewohnheit, die ihm schon am Bachlauf das erste Mal aufgefallen war, irgendwas war mit ihm eben …anders.

Nicht schon wieder. Dein Anders-Sein hat dich gerade gerettet. Und woher weißt du, dass andere das nicht auch so machen? Woher weißt du, dass das anders ist? Woher weißt du, WAS anders ist?

„Es ist eben da.“

Was?

„Das Wissen. Das ich nicht so bin wie andere.“

Und das ist schlecht, weil?

„Gar nicht. Das ist gar nicht schlecht. Denke ich.“

Na also. Verlass‘ dich darauf. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Was Menschen ausmacht ist das Graue.

Er zog seine Schultern hoch und ließ seinen Kopf kreisen. Mehr Kämpfe dieser Art würde er sicher nicht durchstehen. Er musste sehen, dass er hier weg kam. Nach vorne gebeugt durchsuchte er den Toten. Kein Handy, verdammt! Nur das Walkie Talkie und eine schicke Walther P99. Voll geladen. Beides steckte er ein.

Er grinste halbseitig und fühlte sich auf einmal gar nicht mehr so allein.

Er war eben doch ein Ninja, aber ein anständiger wohlgemerkt, er hatte eine Waffe, wusste wo er hinwollte und Grau war seine Farbe.

Irgendwie war alles ein kleines bisschen besser als noch vorhin.

Und Kiwi hatte auch nichts zu meckern gehabt.
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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Mi Jan 22, 2014 4:44 pm

Es geht voran... Sozusagen...


7. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Deja Vus sind oft Fehler in der Matrix, das kann passieren..."-
(Matrix)



Schon seit einer gefühlten Ewigkeit schleppte er sich voran. Zwang sich, nicht viel zu denken und seinem Ninja-Jemand die Führung zu überlassen. Mit mehr oder weniger Erfolg. Eher mit weniger.

Nutze deine Instinkte.

„Würdest du aufhören, das zu verlangen, was ich eh schon tue? Ich verlasse mich doch schon auf seine Instinkte.“

Deine!

„Was?“

Das sind DEINE Instinkte. Das bist immer du.

„Ich, ich, ja ich weiß. Wenn ich endlich wüsste, wer dieses ‚ich‘ ist, wäre es FÜR MICH auch einfacher sich AUF MICH zu verlassen. Verstehst du?“

Äh – ja?

„Wie kannst du auch, ich versteh’s ja selbst nicht.“ Er schüttelte den Kopf. Das musste aufhören. Dieses irre Vorsichhinplappern weil irgendetwas in seinem Hirn mit ihm sprach. Er musste Kiwi einfach ignorieren, nicht reagieren, dann hörte es vielleicht auf.

Agateophobie.

Schweigend stapfte er weiter, presste einen Arm um seinen Unterleib und berührte mit der anderen immer wieder Kumpel Walther, den er sich in den Bund seiner Hose gesteckt hatte. Walther beruhigte. Walther war real, Walther erdete ihn und Walther konnte Wichtigeres als nur reden. Ergo – Walther war ein verdammt guter Freund.

Ergo?

Ok, das war ein bescheuertes Wort, das niemand benutzte, aber es war irgendwie vertraut. Er stöhnte leise. Sein Hirn kreiste um alles und nichts. Immer weiter immer weiter wie ein Hamster im Käfig. Konfus und ohne Ergebnis. Das musste aufhören. Er legte seine Hand an Walther und ließ ihn nicht mehr los.

Agateophobie. Die Angst vor Irrsinn.

„Das wusste ich.“

Ich wollte nur sichergehen.

Nichts zu denken war also eigentlich nicht die richtige Beschreibung. Er dachte schon. Aber nicht daran, wo er hinwollte oder wie er dahinkommen könnte, sondern daran, wer er war oder vielmehr wie er dahinkommen könnte, das zu erfahren. Also machte er eine Liste:
- Er hatte ein Messer in einem Holster an seinem Knöchel.
- Er wusste um die Wirkung heilender Pflanzen.
- Er wusste, wie man seine Spuren verwischt.
- Er wusste, wie man einen kräftigen Mann killt, ohne irgendeine Waffe zu benutzen.    
  Verletzt.                    
  Ohne Probleme und verletzt.
- Er war sich sehr sicher, dass er wusste, wie er mit Walther umzugehen hatte.
- Er konnte außerdem wohl ziemlich gut und ausdauernd schwimmen.

Ganz klar: Er war ein früherer Bademeister, dessen Vater ein Apotheker war, ein Apotheker mit Schwerpunkt Homöopathie, der sich zum schießwütigen Cowboy hatte umschulen lassen.  Er war sich nämlich auch sicher, dass er reiten konnte. Vielleicht hatte er ja sogar ein eigenes Pferd. Ob es Kiwi hieß?

Er blieb stehen und lachte. Lachte immer heftiger, bis das Lachen in heftiges Stöhnen überging, die Schmerzen in seinem Brustkorb und in seiner Seite so entsetzlich wurden, dass ihn nichts mehr auf den Beinen hielt. Er stürzte auf die Knie, stütze beide Hände vorne ab, hustete, keuchte und rang nach Atem. Sein Blickfeld zog sich wie in einem Tunnel zusammen und vor seinen Augen tanzten kleine leuchtende Punkte.

Atme. Ruhig.

Leichter gesagt als getan, wenn alles in seinem Kopf gerade eine gigantische Schmerzexplosion war. Er addierte Gehirnerschütterung zu seiner Verletzungsliste.

Nach einer Weile setzte er sich hinten auf seine Fersen und atmete weiter tief durch. Der Schmerz wurde weniger vehement, trat ein bisschen mehr in den Hintergrund. Ächzend und grunzend stand er auf. Eins war klar, lange würde er nicht mehr durchhalten. Er brauchte eine Pause, Ruhe, einen Unterschlupf um sich neu zu versorgen und auszuruhen.

60 Minuten schaffst du noch.

„Nie.“

Doch.

„Keine Chance.“

Kompromiss. 50 Minuten.

Er atmete tief und stockend ein. „Gut. 50 Minuten sind es dann. 50. In Worten Fünf Null.“

Langsam ging er weiter. 50 Minuten. Nur noch 50 Minuten. Das war doch machbar. 50. 50. Fünf Null. Fünf Null. Fünf Null.

Fünf.

Null.

Da war etwas. Etwas. Er konnte es fast greifen. Versuchte es zu greifen. Sein Gehirn zu zwingen an diesem Gedanken zu stoppen und konkreter zu werden. Fünf. Null. Verdammt.

Er blickte rechts und links auf seine Schultern. Betrachtete die großflächigen Tattoos, die dort zu sehen waren. Er hatte noch keinen Gedanken an sie verschwendet. Vielleicht standen ja dort irgendwo eine Fünf und eine Null. Stehenbleibend zog er die Schultern nach vorne um die Tätowierungen besser betrachten zu können. Nichts. Keine Zahlen. Kein Text. Einfach nichts.

Geh weiter.

Schritt für Schritt setzte er seinen Weg fort. Schritt für Schritt. Fünf. Null. Fünf. Null. Fünf. Null. Schritt für Schritt.

Fünf. Null. Fünf. Null. Fünf. Null. Fünf. Null.

Aber nichts.
________________________

Es wurden fünfzehn. 15 lächerliche Minuten. Aber der nur einen Meter tiefe und höchstens einen halben Meter hohe Felseinschnitt war einfach ideal. Er reichte aus, damit er sich endlich ein wenig ausruhen konnte, vielleicht sogar schlafen und versprach den Schutz, den er dafür brauchte. Versteckt hinter Büschen und Sträuchern war er eigentlich nicht zu sehen und er hoffte, dass sein Verfolger auch nicht auf die Idee kam, er würde tagsüber anhalten und verschnaufen. Am helllichten Tag! Sicherlich dachte er, er würde immer weiter und tiefer in die Insel und ihren dichten Dschungel eindringen, um so wenigstens zu versuchen, den Abstand zwischen sich und seinen Verfolgern zu halten.

Aber er wusste, wann er seine Grenze erreicht hatte. Er kannte sein Limit. Und das war genau jetzt. Sein geschundener, geschlagener Körper machte nicht mehr mit. Es war schon ein Wunder, dass er es mit seinen Verletzungen überhaupt bis hier hin geschafft hatte.

Kräfte sammeln, gruppieren, sich neu ordnen und erholen. Nur im äußersten Notfall!

Er schnaubte ungnädig: „Gebrochene Rippen, Prellungen, Schnittwunden, höchstwahrscheinlich eine verdammte Gehirnerschütterung und – ach ja – ein verfluchtes Metallding in meinem Bauch. Zählt das als Notfall?“

Diese Stimme in seinem Kopf wurde ihm einfach zuviel. Zeit, dass er sie durch seine eigene ersetze.

Ich bin du!

Ächzend ging er in die Knie. „Dann mach dich nützlich und sag‘ mir endlich, wer wir sind!“

Wenn die Zeit gekommen ist.

Er holte tief Luft und bereitete sich auf die Schmerzen vor, die sicherlich sein Vorhaben unten in den Felseinschnitt zu rutschen mit ihrer Anwesenheit versüßen würden.

Segmentieren, abspalten. Der Schmerz hindert, ausblenden.

Langsam, vorsichtig und immer mit einem Ohr auf die Umgebungsgeräusche gerichtet, legte er sich auf seinen Rücken. Dumm nur, dass man dafür Bauchmuskeln brauchte. Bauchmuskeln, die sich um dieses verdammte Metallding in seinem Bauch krallten. Fest. Schmerzhaft. Sehr schmerzhaft. Doch Zeit darüber nachzudenken hatte er nicht. Er musste in diesem verdammten Felsen verschwinden. Sofort. Er schloss die Augen und wieder einmal prasselten Erinnerungen auf ihn ein. Bilder - kurze Fragmente - fremde Stimmen – Kinderstimmen - Lachen und Geräusche des Ozeans. Er sah Kinder. Auf dem Rücken liegend schoben sie sich nur durch die Beine angetrieben rückwärts durch den Sand Richtung Wasser. Wer als erster nass war, hatte wohl gewonnen. Die Kinder hatten keine Gesichter, war er also dabei? Er musste doch dabei gewesen sein, diese Erinnerung war Teil seiner Kindheit, oder? Sonst wäre sie doch nicht seine Erinnerung? Ob er gut gewesen war bei diesem Käferwettrennen? War er ein glückliches Kind gewesen? Hatte er Freunde gehabt?

Hatte er Freunde?

Es fühlte sich an, als hätte er Freunde. Es fühlte sich auch so an als wäre da noch viel mehr, noch ein ganz anderes Gefühl. Und er sehnte sich nach diesem Gefühl, obwohl er nicht wusste, was es war.

Ich habe dir doch gesagt, dass Gefühle Erinnerungen sind!

Und dieses Gefühl war eine gute Erinnerung. Er wollte mehr davon.

Geduld. Suche Schutz. Du heilst. Das braucht Zeit.

Er lachte leise. Heute wäre er als Käfer schon froh, überhaupt anzukommen. Er winkelte seine Beine an und drückte sich mit den Fersen ab. Rechts, links, rechts, links….  Mit der rechten Hand versuchte er den Notverband um seinen Bauch zu schützen, was eher mittelmäßig gelang. Der Erdboden zog durch die Bewegung an der Schlinge, die sich dadurch fester an seinen Körper presste. Und natürlich an das verfluchte Ding in seinem Körper. Nicht zu vergessen, dass seine Rippen diese Bewegung auch nicht mit Begeisterung aufnahmen. Die Schmerzen waren überwältigend, grausam. Sein Blick wurde verschwommen, unscharf… und sein Atem ging rasselnd und angestrengt. Gepresst. Noch zweimal. Links, rechts. „Shit shit shit! FUCK!“

Du hast dein Ziel erreicht!

Sein Oberkörper lag jetzt zwar geschützt unter dem Vorsprung, nun musste er nur noch seine Beine seitlich bewegen, den Körper mitdrehen um komplett vom Felsen versteckt zu werden. Nur noch…

Er lag völlig erschöpft und durchgeschwitzt, heftig atmend, aber eben nur halb verdeckt in dem muffigen Loch und wappnete sich für diese letzte Tortur.

Wenn möglich, bitte wenden!

Witzbold, sein Kopf war ein Witzbold. Ha. Ha.
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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   So Jan 26, 2014 5:17 pm

Sagt zum Abschied leise Servus... zu Kiwi.

8. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Vielleicht liegt es an dieser unkontrollierbaren Summe von Zufällen, dass man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist.
Oder vielleicht liegt es an den Entscheidungen die wir treffen, an den Taten die wir vollbringen.
Was wir wollen darauf kommt es nicht an, aber dann, ab und zu, ist es das Einzige was zählt."-
(Moonlight)


Er drehte seinen Kopf zur Seite und blickte nach draußen. Mindestens eine Stunde hatte er wohl geschlafen. Geschlafen? Musste wohl sein, denn er erinnerte sich nicht, die Sonne untergehen gesehen zu haben. Und er fühlte sich auch ein wenig besser. Zeit, weiter zu gehen, Hilfe zu finden und dann diesen Mistkerl fertig zu machen. Wenn er eins wusste, dann das. Darüber hinaus brauchte er dringend Wasser, nicht nur zum Trinken, sondern auch, um seine Wunde abzuspülen und mit frischen Noniblättern zu verbinden. Ein wenig bedauerte er schon, diesen ruhigen Ort zu verlassen, aber er musste weiter. Er wusste nicht warum, er wusste nur einfach, dass es so war.

Also auf und raus hier!

Auf?

Wie konnte er das vergessen? Fluchend rieb er sich die Stirn, die gerade unsanft mit der rauen Felsendecke Bekanntschaft geschlossen hatte.

„VERDAMMT!“

H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50

„VERDAMMT.“

Musste sein Handy genau dann klingeln, als er seinen Kopf unter den Unterboden des Mercury Marquis gesteckt hatte? Fluchend rieb er sich die Stirn, die gerade unsanft mit dem Auspuffrohr Bekanntschaft geschlossen hatte.

Steve kroch unter dem alten Wagen hervor, stand auf und ging auf seine Werkbank zu, auf der sein Smartphone ungeduldig klingelte und Richtung Kante vibrierte. Hastig wischte er seine öligen Hände an seiner zerrissenen alten Jeans ab.

„McGarrett!“

Was er dann hörte ließ ihn erstarren. Eiskalte Panik machte sich in ihm breit und schnürte ihm die Luft ab. Er hatte schon viele grauenhafte Dinge gesehen und erlebt. Aber niemals war er so erschüttert und schockiert wie in diesem Moment.

Er hörte ein Schluchzen und ein Wimmern und wusste sofort, wen er in der Leitung hatte.

„Gracie???“ Geistesgegenwärtig drückte er sofort bei seinem iPhone auf Aufnahme.

„St-, S-S-St…“ Wieder ein Schluchzen.

„Grace! Grace! Sprich mit mir Grace! Was ist los? Wo bist du?“

„Die Männer hier, sie sind… sie haben mich hier hin… sie sind gemein… St.. St- Bitte! Ich habe dich angerufen, aber-“

Steve hörte viele Hintergrundgeräusche, die Leitung wurde immer unruhiger, Rauschen, eine ungeduldige Männerstimme: GIB HER! Wieder ein Rauschen.

Dann war nicht Graces Stimme zu hören, sondern die eines unbekannten Mannes.

„Hallo Mr. Edwards. Freut mich sie zu sprechen. Ihre Stieftochter sollte uns eigentlich bekannt machen, aber sie ist nicht besonders hilfreich!“

Steve war verständlicher Weise verwirrt. Mr. Edwards? Grace sollte ihren Stiefvater anrufen und hatte aber ihn angerufen. Das war gut. Schlaues Kind.

„Wer sind sie und was wollen sie?“ Er erlaubte sich die Panik die er fühlte auch mit seiner Stimme auszudrücken. Er war Stan Edwards. Nicht Super-SEAL. „Was machen sie mit Grace? Geben sie mir meine Tochter!!!“

„Na na, Mr. Edwards. Ich glaube nicht, dass sie hier Forderungen stellen können. Das können nur wir…“ Steve hörte ein hinterhältiges Lachen.

„Was wollen sie? Was? Ich tue alles. Aber lassen sie Grace frei. Lassen sie mich mit ihr reden. Bitte!“ Hinhalten hinhalten hinhalten.

„Nein. Und jetzt zum Wesentlichen. Sie haben etwas, das wir wollen!“

„Was? Was habe ich - .“

„Geld Mr. Edwards. Geld.“

„Alles, sie bekommen von mir, soviel sie wollen, aber bitte tun sie Grace nichts an!“

„Das freut mich zu hören.“ Der Dreckskerl lachte leise. „Wenn nicht, werden wir der Kleinen aber doch nichts antun. Was halten sie denn von uns. So ein hübsches kleines Ding. Sie bringt auch so eine Menge Kohle. Das müssen sie schon toppen!“

Steve wurde schlecht. Richtig richtig schlecht. Und er wurde wütend. Glühende heiße Wut. Diese Kerle, die Grace in ihrer Gewalt hatten, waren der Abschaum vom Abschaum. Er hatte schon oft in seinem Dienst mit dieser Art Pack, mit dieser Art Gesindel zu tun gehabt – aber dies war…. GRACE!

„Sagen sie mir wie viel! Sie bekommen es. Ich verspreche, Sie bekommen es!!!“

„Zwei Millionen Dollar. In einer Stunde. Makapu’u Light House! Und kommen sie allein. Ich habe dort einen wunderbaren Überblick!“ Klick.

Steve starrte noch einen letzten Moment auf sein Handy. Dann kam die Wut. Mit aller Kraft warf er den Schraubenschlüssel, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, gegen die Wand. Diese Mistkerle. Diese Mistkerle. Makapu’u Leuchturm. Grace war da nicht. Sie war nicht dort. Sie hatte nicht von dort angerufen, das wusste er. Und niemals hatten sie die Zeit sie in einer Stunde dort hin zu schaffen. Diese Schweine hatten gar nicht vor Dannys Tochter frei zu lassen. Die Entführer wollten beides. Geld und Gracie. Aber das würde er nicht zu lassen. Niemals.

Er rief Stan an.
Stan machte sich mit zwei Millionen Dollar auf den Weg zum Leuchtturm.

Er rief Kono an.
Kono wartete zusammen mit Mitgliedern des HPD versteckt am Fuße des Makapu’u um Stan Rückendeckung zu geben.

Er rief Chin an.
Chin machte sich zu Steve auf den Weg um Grace zu retten.

Er rief Danny an.

Niemand hatte ihm in seiner SEAL-Ausbildung erklärt, wie man einem Freund berichtete, dass seine kleine Tochter entführt wurde. Es wurde das zweitschlimmste Telefongespräch seines Lebens.
Danny war in NJ – es war sein erstes Thanksgiving mit seiner Familie seit er New Jersey verlassen hatte. Der frühestmögliche Flug ging in 2 Stunden. Er hatte keine Möglichkeit zu helfen.

Er hatte nur Steve.

„Versprich es mir Steve! Bitte Steve! Versprich es mir!“

„Ich bringe dir Gracie zurück Danny! Ich verspreche es dir!“

H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50H50

Versteckt hinter einem Felsbrocken, umgeben von Sträuchern, Palmen und Geröll blickten Steve und Chin den Hang hinunter auf einen kleinen Anleger. Zwei Boote waren dort vertäut, eine größere 15 Meter lange Motoryacht und ein fast ebenso langes schnittiges Segelschiff. Beide schaukelten leicht im Wind und das Wasser, was gegen ihre Bordwände schlug verursachte glucksende Geräusche. Ansonsten war es still. Und menschenleer. Vermeintlich.

„Erklär‘ mir noch mal, warum Grace auf einem dieser Boote ist, Steve! Warum bist du so sicher?“ Chin brauchte einfach Gewissheit, Bestätigung, dass sie das Richtige taten. Er vertraute Steve, mehr als jedem anderen. Aber er musste es noch einmal hören. Es ging nicht um irgendeine Geisel. Es ging um Grace. IHRE Grace!!!

„Beim Telefonat habe ich gehört, dass der Anrufer NICHT beim Leuchtturm war. Man konnte leise eine Fall klappern hören, und auch das Wimmern von Wanten. Sie mussten also von einem kleinen Anleger aus anrufen und das hier, das ist der, der Makapu’u am Nächsten ist.“

Beiden war klar, dass sie auch ganz woanders sein konnte, beiden war klar, dass dies eine verzweifelte Vermutung war, aber beiden war auch klar, dass die Entführer – wenn Grace hier war – nicht die Zeit hatten, sie auf den Berg zum Leuchtturm zu bringen. WENN sie hier gewesen war, dann war die Chance groß, dass sie immer noch hier war. Zusammen mit Monstern, die sich mit ihr noch ein kleines Zubrot verdienen wollten. Die nicht vorhatten sie frei zu lassen. Monster, Kinderhändler, denen die Gefühle und das Leben kleiner Kinder völlig egal waren.

„Wir holen sie da raus.“ Und auf einmal wusste Chin, dass sie das tun würden. Chin wusste, dass Steve sein Leben, sein SEAL-Leben damit verbracht hatte, Menschen zu retten, die er noch nicht einmal kannte. Ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben oder Wohlbefinden. Und. Dies. War. Grace!

„OK, auf welchem Boot sind sie? Wie sollen wir das rausfinden?“

„Sie ist auf der Motoryacht.“ Dieses Mal klang Steve absolut sicher. Chin schaute zur Seite und Steve fragend an. Der nickte mit dem Kinn nach unten Richtung Anleger und sagte: „Die Motoryacht ist zügiger und einfacher zu bedienen. Im Notfall kommt sie viel eher in Fahrt und sie ist auch sonst schneller. Außerdem liegt sie mit dem Heck Richtung Ufer. Kein Manöver notwendig.“

Leise und in geduckter Haltung liefen Chin und Steve auf die Yacht zu, immer in der Hoffnung, dass niemand zum frische Luft schnappen an Deck kam. Völlig lautlos sprang Steve vom Anleger zwischen den Pollern hindurch auf das Heck der Yacht. Chin folgte ihm, musste sich aber an Steve abstützen um nach dem Sprung nicht zu stolpern. Beide verharrten und hofften, dass das Schaukeln des Bootes sie nicht verraten hatte. Niemand. Nichts. Keine Geräusche.

Sie traten an die offene Luke die den Blick freigab auf die Treppe unter Deck. Wieder niemand. Wieder nichts. Beide blickten sich an, nickten kurz. Keiner ließ den Gedanken zu, dass da wirklich „nichts“ sein konnte. Es durfte einfach nicht sein.

Mit Handzeichen bedeutete Steve Chin zu warten und verschwand in der geöffneten Luke. Unten verbreiterte sich der Gang und führte nach ein paar Metern in einen kleinen Raum mit Tisch, Bänken und einer kleinen Kombüse. Der Raum war menschenleer. Halb rechts und auf der gegenüberliegenden Seite waren  jeweils eine Tür, beide geschlossen. Steve trat an die hintere Tür heran und lauschte angestrengt. Er hörte leise Stimmen, Klirren und Gelächter. Die Mistkerle hatten Spaß.

Die andere Tür war verschlossen. Hinter ihr schien es still. Aber warum war sie verschlossen? Steve lächelte leise und erlaubte sich einen kleinen Moment voller Optimismus. Es musste einfach sein.

Er griff nach unten in einen Knöchelholster und holte ein Messer hervor. Mit einem fast nicht hörbaren Klick knackte er das Schloss.

Langsam öffnete er die Tür und blickte in den Raum. In der Ecke stand ein alter Eimer, auf einem Tablett am Boden lagen Essensreste, ein unberührtes Sandwich neben einem halbvollen Glas Wasser und an der hinteren Wand stand ein schmales Bett nur mit einer dunklen Decke ausgestattet. Aber viel interessanter war das Geräusch, das unter dem Bett hervorkam. Ein ganz leises Scharren und ein unterdrücktes Schluchzen. Steve schloss die Augen und atmete einmal tief durch. Er hatte Recht gehabt. Er hatte verdammt noch mal Recht gehabt.

„Gracie?“ flüsterte er leise. „Grace, ich bin’s Steve!“

Langsam ging er in die Knie und hob einen Teil der Decke hoch, die über den Rand des Bettes hing und den Blick versperrte.

„Onkel Steve???“ kam es mit kratziger, zögerlicher Stimme aus ihrem Versteck.

„Komm raus Krümel, komm raus. Aber leise. Ich bringe dich nach Hause. Aber du musst ruhig sein, Gracie…“

Das erste was er sah, war eine kleine Kinderhand, die unter dem Bett hervorkam. Sofort griff Steve danach nur um Sekunden später eine völlig verstörte, schmutzige, in Tränen aufgelöste Grace Williams in den Armen zu halten. Er stand mit ihr auf, umklammert von Armen und Beinen, hielt sie fest an sich gedrückt, versuchte nicht nur sie so zu beruhigen, sondern auch ihr Schluchzen und Weinen zu dämpfen, indem er mit seiner Hand ihren Kopf streichelte und an seine Brust drückte.

Der Weg zurück an Deck war endlos. Schritt für Schritt, in der Hoffnung dass keine der Holzdielen knarrte, in der Hoffnung, dass die Geräusche des Anlegers, die Geräusche des Windes, die Geräusche der Wellen Gracies verzweifelten Tränenausbruch übertönten. Immer fester versuchte er sie an sich zu drücken, versuchte ihr lautlos und wortlos die Sicherheit zu geben, die sie brauchte.

Die steile Treppe nach oben zu gehen war mit Gracie auf dem Arm nicht einfach, aber jeder Schritt brachte ihn seinem Ziel näher. Vorsichtig blickte er oben angekommen erst einmal über den Rand der Luke, böse Überraschungen konnte er nicht gebrauchen. Aber alles, was er sah, war das über die Maßen erleichterte Gesicht von Chin. Dessen strahlendes Lachen war auch im Dunkeln gut zu sehen.

Kurze Zeit später waren alle drei sicher an Land. Kurze Zeit später war Steve wieder auf dem Schiff.

„Ruf Kono an. Sag ihr, dass wir Grace haben. Sie sollen die Typen festnehmen. Und schick Danny eine SMS, noch besser holt ihn vom Flughafen ab.“

„Was hast du vor?“

„Ich muss die GPS-Daten und das Logbuch sehen Chin. Ich muss wissen, in welchem Hafen die Kerle hier waren. Wo sie wohl sonst noch ein Schiff haben. Niemals ist Grace die Einzige. Die Dreckskerle entführen kleine Kinder und verkaufen sie. Wenn sie merken, dass Grace weg ist, hauen sie ab und wir erfahren nie etwas.“

„Steve, das ist Selbstmord.“

„Ich kann es nicht nicht versuchen, Chin!“

„Steve…“

„GEH!“

Kurze Zeit später waren drei der fünf Männer an Bord des Schiffes tot.

Kurze Zeit später war die Yacht weit draußen auf See.

Kurze Zeit später saß Steve gefesselt an Deck des Schiffes. Verletzt. Blutend. Und allein. Allerdings allein mit einer tickenden Bombe.

Und kurze Zeit später beobachteten die zwei überlebenden Männer von Bord des Rettungsschlauchbootes aus, wie die schöne Yacht in einem Feuerball explodierte und, nach dem sich der Rauch verzogen hatte, ein verbogenes, zerstörtes Wrack hilflos auf dem Wasser treibend zurück blieb. Sie lachten, warfen den Außenborder an, um zu sehen, was von ihrer Ladung noch übrig war.

Und als Steve durch die Luft geschleudert wurde, Trümmer in trafen, Feuerzungen ihm das Shirt anschmorten, dachte er das Gleiche, das er immer wieder wie ein Mantra vor sich hin gebetet hatte, als er sich vorhin den Daumen ausgekugelt hatte um aus den Handfesseln zu schlüpfen.

‚Pier 14, Steg 9, Kahului, Maui - Pier 14, Steg 9,  Kahului, Maui - Pier 14, Steg 9, Kahului, Maui.‘

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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Do Jan 30, 2014 6:19 pm

9. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Ich bin vielleicht ein Bastard, aber ich bin kein verdammter Bastard!"-
(From Dusk Till Dawn)



Er war aus seinem Versteck gekrochen und saß auf dem Boden, Augen geschlossen in dem Versuch, die Bilderflut, die Worte, die Geräusche, die auf ihn einstürmten, zu verlangsamen. Vergeblich. Es war ähnlich dem Gefühl, das man hat, wenn man morgens erwacht und feststellt, dass einem der Arm eingeschlafen ist und man ihn nicht mehr bewegen kann. Nutzlos und gefühllos hängt er an der Seite und es erfasst einen eine leichte Panik, dass man ihn vielleicht nie wieder spüren wird und bewegen kann. Und man sehnt sich danach, ihn wieder fühlen zu können. Wenn das aber passiert, sind die Schmerzen und die Stiche so unangenehm, dass man sie sich wiederum auch zum Teufel wünscht. Aber das eine geht nicht ohne das andere.

Erwachen kann wehtun.

So in der Art fühlte er sich jetzt. Er wollte seine Erinnerungen zurück – aber das hier? Das war als wenn er in einem 360 Grad 3D-Kino sitzen würde in dem alle Szenen eines – seines – Films gleichzeitig abgespielt würden. Und zwar laut. Aus zahllosen Lautsprechern dröhnten zahllose Stimmen zu zahllosen Momenten, die aber alle sein Leben waren. Die ihn ausmachten. Aber sie zu sortieren war unmöglich. Alles war da in einem einzigen kurzen Augenblick. Und der war schrecklich lang.

„Ich bin schneller als du ins Wasser gekrochen Mary... - … lass uns Chucky gucken Jenny… - …Dad, da ist ein Cop an der Tür… - … schicke dich aufs Festland Sohn... - …guckt nach rechts, diese Person wird morgen nicht mehr hier sein… - …Kelly schreibt man aber mit zwei L… - …hast du das meinem Freund angetan, warst du das?… - …Nein! NEIN!... -  …ich Steven J. McGarrett schwöre feierlich… - …nun ist es mein Fall… - …das ist nicht fünfzig, es ist fünf null… - …vielleicht bist du nicht so allein, wie du denkst… - …wir sind Ohana… - …ich wurde gefoltert wegen Shelburne… - …Mom?... - …den Hai nicht reizen… - …das ist nicht Freddie… - …nimm den Job… - …es ist völlig ok, Angst zu haben… - …komm her… - …booboo… - …wenn du das Baby in die Sonne hältst… - …Sonnenhut… - …Gracie?... - …Ich kann es nicht nicht versuchen, Chin!… - Ich bringe dir Gracie zurück Danny!... - …GPS Daten… - … Pier 14, Steg 9, Kahului, Maui.“

Er drückte seine Handballen in die Augen und legte schwer atmend den Kopf in den Nacken. Die Hände fielen in seinen Schoß und er öffnete die Augen. Er öffnete die Augen und blickte sich zum ersten Mal um. Zum ersten Mal als Lt. Commander Steven J. McGarrett, Navy SEAL Steven J. McGarrett. Er lachte leise. Endlich. Endlich! Endlich war dieses hohle schale Gefühl in seinem Innern verschwunden. Er war zu einem Jemand geworden, er hatte zu sich selbst zurückgefunden. Und das war gut so. Unfassbar gut.

Die ganze Zeit hatte er sich auf sein Unterbewusstsein verlassen. Auf das, was ihm unfassbar hart antrainiert worden war, auf seine Ausbildung, auf das Intuitive. Nur, dass er das nicht wusste. Nichts wusste er. Nichts war BEwusst, aber alles da. Durch den eingebildeten Kiwi, sein alter ego, das zweite Ich, das zwar gar nicht so ausgedacht war, sich aber eben so anfühlte. Surreal. Nicht greifbar. Trotzdem war er in ihm, ES war in ihm und er wusste nicht warum. Doch dieser eingebildete Kiwi wurde jetzt zur Seite gedrängt durch den ausgebildeten SEAL.

Zum Glück. Er hatte sich wieder. Sich wiedergefunden. Und das änderte dann doch etwas. Für ihn und für andere.

Denn Steven J. McGarrett war niemand der vor irgendetwas floh, der irgendetwas oder irgendwem aus dem Weg ging. Steven J. McGarrett wurde nicht verfolgt. Er war der Verfolger. Und genau darum würde er den Spieß jetzt umdrehen. Der Kinderhändler konnte nicht wissen, was ihn da treffen würde. Aber es würde endgültig sein.

Er stand auf und orientierte sich. Auf dieser verbotenen Insel kannte er sich aus. Als Junge war er sehr oft mit seinem Vater und auch mit seinen Eltern hier gewesen. Die McGarretts waren hier respektierte Leute, die sich immer für den Schutz und die Unabhängigkeit der Insel und ihrer Bewohner eingesetzt hatten. Sein Vater nannte einige der Menschen hier Freunde.

Steve wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis er die Hilfe dieser Menschen brauchte. Aber er würde auf keinen Fall den Mistkerl zu ihnen führen. Nein. Niemals würde er die Menschen hier in Gefahr bringen. Das hieß, er musste den Drecksack vorher ausschalten. Allerdings musste das kurz und schmerzlos gehen, er war in keiner Verfassung noch jemanden sicher in einem Kampf auszuschalten. Doch er hatte ja Walther. Der war ein guter Freund.

Er griff in seine Cargotasche und nahm die letzte Nonifrucht, ein paar Blätter und einen frischen Stoffstreifen heraus. Ein Verbandswechsel war jetzt wichtig.

Wenig später machte er sich auf den Weg. Den Weg zurück an die Kante. Dem Mistkerl entgegen. Und er schaltete das Walkie Talkie wieder ein. Zeit für eine kleine Stimmenimitation.
_______________

Die Strecke zurück zur kleinen Klippe war einfacher als gedacht. Ihm war allerdings klar, dass es einzig und allein das Adrenalin war, das ihn aufrecht und in Bewegung hielt. Das Adrenalin, das durch seinen Körper pumpte seit sein Gedächtnis wieder da war. Und natürlich weil er endlich einen Plan und ein Ziel hatte.  

Er, Steve, hatte jetzt das Kommando. Und nicht mehr Kiwi. Na ja, das hieß selbstverständlich auch, dass er bloß das Kommando über sich selbst hatte und sonst über niemanden. Aber besser als nichts. Er hatte das Kommando hieß schlichtweg, er durfte entscheiden, wie es weiterging. Es war einfach so, dass es gut tat, sich nicht mehr fremdbestimmt zu fühlen.

Er traf die Entscheidungen und er musste und konnte dann damit leben.

Deal with it, Kiwi.

Natürlich weigerte er sich darüber nachzudenken, dass er jetzt hier irgendwie immer noch mit Kiwi sprach. Er entschuldigte es einfach als ein innerliches Abwägen der Argumente. Eine komplett logische Vorgehensweise. Und hatte natürlich überhaupt nichts damit zu tun, dass er immer stärker das Verlangen verspürte, eben nicht mehr taktisch vorgehen, offensiv vorgehen, überhaupt ‚vorgehen‘ zu müssen, sondern sich einfach zurückfallen lassen, sich gehen und von anderen helfen lassen wollte. Von echten ‚Anderen‘. Menschen. Freunden.

Vorsichtig blickte er auf den Toten, der selbstverständlich immer noch am Rand der Klippe lag. Es sah nicht so aus, als wenn jemand in der Zwischenzeit den Leichnam untersucht hatte. Dass sein Kumpel ihn beerdigen würde oder wenigstens irgendwie bedecken, hatte er sowieso nicht vermutet. Er machte eine innere Notiz, später den Inselbewohnern von dem Toten zu berichten. Auch so ein Mistkerl hatte es nicht verdient, einfach so zu verrotten. Der andere auch nicht, grinste Steve innerlich. Denn er würde in nicht allzu langer Zeit dessen Schicksal teilen.

Er achtete darauf immer ein bisschen von Büschen und Felsen verborgen zu sein, als er langsam an der Kante der Anhöhe entlang ging. Immer den Blick nach unten gerichtet, denn er war sich sehr sicher, hier oben noch allein zu sein. Leider entdeckte er niemanden. Er ging in die Hocke, nahm das Walkie Talkie in die Hände, räusperte sich kurz und drückte auf den Sprechknopf.

„Hey. Wo bist du?“ Er hielt das Funkgerät ein bisschen von sich entfernt, damit seine Stimme etwas leiser und undeutlicher durch den Lautsprecher zu hören war.

*knack*

*knarz*

„Sag, dass du den Mistkerl erwischt hast, Sid!“ Steve dachte kurz nach. Warum nicht? Er blickte kurz über seine Schulter auf - wie er jetzt wusste - Sid. Das könnte klappen. Der Typ war ja nicht die hellste Kerze auf der Torte.

„Er liegt hier vor mir, war ‘ne Kleinigkeit…“ Er presste die Lippen aufeinander. Das würde er glauben, überheblicher dämlicher Schweinehund.

„Perfekt, wär ja noch schöner gewesen, wenn dieser Drecksack uns das Geschäft versaut hätte. Gut. Jetzt bring ihn runter zum Strand. Da können wir ihn besser verbuddeln, damit ihn keiner jemals wieder findet.“

„Bist du bescheuert? Weißt du wie schwer der Kerl ist? Keine Chance. Komm hier hin und hilf mir. Ich bin oben auf der Anhöhe, hinter dem kleinen Bachlauf. Du findest das schon.“ Er lachte gehässig. „Auch ohne dass du so ein toller Fährtensucher bist. Und jetzt beeil dich, ich will von dieser Drecksinsel runter.“

„Na, da kann es jemand aber kaum erwarten zu den hübschen kleinen Mädchen zurückzukommen. Da sind ja wirklich ein paar niedliche dabei.“ Der Typ lachte laut.

Steve presste die Zähne aufeinander, bis seine Kiefermuskeln  verkrampften. Leise zwang er noch ein „Hör auf zu quatschen“ heraus und drückte dann auf Aus. Er wünschte sehnlichst, er hätte noch die Zeit und die Kraft, diesem Typen weh zu tun.
Sehr sehr weh.

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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   So Feb 02, 2014 4:45 pm

Nur was ganz kurzes...

10. Kapitel

Soundtrack:  KLICK

-"Warum richten Sie Ihre Walther auf meine Hoden?"-
(Inglorious Basterds)


Er blickte sich suchend um, brauchte dringend einen Plan um den Kerl zu überwältigen. Auf einen Kampf Mann gegen Mann konnte er sich auf keinen Fall einlassen. Normalerweise wäre das, vor allem bei diesem Amateur, kein Problem. Aber in seinem Zustand ein zu großes Risiko. Nach einigen Momenten fiel sein Blick erneut auf den toten Sid. Der hatte zwar keine große Ähnlichkeit mit Steve, schon gar nicht figürlich, aber wenigstens die Klamotten waren in der Farbe ähnlich.

„Was meinst du Kiwi? Perfekter Plan sieht anders aus, aber es ist eine Möglichkeit oder?“

Er lächelte leicht in sich hinein. Kein Kiwi mehr da. Sonst hätte der ihn nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass Sid leuchtende, rot-blaue Turnschuhe trug. Und keine Combat-Boots. Er seufzte und ging in die Hocke. Mühsam löste er die Schnürsenkel des Toten und riss ihm die bunten Schuhe von den Füßen. Übrig blieben weiße Socken. Du liebe Güte. Catherine hätte ihm eine Woche lang alle Schützengraben-Fantasien untersagt.

Catherine…

Er schüttelte den Gedanken an seine Freundin ab und konzentrierte sich auf seinen Plan. Der Mistkerl würde sicher in einiger Zeit hier auftauchen und er musste vorbereitet sein.

Nachdem er Sid auch von den Socken befreit hatte, stopfte er diese in die Schuhe und schmiss sie in einem hohen Bogen weit in den Wald mitten in dicht wachsende Büsche.

Er packte einen Fuß des Leichnams, zog ihn weiter in den Schatten, der trotz der Dämmerung noch ein bisschen mehr Schutz versprach, und dann so unter einen Strauch, dass Kopf und Oberkörper nicht mehr zu sehen waren. Danach bedeckte er die Beine mit etwas Schmutz, Blättern und ein paar Ästen. Vielleicht machte das den Eindruck eines heftigen Kampfes oder eines Sturzes, er hoffte jedenfalls, den sich nähernden Dreckskerl so wenigstens kurz täuschen zu können. Er musste nur ein wenig näher kommen, mehr nicht.

Nachdem das erledigt war, schaute Steve in einiger Entfernung zum Leichnam auf den Boden. Wenn der Typ so dämlich wäre, wie er annahm, es nicht abwarten konnte und ohne zu überlegen zu Sids vermeintlichem Opfer ging, musste er hier vorbei.

Und er hatte keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte.

Steve griff in seinen Knöchelholster und holte das Messer hervor. Dann öffnete er unten am Messergriff eine kleine Abdeckung. Dort befand sich eine Vertiefung mit einem dünnen Nylonfaden und einer chirurgischen Nadel. Die Nadel ließ er wo sie war. Ihn interessierte der Faden.

Im nächsten Schritt zog er Walther aus dem Gürtel, sicherte 'ihn' und band den Faden fest an den Abzug. Mit dem Messer kratzte er ein Loch in den weichen und feuchten Erdboden in dem der Pistolengriff perfekten Platz fand. Leicht schräg rammte er Walther hinein, führte den Nylonfaden von hinten um den Griff, drückte die Erde fest an und bedeckte das Ganze mit Gras und Steinen. Prüfend versuchte er die Waffe zu bewegen und war erfreut festzustellen, dass sie zumindest einem kurzen Ruck standhalten konnte. Hinter der Waffe legte er sich soweit es seine Wunde zuließ flach auf den Boden und kontrollierte mit einem Auge den Schusswinkel des Pistolenlaufs.

„Perfekt!“

Ein paar Meter entfernt gegenüber band er den fast unsichtbaren Faden stramm in ungefähr zehn Zentimetern Höhe an einen kräftigen Busch. Er kniff die Augen zusammen und kontrollierte seine Falle. Das Gras am Boden war hoch genug und von seiner feinen Nylonschnur nichts zu sehen. Zufrieden ging er zurück zu Walther und entsicherte die Waffe.

Fertig.

Zeit zu gehen.

Er machte sich auf Hilfe zu finden. Richtung Pu’uwai.

Nach einer Weile hörte er einen Schuss.

Dann einen gurgelnden Schrei.




Er lächelte.
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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Fr Feb 07, 2014 5:39 pm

11. Kapitel

Soundtrack: KLICK

-"Wawa: 'Hier kann ich prima nachdenken. Die Sonne geht auf und unter und zieht über mich hinweg. Und der Mond geht auf und unter und zieht über mich hinweg und die Sterne ziehen...'
Ping: 'Das ist aber ganz pfön viel gepfziehe.'“-
(Urmel aus dem Eis)

Oder
-"Du blutest."  
"Ich habe keine Zeit zum Bluten!"-
(Predator)


Anela war an diesem Tag später als gewöhnlich auf dem Weg die Rinder zu füttern. Aber es war wieder Jagdsaison und einige ausgewählte Jäger durften auf die Insel um Wildschweine zu jagen. Es war ein Geben und Nehmen. Die Wildschweine hatten hier keine natürlichen Feinde und nahmen Überhand, zerstörten ihre Felder. Und für die Jäger von den anderen Inseln und vom Festland war es etwas Besonderes auf der Verbotenen Insel jagen zu dürfen. Aber das musste alles genauestens organisiert und strukturiert werden. Der Helikopter durfte nur beim zentralen Basislager der Jagdaufsicht landen und die Jäger durften nicht auf eigene Faust jagen. Als älteste Nachfahrin der Gründer von Pu’uwai war es ihre Aufgabe all dies zu kontrollieren.

„Kawika komm her! Du musst mir helfen die Tiere zu füttern. Wir sind schon spät dran!“  Ihr 17-jähriger Enkel war ganz in der Nähe und dabei, sich neue Pfeile für seinen Bogen zu schnitzen. Er blickte auf und kam grinsend auf Anela zu.

„Es haben sich wieder viel zu viele Jäger für die Wildschweinjagd in diesem Jahr beworben, nicht wahr?“

Seine Großmutter nickte seufzend mit dem Kopf, grinste und legte ihrem Enkel den Arm um die Schultern.

„Ich kann sie auch allein füttern, Kikino. Dann kannst du - .“ Er stockte und blickte in die Ferne. Seine Großmutter folgte seinem Blick und beide sahen sie einen Mann, der in einiger Entfernung stolpernd näher kam.

„Wer ist das?“

„Ich weiß es nicht Kawika. Aber er scheint Hilfe zu brauchen. Komm!“ Zügig ging sie auf den fremden Mann zu.

Ihr Enkel zögerte kurz, folgte dann aber seiner Großmutter. „Warte! Er kann gefährlich sein.“

„Sie doch hin, Kawika. Er blutet. Wir müssen ihm helfen.“

Steve hatte schon eine ganze Weile den Blick nur noch auf seine Füße gerichtet. Er durfte nicht stolpern, denn er war sich sicher, dann nicht mehr aufstehen zu können. Aber mittlerweile war jeder Schritt eine Qual. Er blieb stehen um sich neu orientieren zu können und erstarrte. Zwei Menschen kamen auf ihn zu. Eine ältere Frau und ein junger Mann. Das konnten nur Bewohner von Pu’uwai sein. Er entspannte sich ein wenig, hielt die beiden aber fest im Blick.

Anela sah sofort, dass von diesem Mann keine Gefahr ausging. Er hielt sich mit Mühe aufrecht und bemühte sich um ein leichtes Lächeln.

Sie hatte keine Angst.
Seine Augen machten ihn zu einem guten Menschen.

„Komm wir helfen dir. Leg deinen Arm um uns.“

Steve stand still. Sie mussten helfen – nicht ihm, sondern den entführten Kindern. Er musste ihnen erzählen um was es ging. „Nein nicht“, flüsterte er schwach. „Ihr müsst telefonieren… Ihr habt doch ein Telefon… Ihr müsst dringend… sie brauchen Hilfe…“ Verzweifelt versuchte er seine Gedanken zu sortieren.

„Du kommst mit in unsere Hütte, da helfen wir dir. Du hast Glück, ich bin die Krankenschwester hier in Pu’uwai. Wie ist dein Name?“

„K- Kiwi… .“

„Wir werden uns um dich kümmern Kiwi. Mach dir keine Sorgen.“

Langsam führten sie Steve zum Dorf. Andere Dorfbewohner waren neugierig stehen geblieben und Anela bedeutete ein paar von ihnen mit einer stummen Kopfbewegung ihr die Tür zu ihrem kleinen Häuschen zu öffnen. Steve bekam das alles nur noch verzerrt und durch einen Nebel hindurch mit. Versuchte verzweifelt bei Bewusstsein zu bleiben, denn er musste ihnen doch noch sagen, was sie zu tun hatten.

Und zwar jetzt. Ruckartig und ein wenig strauchelnd blieb er stehen. Bewegte seine Beine einfach nicht mehr mit und blickte Anela an.

„Bitte! Ihr müsst telefonieren. Bitte. Das MPD anrufen. Wichtig… Kinder sind gefangen auf einem Schiff.“ Er holte noch einmal tief Luft. „An Pier 14, Steg 9, Kahului, Maui. Kinder… auf einem Schiff… Maui Police Department. Schnell. Bitte… ruft an.“

Anela und Kawika starrten ihn an.

„Hast du das gehört?“ Ihr Enkel nickte stumm.

„Geh‘ zum Treffpunkt an der Jagdstation und sage ihnen sie sollen dort anrufen.“

Fragend blickte Kawika noch mal zu Steve. Der war kaum noch zu verstehen: „Kinderhändler. Kahului. P..Pier 14, 9, Ste.. Steg 9…“

Und Kawika rannte.
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Er fühlte sich als würde er schweben. Alles war warm, weich und gemütlich. Und dunkel. Was wohl auch daran lag, dass seine Augen geschlossen waren. Ganz weit im Hintergrund hörte er eine Frauenstimme. Doch es interessierte ihn nicht, was sie sagte. Er wollte hier nicht weg, wollte immer in diesem friedlichen Kokon bleiben.

„Komm, öffne deine Augen Kiwi.“

Einen Teufel würde er tun. Die Dunkelheit war wunderbar und außerdem hatte er keine Schmerzen mehr. Was, wenn die wiederkamen, sobald er seine Augen öffnete? Abgesehen davon waren seine Lider viel zu schwer.

„Mein Enkel hat angerufen, so wie du es gesagt hast. Die Polizei hat versprochen sich zu kümmern.“

Steve riss die Augen auf.

„Wusste ich doch, dass dies deine Aufmerksamkeit erregt. Aloha aihai“, lächelte Anela.

„Ihr habt wirklich angerufen? Und es dringend gemacht? Es ist wichtig, es geht um Kinder, kleine Mädchen, die Polizei muss das ernst –.“

„Ich verspreche es dir. Alles ist geklärt und sie haben es versprochen. Von uns hört man dort nicht oft und wenn es passiert, wissen sie, dass es wichtig ist! Mach‘ dir keine Sorgen mehr.“

Steve blickte an sich herunter. Er lag auf einer Couch mit einem frischen Verband um seinen Bauch. Vorsichtig fühlte er über die Stelle an seiner Seite. Nichts.

„Oh… der Splitter… ist er…?“

„Auwe, er ist draußen. Du warst schon fast bewusstlos, als wir dich hier auf der Couch hatten. Ein paar Schlucke von meinem Tee taten dann den Rest.“

„Mahalo.“

„In ein paar Tagen bist du wieder ok. Du hast gut getan mit den Noniblättern, Kiwini…“, Anela zwinkerte ihn an. „Und die gebrochenen Rippen…“ Steve blickte sie erstaunt an. „Ich bin die Heilerin hier. Wir wissen noch vieles, was eure Medizin schon vergessen hat. Also deine Rippen werden von selbst heilen. Und deine Schnittwunden sind desinfiziert.“

Steve setzte sich langsam und mühsam ein bisschen aufrecht und blickte sich um. Durch das Fenster der Hütte schien die Sonne, der kleine Raum war einfach aber gemütlich eingerichtet. Tisch, Stühle, die Couch auf der er lag und eine kleine Kochecke. Natürlich alles ohne Strom.

„Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll.“

„Das musst du nicht. Akahai, Lokahi, Oluolu, Haahaa, Ahonui! Ahonui ist was du jetzt brauchst – mehr nicht.“

„Nächstenliebe, Einmütigkeit, Freundlichkeit, Demut, Geduld. Aloha!“

Anela zog erstaunt die Augenbrauen hoch und setzte sich auf einen Stuhl vor der Couch. „Du sprichst unsere Sprache… Ich habe mir schon so etwas gedacht, als du deinen Namen genannt hast.“

Steve nickte leicht lächelnd und rutschte auf dem Sofa ein wenig nach hinten um sich besser anlehnen zu können.

„Ich – ich bin kein Haole. Kama’aina. Ich bin auf O‘ahu geboren, wie mein Vater auch schon.“

„Der Name, den deine Eltern dir bei deiner Geburt gegeben haben ist Steven, nehme ich mal an?“ fragte Anela und reichte ihm ein Glas Wasser. Steve trank es mit großen Schlucken aus, merkte erst jetzt wie durstig er war. Seine Krankenschwester nickte begeistert und stand auf um ihm ein neues Glas zu holen. Während sie in ihre kleine Küche ging und aus einer Karaffe frisches Wasser einschenkte, fragte sie: „Verrätst du mir deinen ganzen Namen?“

„McGarrett. Steve McGarrett.“

Anela blieb vor ihm stehen, das neue Glas Wasser immer noch in der Hand und stutzte.

„Stevie? Steven John McGarrett, der Sohn von John McGarrett?“

Steve blickt sie erstaunt an. „Ja?! Ich war schon mal hier, oder… müsste ich dich…?“

Sie reichte ihm sein Glas Wasser und nickte. „Du warst noch so klein und es ist so lange her. Deine Eltern waren gern gesehen hier und oft mit dir zu Besuch. Das hörte mit dem Tod deiner Mutter auf. Leider. Ala ho´i ole mai. Der Pfad ohne Wiederkehr.“

Steve wurde schlagartig klar, wie abgeschieden die Menschen hier lebten. Pfad ohne Wiederkehr? Nicht für seine Mutter…

„Wow. Ich hatte das Gefühl mich hier auszukennen. Aber ich wusste nicht genau warum, doch es hat mir geholfen.“

Anela lehnte sich zurück, nahm ihm das leere Glas aus der Hand und drückte ihn sanft aber bestimmt wieder in eine liegende Position.

„Wie wäre es, wenn du uns die ganze Geschichte erzählst? Der Helikopter der Jäger, der dich zurückbringen kann, kommt sowieso  erst übermorgen.“

Übermorgen, dachte Steve. Erst übermorgen…

Also musste er warten.

Aber er wartete ja nicht mehr auf etwas, von dem er nichts mehr wusste. Er wartete auf etwas Schönes.

Er wartete, um zurückkehren zu können.
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BeitragThema: Re: We all want to be somebody (abgeschlossen)   Sa Feb 15, 2014 3:10 pm

12. Kapitel

Soundtrack:  KLICK

-"Leidenschaft. Sie lauert in uns allen. Sie schläft... und wartet... Und plötzlich... Sie öffnet ihr Maul und heult. Sie spricht zu uns... und leitet uns... Die Leidenschaft beherrscht uns alle, und wir gehorchen ihr. Was bleibt uns anderes übrig. Die Leidenschaft beschert uns die stärksten Empfindungen. Die Wonnen der Liebe. Das Feuer des Hasses. Und den tiefen Schmerz der Trauer. Manchmal ist der Schmerz größer als wir es ertragen. Könnten wir ohne Leidenschaft leben, fänden wir vielleicht etwas Frieden. Doch in unserem Inneren wären wir leer. Leere Räume, dunkel und verfallen. Ohne Leidenschaft wären wir so gut wie tot."-
(Buffy – Im Bann der Dämonen)



Lieber Onkel Steve,

ich bin es. Grace Williams. Wir vermissen dich. Catherine, Kono, Chin, Danno – und ich. Dein Krümel. Du fehlst uns. Ganz schrecklich. Danno und Chin sagen, wir müssen uns abfinden. Es wäre unmöglich. Aber Kono sagt das nicht. Und Catherine weint so viel. Und sie sagt das auch nicht.


„Äffchen bist du fertig? Die Sonne geht gleich unter und dann können wir nicht mehr sehen, wo sie hintreibt!“

„Gleich Danno. Es ist schrecklich wichtig.“

„Ich weiß Äffchen, ich weiß…“ Ihr Danno klang wieder so traurig, wie so oft in letzter Zeit.
Angestrengt beugte sie sich über das Blatt Paper, zog die Stirn kraus und schrieb eifrig weiter.

Ich will einfach, dass du wiederkommst. Du hast mich gerettet vor diesen schlimmen Männern. Du hast mich in den Arm genommen und dann bist du einfach mit mir gegangen. Und keiner konnte dir etwas tun. Danno sagt, du bist danach zu den Männern zurückgegangen, damit die nicht auch anderen Kindern wehtun können. Sie sind dann mit dir aufs Meer gefahren und dann wäre das Boot explodiert. Aber mein Danno nennt dich doch immer Superseal, vielleicht bist du ja vorher ins Wasser gesprungen und jetzt weißt du einfach nicht mehr, wo du hinmusst. Darum will ich dir diese Flaschenpost schicken. Wenn du sie findest, dann weißt du bestimmt wieder, wo du hingehen musst. Dann erinnerst du dich hoffentlich. Hier auf Hawaii sagen die Menschen dazu Ohana. Das habe ich in der Schule gelernt. Wir wollen alle so sehr, dass du wiederkommst. Cath, Kono, Chin und Danno stehen gerade bei deinem Haus am Strand und sind alle ganz traurig. Sie gucken ständig aufs Meer hinaus und ich glaube, sie denken dann an dich. Ich sitze hier in einem deiner alten Stühle und schreibe. Denn irgendwo bist du ganz ganz bestimmt, ich weiß das einfach. Ma sagt, ohne Gewissheit gibt es noch Hoffnung. Ich verstehe das nicht so richtig, aber ich hoffe, du findest diesen Brief. Und wenn du die Flasche nicht findest, muss dich eben jemand anderes finden.

Jemand muss dich wiederfinden.

Er muss dich finden – so wie du mich gefunden hast.

Das ist jetzt schrecklich wichtig:

Wer diese Flasche findet, muss diesen Brief unbedingt Lieutenant Commander Steven John McGarrett geben. Er soll bitte zur 2727 Piikoi Street  kommen. Da wohnt er und da warten wir alle auf ihn. Bitte!

Ohne Onkel Steve sind wir alle so schrecklich traurig. Und ich will nicht mehr traurig sein und ich will nicht, dass Catherine, Chin, Kono und mein Danno traurig sind.

Bitte komm zurück!

Deine Gracie (Krümel)


„Sie verspricht sich so viel davon“, meinte Danny und blickte Chin an. „So viel. Ich weiß nicht, ob es gut ist.“

„Wenn es ihr hilft Danny, dann lass sie“, antwortete Chin ruhig. „Ich wünschte, ich hätte diese Hoffnung.“ Er seufzte. „Aber wir haben doch alle dieses Wrack gesehen.“

„Aber wir haben IHN nicht gesehen, Chin! IHN nicht!“

„Du hast ja Recht, Cath. Du hast Recht. Ein winziges Fünkchen Hoffnung. Ein winziges… Darum lass‘ ich Grace ja auch schreiben. Wer weiß, wer weiß, verdammt. Er ist immer noch unser SuperSEAL nicht wahr?“ Danny lächelte leicht und legte Cath den Arm um die Schultern.

Kono machte es ihm auf der anderen Seite nach und meinte: „Er hätte sich gefreut heute. Er hätte gegrinst wie ein Honigkuchenpferd. Diese Typen dingfest zu machen, wäre genau sein Geschmack gewesen.“

Chin lachte verhalten und Danny schnaubte. „Gefreut? Heute? Das war fast nur Papierkram und er hat es gehasst! Aber trotzdem musste man penibel und absolut exakt alles ganz genau beschreiben. Jeden meiner Sätze hat er sich durchgelesen. Jedes Mal, bevor er unterschrieben hat. Kontrollfreak.“

Catherine lächelte und schaute die drei fragend an. „Was war denn?“

Kono drückte sie an sich und erklärte: „Gestern haben wir das MPD unterstützt. Die hatten einen anonymen Hinweis auf Kinderhändler in einem der Häfen auf Maui bekommen. Und Bingo! Kinder gerettet und jede Menge Dreckskerle verhaftet. Der Boss hätte es geliebt!“

Catherine blickte aufs Meer und meinte leise: „Oh ja. Das hätte er.“

„Kinder waren schon immer sein weicher Punkt“, meinte Chin. „Erinnert ihr euch noch, als er dem kleinen Chinesenjungen -.“

Das Klirren und Zerspringen von Glas ließ die Vier herumschnellen.  Grace war von ihrem Stuhl hochgesprungen, hatte dabei die Flasche vom Tisch gestoßen, die daraufhin auf dem Boden zerschellte und war zum Rand der Veranda gerannt. Sie starrte bewegungslos um die Hausecke herum zur Garage. Aber nur kurz. Dann sprang sie aufgeregt von der Terrasse und schrie: „Onkel Steve!!!“

Steve hatte sich gerade von dem Taxi vor seinem Haus absetzen lassen, als er sämtliche Autos seiner Freunde dort stehen sah. Den Gedanken zu einem Arzt oder ins Krankenhaus zu fahren, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Er wollte nur nach Hause um endlich Cath wiederzusehen. Und seine Freunde anzurufen.  Das war jetzt wohl nicht mehr nötig. Lächelnd ging er langsam ums Haus herum, aber er kam nicht weit. Wie ein Wirbelwind kam Grace auf ihn zugeschossen und sprang an ihm hoch. Umklammerte ihn mit Armen und Beinen wie vor ein paar Tagen auf dem Boot. Nur dass sie dieses Mal lachte. Schrecklich glücklich lachte. Steve hielt sie wieder mal fest an sich gedrückt und vergrub seine Nase in ihren Haaren.

„Hallo Kiddo“, er lächelte über ihren Enthusiasmus und stolperte ein wenig als ihre Umarmung noch kräftiger wurde und auf seine noch nicht verheilte Wunde drückte. Aber das war ihm jetzt egal. „Uh, danke, Krümel…“, stotterte er.

Dieses kleine Mädchen gab ihm immer das Gefühl jemand Gutes zu sein. Sie gab ihm immer das Gefühl jemand Starkes zu sein. Sie gab ihm immer das Gefühl jemand zu sein, der er sein wollte.

„Onkel Steve! Ich wusste es!!! Ich wusste es einfach! Ich habe dir gerade einen Brief geschrieben!“

„Einen Brief Gracie?“, fragte Steve verdutzt.

„Ja. Damit du zu uns zurückkommst.“

Steve beugte sich leicht zurück und blickte Grace ins Gesicht. „Aber so lange war ich doch gar nicht weg?“

„Viel zu lange Sailor. Viel zu lange,“ hörte er eine tränenerstickte Stimme. Er schaute hoch in die Gesichter seiner Freunde und zu Catherine. Cath!

Langsam ließ er Grace zu Boden sinken, legte ihr leicht die Hand auf den Kopf und ging auf Cath zu.
„Ich konnte nicht schneller kommen. Der Helikopter kam erst…“

„Der Helikopter? Was für ein Helikopter? Wo warst du Steve? Wie bist du von diesem Boot runter und warum hast du dich nicht gemeldet? Was zur Hölle ist passiert? Wir waren krank vor Sorge und du spazierst hier fröhlich und munter herum…“ Danny wurde immer lauter.

„Ni’ihau. Ich war auf Ni’ihau.“ Verwirrt blickte Steve seine Freunde an. „Sie haben doch angerufen. Sie haben mir gesagt, sie hätten angerufen.“ Erschrocken ging er einen Schritt zurück. „Sie haben nicht angerufen? Wir müssen unbedingt –.“

Cath legte ihm die Arme um den Hals und blickte ihn an. Versuchte ihn zu beruhigen. „Wer hat wann und wen angerufen Steve?“

„Die Leute auf Ni’ihau. Sie sollten Bescheid sagen, dass in Kuhului Kinderhändler mit einem Schiff im Hafen liegen.“

„DU WARST DAS? DER ANONYME ANRUF?“

Chin legte Danny beschwörend die Hand auf die Schulter.
„Steve, wir haben diesen Anruf erhalten und die Kerle erwischt. Zum Glück. Aus den Schweinen, die das HPD mit Kono am Leuchtturm bei der Geldübergabe erwischt hat, war nichts rauszubekommen. Doch am Telefon hat dem MPD niemand hat gesagt, dass der Anruf von dir kam. Geschweige denn, wo du bist.“

„Nicht?“ Steve schüttelte den Kopf. Was war nur gewesen? „Ich war verletzt, ich weiß nicht mehr genau…“

„Verletzt?“ fragte Catherine besorgt. „Geht es dir gut?“

„Sie haben nicht gesagt, dass ich dort bin, nicht wahr? Gott es tut mir leid. Ich dachte -.“

„Steve! Geht es dir gut?“ unterbrach ihn Chin.

Entgeistert schaute Steve zu Cath. „Ja. Ja ja, sie haben mir geholfen. Das wird schon wieder. Nur ein Splitter in der Seite.  Aber die Kinder, sind die Kinder in Sicherheit? Habt ihr die Kerle wirklich erwischt? Alle?“

Danny atmete tief ein und aus, ging einen Schritt auf ihn zu, drückte Grace glücklich an sich und meinte „Haben wir Steven. Haben wir.“

Steve legte Catherine die Arme um die Taille und blickte zu ihr hinunter. „Es tut mir leid. Erst habe ich mich nicht erinnert. Da war nichts. Garnichts. Und dann - …ich konnte nur an die Kinder denken. Und was ich in ihrem GPS und dem Logbuch entdeckt hatte. Das hat mich angetrieben. Ich konnte doch die Kinder nicht im Stich… Es tut mir leid Cath. Es tut mir so leid. Sie haben mir diesen Tee gegeben und dann habe ich nur noch geschlafen. Gott, ich hätte das nicht zulassen sollen. Ich hätte dabei sein sollen, als sie angerufen haben. Dieses Teil steckte so lange schon in mir, das hätte ich auch noch ein bisschen länger ausgehalten.“

Cath legte ihm den Finger auf die Lippen.

Küss sie!

„Halt den Mund Steve. Wegen dir ist vielen Kindern ein grausames Schicksal erspart geblieben. Das ist es was zählt. Aber zu Weihnachten schenke ich dir ein wasserfestes Handy.“

Küss sie!

Sie schaute ihm in die Augen.

KÜSS SIE!

Steve war ein Idiot. Ein selbstloser Idiot. Dennoch ein Idiot.
Ihr Idiot.

Aber sie würde ihn behalten.

Er hatte Grübchen.
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PAU

-"Ich bedaure kundtun zu müssen, dass dies das Ende ist. Ich gehe nun. Ich wünsche euch zum Abschied alles Gute. Lebt wohl."-
(Der Herr der Ringe – Die Gefährten)

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We all want to be somebody (abgeschlossen)

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